Augenblick
Überblick
Augenblick bezeichnet einen zeitlich verdichteten Moment, in dem Wahrnehmung, Erfahrung und Bedeutung sich in besonderer Intensität bündeln. In der Lyrik gehört der Augenblick zu den grundlegenden Zeitfiguren, weil das Gedicht häufig gerade dort seine stärkste Wirkung entfaltet, wo es einen einzelnen Moment nicht bloß registriert, sondern in seiner Dichte, Gegenwärtigkeit und Flüchtigkeit erfahrbar macht. Der Augenblick ist dabei nicht einfach eine möglichst kleine Zeiteinheit. Er ist vielmehr eine qualitative Form von Zeit, in der etwas aufleuchtet, sich zuspitzt, berührt, offenbart oder im Moment seines Erscheinens schon wieder dem Vergehen anheimgegeben ist.
Gerade deshalb ist der Augenblick für die Lyrik so produktiv. Das Gedicht arbeitet oft mit Verdichtung, mit Konzentration auf wenige Bilder, Klänge oder Gesten und mit einer Sprache, die das Einzelne in besonderer Präzision sichtbar macht. Der Augenblick bildet dafür ein ideales Gegenstück. In ihm erscheint Zeit nicht als ausgedehnter Verlauf, sondern als intensive Gegenwart. Ein Blick, ein Lichtwechsel, ein Wort, ein Klang, ein plötzliches Verstummen, eine Regung des Gesichts, ein Windstoß im Feld oder das kurze Aufleuchten des Abends können zu Trägern großer poetischer Spannung werden.
Der Augenblick steht zugleich zwischen Dauer und Vergänglichkeit. Er ist gegenwärtig und schon im Verschwinden begriffen. Gerade diese Doppelstruktur verleiht ihm eine eigentümliche Tiefe. Was im Augenblick erscheint, wirkt oft umso intensiver, weil es nicht festgehalten werden kann. Das Gedicht versucht dann nicht selten, einen flüchtigen Moment sprachlich zu bewahren, ohne seine Bewegung ganz stillzustellen.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Augenblick somit eine zentrale lyrische Zeitfigur. Gemeint ist jener Moment verdichteter Präsenz, in dem Wahrnehmung, Gefühl und poetische Form sich auf engstem Raum zu einer besonderen Erfahrungsintensität verbinden.
Begriff und poetische Grundfigur
Der Begriff Augenblick verweist etymologisch bereits auf die Bindung des Moments an Wahrnehmung. Er ist nicht irgendein abstrakter Zeitpunkt, sondern ein Augen-Blick, also eine Zeitform, die mit dem Sehen, dem plötzlichen Erfassen oder dem Aufleuchten einer Erscheinung verbunden ist. Poetisch verstanden bezeichnet der Augenblick daher eine Grundfigur der Konzentration. In ihm tritt etwas in besonderer Klarheit oder Intensität hervor, ohne dass diese Erscheinung von Dauer sein müsste.
Gerade in der Lyrik ist dies entscheidend. Das Gedicht lebt vielfach von der Fähigkeit, einen solchen Moment festzuhalten oder zumindest anzunähern. Es macht aus dem Augenblick keine bloße Momentaufnahme im technischen Sinn, sondern eine Form verdichteter Erfahrung. Der Blick auf ein Detail, die Wahrnehmung eines Lichtzustands, die plötzlich gespürte Nähe eines Menschen oder die unerwartete Gegenwart einer Erinnerung werden im Gedicht zu mehr als flüchtigen Vorkommnissen. Sie erscheinen als Form von Weltbegegnung.
Als poetische Grundfigur ist der Augenblick daher weder bloß chronologisch noch bloß psychologisch. Er ist eine relationale Zeitgestalt. Er entsteht dort, wo Wahrnehmung, Affekt, Situation und sprachliche Formung zusammenkommen. Das Gedicht macht sichtbar, dass Zeit im Modus des Augenblicks anders erfahren wird als im kontinuierlichen Verlauf. Sie verdichtet sich, ohne stillzustehen; sie wird spürbar, gerade weil sie im Begriff ist, zu entschwinden.
