A

  1. Aarau Schweizer Stadtname als Orts-, Erinnerungs- und Klangfigur zwischen Aare, Bürgerstadt und Geschichte
  2. Aare Flussname, der Aarau lyrisch mit Wasser, Bewegung, Spiegelung, Zeit und Schweizer Landschaft verbindet
  3. Aaron Biblischer Priester- und Sprechername zwischen Segen, Stellvertretung, Salbung und gefährdeter Autorität
  4. Aaronitischer Segen Priesterlicher Segensspruch als liturgische Formel von Behütung, leuchtendem Angesicht und Frieden
  5. Aas Drastisches Bild des toten Körpers, der Verwesung, der Anziehung und der moralischen Verderbnis
  6. Aasfresser Tierfigur, die Aas mit Naturkreislauf, dunkler Lebendigkeit, Verwesung und entmenschlichter Nahrung verbindet
  7. Abblassen Schwächerwerden von Farbe, Ausdruck oder Erinnerung, das dem Ausbleichen eng verwandt ist
  8. Abbruch Plötzliche Unterbrechung von Rede, Beziehung oder Form, die Abgewandtheit als Bruch sichtbar machen kann
  9. Abdruck Konkrete Spur von Körper, Hand, Fuß oder Gegenstand, durch die vergangene Berührung sichtbar bleibt
  10. Abecedarium Alphabetisch geordnete Gedichtform, in der Buchstabenfolge und poetische Erfindung zusammenwirken
  11. Abend Tageszeit des Ausklangs als bevorzugter lyrischer Träger atmosphärischer Verdichtung
  12. Abendbrot Häusliches Alltagsbild von Rückkehr, Tischgemeinschaft, Müdigkeit, Mangel oder stiller Geborgenheit
  13. Abenddämmerung Übergangszeit zwischen Licht und Dunkel als dichterischer Raum von Schwelle, Sammlung und Verinnerlichung
  14. Abendessen Späte Mahlzeit als Szene von Tischgemeinschaft, Tagesabschluss, Gespräch, Maß und häuslicher Ruhe
  15. Abendgebet Gebetsform am Tagesende, in der der Ruf nach Erbarmen als Bitte um Schutz und Vergebung erscheinen kann
  16. Abendlicht Spätes Licht des Tages, das Dämmerung, Abschied und atmosphärische Verdichtung vorbereitet
  17. Abendlied Lyrische Liedform des Tagesendes, die mit Abendgebet, Naturstille und religiösem Vertrauen verwandt ist
  18. Abendmotiv Lyrisches Motiv des sinkenden Tages zwischen Ruhe, Sammlung, Schwelle und Vergänglichkeit
  19. Abendrot Farbfigur des sinkenden Lichts zwischen Schönheit, Abschied, Hoffnung und Vergänglichkeit
  20. Abends Adverbiale Zeitform der wiederkehrenden Abendstunde zwischen Heimkehr, Ruhe, Rückblick und Schlaf
  21. Abendsegen Segensformel des Tagesendes, die im Abendlied als Schutz- und Vertrauensmotiv erscheinen kann
  22. Abendstimmung Atmosphärische Grundform vieler Gedichte am Ende des Tages zwischen Ruhe, Melancholie und Einkehr
  23. Abendstille Gedämpfter Klang- und Stimmungsraum des Abends als poetische Form stiller Verdichtung
  24. Aberglaube Übersteigerte oder fehlgeleitete Zeichen- und Glaubensform zwischen Furcht, Magie und poetischer Einbildungskraft
  25. Abfahrt Moment des Fortgehens, in dem der Bahnhof Bewegung und Trennung unwiderruflich macht
  26. Abfall Lossagung von Treue, Glauben oder Bindung, die als gesteigerte Form der Abwendung lyrisch erscheint
  27. Abfallen Sichlösen von einem Halt, einer Oberfläche, Bindung oder Ordnung zwischen Verfall und Trennung
  28. Abfluss Bild des Fortströmens, durch das innere oder gemeinschaftliche Belastung ausgeleitet werden kann
  29. Abfolge Reihenbildung lyrischer Elemente, durch die Bilder, Motive und Gedanken eine Verlaufsstruktur gewinnen
  30. Abgabe Entrichteter Betrag, Anteil oder Pflichtanteil an eine übergeordnete Ordnung
  31. Abgang Verlassen einer Szene, Schule, Bühne oder Lebensordnung als Moment von Ende, Rückzug und Wirkung
  32. Abgesang Schlussteil der Barform, dessen Absetzung eine lyrische Bewegung nach Stollen und Gegenstollen neu bündelt
  33. Abgetönte Aussage Zurückgenommene oder vorsichtig formulierte Aussage, die Mehrdeutigkeit entstehen lassen kann
  34. Abgewandtheit Haltung der Distanz, in der ein lyrisches Ich sich von Mitte, Gemeinschaft oder Du entfernt
  35. Abglanz Abgeleitete, zurückgeworfene oder schwächere Form des Glanzes als lyrische Nachwirkung von Licht
  36. Abgeschiedenheit Räumliche und geistige Entfernung von Zentrum, Lärm und äußerer Unruhe
  37. Abgott Falsches Höchstes, an das Herz, Verehrung und Hoffnung in verkehrter Weise gebunden werden
  38. Abgöttische Liebe Übersteigerte Liebe, die den geliebten Menschen zum falschen Höchsten erhebt
  39. Abgrund Grenzbild der Verlorenheit, aus der Gnade als Rettung oder Halt erscheinen kann
  40. Abhängigkeit Erfahrung des Angewiesenseins, die in der Lyrik Bitte, Liebe, Gebet und Bedürftigkeit verbindet
  41. Abkehr Bewusste Wegwendung von Person, Glauben, Ordnung oder Gemeinschaft als verwandte Form der Lossagung
  42. Ablehnung Zurückweisung eines Vorschlags, Anspruchs, Begehrens oder Deutungsangebots
  43. Ableiten Geordnetes Fortführen von Wasser, Wärme, Druck, Sinn oder Gedanken aus einer Ausgangslage
  44. Ableitung Gedankliche Herleitung einer Aussage, die in Reflexionslyrik als lyrischer Schlussgang erscheinen kann
  45. Ablösung Vorgang des Sichlösens, der Abfallen als Reife, Trennung, Entbindung oder Übergang deutbar macht
  46. Abnahme Allmähliches Wenigerwerden von Kraft, Licht, Stimme oder Hoffnung als Grundstruktur der Auszehrung
  47. Abrede Mündliche oder schriftliche Vereinbarung zwischen Personen über ein künftiges Verhalten oder eine gemeinsame Regel
  48. Abreise Fortgang von einem Ort, der als Gegenmotiv zur Ankunft Erwartung, Verlust und offene Rückkehr erzeugt
  49. Abschied Bewegungsfigur des Sich-Lösens, die im Blattfall besonders anschaulich wird
  50. Abschluss Formale und semantische Beendigung einer lyrischen Einheit, die im Ausklang nachwirken kann
  51. Abschlussbewegung Dynamik, mit der eine lyrische Einheit auf ihren Abschluss zuläuft
  52. Abschlussbild Bild, das eine lyrische Einheit am Ende bündelt
  53. Abschlusskadenz Rhythmische Schlussform einer lyrischen Einheit
  54. Abschlussklang Klangliche Schlusswirkung einer lyrischen Einheit
  55. Abschlussmotiv Motiv, das am Ende einer lyrischen Einheit bündelnd hervortritt
  56. Abschlusspause Pause am Ende einer lyrischen Einheit mit gliedernder und nachhallender Wirkung
  57. Abschlussreim Reim, der eine lyrische Einheit am Ende klanglich bindet
  58. Abschlussrhythmus Rhythmischer Verlauf, der eine lyrische Einheit zum Ende führt
  59. Abschlussstimmung Stimmung, die am Ende einer lyrischen Einheit stehen bleibt
  60. Abschlusston Tonlage, die den Ausklang einer lyrischen Einheit bestimmt
  61. Abschnitt Gliederungseinheit lyrischer Rede, die durch Absetzung eine eigene Funktion im Gedicht erhält
  62. Abschnittsabschluss Abschließende Bündelung eines Gedichtabschnitts
  63. Abschnittsanfang Beginn eines lyrischen Abschnitts als formale und semantische Setzung
  64. Abschnittsaufbau Innere Organisation eines lyrischen Abschnitts
  65. Abschnittsauftakt Erster Einsatz eines lyrischen Abschnitts in Stimme, Bild oder Bewegung
  66. Abschnittsbewegung Innere Dynamik eines Gedichtabschnitts aus Bild, Stimme und Satzführung
  67. Abschnittsbild Bild, das einen lyrischen Abschnitt eröffnet oder prägt
  68. Abschnittsende Ende eines lyrischen Abschnitts als Abschluss, Öffnung oder Übergang
  69. Abschnittsgrenze Schwelle zwischen zwei lyrischen Teilbewegungen, an der Wechsel, Bruch oder Übergang sichtbar wird
