Ellipse
Überblick
Ellipse bezeichnet in der Lyrik eine Auslassungsfigur, bei der ein sprachlich erwartbares Element fehlt, ohne dass dadurch der Sinn notwendig zerstört wird. Vielmehr entsteht gerade aus dem Fehlen eine besondere poetische Wirkung. Ein Satz kann verkürzt, ein Verb ausgelassen, ein Subjekt nur angedeutet, ein Gedanke abgebrochen oder ein Zusammenhang offen gelassen werden. Die Ellipse macht lyrische Sprache knapp, gespannt, andeutend und oft besonders intensiv.
Für Gedichte ist die Ellipse von großer Bedeutung, weil lyrische Sprache häufig nicht in vollständigen, erklärenden Sätzen arbeitet. Sie verdichtet, kürzt, springt, lässt aus, unterbricht und vertraut darauf, dass Bedeutung nicht nur aus dem Gesagten, sondern auch aus dem Nichtgesagten entsteht. Die Ellipse ist deshalb keine bloße grammatische Unvollständigkeit. Sie ist eine poetische Form der Konzentration. Was fehlt, wird nicht einfach verloren, sondern als Leerstelle wirksam.
Besonders eng ist die Ellipse mit Andeutung, Ambivalenz und Schweigen verbunden. Durch Auslassung kann ein Gedicht mehr offenhalten, als es ausdrücklich formuliert. Eine elliptische Wendung kann Unsicherheit, Erregung, Sprachlosigkeit, Verdichtung, innere Bewegung oder abrupte Erkenntnis anzeigen. Sie kann einen Vers beschleunigen, stocken lassen oder in eine gespannte Schwebe versetzen. Damit greift die Ellipse tief in Klang, Rhythmus und Deutung des Gedichts ein.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ellipse somit eine zentrale rhetorische und poetische Figur lyrischer Sprache. Gemeint ist jene Form der Auslassung, durch die Bedeutung knapp, offen, andeutend und in besonderem Maße verdichtet erscheinen kann.
Begriff und lyrische Grundfigur
Der Begriff Ellipse stammt aus der rhetorisch-grammatischen Beschreibung und bezeichnet eine Auslassung. In einem vollständigen Satz wären bestimmte Elemente erwartbar, doch sie fehlen. Häufig bleibt der Sinn dennoch erschließbar, weil Kontext, Rhythmus, Parallelstruktur oder semantische Erwartung die ausgelassene Stelle ergänzen lassen. In der Lyrik wird diese sprachliche Erscheinung zu einem besonders produktiven Verfahren.
Als lyrische Grundfigur verbindet die Ellipse Kürze und Offenheit. Sie reduziert Sprache, ohne Bedeutung einfach zu verringern. Vielmehr kann sie Bedeutung konzentrieren und zugleich beweglich halten. Eine elliptische Form zwingt dazu, genauer auf das Vorhandene zu achten. Wörter stehen isolierter, Pausen werden stärker, Leerstellen gewinnen Gewicht. Das Gedicht wird nicht nur kürzer, sondern dichter.
Poetisch wichtig ist, dass die Ellipse nicht nur eine grammatische Form, sondern eine Weise des Sprechens ist. Sie kann anzeigen, dass etwas nicht vollständig gesagt werden kann, dass eine Empfindung zu schnell, zu stark oder zu brüchig ist, um in glatter Syntax aufzugehen. Sie kann aber auch eine bewusste ästhetische Verknappung sein, durch die das Gedicht seine Aussage schärft. In beiden Fällen ist die Ellipse eine Form, in der Sprachmangel und Ausdruckskraft zusammenfallen.
Im Kulturlexikon meint Ellipse daher nicht nur einen ausgelassenen Satzbestandteil, sondern eine lyrische Struktur des verkürzten und andeutenden Sagens. Sie bezeichnet jene poetische Form, in der das Fehlende selbst Bedeutung trägt.
Ellipse als Auslassungsfigur
Die Ellipse ist zunächst eine Auslassungsfigur. Sie beruht darauf, dass ein sprachliches Element nicht ausgesprochen wird, obwohl es im Zusammenhang erwartbar wäre. In der Lyrik können solche Auslassungen sehr verschieden aussehen. Ein Hilfsverb kann fehlen, ein Prädikat ausgespart sein, ein Subjekt unausgesprochen bleiben, ein Vergleich unvollständig wirken oder eine syntaktische Bewegung abbrechen. Die Form bleibt fragmentarisch, aber gerade dadurch gewinnt sie poetische Spannung.
