Allegorie
Überblick
Allegorie bezeichnet eine bildhafte Sinnform, in der eine anschauliche Gestalt auf einen abstrakten, allgemeinen oder übergeordneten Sinn verweist. In der Lyrik ist sie ein besonders wichtiges Verfahren, wenn Gefühle, Tugenden, Laster, Mächte, geschichtliche Zustände, geistige Bewegungen oder metaphysische Zusammenhänge nicht nur benannt, sondern in einer geordneten Bildstruktur dargestellt werden sollen. Die Allegorie veranschaulicht also nicht bloß, sondern organisiert die Beziehung zwischen Bild und Sinn in einer vergleichsweise klaren Entsprechung.
Gerade darin unterscheidet sie sich von offeneren poetischen Verfahren. Ein allegorisches Bild will in der Regel nicht nur Stimmung erzeugen oder eine vieldeutige Resonanz eröffnen, sondern lenkt das Verstehen stärker auf eine bestimmte Sinnrichtung hin. Wenn etwa die Zeit als Greis, die Gerechtigkeit als Frau mit Waage oder die Vergänglichkeit als welkender Kranz erscheint, liegt eine deutlich ausgeprägte Struktur des Gemeintseins vor. Die sichtbare Gestalt ist Trägerin eines nicht unmittelbar sichtbaren Gedankens, und diese Beziehung ist nicht beliebig, sondern in kulturellen und poetischen Konventionen geformt.
In der Lyrik kann die Allegorie sehr verschieden auftreten. Sie kann als einzelne Figur erscheinen, als durchgehaltenes Bildschema, als personifizierte Gestalt, als Weg- oder Raumordnung, als ganze Folge korrespondierender Bilder oder als Denkbewegung, in der das Gedicht einen allgemeinen Sinn in eine sinnlich fassbare Form überführt. Gerade die Kürze und Konzentration des Gedichts machen allegorische Verfahren oft besonders wirksam, weil mit wenigen Zeichen komplexe Sinnzusammenhänge erschlossen werden können.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Allegorie somit einen zentralen Grundbegriff poetischer Sinnbildung. Gemeint ist jene bildhafte Form, in der ein Gedicht abstrakte oder allgemeine Bedeutungen durch eine deutlich erkennbare, geordnete Entsprechung in anschauliche Gestalt überführt.
Begriff und poetische Grundfigur
Der Begriff Allegorie verweist auf ein „Anders-Sagen“, also auf eine Ausdrucksweise, in der etwas in anderer Gestalt gesagt wird, als es begrifflich direkt formuliert wäre. In der poetischen Praxis bedeutet dies, dass ein Gedicht nicht bei der abstrakten Aussage bleibt, sondern einen Sinn in eine Figur, Szene, Handlung oder Bildordnung übersetzt. Die Allegorie ist deshalb nicht bloß Ausschmückung, sondern eine Grundfigur vermittelter Darstellung. Sie zeigt etwas und meint zugleich etwas anderes oder mehr.
Als poetische Grundfigur ist die Allegorie durch eine starke Relation zwischen anschaulichem Träger und gemeintem Gehalt bestimmt. Diese Relation ist in vielen Fällen relativ stabil. Die anschauliche Seite ist nicht völlig frei schwebend, sondern deutet mit gewisser Nachdrücklichkeit auf eine bestimmte abstrakte Größe. Die allegorische Gestalt ist daher oft lesbar. Sie fordert Deutung, aber diese Deutung ist nicht grenzenlos offen. Gerade darin liegt ihr eigenes Profil.
Für die Lyrik ist das von besonderer Bedeutung, weil Gedichte häufig zwischen sinnlicher Unmittelbarkeit und gedanklicher Allgemeinheit vermitteln. Die Allegorie bietet hierfür ein ausgeprägtes Verfahren. Sie erlaubt, Begriffe wie Hoffnung, Eitelkeit, Liebe, Glaube, Zweifel, Tod, Freiheit oder Geschichte nicht nur zu nennen, sondern in eine poetische Erscheinungsform zu überführen. Das Gedicht gewinnt dadurch Konkretheit, ohne seinen gedanklichen Gehalt zu verlieren.