  70. Abschnittsimpuls Erster Bewegungsstoß, der einen lyrischen Abschnitt in Gang setzt
  71. Abschnittskadenz Rhythmischer Ausklang eines lyrischen Abschnitts
  72. Abschnittsklang Klangliche Prägung eines lyrischen Abschnitts
  73. Abschnittskontrast Gegensatz zwischen zwei lyrischen Abschnitten oder ihren Bewegungen
  74. Abschnittsmitte Mittlere Verdichtungs- oder Umschlagstelle eines lyrischen Abschnitts
  75. Abschnittsmotiv Motiv, das einen lyrischen Abschnitt trägt oder eröffnet
  76. Abschnittsnachhall Nachwirkung eines Bildes, Tons oder Satzes am Abschnittsende
  77. Abschnittspause Pause, die einen lyrischen Abschnitt gliedert oder abschließt
  78. Abschnittsrhythmus Rhythmische Bewegung, die einen Gedichtabschnitt charakterisiert
  79. Abschnittsschluss Schließende oder öffnende Bewegung am Ende eines Gedichtabschnitts
  80. Abschnittsstruktur Gliederung eines Gedichts in semantische oder formale Abschnitte
  81. Abschnittston Tonlage, die einen lyrischen Abschnitt prägt
  82. Abschnittsübergang Verbindung oder Bruch zwischen zwei lyrischen Abschnitten
  83. Abschreckung Wirkungsform drastischer Bilder, durch die Aas Ekel, Vanitas-Erkenntnis und moralische Warnung erzeugt
  84. Abschöpfen Entnehmen des Obenliegenden oder Gewinnträchtigen als Bild von Nutzen, Ertrag und Aneignung
  85. Abschwächung Nachlassen von Wirkung oder Ausdruck, das Abblassen begrifflich erweitert
  86. Abschweifung Formale oder gedankliche Seitenbewegung, die vom geraden Verlauf wegführt und neue Bedeutung eröffnen kann
  87. Abseits Randlage außerhalb der Mitte, in der Ausgrenzung, Einsamkeit oder kritische Distanz lyrisch sichtbar werden kann
  88. Absetzung Formale Unterscheidung eines Gedichtteils, durch die der Abgesang seine eigene Schlusswirkung erhält
  89. Abstraktion Begriffliche Allgemeinheit, die in der Allegorie in anschauliche Gestalt überführt wird
  90. Abstufung Feine graduelle Unterscheidung von Intensitäten, die Abschwächung sichtbar machen kann
  91. Abtasten Suchende Berührung einer Oberfläche oder Stelle zur Prüfung, Orientierung oder Diagnose
  92. Abtönung Feine Veränderung von Klang, Farbe oder Aussage, die graduelle Nuancen erzeugt
  93. Abtrünnigkeit Von einer Gemeinschaft oder Lehre als Treuebruch bewertete Form der Abkehr
  94. Abwägung Gegeneinanderstellen von Gründen, Einwänden und Möglichkeiten vor einer Entscheidung
  95. Abweg Vom Haupt- oder rechten Weg abweichende Richtung zwischen Irrtum, Versuchung und eigenem Pfad
  96. Abweichung Verlassen einer Norm, Richtung oder Erwartung als Fehler, Freiheit, Eigenheit oder Entdeckung
  97. Abweisung Konkrete Form der Ablehnung, in der ein Ich, ein Du oder eine Gemeinschaft Nähe, Bitte oder Anspruch zurückweist
  98. Abwendung Innere oder äußere Entfernung, durch die ein Mensch von Treue, Nähe, Glauben oder Gemeinschaft abfallen kann
  99. Abwesenheit Zustand des Nicht-mehr-Da-Seins, der in der Duftspur dennoch von feiner Nähe durchzogen bleibt
  100. Abzug Verminderung eines Ertrags oder Lohns, die Abgabe als Verlust, Pflicht und soziale Rechnung sichtbar macht
  101. Achtsame Wahrnehmung Genaue lyrische Hinwendung zum Gegenwärtigen als Form von Verweilen, Sammlung und Dingnähe
  102. Achtsamkeit Genaue und gegenwärtige Wahrnehmung, die mit lyrischer Andacht eng verwandt ist
  103. Achtung Grundhaltung des Respekts, aus der anerkennendes Sehen, Sprechen und Antworten hervorgehen kann
  104. Acker Bearbeitete Feldfläche, in der das Erdreich als Nutz- und Wachstumsgrund besonders deutlich hervortritt
  105. Ackerfurche Linienform bearbeiteter Erde, in der Ordnung, Öffnung und Erwartung poetisch sichtbar werden
  106. Ackerland Landwirtschaftlich gegliederter Bodenraum, in dem Furchen die Ordnung der Fläche sichtbar machen
  107. Ader Körper- und Linienbild, durch das Blut als verborgene Lebensbewegung lyrisch sichtbar wird
  108. Aderlassen Historische medizinische Ausleitungspraxis als Bild von Reinigung, Entlastung und älterer Körperlehre
  109. Adler Vogelbild der Höhe, Macht, Freiheit, Schärfe des Blicks und herrscherlichen Symbolik
  110. Adlerblick Scharfe, distanzierte und weitreichende Wahrnehmung, die Erkenntnis und Macht zugleich anzeigen kann
  111. Adresse Richtungszeichen einer brieflichen oder lyrischen Anrede an ein Gegenüber
  112. Adressat Angesprochenes Du oder Ihr, an das sich die Verantwortungsrede des Anklägers richtet
  113. Adressierung Vorgang, durch den lyrische Rede auf ein Gegenüber hin ausgerichtet wird
  114. Äußerung Hervorbringen von Wort, Ton, Zeichen oder Haltung aus dem Inneren in einen öffentlichen Raum
  115. Affekt Stärkere und oft abrupt einsetzende innere Bewegung, von der sich Gefühl als dauerhaftere Form unterscheiden kann
  116. Affektausbruch Plötzliche, starke Entladung eines Gefühls, die aus einem Affektimpuls hervorgehen kann
  117. Affektimpuls Erster emotionaler Anstoß, der den Verlauf eines Gedichts eröffnen kann
  118. Affektverlauf Entwicklung eines Gefühls, die häufig durch Steigerung oder Abschwächung gestuft erscheint
  119. Aggression Angriffsenergie, die in zornigen Affektausbrüchen sprachlich hervorbrechen kann
  120. Ahnung Vorform des Wissens und Spürens, die das Geheimnis in lyrischen Texten häufig begleitet
  121. Akkord Klangliche Bündelung, die im Abgesang als harmonischer oder spannungsvoller Schluss wahrnehmbar werden kann
  122. Akrostichon Gedichtform, bei der Anfangsbuchstaben eine verborgene Botschaft, einen Namen oder eine Ordnung bilden
  123. Akte Schriftlicher Speicher institutioneller Ordnung, in dem Menschen als Vorgänge gesammelt und entschieden werden können
  124. Akzent Gewichtungsfigur im Aufbau, durch die einzelne Stellen, Bilder oder Wendungen besondere poetische Dichte erhalten
  125. Akzentuierung Prozess der Hervorhebung, durch den im Gedicht einzelne Stellen oder Bewegungen besonderes Gewicht erhalten
  126. Alarmierung Steigerung der Aufmerksamkeit durch Warnung und Dringlichkeit als naher Bereich der Aufrüttelung
  127. Alexandriner Streng gegliederter Vers, der zwar nicht antik ist, aber in klassizistischen Kontexten antikisierende Ordnung stützen kann
  128. Alexandrinercouplet Zweizeilige Verbindung von Alexandrinern, die Paarreim, Zäsur und gedankliche Zuspitzung bündelt
  129. Alkäische Strophe Antike Odenstrophe, die in deutscher Lyrik hohen Ton, Maß und klassische Formtradition aufruft
  130. Alkäus Griechischer Lyriker, dessen Name die Alkäische Strophe als antike Odenform bezeichnet
  131. Allegorie Bildhafte Sinnform mit stärker ausgeprägter Entsprechungsstruktur als die meist offenere Anspielung
  132. Alleinsein Zustand ohne unmittelbare Gemeinschaft, der aus Ausschluss entstehen oder von ihm unterschieden werden kann
  133. Allgemeinheit Übergreifender Geltungsanspruch, der aus dem Einzelnen durch Abstraktion gewonnen wird
  134. Alliteration Anlautwiederholung, die mit Binnenreim zur Verdichtung der inneren Klangstruktur beitragen kann
  135. Allmacht Göttliche Machtfigur, die in Hymnus, Klage und Schöpfungslyrik angerufen oder problematisiert wird
  136. Alltag Wiederkehrender Lebenszusammenhang als Grundraum dichterischer Erfahrung und Wahrnehmung
