Dichtungssprache

Lyrische Sprachform · poetische Verdichtung · Zusammenspiel von Laut, Bild, Rhythmus, Vers und Sinn

Überblick

Dichtungssprache bezeichnet in der Lyrik eine poetisch verdichtete Sprachform, in der Wörter nicht nur Mitteilungen transportieren, sondern durch Klang, Rhythmus, Bildlichkeit, Stellung, Wiederholung und Mehrdeutigkeit eine eigene ästhetische Wirksamkeit gewinnen. Sie unterscheidet sich von bloß funktionaler Alltagssprache dadurch, dass sie Sprache selbst auffällig macht. Das Gedicht sagt nicht nur etwas aus; es formt das Gesagte so, dass seine sprachliche Gestalt zum Sinn gehört.

In der Lyrik ist Dichtungssprache besonders konzentriert. Ein einzelnes Wort kann mehrere Bedeutungsrichtungen öffnen, ein Klang kann eine Stimmung tragen, ein Versbruch kann eine gedankliche Spannung erzeugen, ein Bild kann Wahrnehmung, Gefühl und Deutung zugleich bündeln. Gerade diese Verdichtung macht lyrische Sprache so wirksam. Sie arbeitet nicht nur mit Begriffen, sondern mit der ganzen Materialität der Sprache: Laut, Silbe, Rhythmus, Zeile, Pause, Bild und syntaktische Bewegung.

Dichtungssprache ist daher keine bloß schmückende oder gehobene Ausdrucksweise. Sie ist die Form, in der ein Gedicht seine Welt hervorbringt. In ihr werden Wahrnehmung, Innerlichkeit, Stimmung, Gedanke und Form untrennbar miteinander verbunden. Ein lyrischer Text lässt sich deshalb nicht vollständig paraphrasieren, ohne dass ein wesentlicher Teil seiner Wirkung verloren geht. Was er bedeutet, liegt wesentlich darin, wie er klingt, wie er gegliedert ist, wie seine Bilder erscheinen und wie seine Wörter zueinander stehen.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Dichtungssprache somit einen Grundbegriff der Lyrik. Gemeint ist jene besondere Sprachform, in der Laut, Bild, Rhythmus und Sinn so zusammenwirken, dass Sprache selbst zum poetischen Ereignis wird.

Begriff und lyrische Grundfigur

Der Begriff Dichtungssprache meint die spezifische Sprachgestalt dichterischer Texte. Im engeren lyrischen Sinn bezeichnet er die Weise, in der Gedichte Sprache verdichten, rhythmisieren, klanglich formen und bildlich aufladen. Dabei geht es nicht nur um eine gehobene Wortwahl oder um besonders schöne Formulierungen. Entscheidend ist vielmehr, dass Sprache im Gedicht eine gesteigerte Aufmerksamkeit auf sich selbst zieht. Wörter erscheinen nicht bloß als Mittel der Mitteilung, sondern als klangliche, rhythmische und bildhafte Einheiten.

Die lyrische Dichtungssprache ist besonders intensiv, weil das Gedicht meist mit begrenztem Raum arbeitet. Es muss auf engem Raum Verhältnisse herstellen, Stimmungen andeuten, Bilder entfalten und innere Bewegungen gestalten. Dadurch erhält jedes sprachliche Detail Gewicht. Wortstellung, Lautfolge, Zeilenbruch, Wiederholung, Metapher, Reim, Metrum und syntaktische Spannung können bedeutungstragend werden. Die Sprache des Gedichts ist deshalb dichter als gewöhnliche Rede.

Als lyrische Grundfigur bezeichnet Dichtungssprache nicht einen einzelnen Stil, sondern ein Prinzip poetischer Organisation. Sie kann schlicht oder kunstvoll, liedhaft oder spröde, traditionell oder modern, feierlich oder nüchtern sein. Entscheidend ist nicht ein bestimmter Ton, sondern die besondere Funktion der Sprache. In der Dichtungssprache werden Wörter so gesetzt, dass ihre klanglichen, rhythmischen, semantischen und bildlichen Möglichkeiten zugleich wirksam werden.

Im Kulturlexikon meint Dichtungssprache daher die sprachliche Eigenform der Lyrik. Sie ist der Ort, an dem das Gedicht seine Wahrnehmung, seine Stimmung und seine Deutung der Welt nicht nur ausdrückt, sondern überhaupt erst poetisch hervorbringt.