Im Kulturlexikon bezeichnet Allegorie daher eine Grundform dichterischen Sprechens, in der poetische Sprache einen abstrakten Sinn in eine anschauliche, strukturierte und deutungsfähige Gestalt übersetzt.
Allegorie als Entsprechungsstruktur
Das eigentliche Zentrum der Allegorie ist ihre Entsprechungsstruktur. Zwischen der anschaulichen Ebene und der gemeinten Ebene besteht eine Beziehung, die nicht bloß assoziativ oder atmosphärisch ist, sondern in gewisser Weise systematisch. Ein Bild steht für etwas, eine Figur repräsentiert einen Begriff, ein Wegverlauf modelliert eine geistige Bewegung, eine Szene veranschaulicht einen übergeordneten Sachverhalt. Die Allegorie organisiert also Sinn über eine strukturierte Korrespondenz.
Gerade diese Struktur macht sie poetisch eigenständig. Während ein einzelnes Bild auch frei schwingen, offen bleiben oder vor allem Stimmung tragen kann, tendiert die Allegorie zu einer stärkeren Ordnung. Sie kann eine ganze Kette von Entsprechungen entfalten. Ein allegorisches Gedicht ist dann nicht auf ein isoliertes Zeichen beschränkt, sondern entwickelt eine Folge von Bildträgern, die gemeinsam einen Sinnbereich erschließen. So kann etwa ein Weg allegorisch für den Lebenslauf stehen, eine Stadt für die Seele, ein Garten für innere Ordnung oder ein Kampf für einen geistigen Konflikt.
Die Entsprechung ist dabei nicht notwendig mechanisch. Gute Allegorien leben nicht davon, dass jedes Element pedantisch einer einzigen abstrakten Größe zugeordnet werden könnte. Vielmehr bleibt auch die allegorische Ordnung poetisch. Sie verbindet Lenkung des Sinns mit sprachlicher Lebendigkeit. Dennoch bleibt ihre Tendenz klar: Sie strebt stärker als offenere Bildformen danach, das Verstehen auf eine geordnete Deutung hin auszurichten.
Im Kulturlexikon bezeichnet Allegorie deshalb eine Bildform mit ausgeprägter Entsprechungsstruktur. Sie steht für das poetische Verfahren, in dem anschauliche Gestalten systematisch oder zumindest deutlich erkennbar auf abstrakte Sinngehalte bezogen werden.
Abstrakter Sinn und anschauliche Gestalt
Eine der wichtigsten Leistungen der Allegorie besteht darin, Abstraktes in eine anschauliche Gestalt zu überführen. Die Lyrik arbeitet häufig mit Begriffen, die nicht unmittelbar sichtbar sind: Zeit, Wahrheit, Hoffnung, Ruhm, Vergänglichkeit, Sünde, Liebe, Schmerz oder Freiheit. Solche Größen gewinnen in der Allegorie Gestalt. Sie treten als Figuren, Gegenstände, Bewegungen, Orte oder Handlungen auf. Dadurch wird der abstrakte Sinn nicht einfach reduziert, sondern in eine poetisch erfahrbare Form übersetzt.
Gerade hierin liegt die Vermittlungsleistung der Allegorie. Sie macht sichtbar, was begrifflich schwer greifbar oder zu allgemein wäre. Ein Gedicht kann etwa den Tod als Wanderer, die Eitelkeit als welkenden Schmuck, die Hoffnung als Lichtträgerin oder die Zeit als unermüdlichen Schnitter gestalten. Das Anschauliche dient dann nicht bloß der Illustration, sondern trägt den Sinn. Die Allegorie gibt dem Gedachten eine poetische Körperlichkeit.