  137. Alltäglichkeit Qualität des Gewöhnlichen und Wiederkehrenden als poetisch erfahrbare Grundform des Lebens
  138. Alltagsdetail Konkreter kleiner Gegenstand oder Vorgang, der hohe lyrische Rede erdet, bricht oder präzisiert
  139. Alltagseinbruch Plötzliche Rückführung des Erhabenen auf konkrete Dinge, die antiklimaktische Wirkung erzeugt
  140. Alltagsmotiv Lyrisches Motivfeld des Gewöhnlichen, Wiederkehrenden und scheinbar Nebensächlichen
  141. Alltagspoesie Dichterische Gestaltung scheinbar gewöhnlicher Lebensmomente als poetisch bedeutsame Erfahrung
  142. Alltagssprache im Gedicht Poetische Verwendung gebräuchlicher Redeweisen, ohne auf Verdichtung und Mehrsinn zu verzichten
  143. Alltagssprache Nüchterne, umgangsnahe Ausdrucksform, die lyrisches Pathos prosaisieren oder konkretisieren kann
  144. Allusion Andeutender Verweis auf Texte, Figuren oder Motive, der im Unterschied zur Ansprache indirekter verfährt
  145. Almosen Gabe an Bedürftige, die in Gedichten Barmherzigkeit, Abhängigkeit oder soziale Ungleichheit sichtbar machen kann
  146. Alphabet Geordnete Buchstabenreihe als Grundlage von Schrift, Benennung und sprachlicher Ordnung
  147. Altar Ort religiöser Darbringung und Verehrung zwischen Opfer, Gebet, Heiligkeit und Bindung
  148. Alter Lebenszustand später Jahre, der in Gedichten durch Körperzeichen, Erinnerung und Würde sichtbar wird
  149. Alter Brief Schriftlicher Erinnerungsträger zwischen Stimme, Vergilbung und vergangener Nähe
  150. Alterität Philosophisch geschärfte Form der Andersheit, in der das Andere als nicht auf das Eigene reduzierbar erscheint
  151. Alterung Sichtbares Wirken der Zeit an Körpern, Dingen, Stimmen, Oberflächen und Erinnerungszeichen
  152. Ambiguierung Erzeugung von Mehrdeutigkeit, die häufig durch abgetönte Aussagen entsteht
  153. Ambiguität Mehrdeutigkeit poetischer Sprache als Grundlage lyrischer Offenheit
  154. Ambivalenz Doppelwertigkeit von Hoffnung und Unruhe, die für die lyrische Ahnung grundlegend ist
  155. Amor Liebesgott und spielerische Erosfigur, die in anakreontischen Gedichten Begehren leicht und scherzhaft personifiziert
  156. Amt Soziale Rolle, aus der ein Abgang als Entlassung, Rücktritt, Rangverlust oder Übergabe gestaltet werden kann
  157. Amtsstimme Öffentliche, rollengetragene Rede, die Befehl, Urteil, Segen, Formel oder Rücktrittswort tragen kann
  158. Amtsdeutsch Formelhafte Verwaltungssprache, die in Gedichten Kälte, Distanz und institutionelle Macht sichtbar machen kann
  159. Amtskleid Robe, Talar oder Mantel als tragbares Zeichen von Rang, Rolle und öffentlicher Verantwortung
  160. Amtsraum Ort offizieller Rede, an dem Schreibtisch, Tür, Akte und Stimme soziale Geltung erhalten
  161. Amtszeichen Robe, Stab, Schlüssel, Siegel oder Titel als sichtbare Träger von Rang, Pflicht und Verantwortung
  162. Amulett Schutzding, das im Aberglauben magische Wirksamkeit, Angstabwehr und greifbaren Trost verbinden kann
  163. Anadiplose Wiederaufnahme eines Ausdrucks vom Ende einer Einheit am Anfang der folgenden Einheit
  164. Anakreon Antiker Dichtername, der leichte Liebes-, Wein- und Genusslyrik als Traditionsraum aufrufen kann
  165. Anakreontik Lyrische Tradition leichter Liebes-, Wein- und Genussdichtung im Anschluss an Anakreon
  166. Analyse Untersuchung der sprachlichen, formalen und bildlichen Strukturen, auf denen Deutung aufbaut
  167. Anapäst Steigender Versfuß, dessen Bewegungsdrang die Atemführung beschleunigen kann
  168. Anapher Wiederholung am Anfang von Versen oder Sätzen, die Ausrufe steigern und rhythmisieren kann
  169. Anbetung Höchste religiöse Verehrung zwischen Hingabe, Lob, Unterwerfung und Gottesbezug
  170. Andacht Gesammelte, stille Aufmerksamkeit, in der Demut, Gebet und Wahrnehmung lyrisch zusammenfinden
  171. Andenken Erinnerungsding, das eine Person, Zeit oder Beziehung in kleiner materieller Form bewahrt
  172. Andenkenspur Resthafte Erinnerung, die im Abblassen von Gegenständen und Bildern sichtbar werden kann
  173. Anderes Gegenüber, das in der Begegnung nicht aufgeht, sondern als eigene Wirklichkeit hervortritt
  174. Andersheit Qualität des Nicht-Eigenen, die Distanz als Verhältnisform zwischen Nähe und Unvereinbarkeit vertieft
  175. Andeutung Poetisches Verfahren, das Ambivalenz durch nicht vollständig ausgesprochene Bedeutung ermöglicht
  176. Aneignung Übernahme von Bildern, Stimmen oder Erfahrungen, die im Gedicht schöpferisch oder problematisch wirken kann
  177. Anerkennung Achtende Wahrnehmung des Anderen, ohne seine Differenz in das Eigene aufzulösen
  178. Anfang Erster Ansatz eines poetischen Geschehens, aus dem Aufbruch als gerichtete Bewegung hervorgehen kann
  179. Anfangsabschnitt Erster Abschnitt eines Gedichts als eröffnende Sinneinheit
  180. Anfangsanklage Anklage, die bereits im ersten Vers oder in der ersten Strophe hervortritt
  181. Anfangsbewegung Dynamik, mit der ein Gedicht oder Abschnitt einsetzt
  182. Anfangsbuchstabe Erstes Schriftzeichen eines Wortes oder Namens, das in Gedichten Erinnerung, Widmung oder Beginn markieren kann
  183. Anfangsfrage Frage am Gedichtbeginn, die Erwartung und Deutungsdruck erzeugt
  184. Anfangsbild Erstes lyrisches Bild, das den Bedeutungsraum eines Gedichts eröffnet
  185. Anfangsgeste Sprech- oder Formbewegung, mit der ein Gedicht seinen Beginn markiert
  186. Anfangsimpuls Erster Bewegungsstoß, der Ton, Thema oder Deutung eines Gedichts eröffnet
  187. Anfangsklang Klangliche Prägung des ersten Verses oder ersten Abschnitts
  188. Anfangskonflikt Konflikt oder Gegensatz, der bereits im Gedichtbeginn sichtbar wird
  189. Anfangslaut Erster Laut eines Wortes als Träger lyrischer Klangverknüpfung
  190. Anfangsmotiv Motiv, das am Gedichtanfang erscheint und die weitere Deutung vorbereitet
  191. Anfangsraum Raum, der in der ersten Strophe als Schauplatz oder Bedeutungsfeld eröffnet wird
  192. Anfangsrhythmus Rhythmische Bewegung, mit der ein Gedicht oder Abschnitt einsetzt
  193. Anfangssatz Erster Satz eines Gedichts, der Ton, Syntax und Erwartung prägt
  194. Anfangssituation Ausgangslage, die am Gedichtbeginn für Stimme, Bild und Handlung gesetzt wird
  195. Anfangsspannung Emotionale und formale Spannung, die durch den ersten Vers aufgebaut wird
  196. Anfangsstimmung Stimmungsraum, der in der ersten Strophe eines Gedichts entsteht
  197. Anfangsstrophe Erste Strophe eines Gedichts als Eröffnung von Stimme, Bild und Bewegung
  198. Anfangsstruktur Formale und semantische Ordnung, die den Gedichtbeginn prägt
  199. Anfangston Erste klangliche und sprachliche Setzung, durch die ein Gedicht seinen Grundcharakter gewinnt
  200. Anfangsvers Erste Verszeile, in der der Anfangston eines Gedichts besonders konzentriert hervortritt
  201. Anfangszeit Zeitliche Lage, die am Gedichtanfang gesetzt oder angedeutet wird
  202. Anfrage Suchende oder bittende Redeform, deren ausbleibende Erwiderung Antwortverweigerung erzeugt
  203. Angesicht Beziehungs- und Lichtmotiv, durch das der Aaronitische Segen göttliche Zuwendung sichtbar macht
  204. Angriffsgestus Gestische Haltung einer Rede, die ein Gegenüber konfrontiert oder bedrängt