Die Auslassung kann den Eindruck von Unmittelbarkeit erzeugen. Lyrisches Sprechen wirkt dann nicht wie eine geordnete Erklärung, sondern wie ein verdichteter Moment. Es zeigt Wahrnehmung, Erregung oder inneres Betroffensein in einer Form, die noch nicht vollständig in Prosa übersetzt ist. Die Ellipse kann so den Charakter eines Augenblicks bewahren: kurz, gespannt, offen, vielleicht sogar atemlos.
Gleichzeitig kann die Auslassung eine bewusste Form der Zurücknahme sein. Das Gedicht verzichtet auf vollständige Aussage, um das Ungesagte stärker wirken zu lassen. Eine elliptische Zeile kann dadurch mehr andeuten als ein vollständiger Satz. Sie lässt Raum für Nachklang und Deutung. Was grammatisch fehlt, wird poetisch anwesend.
Als Kulturlexikon-Begriff bezeichnet Ellipse daher eine Auslassungsfigur, deren lyrische Wirkung nicht im bloßen Weglassen liegt, sondern in der Bedeutungsenergie, die aus der Auslassung entsteht.
Knappheit, Verdichtung und lyrische Ökonomie
Die Ellipse gehört zu den wichtigsten Mitteln lyrischer Knappheit und Verdichtung. Gedichte verfügen häufig über wenig Raum, aber über hohe semantische Dichte. Sie müssen nicht alles ausführen, weil ihre Wirkung gerade aus Konzentration entsteht. Die Ellipse unterstützt diese lyrische Ökonomie, indem sie entbehrliche, erwartbare oder bewusst ausgesparte Elemente weglässt und dadurch den verbleibenden Wörtern größeres Gewicht gibt.
Diese Knappheit ist keine bloße Kürzung. Sie verändert die Wahrnehmung der Sprache. Wo ein vollständiger Satz fließend erklären würde, erzeugt die elliptische Form Druck, Beschleunigung oder Spannung. Einzelne Wörter treten stärker hervor. Ein Substantiv kann isoliert stehen, ein Adjektiv einen ganzen Zustand tragen, ein Verb durch sein Fehlen eine Pause erzeugen. Die Sprache wird dichter, weil sie weniger verteilt und mehr bündelt.
Gerade in der Lyrik kann diese Verdichtung besonders wirkungsvoll sein. Ein elliptischer Ausdruck kann eine ganze Szene, Empfindung oder gedankliche Bewegung in wenige Wörter zusammenziehen. Dadurch entsteht eine Form poetischer Intensität, die erklärende Prosa kaum erreichen kann. Die Ellipse macht sichtbar, dass lyrische Sprache nicht durch Vollständigkeit, sondern durch präzise Setzung wirkt.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ellipse somit eine Figur lyrischer Sprachökonomie. Sie steht für die Fähigkeit des Gedichts, Bedeutung durch Auslassung zu konzentrieren und das Gesagte in seiner Wirkung zu steigern.
Ellipse und Andeutung
Die Ellipse ist eng mit Andeutung verbunden. Was ausgelassen wird, verschwindet nicht vollständig aus dem Gedicht. Es bleibt als Möglichkeit, Erwartung oder Resonanz anwesend. Die Ellipse deutet Bedeutung an, indem sie sie nicht vollständig ausspricht. Gerade dadurch kann sie Ambivalenz und Offenheit erzeugen. Ein verkürzter Satz kann mehrere Ergänzungen zulassen; ein abgebrochener Gedanke kann verschiedene Bedeutungsrichtungen öffnen.
Diese andeutende Funktion ist für lyrische Texte besonders wichtig. Gedichte arbeiten häufig mit indirektem Sagen. Sie geben Hinweise, aber keine vollständige Erklärung. Die Ellipse passt genau in diese Logik. Sie schafft eine Stelle, an der Lesende Bedeutung ergänzen, nachfühlen oder offenhalten müssen. Dadurch wird die Lektüre aktiver. Die Lesenden werden in den Prozess der Bedeutungsbildung hineingezogen.