Für die Lyrik ist dies besonders fruchtbar, weil das Gedicht zwischen sinnlicher Präsenz und geistiger Verdichtung vermittelt. Die Allegorie erlaubt, allgemeine Wahrheiten, moralische Ordnungen, religiöse Deutungen oder existentielle Einsichten in konkrete Bilder und Szenen zu überführen, ohne dass der abstrakte Horizont ganz verschwindet. Gerade diese Doppelheit von Anschaulichkeit und Begriffsnähe verleiht der Allegorie ihren eigenen Rang.
Im Kulturlexikon bezeichnet Allegorie somit auch eine zentrale Vermittlungsform zwischen Abstraktion und Erscheinung. Sie macht sichtbar, wie poetische Sprache Allgemeines in konkrete, anschauliche und deutungsfähige Gestalten verwandeln kann.
Personifikation und Figurenbildung
Eine besonders häufige Form der Allegorie ist die Personifikation. Abstrakte Größen erscheinen dann als handelnde oder sprechende Gestalten. Tugenden, Laster, Naturkräfte, Zeitformen, geistige Zustände oder geschichtliche Mächte erhalten menschliche Züge und werden dadurch poetisch adressierbar. In vielen Gedichten tritt gerade diese personifizierende Allegorie deutlich hervor, weil sie dem Abstrakten Stimme, Haltung, Blickrichtung und Handlungsmacht verleiht.
Die Personifikation ist jedoch nicht mit der Allegorie insgesamt identisch. Sie ist eine besonders prägnante Ausprägung, aber allegorische Strukturen können auch ohne voll entwickelte Figuren bestehen. Dennoch zeigt sich an ihr besonders klar, wie allegorische Sinnbildung funktioniert. Eine personifizierte Gestalt ist nie nur Figur, sondern immer zugleich Trägerin eines allgemeinen Sinns. Sie bewegt sich an der Schnittstelle zwischen individueller Anschaulichkeit und begrifflicher Repräsentation.
Gerade in der Lyrik kann diese Form außerordentlich wirksam sein. Ein Gedicht, das den Frieden anruft, die Liebe als Macht auftreten lässt, den Schlaf oder die Nacht mit personalen Zügen versieht oder die Vergänglichkeit als greifbare Instanz gestaltet, schafft sofort eine hohe Dichte von Sinn und Anschaulichkeit. Die Personifikation macht abstrakte Zusammenhänge ansprechbar und dramatisiert sie zugleich.
Im Kulturlexikon ist Allegorie daher eng mit Personifikation verbunden. Sie bezeichnet unter anderem jene poetische Figurenbildung, in der Abstrakta zu sprachlich faßbaren und deutungsintensiven Gestalten werden.
Allegorie in der Lyrik
In der Lyrik besitzt die Allegorie einen eigenen Stellenwert, weil das Gedicht in besonderer Weise auf Verdichtung, Prägnanz und strukturierte Bildräume angewiesen ist. Während erzählende Formen allegorische Ordnungen oft über längere Handlungszusammenhänge entfalten können, muss die Lyrik mit kürzeren, konzentrierteren Mitteln arbeiten. Gerade deshalb können allegorische Zeichen im Gedicht besonders stark aufgeladen sein. Ein einzelner Gegenstand, eine angesprochene Gestalt, eine Wegfigur oder ein ganzes Bildfeld kann die Funktion einer allegorischen Struktur übernehmen.
Die lyrische Allegorie ist nicht immer geschlossen im Sinne eines lückenlos lesbaren Schemas. Häufig tritt sie in verdichteter, teilweise gebrochener oder atmosphärisch überformter Gestalt auf. Ein Gedicht kann allegorische Züge tragen, ohne dass jeder Vers restlos „entschlüsselbar“ wäre. Dennoch bleibt die Tendenz deutlich: Die Bilder sind nicht nur sinnlich oder symbolisch offen, sondern weisen stärker auf einen ordnenden, meist allgemeinen Sinnhorizont hin.
Besonders in geistlicher Lyrik, Lehrdichtung, Barocklyrik, emblematisch geprägten Formen oder moralisch-existenziellen Gedichten tritt die Allegorie hervor. Aber auch moderne Lyrik kann allegorisch arbeiten, indem sie abstrakte Sachverhalte in strukturierte Bilder übersetzt, ohne dabei zu einer starren Eindeutigkeit zurückzukehren. Die Allegorie bleibt deshalb ein epochenübergreifend wirksames Mittel, auch wenn ihre Gestalt sich wandelt.
