Assonanz
Überblick
Assonanz bezeichnet in der Lyrik eine vokalische Klangähnlichkeit zwischen Wörtern, Silben oder Verspartien. Anders als der vollständige Reim beruht sie nicht notwendig auf der Übereinstimmung ganzer Lautgruppen, sondern vor allem auf der Wiederkehr gleicher oder ähnlicher Vokale. Dadurch entsteht eine akustische Verbindung, die oft leiser, gleitender und weniger demonstrativ wirkt als ein Endreim. Die Assonanz gehört daher zu den besonders feinen Mitteln lyrischer Klanggestaltung.
In Gedichten kann Assonanz einzelne Wörter miteinander verbinden, einen Vers innerlich zusammenhalten oder über mehrere Verse hinweg eine klangliche Grundfärbung erzeugen. Wiederkehrende helle, dunkle, gedehnte oder kurze Vokale können den Ton eines Gedichts prägen, ohne dass diese Wirkung sofort ausdrücklich benannt wird. Gerade in der Lyrik, in der Klang und Bedeutung eng zusammenwirken, besitzt die Assonanz eine hohe poetische Bedeutung.
Die Assonanz ist dabei nicht nur ein Schmuckmittel. Sie kann Wahrnehmung lenken, Stimmungen verdichten, semantische Beziehungen zwischen Wörtern andeuten und den inneren Zusammenhang eines Gedichts hörbar machen. Wörter, die inhaltlich nicht unmittelbar nebeneinanderstehen, können durch vokalische Ähnlichkeit aufeinander bezogen werden. So entsteht ein akustisches Netz, das den Text unterhalb der sichtbaren Satz- und Versstruktur zusammenbindet.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Assonanz somit eine zentrale lyrische Klangfigur. Gemeint ist die poetisch wirksame Wiederkehr von Vokalen, durch die Klang, Rhythmus, Stimmung und Bedeutung miteinander verbunden werden.
Begriff und lyrische Grundfigur
Der Begriff Assonanz meint eine Gleich- oder Ähnlichklangbildung, die vor allem auf Vokalen beruht. In der lyrischen Analyse wird darunter gewöhnlich die Wiederkehr gleicher Vokale oder Vokalfolgen verstanden, während die umgebenden Konsonanten verschieden bleiben können. Dadurch unterscheidet sich die Assonanz von stärker fixierten Klangformen wie dem vollständigen Reim oder der Alliteration. Sie ist beweglicher, offener und häufig weniger auffällig.
Gerade diese Offenheit macht die Assonanz zu einer wichtigen lyrischen Grundfigur. Sie schafft Verbindung, ohne starre Gleichheit zu erzwingen. Während der Reim oft eine deutliche formale Markierung setzt, kann die Assonanz subtiler wirken. Sie lässt Wörter einander ähneln, ohne sie vollständig gleich klingen zu lassen. In dieser Zwischenstellung liegt ihre besondere poetische Kraft: Sie erzeugt Nähe, Resonanz und Wiedererkennung, aber zugleich Spielraum, Variation und klangliche Schwebe.
In Gedichten kann Assonanz lokal oder großräumig auftreten. Sie kann zwei Wörter innerhalb eines Verses verbinden, eine Strophe durchziehen oder einem ganzen Gedicht eine wiederkehrende Klangfarbe geben. Dabei ist sie nicht auf Endstellungen beschränkt. Sie kann am Versanfang, im Inneren des Verses, an metrisch betonten Stellen oder in dicht aufeinanderfolgenden Wortgruppen erscheinen. Dadurch greift sie tief in die innere Textur des Gedichts ein.
Als Kulturlexikon-Begriff bezeichnet Assonanz daher nicht nur ein technisches Stilmittel, sondern eine Grundform lyrischer Klangvernetzung. Sie zeigt, wie Gedichte Bedeutung nicht allein durch Begriffe, sondern auch durch Lautähnlichkeit, Wiederholung und akustische Nachbarschaft hervorbringen.
Vokalische Klangähnlichkeit
Die Assonanz beruht auf der besonderen Wirkung von Vokalen. Vokale tragen im Deutschen und in vielen anderen Sprachen wesentlich zur Klangfarbe eines Wortes bei. Sie öffnen den Laut, bestimmen seine Helligkeit oder Dunkelheit, seine Dehnung oder Kürze und prägen dadurch den akustischen Charakter einer Zeile. Wenn bestimmte Vokale wiederkehren, entsteht ein hörbarer Zusammenhang, der im Gedicht oft eine stimmungsbildende Funktion übernimmt.
