Andeutung

Poetisches Verfahren · nicht vollständig ausgesprochene Bedeutung · lyrische Figur von Ambivalenz, Geheimnis und Resonanz

Überblick

Andeutung bezeichnet in der Lyrik ein zentrales poetisches Verfahren, bei dem Bedeutung nicht vollständig ausgesprochen, sondern nur angezeigt, berührt oder in Bewegung gesetzt wird. Das Gedicht sagt dann nicht alles direkt, sondern lässt Sinn entstehen, indem es Bilder, Klänge, Pausen, Auslassungen, Wiederholungen, Fragen oder symbolische Zeichen so setzt, dass mehr mitschwingt, als ausdrücklich formuliert ist. Andeutung ist daher eine der wichtigsten Formen lyrischer Verdichtung.

In Gedichten ist Andeutung besonders wirkungsvoll, weil lyrische Sprache häufig auf Kürze, Intensität und Resonanz angewiesen ist. Ein einzelnes Bild, ein halber Satz, ein dunkles Wort, eine ungeklärte Geste oder ein plötzliches Schweigen kann eine ganze Bedeutungsbewegung auslösen. Das Gedicht verzichtet dabei nicht auf Sinn, sondern erzeugt ihn anders: nicht durch vollständige Erklärung, sondern durch offene, konzentrierte und nachklingende Zeichen.

Besonders eng ist Andeutung mit Ambivalenz verbunden. Was nur angedeutet wird, bleibt häufig doppeldeutig. Es kann Hoffnung und Unruhe, Nähe und Ferne, Trost und Bedrohung, Verheißung und Verlust zugleich tragen. Andeutung ermöglicht es dem Gedicht, solche Spannungen nicht vorschnell aufzulösen. Sie hält Bedeutung in der Schwebe und macht gerade dadurch die Komplexität lyrischer Erfahrung erfahrbar.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Andeutung somit eine Schlüsseltechnik lyrischer Sprache. Gemeint ist jene poetische Weise des Sagens, in der das Ungesagte, Halbgesagte und nur Angerissene nicht als Mangel, sondern als Quelle von Tiefe, Mehrdeutigkeit und Deutungsenergie wirkt.

Begriff und lyrische Grundfigur

Der Begriff Andeutung verweist auf ein Sprechen, das nicht vollständig ausführt, sondern auf etwas hinweist. Es wird etwas berührt, ohne es abschließend zu bestimmen. In der Lyrik gewinnt diese Form besondere Bedeutung, weil Gedichte häufig nicht erklärend, sondern verdichtend arbeiten. Sie geben keine vollständige begriffliche Auslegung, sondern schaffen ein Feld, in dem Bedeutung durch Bild, Klang, Rhythmus und Schwebe entsteht.

Als lyrische Grundfigur verbindet Andeutung Zeigen und Verbergen. Sie zeigt genug, um eine Richtung des Sinns zu eröffnen, verbirgt aber genug, um diesen Sinn offen zu halten. Ein Gedicht kann dadurch eine Erfahrung von größerer Tiefe erzeugen, als eine vollständige Erklärung es vermöchte. Denn das Angedeutete bleibt beweglich. Es lädt zur Deutung ein, ohne sich in einer einzigen Deutung zu erschöpfen.

Andeutung ist daher nicht mit bloßer Unklarheit gleichzusetzen. Sie ist ein kontrolliertes poetisches Verfahren. Ein gutes Gedicht deutet nicht einfach zufällig an, sondern organisiert seine Offenheit. Es setzt Wörter, Bilder und Pausen so, dass Bedeutungsrichtungen entstehen, ohne eindeutig fixiert zu werden. Die Andeutung macht die lyrische Aussage nicht schwächer, sondern dichter.

Im Kulturlexikon meint Andeutung deshalb eine poetische Grundform des indirekten Sagens. Sie bezeichnet jene lyrische Struktur, in der Bedeutung durch Verknappung, Hinweis, Auslassung und Resonanz erzeugt wird.

Andeutung als poetisches Verfahren

Als poetisches Verfahren arbeitet Andeutung mit Zurückhaltung. Das Gedicht benennt nicht alles, was es meint, und erklärt nicht alles, was es zeigt. Stattdessen setzt es Zeichen, die über sich hinausweisen. Ein Licht am Horizont, ein plötzliches Verstummen, eine wiederkehrende Farbe, ein unvollständiger Satz oder eine rätselhafte Geste kann genügen, um eine größere Bedeutungsbewegung anzustoßen. Andeutung ist damit eng mit der Ökonomie lyrischer Sprache verbunden.

