Kulturlexikon
Lyrische Begriffe, Motive, Formen, Sprechweisen, Klangfiguren, Bildfelder und Deutungsbegriffe. Die Einträge sind alphabetisch erschlossen; die kurze Zeile unter dem Lemma nennt den jeweiligen lyrischen Fokus.
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A
- Aarau Schweizer Stadtname als Orts-, Erinnerungs- und Klangfigur zwischen Aare, Bürgerstadt und Geschichte
- Aare Flussname, der Aarau lyrisch mit Wasser, Bewegung, Spiegelung, Zeit und Schweizer Landschaft verbindet
- Aaron Biblischer Priester- und Sprechername zwischen Segen, Stellvertretung, Salbung und gefährdeter Autorität
- Aaronitischer Segen Priesterlicher Segensspruch als liturgische Formel von Behütung, leuchtendem Angesicht und Frieden
- Aas Drastisches Bild des toten Körpers, der Verwesung, der Anziehung und der moralischen Verderbnis
- Aasfresser Tierfigur, die Aas mit Naturkreislauf, dunkler Lebendigkeit, Verwesung und entmenschlichter Nahrung verbindet
- Abblassen Schwächerwerden von Farbe, Ausdruck oder Erinnerung, das dem Ausbleichen eng verwandt ist
- Abbruch Plötzliche Unterbrechung von Rede, Beziehung oder Form, die Abgewandtheit als Bruch sichtbar machen kann
- Abdruck Konkrete Spur von Körper, Hand, Fuß oder Gegenstand, durch die vergangene Berührung sichtbar bleibt
- Abecedarium Alphabetisch geordnete Gedichtform, in der Buchstabenfolge und poetische Erfindung zusammenwirken
- Abend Tageszeit des Ausklangs als bevorzugter lyrischer Träger atmosphärischer Verdichtung
- Abendbrot Häusliches Alltagsbild von Rückkehr, Tischgemeinschaft, Müdigkeit, Mangel oder stiller Geborgenheit
- Abenddämmerung Übergangszeit zwischen Licht und Dunkel als dichterischer Raum von Schwelle, Sammlung und Verinnerlichung
- Abendessen Späte Mahlzeit als Szene von Tischgemeinschaft, Tagesabschluss, Gespräch, Maß und häuslicher Ruhe
- Abendgebet Gebetsform am Tagesende, in der der Ruf nach Erbarmen als Bitte um Schutz und Vergebung erscheinen kann
- Abendlicht Spätes Licht des Tages, das Dämmerung, Abschied und atmosphärische Verdichtung vorbereitet
- Abendlied Lyrische Liedform des Tagesendes, die mit Abendgebet, Naturstille und religiösem Vertrauen verwandt ist
- Abendmotiv Lyrisches Motiv des sinkenden Tages zwischen Ruhe, Sammlung, Schwelle und Vergänglichkeit
- Abendrot Farbfigur des sinkenden Lichts zwischen Schönheit, Abschied, Hoffnung und Vergänglichkeit
- Abends Adverbiale Zeitform der wiederkehrenden Abendstunde zwischen Heimkehr, Ruhe, Rückblick und Schlaf
- Abendsegen Segensformel des Tagesendes, die im Abendlied als Schutz- und Vertrauensmotiv erscheinen kann
- Abendstimmung Atmosphärische Grundform vieler Gedichte am Ende des Tages zwischen Ruhe, Melancholie und Einkehr
- Abendstille Gedämpfter Klang- und Stimmungsraum des Abends als poetische Form stiller Verdichtung
- Aberglaube Übersteigerte oder fehlgeleitete Zeichen- und Glaubensform zwischen Furcht, Magie und poetischer Einbildungskraft
- Abfahrt Moment des Fortgehens, in dem der Bahnhof Bewegung und Trennung unwiderruflich macht
- Abfall Lossagung von Treue, Glauben oder Bindung, die als gesteigerte Form der Abwendung lyrisch erscheint
- Abfallen Sichlösen von einem Halt, einer Oberfläche, Bindung oder Ordnung zwischen Verfall und Trennung
- Abfluss Bild des Fortströmens, durch das innere oder gemeinschaftliche Belastung ausgeleitet werden kann
- Abfolge Reihenbildung lyrischer Elemente, durch die Bilder, Motive und Gedanken eine Verlaufsstruktur gewinnen
- Abgabe Entrichteter Betrag, Anteil oder Pflichtanteil an eine übergeordnete Ordnung
- Abgang Verlassen einer Szene, Schule, Bühne oder Lebensordnung als Moment von Ende, Rückzug und Wirkung
- Abgesang Schlussteil der Barform, dessen Absetzung eine lyrische Bewegung nach Stollen und Gegenstollen neu bündelt
- Abgetönte Aussage Zurückgenommene oder vorsichtig formulierte Aussage, die Mehrdeutigkeit entstehen lassen kann
- Abgewandtheit Haltung der Distanz, in der ein lyrisches Ich sich von Mitte, Gemeinschaft oder Du entfernt
- Abglanz Abgeleitete, zurückgeworfene oder schwächere Form des Glanzes als lyrische Nachwirkung von Licht
- Abgeschiedenheit Räumliche und geistige Entfernung von Zentrum, Lärm und äußerer Unruhe
- Abgott Falsches Höchstes, an das Herz, Verehrung und Hoffnung in verkehrter Weise gebunden werden
- Abgöttische Liebe Übersteigerte Liebe, die den geliebten Menschen zum falschen Höchsten erhebt
- Abgrund Grenzbild der Verlorenheit, aus der Gnade als Rettung oder Halt erscheinen kann
- Abhängigkeit Erfahrung des Angewiesenseins, die in der Lyrik Bitte, Liebe, Gebet und Bedürftigkeit verbindet
- Abkehr Bewusste Wegwendung von Person, Glauben, Ordnung oder Gemeinschaft als verwandte Form der Lossagung
- Ablehnung Zurückweisung eines Vorschlags, Anspruchs, Begehrens oder Deutungsangebots
- Ableiten Geordnetes Fortführen von Wasser, Wärme, Druck, Sinn oder Gedanken aus einer Ausgangslage
- Ableitung Gedankliche Herleitung einer Aussage, die in Reflexionslyrik als lyrischer Schlussgang erscheinen kann
- Ablösung Vorgang des Sichlösens, der Abfallen als Reife, Trennung, Entbindung oder Übergang deutbar macht
- Abnahme Allmähliches Wenigerwerden von Kraft, Licht, Stimme oder Hoffnung als Grundstruktur der Auszehrung
- Abrede Mündliche oder schriftliche Vereinbarung zwischen Personen über ein künftiges Verhalten oder eine gemeinsame Regel
- Abreise Fortgang von einem Ort, der als Gegenmotiv zur Ankunft Erwartung, Verlust und offene Rückkehr erzeugt
- Abschied Bewegungsfigur des Sich-Lösens, die im Blattfall besonders anschaulich wird
- Abschluss Formale und semantische Beendigung einer lyrischen Einheit, die im Ausklang nachwirken kann
- Abschlussbewegung Dynamik, mit der eine lyrische Einheit auf ihren Abschluss zuläuft
- Abschlussbild Bild, das eine lyrische Einheit am Ende bündelt
- Abschlusskadenz Rhythmische Schlussform einer lyrischen Einheit
- Abschlussklang Klangliche Schlusswirkung einer lyrischen Einheit
- Abschlussmotiv Motiv, das am Ende einer lyrischen Einheit bündelnd hervortritt
- Abschlusspause Pause am Ende einer lyrischen Einheit mit gliedernder und nachhallender Wirkung
- Abschlussreim Reim, der eine lyrische Einheit am Ende klanglich bindet
- Abschlussrhythmus Rhythmischer Verlauf, der eine lyrische Einheit zum Ende führt
- Abschlussstimmung Stimmung, die am Ende einer lyrischen Einheit stehen bleibt
- Abschlusston Tonlage, die den Ausklang einer lyrischen Einheit bestimmt
- Abschnitt Gliederungseinheit lyrischer Rede, die durch Absetzung eine eigene Funktion im Gedicht erhält
- Abschnittsabschluss Abschließende Bündelung eines Gedichtabschnitts
- Abschnittsanfang Beginn eines lyrischen Abschnitts als formale und semantische Setzung
- Abschnittsaufbau Innere Organisation eines lyrischen Abschnitts
- Abschnittsauftakt Erster Einsatz eines lyrischen Abschnitts in Stimme, Bild oder Bewegung
- Abschnittsbewegung Innere Dynamik eines Gedichtabschnitts aus Bild, Stimme und Satzführung
- Abschnittsbild Bild, das einen lyrischen Abschnitt eröffnet oder prägt
- Abschnittsende Ende eines lyrischen Abschnitts als Abschluss, Öffnung oder Übergang
- Abschnittsgrenze Schwelle zwischen zwei lyrischen Teilbewegungen, an der Wechsel, Bruch oder Übergang sichtbar wird
