Absetzung

Lyrischer Form-, Struktur- und Gliederungsbegriff · Hervorhebung, Kontrast, Strophenabstand, Schlusszeile, Abgesang, Refrain, Einzelvers, Typographie, Weißraum, Zäsur, Klangwechsel, Reimwechsel, Rhythmuswechsel, Tonbruch, Bildwechsel, Binnenstruktur, poetische Gewichtung und formale Differenz

Überblick

Absetzung bezeichnet in der Lyrik die formale, klangliche, rhythmische, typographische oder semantische Unterscheidung eines Gedichtteils von seiner Umgebung. Ein Vers kann abgesetzt sein, eine Einzelzeile kann aus dem Strophenzusammenhang hervortreten, ein Refrain kann eine eigene Stellung erhalten, ein Abgesang kann sich nach zwei Stollen sichtbar abheben, oder ein Schluss kann durch Abstand, Tonwechsel und Kürze eine besondere Wirkung gewinnen. Absetzung meint also nicht einfach Trennung, sondern eine bedeutungstragende Hervorhebung.

Die Absetzung ist für lyrische Texte besonders wichtig, weil Gedichte ihre Bedeutung nicht nur durch Wörter, sondern durch Anordnung, Zeilenfall, Klang, Wiederholung, Pause und Raum bilden. Was formal abgesetzt wird, erhält Gewicht. Es erscheint als Antwort, Einspruch, Nachklang, Pointe, Gegensatz, Zusammenfassung oder neue Stufe der inneren Bewegung. Der Blick des Lesers wird gelenkt, der Atem verändert sich, und die Deutung richtet sich auf die markierte Stelle.

Typische Formen der Absetzung sind Strophenabstand, eingerückte Zeile, isolierter Vers, abweichende Verslänge, Reimwechsel, Metrumwechsel, Refrain, Kehrzeile, abgesetzter Schluss, typographischer Weißraum, Gedankenstrich, Zäsur, Tonbruch, Bildwechsel, Sprecherwechsel und die gesonderte Stellung eines Abgesangs innerhalb der Barform. Absetzung ist dabei ein Verfahren der Differenz: Ein Teil wirkt anders, weil er im Verhältnis zu einem vorher oder nachher erkennbaren Muster steht.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Absetzung einen lyrischen Form-, Struktur- und Gliederungsbegriff. Er hilft, Gedichte auf Hervorhebung, Kontrast, Strophenabstand, Schlusszeile, Abgesang, Refrain, Einzelvers, Typographie, Weißraum, Zäsur, Klangwechsel, Reimwechsel, Rhythmuswechsel, Tonbruch, Bildwechsel, Binnenstruktur und poetische Gewichtung hin zu untersuchen.

Begriff und lyrische Grundfigur

Der Begriff Absetzung setzt ein Verhältnis voraus. Etwas wird von etwas anderem abgesetzt. Eine Zeile steht nicht einfach allein, sondern hebt sich von den umgebenden Zeilen ab. Eine Strophe ist nicht nur ein Abschnitt, sondern erscheint als eigene Einheit gegenüber einer anderen Strophe. Ein Abgesang wirkt nicht isoliert, sondern dadurch, dass er sich von den Stollen unterscheidet. Absetzung ist deshalb immer relational.

Die lyrische Grundfigur der Absetzung besteht aus Zugehörigkeit und Differenz. Der abgesetzte Teil gehört zum Gedicht, zur Strophe oder zur Formbewegung, aber er ist zugleich anders markiert. Diese doppelte Stellung macht seine Wirkung aus. Er wird nicht aus dem Zusammenhang herausgelöst, sondern innerhalb des Zusammenhangs hervorgehoben.

In dieser Grundfigur liegt die besondere analytische Bedeutung. Wer Absetzung untersucht, fragt nicht nur, was ein einzelner Vers sagt, sondern warum er so steht, wie er steht. Warum ist eine Schlusszeile kurz? Warum folgt nach zwei regelmäßigen Strophen eine kürzere dritte? Warum wird ein Refrain eingerückt? Warum wechselt der Klang genau an dieser Stelle? Die formale Differenz wird zur Deutungsspur.

Im Kulturlexikon meint Absetzung eine lyrische Differenzfigur, in der ein Gedichtteil durch Stellung, Form, Klang, Rhythmus, Raum oder Ton von seiner Umgebung unterschieden und dadurch semantisch aufgewertet wird.

Absetzung als Gliederung lyrischer Rede

Absetzung gliedert lyrische Rede. Sie macht sichtbar, dass ein Gedicht nicht als gleichförmige Fläche gelesen werden soll, sondern aus Bewegungen, Schwellen, Abschnitten und Gewichtungen besteht. Diese Gliederung kann durch Strophen, Verse, Satzgrenzen, Pausen, Einrückungen oder klangliche Wechsel entstehen.

Eine abgesetzte Einheit wirkt wie ein eigener Schritt. Sie kann eine neue Wahrnehmung eröffnen, eine vorige Aussage kommentieren, eine Antwort geben, eine Deutung nachreichen oder einen Gegensatz bilden. In Gedichten, die stark verdichtet sind, kann schon eine kleine Absetzung eine große Bedeutung haben. Ein einzelnes Wort am Zeilenende, eine einsame Schlusszeile oder ein leerer Zwischenraum kann die ganze Gedichtbewegung verändern.

Absetzung ist dabei nicht nur optisch zu verstehen. Auch ein Wechsel der Stimme, der Zeitform, der Bildwelt oder des Tons kann eine Einheit absetzen. Eine lyrische Rede kann ruhig beginnen und plötzlich in Ausruf, Frage, Bitte oder Schweigen übergehen. Diese innere Gliederung muss ebenso genau beachtet werden wie die äußere.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Absetzung in der Gliederung lyrischer Rede eine Strukturfigur, durch die Gedichte ihre inneren Schritte, Schwellen und Gewichtungen sichtbar oder hörbar machen.

Abgesetzter Vers und Einzelzeile

Ein abgesetzter Vers oder eine isolierte Einzelzeile kann in der Lyrik besondere Kraft gewinnen. Wenn eine Zeile allein steht, kürzer ist als die übrigen Verse, typographisch eingerückt wird oder nach einer Pause folgt, erhält sie ein eigenes Gewicht. Sie wirkt nicht nur als Teil der fortlaufenden Rede, sondern als hervorgehobener Sinnträger.

Eine solche Einzelzeile kann als Pointe, Nachtrag, Einwand, Echo, Klage, Antwort oder Schlussbild wirken. Sie kann ein vorheriges Motiv bündeln oder einen unerwarteten Kontrast setzen. Oft verlangsamt sie die Lektüre. Der Leser hält inne und nimmt die Zeile stärker wahr, weil sie aus dem Rhythmus der Umgebung heraustritt.