Diese Ökonomie bedeutet nicht Armut, sondern Verdichtung. Gerade weil das Gedicht weniger sagt, kann mehr mitschwingen. Das Ausgesparte wird aktiv. Lesende ergänzen, vermuten, spüren Zusammenhänge und halten verschiedene Möglichkeiten zugleich offen. Die Andeutung schafft dadurch einen Raum zwischen Text und Deutung, in dem lyrische Wirkung entsteht.

Besonders häufig arbeitet Andeutung durch Bilder. Ein Symbol, ein Naturbild, ein Klang oder eine räumliche Konstellation kann eine innere Lage anzeigen, ohne sie psychologisch zu erklären. So kann ein Schatten auf Angst, Verborgenheit oder Schutz hindeuten; ein Stern auf Hoffnung, Ferne oder Unerreichbarkeit; eine Schwelle auf Übergang, Gefahr oder Verheißung. Das Bild bleibt mehrdeutig, aber nicht beliebig.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Andeutung daher ein grundlegendes Verfahren lyrischer Bedeutungsbildung. Sie macht sichtbar, wie Gedichte Sinn nicht nur durch Aussage, sondern auch durch Aussparung, Hinweis und offene Bildstruktur hervorbringen.

Andeutung und Ambivalenz

Andeutung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen lyrischer Ambivalenz. Was nicht vollständig ausgesprochen wird, kann mehrere Bedeutungsrichtungen zugleich tragen. Ein angedeuteter Abschied kann Trauer und Befreiung bedeuten, ein kommendes Ereignis Hoffnung und Gefahr, ein Schweigen Frieden und Entfremdung, ein Blick Nähe und Verweigerung. Die Andeutung hält diese Möglichkeiten offen und verhindert eine vorschnelle Vereindeutigung.

Gerade deshalb ist Andeutung für Gedichte besonders fruchtbar, die mit Ahnung, Geheimnis, Sehnsucht oder innerer Zwiespältigkeit arbeiten. Solche Erfahrungen sind selten eindeutig. Sie bestehen häufig aus gemischten Regungen und widersprüchlichen Erwartungen. Die Andeutung erlaubt es, diese Doppelwertigkeit zu gestalten, ohne sie in eine erklärende Formel zu überführen. Sie macht Ambivalenz als Erfahrung spürbar.

Poetisch entscheidend ist, dass Andeutung Ambivalenz nicht willkürlich erzeugt. Sie setzt textliche Signale, die verschiedene Lesarten begründen. Ein Bild kann durch seinen Kontext zugleich tröstlich und bedrohlich wirken; ein Wort kann durch Wiederholung seinen Sinn verändern; ein Rhythmus kann eine scheinbar ruhige Aussage beunruhigen. Die Ambivalenz entsteht aus der Struktur des Gedichts selbst.

Im Kulturlexikon bezeichnet Andeutung deshalb ein Verfahren, das lyrische Ambivalenz ermöglicht. Sie hält Bedeutungen in einer produktiven Schwebe und macht Gegensätze gleichzeitig erfahrbar.

Andeutung, Geheimnis und Verborgenheit

Andeutung steht in enger Beziehung zu Geheimnis und Verborgenheit. Das Geheimnisvolle entsteht in Gedichten häufig nicht dadurch, dass etwas völlig verschwiegen wird, sondern dadurch, dass es halb sichtbar, halb verborgen bleibt. Andeutung ist die sprachliche Form dieser Schwebe. Sie lässt etwas erscheinen, ohne es vollständig preiszugeben. Dadurch gewinnt das Verborgene eine spürbare Gegenwart.

In nächtlichen, dunklen, dämmernden oder schattenhaften Bildräumen tritt diese Wirkung besonders stark hervor. Ein kaum erkennbarer Weg, ein verhülltes Gesicht, ein fernes Licht, ein Mondschein, ein Nebel oder ein unbestimmter Klang können das Geheimnisvolle andeuten, ohne es zu erklären. Das Gedicht erzeugt dann eine Atmosphäre, in der die Welt mehr enthält, als unmittelbar gesagt werden kann.