- Abschnittsimpuls Erster Bewegungsstoß, der einen lyrischen Abschnitt in Gang setzt
- Abschnittskadenz Rhythmischer Ausklang eines lyrischen Abschnitts
- Abschnittsklang Klangliche Prägung eines lyrischen Abschnitts
- Abschnittskontrast Gegensatz zwischen zwei lyrischen Abschnitten oder ihren Bewegungen
- Abschnittsmitte Mittlere Verdichtungs- oder Umschlagstelle eines lyrischen Abschnitts
- Abschnittsmotiv Motiv, das einen lyrischen Abschnitt trägt oder eröffnet
- Abschnittsnachhall Nachwirkung eines Bildes, Tons oder Satzes am Abschnittsende
- Abschnittspause Pause, die einen lyrischen Abschnitt gliedert oder abschließt
- Abschnittsrhythmus Rhythmische Bewegung, die einen Gedichtabschnitt charakterisiert
- Abschnittsschluss Schließende oder öffnende Bewegung am Ende eines Gedichtabschnitts
- Abschnittsstruktur Gliederung eines Gedichts in semantische oder formale Abschnitte
- Abschnittston Tonlage, die einen lyrischen Abschnitt prägt
- Abschnittsübergang Verbindung oder Bruch zwischen zwei lyrischen Abschnitten
- Abschreckung Wirkungsform drastischer Bilder, durch die Aas Ekel, Vanitas-Erkenntnis und moralische Warnung erzeugt
- Abschöpfen Entnehmen des Obenliegenden oder Gewinnträchtigen als Bild von Nutzen, Ertrag und Aneignung
- Abschwächung Nachlassen von Wirkung oder Ausdruck, das Abblassen begrifflich erweitert
- Abschweifung Formale oder gedankliche Seitenbewegung, die vom geraden Verlauf wegführt und neue Bedeutung eröffnen kann
- Abseits Randlage außerhalb der Mitte, in der Ausgrenzung, Einsamkeit oder kritische Distanz lyrisch sichtbar werden kann
- Absetzung Formale Unterscheidung eines Gedichtteils, durch die der Abgesang seine eigene Schlusswirkung erhält
- Abstraktion Begriffliche Allgemeinheit, die in der Allegorie in anschauliche Gestalt überführt wird
- Abstufung Feine graduelle Unterscheidung von Intensitäten, die Abschwächung sichtbar machen kann
- Abtasten Suchende Berührung einer Oberfläche oder Stelle zur Prüfung, Orientierung oder Diagnose
- Abtönung Feine Veränderung von Klang, Farbe oder Aussage, die graduelle Nuancen erzeugt
- Abtrünnigkeit Von einer Gemeinschaft oder Lehre als Treuebruch bewertete Form der Abkehr
- Abwägung Gegeneinanderstellen von Gründen, Einwänden und Möglichkeiten vor einer Entscheidung
- Abweg Vom Haupt- oder rechten Weg abweichende Richtung zwischen Irrtum, Versuchung und eigenem Pfad
- Abweichung Verlassen einer Norm, Richtung oder Erwartung als Fehler, Freiheit, Eigenheit oder Entdeckung
- Abweisung Konkrete Form der Ablehnung, in der ein Ich, ein Du oder eine Gemeinschaft Nähe, Bitte oder Anspruch zurückweist
- Abwendung Innere oder äußere Entfernung, durch die ein Mensch von Treue, Nähe, Glauben oder Gemeinschaft abfallen kann
- Abwesenheit Zustand des Nicht-mehr-Da-Seins, der in der Duftspur dennoch von feiner Nähe durchzogen bleibt
- Abzug Verminderung eines Ertrags oder Lohns, die Abgabe als Verlust, Pflicht und soziale Rechnung sichtbar macht
- Achtsame Wahrnehmung Genaue lyrische Hinwendung zum Gegenwärtigen als Form von Verweilen, Sammlung und Dingnähe
- Achtsamkeit Genaue und gegenwärtige Wahrnehmung, die mit lyrischer Andacht eng verwandt ist
- Achtung Grundhaltung des Respekts, aus der anerkennendes Sehen, Sprechen und Antworten hervorgehen kann
- Acker Bearbeitete Feldfläche, in der das Erdreich als Nutz- und Wachstumsgrund besonders deutlich hervortritt
- Ackerfurche Linienform bearbeiteter Erde, in der Ordnung, Öffnung und Erwartung poetisch sichtbar werden
- Ackerland Landwirtschaftlich gegliederter Bodenraum, in dem Furchen die Ordnung der Fläche sichtbar machen
- Ader Körper- und Linienbild, durch das Blut als verborgene Lebensbewegung lyrisch sichtbar wird
- Aderlassen Historische medizinische Ausleitungspraxis als Bild von Reinigung, Entlastung und älterer Körperlehre
- Adler Vogelbild der Höhe, Macht, Freiheit, Schärfe des Blicks und herrscherlichen Symbolik
- Adlerblick Scharfe, distanzierte und weitreichende Wahrnehmung, die Erkenntnis und Macht zugleich anzeigen kann
- Adresse Richtungszeichen einer brieflichen oder lyrischen Anrede an ein Gegenüber
- Adressat Angesprochenes Du oder Ihr, an das sich die Verantwortungsrede des Anklägers richtet
- Adressierung Vorgang, durch den lyrische Rede auf ein Gegenüber hin ausgerichtet wird
- Äußerung Hervorbringen von Wort, Ton, Zeichen oder Haltung aus dem Inneren in einen öffentlichen Raum
- Affekt Stärkere und oft abrupt einsetzende innere Bewegung, von der sich Gefühl als dauerhaftere Form unterscheiden kann
- Affektausbruch Plötzliche, starke Entladung eines Gefühls, die aus einem Affektimpuls hervorgehen kann
- Affektimpuls Erster emotionaler Anstoß, der den Verlauf eines Gedichts eröffnen kann
- Affektverlauf Entwicklung eines Gefühls, die häufig durch Steigerung oder Abschwächung gestuft erscheint
- Aggression Angriffsenergie, die in zornigen Affektausbrüchen sprachlich hervorbrechen kann
- Ahnung Vorform des Wissens und Spürens, die das Geheimnis in lyrischen Texten häufig begleitet
- Akkord Klangliche Bündelung, die im Abgesang als harmonischer oder spannungsvoller Schluss wahrnehmbar werden kann
- Akrostichon Gedichtform, bei der Anfangsbuchstaben eine verborgene Botschaft, einen Namen oder eine Ordnung bilden
- Akte Schriftlicher Speicher institutioneller Ordnung, in dem Menschen als Vorgänge gesammelt und entschieden werden können
- Akzent Gewichtungsfigur im Aufbau, durch die einzelne Stellen, Bilder oder Wendungen besondere poetische Dichte erhalten
- Akzentuierung Prozess der Hervorhebung, durch den im Gedicht einzelne Stellen oder Bewegungen besonderes Gewicht erhalten
- Alarmierung Steigerung der Aufmerksamkeit durch Warnung und Dringlichkeit als naher Bereich der Aufrüttelung
- Alexandriner Streng gegliederter Vers, der zwar nicht antik ist, aber in klassizistischen Kontexten antikisierende Ordnung stützen kann
- Alexandrinercouplet Zweizeilige Verbindung von Alexandrinern, die Paarreim, Zäsur und gedankliche Zuspitzung bündelt
- Alkäische Strophe Antike Odenstrophe, die in deutscher Lyrik hohen Ton, Maß und klassische Formtradition aufruft
- Alkäus Griechischer Lyriker, dessen Name die Alkäische Strophe als antike Odenform bezeichnet
- Allegorie Bildhafte Sinnform mit stärker ausgeprägter Entsprechungsstruktur als die meist offenere Anspielung
- Alleinsein Zustand ohne unmittelbare Gemeinschaft, der aus Ausschluss entstehen oder von ihm unterschieden werden kann
- Allgemeinheit Übergreifender Geltungsanspruch, der aus dem Einzelnen durch Abstraktion gewonnen wird
- Alliteration Anlautwiederholung, die mit Binnenreim zur Verdichtung der inneren Klangstruktur beitragen kann
- Allmacht Göttliche Machtfigur, die in Hymnus, Klage und Schöpfungslyrik angerufen oder problematisiert wird
- Alltag Wiederkehrender Lebenszusammenhang als Grundraum dichterischer Erfahrung und Wahrnehmung
- Alltäglichkeit Qualität des Gewöhnlichen und Wiederkehrenden als poetisch erfahrbare Grundform des Lebens
- Alltagsdetail Konkreter kleiner Gegenstand oder Vorgang, der hohe lyrische Rede erdet, bricht oder präzisiert
- Alltagseinbruch Plötzliche Rückführung des Erhabenen auf konkrete Dinge, die antiklimaktische Wirkung erzeugt