Dichtungssprache als Verdichtung

Eine zentrale Eigenschaft der Dichtungssprache ist Verdichtung. Gedichte sagen oft mit wenigen Worten mehr, als eine rein erklärende Sprache ausführen würde. Diese Mehrleistung entsteht nicht durch bloße Kürze, sondern durch die Überlagerung verschiedener Bedeutungsebenen. Ein Wort kann zugleich konkret und symbolisch wirken, ein Bild kann sinnliche Anschauung und seelische Bewegung verbinden, ein Klang kann Stimmung und Struktur tragen.

Verdichtung bedeutet in der Lyrik, dass Sprache nicht linear ausbreitet, sondern konzentriert. Einzelne Ausdrücke werden zu Knotenpunkten von Wahrnehmung, Gefühl und Gedanke. Häufig entstehen Bedeutungen nicht durch ausführliche Erklärung, sondern durch Nachbarschaft, Wiederholung, Kontrast und Resonanz. Gerade die Dichtungssprache erlaubt es, dass ein Gedicht offen bleibt und dennoch stark gebunden wirkt.

Diese Verdichtung betrifft auch die Form. Der Vers zwingt Sprache in eine besondere Ordnung. Er unterbricht, bündelt, verzögert oder beschleunigt den Satz. Dadurch erhält das Gesagte eine Gestalt, die nicht beliebig austauschbar ist. Die Dichtungssprache arbeitet also nicht nur mit bedeutungsvollen Wörtern, sondern mit einer bedeutungsvollen Anordnung der Wörter.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Dichtungssprache deshalb eine Sprache der Konzentration. Sie verdichtet Laut, Bild, Rhythmus und Sinn so, dass ein Gedicht mehrschichtig, nachhallend und interpretierbar wird.

Klangliche Formung

Dichtungssprache ist in der Lyrik immer auch Klangsprache. Gedichte wirken durch Vokale, Konsonanten, Silben, Akzente, Pausen, Reime, Assonanzen, Alliterationen und wiederkehrende Lautmuster. Der Klang ist nicht äußerlicher Schmuck, sondern Bestandteil der Bedeutung. Ein Gedicht kann ruhig, hart, schwebend, drängend, hell, dunkel, zart oder schwer wirken, weil seine Lautgestalt diese Wirkung mit hervorbringt.

Besonders wichtig ist die Verbindung von Klang und Stimmung. Wiederkehrende Vokale können eine klangliche Grundfarbe erzeugen, gleiche Anfangslaute können Wörter bündeln, Reime können Verse zusammenschließen, Binnenklänge können den inneren Zusammenhang einer Zeile herstellen. Die Dichtungssprache formt also nicht nur eine Aussage, sondern einen hörbaren Erfahrungsraum.

Auch dort, wo Gedichte beim stillen Lesen aufgenommen werden, bleibt die klangliche Dimension wirksam. Lyrische Sprache ist auf innere Hörbarkeit angelegt. Die Anordnung der Laute beeinflusst, wie eine Zeile gelesen, empfunden und erinnert wird. Dadurch unterscheidet sich Dichtungssprache von rein informativer Sprache. Sie ist nicht nur lesbar, sondern hörbar geformt.

Im Kulturlexikon bezeichnet Dichtungssprache daher auch die klangliche Materialität der Lyrik. Sie zeigt, dass Gedichte ihre Bedeutung nicht nur über Begriffe, sondern über Laut, Ton, Nachhall und rhythmische Klangbewegung entfalten.

Bildlichkeit und Anschauung

Dichtungssprache ist in der Lyrik eng mit Bildlichkeit verbunden. Gedichte arbeiten häufig mit Bildern, Metaphern, Symbolen, Vergleichen und sinnlichen Konstellationen. Sie machen Erfahrungen nicht nur abstrakt verständlich, sondern anschaulich. Ein innerer Zustand kann als Landschaft erscheinen, eine Erinnerung als Licht, eine Bedrohung als Dunkel, eine Sehnsucht als Ferne. Die Dichtungssprache übersetzt dabei nicht einfach Gedanken in Bilder, sondern lässt Bedeutung im Bild entstehen.

Bildlichkeit bedeutet nicht bloße Verzierung. In der Lyrik ist das Bild oft ein Erkenntnismittel. Es verbindet Wahrnehmung und Deutung, Außenwelt und Innenwelt, sinnliche Konkretion und geistige Bedeutung. Ein Bild kann mehrdeutig sein, ohne unbestimmt zu werden. Es kann verschiedene Erfahrungsebenen zugleich tragen. Gerade dadurch wird die Dichtungssprache reich und interpretierbar.