Im Kulturlexikon bezeichnet Augenblick deshalb eine Grundkategorie lyrischer Zeitwahrnehmung. Sie benennt jenen Moment, in dem das Einzelne, das Flüchtige und das Intensiv-Gegenwärtige zu einer eigenständigen poetischen Form werden.
Zeitliche Verdichtung des Moments
Der Augenblick ist in der Lyrik vor allem eine Figur der zeitlichen Verdichtung. Während erzählende Formen oft Prozesse, Entwicklungen und größere zeitliche Bögen entfalten, konzentriert sich das Gedicht nicht selten auf eine enge Spanne von Erfahrung. In dieser Spanne wird Zeit gleichsam komprimiert. Ein einziger Moment kann eine größere emotionale oder erkenntnishafte Reichweite enthalten als ein längerer Verlauf. Gerade diese Verdichtung macht den Augenblick poetisch so wirksam.
Ein solcher Moment muss nicht spektakulär sein. Auch scheinbar kleine Vorgänge können den Charakter des Augenblicks annehmen: das Aufleuchten eines Sterns, ein Schatten an der Wand, das Verstummen einer Stimme, das kurze Innehalten zweier Menschen oder der Übergang vom Tag in den Abend. Entscheidend ist nicht die objektive Größe des Vorgangs, sondern die Weise, in der er erfahren wird. Der Augenblick hebt sich aus dem Fluss der Zeit ab, weil in ihm Wahrnehmung und Bedeutung sich konzentrieren.
Diese Verdichtung hat in der Lyrik häufig eine doppelte Bewegung. Einerseits wird Zeit gebündelt. Andererseits wird gerade durch diese Bündelung ihre Zerbrechlichkeit sichtbar. Der Augenblick ist intensiv, weil er nicht ausgedehnt ist. Er gewinnt sein Gewicht aus der Tatsache, dass er schnell vergeht. Das Gedicht versucht, diese paradoxe Struktur sichtbar zu machen: den Moment als Form höchster Präsenz und zugleich als Form des schon beginnenden Verlusts.
Für das Kulturlexikon ist der Augenblick daher als verdichtete Zeitfigur zu verstehen. Er zeigt, dass poetische Zeit nicht nur im langen Verlauf, sondern gerade im engen, hoch konzentrierten Moment eine besondere Kraft entfalten kann.
Präsenz und Gegenwärtigkeit
Der Augenblick ist eng mit Präsenz verbunden. In ihm erscheint etwas nicht bloß als Tatsache, sondern in einer Weise erhöhter Gegenwärtigkeit. Das Gedicht kann diese Präsenz dadurch erzeugen, dass es den Moment so stark fokussiert, dass andere Zeitschichten zurücktreten. Vergangenheit und Zukunft verschwinden nicht ganz, aber sie werden im Augenblick von einer intensiven Jetzt-Erfahrung überlagert. Das Gedicht lebt dann aus der Kraft des Gegenwärtigwerdens.
Diese Gegenwärtigkeit bedeutet nicht notwendig Ruhe. Auch ein bewegter oder spannungsvoller Augenblick kann höchste Präsenz besitzen. Entscheidend ist, dass etwas mit besonderer Unmittelbarkeit spürbar wird. Ein Licht auf einem Gesicht, ein plötzliches Erkennen, ein Geräusch im stillen Raum, ein letzter Blick im Abschied oder das unvermittelte Wahrnehmen der Natur können zu Augenblicken dichterischer Präsenz werden. Die Lyrik erschließt diese Gegenwärtigkeit nicht selten mit knappen Mitteln und gerade deshalb mit großer Intensität.
Im Augenblick wird Welt nicht bloß betrachtet, sondern erlebt. Diese erlebte Gegenwart ist von hoher poetischer Bedeutung, weil sie das Gedicht in eine Nähe zum Ereignis versetzt, ohne in reine Unmittelbarkeit aufzugehen. Sprache bleibt immer Form und Abstand. Doch im Modus des Augenblicks kann sie so verdichtet sein, dass Präsenz spürbar wird. Gerade das macht viele kurze oder stark fokussierte Gedichte so eindringlich.