- Alltagsmotiv Lyrisches Motivfeld des Gewöhnlichen, Wiederkehrenden und scheinbar Nebensächlichen
- Alltagspoesie Dichterische Gestaltung scheinbar gewöhnlicher Lebensmomente als poetisch bedeutsame Erfahrung
- Alltagssprache im Gedicht Poetische Verwendung gebräuchlicher Redeweisen, ohne auf Verdichtung und Mehrsinn zu verzichten
- Alltagssprache Nüchterne, umgangsnahe Ausdrucksform, die lyrisches Pathos prosaisieren oder konkretisieren kann
- Allusion Andeutender Verweis auf Texte, Figuren oder Motive, der im Unterschied zur Ansprache indirekter verfährt
- Almosen Gabe an Bedürftige, die in Gedichten Barmherzigkeit, Abhängigkeit oder soziale Ungleichheit sichtbar machen kann
- Alphabet Geordnete Buchstabenreihe als Grundlage von Schrift, Benennung und sprachlicher Ordnung
- Altar Ort religiöser Darbringung und Verehrung zwischen Opfer, Gebet, Heiligkeit und Bindung
- Alter Lebenszustand später Jahre, der in Gedichten durch Körperzeichen, Erinnerung und Würde sichtbar wird
- Alter Brief Schriftlicher Erinnerungsträger zwischen Stimme, Vergilbung und vergangener Nähe
- Alterität Philosophisch geschärfte Form der Andersheit, in der das Andere als nicht auf das Eigene reduzierbar erscheint
- Alterung Sichtbares Wirken der Zeit an Körpern, Dingen, Stimmen, Oberflächen und Erinnerungszeichen
- Ambiguierung Erzeugung von Mehrdeutigkeit, die häufig durch abgetönte Aussagen entsteht
- Ambiguität Mehrdeutigkeit poetischer Sprache als Grundlage lyrischer Offenheit
- Ambivalenz Doppelwertigkeit von Hoffnung und Unruhe, die für die lyrische Ahnung grundlegend ist
- Amor Liebesgott und spielerische Erosfigur, die in anakreontischen Gedichten Begehren leicht und scherzhaft personifiziert
- Amt Soziale Rolle, aus der ein Abgang als Entlassung, Rücktritt, Rangverlust oder Übergabe gestaltet werden kann
- Amtsstimme Öffentliche, rollengetragene Rede, die Befehl, Urteil, Segen, Formel oder Rücktrittswort tragen kann
- Amtsdeutsch Formelhafte Verwaltungssprache, die in Gedichten Kälte, Distanz und institutionelle Macht sichtbar machen kann
- Amtskleid Robe, Talar oder Mantel als tragbares Zeichen von Rang, Rolle und öffentlicher Verantwortung
- Amtsraum Ort offizieller Rede, an dem Schreibtisch, Tür, Akte und Stimme soziale Geltung erhalten
- Amtszeichen Robe, Stab, Schlüssel, Siegel oder Titel als sichtbare Träger von Rang, Pflicht und Verantwortung
- Amulett Schutzding, das im Aberglauben magische Wirksamkeit, Angstabwehr und greifbaren Trost verbinden kann
- Anadiplose Wiederaufnahme eines Ausdrucks vom Ende einer Einheit am Anfang der folgenden Einheit
- Anakreon Antiker Dichtername, der leichte Liebes-, Wein- und Genusslyrik als Traditionsraum aufrufen kann
- Anakreontik Lyrische Tradition leichter Liebes-, Wein- und Genussdichtung im Anschluss an Anakreon
- Analyse Untersuchung der sprachlichen, formalen und bildlichen Strukturen, auf denen Deutung aufbaut
- Anapäst Steigender Versfuß, dessen Bewegungsdrang die Atemführung beschleunigen kann
- Anapher Wiederholung am Anfang von Versen oder Sätzen, die Ausrufe steigern und rhythmisieren kann
- Anbetung Höchste religiöse Verehrung zwischen Hingabe, Lob, Unterwerfung und Gottesbezug
- Andacht Gesammelte, stille Aufmerksamkeit, in der Demut, Gebet und Wahrnehmung lyrisch zusammenfinden
- Andenken Erinnerungsding, das eine Person, Zeit oder Beziehung in kleiner materieller Form bewahrt
- Andenkenspur Resthafte Erinnerung, die im Abblassen von Gegenständen und Bildern sichtbar werden kann
- Anderes Gegenüber, das in der Begegnung nicht aufgeht, sondern als eigene Wirklichkeit hervortritt
- Andersheit Qualität des Nicht-Eigenen, die Distanz als Verhältnisform zwischen Nähe und Unvereinbarkeit vertieft
- Andeutung Poetisches Verfahren, das Ambivalenz durch nicht vollständig ausgesprochene Bedeutung ermöglicht
- Aneignung Übernahme von Bildern, Stimmen oder Erfahrungen, die im Gedicht schöpferisch oder problematisch wirken kann
- Anerkennung Achtende Wahrnehmung des Anderen, ohne seine Differenz in das Eigene aufzulösen
- Anfang Erster Ansatz eines poetischen Geschehens, aus dem Aufbruch als gerichtete Bewegung hervorgehen kann
- Anfangsabschnitt Erster Abschnitt eines Gedichts als eröffnende Sinneinheit
- Anfangsanklage Anklage, die bereits im ersten Vers oder in der ersten Strophe hervortritt
- Anfangsbewegung Dynamik, mit der ein Gedicht oder Abschnitt einsetzt
- Anfangsbuchstabe Erstes Schriftzeichen eines Wortes oder Namens, das in Gedichten Erinnerung, Widmung oder Beginn markieren kann
- Anfangsfrage Frage am Gedichtbeginn, die Erwartung und Deutungsdruck erzeugt
- Anfangsbild Erstes lyrisches Bild, das den Bedeutungsraum eines Gedichts eröffnet
- Anfangsgeste Sprech- oder Formbewegung, mit der ein Gedicht seinen Beginn markiert
- Anfangsimpuls Erster Bewegungsstoß, der Ton, Thema oder Deutung eines Gedichts eröffnet
- Anfangsklang Klangliche Prägung des ersten Verses oder ersten Abschnitts
- Anfangskonflikt Konflikt oder Gegensatz, der bereits im Gedichtbeginn sichtbar wird
- Anfangslaut Erster Laut eines Wortes als Träger lyrischer Klangverknüpfung
- Anfangsmotiv Motiv, das am Gedichtanfang erscheint und die weitere Deutung vorbereitet
- Anfangsraum Raum, der in der ersten Strophe als Schauplatz oder Bedeutungsfeld eröffnet wird
- Anfangsrhythmus Rhythmische Bewegung, mit der ein Gedicht oder Abschnitt einsetzt
- Anfangssatz Erster Satz eines Gedichts, der Ton, Syntax und Erwartung prägt
- Anfangssituation Ausgangslage, die am Gedichtbeginn für Stimme, Bild und Handlung gesetzt wird
- Anfangsspannung Emotionale und formale Spannung, die durch den ersten Vers aufgebaut wird
- Anfangsstimmung Stimmungsraum, der in der ersten Strophe eines Gedichts entsteht
- Anfangsstrophe Erste Strophe eines Gedichts als Eröffnung von Stimme, Bild und Bewegung
- Anfangsstruktur Formale und semantische Ordnung, die den Gedichtbeginn prägt
- Anfangston Erste klangliche und sprachliche Setzung, durch die ein Gedicht seinen Grundcharakter gewinnt
- Anfangsvers Erste Verszeile, in der der Anfangston eines Gedichts besonders konzentriert hervortritt
- Anfangszeit Zeitliche Lage, die am Gedichtanfang gesetzt oder angedeutet wird
- Anfrage Suchende oder bittende Redeform, deren ausbleibende Erwiderung Antwortverweigerung erzeugt
- Angesicht Beziehungs- und Lichtmotiv, durch das der Aaronitische Segen göttliche Zuwendung sichtbar macht
- Angriffsgestus Gestische Haltung einer Rede, die ein Gegenüber konfrontiert oder bedrängt
- Angriffsrede Redeform, die ein Gegenüber direkt oder indirekt bedrängt und herausfordert
- Angriffston Stimmliche Haltung, die Rede als Konfrontation und nicht als bloße Aussage erscheinen lässt
- Angst Innere Reaktionsform auf Bedrohung, die im Gedicht als Beklemmung und Alarmiertheit hervortritt
- Anhänger Körpernah getragenes Ding an Kette oder Band, das Schutz, Erinnerung oder Liebeszeichen tragen kann
- Anker Attribut der Hoffnung, das in Gedichten Halt, Erwartung und bedrohte Zuversicht anzeigen kann
- Anklage Sprach- und Gerechtigkeitsform, in der Schuld benannt und zur Verantwortung gerufen wird
- Anklageanfang Anfang einer lyrischen Anklagebewegung aus Vorwurf, Frage oder Unrechtsbild