Die lyrische Bildlichkeit steht zudem in enger Beziehung zum Klang. Ein Bild wirkt anders, je nachdem, wie es lautlich und rhythmisch gestaltet ist. Auch die Wortstellung, der Zeilenbruch und die Strophenform beeinflussen, wie ein Bild erscheint. Dichtungssprache ist deshalb keine Sammlung einzelner Bilder, sondern eine geformte Gesamtbewegung aus Anschauung, Klang und Sinn.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Dichtungssprache somit eine bildhaft verdichtete Sprachform. Sie macht Welt nicht nur begrifflich fassbar, sondern lässt sie in poetischen Bildern erscheinen.

Rhythmus, Vers und Bewegung

Dichtungssprache ist in der Lyrik wesentlich durch Rhythmus und Vers bestimmt. Der Vers gliedert Sprache anders als der gewöhnliche Satz. Er setzt Zeilen, erzeugt Pausen, betont Stellen, bricht Erwartungen und gibt dem Sprechen eine eigene Bewegung. Dadurch wird Sprache nicht nur inhaltlich, sondern körperlich und zeitlich erfahrbar.

Rhythmus kann regelmäßig oder frei sein, streng metrisch oder offen geführt. In jedem Fall prägt er die Weise, in der ein Gedicht spricht. Ein getragener Rhythmus kann Feierlichkeit oder Sammlung erzeugen; ein stockender Rhythmus kann Unsicherheit, Schmerz oder Spannung anzeigen; ein fließender Rhythmus kann Bewegung, Weite oder Hingabe unterstützen. Die Dichtungssprache gewinnt dadurch eine dynamische Qualität.

Auch der Zeilenbruch gehört zur lyrischen Dichtungssprache. Er kann einen Satz unterbrechen, ein Wort exponieren, eine Erwartung verzögern oder eine doppelte Lesart ermöglichen. Besonders im Gedicht ist die Frage, wo eine Zeile endet und die nächste beginnt, niemals bloß äußerlich. Die Versform wirkt am Sinn mit.

Im Kulturlexikon bezeichnet Dichtungssprache daher eine rhythmisch organisierte Sprache. Sie entfaltet Bedeutung nicht nur durch das, was gesagt wird, sondern durch die Bewegungsform, in der es gesagt wird.

Mehrdeutigkeit und Offenheit

Ein wesentliches Merkmal der Dichtungssprache ist ihre Fähigkeit zur Mehrdeutigkeit. Lyrische Sprache schließt Bedeutung häufig nicht eindeutig ab, sondern öffnet Bedeutungsräume. Ein Wort kann wörtlich und übertragen zugleich wirken, ein Bild kann verschiedene Deutungsschichten tragen, ein Klang kann mehrere semantische Felder miteinander verbinden. Diese Offenheit ist kein Mangel an Klarheit, sondern eine besondere Stärke poetischer Sprache.

Mehrdeutigkeit entsteht in der Lyrik durch Verdichtung, Bildlichkeit, syntaktische Offenheit, Klangverbindungen und die besondere Stellung der Wörter im Vers. Das Gedicht erklärt seine Bedeutung nicht vollständig, sondern lässt sie im Zusammenspiel seiner Elemente entstehen. Dadurch wird der Leser nicht nur informiert, sondern in einen Deutungsprozess hineingezogen.

Dichtungssprache ist daher häufig spannungsvoll. Sie hält Gegensätze aus, verbindet Nähe und Ferne, Konkretion und Abstraktion, Gefühl und Gedanke, Stimme und Schweigen. Gerade im Gedicht kann eine Formulierung zugleich schlicht und rätselhaft sein. Ihre Wirkung liegt darin, dass sie nicht in eine einzige Prosaaussage aufgelöst werden kann.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Dichtungssprache somit eine offene, mehrschichtige Sprachform. Sie bewahrt die Beweglichkeit des Sinns und macht das Gedicht zu einem Raum fortgesetzter Deutung.

Abweichung von Alltagssprache

Dichtungssprache unterscheidet sich häufig von Alltagssprache, ohne grundsätzlich außerhalb der gewöhnlichen Sprache zu stehen. Sie kann alltägliche Wörter verwenden und sie dennoch anders wirken lassen. Entscheidend ist die poetische Formung. Ein einfaches Wort kann durch Stellung, Wiederholung, Klang, Versbruch oder Bildzusammenhang eine Intensität gewinnen, die es im alltäglichen Gebrauch nicht besitzt.