Andeutung durch Ellipse kann sehr unterschiedliche Wirkungen haben. Sie kann Zartheit und Zurückhaltung erzeugen, wenn ein Gefühl nicht vollständig ausgesprochen wird. Sie kann Erschütterung anzeigen, wenn Sprache abbricht. Sie kann Geheimnis bewahren, wenn ein Zusammenhang unvollständig bleibt. Sie kann Ambivalenz steigern, wenn mehrere Ergänzungen möglich sind. Die Ellipse wird dadurch zu einem zentralen Verfahren poetischer Offenheit.
Im Kulturlexikon bezeichnet Ellipse daher auch eine Form andeutenden Sprechens. Sie macht sichtbar, dass lyrische Bedeutung nicht nur aus dem vollständig Ausgesprochenen entsteht, sondern aus dem, was der Text bewusst offen lässt.
Ellipse, Leerstelle und Schweigen
Die Ellipse erzeugt Leerstellen. Eine Leerstelle ist nicht einfach ein Nichts, sondern eine bedeutungstragende Auslassung. Sie fordert Ergänzung, Nachdenken oder Mitvollzug. In Gedichten kann eine solche Leerstelle besonders stark wirken, weil der lyrische Text ohnehin auf Verdichtung, Klang und Nachhall angelegt ist. Die Ellipse macht das Ungesagte sichtbar, indem sie dessen Platz markiert.
Eng verbunden damit ist das Schweigen. Die Ellipse ist eine kleine Form des Schweigens innerhalb der Sprache. Sie zeigt, dass etwas nicht ausgesprochen wird, vielleicht weil es selbstverständlich, unaussprechlich, zu schmerzhaft, zu schnell oder zu offen ist. Dieses Schweigen kann sehr unterschiedliche Bedeutungen haben. Es kann innere Bewegung, Scheu, Verletzlichkeit, Geheimnis, Verweigerung oder seelische Überforderung anzeigen.
Poetisch entscheidend ist, dass das Schweigen der Ellipse nicht stumm bleibt. Es wirkt weiter. Eine ausgelassene Stelle kann stärker nachklingen als eine ausgesprochene Erklärung. Sie öffnet den Raum zwischen den Wörtern und verleiht dem Gedicht eine besondere Spannung. Der Text spricht gerade dadurch, dass er nicht alles sagt.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ellipse somit eine Figur der bedeutungstragenden Leerstelle. Sie zeigt, wie lyrische Sprache durch Schweigen, Auslassung und offene Ergänzbarkeit poetische Tiefe gewinnt.
Rhythmus, Bruch und Atembewegung
Die Ellipse wirkt nicht nur auf den Sinn, sondern auch auf den Rhythmus eines Gedichts. Auslassungen verändern die Atembewegung des Verses. Ein elliptischer Satz kann beschleunigen, weil er sprachliche Zwischenschritte überspringt. Er kann aber auch stocken lassen, wenn das Fehlen eines erwarteten Elements eine Pause oder einen Bruch erzeugt. Dadurch wird die Ellipse zu einem wichtigen Mittel der lyrischen Bewegungsform.
Besonders stark ist diese Wirkung, wenn Ellipsen mit Zeilenbruch, Enjambement oder syntaktischer Unterbrechung zusammenwirken. Der Vers kann dann offen enden, abrupt einsetzen oder eine Lücke zwischen Erwartung und Erfüllung erzeugen. Die Lesebewegung wird verlangsamt oder beschleunigt, gestört oder verdichtet. Die Ellipse greift also direkt in die körperliche Erfahrung des Gedichts ein.
Auch Atem und Stimme werden durch Ellipsen geprägt. Eine verkürzte Wendung kann wie ein Stoß wirken, eine abgebrochene Form wie ein Verstummen, eine Reihung elliptischer Ausdrücke wie ein hastiges Aufzählen oder ein tastendes Suchen. Die Ellipse macht innere Bewegung hörbar. Sie kann Erregung, Müdigkeit, Schmerz, Staunen, Schock oder meditative Knappheit formal ausdrücken.
Im Kulturlexikon ist Ellipse deshalb auch ein Begriff der lyrischen Klang- und Bewegungsstruktur. Sie bezeichnet eine Auslassungsform, die Bedeutung nicht nur semantisch, sondern rhythmisch und stimmlich verdichtet.
