Ausrede
Überblick
Ausrede bezeichnet in der Lyrik eine sprachliche Ausweichfigur, die Verantwortung, Wahrheit, Bekenntnis oder klare Festlegung umgeht. Eine Ausrede sagt nicht einfach nichts; sie spricht gerade so, dass das Entscheidende verschoben, verdeckt, entschuldigt oder umgangen wird. Damit gehört sie in den Bereich von Sprechhaltung, Schuldabwehr, Selbstrechtfertigung, Verstellung, rhetorischer Maske und poetischer Unaufrichtigkeit.
In Gedichten kann eine Ausrede viele Formen annehmen. Ein lyrisches Ich kann seine Untreue, Feigheit, Kälte, Trägheit, Schuld oder Abwendung mit Natur, Schicksal, Zeit, Müdigkeit, Zufall, gesellschaftlichem Zwang oder einem angeblich unvermeidbaren Umstand erklären. Ein Du kann ausweichen, ohne zu antworten. Eine Gemeinschaft kann Verantwortung auf andere schieben. Eine Stimme kann sehr beredt sein und gerade dadurch zeigen, dass sie der Wahrheit ausweicht.
Die Ausrede ist lyrisch interessant, weil sie zwischen Rede und Nicht-Rede steht. Sie ist eine Antwort, die keine wirkliche Antwort sein will. Sie ist ein Bekenntnis, das sich vor dem Bekenntnis schützt. Sie ist eine Erklärung, die vielleicht nur Beschönigung ist. Gedichte können diese Spannung ernst, ironisch, komisch, bitter, selbstkritisch oder moralisch entlarvend gestalten.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ausrede einen lyrischen Sprach-, Schuld- und Ausweichbegriff. Er hilft, Gedichte auf Ausweichen, Selbstrechtfertigung, Entschuldigung, Verstellung, Beschönigung, Verschiebung, Vermeidung, Verantwortung, Wahrheit, Bekenntnis, lyrisches Ich, lyrisches Du, Anrede, Schuldabwehr, Ironie, Maske, rhetorische Strategie, Unaufrichtigkeit, Mehrdeutigkeit und poetische Selbstprüfung hin zu untersuchen.
Begriff und lyrische Grundfigur
Der Begriff Ausrede setzt eine Forderung nach Wahrheit oder Verantwortung voraus. Jemand sollte antworten, bekennen, handeln, sich festlegen oder Verantwortung übernehmen. Stattdessen spricht er so, dass die eigentliche Zumutung entschärft wird. Die Ausrede ist daher nicht bloß Lüge, sondern eine bewegliche Zwischenform: Sie kann Wahres enthalten und dennoch ausweichen.
Die lyrische Grundfigur besteht aus Anrede und Entzug. Ein Ich steht vor einem Du, einem Gewissen, Gott, der Gemeinschaft, der Erinnerung oder sich selbst. Es könnte klar sprechen, aber es verschiebt die Rede. Es spricht von Wetter, Weg, Müdigkeit, Zeit, Umständen oder Notwendigkeit, um nicht von Schuld, Angst, Liebe, Verrat oder Wahrheit sprechen zu müssen.
Diese Struktur ist in Gedichten besonders wirksam, weil lyrische Rede ohnehin verdichtet und mehrdeutig ist. Nicht jede Mehrdeutigkeit ist Ausrede; aber eine Ausrede nutzt Mehrdeutigkeit, um Festlegung zu vermeiden. Deshalb ist in der Analyse genau zu unterscheiden, ob ein Gedicht Offenheit poetisch herstellt oder ob eine Stimme innerhalb des Gedichts der Verantwortung ausweicht.
Im Kulturlexikon meint Ausrede eine lyrische Ausweichfigur, in der Rede, Verantwortung, Verschiebung, Selbstschutz und mögliche Unaufrichtigkeit zusammenwirken.
Ausrede als sprachliche Ausweichfigur
Die Ausrede ist zunächst eine Form der Sprache. Sie antwortet, ohne wirklich zu antworten. Sie erklärt, ohne zu klären. Sie begründet, ohne den Grund zu nennen. In lyrischer Form kann dies durch Nebensätze, Modalwörter, indirekte Rede, passivische Wendungen, unbestimmte Pronomen, Auslassungen, rhetorische Fragen, Verallgemeinerungen oder verschobene Bildfelder geschehen.
Typisch ist die Verlagerung vom Eigenen zum Äußeren. Nicht das Ich entscheidet, sondern die Zeit, der Wind, der Weg, die Nacht, der Zufall, die Jugend, die Welt, das Schicksal oder „man“. Solche Verschiebungen können poetisch legitim sein, aber sie können auch als Ausrede wirken, wenn sie Verantwortung unsichtbar machen.
Eine Ausrede kann außerdem durch zu viel Sprache entstehen. Eine Stimme redet sich heraus, häuft Gründe an, wiederholt Entschuldigungen und erzeugt gerade dadurch den Eindruck von Unsicherheit. Die Fülle der Begründungen verrät, dass etwas nicht stimmt. Lyrik kann diese Überfülle durch Rhythmus, Wiederholung oder ironische Brechung entlarven.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ausrede als Sprachfigur eine lyrische Redeweise, in der Begründung, Verschiebung, Unbestimmtheit und Vermeidung die klare Aussage umgehen.
Lyrisches Ich, Selbstrechtfertigung und Maskierung
Das lyrische Ich kann sich selbst durch Ausreden schützen. Es erklärt seine Passivität, seine Kälte, seinen Verrat, seine Untreue oder seine Schwäche so, dass die eigene Verantwortung gemildert erscheint. Dabei kann es sich selbst täuschen oder bewusst eine Maske tragen. Die Ausrede wird zur Form einer brüchigen Selbstdeutung.
Besonders interessant sind Gedichte, in denen die Stimme unzuverlässig wirkt. Das Ich behauptet vielleicht, es könne nicht anders, es habe nichts gewusst, es sei von der Zeit gedrängt, vom Schicksal geführt oder von der Liebe überwältigt. Doch Ton, Bildfolge oder Form können diese Behauptungen unterlaufen. Dann zeigt das Gedicht mehr, als das Ich zugibt.
Die Ausrede des Ichs kann auch Selbstschutz sein. Nicht jede Ausrede ist moralisch niedrig. Manchmal spricht ein Ich aus Angst, Scham oder Verletzung ausweichend, weil die Wahrheit zu schmerzhaft ist. Die Analyse muss daher fragen, ob die Ausrede bloße Verantwortungslosigkeit, tragische Selbsttäuschung, beschämtes Schweigen oder verletzlicher Schutz ist.
Im Kulturlexikon bezeichnet Ausrede im Ich-Bezug eine lyrische Selbstrechtfertigungsfigur, in der Maske, Scham, Schuld, Angst, Verstellung und Selbstschutz zusammenkommen.