Im Kulturlexikon bezeichnet Allegorie daher eine bedeutsame Form lyrischer Bild- und Sinnorganisation. Sie zeigt, wie das Gedicht abstrakte Ordnungen in konkrete poetische Konstellationen überführen kann.
Abgrenzung zu Symbol, Metapher und Anspielung
Für das Verständnis der Allegorie ist ihre Abgrenzung zu verwandten Begriffen besonders wichtig. Gegenüber dem Symbol ist die Allegorie in der Regel stärker auf entschlüsselbare Entsprechung angelegt. Das Symbol behält oft eine größere Offenheit, es bündelt Sinn in einer Gestalt, ohne vollständig auf einen festen Begriff aufzulösbar zu sein. Die Allegorie hingegen neigt dazu, die Beziehung zwischen Bild und gemeintem Sinn deutlicher zu strukturieren und in eine lesbare Zuordnung zu überführen.
Von der Metapher unterscheidet sich die Allegorie durch Umfang und Stabilität. Die Metapher ist zunächst eine einzelne Übertragung, ein punktuelles Anders-Sagen. Die Allegorie kann zwar metaphorische Elemente enthalten, geht aber meist darüber hinaus, indem sie eine ganze Sinnordnung entfaltet. Sie ist nicht nur ein bildlicher Impuls, sondern ein geordnetes System von Entsprechungen oder zumindest eine deutlich ausgerichtete Bildstruktur.
Gegenüber der Anspielung ist die Allegorie weniger indirekt. Die Anspielung verweist andeutend auf einen anderen Text, ein kulturelles Wissen oder einen Traditionshorizont. Die Allegorie dagegen erzeugt ihren Sinn primär aus der eigenen strukturierten Bildgestalt. Zwar kann auch eine Allegorie anspielungsreich sein, doch ihr Kern liegt nicht im indirekten Echo, sondern in der anschaulichen Repräsentation eines abstrakten Zusammenhangs.
Im Kulturlexikon bezeichnet Allegorie deshalb eine eigenständige poetische Sinnform. Sie steht zwischen Metapher, Symbol und Anspielung, besitzt aber eine deutlichere Entsprechungsstruktur und eine stärkere ordnende Tendenz als diese verwandten Verfahren.
Form, Ordnung und Deutungslenkung
Allegorische Dichtung ist häufig von einer besonderen Ordnung geprägt. Diese Ordnung zeigt sich in der Auswahl der Bilder, in der Wiederkehr bestimmter Merkmale, in der klaren Positionierung von Figuren, in hierarchischen Raumordnungen oder in der logischen Führung einer poetischen Bewegung. Gerade weil die Allegorie auf Entsprechung beruht, verlangt sie oft eine gewisse formale Disziplin. Die Bilder müssen so geordnet sein, dass der angestrebte Sinnzusammenhang lesbar bleibt.
Diese Ordnungsleistung führt zu einer deutlicheren Deutungslenkung als bei manchen offeneren lyrischen Formen. Ein allegorisches Gedicht lenkt den Leser stärker darauf, hinter oder in der Gestalt einen allgemeineren Sinn zu erkennen. Es lässt nicht völlig offen, worauf die Bilder hinauswollen. Dennoch bleibt die poetische Qualität nicht notwendig eingeschränkt. Gute Allegorien gewinnen ihre Kraft gerade daraus, dass sie Ordnung und sprachliche Lebendigkeit miteinander verbinden.
Auch formale Mittel wie Parallelismus, Wiederholung, Reihung, Gegenüberstellung oder ein klarer Strophenbau können allegorische Strukturen stützen. Wenn ein Gedicht etwa in mehreren Abschnitten jeweils eine verwandte Entsprechung entfaltet, entsteht daraus eine starke innere Kohärenz. Form und Allegorie arbeiten dann unmittelbar zusammen. Die Bildordnung wird zur Sinnordnung.