Besonders wirkungsvoll ist ein abgesetzter Vers, wenn er kurz und schlicht ist. Eine einzelne Zeile wie ein Ruf, ein Name, eine Frage oder eine Negation kann stärker sein als eine ausführliche Erklärung. Die Absetzung verleiht ihr Raum, und dieser Raum wird Teil der Bedeutung.

Im Kulturlexikon bezeichnet Absetzung beim Vers eine lyrische Hervorhebungsfigur, in der Einzelstellung, Kürze, Abstand und semantisches Gewicht zusammenwirken.

Strophische Absetzung

Die Strophe ist eine Grundform lyrischer Absetzung. Sie gliedert das Gedicht in Einheiten und markiert Übergänge. Jede Strophe setzt sich durch Abstand, Wiederholung, Formgleichheit oder Formdifferenz von anderen Strophen ab. Dadurch entsteht eine Bewegung, die nicht nur inhaltlich, sondern auch räumlich und rhythmisch erfahrbar wird.

Strophische Absetzung kann gleichmäßig sein, wenn alle Strophen dieselbe Länge und Form besitzen. Sie kann aber auch bedeutungsvoll variieren. Eine kürzere Schlussstrophe, eine längere Mittelstrophe oder ein plötzlich verändertes Reimschema kann anzeigen, dass sich die innere Lage des Gedichts verschiebt. Die Form wird dann zum Seismographen der Bewegung.

In vielen Gedichten trägt die Strophenabsetzung die Argumentation oder Gefühlsentwicklung. Die erste Strophe eröffnet, die zweite vertieft, die dritte wendet, die letzte bündelt. Diese Ordnung muss nicht schematisch sein, aber die sichtbare Absetzung erlaubt es, lyrische Entwicklung genauer zu beschreiben.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Absetzung auf strophischer Ebene eine Gliederungsfigur, durch die Gedichte Abschnitte, Übergänge, Steigerungen, Wendungen und Schlussbewegungen formen.

Absetzung des Abgesangs

Besonders deutlich wird Absetzung beim Abgesang der Barform. Die Barform besteht aus zwei gleich oder ähnlich gebauten Stollen und einem davon unterschiedenen Abgesang. Die beiden Stollen erzeugen Wiederholung und Erwartung. Der Abgesang hebt sich ab und gewinnt dadurch seine eigene Schlusswirkung.

Diese Absetzung kann durch eine andere Verszahl, ein anderes Reimschema, eine neue Klanggruppe, eine veränderte Satzführung oder eine andere semantische Funktion entstehen. Der Abgesang ist nicht bloß ein dritter Abschnitt, sondern der Teil, der nach der Stollenparallelität eine neue Bewegung ermöglicht. Er kann zusammenfassen, wenden, steigern, beruhigen oder pointieren.

Die Absetzung des Abgesangs zeigt exemplarisch, wie Form und Bedeutung in der Lyrik verbunden sind. Der Abgesang wirkt, weil er einerseits aus den Stollen hervorgeht, andererseits nicht mit ihnen identisch bleibt. Seine Differenz macht ihn zum Ort der Schlussdeutung.

Im Kulturlexikon bezeichnet Absetzung im Zusammenhang mit dem Abgesang eine lyrische Formfunktion, durch die der Schlussabschnitt der Barform seine besondere bündelnde, deutende oder wendende Kraft erhält.

Absetzung von Refrain und Kehrzeile

Auch Refrain und Kehrzeile sind Formen der Absetzung. Sie treten aus dem fortlaufenden Strophentext hervor, weil sie wiederkehren, klanglich markiert sind oder typographisch eine eigene Stellung erhalten. Ihre Wirkung entsteht aus Wiederholung und Differenz zugleich: Sie bleiben gleich oder ähnlich, erscheinen aber in verändertem Kontext.

Ein Refrain kann eine Stimmung festhalten, eine Klage wiederholen, ein Lied strukturieren, eine Gemeinschaftsstimme markieren oder eine Aussage immer neu beleuchten. Durch seine Absetzung wird er nicht überlesen. Er wird zur Schaltstelle des Gedichts. Nach jeder Strophe kehrt er zurück und verändert rückwirkend, was zuvor gesagt wurde.

Die Kehrzeile kann besonders stark wirken, wenn sie knapp, liedhaft oder beschwörend ist. Ihre Absetzung macht sie merkfähig und klanglich präsent. Sie ist zugleich Pause, Wiederkehr und Deutungssignal. In Lied- und Balladenformen kann sie die gesamte Gedichtarchitektur tragen.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Absetzung beim Refrain eine lyrische Wiederkehrfigur, in der formale Sonderstellung, Wiederholung, Klanggedächtnis und semantische Umwertung zusammenkommen.

Abgesetzter Schluss und Schlusszeile

Ein abgesetzter Schluss ist eine der wirkungsvollsten Formen lyrischer Absetzung. Die letzte Zeile oder der letzte Abschnitt eines Gedichts kann durch Kürze, Abstand, Tonwechsel, Reimabschluss, offene Frage, isoliertes Bild oder typographischen Raum hervorgehoben werden. Dadurch erhält der Schluss besondere Nachwirkung.

Die Schlusszeile kann eine Zusammenfassung liefern, aber auch eine unerwartete Wendung setzen. Sie kann das Gedicht öffnen statt schließen, eine Pointe formulieren, ein Bild zurücklassen oder eine vorherige Bewegung plötzlich verknappen. Durch ihre Absetzung wird sie zur letzten Deutungsinstanz, ohne notwendigerweise eindeutig zu sein.

Besonders wichtig ist die Rückwirkung des Schlusses. Eine abgesetzte Schlusszeile verändert oft das Verständnis des ganzen Gedichts. Was zuvor als Beschreibung erschien, kann im Schluss zur Klage werden. Was wie Ruhe wirkte, kann plötzlich als Erstarrung erscheinen. Was schlicht begann, kann im letzten Bild symbolische Tiefe gewinnen.

Im Kulturlexikon bezeichnet Absetzung beim Schluss eine lyrische Endfigur, in der letzte Stellung, Nachklang, Deutung, Pointe, Offenheit und formale Gewichtung zusammenwirken.

Klangliche Absetzung

Absetzung kann durch Klang entstehen. Ein Gedichtteil hebt sich ab, wenn dort ein neues Reimschema, eine andere Lautfarbe, stärkere Alliteration, härtere Konsonanten, weichere Vokale oder ein auffälliger Klangwechsel auftritt. Die Unterscheidung wird dann nicht nur gesehen, sondern gehört.