Im Kulturlexikon bezeichnet Augenblick daher auch die Gegenwartsform poetischer Erfahrung. Gemeint ist jener Zustand, in dem ein Moment in besonderer Weise anwesend wird und gerade dadurch das Gedicht in eine intensive Nähe zum Erlebten versetzt.
Flüchtigkeit und Vergehen
So sehr der Augenblick für Gegenwärtigkeit steht, so eng ist er zugleich mit Flüchtigkeit verbunden. Was sich im Augenblick zeigt, ist gerade dadurch intensiv, dass es nicht bleibt. Ein Augenblick vergeht in dem Moment, in dem er geschieht. Diese innere Verbindung von Aufleuchten und Entschwinden gehört zu seinen wichtigsten poetischen Eigenschaften. Die Lyrik ist besonders empfänglich für solche Momente, weil sie die Spannung zwischen Präsenz und Verlust auf engstem Raum erfahrbar machen kann.
Der Augenblick ist deshalb häufig von einem stillen Bewusstsein des Vergehens durchzogen. Selbst heitere oder erfüllte Momente tragen in sich die Ahnung ihrer Endlichkeit. Eine Berührung, ein Blick, ein Lichtzustand, ein Naturereignis oder eine plötzliche Einsicht gewinnen zusätzliche Tiefe, weil sie nicht festzuhalten sind. Das Gedicht reagiert darauf nicht selten mit dem Versuch, das Flüchtige sprachlich zu bewahren. Doch gerade dabei bleibt es meist der Einsicht treu, dass Sprache den Moment nicht vollständig festhalten kann.
In dieser Spannung liegt eine wichtige Nähe zwischen Augenblick und Lyrik insgesamt. Gedichte bewahren, aber sie konservieren nicht mechanisch. Sie halten fest, indem sie die Bewegung des Entgleitens mitbedenken. Der Augenblick ist darum keine statische Gestalt, sondern eine Zeitfigur im Modus des Verschwindens. Seine poetische Kraft beruht gerade darauf, dass er zwischen Erscheinung und Verlust steht.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Augenblick daher immer auch die poetische Erfahrung des Vergehens. Er ist jener Moment, der in höchster Präsenz erscheint und zugleich seine eigene Endlichkeit mitführt.
Augenblick und lyrische Wahrnehmung
Der Augenblick ist eng an Wahrnehmung gebunden. Viele Gedichte entstehen aus einem Moment gesteigerter Aufmerksamkeit, in dem etwas plötzlich in besonderer Deutlichkeit sichtbar, hörbar oder spürbar wird. Ein Gedicht über einen Augenblick lebt daher häufig von der Konzentration auf wenige, präzise gesetzte Wahrnehmungselemente. Das Einzelne tritt hervor, weil es nicht in langen Beschreibungen aufgelöst wird, sondern in einem fokussierten Moment erscheint.
Gerade dadurch wird das Gedicht zu einer Kunst des genauen Hinsehens. Der Augenblick verlangt Aufmerksamkeit für kleine Veränderungen: für Licht, Farbe, Geste, Klang, Temperatur, Schweigen, räumliche Verschiebung oder eine minimale Bewegung. Oft sind es keine großen Ereignisse, sondern kleinste Signale, an denen das Gedicht die Dichte des Moments aufbaut. Der Augenblick ist in diesem Sinn kein Ausnahmezustand nur des Erlebens, sondern auch der Wahrnehmung.
Die lyrische Wahrnehmung des Augenblicks ist zugleich selektiv und offen. Sie greift nicht alle Daten einer Situation auf, sondern nur das, was den Moment trägt. Gerade diese Auswahl erzeugt poetische Intensität. Ein einziges Bild kann genügen, um einen Augenblick ganz zu fassen. Die Reduktion ist hier keine Verarmung, sondern Konzentration. Das Gedicht macht den Augenblick nicht umfassend erklärbar, sondern sinnlich und affektiv erfahrbar.