Ellipse und lyrische Stimmung
Ellipsen können die Stimmung eines Gedichts entscheidend prägen. Eine elliptische Sprache wirkt oft gedrängt, leise, brüchig, gespannt oder geheimnisvoll. Sie kann die Atmosphäre eines Textes verändern, weil sie Vollständigkeit vermeidet und dadurch eine offene, manchmal unsichere, manchmal sehr konzentrierte Wirkung erzeugt. Stimmung entsteht dann nicht nur durch Bildfelder, sondern durch die Art, wie Sätze verkürzt und Bedeutungen offen gelassen werden.
In melancholischen Gedichten können Ellipsen den Eindruck innerer Zurücknahme oder unausgesprochener Trauer hervorrufen. In Liebesgedichten können sie Zartheit, Scheu oder Überwältigung anzeigen. In Nacht- oder Naturgedichten können sie Geheimnis, Schwebe und Ahnung verstärken. In moderner Lyrik können Ellipsen auch Entfremdung, Sprachkrise oder fragmentierte Wahrnehmung ausdrücken. Die Ellipse ist daher nicht an eine einzige Stimmung gebunden, sondern ein flexibles Mittel atmosphärischer Gestaltung.
Gerade weil sie weniger sagt, kann die Ellipse Stimmungen intensiver machen. Eine vollständig erklärte Stimmung verliert leicht ihre Schwebung. Die elliptische Form dagegen lässt Gefühl und Bedeutung im Raum stehen. Sie gibt der Stimmung keine abschließende Bezeichnung, sondern eine sprachliche Gestalt, in der sie nachklingen kann.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ellipse daher auch ein Verfahren lyrischer Stimmungserzeugung. Sie macht Gefühle nicht notwendig deutlicher im begrifflichen Sinn, aber dichter, offener und oft eindringlicher erfahrbar.
Ellipse in der Lyriktradition
Die Ellipse gehört zu den alten und zugleich modernen Verfahren lyrischer Sprache. Schon in rhetorischen Traditionen wird Auslassung als wirkungsvolle Figur beschrieben. In der Lyrik gewinnt sie aber eine besondere Eigenständigkeit, weil Gedichte seit jeher mit Verknappung, Rhythmus und Bedeutungsüberschuss arbeiten. Die Ellipse passt zur lyrischen Form, weil sie die Sprache auf das Notwendige zusammendrängt und zugleich Raum für Nachklang lässt.
In klassischer und hymnischer Lyrik kann die Ellipse feierliche Verdichtung, Erregung oder pathetische Steigerung erzeugen. In romantischer Lyrik kann sie Geheimnis, Ahnung, Sehnsucht und innere Bewegung andeuten. In moderner und expressionistischer Lyrik tritt sie häufig stärker fragmentierend hervor. Dort kann sie brüchige Wahrnehmung, Sprachskepsis, urbane Beschleunigung oder existenzielle Zerrissenheit ausdrücken. Die Ellipse bleibt also traditionsübergreifend produktiv, verändert aber ihre Funktion je nach poetischem Kontext.
Ihre besondere Stärke liegt darin, dass sie sowohl Ordnung als auch Bruch erzeugen kann. Sie kann rhetorisch pointieren, emotional verdichten, musikalisch rhythmisieren oder semantisch öffnen. Deshalb ist sie in sehr unterschiedlichen lyrischen Formen anzutreffen: im Lied, im Sonett, in der Hymne, im freien Vers, im Fragmentgedicht und in moderner Kurzlyrik.
Im Kulturlexikon bezeichnet Ellipse daher einen traditionsstarken lyrischen Grundbegriff. Er verbindet rhetorische Auslassung, poetische Knappheit und moderne Offenheit zu einer besonders wirksamen Form dichterischer Sprache.
Ellipse und Interpretation
Für die Interpretation lyrischer Texte ist die Ellipse besonders wichtig, weil sie sichtbar macht, dass Bedeutung oft an den Stellen entsteht, an denen etwas fehlt. Wer ein Gedicht deutet, sollte elliptische Strukturen nicht einfach stillschweigend ergänzen und dadurch glätten. Vielmehr ist zu fragen, warum der Text auslässt, welche Wirkung die Auslassung hat und welche Bedeutungsräume durch sie geöffnet werden.
Interpretatorisch entscheidend ist dabei die genaue Textbindung. Nicht jede Ellipse erlaubt beliebige Ergänzungen. Der Kontext, die Wortfelder, der Rhythmus, die Bildstruktur und die Stellung im Gedicht geben Hinweise darauf, welche Bedeutungsrichtungen plausibel sind. Eine gute Deutung beschreibt daher nicht nur, was fehlen könnte, sondern auch, wie das Fehlen im Gedicht wirkt.