Helle Vokale können Leichtigkeit, Klarheit, Schärfe oder Nähe evozieren, ohne dass diese Bedeutungen mechanisch festgelegt wären. Dunklere Vokale können Fülle, Tiefe, Schwere, Trauer oder Ruhe unterstützen. Gedehnte Vokale können den Vers weiten und verlangsamen, während kurze Vokale eine stärkere Verdichtung oder Beschleunigung erzeugen können. Entscheidend ist jedoch immer der konkrete Zusammenhang des Gedichts. Eine Assonanz erhält ihre Wirkung nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit Rhythmus, Wortwahl, Bildlichkeit und Sprechsituation.
Assonanz erzeugt deshalb keine bloße Lautwiederholung, sondern eine Art akustischer Verwandtschaft. Wörter, die dieselben Vokale tragen, treten in einen Resonanzraum ein. Sie klingen aufeinander zurück, stützen einander und können eine innere Verbindung bilden, die über den grammatischen Satz hinausgeht. Besonders in kurzen lyrischen Formen kann eine solche vokalische Verbindung den gesamten Eindruck eines Gedichts prägen.
Im Kulturlexikon bezeichnet Assonanz folglich eine Klangfigur, die auf der poetischen Tragfähigkeit des Vokals beruht. Sie macht hörbar, dass lyrische Bedeutung auch durch Klangfarbe, Lautöffnung und vokalische Wiederkehr entsteht.
Assonanz als Klangbindung im Vers
Eine der wichtigsten Funktionen der Assonanz liegt in der Klangbindung. Sie verbindet Wörter, die im Vers oder in der Strophe zueinander in Beziehung treten. Diese Verbindung kann stärker oder schwächer ausgeprägt sein. Manchmal genügt die Wiederkehr eines einzelnen Vokals, um eine Zeile akustisch zu färben; in anderen Fällen entsteht eine dichte Folge vokalischer Entsprechungen, die den Vers beinahe musikalisch zusammenzieht.
Als Klangbindung wirkt Assonanz besonders dort, wo das Gedicht nicht auf einen regelmäßigen Reim angewiesen ist. In freien Rhythmen, reimlosen Versen oder locker gefügten Strophen kann sie den inneren Zusammenhalt des Textes sichern. Sie schafft dann eine akustische Ordnung, die nicht unbedingt durch ein festes Reimschema sichtbar wird, aber beim Lesen oder Hören erfahrbar ist. Die Assonanz gehört somit zu jenen Mitteln, mit denen Gedichte auch jenseits äußerer Strenge geformt erscheinen.
Diese Bindungsleistung betrifft nicht nur einzelne Verse. Assonanzen können über größere Abstände hinweg wirken. Ein bestimmter Vokal kann in wiederkehrenden Schlüsselwörtern erscheinen und dadurch thematische Linien akustisch verstärken. So kann ein Gedicht bestimmte Bedeutungsfelder nicht nur semantisch, sondern auch lautlich zusammenführen. Der Klang wird zum Medium der Struktur.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Assonanz daher eine leise, aber wirkungsvolle Form lyrischer Verbindung. Sie hält Wörter, Bilder und Versbewegungen zusammen, indem sie ihnen eine gemeinsame vokalische Färbung gibt.
Stimmungsbildung durch Vokale
Assonanz ist in der Lyrik eng mit Stimmung verbunden. Wiederkehrende Vokale können den Grundton eines Gedichts beeinflussen, ohne dass diese Wirkung ausdrücklich thematisiert wird. Ein Gedicht kann durch offene, helle Vokale leichter und klarer wirken; durch dunkle, gedehnte Vokale kann es schwerer, ruhiger oder melancholischer erscheinen. Solche Wirkungen sind nicht schematisch zu deuten, doch sie gehören zu den zentralen Möglichkeiten poetischer Klanggestaltung.
Die Stimmungswirkung der Assonanz entsteht aus Wiederholung und Variation. Ein einzelner Vokal entfaltet meist noch keine starke atmosphärische Kraft. Erst seine wiederholte Rückkehr lässt eine klangliche Umgebung entstehen. Der Leser oder Hörer nimmt dann nicht nur einzelne Wörter wahr, sondern eine akustische Tönung des Gedichts. Diese Tönung kann mit der Bildwelt übereinstimmen, sie vertiefen oder auch spannungsvoll gegen sie arbeiten.