Im Kulturlexikon ist der Augenblick deshalb auch als Wahrnehmungsfigur zu verstehen. Er bezeichnet jenen Moment, in dem die Welt in einer verdichteten Erscheinung auftritt und das Gedicht sie mit äußerster Konzentration aufnimmt.
Augenblick und lyrisches Ich
Das lyrische Ich begegnet sich im Augenblick häufig in besonderer Unmittelbarkeit. Während längere zeitliche Verläufe Raum für Rückblick, Deutung und narrative Ordnung schaffen, zeigt der Augenblick das Subjekt oft in seiner unmittelbaren Betroffenheit, Offenheit oder Empfänglichkeit. Gerade deshalb hat der Augenblick in vielen Gedichten eine hohe existentielle Dichte. Er ist nicht bloß ein Zeitpunkt, sondern eine Form, in der das Ich sich selbst und die Welt zugleich besonders intensiv erlebt.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Augenblick nur subjektiv wäre. Vielmehr entsteht seine poetische Kraft häufig gerade aus der Begegnung von innerer Bewegung und äußerer Erscheinung. Das Ich erfährt etwas im Moment eines bestimmten Lichts, eines Klangs, einer Geste oder einer Situation. Die Welt ist dabei nicht bloßer Anlass, sondern Mitträger des Moments. Der Augenblick ist die Form, in der sich das Verhältnis von Innen und Außen auf besondere Weise verdichtet.
Für das lyrische Ich kann der Augenblick Erkenntnis, Erschütterung, Glück, Verlust, Stille, Nähe oder Sammlung bedeuten. Er kann eine Epiphanie sein, aber ebenso ein Moment des schmerzlichen Bewusstwerdens oder des fast unmerklichen inneren Umschlags. Gerade weil der Augenblick so klein ist, können seine inneren Folgen groß sein. Das Gedicht zeigt oft, dass eine ganze seelische Bewegung in einem einzigen Moment ihren Ansatzpunkt findet.
Im Kulturlexikon bezeichnet Augenblick damit auch eine besondere Form des poetischen Selbstverhältnisses. Er ist jener Moment, in dem das lyrische Ich in konzentrierter Gegenwart sich selbst, die Welt oder das Verhältnis beider zueinander mit besonderer Intensität erfährt.
Sprache, Bild und formale Konzentration
Die sprachliche Gestaltung des Augenblicks verlangt in der Lyrik häufig besondere Präzision und Konzentration. Weil der Augenblick selbst eine verdichtete Zeitform ist, entspricht ihm oft eine verdichtete Sprache. Das Gedicht arbeitet dann mit knappen Bildern, einer stark fokussierten Lexik, reduzierter Syntax oder bewusst gesetzten Pausen. Wenige Wörter können ausreichen, um einen ganzen Moment aufzurufen, sofern sie präzise und rhythmisch wirksam gesetzt sind.
Auch die Bildlichkeit spielt eine zentrale Rolle. Der Augenblick wird selten abstrakt dargestellt. Er erscheint in Bildern, die den Moment sinnlich greifbar machen: ein letzter Lichtstreif, eine reglose Hand, ein Vogelruf im Abend, ein Wassertropfen auf dem Blatt, das kurze Öffnen eines Fensters, eine plötzliche Stille. Solche Bilder wirken gerade deshalb so stark, weil sie nicht beliebig sind, sondern auf einen Punkt höchster Konzentration hin angeordnet werden. Das Bild wird zum Träger einer Zeitdichte.
Formale Konzentration bedeutet außerdem, dass der Rhythmus des Gedichts häufig auf den Moment abgestimmt ist. Ein kurzer Vers, ein abrupter Zeilenbruch, eine Zäsur oder eine überraschende Schlusswendung können die Struktur des Augenblicks nachbilden. Ebenso kann ein ruhiger, schwebender Rhythmus einen gedehnten Moment der Sammlung erzeugen. Der Augenblick ist also nicht nur Thema, sondern oft auch ein Modell poetischer Formgebung.