Ausrede gegenüber dem lyrischen Du
Gegenüber einem lyrischen Du wird die Ausrede zur Beziehungsfigur. Das Ich beantwortet eine Erwartung nicht direkt, sondern weicht aus. Es erklärt den ausgebliebenen Besuch, die nicht erwiderte Liebe, den gebrochenen Schwur, die verzögerte Antwort, den Rückzug oder die Kälte mit Umständen. Das Du bleibt dadurch angesprochen und zugleich betrogen oder hingehalten.
Die Ausrede kann die Nähe zwischen Ich und Du beschädigen. Sie ersetzt ein klares Bekenntnis durch eine Erklärung. Sie kann eine Bitte abwehren, eine Schuld verschieben oder eine Entscheidung vertagen. Gerade in Liebesgedichten, Abschiedsgedichten und Gedichten der Anrede wird diese Struktur sichtbar.
Manchmal spricht nicht das Ich die Ausrede, sondern das Du. Dann erfährt das Ich die ausweichende Rede des anderen. Ein „morgen“, ein „vielleicht“, ein „ich konnte nicht“ oder ein „die Zeit war schuld“ kann schwerer wirken als offene Ablehnung. Die Ausrede hält Beziehung in einer unklaren Schwebe.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ausrede im Du-Bezug eine lyrische Beziehungsfigur, in der Anrede, Erwartung, Enttäuschung, Verschiebung und verweigerte Klarheit zusammenwirken.
Schuld, Verantwortung und Entlastungsrede
Die Ausrede ist eng mit Schuld und Verantwortung verbunden. Wer eine Ausrede sucht, will sich entlasten. Er will nicht als Handelnder erscheinen, sondern als Getriebener, Opfer der Umstände, Irrender, Müder oder Unwissender. In Gedichten kann diese Entlastungsrede moralisch, psychologisch oder ironisch gestaltet sein.
Schuldabwehr geschieht häufig durch Passivformen und unbestimmte Instanzen. „Es geschah“, „man musste“, „die Zeit verlangte“, „der Weg führte“, „die Nacht verbarg“: Solche Formulierungen können die Verantwortung aus dem Ich herausnehmen. Das Gedicht kann diese Verschiebung bestätigen oder durch Ton und Bild entlarven.
Besonders stark ist die Ausrede dort, wo sie fast wie ein Bekenntnis klingt. Das Ich gesteht etwas ein, aber nur halb. Es nennt die Tat, nicht den Willen; den Schmerz, nicht die Ursache; den Umstand, nicht die Entscheidung. Die lyrische Spannung entsteht aus dieser halben Offenheit.
Im Kulturlexikon bezeichnet Ausrede im Schuldfeld eine lyrische Entlastungsfigur, in der Verantwortung, Bekenntnis, Selbstschutz, Verschiebung und moralische Prüfung zusammenkommen.
Ausrede in Liebeslyrik und Beziehungskonflikt
In der Liebeslyrik kann die Ausrede besonders verletzend sein. Liebe verlangt häufig Klarheit, Nähe und Antwort; die Ausrede bietet dagegen Verschiebung. Sie sagt nicht offen „ich liebe nicht mehr“, sondern spricht von Umständen. Sie sagt nicht „ich habe dich verlassen“, sondern „der Weg war weit“, „die Zeit war rau“, „mein Herz war müde“ oder „die Welt stand zwischen uns“.
Solche Ausreden können die Unentschiedenheit einer Beziehung sichtbar machen. Ein Ich will Nähe und Abstand zugleich. Es sucht Entschuldigung, ohne den Bruch ganz zu benennen. Die Ausrede wird dadurch zur Form des nicht vollzogenen Abschieds.
In Liebesgedichten kann die Ausrede auch selbstironisch erscheinen. Die Stimme weiß vielleicht, dass ihre Gründe schwach sind. Dann entsteht eine komische oder bittere Selbstentlarvung. Die Ausrede wird nicht nur verwendet, sondern im Gedicht durchsichtig gemacht.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ausrede in der Liebeslyrik eine lyrische Beziehungsausweichung, in der Liebe, Schuld, Verzögerung, Selbstschutz, Untreue, Scham und verweigerte Festlegung zusammenwirken.
Ironie, Komik und entlarvte Ausrede
Die Ausrede eignet sich besonders für Ironie und Komik. Eine schlechte Ausrede verrät sich selbst. Je mehr sie sich bemüht, glaubwürdig zu wirken, desto deutlicher wird ihre Schwäche. Gedichte können diese Selbstentlarvung durch Übertreibung, Pointe, scheinbare Naivität, widersprüchliche Bilder oder einen überraschenden Schluss gestalten.
Ironische Ausreden zeigen oft den Abstand zwischen Behauptung und Wahrheit. Das Ich sagt, es sei nur das Wetter gewesen, aber der Ton verrät Schuld. Es sagt, es habe die Tür nicht gefunden, aber das Gedicht zeigt seine Angst. Es sagt, es habe schweigen müssen, aber die Fülle der Rede verrät das Gegenteil.
Komische Formen wie Epigramm, Xenie, Clerihew oder Limerick können die Ausrede besonders knapp entlarven. Die Pointe macht sichtbar, dass die Begründung nicht trägt. Dadurch wird die Ausrede zum Gegenstand poetischer Kritik.
Im Kulturlexikon bezeichnet Ausrede im ironischen Bereich eine lyrische Entlarvungsfigur, in der Redeabsicht, Selbstwiderspruch, Pointe und moralischer Abstand zusammenkommen.
Religiöse Ausrede, Bekenntnis und Gewissen
In religiöser Lyrik steht die Ausrede häufig im Gegensatz zum Bekenntnis. Das Ich soll vor Gott, Gewissen oder Wahrheit treten, sucht aber Ausflüchte. Es verweist auf Schwäche, Welt, Versuchung, Müdigkeit oder Angst. Solche Ausreden zeigen den Kampf zwischen Selbstentschuldigung und Umkehr.
Religiöse Gedichte können die Ausrede als Hindernis der Gnade darstellen. Solange das Ich sich rechtfertigt, bekennt es nicht wirklich. Erst wenn die Ausrede fällt, kann Bitte, Buße oder Hingabe beginnen. Die Ausrede markiert dann eine geistliche Verschlossenheit.
Doch auch religiöse Ausrede kann menschlich verständlich sein. Ein Ich fürchtet das Urteil, schämt sich, fühlt sich unwürdig oder findet keine Sprache. Das Gedicht kann diese Schwäche mit Strenge oder mit Barmherzigkeit betrachten. Die Ausrede wird zum Zeichen eines noch nicht gelösten Gewissens.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ausrede in religiöser Lyrik eine Gewissensfigur, in der Schuld, Selbstentschuldigung, Bekenntnis, Buße, Gebet und Wahrheit zusammenwirken.