Klangliche Absetzung kann eine inhaltliche Wendung unterstützen. Ein zuvor fließender Klang kann hart werden, wenn ein Konflikt erscheint. Ein dunkles Lautfeld kann sich aufhellen, wenn Hoffnung eintritt. Ein Reim kann aussetzen, um Störung zu markieren. Eine neue Klanggruppe kann einen neuen Abschnitt eröffnen.

Besonders im Lied, in der Ode, im Sonett, in der Ballade und in strengeren Strophenformen ist Klangabsetzung ein zentrales Verfahren. Sie zeigt, dass die lyrische Form nicht nur visuell, sondern akustisch gegliedert ist. Der Leser hört, wo ein Teil hervorgehoben wird.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Absetzung im Klangbereich eine lyrische Hörfigur, in der Reim, Lautfarbe, Alliteration, Assonanz, Klangwechsel und Nachhall einen Gedichtteil von seiner Umgebung unterscheiden.

Rhythmische und metrische Absetzung

Eine Absetzung kann auch durch Rhythmus und Metrum entstehen. Wenn ein Gedicht überwiegend regelmäßig gebaut ist und plötzlich ein Vers kürzer, länger, stockender, schneller oder metrisch abweichend erscheint, tritt dieser Vers hervor. Die rhythmische Veränderung wird zur Bedeutungsspur.

Rhythmische Absetzung kann innere Bewegung sichtbar machen. Ein stockender Vers kann Erschütterung zeigen, ein kurzer Vers kann Entschiedenheit oder Abbruch markieren, ein langer Vers kann Ausgreifen oder Überfließen andeuten. Die Form spiegelt nicht einfach den Inhalt, sondern erzeugt eine eigene Erfahrung der Bewegung.

In metrisch strengen Formen ist die Absetzung besonders auffällig, weil Abweichungen von der Regel stärker wahrgenommen werden. In freieren Formen kann Absetzung dagegen durch relative Unterschiede entstehen: eine ungewöhnlich isolierte Zeile, eine plötzliche Beschleunigung, ein Atemstillstand oder eine markante Pause.

Im Kulturlexikon bezeichnet Absetzung rhythmisch eine lyrische Bewegungsfigur, in der Takt, Atem, Metrum, Verslänge, Stockung und Beschleunigung zur Hervorhebung eines Gedichtteils beitragen.

Typographische Absetzung und Weißraum

Die Typographie kann Absetzung unmittelbar sichtbar machen. Ein Gedichtteil kann durch Einrückung, Leerzeile, Strophenabstand, isolierte Platzierung, veränderte Zeilenlänge oder bewussten Weißraum hervorgehoben werden. Der Raum auf der Seite wird dann Teil der poetischen Form.

Weißraum ist in der Lyrik nicht bloß leere Fläche. Er kann Pause, Schweigen, Abstand, Atem, Nachklang oder Trennung bedeuten. Wenn eine Zeile allein steht oder ein größerer Abstand zwischen Abschnitten liegt, entsteht eine sichtbare Schwelle. Der Leser muss diese Schwelle beim Lesen überqueren.

Moderne Lyrik nutzt typographische Absetzung besonders bewusst. Wörter können vereinzelt, versetzt, gestaffelt oder in Gruppen gesetzt werden. Dadurch entsteht eine räumliche Komposition, die das Gedicht nicht nur sagt, sondern zeigt. Die Absetzung wird zu einer Form visueller Bedeutungsbildung.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Absetzung typographisch eine lyrische Raumfigur, in der Weißraum, Einrückung, Zeilenstellung, Leerzeile und sichtbare Distanz Sinn erzeugen.

Bildliche und semantische Absetzung

Absetzung kann auch auf der Ebene der Bilder und Bedeutungen erfolgen. Ein Gedichtteil hebt sich ab, wenn er ein neues Bildfeld einführt, ein vorheriges Motiv bricht, eine andere Perspektive öffnet oder einen semantischen Kontrast setzt. Die Absetzung ist dann nicht primär optisch, sondern inhaltlich.

Ein Naturgedicht kann etwa in den letzten Zeilen plötzlich ein menschliches Innenbild einführen. Ein Liebesgedicht kann nach zarten Bildern in ein kaltes Sachbild wechseln. Ein religiöses Gedicht kann nach Klage in Lob übergehen. Solche Bildwechsel markieren innere Schwellen. Sie zeigen, dass das Gedicht seine Wahrnehmung neu ausrichtet.

Semantische Absetzung ist besonders wirkungsvoll, wenn sie mit formaler Absetzung zusammenfällt. Eine isolierte Schlusszeile, die zugleich ein neues Bild bringt, erhält doppeltes Gewicht. Form und Bedeutung stützen einander, und der abgesetzte Teil wird zum Schlüssel der Deutung.

Im Kulturlexikon bezeichnet Absetzung auf bildlicher Ebene eine lyrische Sinnfigur, in der Motivwechsel, Kontrast, Perspektivverschiebung und formale Hervorhebung zusammenwirken können.

Absetzung der Sprechhaltung

Auch die Sprechhaltung kann abgesetzt werden. Ein Gedicht kann erzählend, beschreibend oder betrachtend beginnen und dann in Anrede, Bitte, Ausruf, Klage, Ironie, Bekenntnis oder Schweigen übergehen. Der Wechsel der Haltung hebt den neuen Abschnitt von der vorherigen Rede ab.

Eine solche Absetzung ist oft entscheidend für die innere Dramaturgie. Wenn nach sachlicher Beschreibung plötzlich ein „du“ erscheint, verändert sich die ganze Situation. Wenn nach einem ruhigen Naturbild ein verzweifelter Ausruf folgt, wird die Natur rückwirkend emotional aufgeladen. Wenn eine Stimme am Ende nüchtern wird, kann das vorherige Pathos gebrochen erscheinen.

Die Absetzung der Sprechhaltung muss nicht laut sein. Manchmal genügt ein Wechsel von „ich“ zu „wir“, von Aussage zu Frage oder von Gegenwart zu Erinnerung. Solche Verschiebungen zeigen, wie das Gedicht seine Stimme bewegt und wie seine Beziehung zur Welt sich verändert.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Absetzung in der Sprechhaltung eine lyrische Stimmfigur, in der Ton, Perspektive, Anrede, Modus und emotionale Lage als unterscheidbare Abschnitte hervortreten.

Absetzung in Lied-, Strophen- und Odenformen

In traditionellen Lied-, Strophen- und Odenformen ist Absetzung ein Grundprinzip. Strophen werden voneinander geschieden, Refrains kehren abgesetzt wieder, Schlusszeilen erhalten besondere Kadenzen, und in der Barform hebt sich der Abgesang von den Stollen ab. Die Form organisiert lyrische Rede durch erkennbare Unterschiede.