Die Andeutung bewahrt dabei die Würde des Geheimnisses. Sie verwandelt es nicht in ein Rätsel mit einfacher Lösung, sondern lässt es als offene Tiefe bestehen. Gerade dadurch unterscheidet sich poetische Andeutung von bloßer Information. Sie will nicht alles enthüllen, sondern eine Erfahrung des Nicht-vollständig-Erhellbaren ermöglichen.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Andeutung somit eine zentrale Ausdrucksform des Geheimnisvollen. Sie ist jene poetische Technik, durch die Verborgenheit nicht verschwindet, sondern als wirksame Bedeutung erfahrbar wird.

Sprache, Auslassung und Schweigen

Andeutung entsteht in der lyrischen Sprache häufig durch Auslassung. Ein Satz bleibt unvollständig, eine Erklärung wird verweigert, ein Motiv erscheint nur kurz, eine Frage bleibt unbeantwortet, ein Bild wird nicht aufgelöst. Solche Auslassungen sind in Gedichten nicht bloß Lücken, sondern bedeutungstragende Stellen. Was fehlt, wirkt mit. Das Schweigen wird Teil der Aussage.

Auch syntaktisch kann Andeutung gestaltet werden. Ellipsen, abgebrochene Sätze, offene Fragen, Verschiebungen, Inversionen oder plötzliche Übergänge erzeugen eine Form des Sprechens, in der Bedeutung nicht glatt abgeschlossen wird. Die Sprache zeigt ihre eigene Grenze. Sie lässt spüren, dass die Erfahrung größer ist als ihre vollständige Formulierung.

Besonders wichtig ist dabei das Verhältnis von Rede und Schweigen. Lyrik arbeitet oft an der Schwelle zwischen beidem. Ein Gedicht kann gerade durch Zurücknahme intensiver sprechen als durch Erklärung. Ein einzelnes Wort, das von Pausen umgeben ist, kann eine stärkere Wirkung entfalten als eine ausführliche Auslegung. Andeutung nutzt diese Kraft des Schweigens.

Im Kulturlexikon ist Andeutung deshalb auch ein Begriff poetischer Sprachform. Sie bezeichnet jene Weise des lyrischen Sprechens, in der Auslassung, Pause und Schweigen Bedeutung nicht mindern, sondern verdichten.

Bildlichkeit und symbolische Offenheit

Andeutung ist eng mit lyrischer Bildlichkeit verbunden. Bilder können Bedeutung tragen, ohne sie in Begriffe zu übersetzen. Ein Wald, ein Stern, ein Fenster, ein Weg, ein Schatten oder ein Wasserbild kann eine innere Lage, eine Erwartung, eine Angst oder eine Sehnsucht andeuten, ohne diese direkt auszusprechen. Gerade diese indirekte Form macht lyrische Bilder so wirksam.

Besonders symbolische Bilder leben von Andeutung. Ein Symbol ist nicht dadurch stark, dass es eindeutig und abschließend erklärbar wäre, sondern dadurch, dass es Bedeutungsüberschuss besitzt. Es verweist über seine konkrete Erscheinung hinaus und bleibt zugleich an sie gebunden. Die Andeutung hält diese doppelte Struktur offen: Das Bild ist sichtbar, aber sein Sinn ist größer als seine sichtbare Gestalt.

Diese symbolische Offenheit ist für die Lyrik grundlegend. Gedichte verdichten häufig große Erfahrungsbereiche in kleine Bildformen. Ein Licht kann Hoffnung andeuten, ein Abgrund Angst, eine Tür Übergang, ein Horizont Ferne, eine Blume Schönheit und Vergänglichkeit. Die Andeutung macht solche Bilder beweglich. Sie verhindert, dass sie zu bloßen Gleichungen werden.

Als Kulturlexikon-Begriff bezeichnet Andeutung daher eine zentrale Bildtechnik der Lyrik. Sie ermöglicht es, sinnliche Erscheinungen als Träger offener, mehrschichtiger und ambivalenter Bedeutung zu gestalten.

Andeutung und lyrische Stimmung

Auch lyrische Stimmung entsteht häufig durch Andeutung. Ein Gedicht muss nicht ausdrücklich sagen, dass eine Situation melancholisch, bedrohlich, hoffnungsvoll oder geheimnisvoll ist. Es kann diese Stimmung durch Lichtverhältnisse, Klang, Rhythmus, Bildwahl und Pausen hervorrufen. Die Andeutung wirkt hier atmosphärisch. Sie macht eine seelische Lage spürbar, ohne sie begrifflich festzulegen.