  205. Angriffsrede Redeform, die ein Gegenüber direkt oder indirekt bedrängt und herausfordert
  206. Angriffston Stimmliche Haltung, die Rede als Konfrontation und nicht als bloße Aussage erscheinen lässt
  207. Angst Innere Reaktionsform auf Bedrohung, die im Gedicht als Beklemmung und Alarmiertheit hervortritt
  208. Anhänger Körpernah getragenes Ding an Kette oder Band, das Schutz, Erinnerung oder Liebeszeichen tragen kann
  209. Anker Attribut der Hoffnung, das in Gedichten Halt, Erwartung und bedrohte Zuversicht anzeigen kann
  210. Anklage Sprach- und Gerechtigkeitsform, in der Schuld benannt und zur Verantwortung gerufen wird
  211. Anklageanfang Anfang einer lyrischen Anklagebewegung aus Vorwurf, Frage oder Unrechtsbild
  212. Anklageaufbau Aufbau eines Gedichts, der Vorwurf, Beleg und Verantwortungsforderung entfaltet
  213. Anklagebeginn Gedichtbeginn, der eine anklagende Rede- oder Verantwortungsbewegung eröffnet
  214. Anklagebeleg Bild, Spur oder Formelement, das einen lyrischen Vorwurf stützt
  215. Anklagebewegung Innere Bewegung eines Gedichts von Wahrnehmung zu Schuldbenennung und Forderung
  216. Anklagebild Bild, das eine Schuld- oder Unrechtssituation sichtbar macht
  217. Anklageeinsatz Erster Einsatz einer anklagenden Stimme oder Redehaltung im Gedicht
  218. Anklagefrage Frage, die nicht neutral sucht, sondern einen Vorwurf sichtbar macht
  219. Anklagegestus Gestische Haltung der lyrischen Rede, die Schuld oder Unrecht vorführt
  220. Ankläger Sprechinstanz, die Unrecht benennt und Täter, Macht oder Gewissen zur Verantwortung ruft
  221. Anklagekette Reihung mehrerer Vorwürfe, die eine lyrische Gegenrede aufbaut
  222. Anklagepunkt Einzelner Vorwurf innerhalb einer lyrischen Anklagebewegung
  223. Anklagerede Gerichtete lyrische Rede, die Täter, Mächte oder Zustände beschuldigt
  224. Anklagereihung Reihung mehrerer Vorwürfe, Fragen oder Belegbilder im Gedicht
  225. Anklageschluss Schlussform einer lyrischen Anklage zwischen Forderung, Frage und Nachhall
  226. Anklagestimme Lyrische Stimme, die aus Vorwurf, Empörung oder Zeugenschaft spricht
  227. Anklagestruktur Auf Schuldbenennung und Verantwortungsforderung ausgerichtete Gedichtstruktur
  228. Anklageton Tonlage, in der ein Gedicht Schuld oder Unrecht ausdrücklich zur Sprache bringt
  229. Ankunft Erwartetes Eintreffen eines Du, das eine lyrische Abrede erfüllen oder enttäuschen kann
  230. Anlaut Anfangslaut eines Wortes, dessen Wiederkehr Klangbindung durch Alliteration stiften kann
  231. Anrede Sprachliche Hinwendung zu einem Gegenüber als Grundform des poetischen Anrufs
  232. Anredeabbruch Unterbrochene Hinwendung an ein lyrisches Du, die Nähe, Scheu, Schmerz oder Beziehungsstörung sichtbar macht
  233. Anredeanfang Gedichtbeginn, der durch direkte Anrede ein Gegenüber herstellt
  234. Anredeauftakt Auftakt eines Abschnitts oder Gedichts durch direkte Ansprache
  235. Anruf Typische Eröffnungsgeste, die im Anfangsvers Nähe, Feierlichkeit oder Dringlichkeit erzeugen kann
  236. Anrufung Feierliche Gottes-Anrede, die Abendsegen als Bitte um Bewahrung eröffnen kann
  237. Anschaulichkeit Sinnliche Fassbarkeit dichterischer Sprache als notwendiger Gegenpol allgemeiner Geltung
  238. Anschauung Sinnlich geformte Vergegenwärtigung, aus der lyrische Bilder ihre poetische Präsenz gewinnen
  239. Anschluss Verbindung zwischen Versen, Sätzen oder Strophen, die durch Wiederaufnahme gestaltet werden kann
  240. Anschlussreim Reimverbindung, durch die Vers- oder Strophenteile klanglich aneinander gebunden werden
  241. Anspannung Dynamische Wirkung, die Akzentuierung erzeugen kann, wenn sie Erwartung und poetischen Druck bündelt
  242. Anspielung Indirekter Verweis, durch den poetische Bedeutung erweitert und vertieft wird
  243. Ansprache Direkte Zuwendung im Gedicht, die im Gegensatz zur Anspielung eher explizit verfährt
  244. Anspruch Forderung nach Nähe, Antwort, Anerkennung oder Recht, die durch Abweisung begrenzt werden kann
  245. Anteil Zugemessener Teil eines Ganzen, der in Lyrik Gerechtigkeit, Teilhabe oder Mangel anzeigen kann
  246. Anthropologie Lehre vom Menschen, hier besonders von seiner Widerstandskraft, Zeitlichkeit und Lebensform
  247. Antike Kultureller Bezugsraum, dessen Mythen, Figuren und Formen in Gedichten häufig allusiv aufgerufen werden
  248. Antikenbezug Lyrischer Rückgriff auf antike Namen, Formen und Motive, zu denen Apollon besonders häufig gehört
  249. Antiklimax Abfallende Steigerungsform, die asyndetische Reihen ironisch oder ernüchternd wenden kann
  250. Antithese Gegenüberstellung entgegengesetzter Begriffe, Bilder oder Aussagen zur Steigerung der Spannung
  251. Antlitz Gehobene Bezeichnung für Gesicht oder Angesicht mit feierlicher, religiöser oder ikonischer Färbung
  252. Antwort Grundform poetischer Erwiderung, die im Echo als widerhallende Rückgabe hörbar wird
  253. Antworterwartung In der Anfrage angelegte Hoffnung auf Erwiderung, Zeichen oder Resonanz
  254. Antwortlosigkeit Ausbleibende Erwiderung, durch die die Stimme einer Außenseiterfigur ohne Resonanz bleibt
  255. Antwortverweigerung Nicht gewährte Erwiderung, durch die eine allein sprechende Stimme ohne Resonanz bleibt
  256. Anverwandlung Schöpferische Form der Aneignung, in der fremdes Material verwandelt und neu belebt wird
  257. Aphorismus Zugespitzte Denkform, die Einsicht, Pointe und sprachliche Verdichtung miteinander verbindet
  258. Apokalypse Offenbarungs- und Endzeitvorstellung, aus der lyrische Bilder von Gericht, Zeichen und Weltende hervorgehen
  259. Apokalyptik Bild- und Erwartungshorizont von Ende, Gericht und Offenbarung, der in lyrischen Allusionen anklingen kann
  260. Apollon Antiker Gott des Lichts, der Musik und Dichtung, der in Lyrik Maß, Kunst und Inspiration symbolisieren kann
  261. Apollinisch Bezeichnung für helle, maßvolle, formbewusste und ordnende Kunstqualitäten im Anschluss an Apollon
  262. Aposiopese Bewusstes Abbrechen eines Satzes, durch das Affekt, Schweigen oder unausgesprochener Sinn sichtbar werden
  263. Apostrophe Rhetorische Figur der Hinwendung an ein Gegenüber, eng verwandt mit der poetischen Anrede
  264. Appell Fordernde oder mahnende Redeweise, die in der Apostrophe oft eine verdichtete Form annimmt
  265. Arbeit Grundvollzug tätiger Weltbeziehung, der in der Bauernfigur elementar verkörpert erscheint
  266. Arbeiterlied Singbare Form sozialer Lyrik, die Arbeit, Solidarität, Protest und gemeinschaftliche Stimme verbindet
  267. Arbeiterlyrik Sozial geprägte Lyrik der Arbeitenden, in der Lohn, Fabrik, Körper und Ausbeutung zentrale Motive sein können
  268. Archiv Ort geordneter Bewahrung von Schrift, Namen und Erinnerungen, der alphabetische Ordnung lyrisch aufrufen kann
  269. Argument Begründender Gedanke, der eine Aussage stützt, angreift oder differenziert
  270. Ariadne Mythische Figur von Faden, Verlassenheit und Rettung, die in Gedichten antike Beziehungsmuster öffnen kann
  271. Ariadnefaden Orientierungsfaden im Labyrinth, der lyrisch Spur, Beziehung, Rettung und poetische Struktur bezeichnen kann
  272. Arkadien Antik geprägte Ideallandschaft, die in Odenstrophen als Raum von Natur, Maß und Sehnsucht erscheinen kann