Besonders wichtig ist Assonanz in Gedichten, die mit Naturstimmungen, Erinnerung, Sehnsucht, Trauer, Abend, Nacht, Ferne oder Innerlichkeit arbeiten. In solchen Texten kann der wiederkehrende Vokal eine Atmosphäre tragen, die zwischen Klang und Gefühl vermittelt. Die Assonanz ist dann nicht bloß Ornament, sondern Teil der affektiven Architektur des Gedichts.
Im Kulturlexikon bezeichnet Assonanz deshalb eine Klangfigur der atmosphärischen Verdichtung. Sie macht Stimmung nicht nur begrifflich, sondern hörbar erfahrbar.
Assonanz, Rhythmus und Wiederholung
Assonanz steht in enger Beziehung zu Rhythmus und Wiederholung. Wenn bestimmte Vokale in betonten Silben wiederkehren, verstärken sie die rhythmische Bewegung eines Verses. Sie können Akzente bündeln, Pausen vorbereiten oder den Eindruck eines fließenden, kreisenden oder drängenden Sprechens hervorrufen. Der Vokal wird dadurch nicht nur Klangfarbe, sondern Teil der Bewegungsform des Gedichts.
In metrisch gebundenen Gedichten kann Assonanz die vorhandene Ordnung unterstützen. Sie legt sich über Versmaß und Reim wie eine zusätzliche Klangschicht. In freieren Gedichten kann sie dagegen selbst strukturierende Kraft gewinnen. Sie ersetzt dann nicht unbedingt Metrum oder Reim, aber sie schafft eine eigene akustische Kohärenz. Gerade moderne lyrische Formen nutzen solche subtilen Klangbindungen häufig, weil sie Ordnung ohne formale Starrheit ermöglichen.
Die Wiederholung des Vokals kann zudem unterschiedliche Bewegungen erzeugen. Eine dichte Folge gleicher Vokale kann den Vers zusammenziehen und verdichten. Eine weit gestreute Assonanz kann einen Nachhall erzeugen, der über die Zeile hinausreicht. Eine bewusst gebrochene oder unerwartet wechselnde Assonanz kann Unruhe, Spannung oder semantische Verschiebung anzeigen. Dadurch ist die Assonanz ein flexibles Mittel der lyrischen Zeit- und Bewegungsorganisation.
Als Kulturlexikon-Begriff verweist Assonanz somit auf die enge Verbindung von Laut, Wiederholung und rhythmischer Form. Sie zeigt, dass lyrischer Rhythmus nicht allein aus Betonungen besteht, sondern auch aus Klangfarben, Vokalbewegungen und akustischen Rückbezügen.
Assonanz und Reim
Die Assonanz steht dem Reim nahe, ist aber nicht mit ihm identisch. Während ein voller Reim gewöhnlich eine stärkere lautliche Übereinstimmung am Wortende verlangt, genügt bei der Assonanz die vokalische Ähnlichkeit. Die Konsonanten können verschieden sein. Dadurch wirkt die Assonanz offener und weniger abschließend. Sie kann Reimwirkungen andeuten, ohne eine vollständige Reimform herzustellen.
In der Lyrik kann Assonanz deshalb als abgeschwächter, verschobener oder freierer Reim wirken. Sie kann an Versenden auftreten und dort eine klangliche Verbindung schaffen, die weniger deutlich als ein Endreim ist, aber dennoch Zusammenhalt stiftet. Ebenso kann sie im Versinneren erscheinen und eine Binnenbindung erzeugen. Gerade diese Beweglichkeit macht sie für Gedichte wichtig, die zwischen gebundener Form und freier Klangorganisation stehen.
Assonanz kann den Reim ergänzen, ersetzen oder unterlaufen. In streng gereimten Gedichten kann sie zusätzliche Klangnetze bilden, die nicht mit dem offiziellen Reimschema zusammenfallen. In reimlosen Gedichten kann sie eine verdeckte Reimstruktur erzeugen. In spannungsvollen Gedichten kann sie eine Erwartung von Klangähnlichkeit aufbauen, die nicht vollständig eingelöst wird. Dadurch öffnet sie das Gedicht für feinere Abstufungen von Nähe und Differenz.