Soziale und politische Ausrede
Ausreden können auch gesellschaftlich oder politisch sein. Eine Gemeinschaft kann Schuld abschieben, Verantwortung leugnen, Gewalt beschönigen oder Unrecht als Notwendigkeit ausgeben. In politischer Lyrik kann die Ausrede daher als Sprache der Macht erscheinen. Sie verdeckt, was sie erklären sollte.
Solche Ausreden arbeiten oft mit abstrakten Begriffen: Ordnung, Pflicht, Zeitgeist, Gesetz, Fortschritt, Sicherheit, Schicksal oder Vaterland. Die konkrete Verantwortung verschwindet hinter großen Wörtern. Lyrik kann diese Sprache kritisch zerlegen, indem sie die Opfer, Körper, Stimmen und Folgen wieder sichtbar macht.
Auch die scheinbar harmlose Alltagssprache kann als politische Ausrede wirken. „Man konnte nichts tun“, „alle machten es so“, „es war die Zeit“: Solche Sätze können in Gedichten als kollektive Selbstentlastung erscheinen. Das Gedicht prüft dann nicht nur eine einzelne Stimme, sondern ein gesellschaftliches Gewissen.
Im Kulturlexikon bezeichnet Ausrede im sozialen und politischen Bereich eine lyrische Verantwortungsverschiebung, in der Macht, Gemeinschaft, Schuldabwehr, Beschönigung und Kritik zusammenkommen.
Ausrede, Schweigen und Nicht-Antwort
Ausrede und Schweigen stehen in enger Beziehung. Manchmal ersetzt die Ausrede das Schweigen; manchmal ist sie selbst eine Form der Nicht-Antwort. Sie füllt den Raum mit Worten, damit das Entscheidende nicht gesagt werden muss. Dadurch entsteht eine paradoxe Nähe von Beredsamkeit und Verstummen.
Eine Ausrede kann lauter sein als ein Schweigen und dennoch weniger sagen. Sie kann eine Frage umgehen, eine Anrede ins Leere laufen lassen oder eine Antwort aufschieben. Im Gedicht kann dies durch Umwege, Nebensätze, Bildwechsel oder Abschweifungen sichtbar werden.
Umgekehrt kann Schweigen als letzte Ausrede erscheinen. Das Ich antwortet nicht und schützt sich durch die Behauptung, es habe keine Worte. Auch dies kann wahr oder ausweichend sein. Lyrik lebt von dieser Unentscheidbarkeit, wenn sie nicht vorschnell aufgelöst wird.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ausrede im Verhältnis zum Schweigen eine lyrische Nicht-Antwortfigur, in der Beredsamkeit, Leerstelle, Vermeidung und ausbleibendes Bekenntnis zusammenwirken.
Rhetorische Mittel der Ausrede
Rhetorisch arbeitet die Ausrede häufig mit Modalwörtern, Abschwächungen und Verschiebungen. Wörter wie vielleicht, nur, eben, leider, doch, eigentlich, damals, irgendwie, man, es, gewiss, fast und wohl können eine Aussage relativieren. Sie nehmen Schärfe aus der Verantwortung und erzeugen eine Zone des Unbestimmten.
Weitere Mittel sind rhetorische Fragen, Auslassungspunkte, Passivkonstruktionen, unpersönliche Wendungen, Umstandsbegründungen, Naturalisierungen, Euphemismen, Wiederholungen, Selbstunterbrechungen, Parenthesen, Antithesen und ironische Übertreibungen. Eine Ausrede kann sich in der Syntax verbergen.
Auch Bildfelder können ausweichend wirken. Wenn ein Ich von Nebel, Wind, Nacht oder Wegen spricht, statt seine Handlung zu benennen, kann das Bild eine Ausrede stützen. Es kann aber auch echte poetische Verdichtung sein. Deshalb muss die Analyse die Funktion der Bildverschiebung genau prüfen.
Im Kulturlexikon bezeichnet Ausrede rhetorisch eine lyrische Strategie der Verschiebung, Abschwächung, Unbestimmtheit und indirekten Selbstentlastung.
Ausrede in moderner Lyrik
In moderner Lyrik kann die Ausrede besonders fragmentarisch, bürokratisch, medial oder ironisch erscheinen. Die Stimme spricht in Protokollen, Nachrichten, Formularen, Werbesätzen, Chatfragmenten oder kalten Selbstkommentaren. Verantwortung verschwindet hinter Systemen, Routinen, Rollen oder Sprachschablonen.
Moderne Ausreden können sehr knapp sein. Ein abgebrochener Satz, ein leerer Bildschirm, ein „später“, ein „keine Zeit“, ein automatischer Antworttext oder ein technischer Fehler kann eine Beziehung stärker beschädigen als eine lange Entschuldigung. Das Ausweichen wird formal minimiert.
Gleichzeitig kann moderne Lyrik die Ausrede poetologisch befragen. Kann jedes Gedicht selbst zur Ausrede werden, wenn es Schmerz ästhetisch formt? Kann Sprache Wahrheit verdecken, indem sie schön ist? Solche Fragen machen die Ausrede zu einem modernen Reflexionsbegriff.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ausrede in moderner Lyrik eine gebrochene Sprach- und Verantwortungsfigur, in der Alltagssprache, Medienform, Fragment, Systemrede und Selbstkritik zusammenwirken.
Poetologische Dimension
Poetologisch macht die Ausrede sichtbar, dass lyrische Sprache nicht automatisch wahrhaftig ist. Gedichte können bekennen, aber auch verschleiern. Sie können enthüllen, aber auch maskieren. Eine schöne Form kann Wahrheit tragen oder verdecken. Die Ausrede zwingt daher zur Prüfung der Sprechhaltung.
Ein Gedicht kann eine Ausrede entlarven, indem es die Stimme an ihren eigenen Bildern scheitern lässt. Es kann zeigen, dass eine Begründung nicht trägt, dass ein Reim zu glatt schließt, dass ein Ton zu beschönigend wird oder dass eine Auslassung gerade das Entscheidende verrät. Die Form arbeitet dann gegen die Selbstdarstellung der Stimme.
Zugleich kann Lyrik eine Ausrede in Erkenntnis verwandeln. Eine Stimme beginnt vielleicht ausweichend und kommt im Verlauf zu einem Bekenntnis. Oder sie bleibt in der Ausrede gefangen, und gerade dieses Gefangensein wird zur poetischen Wahrheit des Textes.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ausrede poetologisch eine Grundfigur der Prüfung lyrischer Rede, in der Wahrheit, Maske, Form, Bekenntnis, Selbsttäuschung und Sprachkritik zusammenwirken.