  273. Armut Soziale Mangellage, die im dünnen Brot, leeren Teller oder geteilten Rest lyrisch konkret werden kann
  274. Artikulation Formwerdung von Stimme, Wort und Sinn, durch die lyrische Äußerung hörbar und lesbar wird
  275. Asche Rückstand des Brandes als lyrisches Bild von Verlust, Nachwirkung, Ende und möglicher Erneuerung
  276. Aschgrau Farbton der Entfärbung und Ernüchterung, durch den Asche ihre besondere lyrische Kargheit erhält
  277. Askese Selbstminderung und Verzicht, die Aderlassen als religiöses oder poetisches Entleerungsbild berühren können
  278. Assonanz Vokalische Klangähnlichkeit, die Wörter durch wiederkehrende Vokale verbindet
  279. Assoziation Gedankliche und bildhafte Verbindung, durch die lyrische Anschauungen miteinander verknüpft werden
  280. Asyndeton Konjunktionslose Reihung, die Aufzählungen beschleunigt, verdichtet oder hart nebeneinanderstellt
  281. Atem Stimmliche Bewegungsform des Gedichts, die durch elliptische Verkürzung stocken oder sich verdichten kann
  282. Atembewegung Rhythmischer Verlauf von Ein- und Ausatmen, der Vers, Pause und Stimmführung mitbestimmt
  283. Atemdruck Spürbare Verdichtung und Beschleunigung des Sprechens, die durch konjunktionslose Reihung entstehen kann
  284. Atemführung Lenkung des Sprech- und Leseratems durch Verslänge, Syntax, Pause, Rhythmus und Zeilenbruch
  285. Atemknappheit Verkürzter Atem, durch den Reduktion, Erschöpfung und Ausdünnung sprachlich erfahrbar werden
  286. Atemnot Motivische oder formale Enge des Sprechens, die durch gedrängte Atemführung erfahrbar wird
  287. Atmosphäre Stimmungsraum zwischen Wahrnehmung, Umgebung und poetischer Verdichtung
  288. Atmung Leiblicher Grundvollzug, der unter Enge gehemmt, verflacht oder stockend erfahren werden kann
  289. Attribut Kennzeichnendes Beizeichen allegorischer Figuren, etwa Waage, Kranz oder Fackel
  290. Aufbau Formale Ordnung des Gedichts, durch die seine Lesbarkeit als Zusammenhang getragen wird
  291. Aufbruch Anfang einer gerichteten Bewegung als poetische Figur von Öffnung und Veränderung
  292. Auferstehung Christliche Hoffnungsfigur der Überwindung von Tod und Grab als äußerste Form der Erlösung
  293. Aufklärung Denkbewegung der Prüfung, Vernunft, Kritik und Befreiung von Unmündigkeit, Irrtum und Aberglauben
  294. Aufmerksamkeit Gesteigerte Wahrnehmungsbereitschaft, die die Alarmierung poetisch hervorbringen will
  295. Aufruf Offene und häufig kollektive Form des Appells mit starker Wirkungsorientierung
  296. Aufrufung Feierliche Anrede einer höheren Macht, die in Anbetung, Hymnus und Gebet gesteigert erscheinen kann
  297. Aufrüttelung Erzeugung von Wachheit und Erschütterung als häufiges Ziel des Aufrufs
  298. Auftritt Gegenfigur zum Abgang, durch die das Betreten einer Szene, Rolle oder lyrischen Präsenz markiert wird
  299. Aufschub Form der Erwartung, in der Einlösung verzögert und Spannung gerade dadurch aufrechterhalten wird
  300. Aufstand Kollektiver politischer Ausbruch gegen Unterdrückung, Macht oder soziale Ungerechtigkeit
  301. Auftakt Eröffnende Vers- oder Bewegungsgeste, die die Abfolge eines Gedichts vorbereitet
  302. Aufzählung Reihendes Verfahren, das Dinge, Orte oder Merkmale nebeneinanderstellt und rhythmisch ordnet
  303. Aufzeichnung Festhalten von Stimme, Ereignis oder Erinnerung, das im Gedicht dokumentarische und lyrische Funktion verbinden kann
  304. Auge Zentrales Organ des Blicks, durch das Angesicht, Gegenblick und Beziehung lyrisch erfahrbar werden
  305. Augenblick Zeitlich verdichteter Moment, in dem der Abend poetisch besonders intensiv erscheinen kann
  306. Augenblicksdichtung Lyrische Konzentration auf einen verdichteten Moment der Wahrnehmung oder Erkenntnis
  307. Augenlicht Lebendiger Glanz des Sehens, der Hoffnung, Erkenntnis, Liebe oder Erlöschen anzeigen kann
  308. Ausatmen Körperliche Entlastungsbewegung, die wie ein luftförmiger Abfluss innerer Spannung wirken kann
  309. Ausbeutung Verhältnis, in dem fremde Arbeit, Not oder Schwäche zum eigenen Vorteil genutzt wird
  310. Ausbleichen Verlust von Farbe und Bildkraft, der eine visuelle Form der Ausdünnung bildet
  311. Ausblick Bewegung des Blicks in die Ferne als Form räumlicher und innerer Öffnung
  312. Ausbluten Steigerung des Blutverlusts, die in Lyrik körperliche, soziale oder seelische Auszehrung bezeichnet
  313. Ausbruch Plötzliche Entladung von Gefühl, Gewalt, Bewegung oder Ereignis aus einer vorherigen Spannung
  314. Ausdünnung Verringerung von Fülle, Dichte oder Klang, durch die Auszehrung formal erfahrbar wird
  315. Ausdruck Sichtbar- oder Hörbarwerden innerer Bewegung in Wort, Klang, Geste, Träne oder Form
  316. Ausgang Letzte Bewegungsrichtung eines Gedichts zwischen Abschluss, Offenheit und Nachwirkung
  317. Ausgrenzung Soziale Form der Abweisung, durch die ein Ich aus Gemeinschaft, Raum oder Anerkennung ausgeschlossen wird
  318. Ausklang Nachwirkende Schlussbewegung eines Verses oder einer Strophe, die durch Reim hörbar verlängert wird
  319. Auslassung Poetisches Weglassen, das den Atem des Gedichts verkürzt, verdichtet oder unterbricht
  320. Auslassungspunkte Interpunktionszeichen, das zögernde, schwebende oder verstummende Anrede markieren kann
  321. Auslegung Deutende Erschließung poetischer Sinnzusammenhänge im Gedicht
  322. Ausleitung Bild des Herausführens belastender Stoffe, Schuld oder Spannung aus Körper, Seele oder Gemeinschaft
  323. Ausmessen Genaue Erfassung von Raum, Abstand oder Form durch Maß, Blick, Hand oder Werkzeug
  324. Ausrede Sprachliche Ausweichfigur, die Verantwortung, Wahrheit oder klare Festlegung umgeht
  325. Ausruf Emphatische Sprechform, die als Auftakt starke Affekt- und Tonwirkung erzeugen kann
  326. Ausrufezeichen Satzzeichen der Emphase, das lyrische Ausrufe sichtbar markieren oder bewusst überzeichnen kann
  327. Aussage Explizitere Bedeutungsform, die im Gedicht mit Inhalt verwandt, aber nicht mit ihm identisch ist
  328. Ausschluss Verweigerung von Teilhabe, durch die ein fehlender Anteil an Sprache, Gemeinschaft oder Recht erkennbar wird
  329. Außen Raumposition jenseits eines Innenbereichs, in der Alleinsein als Abstand oder Randlage erscheint
  330. Außenraum Gegenbereich zum Innenraum, in den der Ausblick das lyrische Ich räumlich und innerlich öffnet
  331. Außenseiter Randfigur, deren fehlende oder neu gewonnene Anerkennung lyrisch sichtbar werden kann
  332. Außenseiterfigur Lyrische Gestalt verweigerter Zugehörigkeit, die Randblick, Verletzung und Gegenstimme verbinden kann
  333. Aussprache Lautliche Realisierung von Wörtern, durch die Gedichte im Vortrag ihre konkrete Artikulation gewinnen
  334. Auswahl Poetische Entscheidung, aus der Fülle der Wahrnehmung einzelne Bilder, Töne oder Bedeutungen herauszuheben
  335. Ausweg Bild einer möglichen Öffnung aus Enge und Bedrängnis in Richtung Befreiung
  336. Auszehrung Langsame Entkräftung von Körper, Seele, Sprache oder Gemeinschaft als Grundbewegung des Ausblutens
  337. Authentizität Wirkung von Wahrhaftigkeit und Nähe, die in Bekenntnislyrik poetisch erzeugt und zugleich problematisch bleibt