Im Kulturlexikon bezeichnet Allegorie deshalb auch eine Form poetischer Organisation. Sie meint nicht nur einzelne Bilder, sondern die geordnete Weise, in der ein Gedicht anschauliche Elemente zu einem gelenkten, interpretierbaren Sinngefüge zusammenbindet.
Allegorie in der Lyriktradition
Die Allegorie besitzt in der Lyriktradition eine lange und vielfältige Geschichte. Besonders in älteren Epochen spielt sie eine herausragende Rolle, weil sie es erlaubt, moralische, religiöse, politische oder erkenntnishafte Gehalte in anschauliche Form zu bringen. In antiken, mittelalterlichen und barocken Kontexten ist allegorisches Denken tief in poetische und rhetorische Verfahren eingebettet. Tugenden, Laster, Schicksalsmächte, Zeitgestalten, Tod, Ruhm, Welt und Seele erscheinen dort häufig in personifizierter oder streng geordneter Bildform.
Auch in der geistlichen Lyrik ist die Allegorie von großer Bedeutung. Sie hilft, unsichtbare oder transzendente Sachverhalte in sinnlich faßbare Bilder zu überführen. Der Weg, der Garten, die Stadt, das Licht, der Weinberg, das Schiff oder die Braut können in allegorischen Zusammenhängen auf umfassendere Heils-, Seelen- oder Glaubensordnungen verweisen. Die lyrische Allegorie ermöglicht hier eine Verdichtung von Lehre, Erfahrung und Bildkraft.
In späteren Epochen verschiebt sich das Gewicht. Romantische und symbolische Dichtungen bevorzugen häufig offenere Bildformen, doch die Allegorie verschwindet nicht. Sie tritt nur oft komplexer, subtiler oder gebrochener auf. Auch moderne Lyrik kann allegorisch arbeiten, wenn sie gesellschaftliche, geschichtliche oder existentielle Sachverhalte in geordnete Bildfigurationen übersetzt. Die Allegorie bleibt also traditionsfähig, auch wenn ihre Formen wandelbar werden.
Im Kulturlexikon bezeichnet Allegorie daher einen epochenübergreifenden Grundbegriff der Lyrik. Er steht für eine Bild- und Sinnform, die besonders dort wirksam wird, wo Dichtung abstrakte Ordnungen in sichtbare Gestalten überführen will.
Ambivalenzen der Allegorie
Die Allegorie ist eine ambivalente poetische Form. Einerseits besitzt sie große Klarheit. Sie kann Sinn lenken, Ordnung schaffen und abstrakte Zusammenhänge durch anschauliche Gestalten erschließen. Andererseits kann gerade diese Klarheit zu Starrheit führen, wenn das Bild nur noch als austauschbare Illustration eines vorab feststehenden Begriffs erscheint. Die Stärke der Allegorie kann also zugleich ihre Gefahr sein. Wo die Entsprechung zu mechanisch wird, verliert das Gedicht an poetischer Spannung.
Gerade deshalb ist die gelungene Allegorie nie bloß schematisch. Sie muss über die reine Zuordnung hinaus sprachliche Lebendigkeit, atmosphärische Dichte und sinnliche Kraft behalten. Die Gestalt darf nicht vollständig im Begriff aufgehen. Je stärker die allegorische Figur eigene poetische Präsenz besitzt, desto reicher wird das Gedicht. Die Ambivalenz der Allegorie liegt also zwischen Lesbarkeit und Verarmung, zwischen Ordnung und Überdetermination, zwischen Deutungslenkung und poetischer Offenheit.
Hinzu kommt, dass auch allegorische Formen kulturell wandelbar sind. Was in einer Epoche leicht lesbar war, kann in einer anderen hermetisch erscheinen. Die Allegorie ist deshalb immer auch an Traditionswissen gebunden. Sie gewinnt an Tiefe, wenn ihre Bildordnungen noch resonanzfähig sind, und sie kann an Fremdheit gewinnen, wenn diese kulturellen Zusammenhänge verblassen. Gerade dadurch aber kann sie auch neue Reize entfalten.