Im Lied kann Absetzung sangbar sein. Die Stimme spürt, wo ein Abschnitt endet, wo ein Refrain beginnt, wo eine Schlusswendung einsetzt. In der Ode kann Absetzung feierlicher und architektonischer wirken. In der Ballade kann sie erzählerische Schritte markieren. In der Barform ist sie besonders systematisch, weil die Stollenparallelität den Abgesang vorbereitet.

Traditionelle Formen zeigen, dass Absetzung nicht erst ein modernes typographisches Verfahren ist. Sie gehört zur älteren Lyrik ebenso wie zur modernen. Der Unterschied liegt vor allem darin, welche Mittel dominieren: In älteren Liedformen oft Reim, Strophe, Metrum und Kehrzeile; in moderner Lyrik häufiger Weißraum, Fragment, Einzelwort und offene Zeilenstellung.

Im Kulturlexikon bezeichnet Absetzung in der lyrischen Tradition eine Formkraft, durch die Lied, Ode, Ballade, Barform, Refrain und Strophenbau ihre innere Ordnung erhalten.

Absetzung in moderner Lyrik

In moderner Lyrik gewinnt Absetzung häufig besondere Sichtbarkeit. Freie Verse, fragmentarische Formen, typographische Experimente und offene Schlussbewegungen nutzen Absetzung, um Sinn nicht linear, sondern räumlich, sprunghaft oder spannungsvoll aufzubauen. Das Gedicht wird zur Anordnung von Stimmen, Bildern, Leerstellen und Zeilenkörpern.

Moderne Absetzung kann durch isolierte Wörter, abrupte Zeilenumbrüche, ungewöhnliche Einrückungen, Satzfragmente, Weißraum, Montage und Wechsel der Register entstehen. Ein einzelnes Wort kann auf einer Zeile stehen und dadurch die Bedeutung eines ganzen Abschnitts tragen. Ein leerer Raum kann stärker wirken als eine ausgesprochene Erklärung.

Diese Verfahren zeigen, dass Absetzung nicht nur dekorativ ist. Sie macht Wahrnehmung brüchig, betont Diskontinuität, erzeugt Offenheit und stellt die Ordnung der Sprache aus. Gerade in modernen Gedichten ist oft entscheidend, nicht nur den Text zu lesen, sondern seine räumliche und rhythmische Gestalt mitzulesen.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Absetzung in moderner Lyrik eine visuelle, rhythmische und semantische Differenzfigur, in der Weißraum, Fragment, Zeilenstellung, Montage und offene Form Bedeutung erzeugen.

Poetologische Dimension

Poetologisch zeigt Absetzung, dass lyrische Bedeutung aus Unterscheidung entsteht. Ein Gedicht sagt nicht nur, indem es Wörter aneinanderreiht, sondern indem es Stellen gewichtet. Es setzt etwas heraus, trennt, rahmt, verzögert, wiederholt oder isoliert. Dadurch wird die Form selbst zur Aussage.

Die Absetzung macht sichtbar, dass kein Gedichtteil neutral steht. Eine Zeile am Ende, ein abgesetzter Refrain, ein eingerückter Vers oder ein neuer Klangabschnitt verändert die Wahrnehmung. Der Leser liest nicht nur den Inhalt, sondern die Stellung des Inhalts. Lyrische Form ist daher immer auch eine Kunst der Platzierung.

Zugleich hat Absetzung eine hermeneutische Funktion. Sie gibt Hinweise darauf, wo ein Gedicht seine Spannungen, Wendungen oder Schwerpunkte setzt. Was abgesetzt ist, verlangt besondere Aufmerksamkeit. Es kann Schlüssel, Bruch, Echo, Gegenstimme oder Ausklang sein.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Absetzung poetologisch eine Grundfigur lyrischer Formwahrnehmung, in der Bedeutung durch Differenz, Stellung, Raum, Klang und Gewichtung entsteht.

Sprachliche Gestaltung der Absetzung

Sprachlich zeigt sich Absetzung durch Wörter und Formsignale wie aber, doch, nun, plötzlich, allein, zuletzt, dennoch, nur, da, darum, so, hier, fern, wieder, nicht mehr, am Ende, nunmehr und endlich. Solche Wörter können eine Wendung markieren und einen Abschnitt von der vorherigen Bewegung unterscheiden.

Formale Mittel sind isolierte Zeile, Strophenabstand, Einrückung, Refrain, Kehrzeile, Zäsur, Gedankenstrich, Ellipse, Reimwechsel, Metrumwechsel, Verslängenwechsel, Schlusskadenz, typographischer Weißraum, Bildwechsel, Sprechhaltungswechsel, Tonbruch, Wiederaufnahme eines Leitworts und abgesetzter Abgesang.

Besonders stark wirkt Absetzung, wenn mehrere Mittel zusammenkommen. Eine kurze Schlusszeile, die nach einer Leerzeile steht, ein neues Reimwort bringt und ein zuvor vorbereitetes Bild bündelt, ist stärker markiert als eine Zeile, die nur inhaltlich abweicht. Die Analyse sollte daher immer prüfen, ob optische, klangliche, rhythmische und semantische Absetzung sich gegenseitig verstärken.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Absetzung sprachlich eine lyrische Markierungsstruktur, in der Übergangswörter, Pausen, Formwechsel, Klangwechsel, Zeilenstellung und semantische Verschiebung zusammenwirken.

Typische Bildfelder

Typische Bildfelder der Absetzung sind Schwelle, Rand, Stufe, Absatz, Einschnitt, Insel, hervortretender Stein, letzter Ton, einzelne Kerze, freie Fläche, Türrahmen, Fenster, Brücke, Ufer, Grenze, Saum, Kontur, Schattenriss, Echo, Nachklang und Schlusslicht.

Zu den Bedeutungsfeldern gehören Hervorhebung, Unterscheidung, Gliederung, Kontrast, Übergang, Schlusswirkung, Eigenständigkeit, Nachdruck, Deutung, Pointe, Pause, Abstand, Differenz, Wiederkehr, Einwand, Antwort, Rahmen, Schwelle und poetische Gewichtung.

Zu den formalen Mitteln gehören Strophenabstand, Einzelzeile, abgesetzter Schluss, Refrain, Abgesang, Weißraum, Einrückung, Reimwechsel, Rhythmuswechsel, Zäsur, Gedankenstrich, typographische Gruppierung, isoliertes Wort, veränderte Kadenz und sichtbare Abschnittsbildung.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Absetzung ein lyrisches Differenz- und Gewichtungsfeld, in dem Form, Raum, Klang, Rhythmus, Bild und Deutung eng verbunden sind.