Sprachliche Gestaltung der Ausrede
Sprachlich zeigt sich Ausrede durch Wörter und Felder wie vielleicht, leider, nur, man, es, damals, Umstände, Zeit, Schicksal, Weg, Wetter, Nacht, Zufall, Pflicht, Müdigkeit, Angst, ich konnte nicht, ich musste, es ging nicht anders, wenn doch, verzeih, gewiss, fast, wohl, eigentlich und später. Solche Wörter können eine Aussage abschwächen, verschieben oder entlasten.
Formale Mittel sind Passiv, unbestimmte Pronomen, hypotaktische Begründungsketten, rhetorische Fragen, Auslassungspunkte, Gedankenstriche, Parenthesen, Wiederholungen, Selbstkorrekturen, Bildwechsel, Ironie, Pointe, offene Anrede, unterbrochene Antwort und ein Schluss, der die Ausrede entlarvt oder offenlässt.
Typische Bildfelder sind Nebel, Maske, Schleier, Umweg, Tür, Schatten, Mantel, Wind, Wetter, Weg, Schmutz, Spiegel, Gericht, Waage, Schuldstein, leerer Brief, nicht geöffnete Schwelle und halb verhülltes Gesicht. Die Bildwelt der Ausrede ist häufig eine Bildwelt der Verschiebung und Verdeckung.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ausrede sprachlich eine lyrische Vermeidungsstruktur, in der Wortwahl, Syntax, Bildführung, Ton und Schlussgestaltung Verantwortung verschieben oder entlarven.
Typische Bildfelder
Typische Bildfelder der Ausrede sind Maske, Schleier, Nebel, Schatten, Umweg, Hintertür, Mantel, Spiegel, Gericht, Waage, Schuld, Brief, Schwelle, Wind, Wetter, Nacht, Weg, verschobene Uhr, leere Hand, verschlossene Tür, zerknittertes Wort, halber Blick, gebrochener Schwur und nicht ausgesprochener Name.
Zu den Bedeutungsfeldern gehören Ausweichen, Selbstrechtfertigung, Entschuldigung, Beschönigung, Lüge, Halbwahres, Schuldabwehr, Verstellung, Scham, Angst, Gewissen, Bekenntnis, Verantwortung, Wahrheit, Vermeidung, Unaufrichtigkeit, Ironie, Nicht-Antwort und poetische Entlarvung.
Zu den formalen Mitteln gehören Passivkonstruktion, unpersönliche Formulierung, rhetorische Frage, Aposiopese, Ellipse, Auslassungspunkte, Gedankenstrich, Wiederholung, Parenthese, Bildbruch, Tonbruch, Pointe, offener Schluss, Anredeabbruch und ironische Übertreibung.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ausrede ein lyrisches Sprach-, Masken- und Verantwortungsfeld, in dem Rede, Schuld, Wahrheit, Schutz und Verstellung eng verbunden sind.
Ambivalenzen der Ausrede
Die Ausrede ist lyrisch ambivalent, weil sie moralisch verdächtig und menschlich verständlich zugleich sein kann. Sie kann Feigheit, Lüge oder Verantwortungslosigkeit zeigen. Sie kann aber auch aus Scham, Angst, Verletzlichkeit oder Überforderung entstehen. Nicht jede ausweichende Rede ist böse; aber jede Ausrede zeigt eine Spannung zwischen Wahrheit und Selbstschutz.
Ein Gedicht kann diese Spannung offenhalten. Eine Stimme kann sich herausreden und doch Mitleid wecken. Sie kann schuldig sein und zugleich verletzlich. Sie kann lügen und sich selbst dabei nicht ganz verstehen. Gerade lyrische Formen eignen sich für solche Zwischentöne, weil sie keine juristische Beweisführung, sondern eine verdichtete Sprechsituation gestalten.
Auch poetisch bleibt die Ausrede zweideutig. Lyrik lebt von Andeutung und Mehrdeutigkeit; die Ausrede nutzt ebenfalls Andeutung und Mehrdeutigkeit. Die Analyse muss daher unterscheiden, ob die Offenheit des Gedichts eine ästhetische Struktur ist oder ob innerhalb des Gedichts eine Stimme Offenheit missbraucht, um Wahrheit zu vermeiden.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ausrede daher eine spannungsreiche lyrische Figur zwischen Schutz und Verstellung, Entschuldigung und Schuldabwehr, Mehrdeutigkeit und Unaufrichtigkeit.
Beispiele und Belege zur Ausrede
Die folgenden Beispiele zeigen Ausrede als lyrische Sprach- und Verantwortungsfigur. Zunächst stehen kurze Belege aus der gemeinfreien, gängigen Lyriktradition, in denen Ausweichen, Selbsttäuschung, Verschiebung, Rollenrede oder indirekte Schuldentlastung als deutbare Momente erscheinen. Danach folgen neu formulierte Beispieltexte in zwei Haikus, einem Distichon, einem Alexandrinercouplet, einer Alkäischen Strophe, einem Aphorismus, einem Clerihew, einem Epigramm, einem elegischen Alexandriner, einer Xenie und einer Chevy-Chase-Strophe. Die Beispiele zeigen Ausrede als Halbantwort, Maske, ironische Selbstentlarvung, Liebesausweichung, Schuldrede und poetische Prüfung der Wahrheit.
Belege aus der gängigen lyrischen Literatur
Ein klassischer Beleg für eine Stimme, die eine innere Konfliktlage nicht direkt bekennt, sondern in eine scheinbar einfache Rollenrede verschiebt, findet sich in Johann Wolfgang Goethes „Heidenröslein“. Die knappe Volksliedform erzählt Gewalt, Begehren und Verletzung in einer scheinbar harmlosen Blumenhandlung. Gerade diese Verschiebung macht den Text auslegungsbedürftig.
Sah ein Knab’ ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu sehn,
Sah’s mit vielen Freuden.
Autor: Johann Wolfgang Goethe. Der Beleg zeigt nicht eine einfache Ausrede im Alltagssinn, sondern eine poetische Verschiebung: Das Geschehen wird in Natur- und Volksliedbilder verlegt. Für die Auslegung ist zu fragen, ob die scheinbar leichte Form eine gewaltsame Beziehung beschönigt oder gerade durch ihre Naivität entlarvt.
Heinrich Heines „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“ bietet einen Beleg für ironische Rollen- und Entlastungsrede. Das Gedicht stellt Liebesschmerz als alte Geschichte dar und verschiebt individuelle Schuld und Verletzung in ein allgemeines Schema.
Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen andern erwählt;
Der andre liebt eine andre,
Und hat sich mit dieser vermählt.