Im Kulturlexikon ist Allegorie daher als Spannungsbegriff zu verstehen. Sie verbindet deutende Ordnung mit poetischer Anschaulichkeit und lebt von der Balance zwischen begrifflicher Richtung und sprachlicher Eigenkraft.
Poetische Funktion
Die poetische Funktion der Allegorie besteht darin, abstrakte, allgemeine oder schwer anschaulich fassbare Sinnzusammenhänge in eine geordnete Bildform zu überführen. Sie macht Gedanken sichtbar, moralische oder geistige Bewegungen erfahrbar und große Sinnhorizonte in konkrete poetische Konstellationen übersetzbar. Gerade für die Lyrik ist das von großer Bedeutung, weil sie häufig mit knappen Mitteln komplexe Gehalte tragen muss.
Darüber hinaus stiftet die Allegorie eine besondere Form von Lesbarkeit. Sie fordert nicht nur Wahrnehmung, sondern Deutung. Das Gedicht lenkt den Leser darauf, hinter der Gestalt oder in ihr einen übergeordneten Sinn zu erkennen. Diese Deutungsbewegung gehört wesentlich zu ihrer poetischen Wirkung. Die Allegorie ist deshalb nicht nur Bild, sondern Denkform. Sie verbindet sinnliche Präsenz mit interpretativer Arbeit.
Auch kulturell erfüllt die Allegorie eine wichtige Funktion. Sie bindet das Gedicht an überlieferte Formen des Sinnverstehens an, ohne diese bloß zu wiederholen. In ihr kann Tradition fortgeführt, umgeformt oder neu gewichtet werden. Die Allegorie macht sichtbar, dass Dichtung nicht nur individuelle Empfindung, sondern auch Ordnung von Welt- und Sinnbezügen sein kann.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Allegorie somit eine Schlüsselgröße poetischer Sinnbildung. Sie steht für die bildhafte Form, in der ein Gedicht abstrakte Gehalte, geistige Ordnungen und allgemeine Zusammenhänge in anschauliche, lesbare und dichterisch verdichtete Gestalten übersetzt.
Fazit
Allegorie ist in der Lyrik eine bildhafte Sinnform mit deutlich ausgeprägter Entsprechungsstruktur zwischen anschaulicher Gestalt und abstraktem Gehalt. Sie gehört zu den klassischen Verfahren poetischer Veranschaulichung, weil sie abstrakte Größen nicht nur benennt, sondern in geordnete und deutungsfähige Bilder überführt. Gerade darin unterscheidet sie sich von offeneren, stärker schwebenden Bildformen.
Als poetischer Grundbegriff verbindet die Allegorie Anschaulichkeit und Begriffsnähe, Bildkraft und Deutungslenkung, Personifikation und Ordnung. Sie kann einzelne Figuren hervorbringen oder ganze Sinngefüge organisieren und ist besonders dort wirksam, wo Dichtung moralische, geistige, religiöse oder existenzielle Zusammenhänge in eine sichtbare Sprache verwandelt.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Allegorie somit einen zentralen Begriff lyrischer Sinn- und Bildgestaltung. Er steht für die Fähigkeit des Gedichts, ein Allgemeines im Besonderen erscheinen zu lassen und abstrakte Bedeutung durch eine geordnete poetische Gestalt lesbar und erfahrbar zu machen.