Die Abweichung kann sehr verschieden aussehen. Sie kann in ungewöhnlicher Wortstellung, dichter Bildlichkeit, rhythmischer Ordnung, archaischer Wortwahl, elliptischer Verkürzung, syntaktischer Spannung oder auffälliger Klanggestaltung bestehen. Sie kann aber auch in extremer Einfachheit liegen. Gerade moderne Lyrik zeigt, dass Dichtungssprache nicht notwendig pathetisch oder gehoben sein muss. Auch knappe, nüchterne oder scheinbar einfache Sprache kann poetisch hoch verdichtet sein.

Wichtig ist deshalb, Dichtungssprache nicht mit künstlicher Sprache zu verwechseln. Sie ist nicht deshalb poetisch, weil sie vom Alltag möglichst weit entfernt ist, sondern weil sie Sprache in eine ästhetisch wirksame Ordnung bringt. Auch das Gewöhnliche kann dichterisch werden, wenn es im Gedicht rhythmisch, klanglich und semantisch neu gesetzt wird.

Im Kulturlexikon bezeichnet Dichtungssprache daher eine besondere Form des Sprachgebrauchs. Sie verändert die Wahrnehmung gewöhnlicher Wörter und macht ihre klanglichen, bildlichen und bedeutungsoffenen Möglichkeiten sichtbar.

Lyrische Sprechweise

Dichtungssprache ist immer auch mit einer bestimmten Sprechweise verbunden. Im Gedicht spricht Sprache nicht einfach wie in einem Bericht oder einer sachlichen Erklärung. Sie kann klagen, rufen, fragen, beschwören, erinnern, betrachten, verdichten, schweigen oder andeuten. Das lyrische Sprechen ist häufig stärker gestimmt als informatives Sprechen. Es trägt eine innere Haltung, auch wenn diese nicht ausdrücklich benannt wird.

Die Dichtungssprache formt dabei die Stimme des Gedichts. Ob ein lyrisches Ich deutlich hervortritt, ob eine unpersönliche Beobachtung dominiert, ob ein Gebet, eine Anrede, ein Monolog oder eine meditative Betrachtung entsteht, hängt wesentlich von der sprachlichen Gestaltung ab. Wortwahl, Ton, Satzbau, Rhythmus und Bildlichkeit bestimmen, wie diese Stimme wahrgenommen wird.

Besonders wichtig ist, dass lyrische Dichtungssprache oft zwischen Aussage und Andeutung steht. Sie spricht nicht immer direkt aus, was sie meint. Sie kann etwas zeigen, um etwas anderes mitzumeinen; sie kann ein Bild entfalten, das eine innere Bewegung trägt; sie kann durch Klang eine Stimmung erzeugen, die der Satz allein nicht erklären würde. Dadurch entsteht jene spezifische Intensität lyrischer Rede.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Dichtungssprache deshalb auch die besondere Stimme des Gedichts. Sie ist die Weise, in der lyrisches Sprechen Form, Ton und innere Bewegung gewinnt.

Analytische Funktion

Für die Gedichtanalyse ist Dichtungssprache ein übergreifender Schlüsselbegriff. Er fordert dazu auf, nicht nur nach dem Inhalt eines Gedichts zu fragen, sondern nach der sprachlichen Form, in der dieser Inhalt erscheint. Eine Analyse der Dichtungssprache untersucht Wortwahl, Klang, Rhythmus, Bildlichkeit, Satzbau, Versstruktur, Wiederholungen, Pausen, Reime, Metaphern und semantische Mehrdeutigkeit.

Dabei ist entscheidend, die einzelnen Beobachtungen nicht isoliert aufzuzählen. Eine Assonanz, ein Bild, ein Enjambement oder eine ungewöhnliche Wortstellung wird erst dann analytisch bedeutsam, wenn seine Funktion im Gedichtzusammenhang bestimmt wird. Die Frage lautet also nicht nur, welches Mittel vorkommt, sondern was es im konkreten Gedicht leistet. Verdichtet es eine Stimmung, erzeugt es Spannung, verlangsamt es den Vers, verbindet es Motive oder öffnet es eine zweite Bedeutungsebene?

Die Analyse der Dichtungssprache schützt zugleich vor einer verkürzten Inhaltsparaphrase. Ein Gedicht lässt sich nicht angemessen erfassen, wenn man nur wiedergibt, „worum es geht“. Entscheidend ist, wie es spricht. Gerade in der Lyrik ist die Form nicht nachträgliche Ausschmückung, sondern Bestandteil des Sinns. Inhalt und sprachliche Gestalt sind untrennbar miteinander verschränkt.