- Anklageaufbau Aufbau eines Gedichts, der Vorwurf, Beleg und Verantwortungsforderung entfaltet
- Anklagebeginn Gedichtbeginn, der eine anklagende Rede- oder Verantwortungsbewegung eröffnet
- Anklagebeleg Bild, Spur oder Formelement, das einen lyrischen Vorwurf stützt
- Anklagebewegung Innere Bewegung eines Gedichts von Wahrnehmung zu Schuldbenennung und Forderung
- Anklagebild Bild, das eine Schuld- oder Unrechtssituation sichtbar macht
- Anklageeinsatz Erster Einsatz einer anklagenden Stimme oder Redehaltung im Gedicht
- Anklagefrage Frage, die nicht neutral sucht, sondern einen Vorwurf sichtbar macht
- Anklagegestus Gestische Haltung der lyrischen Rede, die Schuld oder Unrecht vorführt
- Ankläger Sprechinstanz, die Unrecht benennt und Täter, Macht oder Gewissen zur Verantwortung ruft
- Anklagekette Reihung mehrerer Vorwürfe, die eine lyrische Gegenrede aufbaut
- Anklagepunkt Einzelner Vorwurf innerhalb einer lyrischen Anklagebewegung
- Anklagerede Gerichtete lyrische Rede, die Täter, Mächte oder Zustände beschuldigt
- Anklagereihung Reihung mehrerer Vorwürfe, Fragen oder Belegbilder im Gedicht
- Anklageschluss Schlussform einer lyrischen Anklage zwischen Forderung, Frage und Nachhall
- Anklagestimme Lyrische Stimme, die aus Vorwurf, Empörung oder Zeugenschaft spricht
- Anklagestruktur Auf Schuldbenennung und Verantwortungsforderung ausgerichtete Gedichtstruktur
- Anklageton Tonlage, in der ein Gedicht Schuld oder Unrecht ausdrücklich zur Sprache bringt
- Ankunft Erwartetes Eintreffen eines Du, das eine lyrische Abrede erfüllen oder enttäuschen kann
- Anlaut Anfangslaut eines Wortes, dessen Wiederkehr Klangbindung durch Alliteration stiften kann
- Anrede Sprachliche Hinwendung zu einem Gegenüber als Grundform des poetischen Anrufs
- Anredeabbruch Unterbrochene Hinwendung an ein lyrisches Du, die Nähe, Scheu, Schmerz oder Beziehungsstörung sichtbar macht
- Anredeanfang Gedichtbeginn, der durch direkte Anrede ein Gegenüber herstellt
- Anredeauftakt Auftakt eines Abschnitts oder Gedichts durch direkte Ansprache
- Anruf Typische Eröffnungsgeste, die im Anfangsvers Nähe, Feierlichkeit oder Dringlichkeit erzeugen kann
- Anrufung Feierliche Gottes-Anrede, die Abendsegen als Bitte um Bewahrung eröffnen kann
- Anschaulichkeit Sinnliche Fassbarkeit dichterischer Sprache als notwendiger Gegenpol allgemeiner Geltung
- Anschauung Sinnlich geformte Vergegenwärtigung, aus der lyrische Bilder ihre poetische Präsenz gewinnen
- Anschluss Verbindung zwischen Versen, Sätzen oder Strophen, die durch Wiederaufnahme gestaltet werden kann
- Anschlussreim Reimverbindung, durch die Vers- oder Strophenteile klanglich aneinander gebunden werden
- Anspannung Dynamische Wirkung, die Akzentuierung erzeugen kann, wenn sie Erwartung und poetischen Druck bündelt
- Anspielung Indirekter Verweis, durch den poetische Bedeutung erweitert und vertieft wird
- Ansprache Direkte Zuwendung im Gedicht, die im Gegensatz zur Anspielung eher explizit verfährt
- Anspruch Forderung nach Nähe, Antwort, Anerkennung oder Recht, die durch Abweisung begrenzt werden kann
- Anteil Zugemessener Teil eines Ganzen, der in Lyrik Gerechtigkeit, Teilhabe oder Mangel anzeigen kann
- Anthropologie Lehre vom Menschen, hier besonders von seiner Widerstandskraft, Zeitlichkeit und Lebensform
- Antike Kultureller Bezugsraum, dessen Mythen, Figuren und Formen in Gedichten häufig allusiv aufgerufen werden
- Antikenbezug Lyrischer Rückgriff auf antike Namen, Formen und Motive, zu denen Apollon besonders häufig gehört
- Antiklimax Abfallende Steigerungsform, die asyndetische Reihen ironisch oder ernüchternd wenden kann
- Antithese Gegenüberstellung entgegengesetzter Begriffe, Bilder oder Aussagen zur Steigerung der Spannung
- Antlitz Gehobene Bezeichnung für Gesicht oder Angesicht mit feierlicher, religiöser oder ikonischer Färbung
- Antwort Grundform poetischer Erwiderung, die im Echo als widerhallende Rückgabe hörbar wird
- Antworterwartung In der Anfrage angelegte Hoffnung auf Erwiderung, Zeichen oder Resonanz
- Antwortlosigkeit Ausbleibende Erwiderung, durch die die Stimme einer Außenseiterfigur ohne Resonanz bleibt
- Antwortverweigerung Nicht gewährte Erwiderung, durch die eine allein sprechende Stimme ohne Resonanz bleibt
- Anverwandlung Schöpferische Form der Aneignung, in der fremdes Material verwandelt und neu belebt wird
- Aphorismus Zugespitzte Denkform, die Einsicht, Pointe und sprachliche Verdichtung miteinander verbindet
- Apokalypse Offenbarungs- und Endzeitvorstellung, aus der lyrische Bilder von Gericht, Zeichen und Weltende hervorgehen
- Apokalyptik Bild- und Erwartungshorizont von Ende, Gericht und Offenbarung, der in lyrischen Allusionen anklingen kann
- Apollon Antiker Gott des Lichts, der Musik und Dichtung, der in Lyrik Maß, Kunst und Inspiration symbolisieren kann
- Apollinisch Bezeichnung für helle, maßvolle, formbewusste und ordnende Kunstqualitäten im Anschluss an Apollon
- Aposiopese Bewusstes Abbrechen eines Satzes, durch das Affekt, Schweigen oder unausgesprochener Sinn sichtbar werden
- Apostrophe Rhetorische Figur der Hinwendung an ein Gegenüber, eng verwandt mit der poetischen Anrede
- Appell Fordernde oder mahnende Redeweise, die in der Apostrophe oft eine verdichtete Form annimmt
- Arbeit Grundvollzug tätiger Weltbeziehung, der in der Bauernfigur elementar verkörpert erscheint
- Arbeiterlied Singbare Form sozialer Lyrik, die Arbeit, Solidarität, Protest und gemeinschaftliche Stimme verbindet
- Arbeiterlyrik Sozial geprägte Lyrik der Arbeitenden, in der Lohn, Fabrik, Körper und Ausbeutung zentrale Motive sein können
- Archiv Ort geordneter Bewahrung von Schrift, Namen und Erinnerungen, der alphabetische Ordnung lyrisch aufrufen kann
- Argument Begründender Gedanke, der eine Aussage stützt, angreift oder differenziert
- Ariadne Mythische Figur von Faden, Verlassenheit und Rettung, die in Gedichten antike Beziehungsmuster öffnen kann
- Ariadnefaden Orientierungsfaden im Labyrinth, der lyrisch Spur, Beziehung, Rettung und poetische Struktur bezeichnen kann
- Arkadien Antik geprägte Ideallandschaft, die in Odenstrophen als Raum von Natur, Maß und Sehnsucht erscheinen kann
- Armut Soziale Mangellage, die im dünnen Brot, leeren Teller oder geteilten Rest lyrisch konkret werden kann
- Artikulation Formwerdung von Stimme, Wort und Sinn, durch die lyrische Äußerung hörbar und lesbar wird
- Asche Rückstand des Brandes als lyrisches Bild von Verlust, Nachwirkung, Ende und möglicher Erneuerung
- Aschgrau Farbton der Entfärbung und Ernüchterung, durch den Asche ihre besondere lyrische Kargheit erhält
- Askese Selbstminderung und Verzicht, die Aderlassen als religiöses oder poetisches Entleerungsbild berühren können
- Assonanz Vokalische Klangähnlichkeit, die Wörter durch wiederkehrende Vokale verbindet
- Assoziation Gedankliche und bildhafte Verbindung, durch die lyrische Anschauungen miteinander verknüpft werden
- Asyndeton Konjunktionslose Reihung, die Aufzählungen beschleunigt, verdichtet oder hart nebeneinanderstellt
- Atem Stimmliche Bewegungsform des Gedichts, die durch elliptische Verkürzung stocken oder sich verdichten kann
- Atembewegung Rhythmischer Verlauf von Ein- und Ausatmen, der Vers, Pause und Stimmführung mitbestimmt