Ambivalenzen der Absetzung

Absetzung ist lyrisch ambivalent, weil sie sowohl Ordnung als auch Störung erzeugen kann. Sie gliedert das Gedicht und macht seine Teile überschaubar, kann aber zugleich einen Bruch, eine Fremdheit oder eine Unruhe sichtbar machen. Was abgesetzt ist, gehört zum Ganzen und steht doch in Spannung zu ihm.

Eine Absetzung kann harmonisch wirken, wenn sie eine Schlusszeile würdig hervorhebt, einen Refrain sangbar macht oder einen Abgesang klar von den Stollen unterscheidet. Sie kann aber auch irritieren, wenn ein Wort einsam steht, ein Bild plötzlich aus der Reihe fällt oder eine typographische Lücke den Zusammenhang aufreißt.

In der Analyse ist daher zu fragen, ob die Absetzung ordnet, steigert, bricht, kommentiert, ironisiert, öffnet oder verschärft. Nicht jede abgesetzte Stelle ist automatisch zentral, aber jede auffällige Absetzung verlangt eine Begründung. Sie ist ein Hinweis auf die innere Bewegung des Gedichts.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Absetzung daher eine spannungsreiche lyrische Figur zwischen Gliederung und Bruch, Hervorhebung und Fremdstellung, Schlusskraft und Offenheit, Ordnung und Irritation.

Beispiele für Absetzung in lyrischen Formen

Die folgenden Beispieltexte sind gemeinfrei neu formuliert und zeigen Absetzung in unterschiedlichen lyrischen Formen. Sie umfassen zwei Haiku-Beispiele, einen Limerick, ein Distichon, ein Alexandrinercouplet, eine Alkäische Strophe, eine Barform, einen Aphorismus, eine Lutherstrophe, eine Volksliedstrophe, einen Clerihew, ein Epigramm, einen elegischen Alexandriner, eine Xenie und eine Chevy-Chase-Strophe. Die Beispiele zeigen Absetzung als isolierte Schlusszeile, Klangwechsel, abgesetzten Abgesang, typographischen Nachdruck, komische Pointe, geistliche Schlussbündelung und balladenhafte Hervorhebung.

Ein erstes Haiku-Beispiel zur Absetzung

Das folgende Haiku zeigt Absetzung durch die dritte Zeile. Nach zwei Zeilen der Naturwahrnehmung tritt ein einzelnes Schlussbild hervor.

Schnee auf dem Garten.
Alle Spuren gehen fort –
eine bleibt stehen.

Die letzte Zeile ist inhaltlich und rhythmisch abgesetzt. Sie macht aus der winterlichen Fläche eine deutbare Spur und lenkt die Aufmerksamkeit auf das Einzelne.

Ein zweites Haiku-Beispiel zur Absetzung

Das zweite Haiku nutzt den Schluss als abgesetzten Klangraum. Die ersten beiden Zeilen bereiten eine Bewegung vor, die letzte Zeile sammelt sie in einer stillen Wahrnehmung.

Zwei Tropfen fallen.
Der Brunnen zählt nicht weiter –
Mond in der Schale.

Die Schlusszeile hebt sich als Bild ab. Sie erklärt nicht, sondern setzt eine neue ruhige Fläche gegen die vorherige Bewegung.

Ein Limerick zur Absetzung

Der folgende Limerick gestaltet Absetzung komisch, indem die abgesetzte Pointe selbst zum Gegenstand der Form wird.

Ein Dichter aus Plön setzte ab,
was sonst jeder glatt niederschrieb knapp.
Er sprach: „Diese Zeile
steht nur eine Weile –
doch jetzt hat sie endlich ihr Grab!“

Der Limerick zeigt Absetzung als spielerische Hervorhebung. Die Pointe macht sichtbar, dass eine Zeile durch ihre Stellung stärker auffällt als durch ihre Länge.

Ein Distichon zur Absetzung

Das folgende Distichon fasst Absetzung als poetische Gewichtung zusammen.

Was du im Gedicht absetzt, tritt aus der Reihe der Rede.
Nicht um allein zu sein, sondern um deutlicher dazustehn.

Das Distichon betont die doppelte Funktion der Absetzung. Der abgesetzte Teil wird getrennt und zugleich stärker in Beziehung zum Ganzen gesetzt.

Ein Alexandrinercouplet zur Absetzung

Das folgende Alexandrinercouplet nutzt die Mittelzäsur, um Absetzung als innere Teilung und äußere Hervorhebung zu zeigen.

Der Vers tritt aus dem Chor, | sobald die Pause spricht; A
was abgesetzt erscheint, | empfängt ein zweites Licht. A

Das Couplet zeigt Absetzung als Licht- und Pausenwirkung. Der abgesetzte Teil erscheint nicht isoliert, sondern neu beleuchtet.

Eine Alkäische Strophe zur Absetzung

Die folgende Alkäische Strophe nähert sich der antikisierenden Odenform und deutet Absetzung als würdevolle Hervorhebung innerhalb der Gedichtarchitektur.

Setze den letzten Gedanken nicht leise
unter die Menge der gleitenden Verse;
gib ihm die Schwelle,
dass er als Atem besteht.

Die Strophe zeigt Absetzung als bewusste Raumgabe. Ein Gedanke wird nicht bloß angefügt, sondern an eine Schwelle gestellt.

Eine Barform zur Absetzung

Die folgende Barform zeigt Absetzung im eigentlichen Zusammenhang von Stollen und Abgesang. Zwei Stollen bilden eine erkennbare Ordnung, der Abgesang hebt sich ab und erhält dadurch Schlusswirkung.

Der erste Stollen ruft den Tag, A
der hell auf allen Dächern lag; A

der zweite trägt den gleichen Klang, B
als ginge noch derselbe Gang; B

doch abgesetzt beginnt der Schluss, C
wo jeder Ton sich sammeln muss; C
hier wird aus Wiederkehr Gestalt, D
und aus dem Nachhall Sinngewalt. D

Die Barform macht die Absetzung des Abgesangs sichtbar. Nach der Stollenbewegung entsteht ein eigener Schlussraum, in dem die Form ihre Deutung findet.

Ein Aphorismus zur Absetzung

Der folgende Aphorismus fasst die lyrische Funktion der Absetzung knapp zusammen.

Absetzung ist die Kunst, einem Teil des Gedichts so viel Abstand zu geben, dass er genauer zum Ganzen gehört.