Im Kulturlexikon bezeichnet Dichtungssprache daher auch einen methodischen Zugang zur Lyrik. Wer ein Gedicht verstehen will, muss seine Sprache als geformte, klingende, bildhafte und rhythmische Sinnstruktur lesen.

Poetische Funktion

Die poetische Funktion der Dichtungssprache besteht darin, aus gewöhnlicher Sprache eine verdichtete Erfahrungsform zu machen. Das Gedicht verwandelt Sprache in einen Raum, in dem Welt, Gefühl, Wahrnehmung und Gedanke neu erscheinen. Diese Verwandlung geschieht nicht außerhalb der Sprache, sondern durch sie: durch Klang, Rhythmus, Bild, Wortwahl, Stellung, Schweigen und Wiederkehr.

Dichtungssprache ermöglicht es der Lyrik, Erfahrungen auszudrücken, die sich einer rein begrifflichen Erklärung entziehen. Sehnsucht, Trauer, Staunen, Angst, Liebe, Erinnerung, Naturerfahrung oder Transzendenz werden nicht bloß benannt, sondern sprachlich erfahrbar gemacht. Ein Gedicht kann dadurch mehr leisten als eine Aussage. Es kann eine Stimmung erzeugen, eine Wahrnehmung verdichten und eine innere Bewegung hörbar machen.

Zugleich macht Dichtungssprache die Sprache selbst zum Gegenstand poetischer Aufmerksamkeit. Sie zeigt, dass Wörter nicht nur Werkzeuge sind, sondern Klangkörper, Bildträger und Sinnräume. In der Lyrik wird Sprache dadurch intensiviert. Sie gewinnt Eigengewicht und Eigenlicht. Das Gedicht ist nicht nur Mitteilung, sondern sprachliche Gestalt.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Dichtungssprache somit die grundlegende poetische Kraft der Lyrik. Sie steht für die Fähigkeit des Gedichts, durch geformte Sprache eine verdichtete, mehrdeutige und klanglich erfahrbare Welt zu schaffen.

Fazit

Dichtungssprache ist in der Lyrik die poetisch verdichtete Form der Sprache. Sie verbindet Laut, Bild, Rhythmus, Vers und Sinn zu einer Gestalt, die nicht auf bloße Inhaltsmitteilung reduzierbar ist. In ihr wird Sprache selbst bedeutsam: als Klang, als Bewegung, als Bild, als Struktur und als offener Bedeutungsraum.

Die lyrische Dichtungssprache kann feierlich oder schlicht, streng gebunden oder frei, melodisch oder spröde, anschaulich oder abstrakt sein. Entscheidend ist, dass sie Wörter so formt, dass ihre semantischen, klanglichen und rhythmischen Möglichkeiten zugleich wirksam werden. Dadurch entsteht jene besondere Dichte, die Gedichte von rein informativer Sprache unterscheidet.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Dichtungssprache somit einen Grundbegriff lyrischer Poetik. Sie ist die Sprachform, in der das Gedicht seine Wahrnehmung nicht nur mitteilt, sondern in Klang, Bild und Rhythmus hervorbringt.