- Atemdruck Spürbare Verdichtung und Beschleunigung des Sprechens, die durch konjunktionslose Reihung entstehen kann
- Atemführung Lenkung des Sprech- und Leseratems durch Verslänge, Syntax, Pause, Rhythmus und Zeilenbruch
- Atemknappheit Verkürzter Atem, durch den Reduktion, Erschöpfung und Ausdünnung sprachlich erfahrbar werden
- Atemnot Motivische oder formale Enge des Sprechens, die durch gedrängte Atemführung erfahrbar wird
- Atmosphäre Stimmungsraum zwischen Wahrnehmung, Umgebung und poetischer Verdichtung
- Atmung Leiblicher Grundvollzug, der unter Enge gehemmt, verflacht oder stockend erfahren werden kann
- Attribut Kennzeichnendes Beizeichen allegorischer Figuren, etwa Waage, Kranz oder Fackel
- Aufbau Formale Ordnung des Gedichts, durch die seine Lesbarkeit als Zusammenhang getragen wird
- Aufbruch Anfang einer gerichteten Bewegung als poetische Figur von Öffnung und Veränderung
- Auferstehung Christliche Hoffnungsfigur der Überwindung von Tod und Grab als äußerste Form der Erlösung
- Aufklärung Denkbewegung der Prüfung, Vernunft, Kritik und Befreiung von Unmündigkeit, Irrtum und Aberglauben
- Aufmerksamkeit Gesteigerte Wahrnehmungsbereitschaft, die die Alarmierung poetisch hervorbringen will
- Aufruf Offene und häufig kollektive Form des Appells mit starker Wirkungsorientierung
- Aufrufung Feierliche Anrede einer höheren Macht, die in Anbetung, Hymnus und Gebet gesteigert erscheinen kann
- Aufrüttelung Erzeugung von Wachheit und Erschütterung als häufiges Ziel des Aufrufs
- Auftritt Gegenfigur zum Abgang, durch die das Betreten einer Szene, Rolle oder lyrischen Präsenz markiert wird
- Aufschub Form der Erwartung, in der Einlösung verzögert und Spannung gerade dadurch aufrechterhalten wird
- Aufstand Kollektiver politischer Ausbruch gegen Unterdrückung, Macht oder soziale Ungerechtigkeit
- Auftakt Eröffnende Vers- oder Bewegungsgeste, die die Abfolge eines Gedichts vorbereitet
- Aufzählung Reihendes Verfahren, das Dinge, Orte oder Merkmale nebeneinanderstellt und rhythmisch ordnet
- Aufzeichnung Festhalten von Stimme, Ereignis oder Erinnerung, das im Gedicht dokumentarische und lyrische Funktion verbinden kann
- Auge Zentrales Organ des Blicks, durch das Angesicht, Gegenblick und Beziehung lyrisch erfahrbar werden
- Augenblick Zeitlich verdichteter Moment, in dem der Abend poetisch besonders intensiv erscheinen kann
- Augenblicksdichtung Lyrische Konzentration auf einen verdichteten Moment der Wahrnehmung oder Erkenntnis
- Augenlicht Lebendiger Glanz des Sehens, der Hoffnung, Erkenntnis, Liebe oder Erlöschen anzeigen kann
- Ausatmen Körperliche Entlastungsbewegung, die wie ein luftförmiger Abfluss innerer Spannung wirken kann
- Ausbeutung Verhältnis, in dem fremde Arbeit, Not oder Schwäche zum eigenen Vorteil genutzt wird
- Ausbleichen Verlust von Farbe und Bildkraft, der eine visuelle Form der Ausdünnung bildet
- Ausblick Bewegung des Blicks in die Ferne als Form räumlicher und innerer Öffnung
- Ausbluten Steigerung des Blutverlusts, die in Lyrik körperliche, soziale oder seelische Auszehrung bezeichnet
- Ausbruch Plötzliche Entladung von Gefühl, Gewalt, Bewegung oder Ereignis aus einer vorherigen Spannung
- Ausdünnung Verringerung von Fülle, Dichte oder Klang, durch die Auszehrung formal erfahrbar wird
- Ausdruck Sichtbar- oder Hörbarwerden innerer Bewegung in Wort, Klang, Geste, Träne oder Form
- Ausgang Letzte Bewegungsrichtung eines Gedichts zwischen Abschluss, Offenheit und Nachwirkung
- Ausgrenzung Soziale Form der Abweisung, durch die ein Ich aus Gemeinschaft, Raum oder Anerkennung ausgeschlossen wird
- Ausklang Nachwirkende Schlussbewegung eines Verses oder einer Strophe, die durch Reim hörbar verlängert wird
- Auslassung Poetisches Weglassen, das den Atem des Gedichts verkürzt, verdichtet oder unterbricht
- Auslassungspunkte Interpunktionszeichen, das zögernde, schwebende oder verstummende Anrede markieren kann
- Auslegung Deutende Erschließung poetischer Sinnzusammenhänge im Gedicht
- Ausleitung Bild des Herausführens belastender Stoffe, Schuld oder Spannung aus Körper, Seele oder Gemeinschaft
- Ausmessen Genaue Erfassung von Raum, Abstand oder Form durch Maß, Blick, Hand oder Werkzeug
- Ausrede Sprachliche Ausweichfigur, die Verantwortung, Wahrheit oder klare Festlegung umgeht
- Ausruf Emphatische Sprechform, die als Auftakt starke Affekt- und Tonwirkung erzeugen kann
- Ausrufezeichen Satzzeichen der Emphase, das lyrische Ausrufe sichtbar markieren oder bewusst überzeichnen kann
- Aussage Explizitere Bedeutungsform, die im Gedicht mit Inhalt verwandt, aber nicht mit ihm identisch ist
- Ausschluss Verweigerung von Teilhabe, durch die ein fehlender Anteil an Sprache, Gemeinschaft oder Recht erkennbar wird
- Außen Raumposition jenseits eines Innenbereichs, in der Alleinsein als Abstand oder Randlage erscheint
- Außenraum Gegenbereich zum Innenraum, in den der Ausblick das lyrische Ich räumlich und innerlich öffnet
- Außenseiter Randfigur, deren fehlende oder neu gewonnene Anerkennung lyrisch sichtbar werden kann
- Außenseiterfigur Lyrische Gestalt verweigerter Zugehörigkeit, die Randblick, Verletzung und Gegenstimme verbinden kann
- Aussprache Lautliche Realisierung von Wörtern, durch die Gedichte im Vortrag ihre konkrete Artikulation gewinnen
- Auswahl Poetische Entscheidung, aus der Fülle der Wahrnehmung einzelne Bilder, Töne oder Bedeutungen herauszuheben
- Ausweg Bild einer möglichen Öffnung aus Enge und Bedrängnis in Richtung Befreiung
- Auszehrung Langsame Entkräftung von Körper, Seele, Sprache oder Gemeinschaft als Grundbewegung des Ausblutens
- Authentizität Wirkung von Wahrhaftigkeit und Nähe, die in Bekenntnislyrik poetisch erzeugt und zugleich problematisch bleibt
B
- Bach Kleine Form fließenden Wassers, in der Rhythmus, Richtung und feine Beweglichkeit besonders deutlich hervortreten
- Bachbett Gerichtete Form des Geländes, in der der Bach seinen Verlauf einschreibt und Landschaft gliedert
- Bahnhof Moderner Übergangsraum des Außen, in dem Fremde, Aufbruch und Vereinzelung zusammentreten
- Barmherzigkeit Religiöse Zuwendung Gottes, die im Bittgebet als Erbarmen, Trost und Gnade erbeten wird
- Bauer Gestalt der Feldarbeit, die das Ackerland als Raum menschlicher Mühe und Bindung verkörpert
- Baum Garten- und Naturmotiv von Wachstum, Verwurzelung, Schatten, Dauer und Jahreszeitlichkeit
- Beachtung Aufmerksame Hinwendung, aus der poetische Differenzierung hervorgehen kann
- Bearbeitung Verändernder Umgang mit Material und Raum als Grundgestalt der Arbeit
- Bedeutung Sinngehalt poetischer Sprache, der sich im Bild häufig verdichtet und vervielfacht
- Bedrängnis Äußere oder innere Drucklage, aus der Erlösung als Befreiung erhofft wird
- Bedrohung Erfahrungsform, die im Raum der Dunkelheit häufig poetisch intensiviert erscheint
- Bedürftigkeit Grundlage der Bitte als lyrischer Anerkennung von Mangel, Grenze und Abhängigkeit
- Befreiung Vorgang der Lösung aus Druck, Enge oder Bindung, aus dem Freiheit hervorgehen kann
- Begegnung Moment der Nähe zwischen Ich und Du, zu dem die Brücke als Beziehungsbild hinführen kann
- Begegnungsaugenblick Kurz verdichteter Moment, in dem Ich und Anderes einander berühren