Gerade die feinen Stimmungen der Lyrik sind oft auf Andeutung angewiesen. Melancholie, Sehnsucht, Ahnung, Beklemmung, Ruhe oder Unruhe verlieren leicht an Intensität, wenn sie zu direkt erklärt werden. Das Gedicht lässt sie deshalb in Bildern und Tönen entstehen. Ein sinkendes Licht, ein ferner Klang, eine leere Straße, ein schweigender Himmel oder eine dunkle Wasserfläche kann eine Stimmung andeuten, die durch direkte Benennung weniger wirksam wäre.

Andeutung erlaubt außerdem, gemischte Stimmungen darzustellen. Eine Atmosphäre kann zugleich tröstlich und traurig, still und gespannt, hell und gefährdet wirken. Die Andeutung hält diese Übergänge offen. Sie zeigt nicht eine eindeutige Gefühlslage, sondern eine gestimmte Schwebe. Dadurch wird die Lyrik besonders geeignet, seelische Nuancen zu erfassen.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Andeutung daher auch ein Verfahren atmosphärischer Gestaltung. Sie macht Stimmung nicht als Aussage, sondern als spürbare Verdichtung von Wahrnehmung, Klang und Bild erfahrbar.

Andeutung in der Lyriktradition

Andeutung gehört zu den dauerhaften Grundverfahren der Lyriktradition. Schon in älteren Formen dichterischer Rede ist das indirekte Sagen von großer Bedeutung. Religiöse, mystische, naturlyrische, romantische, symbolistische und moderne Gedichte arbeiten immer wieder mit Andeutung, weil ihre Gegenstände häufig nicht vollständig begrifflich ausschöpfbar sind. Liebe, Tod, Gott, Natur, Traum, Erinnerung, Sehnsucht oder Geheimnis verlangen eine Sprache, die mehr öffnet als erklärt.

In religiöser und mystischer Lyrik kann Andeutung auf das Unsagbare verweisen. Dort zeigt Sprache ihre Grenze, weil das Gemeinte die alltägliche Rede übersteigt. In romantischer Lyrik wird Andeutung besonders wichtig, weil Welt, Natur und Innerlichkeit als symbolisch durchdrungen erscheinen. In symbolistischer Lyrik gewinnt die Andeutung eine eigene Poetik des indirekten Zeichens, des Klanges und der nicht vollständig auflösbaren Korrespondenzen.

In moderner Lyrik tritt Andeutung oft in gebrochener Form auf. Sie kann nicht nur Tiefe und Geheimnis, sondern auch Fragmentierung, Sprachskepsis und Ungewissheit anzeigen. Das Angedeutete muss nicht mehr auf eine verborgene Einheit verweisen; es kann auch die Unabschließbarkeit von Sinn selbst sichtbar machen. Dennoch bleibt Andeutung ein zentrales Verfahren, weil sie lyrischer Sprache ihre Offenheit und Dichte bewahrt.

Im Kulturlexikon bezeichnet Andeutung deshalb einen traditionsstarken lyrischen Grundbegriff. Er verbindet indirektes Sagen, symbolische Offenheit und poetische Verdichtung zu einer der wichtigsten Ausdrucksformen des Gedichts.

Andeutung und Interpretation

Andeutung ist für die Interpretation lyrischer Texte besonders wichtig. Sie fordert eine Lektüre, die nicht nur ausdrücklich Gesagtes registriert, sondern auch das Halbgesagte, Ausgesparte und indirekt Strukturierte ernst nimmt. Wer Gedichte interpretiert, muss fragen, wo der Text Bedeutung nur anstößt, wo er offen bleibt und welche Hinweise diese Offenheit textlich begründen.

Dabei ist wichtig, Andeutung nicht mit Beliebigkeit zu verwechseln. Nicht jede mögliche Bedeutung ist gleich gut. Eine Deutung muss zeigen können, durch welche Wörter, Bilder, Klangfiguren, Wiederholungen, Gegensätze oder Leerstellen sie gestützt wird. Andeutung eröffnet Spielräume, aber diese Spielräume sind an den Text gebunden. Gerade darin liegt die Kunst lyrischer Interpretation.

Interpretatorisch fruchtbar ist Andeutung besonders dort, wo ein Gedicht Ambivalenz erzeugt. Ein Motiv kann mehrere Lesarten zulassen, weil der Text es nicht abschließend bestimmt. Die Aufgabe der Interpretation besteht dann nicht darin, eine Lesart gegen alle anderen durchzusetzen, sondern die Spannung der möglichen Bedeutungen zu beschreiben. Andeutung verlangt daher eine sensible, textnahe und offene Deutungsweise.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Andeutung somit auch eine Schlüsselkategorie lyrischer Analyse. Sie hilft zu erkennen, wie Gedichte Bedeutung erzeugen, ohne sie vollständig auszusprechen.