Der Aphorismus betont, dass Absetzung nicht bloße Trennung bedeutet. Sie schafft Zugehörigkeit durch sichtbare Differenz.

Eine Lutherstrophe zur Absetzung

Die folgende Lutherstrophe nutzt die geistliche Vierzeiligkeit, um die letzte Zeile als gebetshaften Schlussakzent abzuheben.

Herr, ordne mir den wirren Sinn, A
gib jedem Wort die Stelle; B und setz, wo ich verloren bin, A
dein Licht auf meine Schwelle. B

Die Schlusszeile wirkt als geistlich abgesetztes Bild. Die Schwelle bündelt Ordnung, Bitte und Lichtmotiv.

Eine Volksliedstrophe zur Absetzung

Die folgende Volksliedstrophe zeigt Absetzung in einfacher, singbarer Form. Der letzte Vers hebt das vorherige Naturbild emotional hervor.

Am Brunnen stand ein Lindenbaum, A
sein Schatten fiel ins Wasser; B ich sprach von einem alten Traum, A
die letzte Zeile blasser. B

Die Volksliedstrophe deutet Absetzung als leisen Farb- und Tonwechsel. Die letzte Zeile tritt zurück und wird gerade dadurch wahrnehmbar.

Ein Clerihew zur Absetzung

Der folgende Clerihew macht die Absetzung selbst zur komischen Figur.

Frau Absetzung aus Kiel
stand nie mitten im Spiel.
Sie trat an den Rand
und wurde bekannt.

Der Clerihew zeigt humorvoll, dass Absetzung durch Randstellung wirken kann. Das Abgesetzte wird sichtbar, weil es nicht in der Mitte verschwindet.

Ein Epigramm zur Absetzung

Das folgende Epigramm verdichtet Absetzung als formale Pointe.

Der Vers, den du absetzt, ist selten der fernste.
Oft steht er am Rand, damit er die Mitte erklärt.

Das Epigramm betont die paradoxe Wirkung der Absetzung. Randstellung kann Deutungszentrum werden.

Ein elegischer Alexandriner zur Absetzung

Der folgende elegische Alexandriner gestaltet Absetzung als melancholische Schlussstellung.

Die letzte Zeile stand | vom alten Lied getrennt;
so merkt das Herz zuletzt, | was es noch Sehnsucht nennt.

Der elegische Alexandriner zeigt Absetzung als Trennung und Erkenntnis. Die letzte Zeile erhält durch ihren Abstand eine erinnernde Kraft.

Eine Xenie zur Absetzung

Die folgende Xenie warnt davor, Absetzung nur äußerlich zu verstehen.

Setz nicht die Zeile allein, wenn nichts in ihr anders geworden.
Abstand ist Form erst dann, wenn er Bedeutung gewinnt.

Die Xenie macht deutlich, dass Absetzung nicht bloße Typographie ist. Sie muss durch Sinn, Klang oder Bewegung gerechtfertigt sein.

Eine Chevy-Chase-Strophe zur Absetzung

Die folgende Chevy-Chase-Strophe nutzt die balladennahe Form, um eine abgesetzte Schlussbewegung erzählerisch sichtbar zu machen.

Der Bote ritt durch Nacht und Wind, A
das Tor lag hell im Regen; B doch abseits stand ein einzig Licht, C
und gab dem Schluss den Segen. B

Die Strophe zeigt Absetzung durch ein einzelnes Licht am Rand. Dieses Licht wird zum deutenden Schlussbild der Szene.

Analytische Bedeutung

Für die Lyrikanalyse ist Absetzung ein wichtiger Begriff, wenn ein Gedicht bestimmte Teile durch Form, Raum, Klang oder Ton hervorhebt. Zunächst ist zu fragen, was abgesetzt ist: ein einzelner Vers, eine Schlusszeile, eine Strophe, ein Refrain, ein Abgesang, ein Wort, ein Bild, ein Sprecherwechsel oder ein ganzer Abschnitt.

Danach ist zu untersuchen, wodurch die Absetzung entsteht. Liegt sie in der Typographie, im Weißraum, in der Einrückung, im Strophenabstand, im Reimwechsel, im Metrumwechsel, im Rhythmus, in der Satzstruktur, im Klang, im Bildfeld oder in der Sprechhaltung? Besonders aufschlussreich sind Stellen, an denen mehrere Formen der Absetzung zusammenwirken.

Schließlich ist nach der Funktion zu fragen. Ordnet die Absetzung den Text? Hebt sie eine Pointe hervor? Markiert sie einen Bruch? Lässt sie einen Abgesang als Schlussabschnitt hervortreten? Gibt sie einer Zeile Nachdruck? Öffnet sie eine Leerstelle? Erzeugt sie Distanz, Nachklang, Ironie, Pathos, Ruhe oder Irritation?

Im Kulturlexikon bezeichnet Absetzung daher auch ein methodisches Analyseinstrument. Der Begriff hilft, Gedichte auf formale Gewichtung, abgesetzte Schlussbewegung, Refrainstruktur, Strophenbau, typographischen Raum, Klangwechsel, Zeilenstellung und poetische Differenz hin zu untersuchen.

Poetische Funktion

Die poetische Funktion der Absetzung besteht darin, Bedeutung durch Stellung zu erzeugen. Ein Gedichtteil wird nicht nur durch seinen Wortlaut wichtig, sondern durch den Ort, an dem er steht, und durch die Weise, in der er von anderen Teilen unterschieden wird. Absetzung ist deshalb eine Grundtechnik lyrischer Gewichtung.

Absetzung schafft Aufmerksamkeit. Sie verlangsamt die Lektüre, markiert Schwellen, erzeugt Nachklang und macht Übergänge sichtbar. Sie kann einen Schluss verstärken, einen Refrain hörbar machen, einen Abgesang vom Stollenpaar abheben, eine Einzelzeile pointieren oder eine Leerstelle als Bedeutungsträger einsetzen.

Zugleich ermöglicht Absetzung eine feine Verbindung von Form und Sinn. Eine abgesetzte Zeile kann Einsamkeit zeigen, ein abgesetzter Refrain kann Erinnerung erzeugen, ein abgesetzter Schluss kann Deutung bündeln, und ein abgesetzter Abgesang kann eine ganze Strophenbewegung entscheiden. Die Form sagt mit.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Absetzung somit eine Schlüsselgestalt lyrischer Formpoetik. Der Begriff zeigt, wie Gedichte durch Abstand, Differenz, Klangwechsel, Raum und hervorgehobene Stellung Bedeutung verdichten.