- Bekenntnis Sprechform der Anerkennung eigener Wahrheit, die aus Besinnung und Selbstprüfung hervorgehen kann
- Bekenntnisgedicht Einzelnes Gedicht, das Ich-Rede, Selbstoffenlegung und Authentizitätswirkung besonders deutlich gestaltet
- Bekenntnislyrik Lyrische Formen, in denen Ich-Rede, Selbstoffenlegung und Wahrheitsanspruch besonders hervortreten
- Bekenntniston Klangliche und rhetorische Färbung, die das einzelne Bekenntnisgedicht glaubwürdig oder inszeniert wirken lässt
- Beklemmung Leibnahe Enge und Drucklage als typische Erscheinungsform poetischer Angst
- Beobachtung Genaues Hinsehen als Grundlage dichterischer Anschaulichkeit
- Berührung Leibnahe Erfahrung, die im Hauch ihre zarteste und am wenigsten greifbare Form gewinnt
- Beschreibung Sachliche Erfassung des Textbestands als notwendige Grundlage der Analyse
- Besinnung Innere Rückkehr zur Sammlung, die achtsame Wahrnehmung vorbereitet und vertieft
- Bevorstehen Zeitliche Nähefigur des Aufschubs, in der etwas kommend erscheint, aber noch nicht eintritt
- Bewegung Dynamik des Übergangs, in der durchlässige Räume und Wahrnehmungen sich entfalten
- Beziehung Wechselseitiger Bezug, der im Blick als Form von Nähe, Zuwendung oder Distanz sichtbar wird
- Beziehungstiefe Vertiefte Form von Welt- und Selbstbezug, die im Fensterraum verdichtet auftreten kann
- Bild Poetische Anschauungsform, die konkrete Wahrnehmung und übertragene Bedeutung verbinden kann
- Bildbruch Unerwarteter Wechsel oder Zusammenstoß von Bildfeldern, der lyrische Irritation und Spannung erzeugt
- Bildfeld Zusammenhängender Bereich lyrischer Bildlichkeit, dessen Ordnung durch den Bildbruch gestört wird
- Bildfolge Aufeinanderfolge lyrischer Bilder, die durch Abendrot in einen Ausklang geführt werden kann
- Bildkette Folge miteinander verbundener Bilder, die eine lyrische Bewegung assoziativ entfaltet
- Bildlichkeit Sprachliche Veranschaulichung, durch die ein einzelner Moment poetische Präsenz erhält
- Binnenreim Reim innerhalb eines Verses, der den Klang verdichtet und die Binnenstruktur rhythmisiert
- Bitte Sprechform der Bedürftigkeit, die den Bekenntniston demütig, gebetshaft oder schuldbewusst färben kann
- Bittgebet Religiöse Bitte, in der Abhängigkeit von Gott als Schutz-, Gnade- oder Trostverlangen erscheint
- Blatt Herbstliches Naturmotiv, das im Licht farbig aufleuchtet und Vergänglichkeit sichtbar macht
- Blattfall Bewegungsfigur des Vergehens, in der sich das Blatt vom Baum löst und zur Erde sinkt
- Blau Farbfigur des Himmels, die Weite, Ruhe, Kühle und Offenheit poetisch tragen kann
- Blick Wahrnehmungsrichtung und Perspektive, durch die Beobachtung poetisch geordnet wird
- Blume Klassisches lyrisches Motiv von Schönheit, Leben, Vergänglichkeit, Liebe und poetischer Zartheit
- Blut Rotes Bildfeld, das Abendrot in schmerzliche, opferhafte oder bedrohliche Bedeutungen verschieben kann
- Blüte Vegetative Erscheinungsform, in der Fülle als geöffnete und sichtbare Reichtumsform hervortritt
- Blütenbaum Verdichtete Erscheinungsform der Blüte im Raum als Bild von geöffneter Fülle und zeitlicher Schönheit
- Blütenfülle Verdichtete Erscheinung vieler Blüten als gesteigerte Form vegetativer Fülle
- Blutlauf Innere Bewegung des Blutes, die in Adern als verborgener Lebensrhythmus erscheint
- Blutrot Intensive Rotfärbung, die Blutlauf, Wärme, Glut, Leidenschaft und Verletzlichkeit sichtbar machen kann
- Boden Stofflicher Grund, an dem Bearbeitung als Öffnung, Gliederung und Widerstand erfahrbar wird
- Brand Feuer- und Zerstörungsbild, das Blutrot in Richtung Gefahr, Glut und Untergang verschieben kann
- Bruch Formale Unterbrechung, die durch Auslassung im Satz, Vers oder Bedeutungsverlauf entstehen kann
- Bruchempfindung Erfahrung des Abreißens vertrauter Kontinuitäten, die der Erschütterung in ihrer inneren Struktur eng verwandt ist
- Brücke Übergangsbild, das einen Ausweg über Trennung, Abgrund oder Hindernis hinweg sichtbar macht
- Buße Haltung der Umkehr, die mit der Bitte um Barmherzigkeit und Vergebung verbunden ist
C
- Chiffre Verdichtetes poetisches Zeichen, dessen Sinn offen, rätselhaft und mehrschichtig bleibt
D
- Daktylus Metrisches Grundmuster aus einer Hebung und zwei Senkungen mit oft schwingender oder feierlicher Wirkung
- Dämmerung Übergangslicht, in dem Gedichte häufig leise, offene oder melancholische Ausgänge finden
- Demut Haltung der Selbsternüchterung, die im aschgrauen Rückgang von Glanz und Stolz sichtbar werden kann
- Detail Kleines Element der Erscheinung, das durch Aufmerksamkeit poetisch bedeutungsvoll werden kann
- Deutung Interpretative Erschließung von Bildzusammenhängen, Symbolen und Bildfeldbewegungen im Gedicht
- Dialog Wechselrede, in der Begegnungsaugenblicke als Antwort und Gegenantwort gestaltet werden können
- Dichtungssprache Poetisch verdichtete Sprachform, in der Laut, Bild, Rhythmus und Sinn zusammenwirken
- Differenz Unterschied als grundlegende Bedingung jeder Form von Abstand und Beziehung
- Differenzierung Feinere Ausarbeitung von Unterschieden innerhalb eines Wahrnehmungs- oder Bedeutungsfeldes
- Ding Konkreter Gegenstand, dem Beachtung im Gedicht Eigengewicht und poetische Präsenz verleiht
- Dinggedicht Konzentrierte Gedichtform, in der die Dingpoetik besonders ausdrücklich hervortritt
- Dingpoetik Poetische Orientierung auf Gegenstände und ihre Eigenpräsenz als zentrales Verfahren der Lyrik
- Diskontinuität Unterbrochene Struktur von Wahrnehmung und Sprache, die freie Verse besonders gut gestalten können
- Distanz Zentrale Erfahrungsform der Entfremdung, in der Nähe in Abgerücktheit und Unzugänglichkeit umschlägt
- Druck Lastendes Moment, das Beklemmung körperlich und räumlich bestimmt
- Du Angesprochenes Gegenüber und zentrale Instanz dialogischer Lyrik
- Duft Sinnliche Ausstrahlung, die Blütenfülle über das Sichtbare hinaus atmosphärisch wirksam macht
- Duftspur Feine Fortsetzung des Dufts im Raum als Zeichen von Bewegung, Erinnerung oder verbleibender Atmosphäre
- Dunkelheit Häufiger Gegenpol zu Licht, Offenheit oder Erkenntnis in kontrastiv gebauten Gedichten
- Durchlässigkeit Offene Struktur von Raum und Wahrnehmung, in der vertiefte Beziehung entstehen kann
E
- Echo Akustische Grundfigur des Widerhalls, in der Klang seine resonante Seite besonders deutlich zeigt
- Eigenwirklichkeit Eigene Präsenz des Du, die nicht vollständig vom Ich vereinnahmt wird
- Einkehr Innere Sammlung, die den Blick für kleine, tragfähige Einzelheiten schärfen kann
- Einschnitt Zeitliche und existentielle Zäsur, deren innere Erfahrungsform die Bruchempfindung bezeichnet
- Einschreibung Grundfigur des Bachbetts, in der Bewegung sich als bleibende Form in die Landschaft einzeichnet
- Einsicht Gewonnene Erkenntnis, die sich in einer lyrischen Aussage verdichten kann
- Einzelheit Kleines Merkmal, an dem die Präzision des Dinggedichts sichtbar wird
- Eis Verdichtete Materialgestalt des Frosts, in der Verhärtung, Glätte und gebundene Bewegung anschaulich werden
- Ellipse Auslassungsfigur, durch die lyrische Bedeutung knapp, offen und andeutend erscheinen kann
- Empfänglichkeit Bereitschaft, feine Einzelzüge der Welt wahrzunehmen und nicht zu übergehen
- Empfindung Innere Resonanz leibnaher Erfahrung, die in der Berührung unmittelbar ausgelöst wird