Im Kulturlexikon bezeichnet Assonanz daher auch eine Zwischenform zwischen freier Klangähnlichkeit und formaler Reimordnung. Sie macht deutlich, dass lyrische Klangstruktur nicht nur aus eindeutigen Reimpaaren besteht, sondern aus vielfältigen Graden akustischer Entsprechung.
Klang und Bedeutung
Assonanz ist nicht allein eine akustische Erscheinung. In Gedichten kann sie auch semantische Beziehungen herstellen. Wörter, die durch gleiche oder ähnliche Vokale verbunden sind, können inhaltlich aufeinander bezogen erscheinen, selbst wenn sie syntaktisch nicht unmittelbar zusammengehören. Der Klang erzeugt dann eine zusätzliche Bedeutungslinie. Er lässt Wörter miteinander resonieren und legt verborgene Nachbarschaften frei.
Diese semantische Wirkung ist besonders wichtig, weil Lyrik häufig mit Verdichtung arbeitet. Ein Gedicht sagt oft nicht alles ausdrücklich, sondern lässt Beziehungen zwischen Bildern, Motiven und Affekten entstehen. Assonanz kann solche Beziehungen tragen. Sie kann etwa Worte aus demselben Bedeutungsfeld akustisch zusammenschließen oder gegensätzliche Bedeutungen durch ähnliche Vokale in Spannung setzen. Dadurch entsteht eine Bedeutungsbewegung, die nicht nur begrifflich, sondern lautlich vermittelt wird.
Die Analyse einer Assonanz sollte deshalb nicht bei der bloßen Feststellung stehen bleiben, dass bestimmte Vokale wiederkehren. Entscheidend ist die Frage, welche Wörter dadurch verbunden werden, an welchen Stellen des Gedichts diese Verbindung erscheint und wie sie zur Stimmung, Aussage oder inneren Bewegung des Textes beiträgt. Erst dann wird die Assonanz als poetisch wirksame Form erkennbar.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Assonanz somit eine Verbindung von Klang und Sinn. Sie zeigt, dass die Bedeutung eines Gedichts auch im Hören entsteht, nicht nur im begrifflichen Verstehen.
Assonanz in der lyrischen Tradition
Assonanz gehört zu den ältesten und dauerhaft wirksamen Klangmitteln dichterischer Sprache. Sie findet sich in unterschiedlichen lyrischen Traditionen, in Volkslied, Kunstlied, Hymne, Ballade, Naturlyrik, Liebeslyrik, religiöser Lyrik und moderner freier Dichtung. Ihre besondere Stärke liegt darin, dass sie sowohl in streng gebundenen als auch in freieren Formen funktionieren kann. Sie ist nicht an ein bestimmtes Verssystem gebunden, sondern an die Wahrnehmbarkeit vokalischer Wiederkehr.
In liedhaften Gedichten unterstützt Assonanz häufig Sangbarkeit, Einprägsamkeit und melodische Geschlossenheit. In hymnischen oder feierlichen Gedichten kann sie Klangfülle und Erhebung verstärken. In elegischen oder melancholischen Gedichten kann sie eine gedehnte, nachhallende Tonlage erzeugen. In moderner Lyrik kann sie auch gebrochen, fragmentarisch oder fast unmerklich eingesetzt werden, um eine verdeckte Klangordnung innerhalb scheinbar freier Sprache zu schaffen.
Gerade ihre Wandelbarkeit macht die Assonanz zu einer epochenübergreifenden lyrischen Grundfigur. Sie kann volksliedhaft einfach, kunstvoll verdichtet, symbolistisch schwebend oder modern reduziert wirken. Entscheidend bleibt stets, dass sie Wörter nicht nur als Bedeutungsträger, sondern als klingende Einheiten behandelt.
Im Kulturlexikon bezeichnet Assonanz daher eine traditionsreiche Klangform der Lyrik. Sie verbindet ältere Formen der Sangbarkeit mit modernen Verfahren der subtilen Lautvernetzung.
Analytische Funktion
Für die Gedichtanalyse ist Assonanz ein wichtiges Beobachtungsfeld. Sie macht sichtbar, wie ein Gedicht seine Klangordnung herstellt. Dabei sollte die Analyse nicht nur einzelne Beispiele sammeln, sondern die Funktion der Vokalwiederkehr im Gesamtzusammenhang bestimmen. Es ist zu fragen, welche Vokale dominieren, welche Wörter dadurch miteinander verbunden werden, ob die Assonanz lokal oder übergreifend wirkt und ob sie Stimmung, Rhythmus oder Motivstruktur unterstützt.