Fazit

Absetzung ist die formale, klangliche, rhythmische, typographische oder semantische Unterscheidung eines Gedichtteils von seiner Umgebung. Sie kann einen Vers, eine Schlusszeile, eine Strophe, einen Refrain, einen Abgesang, ein Wort, ein Bild oder einen Tonwechsel hervorheben. Ihre Wirkung entsteht aus dem Verhältnis von Zugehörigkeit und Differenz.

Als lyrischer Begriff ist Absetzung eng verbunden mit Strophenbau, Zeilenstellung, Weißraum, Einrückung, Reimwechsel, Rhythmuswechsel, Zäsur, Refrain, Kehrzeile, Abgesang, Schlussbild, Pointe, Nachklang, Tonbruch, Bildwechsel und poetischer Gewichtung. Sie macht sichtbar, dass lyrische Bedeutung nicht nur im Gesagten, sondern auch in der Platzierung des Gesagten liegt.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Absetzung eine grundlegende Figur lyrischer Form- und Strukturwahrnehmung. Der Begriff macht erkennbar, wie Gedichte durch Unterscheidung, Abstand und Hervorhebung ihre innere Bewegung formen.

Weiterführende Einträge

  • Abbruch Plötzliche Unterbrechung von Rede, Beziehung oder Form, die durch Absetzung besonders sichtbar werden kann
  • Abgesang Schlussteil der Barform, dessen Absetzung eine lyrische Bewegung nach Stollen und Gegenstollen neu bündelt
  • Abschied Lyrische Trennungssituation, die durch abgesetzte Schlusszeilen, Pausen oder Strophenräume intensiviert werden kann
  • Abschnitt Gliederungseinheit lyrischer Rede, die durch Absetzung eine eigene Funktion im Gedicht erhält
  • Absetzung Formale Unterscheidung eines Gedichtteils, durch die der Abgesang seine eigene Schlusswirkung erhält
  • Akkord Klangliche Bündelung, die durch abgesetzte Schlussstellung als Nachhall hervortreten kann
  • Alexandriner Sechshebiger Vers mit Mittelzäsur, dessen innere Teilung eine markante Form der Absetzung bildet
  • Alkäische Strophe Antikisierende Odenstrophe, deren innere Gliederung durch rhythmische und syntaktische Absetzung wirkt
  • Alliteration Lautliche Wiederkehr, die einen Vers oder Gedichtteil klanglich von seiner Umgebung absetzen kann
  • Anrede Direkte Hinwendung an ein Du, die durch abgesetzte Stellung besonders hervortreten kann
  • Aphorismus Pointierte Kurzform, deren Wirkung aus knapper Absetzung und gedanklicher Verdichtung entstehen kann
  • Assonanz Vokalische Klangbindung, durch die einzelne Versgruppen oder Schlusszeilen klanglich abgesetzt werden können
  • Ausklang Nachwirkender Schlussklang, der häufig durch abgesetzte Endstellung verstärkt wird
  • Barform Strophenform aus zwei Stollen und abgesetztem Abgesang als klassisches Modell lyrischer Differenzbildung
  • Bildbruch Abrupter Wechsel eines Bildfeldes, der semantische Absetzung und neue Deutung erzeugt
  • Bildwechsel Übergang in ein neues Bildfeld, durch den ein Gedichtteil inhaltlich abgesetzt wird
  • Binnenstruktur Innere Ordnung eines Gedichts oder einer Strophe, in der Absetzung einzelne Teile unterscheidbar macht
  • Bruch Störung eines Zusammenhangs, die durch formale Absetzung sichtbar oder hörbar werden kann
  • Chevy-Chase-Strophe Balladennahe Strophenform, deren Schlusszeilen durch Absetzung erzählerische Akzente setzen können
  • Clerihew Komische Kurzform, die mit abgesetzter Pointe und auffälliger Schlusswirkung arbeitet
  • Couplet Reimendes Zweizeilengefüge, dessen Paarung eine abgesetzte Schluss- oder Pointewirkung entfalten kann
  • Deutung Sinnerschließung eines Gedichts, die sich häufig an abgesetzten Schluss- und Wendestellen orientiert
  • Distichon Zweizeilige Form, deren Kürze und Paarstruktur eine prägnante Absetzung begünstigen
  • Dreiteiligkeit Strukturprinzip, in dem abgesetzte dritte Teile wie der Abgesang besondere Schlusswirkung erhalten
  • Einrückung Typographische Verschiebung einer Zeile, durch die lyrische Absetzung sichtbar gemacht wird
  • Einzelvers Alleinstehender Vers, der durch Absetzung besonderes semantisches und rhythmisches Gewicht erhält
  • Ellipse Auslassung syntaktisch erwarteter Bestandteile, die abgesetzte Rede verkürzen und verdichten kann
  • Epigramm Pointierte Kurzform, die häufig von scharfer Absetzung und Schlusszuspitzung lebt
  • Form Gestaltordnung des Gedichts, in der Absetzung als Differenz- und Gliederungsprinzip wirkt
  • Formschluss Gestalteter Abschluss einer lyrischen Form, der durch Absetzung seine besondere Endwirkung erhält
  • Gegenstollen Zweiter Stollen der Barform, dessen Parallelität die spätere Absetzung des Abgesangs vorbereitet
  • Gliederung Ordnung lyrischer Rede in unterscheidbare Abschnitte, die durch Absetzung sichtbar wird
  • Haiku Kurze Gedichtform, in der die letzte Zeile oft eine abgesetzte Wahrnehmungs- oder Schlusswirkung erhält
  • Halbvers Vershälfte, die durch Zäsur oder rhythmische Absetzung eigene Spannung gewinnen kann
  • Hervorhebung Poetische Gewichtung eines Ausdrucks, Verses oder Abschnitts durch formale oder klangliche Absetzung
  • Hymne Feierliche Gedichtform, deren Strophen- und Schlussbewegungen durch Absetzung gesteigert werden können
  • Kadenz Vers- und Klangschluss, der abgesetzten Zeilen besondere End- und Nachklangwirkung gibt
  • Kehrzeile Wiederkehrende Zeile, die durch abgesetzte Stellung den Liedcharakter eines Gedichts prägt
  • Klang Lautliche Wirkung lyrischer Sprache, durch deren Wechsel ein Gedichtteil abgesetzt werden kann
  • Klangbruch Störung einer lautlichen Ordnung, die Absetzung als hörbare Differenz erzeugt
  • Klangwende Veränderung der lautlichen Bewegung, durch die Schluss, Abgesang oder Einzelzeile hervortreten
  • Kontrast Gegensatzbildung, die durch abgesetzte Verse, Bilder oder Strophen besonders deutlich wird