Im Kulturlexikon ist Augenblick daher eng mit der Kunst sprachlicher Verdichtung verbunden. Er bezeichnet eine Zeitfigur, die ihre poetische Kraft gerade in der Konzentration von Bild, Ton und Form gewinnt.
Der Augenblick in der Lyriktradition
Der Augenblick gehört zu den dauerhaft wirksamen Grundformen der Lyriktradition. In unterschiedlichsten Epochen erscheint das Gedicht als Ort, an dem ein einzelner Moment in besonderer Weise hervorgehoben wird. Naturlyrische, religiöse, empfindsame, romantische, symbolische und moderne Gedichte greifen immer wieder auf Augenblicksstrukturen zurück, auch wenn sie diese verschieden deuten. Mal wird der Augenblick als erfüllte Gegenwart, mal als epiphanischer Blitz, mal als schmerzlicher Verlustmoment, mal als stille Wahrnehmungsverdichtung gestaltet.
Besonders in lyrischen Formen, die mit knapper Verdichtung arbeiten, wird der Augenblick zentral. Er eignet sich für Gedichte, die keine längeren Entwicklungen erzählen, sondern auf einen Punkt hin komponiert sind. Doch auch in ausführlicheren Texten kann der Augenblick eine Schlüsselfunktion besitzen, wenn sich ein ganzes Gedicht auf einen Moment des Erkennens, des Umschlags oder der intensiven Anschauung zubewegt. Der Augenblick ist somit keine Randerscheinung, sondern eine strukturelle Möglichkeit poetischer Form.
Traditionsgeschichtlich ist bemerkenswert, dass der Augenblick ganz verschiedene Tönungen annehmen kann. Er kann religiöse Erfüllung, kontemplative Sammlung, erotische Intensität, Naturerfahrung, urbane Wahrnehmung oder existenzielle Ungewissheit tragen. Seine Konstanz beruht darauf, dass er eine elementare Weise menschlicher Zeiterfahrung bezeichnet. Lyrik, die sich dem Augenblick widmet, nimmt den Menschen in seiner Fähigkeit ernst, in einem einzigen Moment Welt in besonderer Dichte zu erfahren.
Im Kulturlexikon bezeichnet Augenblick darum eine epochenübergreifende lyrische Grundfigur. Sie verbindet verdichtete Zeit, erhöhte Wahrnehmung und formale Konzentration zu einer der elementarsten Möglichkeiten poetischer Darstellung.
Ambivalenzen des Augenblicks
Der Augenblick ist in der Lyrik fast immer ambivalent. Einerseits steht er für Fülle, Präsenz, Nähe und die intensive Erfahrung des Jetzt. Andererseits ist er gerade deshalb von Verlust, Vergänglichkeit und Instabilität durchzogen. Was sich im Augenblick zeigt, kann sich im nächsten schon entziehen. Diese Doppelheit macht seine poetische Kraft aus. Der Augenblick ist nie nur Erfüllung und nie nur Mangel. Er ist erfüllte Flüchtigkeit.
Ein glücklicher Augenblick kann durch die Ahnung seines Endes vertieft werden. Ein schmerzlicher Augenblick kann gerade durch seine Kürze eine besondere Eindringlichkeit erhalten. Auch erkenntnishafte Momente tragen diese Ambivalenz in sich. Was plötzlich klar wird, bleibt nicht immer in derselben Intensität verfügbar. Der Augenblick gibt und entzieht zugleich. Er offenbart etwas, aber nur in einer Form, die nicht vollständig festzuhalten ist.
Gerade darin zeigt sich eine tiefe Nähe zwischen Augenblick und poetischer Erfahrung. Gedichte erzeugen oft Momente intensiver Klarheit, ohne diese in eindeutige Dauer zu überführen. Sie lassen das Aufleuchten stehen und achten das Geheimnis seiner Zeitlichkeit. Der Augenblick eignet sich deshalb besonders gut für jene lyrischen Konstellationen, in denen Offenheit, Schwebe und Mehrdeutigkeit bewahrt werden sollen.