B

  1. Bach Kleine Form fließenden Wassers, in der Rhythmus, Richtung und feine Beweglichkeit besonders deutlich hervortreten
  2. Bachbett Gerichtete Form des Geländes, in der der Bach seinen Verlauf einschreibt und Landschaft gliedert
  3. Bahnhof Moderner Übergangsraum des Außen, in dem Fremde, Aufbruch und Vereinzelung zusammentreten
  4. Barmherzigkeit Religiöse Zuwendung Gottes, die im Bittgebet als Erbarmen, Trost und Gnade erbeten wird
  5. Bauer Gestalt der Feldarbeit, die das Ackerland als Raum menschlicher Mühe und Bindung verkörpert
  6. Baum Garten- und Naturmotiv von Wachstum, Verwurzelung, Schatten, Dauer und Jahreszeitlichkeit
  7. Beachtung Aufmerksame Hinwendung, aus der poetische Differenzierung hervorgehen kann
  8. Bearbeitung Verändernder Umgang mit Material und Raum als Grundgestalt der Arbeit
  9. Bedeutung Sinngehalt poetischer Sprache, der sich im Bild häufig verdichtet und vervielfacht
  10. Bedrängnis Äußere oder innere Drucklage, aus der Erlösung als Befreiung erhofft wird
  11. Bedrohung Erfahrungsform, die im Raum der Dunkelheit häufig poetisch intensiviert erscheint
  12. Bedürftigkeit Grundlage der Bitte als lyrischer Anerkennung von Mangel, Grenze und Abhängigkeit
  13. Befreiung Vorgang der Lösung aus Druck, Enge oder Bindung, aus dem Freiheit hervorgehen kann
  14. Begegnung Moment der Nähe zwischen Ich und Du, zu dem die Brücke als Beziehungsbild hinführen kann
  15. Begegnungsaugenblick Kurz verdichteter Moment, in dem Ich und Anderes einander berühren
  16. Bekenntnis Sprechform der Anerkennung eigener Wahrheit, die aus Besinnung und Selbstprüfung hervorgehen kann
  17. Bekenntnisgedicht Einzelnes Gedicht, das Ich-Rede, Selbstoffenlegung und Authentizitätswirkung besonders deutlich gestaltet
  18. Bekenntnislyrik Lyrische Formen, in denen Ich-Rede, Selbstoffenlegung und Wahrheitsanspruch besonders hervortreten
  19. Bekenntniston Klangliche und rhetorische Färbung, die das einzelne Bekenntnisgedicht glaubwürdig oder inszeniert wirken lässt
  20. Beklemmung Leibnahe Enge und Drucklage als typische Erscheinungsform poetischer Angst
  21. Beobachtung Genaues Hinsehen als Grundlage dichterischer Anschaulichkeit
  22. Berührung Leibnahe Erfahrung, die im Hauch ihre zarteste und am wenigsten greifbare Form gewinnt
  23. Beschreibung Sachliche Erfassung des Textbestands als notwendige Grundlage der Analyse
  24. Besinnung Innere Rückkehr zur Sammlung, die achtsame Wahrnehmung vorbereitet und vertieft
  25. Bevorstehen Zeitliche Nähefigur des Aufschubs, in der etwas kommend erscheint, aber noch nicht eintritt
  26. Bewegung Dynamik des Übergangs, in der durchlässige Räume und Wahrnehmungen sich entfalten
  27. Beziehung Wechselseitiger Bezug, der im Blick als Form von Nähe, Zuwendung oder Distanz sichtbar wird
  28. Beziehungstiefe Vertiefte Form von Welt- und Selbstbezug, die im Fensterraum verdichtet auftreten kann
  29. Bild Poetische Anschauungsform, die konkrete Wahrnehmung und übertragene Bedeutung verbinden kann
  30. Bildbruch Unerwarteter Wechsel oder Zusammenstoß von Bildfeldern, der lyrische Irritation und Spannung erzeugt
  31. Bildfeld Zusammenhängender Bereich lyrischer Bildlichkeit, dessen Ordnung durch den Bildbruch gestört wird
  32. Bildfolge Aufeinanderfolge lyrischer Bilder, die durch Abendrot in einen Ausklang geführt werden kann
  33. Bildkette Folge miteinander verbundener Bilder, die eine lyrische Bewegung assoziativ entfaltet
  34. Bildlichkeit Sprachliche Veranschaulichung, durch die ein einzelner Moment poetische Präsenz erhält
  35. Binnenreim Reim innerhalb eines Verses, der den Klang verdichtet und die Binnenstruktur rhythmisiert
  36. Bitte Sprechform der Bedürftigkeit, die den Bekenntniston demütig, gebetshaft oder schuldbewusst färben kann
  37. Bittgebet Religiöse Bitte, in der Abhängigkeit von Gott als Schutz-, Gnade- oder Trostverlangen erscheint
  38. Blatt Herbstliches Naturmotiv, das im Licht farbig aufleuchtet und Vergänglichkeit sichtbar macht
  39. Blattfall Bewegungsfigur des Vergehens, in der sich das Blatt vom Baum löst und zur Erde sinkt
  40. Blau Farbfigur des Himmels, die Weite, Ruhe, Kühle und Offenheit poetisch tragen kann
  41. Blick Wahrnehmungsrichtung und Perspektive, durch die Beobachtung poetisch geordnet wird
  42. Blume Klassisches lyrisches Motiv von Schönheit, Leben, Vergänglichkeit, Liebe und poetischer Zartheit
  43. Blut Rotes Bildfeld, das Abendrot in schmerzliche, opferhafte oder bedrohliche Bedeutungen verschieben kann
  44. Blüte Vegetative Erscheinungsform, in der Fülle als geöffnete und sichtbare Reichtumsform hervortritt
  45. Blütenbaum Verdichtete Erscheinungsform der Blüte im Raum als Bild von geöffneter Fülle und zeitlicher Schönheit
  46. Blütenfülle Verdichtete Erscheinung vieler Blüten als gesteigerte Form vegetativer Fülle
  47. Blutlauf Innere Bewegung des Blutes, die in Adern als verborgener Lebensrhythmus erscheint
  48. Blutrot Intensive Rotfärbung, die Blutlauf, Wärme, Glut, Leidenschaft und Verletzlichkeit sichtbar machen kann
  49. Boden Stofflicher Grund, an dem Bearbeitung als Öffnung, Gliederung und Widerstand erfahrbar wird
  50. Brand Feuer- und Zerstörungsbild, das Blutrot in Richtung Gefahr, Glut und Untergang verschieben kann
  51. Bruch Formale Unterbrechung, die durch Auslassung im Satz, Vers oder Bedeutungsverlauf entstehen kann
  52. Bruchempfindung Erfahrung des Abreißens vertrauter Kontinuitäten, die der Erschütterung in ihrer inneren Struktur eng verwandt ist
  53. Brücke Übergangsbild, das einen Ausweg über Trennung, Abgrund oder Hindernis hinweg sichtbar macht
  54. Buße Haltung der Umkehr, die mit der Bitte um Barmherzigkeit und Vergebung verbunden ist

C

  1. Chiffre Verdichtetes poetisches Zeichen, dessen Sinn offen, rätselhaft und mehrschichtig bleibt

D

  1. Daktylus Metrisches Grundmuster aus einer Hebung und zwei Senkungen mit oft schwingender oder feierlicher Wirkung
  2. Dämmerung Übergangslicht, in dem Gedichte häufig leise, offene oder melancholische Ausgänge finden
  3. Demut Haltung der Selbsternüchterung, die im aschgrauen Rückgang von Glanz und Stolz sichtbar werden kann
  4. Detail Kleines Element der Erscheinung, das durch Aufmerksamkeit poetisch bedeutungsvoll werden kann
  5. Deutung Interpretative Erschließung von Bildzusammenhängen, Symbolen und Bildfeldbewegungen im Gedicht
  6. Dialog Wechselrede, in der Begegnungsaugenblicke als Antwort und Gegenantwort gestaltet werden können
  7. Dichtungssprache Poetisch verdichtete Sprachform, in der Laut, Bild, Rhythmus und Sinn zusammenwirken
  8. Differenz Unterschied als grundlegende Bedingung jeder Form von Abstand und Beziehung
  9. Differenzierung Feinere Ausarbeitung von Unterschieden innerhalb eines Wahrnehmungs- oder Bedeutungsfeldes
  10. Ding Konkreter Gegenstand, dem Beachtung im Gedicht Eigengewicht und poetische Präsenz verleiht
  11. Dinggedicht Konzentrierte Gedichtform, in der die Dingpoetik besonders ausdrücklich hervortritt
  12. Dingpoetik Poetische Orientierung auf Gegenstände und ihre Eigenpräsenz als zentrales Verfahren der Lyrik
  13. Diskontinuität Unterbrochene Struktur von Wahrnehmung und Sprache, die freie Verse besonders gut gestalten können
  14. Distanz Zentrale Erfahrungsform der Entfremdung, in der Nähe in Abgerücktheit und Unzugänglichkeit umschlägt
  15. Druck Lastendes Moment, das Beklemmung körperlich und räumlich bestimmt
  16. Du Angesprochenes Gegenüber und zentrale Instanz dialogischer Lyrik
  17. Duft Sinnliche Ausstrahlung, die Blütenfülle über das Sichtbare hinaus atmosphärisch wirksam macht
  18. Duftspur Feine Fortsetzung des Dufts im Raum als Zeichen von Bewegung, Erinnerung oder verbleibender Atmosphäre
  19. Dunkelheit Häufiger Gegenpol zu Licht, Offenheit oder Erkenntnis in kontrastiv gebauten Gedichten
  20. Durchlässigkeit Offene Struktur von Raum und Wahrnehmung, in der vertiefte Beziehung entstehen kann