Eine sorgfältige Analyse achtet außerdem auf die Stellung der Assonanz. Tritt sie an betonten Silben auf, besitzt sie meist größere Wirkung. Erscheint sie an Versenden, kann sie reimähnlich wirken. Häuft sie sich im Versinneren, kann sie die Binnenstruktur verdichten. Wird sie an Schlüsselwörtern wiederholt, kann sie eine thematische Linie akustisch markieren. Wird sie dagegen gebrochen oder von anderen Lautfeldern überlagert, kann daraus eine Spannung entstehen.
Wichtig ist, Assonanz nicht mechanisch zu deuten. Gleiche Vokale bedeuten nicht automatisch gleiche Stimmung. Der Klang erhält seine Bedeutung aus dem jeweiligen Gedicht. Darum muss die Analyse immer Klang, Syntax, Bildlichkeit, Metrum, Sprechsituation und semantischen Zusammenhang gemeinsam berücksichtigen. Erst in dieser Verbindung wird deutlich, ob die Assonanz beruhigt, verdichtet, beschleunigt, öffnet, verbindet oder irritiert.
Für das Kulturlexikon ist Assonanz damit auch ein methodischer Begriff. Er hilft, die hörbare Feinstruktur eines Gedichts zu erschließen und die akustische Seite lyrischer Bedeutung präzise zu beschreiben.
Poetische Funktion
Die poetische Funktion der Assonanz besteht darin, Klang und Bedeutung in eine fein abgestufte Beziehung zu setzen. Sie schafft Nähe, ohne völlige Identität herzustellen, und Wiederholung, ohne starre Gleichförmigkeit zu erzwingen. Darin liegt ihre besondere Eignung für die Lyrik. Gedichte arbeiten häufig mit Resonanzen, Andeutungen und inneren Entsprechungen; die Assonanz ist eine der wichtigsten Klangformen dieser Resonanzbildung.
Assonanz kann ein Gedicht melodisieren, ohne es liedhaft einfach werden zu lassen. Sie kann Sinnbeziehungen stützen, ohne sie ausdrücklich zu erklären. Sie kann Stimmungen erzeugen, ohne sie begrifflich zu benennen. Sie kann den Vers zusammenhalten, ohne ein sichtbares Reimschema aufzubauen. In all diesen Fällen wirkt sie als poetische Tiefenstruktur. Sie gehört zu jenen Mitteln, die ein Gedicht dichter erscheinen lassen, weil sie verschiedene Ebenen des Textes miteinander verknüpfen.
Zugleich hat Assonanz eine besondere Nähe zur Materialität der Sprache. Sie erinnert daran, dass Wörter in Gedichten nicht nur Zeichen für Bedeutungen sind, sondern klingende Körper. Der Vokal öffnet das Wort, färbt es und lässt es mit anderen Wörtern in Beziehung treten. Dadurch wird die Sprache selbst zum Erfahrungsraum. Die Assonanz macht diese klangliche Körperlichkeit besonders deutlich.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Assonanz daher eine Schlüsselgröße lyrischer Klangpoetik. Sie steht für die Fähigkeit des Gedichts, aus vokalischer Wiederkehr eine verdichtete, stimmungsvolle und bedeutungstragende Klangordnung zu bilden.
Fazit
Assonanz ist in der Lyrik eine zentrale Klangfigur der vokalischen Wiederkehr. Sie verbindet Wörter durch gleiche oder ähnliche Vokale und erzeugt dadurch akustische Nähe, rhythmische Bindung und atmosphärische Verdichtung. Ihre Wirkung ist oft subtiler als die des Reims, aber gerade deshalb für die lyrische Feinstruktur besonders wichtig.
Als poetisches Mittel kann Assonanz Stimmungen tragen, Versbewegungen ordnen, Bedeutungsbeziehungen andeuten und das Gedicht klanglich zusammenhalten. Sie zeigt, wie stark lyrische Sprache vom Zusammenspiel aus Laut, Rhythmus, Bild und Sinn lebt. Ein Gedicht wird durch Assonanzen nicht nur schöner klingend, sondern dichter, vernetzter und hörbarer.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Assonanz somit eine Grundform lyrischer Klangverbindung. Sie macht erfahrbar, dass die Bedeutung eines Gedichts nicht allein im Gesagten liegt, sondern auch im Wiederklingen seiner Vokale.