Autor: Heinrich Heine. Die Ausrede liegt hier in der ironischen Verallgemeinerung: Das Einzelne wird zur alten Geschichte. Der Sprecher kann dadurch Schmerz auf Distanz bringen. Die Form entlastet und entlarvt zugleich, weil sie das Leiden in ein scheinbar bekanntes Muster abschiebt.
Joseph von Eichendorffs „Sehnsucht“ zeigt keine Ausrede als Schuldabwehr, wohl aber eine poetisch bedeutsame Verschiebung von innerem Begehren in äußere Klang- und Reiseszenen. Das Ich steht am Fenster und lässt die eigene Sehnsucht durch die vorüberziehenden Stimmen und Bilder sprechen.
Es schienen so golden die Sterne,
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter Ferne
Ein Posthorn im stillen Land.
Autor: Joseph von Eichendorff. Der Beleg zeigt eine zarte Grenzform: Das Ich spricht seine Sehnsucht nicht frontal aus, sondern lässt sie über Sternenglanz, Fensterstand und Posthorn entstehen. In einer Ausrede-Analyse wäre zu fragen, wann solche Verschiebung poetische Indirektheit bleibt und wann sie zum Ausweichen vor einem Bekenntnis würde.
Eduard Mörikes „Verborgenheit“ bietet einen Beleg für eine Stimme, die sich bewusst der Welt entzieht. Die Rede ist keine plumpe Ausrede, aber sie formuliert einen Rückzug, der als Selbstschutz, Weltabkehr oder mögliche Rechtfertigung der Absonderung gelesen werden kann.
Laß, o Welt, o laß mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben,
Laßt dies Herz alleine haben
Seine Wonne, seine Pein!
Autor: Eduard Mörike. Der Beleg zeigt, wie nahe Schutzrede und Ausrede liegen können. Das Ich begründet seinen Rückzug durch das Recht auf eigene Wonne und Pein. Die Auslegung muss prüfen, ob diese Rede Würde, Selbstschutz, Weltflucht oder ausweichende Selbstrechtfertigung ist.
Ein erstes Haiku-Beispiel zur Ausrede
Das folgende Haiku zeigt Ausrede als kleine Verschiebung: Nicht das Ich übernimmt Verantwortung, sondern der Regen wird vorgeschoben.
„Der Regen war schuld.“
Vor der ungeöffneten Tür
tropft mein später Blick.
Die Ausrede wird durch das Bild entlarvt. Der Regen mag wirklich gefallen sein, aber der „späte Blick“ zeigt, dass die Verantwortung nicht vollständig beim Wetter liegt.
Ein zweites Haiku-Beispiel zur Ausrede
Das zweite Haiku gestaltet Ausrede als leise Nicht-Antwort. Die Natur übernimmt die Stelle einer Erklärung, die das Ich nicht geben will.
Du fragst nach gestern.
Im Teich zerbricht eine Wolke –
ich sage: „Wind.“
Das Haiku zeigt die Ausrede im kleinsten Vollzug. Das Wort „Wind“ erklärt etwas im Bild, weicht aber der Frage nach dem Gestern aus.
Ein Distichon zur Ausrede
Das folgende Distichon fasst die Ausrede als Grenzform zwischen Rede und Schuldabwehr zusammen.
Eine Ausrede spricht viel, doch trägt sie den Grund an der Seite.
Wahrheit steht mitten im Satz; wer sie vermeidet, geht aus.
Das Distichon betont die räumliche Struktur der Ausrede. Sie geht am Zentrum vorbei und verrät sich durch diese Bewegung.
Ein Alexandrinercouplet zur Ausrede
Das folgende Alexandrinercouplet nutzt die Mittelzäsur, um Behauptung und Entlarvung gegeneinanderzustellen.
Ich sagte: „Nacht war schuld“, | doch brannte noch mein Licht; A
wer Gründe vor sich hält, | verbirgt sich vor Gericht. A
Das Couplet zeigt, dass die Ausrede durch ein Detail widerlegt wird. Das brennende Licht macht sichtbar, dass das Ich nicht bloß von der Nacht bestimmt war.
Eine Alkäische Strophe zur Ausrede
Die folgende Alkäische Strophe nähert sich der antikisierenden Odenform und deutet Ausrede als Gefahr einer würdelosen Selbstentlastung.
Nenne nicht Schicksal, was Angst dir geboten;
sag nicht der Abend, wenn du dich entzogen;
besser ein hartes
Wort als ein weichlicher Grund.
Die Strophe stellt der Ausrede das klare Wort entgegen. Nicht die Härte der Wahrheit, sondern die Weichheit der Selbstbeschönigung wird kritisiert.
Ein Aphorismus zur Ausrede
Der folgende Aphorismus formuliert die poetische Struktur der Ausrede knapp.
Die Ausrede ist eine Wahrheit, die ihren eigenen Mittelpunkt meidet.
Der Aphorismus betont, dass Ausreden oft nicht völlig falsch sind. Ihre Unwahrheit liegt darin, dass sie am Entscheidenden vorbeisprechen.
Ein Clerihew zur Ausrede
Der folgende Clerihew macht die Ausrede zur komischen Personifikation.
Herr Ausrede aus Bremen
sprach stets von Systemen.
Doch fragte die Maus:
„Warst du nicht selbst im Haus?“
Der Clerihew entlarvt die Ausrede durch eine einfache Gegenfrage. Große Erklärungen fallen zusammen, wenn die persönliche Verantwortung sichtbar wird.
Ein Epigramm zur Ausrede
Das folgende Epigramm verdichtet die moralische Prüfung der Ausrede.
Die Ausrede bittet um milde Richter.
Doch sie fürchtet den Zeugen, der im eigenen Satz wohnt.
Das Epigramm zeigt, dass die Ausrede sich oft selbst verrät. Im eigenen Wort sitzt der Zeuge der vermiedenen Wahrheit.
Ein elegischer Alexandriner zur Ausrede
Der folgende elegische Alexandriner gestaltet Ausrede als spätes Eingeständnis in einer verlorenen Beziehung.
Ich sprach von Weg und Zeit, | doch meinte ich mein Herz;
nun misst dein stummer Blick | die Länge meiner Scherz.
Der elegische Alexandriner zeigt, dass die Ausrede nachträglich durchsichtig wird. Was als Weg und Zeit benannt wurde, war eine Herzensvermeidung.
Eine Xenie zur Ausrede
Die folgende Xenie warnt vor der sprachlichen Geschicklichkeit der Ausrede.
Traue dem Grund nicht zu rasch, der allzu geschmeidig erscheinet.
Wahrheit geht selten so glatt, wenn sie durchs Dunkel hindurchmuss.
Die Xenie betont, dass zu glatte Begründungen verdächtig sein können. Die Ausrede wirkt oft gerade deshalb überzeugend, weil sie keine Reibung zulässt.