E

  1. Echo Akustische Grundfigur des Widerhalls, in der Klang seine resonante Seite besonders deutlich zeigt
  2. Eigenwirklichkeit Eigene Präsenz des Du, die nicht vollständig vom Ich vereinnahmt wird
  3. Einkehr Innere Sammlung, die den Blick für kleine, tragfähige Einzelheiten schärfen kann
  4. Einschnitt Zeitliche und existentielle Zäsur, deren innere Erfahrungsform die Bruchempfindung bezeichnet
  5. Einschreibung Grundfigur des Bachbetts, in der Bewegung sich als bleibende Form in die Landschaft einzeichnet
  6. Einsicht Gewonnene Erkenntnis, die sich in einer lyrischen Aussage verdichten kann
  7. Einzelheit Kleines Merkmal, an dem die Präzision des Dinggedichts sichtbar wird
  8. Eis Verdichtete Materialgestalt des Frosts, in der Verhärtung, Glätte und gebundene Bewegung anschaulich werden
  9. Ellipse Auslassungsfigur, durch die lyrische Bedeutung knapp, offen und andeutend erscheinen kann
  10. Empfänglichkeit Bereitschaft, feine Einzelzüge der Welt wahrzunehmen und nicht zu übergehen
  11. Empfindung Innere Resonanz leibnaher Erfahrung, die in der Berührung unmittelbar ausgelöst wird
  12. Endlichkeit Grundfigur begrenzten Lebens, die im fallenden Blatt poetisch sichtbar wird
  13. Enge Räumliche und leibliche Einschränkung, die Druck als poetische Last konkretisiert
  14. Enjambement Zeilensprung, der daktylische Bewegung über die Versgrenze hinwegführen oder spannen kann
  15. Entfremdung Mögliche Folge eines Einschnitts, wenn Vertrautheit in Fremdheit und Distanz umschlägt
  16. Entzug Grundbewegung der Abwesenheit, in der Gegenwart zurückweicht und doch wirksam bleibt
  17. Erbarme dich Gebetsformel, in der Buße, Schuld und Bitte um göttliche Barmherzigkeit verdichtet erscheinen
  18. Erbarmen Göttliche Zuwendung, die durch Anrufung ausdrücklich erbeten werden kann
  19. Erde Grundelement, dessen konkrete und tragende Gestalt im Boden dichterisch hervortreten kann
  20. Erdreich Bodenhafte Dimension der Flur, in der Wachstum, Arbeit und stoffliche Landschaftsnähe konzentriert erscheinen
  21. Erlösung Befreiung aus Schuld, Angst oder Not, auf die Erbarmensbitten hoffend gerichtet sein können
  22. Erneuerung Grundbewegung des Frühlings, in der Natur und Innerlichkeit neu beginnen
  23. Erstarrung Zustandsfigur des Eises, in der Fließen gehemmt und Lebendigkeit in harte Ruhe überführt wird
  24. Erdverbundenheit Nähe zu Boden und Wachstum als zentrales Erfahrungsmoment der Feldarbeit
  25. Erinnerung Zeitlich verzögerte Wiederkehr von Vergangenem, die als Form innerer Antwort lesbar werden kann
  26. Erinnerungsraum Poetischer Ort, in dem Vergangenes gebunden bleibt und gegenwärtig wieder hervortreten kann
  27. Ernte Abschluss des Wachsens, das in der Erde seinen verborgenen Anfang nimmt
  28. Erscheinung Art des Hervortretens der Welt, die in der Einkehr genauer wahrgenommen werden kann
  29. Erschütterung Heftige Form innerer Bewegung, in der Affekt sich als seelischer Stoß und Umbruch zeigt
  30. Erwartung Zeitliche Grundstruktur der Anspannung, in der etwas vorbereitet, zurückgehalten oder noch nicht eingelöst bleibt

F

  1. Farbe Wahrnehmungsqualität, an der Erscheinung besonders sinnfällig hervortreten kann
  2. Feinheit Nuancierte und leicht übersehbare Qualität, für die Empfänglichkeit besonders offen ist
  3. Feingefühl Verfeinerte Urteilskraft und sensible Reaktion auf kleine Unterschiede und Stimmungen
  4. Feld Offener Landschaftsraum, der in der Ernte seine dichteste Gestalt aus Reife, Schnitt und Sammlung erhält
  5. Feldarbeit Leiblicher Vollzug auf offener Fläche, der das Feld mit Mühe, Pflege und Zeitrhythmus verbindet
  6. Fenster Vermittelnde Raumfigur zwischen Innen und Außen, Nähe und Ausblick
  7. Ferne Raumdimension, die durch Licht am Horizont geöffnet, getönt oder verschleiert werden kann
  8. Fläche Räumliche Ausdehnung, die im Grund ihre tragende und unterlagernde Voraussetzung besitzt
  9. Fließendes Wasser Gegenfigur der Erstarrung, in der Bewegung offen bleibt, während sie im Erstarrten gehemmt erscheint
  10. Flüchtigkeit Zeitliche Qualität des Entzugs, in der das Zurückweichende nur noch momenthaft greifbar bleibt
  11. Flur Verbindender Innenraum des Hauses, der Übergänge, Schritte und alltägliche Bewegungen poetisch bündeln kann
  12. Form Gestaltseite des Gedichts, in der Einsicht nicht nur ausgedrückt, sondern hervorgebracht wird
  13. Formprinzip Inneres Ordnungsprinzip, das ein Gedicht in seiner Gestalt zusammenhält
  14. Formung Prozess, durch den Fläche durch Linien, Spuren und Ordnung gegliedert und bestimmt wird
  15. Frage Sprechform, die Eigenwirklichkeit des Gegenübers durch erwartete Antwort anerkennt
  16. Fragment Offene oder unvollständige Textgestalt, in der Diskontinuität strukturbildend wird
  17. Freier Vers Versform ohne durchgehend festes Metrum, in der Enjambements häufig die Zeilenbewegung organisieren
  18. Freiheit Gegenfigur gehemmt erfahrener Atmung als Zustand offener, unbedrängter Lebendigkeit
  19. Freiraum Gewonnener Spielraum von Wahrnehmung, Bewegung und Stimme als konkrete Folge poetischer Befreiung
  20. Fremdheit Erfahrungsqualität, in die Vertrautheit unter den Bedingungen der Entfremdung umschlägt
  21. Frieden Mögliche Antwort auf fragende Unruhe, Klage oder Sehnsucht
  22. Frische Atmosphärische Qualität jungen Grases, die Frühling, Tau und Neubeginn verbindet
  23. Frost Konkretisierte Naturgestalt der Kälte, in der Erstarrung, Schärfe und Winterlichkeit anschaulich werden
  24. Fruchtbarkeit Möglichkeit des Wachsens, für die die Furche den Boden öffnet und vorbereitet
  25. Frühling Jahreszeitenmotiv von Aufbruch und Blüte, in dem die Blume als Lebenszeichen besonders wirksam wird
  26. Fülle Sichtbare Entfaltung des Gewordenen, in der Fruchtbarkeit ihren Höhepunkt der Erscheinung erreicht
  27. Furche Sichtbare Einschreibung von Formung in Erde und Fläche als Linie, Öffnung und Ordnung

G

  1. Garten Gestalteter Naturraum, in dem Erneuerung als Blühen, Wachsen und Wiederkehr poetisch sichtbar wird
  2. Gebet Religiöse Anrede, in der Frieden als Gabe, Trost, Schutz oder Antwort erbeten wird
  3. Gebetslyrik Lyrikform, in der Gebet als Anrede, Bitte, Klage, Dank oder Lob poetisch gestaltet wird
  4. Geborgenheit Erfahrung von Schutz und Zugehörigkeit, die Gebetslyrik als bewahrende Gottesnähe sucht
  5. Gedächtnis Dauerform, in der Einschreibung Vergangenes nicht bewahrt wie Besitz, sondern wie geprägte Spur erhält
  6. Gedankenstrich Satzzeichen der Unterbrechung, das Pause, Einschub, Bruch oder offenes Innehalten markieren kann
  7. Gefäß Form des Haltens, deren Glas- oder Metalloberfläche Glanz und Bedeutung sammeln kann
  8. Gefühl Weiter ausgeformte seelische Gestalt, zu der sich Empfindung verdichten oder von der sie sich unterscheiden kann
  9. Gegenrede Antwortende Stimme eines Gegenübers, die Zustimmung, Widerspruch oder Korrektur bringen kann
  10. Gegenstand Konkretes Ding, das als stumme Gegenrede zur Deutung des Ich auftreten kann
  11. Gegenüber Adressierte Instanz, deren Nähe Geborgenheit ermöglichen kann
  12. Gegenwart Zeitform poetischer Präsenz, die durch genaue Konturierung intensiviert wird
  13. Geheimnis Erfahrung des nicht vollständig Erhellbaren, die in dunkelblauen oder nächtlichen Bildräumen wirksam werden kann
  14. Geländeform Konkrete räumliche Struktur, aus der Landschaft ihre Reliefhaftigkeit, Richtung und Anschaulichkeit gewinnt
  15. Genauigkeit Präzision des poetischen Blicks, die Zwischenräume nicht verwischt, sondern konturiert
  16. Gestalt Wahrnehmbare Ganzheit des Gedichts, die durch ein Formprinzip zusammengehalten wird
  17. Glanz Lichtwirkung auf Glas, die Schönheit, Kälte oder Unnahbarkeit erzeugen kann
  18. Glas Zerbrechlicher Gegenstand, der Transparenz, Grenze und Verletzlichkeit tragen kann
  19. Gliederung Strukturleistung der Geländeform, durch die Landschaft in lesbare und bedeutungstragende Bereiche gegliedert wird
  20. Gnade Unverfügbare Gabe, die in religiöser Lyrik als Füllung eines leeren Gefäßes erscheinen kann
  21. Grenze Schwelle menschlicher Sprache und Macht, an der Gott als Transzendenz erscheint
  22. Gott Religiöses Gegenüber, von dem Gnade, Vergebung, Segen und Erbarmen ausgehen können
  23. Gras Bodennahes Naturmotiv, das Grün als Frische, Wachstum, Weichheit und Landschaftsgrund zeigt
  24. Grün Farbmotiv von Wachstum, Frische und lebendiger Baumkrone
  25. Grund Tragende Voraussetzung, die in der Erdverbundenheit als Gegründetsein und Nähe zur Erde erfahrbar wird