Weiterführende Einträge
- Alliteration Wiederkehr gleicher Anfangslaute als konsonantische Klangbindung im Gedicht
- Anfangslaut Erster Laut eines Wortes als Träger lyrischer Klangverknüpfung
- Ausklang Nachhallende Schlusswirkung von Versen, Strophen und Klangbewegungen
- Binnenklang Klangliche Verbindung im Inneren eines Verses oder einer Versgruppe
- Binnenreim Reimartige Klangentsprechung innerhalb eines Verses
- Dichtungssprache Sprachform, in der Klang, Bild, Rhythmus und Bedeutung poetisch verdichtet werden
- Euphonie Wohlklangliche Gestaltung lyrischer Sprache durch Lautfolge und Klangfarbe
- Gleichklang Akustische Entsprechung zwischen Wörtern oder Silben als lyrisches Ordnungsprinzip
- Halbklang Unvollständige Klangähnlichkeit zwischen Wörtern als offene Form poetischer Bindung
- Halbreim Reimnahe Klangentsprechung, die keine vollständige Lautgleichheit erreicht
- Innenreim Reimstruktur innerhalb der Verszeile als Verdichtung des Klangverlaufs
- Klang Lautliche Dimension des Gedichts als Träger von Rhythmus, Stimmung und Bedeutung
- Klangbindung Akustische Verbindung von Wörtern, Versen und Motiven durch wiederkehrende Laute
- Klangfarbe Tönung lyrischer Sprache durch Vokale, Konsonanten, Lautfolgen und rhythmische Bewegung
- Klangfigur Stilistische Form, in der Lautwiederholung und Lautähnlichkeit poetisch wirksam werden
- Klangnetz Übergreifende Verknüpfung von Wörtern und Versen durch wiederkehrende Lautmuster
- Klangstruktur Ordnung der lautlichen Beziehungen innerhalb eines Gedichts
- Laut Kleinste hörbare Einheit dichterischer Sprache als Material lyrischer Gestaltung
- Lautfolge Abfolge von Vokalen und Konsonanten als Grundlage poetischer Klangwirkung
- Lautmalerei Nachahmende oder andeutende Klanggestaltung im Gedicht
- Lautstruktur System der Lautbeziehungen, das den akustischen Charakter eines Gedichts prägt
- Lyrische Sprache Verdichtete Sprachform, in der Klang und Sinn besonders eng verschränkt sind
- Melodie Singende oder gleitende Klangbewegung lyrischer Verse
- Metrum Regelmäßige Abfolge betonter und unbetonter Silben als rhythmische Grundordnung
- Musikalität Klangliche und rhythmische Qualität lyrischer Sprache
- Nachhall Fortwirkende Klang- und Sinnbewegung nach Wort, Vers oder Strophe
- Reim Klangliche Übereinstimmung von Wörtern als klassische Ordnungsform der Lyrik
- Reimklang Akustische Wirkung des Reims als Verbindung von Versenden und Bedeutungsfeldern
- Reimschema Regelmäßige Anordnung von Reimen innerhalb einer Strophe
- Resonanz Widerhall zwischen Wörtern, Bildern, Klängen und Stimmungen im Gedicht
- Rhythmus Bewegungsform des Gedichts aus Betonung, Pause, Wiederholung und Klang
- Silbe Klangliche Grundeinheit des Verses zwischen Laut, Betonung und Rhythmus
- Sprechbewegung Dynamik des lyrischen Sprechens, die durch Klang und Rhythmus geformt wird
- Stabreim Traditionsreiche Form gleicher Anfangslaute als stark markierte Klangverbindung
- Stimmung Seelisch-atmosphärische Tönung, die durch Klangfiguren mitgebildet werden kann
- Ton Grundhaltung und klangliche Färbung des Gedichts
- Vers Einzelne Zeile des Gedichts als rhythmisch und klanglich geformte Spracheinheit
- Versbindung Zusammenhalt mehrerer Verse durch Reim, Rhythmus, Klang und syntaktische Führung
- Vokal Lautliche Öffnung des Wortes als zentraler Träger von Klangfarbe und Assonanz
- Vokalfolge Abfolge wiederkehrender Vokale als Grundlage assonantischer Klangwirkung
- Wiederholung Poetisches Grundverfahren der Rückkehr von Lauten, Wörtern, Bildern oder Strukturen
- Wohlklang Harmonische Lautwirkung lyrischer Sprache durch ausgewogene Klangverhältnisse