Eine Chevy-Chase-Strophe zur Ausrede
Die folgende Chevy-Chase-Strophe nutzt die balladennahe Form, um Ausrede als Rechtfertigung vor einer Gemeinschaft zu zeigen.
„Der Nebel nahm mir Weg und Spur“, A
sprach er vor Rat und Toren; B doch hing an seinem Mantelsaum C
der Staub von fremden Fluren. B
Die Strophe zeigt eine entlarvte Ausrede. Die Rede verweist auf Nebel, aber der Mantelsaum trägt den Beleg einer anderen Wahrheit.
Analytische Bedeutung
Für die Lyrikanalyse ist Ausrede ein hilfreicher Begriff, wenn eine Stimme scheinbar erklärt, aber tatsächlich Verantwortung, Wahrheit oder klare Festlegung vermeidet. Zunächst ist zu fragen, wer die Ausrede spricht: das lyrische Ich, ein lyrisches Du, eine Gemeinschaft, eine Machtinstanz oder eine ironisch vorgeführte Figur?
Danach ist zu untersuchen, wodurch die Ausrede sprachlich erzeugt wird. Gibt es Passivformen, unbestimmte Pronomen, viele Nebensätze, Umstandsbegründungen, Naturalisierungen, rhetorische Fragen, Bildwechsel, Auslassungen, übermäßige Wiederholungen oder auffällige Abschwächungen? Ebenso wichtig ist, ob die Form des Gedichts die Ausrede stützt oder unterläuft.
Besonders entscheidend ist die Frage nach der Bewertung. Ist die Ausrede moralisch entlarvt, tragisch verständlich, komisch durchsichtig, selbstschützend, schamhaft oder politisch beschönigend? Verrät der Ton mehr als der Inhalt? Steht ein Bild gegen die Behauptung der Stimme? Wird am Schluss eine Wahrheit sichtbar, die vorher vermieden wurde?
Im Kulturlexikon bezeichnet Ausrede daher auch ein methodisches Analyseinstrument. Der Begriff hilft, Gedichte auf Sprechhaltung, Verantwortung, Schuldabwehr, Anrede, Nicht-Antwort, Selbstrechtfertigung, Ironie, Maske, rhetorische Verschiebung und poetische Entlarvung hin zu untersuchen.
Poetische Funktion
Die poetische Funktion der Ausrede besteht darin, Wahrheit indirekt sichtbar zu machen. Eine Ausrede verdeckt etwas, aber das Gedicht kann gerade dieses Verdecken lesbar machen. Der Leser erkennt nicht nur, was gesagt wird, sondern auch, was nicht gesagt werden soll. Dadurch entsteht Spannung zwischen Redeoberfläche und verborgenem Sinn.
Ausreden können Figuren charakterisieren. Sie zeigen Angst, Schuld, Witz, Feigheit, Scham, Selbsttäuschung oder Macht. Sie können eine Stimme unzuverlässig machen und die Auslegung herausfordern. Ein Gedicht mit Ausrede verlangt deshalb besondere Aufmerksamkeit für Ton, Kontext, Widerspruch und Schlussbewegung.
Zugleich kann die Ausrede poetologisch die Sprache selbst prüfen. Wenn Sprache ausweichen kann, ist jedes Gedicht auch auf seine Wahrhaftigkeit zu befragen. Die Form kann Wahrheit tragen, aber sie kann sie auch verschönern. Der Begriff Ausrede hält diese Gefahr sichtbar.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ausrede somit eine Schlüsselgestalt lyrischer Sprach-, Schuld- und Maskenpoetik. Der Begriff zeigt, wie Gedichte Vermeidung nicht nur darstellen, sondern durch Form, Ton und Bild entlarven können.
Fazit
Ausrede ist ein lyrischer Sprach-, Schuld- und Ausweichbegriff für eine Redeweise, die Verantwortung, Wahrheit, Bekenntnis oder klare Festlegung umgeht. Sie verbindet Erklärung und Vermeidung, Sprache und Nicht-Antwort, Selbstschutz und Selbsttäuschung.
Als lyrischer Begriff ist Ausrede eng verbunden mit Anrede, lyrischem Ich, lyrischem Du, Schuld, Gewissen, Verantwortung, Selbstrechtfertigung, Verstellung, Maske, Ironie, Beschönigung, Schweigen, Nicht-Antwort, rhetorischer Frage, Passiv, Auslassung, Tonbruch, Pointe und poetischer Entlarvung. Ihre besondere Stärke liegt darin, dass sie das Verhältnis von Rede und Wahrheit problematisch macht.
Für das Kulturlexikon bezeichnet Ausrede eine grundlegende Figur lyrischer Sprechprüfung. Der Begriff macht sichtbar, wie Gedichte Ausweichen, Entschuldigung und Verdeckung gestalten und zugleich zeigen können, wo eine Stimme der Wahrheit aus dem Weg geht.