Im Kulturlexikon ist Augenblick daher als Spannungsbegriff zu verstehen. Er bezeichnet eine Form von Zeit, in der Gegenwart und Entzug, Nähe und Vergehen, Erfüllung und Fragilität auf engstem Raum zusammenwirken.
Poetische Funktion
Die poetische Funktion des Augenblicks besteht darin, der Lyrik eine Form höchster Konzentration zu ermöglichen. Das Gedicht muss nicht immer ausgedehnte Zeitverläufe gestalten; es kann seine ganze Kraft in einem einzelnen Moment bündeln. Der Augenblick erlaubt es, Wahrnehmung, Gefühl, Raum und Zeit in einer dichten Konstellation zusammenzuführen. Gerade daraus entsteht jene Intensität, die viele Gedichte kennzeichnet.
Darüber hinaus macht der Augenblick sichtbar, dass poetische Wahrheit nicht nur im Allgemeinen oder im Dauerhaften liegt, sondern oft im singulären Erscheinen. Ein flüchtiger Moment kann mehr Welt enthalten als eine lange Beschreibung, weil er Erfahrung in ihrer schärfsten Konzentration zeigt. Die Lyrik bewahrt solche Momente nicht einfach dokumentarisch, sondern verwandelt sie in sprachliche Form. Dadurch wird der Augenblick nicht aufgehoben, aber in einen Resonanzraum überführt, in dem er nachwirken kann.
Auch formal ist der Augenblick von großer Bedeutung. Er fördert eine Poetik der Präzision, des Weglassens, der Konzentration und der stillen Intensität. Das Gedicht lernt am Augenblick, dass nicht Fülle an Material, sondern Dichte der Gestaltung poetische Wirkung erzeugt. Der Moment wird zur Schule der Form.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Augenblick somit eine Schlüsselgröße lyrischer Zeitgestaltung. Er steht für den verdichteten Moment, in dem das Gedicht Präsenz erzeugt, Wahrnehmung schärft und das Flüchtige in eine nachwirkende poetische Gestalt überführt.
Fazit
Augenblick ist in der Lyrik die Zeitfigur des verdichteten Moments. Er verbindet intensive Gegenwärtigkeit mit Flüchtigkeit und macht sichtbar, dass poetische Erfahrung oft dort am stärksten wird, wo Zeit sich auf einen einzigen Punkt zu konzentrieren scheint. Der Augenblick ist nicht bloß ein kleiner Ausschnitt aus dem Verlauf, sondern eine eigene Qualität der Zeit, in der Wahrnehmung, Affekt und Bedeutung sich bündeln.
Als lyrischer Begriff steht der Augenblick für Präsenz, Konzentration, Wahrnehmungsintensität und die fragile Schönheit des Vorübergehenden. Er kann Glück, Erkenntnis, Verlust, Sammlung oder stille Naturerfahrung tragen und bleibt doch immer an die Bedingung seiner Vergänglichkeit gebunden. Gerade diese Ambivalenz macht ihn zu einer der fruchtbarsten Zeitfiguren des Gedichts.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Augenblick somit einen zentralen Grundbegriff poetischer Zeitwahrnehmung. Er steht für die Fähigkeit der Lyrik, einen einzelnen Moment so zu verdichten, dass in ihm Welt, Selbst und Sprache in besonderer Intensität zusammenkommen.