H

  1. Hand Körperteil der Berührung, der an der Grenze von Ich und Du Nähe oder Schutz stiftet
  2. Hauch Feinste Bewegungs- und Erscheinungsform, in der Flüchtigkeit besonders anschaulich hervortritt
  3. Haus Typischer poetischer Erinnerungsort, in dem Stimmen, Nähe und vergangene Lebensformen bewahrt erscheinen können
  4. Haut Körpergrenze, an der Handberührung, Wärme, Kälte, Schmerz und Nähe erfahrbar werden
  5. Heilung Vorgang des Schließens von Wunde und Schmerz, der an Haut und Narbe sichtbar bleibt
  6. Herannahen Bewegungsfigur des Bevorstehens, in der das Kommende als sich nähernd und bereits wirksam erscheint
  7. Herbst Jahreszeitenmotiv, in dem Leben als Reife, Abschied, Blattfall und Vergänglichkeit sichtbar wird
  8. Herbstlicht Spätes, schräges oder goldenes Licht, das herbstliche Schönheit und Endlichkeit prägt
  9. Herz Inneres Zentrum, dessen Schmerz, Verhärtung oder Öffnung seelische Heilung anzeigen kann
  10. Herzschlag Körperlicher Rhythmus, der Leben, Angst, Liebe, Erwartung und lyrischen Takt verbindet
  11. Hilfe Zuwendung, durch die der bedrohte Körper und sein Herz wieder ruhiger werden können
  12. Himmel Bildraum der nächtlichen Weite, in dem Sterne, Mond und Dunkel poetische Tiefe erzeugen
  13. Hoffnung Ausrichtung auf kommende Hilfe, Antwort, Rettung, Trost oder Gnade
  14. Horizont Grenzfigur des Sichtbaren, die im Abendmotiv besonders stark farblich und räumlich akzentuiert erscheint

I

  1. Ich Lyrische Sprechinstanz, die hofft, wartet, bittet, zweifelt und Zukunft offenhält
  2. Inhalt Bedeutungsseite des Gedichts, die durch Konzentration auf das Wesentliche gebündelt wird
  3. Innen und Außen Grundgegensatz, durch den das Ich Innerlichkeit und Weltbezug gestaltet
  4. Innerlichkeit Seelische Tiefendimension, die im gegenwärtigen Moment verdichtet und erfahrbar werden kann
  5. Irritation Störung der Erwartung, die durch fragmentarische Brüche und fehlende Übergänge entsteht

J

  1. Jahreszeit Zeitliche Naturordnung, in der Frische besonders Frühling und Morgen kennzeichnet

K

  1. Kälte Außenempfindung, die innere Einsamkeit, Angst, Distanz oder Entfremdung anzeigen kann
  2. Kinderhand Zeichen von Schutzbedürftigkeit, an dem Kälte, Wärme, Vertrauen und Hilfe spürbar werden
  3. Klage Sprechform, die eine frierende, leere oder verlassene Kinderhand als Leidenszeichen verwenden kann
  4. Klang Lautliche Dimension, in der Resonanz als Nachhall, Wiederkehr und Mitschwingen besonders deutlich erscheint
  5. Klangbindung Akustische Verbindung von Wörtern, die durch gleiche Anfangslaute gestiftet werden kann
  6. Klarheit Wahrnehmungsqualität, die Klage nüchtern, scharf und ohne beschönigenden Trost aussprechen kann
  7. Kleidung Schutz- und Erscheinungsschicht, deren klare Beschreibung soziale Lage, Kälte oder Körpergrenze zeigt
  8. Körper Leibliche Gestalt, die durch Kleidung bedeckt, geschützt, geformt, entblößt oder sozial lesbar wird
  9. Körpergrenze Leiblicher Rand, an dem Haut, Kleidung, Berührung, Kälte, Schmerz und Blick zusammentreffen
  10. Komposition Anordnung der Teile, durch die Gestalt konkret aufgebaut und gegliedert wird
  11. Konkretion Verdichtung abstrakter Erfahrung in konkreten Grenzzeichen wie Haut, Kragen, Hand, Wunde oder Atem
  12. Kontrast Spannungsverhältnis, das häufig als kompositorisches Mittel den Aufbau des Gedichts trägt
  13. Konzentration Gesammelte Form der Wahrnehmung, die dem Feingefühl Halt und Maß gibt
  14. Kreuz Christliches Zeichen, das Leid, Schuld, Opfer, Körper, Wunde und Hoffnung konkret bündelt

L

  1. Landschaft Äußerer Gedächtnisraum, in dem Vergangenes als Spur, Stimmung und geformte Linie gegenwärtig bleiben kann
  2. Leben Grundmotiv des Wachsens, Reifens, Vergehens und Wiederbeginns im Jahreslauf
  3. Leerstelle Ausgesparter Sinnraum, der durch fehlende Erklärung Irritation und Deutungsdruck hervorruft
  4. Lesbarkeit Wirkung der Gliederung, durch die Welt, Raum oder Gedicht als strukturierter Zusammenhang deutbar werden
  5. Letzte Stunde Grenzform der Lebenszeit, in der Uhr, Tod, Atem, Abschied und Endlichkeit lyrisch zusammentreten
  6. Licht Grundmedium der Sichtbarkeit, das am Horizont in besonders verdichteter und wandelbarer Form erscheint
  7. Liebe Beziehungsform, in der Opfer als freie Hingabe, Schutz, Verzicht oder Selbstpreisgabe erscheinen kann
  8. Loslassen Innere und äußere Bewegungsfigur, in der Endlichkeit als Annahme der Grenze erscheint

M

  1. Mehrdeutigkeit Offenheit lyrischer Bedeutung, die durch Leerstellen textlich ermöglicht wird
  2. Melancholie Stimmung des Verlusts und der Entrückung, die mit Ferne in der Lyrik häufig eng verbunden ist
  3. Metapher Übertragungsfigur, die konkrete und übertragene Bedeutung zugleich tragen kann
  4. Metrum Regelmäßige Hebungs- und Senkungsordnung, die zur formalen Beschreibung gehören kann
  5. Motiv Wiederkehrendes thematisches oder bildliches Element, das metaphorisch aufgeladen sein kann

N

  1. Nachklang Fortwirkende Resonanz des Vergangenen, die nach dem Loslassen bestehen bleibt
  2. Nacht Zeitgestalt, deren langsames Herannahen in vielen Gedichten atmosphärisch und symbolisch wirksam wird
  3. Nähe Gegenfigur zur Ferne, deren Verlust oder Unerreichbarkeit melancholische Stimmung oft mitprägt
  4. Naturbild Bildform, in der Liebe durch Blume, Wind, Abend, Frühling, Stern, Regen oder Licht anschaulich wird

O

  1. Offenheit Poetische Beweglichkeit, die Nähe vor bloßer Verschmelzung bewahrt und ihr Beziehungstiefe verleiht
  2. Opfer Hingabe und Leid, die am Kreuz durch Körper, Blut, Holz, Wunde und ausgebreitete Arme konkret werden

P

  1. Pause Unterbrechung im Sprach- oder Klangverlauf, in der Nachklang hörbar und bedeutungsvoll werden kann
  2. Projektion Übertragung innerer Erfahrung auf Natur, durch die Landschaft, Wetter oder Licht seelisch lesbar werden

Q

    R

    1. Raum Erfahrungsdimension, die durch Offenheit als Weite, Durchlässigkeit und Beziehungstiefe gestaltet werden kann
    2. Regen Wetterbild, auf das Trauer, Klage, Reinigung, Abschied, Erinnerung oder Erneuerung projiziert werden kann
    3. Reim Klangwiederholung, die rhythmische Erwartung, Bindung und Schlusswirkung unterstützt
    4. Resonanz Antwortverhältnis zwischen Subjekt und Welt, das im Freiraum ungehinderter entstehen kann
    5. Rhythmus Bewegungsform des Gedichts, die durch Gedankenstriche verlangsamt, gebrochen oder akzentuiert wird

    S

    1. Schatten Lichtgegenbild, das durch Projektion Schuld, Angst, Nachwirkung, Schutz oder Erinnerung tragen kann
    2. Schuld Innere Last, die als Schatten, dunkle Spur, Nachwirkung oder nicht abschüttelbare Begleitung erscheinen kann
    3. Schweigen Auslassung oder Verstummen, durch das Schuld entstehen, fortwirken oder als unausgesprochenes Wort sichtbar werden kann
    4. Spur Zeichen vergangener Handlung, an dem Schuld als Fleck, Abdruck, Narbe, Name oder Rest gegenwärtig bleibt
    5. Staub Feine Zeitspur auf Dingen und Räumen, die Vergänglichkeit, Stillstand und Erinnerung sichtbar macht
    6. Stillstand Ausbleibende Bewegung, die Staub durch Ablagerung, Nichtgebrauch und verlassene Räume sichtbar macht

    T

      U

      1. Uhr Zeitding, dessen Stehenbleiben oder Ticken Stillstand, Dauer, Erinnerung und blockierte Zukunft sichtbar macht

      V

      1. Vergänglichkeit Erfahrung des Vergehens, die durch Ticken, Zeigerbewegung, Stunde, Alterung und Uhrschlag konkret wird

      W

      1. Warten Gedehnte Zeit der Erwartung, in der Hoffnung, Angst, Uhrklang, Stillstand und ausbleibende Ankunft zusammenwirken

      X

        Y

          Z

          1. Zeit Grunddimension lyrischer Erfahrung, die in der letzten Stunde als gemessene, erlebte und endende Lebenszeit erscheint
          2. Zwischenraum Bereich feiner Übergänge, in dem Farben als Nuancen, Brechungen und Schwebetöne hervortreten