- Endlichkeit Grundfigur begrenzten Lebens, die im fallenden Blatt poetisch sichtbar wird
- Enge Räumliche und leibliche Einschränkung, die Druck als poetische Last konkretisiert
- Enjambement Zeilensprung, der daktylische Bewegung über die Versgrenze hinwegführen oder spannen kann
- Entfremdung Mögliche Folge eines Einschnitts, wenn Vertrautheit in Fremdheit und Distanz umschlägt
- Entzug Grundbewegung der Abwesenheit, in der Gegenwart zurückweicht und doch wirksam bleibt
- Erbarme dich Gebetsformel, in der Buße, Schuld und Bitte um göttliche Barmherzigkeit verdichtet erscheinen
- Erbarmen Göttliche Zuwendung, die durch Anrufung ausdrücklich erbeten werden kann
- Erde Grundelement, dessen konkrete und tragende Gestalt im Boden dichterisch hervortreten kann
- Erdreich Bodenhafte Dimension der Flur, in der Wachstum, Arbeit und stoffliche Landschaftsnähe konzentriert erscheinen
- Erlösung Befreiung aus Schuld, Angst oder Not, auf die Erbarmensbitten hoffend gerichtet sein können
- Erneuerung Grundbewegung des Frühlings, in der Natur und Innerlichkeit neu beginnen
- Erstarrung Zustandsfigur des Eises, in der Fließen gehemmt und Lebendigkeit in harte Ruhe überführt wird
- Erdverbundenheit Nähe zu Boden und Wachstum als zentrales Erfahrungsmoment der Feldarbeit
- Erinnerung Zeitlich verzögerte Wiederkehr von Vergangenem, die als Form innerer Antwort lesbar werden kann
- Erinnerungsraum Poetischer Ort, in dem Vergangenes gebunden bleibt und gegenwärtig wieder hervortreten kann
- Ernte Abschluss des Wachsens, das in der Erde seinen verborgenen Anfang nimmt
- Erscheinung Art des Hervortretens der Welt, die in der Einkehr genauer wahrgenommen werden kann
- Erschütterung Heftige Form innerer Bewegung, in der Affekt sich als seelischer Stoß und Umbruch zeigt
- Erwartung Zeitliche Grundstruktur der Anspannung, in der etwas vorbereitet, zurückgehalten oder noch nicht eingelöst bleibt
F
- Farbe Wahrnehmungsqualität, an der Erscheinung besonders sinnfällig hervortreten kann
- Feinheit Nuancierte und leicht übersehbare Qualität, für die Empfänglichkeit besonders offen ist
- Feingefühl Verfeinerte Urteilskraft und sensible Reaktion auf kleine Unterschiede und Stimmungen
- Feld Offener Landschaftsraum, der in der Ernte seine dichteste Gestalt aus Reife, Schnitt und Sammlung erhält
- Feldarbeit Leiblicher Vollzug auf offener Fläche, der das Feld mit Mühe, Pflege und Zeitrhythmus verbindet
- Fenster Vermittelnde Raumfigur zwischen Innen und Außen, Nähe und Ausblick
- Ferne Raumdimension, die durch Licht am Horizont geöffnet, getönt oder verschleiert werden kann
- Fläche Räumliche Ausdehnung, die im Grund ihre tragende und unterlagernde Voraussetzung besitzt
- Fließendes Wasser Gegenfigur der Erstarrung, in der Bewegung offen bleibt, während sie im Erstarrten gehemmt erscheint
- Flüchtigkeit Zeitliche Qualität des Entzugs, in der das Zurückweichende nur noch momenthaft greifbar bleibt
- Flur Verbindender Innenraum des Hauses, der Übergänge, Schritte und alltägliche Bewegungen poetisch bündeln kann
- Form Gestaltseite des Gedichts, in der Einsicht nicht nur ausgedrückt, sondern hervorgebracht wird
- Formprinzip Inneres Ordnungsprinzip, das ein Gedicht in seiner Gestalt zusammenhält
- Formung Prozess, durch den Fläche durch Linien, Spuren und Ordnung gegliedert und bestimmt wird
- Frage Sprechform, die Eigenwirklichkeit des Gegenübers durch erwartete Antwort anerkennt
- Fragment Offene oder unvollständige Textgestalt, in der Diskontinuität strukturbildend wird
- Freier Vers Versform ohne durchgehend festes Metrum, in der Enjambements häufig die Zeilenbewegung organisieren
- Freiheit Gegenfigur gehemmt erfahrener Atmung als Zustand offener, unbedrängter Lebendigkeit
- Freiraum Gewonnener Spielraum von Wahrnehmung, Bewegung und Stimme als konkrete Folge poetischer Befreiung
- Fremdheit Erfahrungsqualität, in die Vertrautheit unter den Bedingungen der Entfremdung umschlägt
- Frieden Mögliche Antwort auf fragende Unruhe, Klage oder Sehnsucht
- Frische Atmosphärische Qualität jungen Grases, die Frühling, Tau und Neubeginn verbindet
- Frost Konkretisierte Naturgestalt der Kälte, in der Erstarrung, Schärfe und Winterlichkeit anschaulich werden
- Fruchtbarkeit Möglichkeit des Wachsens, für die die Furche den Boden öffnet und vorbereitet
- Frühling Jahreszeitenmotiv von Aufbruch und Blüte, in dem die Blume als Lebenszeichen besonders wirksam wird
- Fülle Sichtbare Entfaltung des Gewordenen, in der Fruchtbarkeit ihren Höhepunkt der Erscheinung erreicht
- Furche Sichtbare Einschreibung von Formung in Erde und Fläche als Linie, Öffnung und Ordnung
G
- Garten Gestalteter Naturraum, in dem Erneuerung als Blühen, Wachsen und Wiederkehr poetisch sichtbar wird
- Gebet Religiöse Anrede, in der Frieden als Gabe, Trost, Schutz oder Antwort erbeten wird
- Gebetslyrik Lyrikform, in der Gebet als Anrede, Bitte, Klage, Dank oder Lob poetisch gestaltet wird
- Geborgenheit Erfahrung von Schutz und Zugehörigkeit, die Gebetslyrik als bewahrende Gottesnähe sucht
- Gedächtnis Dauerform, in der Einschreibung Vergangenes nicht bewahrt wie Besitz, sondern wie geprägte Spur erhält
- Gedankenstrich Satzzeichen der Unterbrechung, das Pause, Einschub, Bruch oder offenes Innehalten markieren kann
- Gefäß Form des Haltens, deren Glas- oder Metalloberfläche Glanz und Bedeutung sammeln kann
- Gefühl Weiter ausgeformte seelische Gestalt, zu der sich Empfindung verdichten oder von der sie sich unterscheiden kann
- Gegenrede Antwortende Stimme eines Gegenübers, die Zustimmung, Widerspruch oder Korrektur bringen kann
- Gegenstand Konkretes Ding, das als stumme Gegenrede zur Deutung des Ich auftreten kann
- Gegenüber Adressierte Instanz, deren Nähe Geborgenheit ermöglichen kann
- Gegenwart Zeitform poetischer Präsenz, die durch genaue Konturierung intensiviert wird
- Geheimnis Erfahrung des nicht vollständig Erhellbaren, die in dunkelblauen oder nächtlichen Bildräumen wirksam werden kann
- Geländeform Konkrete räumliche Struktur, aus der Landschaft ihre Reliefhaftigkeit, Richtung und Anschaulichkeit gewinnt
- Genauigkeit Präzision des poetischen Blicks, die Zwischenräume nicht verwischt, sondern konturiert
- Gestalt Wahrnehmbare Ganzheit des Gedichts, die durch ein Formprinzip zusammengehalten wird
- Glanz Lichtwirkung auf Glas, die Schönheit, Kälte oder Unnahbarkeit erzeugen kann
- Glas Zerbrechlicher Gegenstand, der Transparenz, Grenze und Verletzlichkeit tragen kann
- Gliederung Strukturleistung der Geländeform, durch die Landschaft in lesbare und bedeutungstragende Bereiche gegliedert wird
- Gnade Unverfügbare Gabe, die in religiöser Lyrik als Füllung eines leeren Gefäßes erscheinen kann
- Grenze Schwelle menschlicher Sprache und Macht, an der Gott als Transzendenz erscheint
- Gott Religiöses Gegenüber, von dem Gnade, Vergebung, Segen und Erbarmen ausgehen können
- Gras Bodennahes Naturmotiv, das Grün als Frische, Wachstum, Weichheit und Landschaftsgrund zeigt
- Grün Farbmotiv von Wachstum, Frische und lebendiger Baumkrone
- Grund Tragende Voraussetzung, die in der Erdverbundenheit als Gegründetsein und Nähe zur Erde erfahrbar wird
H
- Hand Körperteil der Berührung, der an der Grenze von Ich und Du Nähe oder Schutz stiftet