Weiterführende Einträge

  • Alliteration Wiederkehr gleicher Anfangslaute als klangliche Verdichtung lyrischer Sprache
  • Ambiguität Mehrdeutigkeit poetischer Sprache als Grundlage lyrischer Offenheit
  • Anfangslaut Erster Laut eines Wortes als Träger lyrischer Klangverknüpfung
  • Anschaulichkeit Sinnliche Gegenwärtigkeit dichterischer Sprache durch Bild, Wahrnehmung und konkrete Wortwahl
  • Assonanz Vokalische Klangähnlichkeit, die Wörter durch wiederkehrende Vokale verbindet
  • Bild Poetische Anschauungsform, in der Wahrnehmung und Bedeutung zusammenkommen
  • Bildlichkeit Sprachliche Veranschaulichung von Erfahrung durch Metapher, Symbol, Vergleich und Motiv
  • Binnenklang Klangliche Verbindung im Inneren eines Verses oder einer Versgruppe
  • Chiffre Verdichtetes Zeichen lyrischer Sprache, dessen Sinn offen und vielschichtig bleibt
  • Dichte Konzentration von Klang, Bild, Form und Bedeutung im lyrischen Text
  • Enjambement Zeilensprung, der Satzbewegung und Versstruktur spannungsvoll miteinander verschränkt
  • Gleichklang Akustische Entsprechung zwischen Wörtern oder Silben als lyrisches Ordnungsprinzip
  • Klang Lautliche Dimension des Gedichts als Träger von Rhythmus, Stimmung und Bedeutung
  • Klangbindung Akustische Verbindung von Wörtern, Versen und Motiven durch wiederkehrende Laute
  • Klangfarbe Tönung lyrischer Sprache durch Lautwahl, Vokalfolge, Konsonanten und Rhythmus
  • Klangfigur Stilistische Form, in der Lautwiederholung und Lautähnlichkeit poetisch wirksam werden
  • Klangstruktur Ordnung der lautlichen Beziehungen innerhalb eines Gedichts
  • Lakonie Knappe, zurückgenommene Sprachform als Möglichkeit lyrischer Verdichtung
  • Laut Kleinste hörbare Einheit dichterischer Sprache als Material lyrischer Gestaltung
  • Lautfolge Abfolge von Lauten als Grundlage poetischer Klangbewegung
  • Lautmalerei Nachahmende oder andeutende Klanggestaltung im Gedicht
  • Lyrische Sprache Verdichtete Sprache des Gedichts, in der Klang, Bild, Rhythmus und Sinn zusammenwirken
  • Metapher Übertragene Bedeutung als zentrale Form poetischer Bildlichkeit
  • Metrum Regelmäßige Abfolge betonter und unbetonter Silben als rhythmische Grundordnung
  • Mehrdeutigkeit Offenheit des lyrischen Sinns durch Bild, Klang, Syntax und Bedeutungsüberlagerung
  • Motiv Wiederkehrende thematische oder bildliche Einheit innerhalb lyrischer Gestaltung
  • Musikalität Klangliche und rhythmische Qualität lyrischer Sprache
  • Nachhall Fortwirkende Klang- und Sinnbewegung nach Wort, Vers oder Strophe
  • Poetische Funktion Wirkweise sprachlicher Form im Gedicht jenseits bloßer Mitteilung
  • Reim Klangliche Übereinstimmung von Wörtern als klassische Ordnungsform der Lyrik
  • Resonanz Widerhall zwischen Wörtern, Bildern, Klängen und Stimmungen im Gedicht
  • Rhythmus Bewegungsform des Gedichts aus Betonung, Pause, Wiederholung und Klang
  • Satzbau Syntaktische Ordnung lyrischer Sprache zwischen Fluss, Spannung und Unterbrechung
  • Silbe Klangliche Grundeinheit des Verses zwischen Laut, Betonung und Rhythmus
  • Sprachbild Bildhafte Formulierung, in der Sprache Wahrnehmung und Bedeutung verdichtet
  • Sprachbewegung Dynamik lyrischer Sprache im Zusammenspiel von Satz, Vers, Klang und Sinn
  • Sprechbewegung Dynamik des lyrischen Sprechens, die durch Klang und Rhythmus geformt wird
  • Stilfigur Formales Mittel poetischer Sprache zur Verdichtung von Ausdruck und Bedeutung
  • Stimmung Seelisch-atmosphärische Tönung, die durch Klang, Bild und Rhythmus mitgebildet wird
  • Symbol Bildzeichen mit verdichteter und über sich hinausweisender Bedeutung
  • Syntax Satzordnung als Mittel lyrischer Spannung, Bewegung und Bedeutungsbildung
  • Ton Grundhaltung und klangliche Färbung des Gedichts
  • Verdichtung Poetische Konzentration von Bild, Klang, Rhythmus und Sinn
  • Vers Einzelne Zeile des Gedichts als rhythmisch und klanglich geformte Spracheinheit
  • Versbindung Zusammenhalt mehrerer Verse durch Reim, Rhythmus, Klang und syntaktische Führung
  • Versbruch Unterbrechung oder Fortführung des Satzes an der Zeilengrenze als lyrisches Formmittel
  • Vokal Lautliche Öffnung des Wortes als Träger von Klangfarbe und Assonanz
  • Wiederholung Poetisches Grundverfahren der Rückkehr von Lauten, Wörtern, Bildern oder Strukturen
  • Wortklang Akustische Gestalt eines Wortes als Zusammenspiel von Lautfolge, Betonung und Bedeutung
  • Wortstellung Anordnung von Wörtern als Mittel lyrischer Hervorhebung, Spannung und Sinnbildung
  • Zeilenbruch Grenze des Verses als bedeutungsbildende Unterbrechung oder Öffnung der Sprache