Poetische Funktion

Die poetische Funktion der Andeutung besteht darin, lyrische Bedeutung zu verdichten und offen zu halten. Andeutung erlaubt es dem Gedicht, mit wenigen Mitteln große Erfahrungsräume zu eröffnen. Sie macht aus knapper Sprache einen Resonanzraum. Das Gedicht sagt weniger, als es meint, und gerade dadurch kann es mehr bedeuten, als eine vollständige Erklärung leisten würde.

Darüber hinaus schützt Andeutung die Eigenart poetischer Erfahrung. Viele lyrische Gegenstände verlieren an Kraft, wenn sie vollständig erklärt werden. Geheimnis, Sehnsucht, Liebe, Angst, Transzendenz, Erinnerung oder Tod verlangen oft eine Sprache, die nicht alles ausleuchtet. Andeutung bewahrt die Tiefe und Verletzlichkeit dieser Gegenstände, indem sie sie nicht vollständig verfügbar macht.

Andeutung schafft außerdem Beteiligung. Lesende werden nicht nur informiert, sondern in eine Deutungsbewegung hineingenommen. Sie müssen nachspüren, ergänzen, abwägen und offenhalten. Dadurch entsteht eine aktive Form der Lektüre, die für lyrische Texte besonders wichtig ist. Das Gedicht bleibt nicht stumm, aber es spricht nicht alles aus. Es lässt nachklingen.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Andeutung somit eine zentrale poetische Funktion. Sie steht für die Fähigkeit des Gedichts, Ambivalenz, Geheimnis, Stimmung und Bedeutungsüberschuss durch das nicht vollständig Ausgesprochene hervorzubringen.

Fazit

Andeutung ist in der Lyrik ein Schlüsselverfahren poetischer Bedeutungsbildung. Sie bezeichnet ein Sprechen, das nicht vollständig erklärt, sondern hinweist, öffnet und nachklingen lässt. Dadurch entstehen Ambivalenz, Geheimnis, Stimmung und symbolische Tiefe.

Als lyrischer Begriff steht Andeutung für eine Form kontrollierter Offenheit. Sie ist nicht bloße Unklarheit, sondern eine präzise Technik der Verdichtung. Bilder, Pausen, Auslassungen, Fragen, Schweigen und symbolische Zeichen tragen Bedeutungen, die nicht vollständig ausgesprochen werden müssen, um wirksam zu sein.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Andeutung somit einen Grundbegriff lyrischer Poetik. Sie steht für jene Kunst des indirekten Sagens, durch die Gedichte ihre Mehrdeutigkeit, Resonanz und besondere Deutungsenergie gewinnen.