Weiterführende Einträge
- Abstraktion Begriffliche Allgemeinheit, die in der Allegorie in anschauliche Gestalt überführt wird
- Andeutung Zurückgenommene Sinnführung, von der sich die stärker geordnete Allegorie absetzt
- Anspielung Indirekter Verweis, der meist offener verfährt als die deutlicher strukturierte Allegorie
- Attribut Kennzeichnendes Beizeichen allegorischer Figuren, etwa Waage, Kranz oder Fackel
- Bedeutung Sinngehalt poetischer Sprache, der in der Allegorie gelenkt und veranschaulicht wird
- Begriff Abstrakte Sinnform, die in der Allegorie bildlich repräsentiert erscheint
- Bildfeld Zusammenhang mehrerer verwandter Bilder, aus denen allegorische Ordnungen entstehen können
- Bildlichkeit Sprachliche Veranschaulichung als Grundlage allegorischer Sinnbildung
- Deutung Verstehensbewegung, die die Entsprechungsstruktur einer Allegorie erschließt
- Dingpoetik Lyrische Konzentration auf Gegenstände, die in allegorischen Kontexten Sinnträger werden können
- Emblem Verwandte Bild-Sinn-Form mit enger Kopplung von Darstellung, Motto und Deutung
- Entsprechung Beziehungsstruktur zwischen anschaulicher Gestalt und gemeintem Sinn in der Allegorie
- Figur Gestalthaftes Element poetischer Rede, das in der Allegorie oft Sinnträger wird
- Form Geordnete Gestalt des Gedichts, die allegorische Sinnzusammenhänge strukturiert
- Geistliche Lyrik Lyrischer Bereich, in dem allegorische Figuren und Ordnungen besonders häufig auftreten
- Gleichnis Bildhafte Vergleichsform, die wie die Allegorie zwischen Anschaulichkeit und Sinn vermittelt
- Intertextualität Beziehungsgeflecht zwischen Texten, in dem allegorische Traditionsmuster weiterwirken
- Konkretion Anschauliche Verdichtung, durch die abstrakte Gehalte poetisch greifbar werden
- Lehrdichtung Poetische Form, die allegorische Ordnung häufig zur Sinnvermittlung nutzt
- Metapher Punktuelle Übertragung, von der die Allegorie sich durch größere Struktur und Dauer unterscheidet
- Moral Allgemeiner Sinnbereich, der in allegorischen Gedichten oft bildhaft geordnet erscheint
- Motiv Wiederkehrendes Element, das sich zu einer allegorischen Struktur verdichten kann
- Mythos Überlieferter Erzählraum, der allegorisch umgedeutet oder weiterverarbeitet werden kann
- Offenheit Poetische Beweglichkeit, mit der die Allegorie trotz Deutungslenkung im Spannungsverhältnis steht
- Personifikation Besonders prägnante Form der Allegorie, in der Abstrakta zu Gestalten werden
- Präsenz Anschauliche Gegenwärtigkeit, die allegorische Gestalten trotz ihrer Begriffsnähe entfalten können
- Referenz Bezug eines Bildes auf einen weiteren Sinnbereich als Grundvorgang allegorischer Rede
- Sinnbild Bildhafte Trägerform von Bedeutung, die zur allegorischen Darstellung hin tendieren kann
- Struktur Geordneter Zusammenhang poetischer Elemente, der allegorische Entsprechungen lesbar macht
- Symbol Offenere Bildform, die im Unterschied zur Allegorie weniger fest auflösbar ist
- Sprache Medium poetischer Übersetzung, in dem Allegorie abstrakte Sinngehalte veranschaulicht
- Tradition Überlieferungszusammenhang, in dem allegorische Figuren und Lesemuster entstanden sind
- Tugend Abstrakter Wertbereich, der in allegorischen Gedichten häufig personifiziert erscheint
- Übertragung Bewegung vom abstrakten Sinn in die anschauliche Gestalt als Grundvorgang der Allegorie
- Veranschaulichung Poetische Sichtbarmachung abstrakter Gehalte durch Bild und Figur
- Vergänglichkeit Häufig allegorisch dargestellter Sinnbereich in geistlicher und barocker Lyrik
- Vergleich Bildendes Verfahren, das wie die Allegorie Sinn durch Beziehung und Zuordnung erschließt
- Verdichtung Poetische Konzentration von Bild und Sinn, die allegorische Formen strukturiert unterstützt
- Weltordnung Allgemeiner Sinnhorizont, der in allegorischen Gedichten häufig bildhaft modelliert wird
- Zeichen Bedeutungstragende Gestalt, die in der Allegorie in ein geordnetes Sinnverhältnis tritt