Weiterführende Einträge
- Abbruch Unterbrechung lyrischer Rede, durch die eine Ausrede stocken oder als vermiedene Wahrheit sichtbar werden kann
- Abgewandtheit Haltung der Distanz, die durch Ausreden gerechtfertigt oder sprachlich verdeckt werden kann
- Abkehr Wendung weg von einem Du oder einer Wahrheit, die in der Ausrede beschönigt werden kann
- Abschied Trennungssituation, in der Ausreden Nähe verzögern, Schuld mildern oder Klarheit vermeiden können
- Abstand Räumliche oder innere Entfernung, die eine Ausrede begründen oder verschleiern kann
- Abweisung Verweigerung von Nähe oder Antwort, die mit Ausreden gemildert oder kaschiert werden kann
- Affekt Starke innere Bewegung, die eine Ausrede hervorbringen oder durch sie verdeckt werden kann
- Ambivalenz Doppeldeutigkeit, die bei Ausreden zwischen Schutz, Verstellung und Schuldabwehr besonders sichtbar wird
- Analyse Systematische Untersuchung lyrischer Mittel, mit der Ausreden als Sprach- und Verantwortungsfiguren erkennbar werden
- Anrede Direkte Hinwendung an ein Du, die durch eine Ausrede umgangen oder abgeschwächt werden kann
- Anredeabbruch Unterbrochene Hinwendung an ein lyrisches Du, die als ausweichende Rede wirken kann
- Anrufung Feierliche Hinwendung, deren Ernst durch Ausrede, Scheu oder Selbstschutz gebrochen werden kann
- Antwort Erwiderung auf Anrede oder Frage, deren ausweichende Form zur Ausrede werden kann
- Antwortverweigerung Nicht gegebene oder verschobene Antwort, die häufig mit Ausrede und Schweigen verbunden ist
- Aphorismus Pointierte Denkform, die den Mechanismus der Ausrede knapp entlarven kann
- Aposiopese Bewusster Satzabbruch, durch den eine Ausrede, Scham oder unausgesprochene Wahrheit sichtbar wird
- Ausflucht Nahe verwandte Ausweichbewegung, die einer klaren Aussage oder Verantwortung entgeht
- Auslassung Weglassen erwarteter Redeanteile, durch das eine Ausrede ihre eigentliche Leerstelle erzeugt
- Auslassungspunkte Interpunktionszeichen, das zögernde oder ausweichende Rede sichtbar machen kann
- Auslegung Deutende Erschließung poetischer Sinnzusammenhänge, die Ausreden und verdeckte Verantwortung prüft
- Ausrede Sprachliche Ausweichfigur, die Verantwortung, Wahrheit oder klare Festlegung umgeht
- Begründung Erklärende Rede, die tragfähig sein oder als Ausrede Verantwortung verschieben kann
- Bekenntnis Offene Selbst- oder Schuldaussage, zu der die Ausrede im Gegensatz steht
- Beschönigung Verharmlosende Darstellung, die Schuld oder Konflikt sprachlich mildert
- Beweis Textliches oder bildliches Indiz, das eine Ausrede stützen oder widerlegen kann
- Bildbruch Störung eines Bildzusammenhangs, durch die eine Ausrede entlarvt werden kann
- Bildwechsel Übergang zu einem neuen Bildfeld, der als Ausweichen vor klarer Aussage wirken kann
- Blick Gerichtetes Sehen, dessen Ausweichen oder Senkung eine Ausrede körperlich begleiten kann
- Blickentzug Verweigerung des Gegenblicks, die oft mit ausweichender Rede verbunden ist
- Chevy-Chase-Strophe Balladennahe Strophenform, in der Ausreden dramatisch vor Gemeinschaft oder Gericht auftreten können
- Clerihew Komische Kurzform, die schlechte Ausreden durch Pointe entlarven kann
- Deutung Sinnerschließung, die unterscheidet, ob eine Rede poetische Offenheit oder Ausrede ist
- Deutungshypothese Vorläufige Annahme über den Sinn eines Gedichts, die ausweichende Redeweisen prüft
- Distanz Abstand zwischen Ich, Du und Wahrheit, der durch Ausreden sprachlich hergestellt werden kann
- Distichon Zweizeilige Form, die Ausrede und Wahrheit knapp gegeneinanderstellen kann
- Doppelrede Redeweise mit zweifacher Bedeutung, die Ausrede, Ironie oder verdeckte Wahrheit ermöglichen kann
- Du Lyrisches Gegenüber, dem gegenüber eine Ausrede ausgesprochen oder verweigert wird
- Ehrlichkeit Wahrhaftige Sprechhaltung, die zur Ausrede in Spannung steht
- Elegie Klage- und Erinnerungsform, in der spätes Eingeständnis und frühere Ausrede zusammentreten können
- Ellipse Auslassung syntaktisch erwarteter Bestandteile, die eine ausweichende Redeform stützen kann
- Entschuldigung Rede der Entlastung, die ehrlich sein oder als Ausrede Verantwortung umgehen kann
- Entzug Rücknahme von Nähe oder Antwort, die in Ausreden sprachlich gerechtfertigt werden kann
- Epigramm Pointierte Kurzform, die Ausreden moralisch oder ironisch zuspitzen kann
- Erinnerung Rückbezug auf Vergangenes, der durch Ausreden beschönigt oder verzerrt werden kann
- Fehldeutung Nicht tragfähige Interpretation, die ausweichende Rede falsch als Wahrhaftigkeit lesen kann
- Frage Offene Sprechform, der eine Ausrede ausweichen oder mit Gegenfragen begegnen kann
- Gebet Religiöse Anredeform, in der Ausrede und Bekenntnis miteinander ringen können
- Gedankenstrich Interpunktionszeichen des Einschnitts, das Selbstkorrektur, Ausweichen oder abgebrochene Ausrede markieren kann
- Gemeinschaft Sozialer Zusammenhang, der Schuld durch kollektive Ausreden verschieben kann
- Gericht Bild des Urteilens, vor dem Ausreden geprüft, entlarvt oder verworfen werden
- Gewissen Innere Instanz der Verantwortung, gegen die Ausreden nicht dauerhaft bestehen
- Gottesferne Religiöse Distanz, in der Ausrede und verweigertes Bekenntnis eine Rolle spielen können
- Haiku Kurze Gedichtform, in der eine Ausrede durch ein einziges Bild entlarvt werden kann
- Halbwahrheit Teilweise richtige, aber ausweichende Aussage, die häufig den Kern der Ausrede bildet
- Ironie Uneigentliche Redeweise, die Ausreden entlarven oder selbst als Maske auftreten kann
- Kadenz Vers- und Klangschluss, der eine Ausrede beruhigend schließen oder ironisch brechen kann
- Klage Lyrische Rede des Schmerzes, die ehrlich bekennt oder zur Ausrede werden kann
- Klangbruch Störung einer lautlichen Ordnung, durch die eine glatte Ausrede brüchig wird
- Komik Wirkung des Lächerlichen, die schlechte Ausreden sichtbar machen kann
- Kontrast Gegensatz zwischen Behauptung und Bild, durch den eine Ausrede entlarvt wird
- Leerstelle Bedeutungsoffener Raum, in dem die von der Ausrede gemiedene Wahrheit stehen kann
- Liebesdistanz Entfernung zwischen Liebenden, die häufig durch Ausreden erklärt oder verdeckt wird
- Liebeslyrik Gedichte der Liebe, in denen Ausreden Nähe, Untreue, Abschied oder Scham verhandeln können
- Lüge Bewusst falsche Rede, von der sich die Ausrede durch ihren Anteil an Halbwahrem unterscheiden kann
- Lyrische Situation Sprech- und Wahrnehmungslage, in der eine Ausrede motiviert, geprüft oder entlarvt wird