- Hauch Feinste Bewegungs- und Erscheinungsform, in der Flüchtigkeit besonders anschaulich hervortritt
- Haus Typischer poetischer Erinnerungsort, in dem Stimmen, Nähe und vergangene Lebensformen bewahrt erscheinen können
- Haut Körpergrenze, an der Handberührung, Wärme, Kälte, Schmerz und Nähe erfahrbar werden
- Heilung Vorgang des Schließens von Wunde und Schmerz, der an Haut und Narbe sichtbar bleibt
- Herannahen Bewegungsfigur des Bevorstehens, in der das Kommende als sich nähernd und bereits wirksam erscheint
- Herbst Jahreszeitenmotiv, in dem Leben als Reife, Abschied, Blattfall und Vergänglichkeit sichtbar wird
- Herbstlicht Spätes, schräges oder goldenes Licht, das herbstliche Schönheit und Endlichkeit prägt
- Herz Inneres Zentrum, dessen Schmerz, Verhärtung oder Öffnung seelische Heilung anzeigen kann
- Herzschlag Körperlicher Rhythmus, der Leben, Angst, Liebe, Erwartung und lyrischen Takt verbindet
- Hilfe Zuwendung, durch die der bedrohte Körper und sein Herz wieder ruhiger werden können
- Himmel Bildraum der nächtlichen Weite, in dem Sterne, Mond und Dunkel poetische Tiefe erzeugen
- Hoffnung Ausrichtung auf kommende Hilfe, Antwort, Rettung, Trost oder Gnade
- Horizont Grenzfigur des Sichtbaren, die im Abendmotiv besonders stark farblich und räumlich akzentuiert erscheint
I
- Ich Lyrische Sprechinstanz, die hofft, wartet, bittet, zweifelt und Zukunft offenhält
- Inhalt Bedeutungsseite des Gedichts, die durch Konzentration auf das Wesentliche gebündelt wird
- Innen und Außen Grundgegensatz, durch den das Ich Innerlichkeit und Weltbezug gestaltet
- Innerlichkeit Seelische Tiefendimension, die im gegenwärtigen Moment verdichtet und erfahrbar werden kann
- Irritation Störung der Erwartung, die durch fragmentarische Brüche und fehlende Übergänge entsteht
J
- Jahreszeit Zeitliche Naturordnung, in der Frische besonders Frühling und Morgen kennzeichnet
K
- Kälte Außenempfindung, die innere Einsamkeit, Angst, Distanz oder Entfremdung anzeigen kann
- Kinderhand Zeichen von Schutzbedürftigkeit, an dem Kälte, Wärme, Vertrauen und Hilfe spürbar werden
- Klage Sprechform, die eine frierende, leere oder verlassene Kinderhand als Leidenszeichen verwenden kann
- Klang Lautliche Dimension, in der Resonanz als Nachhall, Wiederkehr und Mitschwingen besonders deutlich erscheint
- Klangbindung Akustische Verbindung von Wörtern, die durch gleiche Anfangslaute gestiftet werden kann
- Klarheit Wahrnehmungsqualität, die Klage nüchtern, scharf und ohne beschönigenden Trost aussprechen kann
- Kleidung Schutz- und Erscheinungsschicht, deren klare Beschreibung soziale Lage, Kälte oder Körpergrenze zeigt
- Körper Leibliche Gestalt, die durch Kleidung bedeckt, geschützt, geformt, entblößt oder sozial lesbar wird
- Körpergrenze Leiblicher Rand, an dem Haut, Kleidung, Berührung, Kälte, Schmerz und Blick zusammentreffen
- Komposition Anordnung der Teile, durch die Gestalt konkret aufgebaut und gegliedert wird
- Konkretion Verdichtung abstrakter Erfahrung in konkreten Grenzzeichen wie Haut, Kragen, Hand, Wunde oder Atem
- Kontrast Spannungsverhältnis, das häufig als kompositorisches Mittel den Aufbau des Gedichts trägt
- Konzentration Gesammelte Form der Wahrnehmung, die dem Feingefühl Halt und Maß gibt
- Kreuz Christliches Zeichen, das Leid, Schuld, Opfer, Körper, Wunde und Hoffnung konkret bündelt
L
- Landschaft Äußerer Gedächtnisraum, in dem Vergangenes als Spur, Stimmung und geformte Linie gegenwärtig bleiben kann
- Leben Grundmotiv des Wachsens, Reifens, Vergehens und Wiederbeginns im Jahreslauf
- Leerstelle Ausgesparter Sinnraum, der durch fehlende Erklärung Irritation und Deutungsdruck hervorruft
- Lesbarkeit Wirkung der Gliederung, durch die Welt, Raum oder Gedicht als strukturierter Zusammenhang deutbar werden
- Letzte Stunde Grenzform der Lebenszeit, in der Uhr, Tod, Atem, Abschied und Endlichkeit lyrisch zusammentreten
- Licht Grundmedium der Sichtbarkeit, das am Horizont in besonders verdichteter und wandelbarer Form erscheint
- Liebe Beziehungsform, in der Opfer als freie Hingabe, Schutz, Verzicht oder Selbstpreisgabe erscheinen kann
- Loslassen Innere und äußere Bewegungsfigur, in der Endlichkeit als Annahme der Grenze erscheint
M
- Mehrdeutigkeit Offenheit lyrischer Bedeutung, die durch Leerstellen textlich ermöglicht wird
- Melancholie Stimmung des Verlusts und der Entrückung, die mit Ferne in der Lyrik häufig eng verbunden ist
- Metapher Übertragungsfigur, die konkrete und übertragene Bedeutung zugleich tragen kann
- Metrum Regelmäßige Hebungs- und Senkungsordnung, die zur formalen Beschreibung gehören kann
- Motiv Wiederkehrendes thematisches oder bildliches Element, das metaphorisch aufgeladen sein kann
N
- Nachklang Fortwirkende Resonanz des Vergangenen, die nach dem Loslassen bestehen bleibt
- Nacht Zeitgestalt, deren langsames Herannahen in vielen Gedichten atmosphärisch und symbolisch wirksam wird
- Nähe Gegenfigur zur Ferne, deren Verlust oder Unerreichbarkeit melancholische Stimmung oft mitprägt
- Naturbild Bildform, in der Liebe durch Blume, Wind, Abend, Frühling, Stern, Regen oder Licht anschaulich wird
O
P
- Pause Unterbrechung im Sprach- oder Klangverlauf, in der Nachklang hörbar und bedeutungsvoll werden kann
- Projektion Übertragung innerer Erfahrung auf Natur, durch die Landschaft, Wetter oder Licht seelisch lesbar werden
Q
R
- Raum Erfahrungsdimension, die durch Offenheit als Weite, Durchlässigkeit und Beziehungstiefe gestaltet werden kann
- Regen Wetterbild, auf das Trauer, Klage, Reinigung, Abschied, Erinnerung oder Erneuerung projiziert werden kann
- Reim Klangwiederholung, die rhythmische Erwartung, Bindung und Schlusswirkung unterstützt
- Resonanz Antwortverhältnis zwischen Subjekt und Welt, das im Freiraum ungehinderter entstehen kann
- Rhythmus Bewegungsform des Gedichts, die durch Gedankenstriche verlangsamt, gebrochen oder akzentuiert wird
S
- Schatten Lichtgegenbild, das durch Projektion Schuld, Angst, Nachwirkung, Schutz oder Erinnerung tragen kann
- Schuld Innere Last, die als Schatten, dunkle Spur, Nachwirkung oder nicht abschüttelbare Begleitung erscheinen kann
- Schweigen Auslassung oder Verstummen, durch das Schuld entstehen, fortwirken oder als unausgesprochenes Wort sichtbar werden kann
- Spur Zeichen vergangener Handlung, an dem Schuld als Fleck, Abdruck, Narbe, Name oder Rest gegenwärtig bleibt
- Staub Feine Zeitspur auf Dingen und Räumen, die Vergänglichkeit, Stillstand und Erinnerung sichtbar macht
- Stillstand Ausbleibende Bewegung, die Staub durch Ablagerung, Nichtgebrauch und verlassene Räume sichtbar macht
T
U
- Uhr Zeitding, dessen Stehenbleiben oder Ticken Stillstand, Dauer, Erinnerung und blockierte Zukunft sichtbar macht
V
- Vergänglichkeit Erfahrung des Vergehens, die durch Ticken, Zeigerbewegung, Stunde, Alterung und Uhrschlag konkret wird
W
- Warten Gedehnte Zeit der Erwartung, in der Hoffnung, Angst, Uhrklang, Stillstand und ausbleibende Ankunft zusammenwirken
X
Y
Z
- Zeit Grunddimension lyrischer Erfahrung, die in der letzten Stunde als gemessene, erlebte und endende Lebenszeit erscheint
- Zwischenraum Bereich feiner Übergänge, in dem Farben als Nuancen, Brechungen und Schwebetöne hervortreten