Weiterführende Einträge
- Abend Tageszeit des Ausklangs, in der einzelne Augenblicke atmosphärisch besonders dicht hervortreten können
- Abenddämmerung Schwellenzeit zwischen Licht und Dunkel, in der der Augenblick oft gesteigerte poetische Intensität gewinnt
- Atmosphäre Stimmungsraum, in dem der Augenblick sinnlich und affektiv verdichtet erfahrbar wird
- Bildlichkeit Sprachliche Veranschaulichung, durch die ein einzelner Moment poetische Präsenz erhält
- Blick Wahrnehmungsakt, an den der Augenblick als verdichtete Zeitform eng gebunden ist
- Dauer Zeitliche Fortsetzung, zu der der Augenblick in Spannung und Kontrast steht
- Einkehr Innere Sammlung, die sich im Augenblick als verdichtete Gegenwärtigkeit zeigen kann
- Epiphanie Plötzliches Aufleuchten von Sinn oder Gegenwart in einem intensiven poetischen Moment
- Erinnerung Rückwendung auf Vergangenes, die häufig an einzelne, verdichtete Augenblicke gebunden bleibt
- Ereignis Geschehen von besonderer Bedeutsamkeit, das im Gedicht auf den Augenblick konzentriert erscheinen kann
- Flüchtigkeit Vergänglichkeit des Moments als Grundbedingung poetischer Augenblickserfahrung
- Gegenwart Zeitform unmittelbarer Präsenz, die sich im Augenblick besonders intensiv verdichtet
- Innerlichkeit Seelische Tiefendimension, die sich im Augenblick plötzlich bündeln und offenbaren kann
- Intensität Verdichtungsgrad poetischer Erfahrung, wie er dem Augenblick besonders eigen ist
- Klang Lautliche Gestalt des Gedichts, durch die ein Augenblick verdichtet und nachwirkend erscheinen kann
- Licht Wahrnehmungsfigur, in der sich der Augenblick oft sinnlich und symbolisch zuspitzt
- Momentaufnahme Fixierung eines kurzen Geschehens, die im Gedicht zur verdichteten Form von Zeit werden kann
- Motiv Wiederkehrendes thematisches Element, das im Augenblick eine besondere Zuspitzung erfahren kann
- Naturbild Sprachlich geformte Naturerscheinung, die im Augenblick besondere poetische Dichte gewinnen kann
- Nähe Unmittelbarer Bezug zu Welt und Erfahrung, der sich im Augenblick stark verdichten kann
- Präsenz Gegenwärtigkeit poetischer Erfahrung als zentrale Qualität des Augenblicks
- Raum Erfahrungsfeld, das im Augenblick nicht ausgedehnt, sondern punktuell intensiv erscheinen kann
- Rhythmus Zeitliche Ordnung des Gedichts, die die Verdichtung oder Dehnung eines Augenblicks formt
- Sammlung Bündelung von Wahrnehmung und Innerlichkeit in einem einzigen konzentrierten Moment
- Schweigen Zurücknahme der Sprache, in der ein Augenblick oft besondere Intensität gewinnt
- Sekunde Kleinste messbare Zeitspanne, von der der poetische Augenblick sich durch qualitative Dichte unterscheidet
- Stille Reduzierter Klangraum, in dem ein einzelner Moment besonders eindringlich hervortreten kann
- Stimmung Seelisch-atmosphärische Tönung, die sich im Augenblick plötzlich verdichten kann
- Übergang Verwandlungsfigur zwischen Zuständen, die im Augenblick auf den Punkt gebracht erscheint
- Vergänglichkeit Erfahrung des Vergehens, die im Augenblick besonders deutlich hervortritt
- Verinnerlichung Aufnahme äußerer Eindrücke in einen seelisch verdichteten Moment der Gegenwart
- Verdichtung Poetische Konzentration von Zeit, Bild und Bedeutung auf engem Raum
- Wahrnehmung Sinnliche Erfassung der Welt als Ausgangspunkt des lyrischen Augenblicks
- Wendung Plötzlicher Umschlag in Wahrnehmung oder Bedeutung, der sich im Augenblick vollziehen kann
- Wiederholung Rückkehr ähnlicher Formen, vor deren Hintergrund der singuläre Augenblick hervortritt
- Zeit Grunddimension poetischer Erfahrung, in der der Augenblick als verdichtete Form erscheint
- Zeitstillstand Erfahrung gedehnter Gegenwart, die im Gedicht häufig als Augenblicksintensität erscheint
- Zwischenraum Offener Bereich zwischen Zuständen, in dem ein Augenblick sich als Schwelle verdichten kann