Ellipsen können Ambivalenz erzeugen, weil sie verschiedene Ergänzungen zulassen. Sie können aber auch eine sehr präzise Verknappung darstellen, bei der das Ausgelassene aus dem Zusammenhang klar erschließbar ist. Beide Möglichkeiten sind interpretatorisch zu unterscheiden. Entscheidend bleibt, dass die Ellipse eine aktive Struktur des Textes ist. Sie gehört zur poetischen Form und darf nicht als bloßer Fehler oder zufällige Unvollständigkeit behandelt werden.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ellipse deshalb auch eine Schlüsselkategorie lyrischer Analyse. Sie hilft zu erfassen, wie Gedichte durch Auslassung, Kürze und offene Satzstruktur Bedeutung erzeugen.
Poetische Funktion
Die poetische Funktion der Ellipse besteht darin, lyrische Sprache zu verdichten, zu öffnen und rhythmisch zu intensivieren. Sie reduziert den Satz, aber sie erweitert häufig die Wirkung. Das Gedicht gewinnt Knappheit, Spannung und Deutungsenergie. Ein elliptischer Ausdruck kann mehr Resonanz erzeugen als eine vollständige Erklärung, weil er Lesende zur Ergänzung und zum Mitvollzug auffordert.
Darüber hinaus macht die Ellipse sichtbar, dass lyrisches Sprechen nicht immer vollständig, geschlossen oder prosaisch geordnet sein muss. Gedichte dürfen abbrechen, springen, verknappen und schweigen. Gerade dadurch können sie Erfahrungen ausdrücken, die sich glatter Rede entziehen: Erschütterung, Ahnung, Sehnsucht, Schmerz, Staunen, Geheimnis oder innere Zerrissenheit. Die Ellipse ist eine Form, in der solche Erfahrungen eine angemessene sprachliche Gestalt finden.
Auch als Mittel der Ambivalenz ist die Ellipse poetisch zentral. Sie lässt offen, was ergänzt werden könnte, und hält dadurch mehrere Bedeutungsrichtungen in Spannung. Gleichzeitig kann sie den Ton eines Gedichts schärfen, beschleunigen oder abbrechen. Die Ellipse ist daher ein kleines, aber äußerst wirksames Verfahren lyrischer Formbildung.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ellipse somit eine Schlüsselgröße lyrischer Poetik. Sie steht für die Fähigkeit des Gedichts, durch Auslassung Bedeutung zu steigern, Offenheit zu erzeugen und das Ungesagte als wirksamen Bestandteil der Form einzusetzen.
Fazit
Ellipse ist in der Lyrik eine zentrale Auslassungsfigur. Sie bezeichnet ein sprachliches Verfahren, bei dem erwartbare Satzteile fehlen und gerade dadurch poetische Wirkung entsteht. Die Ellipse macht Sprache knapp, offen, andeutend und verdichtet. Sie ist nicht bloße Unvollständigkeit, sondern eine produktive Form des lyrischen Sagens.
Als poetische Figur verbindet die Ellipse Auslassung mit Bedeutung. Sie schafft Leerstellen, intensiviert Rhythmus, erzeugt Schweigen und öffnet Deutungsräume. Dadurch kann sie Ahnung, Geheimnis, Ambivalenz, Erregung, Melancholie oder fragmentierte Wahrnehmung besonders wirksam gestalten. Das Fehlende gehört zur Aussage des Gedichts.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ellipse somit einen Schlüsselbegriff lyrischer Sprachform. Sie steht für jene Kunst der Auslassung, durch die Bedeutung nicht vermindert, sondern konzentriert und offen gehalten wird.