Weiterführende Einträge

  • Abend Tageszeit des Ausklangs, in der Andeutung durch Dämmerung, Schweigen und Übergang besonders wirksam wird
  • Ahnung Vorform des Wissens, die häufig durch andeutende Bilder und offene Zeichen entsteht
  • Ambivalenz Doppelwertigkeit lyrischer Bedeutung, die durch Andeutung ermöglicht und offengehalten wird
  • Atmosphäre Stimmungsraum, der durch indirekte Hinweise, Klang und Bildandeutungen aufgebaut wird
  • Bildlichkeit Sprachliche Veranschaulichung, in der Andeutung durch symbolische und mehrdeutige Bilder wirkt
  • Blau Farbfigur von Ferne und Kühle, die Sehnsucht, Ruhe oder Unerreichbarkeit andeuten kann
  • Blick Wahrnehmungslenkung, durch die ein Gegenstand mehr andeutet, als er unmittelbar zeigt
  • Dämmerung Übergangslicht, das durch Unschärfe und Schwebe andeutende Bedeutung ermöglicht
  • Dunkelheit Raum des Entzugs, in dem Andeutung durch begrenzte Sichtbarkeit besonders stark wirkt
  • Ellipse Auslassungsfigur, durch die lyrische Bedeutung knapp, offen und andeutend erscheinen kann
  • Erwartung Zukunftsbezogene Spannung, die oft durch andeutende Vorzeichen aufgebaut wird
  • Ferne Raum des Unerreichbaren, der Sehnsucht und offene Bedeutung andeutend trägt
  • Frage Sprachform offener Suche, die Bedeutung andeutet, ohne sie abschließend festzulegen
  • Geheimnis Erfahrung des nicht vollständig Erhellbaren, die durch Andeutung poetisch wirksam wird
  • Herannahen Bewegungsfigur des Näherkommens, die durch Andeutung des Kommenden Spannung erzeugt
  • Himmel Bildraum von Weite und Höhe, der durch Farbe, Licht und Ferne Bedeutungen andeuten kann
  • Horizont Grenz- und Öffnungsfigur, an der sich das Nicht-Sichtbare andeutend bemerkbar macht
  • Innerlichkeit Seelischer Erfahrungsraum, der durch indirekte Bilder und unvollständiges Sagen erschlossen wird
  • Klang Lautliche Dimension des Gedichts, die Bedeutung durch Nachhall, Dämpfung und Wiederholung andeuten kann
  • Leerstelle Ausgesparter Sinnraum, in dem Andeutung und Interpretation zusammenwirken
  • Licht Figur der Erhellung, die durch schwaches, fernes oder gebrochenes Auftreten nur andeutend wirken kann
  • Mehrdeutigkeit Offenheit lyrischer Bedeutung, die durch andeutendes Sprechen textgebunden entsteht
  • Melancholie Stimmung stiller Schwermut, die oft indirekt durch Bilder, Töne und Auslassungen angedeutet wird
  • Metapher Übertragungsfigur, die Bedeutung nicht erklärt, sondern bildhaft andeutet und verdichtet
  • Mond Nächtliches Lichtbild, das durch halbe Erhellung und Schatten geheimnisvolle Bedeutung andeutet
  • Nacht Zeitgestalt des Dunkels, in der Andeutung durch Verbergung, Stille und begrenzte Sichtbarkeit wirkt
  • Nebel Bildfigur der Verschleierung, die Andeutung durch Unschärfe und halb verdeckte Sichtbarkeit trägt
  • Offenheit Nicht abgeschlossene Sinnbewegung, die andeutende lyrische Sprache ermöglicht
  • Pause Formale Unterbrechung, in der Ungesagtes nachklingen und andeutend wirksam werden kann
  • Raum Grundkategorie lyrischer Weltgestaltung, in der Andeutung durch Grenze, Tiefe und Ferne entsteht
  • Resonanz Nachklingende Bedeutungsbewegung, die durch Andeutung besonders intensiv erzeugt wird
  • Schatten Bildfigur begrenzter Sichtbarkeit, die Verborgenheit und Mehrdeutigkeit andeutet
  • Schleier Verhüllungsbild, das Sichtbarkeit und Entzug als andeutende Struktur verbindet
  • Schweigen Zurücknahme der Rede, durch die das Ungesagte poetisch andeutend präsent wird
  • Schwelle Übergangsraum, der ein Jenseits des Gegenwärtigen andeutet, ohne es vollständig zu zeigen
  • Sehnsucht Affektive Bewegung zum Fernen, die häufig durch Andeutung statt direkte Benennung entsteht
  • Symbol Zeichenform mit Bedeutungsüberschuss, die Andeutung in verdichteter Gestalt trägt
  • Ton Grundhaltung und klangliche Färbung, durch die ein Gedicht indirekt Bedeutungen andeuten kann
  • Traum Innerer Bildraum, in dem Sinn oft fragmentarisch, symbolisch und andeutend erscheint
  • Übergang Verwandlungsfigur zwischen Zuständen, in der Andeutung durch Noch-nicht-Entschiedenheit entsteht
  • Ungewissheit Erfahrung fehlender Sicherheit, die durch andeutende Zeichen poetisch offen gehalten wird
  • Verborgenheit Zustand des Nicht-Offenliegenden, der durch Andeutung wirksam, aber nicht aufgehoben wird
  • Verinnerlichung Aufnahme äußerer Zeichen in einen seelisch verdichteten und nur indirekt erschlossenen Erfahrungsraum
  • Verdichtung Poetische Konzentration von Bild, Klang und Sinn, die durch Andeutung besonders stark wird
  • Vorzeichen Deutungsoffenes Zeichen eines Kommenden, das Bedeutung nur andeutet
  • Wahrnehmung Sinnliche Erfassung der Welt, die in der Andeutung über das unmittelbar Sichtbare hinausgeht
  • Zeichen Bedeutungsträger, dessen Sinn nicht vollständig erklärt, sondern andeutend geöffnet wird
  • Zwielicht Uneindeutiger Lichtzustand, der Andeutung durch Schwebe zwischen Hell und Dunkel ermöglicht