- Lyrisches Du Angesprochenes Gegenüber, dem die Ausrede gilt oder dessen Ausweichen erfahren wird
- Lyrisches Ich Sprechinstanz, die sich durch Ausreden rechtfertigen, schützen oder entlarven kann
- Maske Bild und Struktur der Verstellung, unter der Ausreden Wahrheit verdecken können
- Metapher Bildliche Bedeutungsübertragung, die Wahrheit verdichten oder als Ausrede verschieben kann
- Moderne Lyrik Lyrik offener und gebrochener Formen, in der Ausreden medial, bürokratisch oder fragmentarisch erscheinen können
- Motiv Wiederkehrendes Bedeutungselement, das Ausrede, Schuld oder Verstellung durch das Gedicht tragen kann
- Nachhall Fortwirkender Klang oder Sinn, in dem eine Ausrede nach dem Schluss fragwürdig bleibt
- Nebel Bild der Verschleierung, das Ausreden als undeutliche oder verdeckende Rede stützen kann
- Nicht-Antwort Ausbleibende Erwiderung, die durch eine Ausrede ersetzt oder verdeckt werden kann
- Offene Form Nicht abschließend geschlossene Gedichtgestalt, die von ausweichender Rede zu unterscheiden ist
- Offener Schluss Endbewegung ohne vollständige Auflösung, in der eine Ausrede bestehen bleiben oder entlarvt werden kann
- Parenthese Einschub, der eine Aussage relativieren, kommentieren oder ausweichend abschwächen kann
- Passiv Satzform ohne klar handelndes Subjekt, die Verantwortung sprachlich verschieben kann
- Pause Unterbrechung der Rede, in der eine Ausrede zögert oder eine Wahrheit durchscheint
- Pausenstruktur Anordnung von Unterbrechungen, die Zögern, Ausweichen oder innere Prüfung sichtbar macht
- Pointe Zuspitzende Wendung, durch die eine Ausrede plötzlich entlarvt werden kann
- Rechtfertigung Begründende Selbstverteidigung, die in der Lyrik zur Ausrede kippen kann
- Refrain Wiederkehrender Gedichtteil, der eine Ausrede beschwören oder ironisch wiederholen kann
- Reim Klangbindung am Versende, die eine Ausrede glätten oder durch Kontrast entlarven kann
- Reimbruch Störung einer Reimerwartung, die die Brüchigkeit einer Ausrede hörbar macht
- Resonanz Mitschwingende Wirkung von Klang und Sinn, die nach einer Ausrede als Zweifel bestehen kann
- Rhetorische Frage Frageform ohne echte Antworterwartung, die eine Ausrede stützen oder entlarven kann
- Rhythmusbruch Veränderung des Versgangs, die eine ausweichende Rede brüchig erscheinen lässt
- Satzabbruch Unterbrochene Syntax, in der eine Ausrede an Scham, Schuld oder Wahrheit stößt
- Scham Gefühl verletzter Selbstwahrnehmung, das Ausreden hervorbringen oder verständlich machen kann
- Schatten Bild der Verdeckung, in dem Ausrede, Schuld und nicht eingestandene Wahrheit erscheinen können
- Schleier Bild der Verhüllung, das zur poetischen Darstellung von Ausreden und Beschönigungen passt
- Schluss Letzte Bewegung eines Gedichts, in der eine Ausrede bestätigt, gebrochen oder offengelegt werden kann
- Schlusswendung Deutende Wendung am Ende, durch die eine Ausrede rückwirkend durchsichtig wird
- Schuld Moralische Belastung, die durch Ausreden gemildert, verschoben oder verdeckt werden soll
- Schuldabwehr Strategie der Selbstentlastung, die den Kern vieler Ausreden bildet
- Schweigen Nicht-Sprechen, das eine Ausrede ersetzen oder von ihr verdeckt werden kann
- Selbstbetrug Innere Täuschung des Ichs, die sich in ausweichender Rede manifestieren kann
- Selbstentlastung Sprachliche oder seelische Entlastung des Ichs, die als Ausrede problematisch werden kann
- Selbstrechtfertigung Rede, mit der das Ich sein Verhalten erklärt und dabei Verantwortung verschieben kann
- Selbstschutz Grenzziehung gegen Verletzung, die von bloßer Ausrede unterschieden werden muss
- Sinnschritt Funktionale Bewegungseinheit, in der eine Ausrede vorbereitet, entfaltet oder entlarvt wird
- Sprachgrenze Punkt, an dem Rede Wahrheit nicht mehr aussprechen kann oder in Ausrede ausweicht
- Sprachkritik Prüfung von Sprache auf Verschleierung, Beschönigung und unredliche Selbstentlastung
- Sprechhaltung Innere Haltung der Stimme, an der Ausrede, Bekenntnis oder Ironie erkennbar werden
- Sprechstockung Stocken der Stimme, das eine Ausrede unterbrechen oder Scham sichtbar machen kann
- Stille Akustische Zurücknahme, die nach einer Ausrede als Zweifel oder nicht gesagte Wahrheit stehen bleibt
- Strophe Formale Gedichteinheit, in der eine Ausrede aufgebaut, wiederholt oder gebrochen werden kann
- Syntax Satzbau des Gedichts, in dem Ausweichen, Abschwächung und Verantwortungsverschiebung sichtbar werden
- Ton Klangliche und stimmungshafte Haltung, die verrät, ob eine Ausrede ernst, ironisch oder brüchig wirkt
- Tonbruch Plötzlicher Wechsel der Sprechlage, der eine Ausrede entlarven kann
- Übertreibung Steigernde Redeweise, die Ausreden komisch überführen kann
- Umweg Indirekte Bewegung, die räumlich oder sprachlich das Ausweichen einer Ausrede gestaltet
- Unaufrichtigkeit Mangel an wahrhaftiger Rede, der die Ausrede als moralische Sprachfigur prägt
- Unausgesprochenes Nicht formulierte Wahrheit, die hinter einer Ausrede wirksam bleibt
- Unterbrechung Innehalten der Rede, das die Unsicherheit oder Brüchigkeit einer Ausrede zeigt
- Verantwortung Zurechnung von Handlung und Schuld, die durch Ausreden umgangen werden kann
- Verschiebung Verlagerung von Ursache, Schuld oder Bedeutung, die zum Grundmechanismus der Ausrede gehört
- Verschleierung Verdeckung von Wahrheit durch Sprache, Bild oder Ton
- Verstellung Bewusste oder halb bewusste Maskierung der eigenen Haltung, die Ausreden ermöglicht
- Verstummen Schwinden der Stimme, an dem eine Ausrede scheitern oder in Schweigen übergehen kann
- Verweigerung Bewusste Nicht-Erfüllung einer Erwartung, die mit Ausrede begründet werden kann
- Vielleicht Modalwort der Unsicherheit, das lyrische Offenheit oder ausweichende Rede anzeigen kann
- Wahrheit Gegenbegriff zur Ausrede, an dem sich lyrische Rede moralisch und poetisch prüfen lässt
- Wendung Sinn- oder Tonumschlag, durch den eine Ausrede plötzlich anders lesbar wird
- Widerspruch Spannung zwischen Aussage und Gegenzeichen, die eine Ausrede entlarven kann
- Wiederholung Formprinzip, das eine Ausrede beschwören, verstärken oder verdächtig machen kann
- Xenie Pointierte Zweizeilerform, die Ausreden kritisch und satirisch zuspitzen kann
- Zeilenbruch Versschnitt, an dem Ausweichen, Stocken oder Entlarvung einer Ausrede formal sichtbar werden
- Zögern Gehemmter Sprechbeginn, der Scham, Unsicherheit oder ausweichende Rede begleiten kann