Weiterführende Einträge
- Ahnung Vorform des Wissens, die durch elliptische Andeutung besonders intensiv entstehen kann
- Ambivalenz Doppelwertigkeit lyrischer Bedeutung, die durch ausgelassene Satzteile und offene Ergänzbarkeit verstärkt wird
- Andeutung Poetisches Verfahren des indirekten Sagens, mit dem die Ellipse eng verbunden ist
- Atem Stimmliche Bewegungsform des Gedichts, die durch elliptische Verkürzung stocken oder sich verdichten kann
- Auslassung Grundverfahren der Ellipse, bei dem nicht Gesagtes als poetische Leerstelle wirksam wird
- Bildlichkeit Sprachliche Veranschaulichung, die durch elliptische Knappheit besonders konzentriert erscheinen kann
- Bruch Formale Unterbrechung, die durch elliptische Satzführung lyrische Spannung erzeugt
- Deutung Interpretative Erschließung von Leerstellen, Kürzungen und offenen Bedeutungen im Gedicht
- Fragment Unvollständige oder offen wirkende Textgestalt, die mit elliptischen Verfahren verwandt ist
- Frage Sprachform offener Suche, die durch elliptische Verkürzung besonders gespannt erscheinen kann
- Geheimnis Erfahrung des nicht vollständig Erhellbaren, die durch elliptische Auslassung bewahrt werden kann
- Innerlichkeit Seelischer Erfahrungsraum, der durch elliptische Rede knapp und indirekt hervortreten kann
- Klang Lautliche Dimension des Gedichts, deren Wirkung durch elliptische Kürze und Pausen gesteigert wird
- Knappheit Lyrische Sprachökonomie, die durch die Ellipse besonders deutlich verwirklicht wird
- Leerstelle Ausgesparter Sinnraum, der durch elliptische Strukturen erzeugt und interpretativ aktiviert wird
- Mehrdeutigkeit Offenheit lyrischer Bedeutung, die durch Ellipsen textgebunden entstehen kann
- Melancholie Stimmung stiller Schwermut, die durch elliptische Zurücknahme und unausgesprochene Trauer verstärkt werden kann
- Metapher Übertragungsfigur, die in elliptischer Form besonders verdichtet und offen wirken kann
- Offenheit Nicht abgeschlossene Sinnbewegung, die durch elliptische Auslassung im Gedicht entsteht
- Pause Formale Unterbrechung, die mit Ellipsen zusammenwirkt und dem Ungesagten Raum gibt
- Resonanz Nachklingende Bedeutungsbewegung, die durch elliptische Kürze und offene Stellen gesteigert wird
- Rhythmus Bewegungsform des Gedichts, die durch Ellipsen beschleunigt, gebrochen oder gespannt werden kann
- Satzbruch Unterbrechung syntaktischer Bewegung, die elliptische Offenheit und lyrische Spannung erzeugen kann
- Schweigen Zurücknahme der Rede, die in der Ellipse als kleine Form des Ungesagten wirksam wird
- Sehnsucht Affektive Bewegung zum Fernen, die durch elliptische Andeutung besonders offen bleiben kann
- Spannung Dynamik gegensätzlicher oder offener Bedeutungen, die Ellipsen im Gedicht erzeugen können
- Sprachlosigkeit Grenzerfahrung des Sagens, die durch elliptische Kürze und Abbruch sprachlich sichtbar werden kann
- Stille Resonanzraum des Zurückgenommenen, der mit elliptischer Rede eng verbunden ist
- Stimmung Seelisch-atmosphärische Tönung, die durch elliptische Kürze indirekt hervortreten kann
- Symbol Zeichenform mit Bedeutungsüberschuss, die durch elliptische Verknappung stärker offen erscheinen kann
- Syntax Satzstruktur des Gedichts, deren Verkürzung und Auslassung die Ellipse formal bestimmt
- Ton Grundhaltung des Gedichts, die durch elliptische Kürze hart, leise, gedrängt oder offen wirken kann
- Übergang Verwandlungsfigur zwischen Zuständen, die durch elliptische Offenheit sprachlich unterstützt werden kann
- Ungewissheit Erfahrung fehlender Sicherheit, die durch elliptische Lücken und offene Ergänzungen verstärkt wird
- Verborgenheit Zustand des Nicht-Offenliegenden, der durch Ellipse nicht aufgehoben, sondern poetisch markiert wird
- Verdichtung Poetische Konzentration von Bild, Klang und Sinn, zu der die Ellipse wesentlich beiträgt
- Vers Grundzeile des Gedichts, in der elliptische Kürze und rhythmische Spannung formal hervortreten
- Wahrnehmung Sinnliche Erfassung der Welt, die durch elliptische Sprache fragmentarisch oder verdichtet erscheinen kann
- Zeichen Bedeutungsträger, dessen Sinn durch elliptische Auslassung offen und deutungsbedürftig bleibt