  • Leerstelle Bedeutungsoffener Raum im Gedicht, der durch Weißraum und Absetzung entstehen kann
  • Lied Sangbare lyrische Form, deren Strophen, Refrains und Schlussbewegungen durch Absetzung gegliedert sind
  • Liedform Formale Ordnung des Liedes, in der abgesetzte Refrains, Strophen und Abgesänge zentrale Rollen spielen
  • Limerick Komische Fünfzeilerform, deren Pointe durch Schlussabsetzung besonders wirksam wird
  • Lutherstrophe Geistliche Strophenform, deren Schlusszeilen durch Klang und Sinn abgesetzt wirken können
  • Lyrische Form Baugestalt eines Gedichts, in der Absetzung als fundamentales Strukturprinzip beschreibbar ist
  • Metrum Regelmäßige Versbewegung, deren Veränderung eine rhythmische Absetzung erzeugt
  • Montage Zusammenfügung heterogener Textteile, die moderne Absetzung und Diskontinuität sichtbar macht
  • Nachhall Fortwirkender Klang oder Sinn, der durch abgesetzte Schlussstellung verstärkt werden kann
  • Ode Erhabene lyrische Form, deren Strophenarchitektur durch deutliche Absetzungen gegliedert sein kann
  • Offene Form Nicht streng geschlossene Gedichtgestalt, die Absetzung als freies Strukturmittel nutzt
  • Offener Schluss Endbewegung ohne vollständige Auflösung, die durch abgesetzte Stellung besonders nachwirkt
  • Paarreim Reimform, die abgesetzte Schlussgruppen oder Couplets klanglich binden kann
  • Pause Zeitliche oder formale Unterbrechung, die Absetzung als Atem- und Sinnraum erfahrbar macht
  • Pausenstruktur Anordnung von Unterbrechungen, durch die abgesetzte Zeilen oder Abschnitte ihr Gewicht erhalten
  • Pointe Zuspitzende Schlusswendung, die häufig durch formale Absetzung vorbereitet oder verstärkt wird
  • Refrain Wiederkehrender Gedichtteil, der durch Absetzung, Wiederholung und Klanggedächtnis hervorgehoben wird
  • Reim Klangbindung am Versende, deren Wechsel oder Sonderstellung einen Gedichtteil absetzen kann
  • Reimbruch Störung einer Reimerwartung, die eine Zeile oder Schlussstelle hörbar absetzt
  • Reimwechsel Veränderung des Reimschemas, durch die Absetzung innerhalb einer Strophe oder eines Gedichts entsteht
  • Rhythmus Bewegungsordnung lyrischer Rede, deren Wechsel abgesetzte Versgruppen markiert
  • Rhythmusbruch Plötzliche Veränderung des rhythmischen Flusses, die Absetzung als Störung oder Akzent erzeugt
  • Schluss Letzte Bewegung eines Gedichts, die durch Absetzung besondere Deutungs- und Nachklangkraft erhält
  • Schlussbild Letztes Bild eines Gedichts, das durch abgesetzte Stellung zur Deutungsfigur werden kann
  • Schlusskadenz Klanglicher Endfall, der abgesetzte Schlusszeilen akustisch hervorhebt
  • Schlussstrophe Letzte Strophe eines Gedichts, die durch Absetzung eine eigene Abschlussfunktion erhält
  • Schlusswendung Deutende oder überraschende Wendung am Ende, die durch Absetzung besonders sichtbar wird
  • Schnitt Formale oder semantische Trennung, die Absetzung als klare Kante im Gedicht erzeugt
  • Sprechhaltung Innere Haltung der Stimme, deren Wechsel einen Gedichtteil deutlich absetzen kann
  • Stille Akustische Zurücknahme, die durch typographische oder rhythmische Absetzung wahrnehmbar wird
  • Stollen Erster und zweiter Teil der Barform, deren Parallelität die Absetzung des Abgesangs ermöglicht
  • Strophe Gliederungseinheit des Gedichts, die durch Abstand und Formwiederkehr abgesetzt wird
  • Strophenabstand Sichtbarer Raum zwischen Strophen, der lyrische Absetzung und Lesepause erzeugt
  • Strophenbau Formale Anlage der Strophe, in der Absetzung einzelne Teile ordnet und gewichtet
  • Strophenform Wiedererkennbare Bauform, die durch abgesetzte Teile, Wiederholung und Differenz geprägt ist
  • Strophenschluss Ende einer Strophe, das durch Absetzung, Kadenz oder Reimwechsel hervorgehoben werden kann
  • Syntax Satzbau des Gedichts, dessen Brüche und Verschiebungen Absetzung erzeugen können
  • Ton Klangliche und stimmungshafte Haltung, deren Wechsel eine lyrische Absetzung markiert
  • Tonbruch Plötzlicher Wechsel der Sprech- oder Stimmungslage, durch den ein Gedichtteil abgesetzt wird
  • Typographie Sichtbare Anordnung des Gedichts, durch die Absetzung, Weißraum und Zeilenstellung Bedeutung gewinnen
  • Übergang Schwelle zwischen Gedichtteilen, die durch Absetzung markiert und deutbar wird
  • Vers Einzelne Gedichtzeile, die durch Absetzung besonderes Gewicht erhalten kann
  • Versgruppe Zusammengehörige Zeileneinheit, die durch Abstand oder Klang als Abschnitt abgesetzt wird
  • Verslänge Ausdehnung einer Zeile, deren Abweichung einen Vers rhythmisch und optisch absetzen kann
  • Volkslied Liedhafte Tradition, in der Refrain, Strophe und Schlusszeile durch Absetzung wirken
  • Volksliedstrophe Einfache singbare Strophenform, deren Zeilen- und Schlussstruktur durch Absetzung geprägt sein kann
  • Weißraum Leere Fläche auf der Seite, die abgesetzte Wörter, Verse oder Strophen als poetischen Raum sichtbar macht
  • Wendung Sinn- oder Tonumschlag, der durch formale Absetzung besonders deutlich hervortritt
  • Wiederholung Formprinzip, dessen Variation oder Unterbrechung Absetzung erzeugen kann
  • Xenie Pointierte Zweizeilerform, in der Absetzung und kritische Schlusszuspitzung eng zusammenwirken können
  • Zäsur Einschnitt im Vers, der innere Absetzung und gegliederte Versspannung erzeugt
  • Zeile Grundelement der lyrischen Anordnung, das durch Stellung, Länge und Abstand abgesetzt werden kann
  • Zeilenbruch Versschnitt, der Bedeutung durch Pause, Verzögerung und abgesetzte Stellung formt
  • Zeilenstellung Position einer Zeile im Schriftbild, durch die Absetzung, Hervorhebung und Lesebewegung entstehen