Abfolge

Struktur- und Verlaufsbegriff · Reihenbildung lyrischer Elemente · Ordnung von Vers, Bild, Motiv, Strophe und Gedankenbewegung

Überblick

Abfolge bezeichnet in der Lyrik die Reihenbildung und zeitliche, räumliche, bildliche oder gedankliche Ordnung einzelner Textelemente. Ein Gedicht besteht nicht nur aus Wörtern, Versen, Bildern und Motiven, sondern aus deren Stellung zueinander. Was zuerst erscheint, was folgt, was wiederkehrt, was unterbrochen wird und womit ein Gedicht endet, gehört wesentlich zu seiner Bedeutung. Die Abfolge bestimmt, wie ein Gedicht gelesen, gehört und verstanden wird.

In lyrischen Texten ist Abfolge besonders wichtig, weil Gedichte oft auf engem Raum arbeiten. Schon die Reihenfolge weniger Bilder kann eine deutliche innere Bewegung erzeugen. Ein Gedicht kann vom Morgen zum Abend, vom Licht zur Dunkelheit, von Nähe zu Ferne, von Ruhe zu Unruhe oder von konkreter Wahrnehmung zu symbolischer Deutung führen. Solche Bewegungen entstehen nicht allein durch einzelne Bilder, sondern durch ihre Abfolge.

Abfolge betrifft viele Ebenen des Gedichts. Sie betrifft die Reihenfolge der Verse, die Gliederung der Strophen, die Entwicklung von Motiven, die Folge der Bilder, die Bewegung der Gedanken, die Verteilung von Wiederholungen, den Aufbau von Spannung und die rhythmische Organisation des Sprechens. Damit ist Abfolge nicht bloß ein äußerliches Ordnungsmerkmal, sondern ein Grundprinzip lyrischer Form.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Abfolge daher die poetische Ordnung des Nacheinanders. Gemeint ist jene Verlaufsstruktur, durch die lyrische Elemente im Lesen eine Bewegung bilden und Bedeutung nicht nur als Einzelinhalt, sondern als Prozess erfahrbar wird.

Begriff und lyrische Grundfigur

Der Begriff Abfolge meint zunächst die Ordnung eines Nacheinanders. In der Lyrik erhält dieser einfache Strukturbegriff eine besondere Bedeutung, weil jedes Gedicht nur im Verlauf gelesen wird. Auch ein sehr kurzes Gedicht entfaltet sich Schritt für Schritt. Der erste Vers eröffnet einen Erwartungsraum, der zweite verändert ihn, spätere Verse bestätigen, verschieben oder brechen ihn, und der Schluss bündelt oder öffnet die Bewegung.

Als lyrische Grundfigur steht Abfolge zwischen Form und Sinn. Sie ordnet nicht nur Material, sondern erzeugt Bedeutung. Wenn ein Gedicht zuerst ein Naturbild zeigt und danach eine innere Regung ausspricht, entsteht eine andere Wirkung, als wenn zuerst das Gefühl und danach das Naturbild erscheint. Wenn ein Gedicht mit einem hellen Bild beginnt und in Dunkelheit endet, entsteht eine andere Bewegung als bei umgekehrter Ordnung. Abfolge entscheidet also über Richtung, Spannung und Deutung.

Wichtig ist, dass Abfolge in der Lyrik nicht immer linear oder erzählend sein muss. Sie kann kreisförmig, steigernd, kontrastiv, sprunghaft, wiederholend oder fragmentarisch sein. Sie kann eine klare Entwicklung zeigen oder gerade die Auflösung geordneter Entwicklung darstellen. In jedem Fall ist die Reihenfolge der Elemente eine poetisch wirksame Größe.

Im Kulturlexikon meint Abfolge daher nicht nur formale Anordnung. Sie bezeichnet die Weise, in der lyrische Sprache im Nacheinander von Versen, Bildern, Motiven und Klängen Sinnbewegung erzeugt.

Abfolge als Reihenbildung

Abfolge ist zunächst eine Form der Reihenbildung. Ein Gedicht stellt Elemente nicht beliebig nebeneinander, sondern ordnet sie in einer bestimmten Folge. Diese Elemente können Wörter, Satzglieder, Verse, Bilder, Motive, Strophen, Wahrnehmungen oder Gedanken sein. Durch ihre Reihenbildung entsteht ein Leseweg, der die Wahrnehmung und Deutung des Gedichts steuert.

Eine Reihe kann additiv wirken, wenn Elemente nebeneinander treten und sich gegenseitig ergänzen. Sie kann steigernd wirken, wenn jedes neue Element die Intensität erhöht. Sie kann kontrastiv wirken, wenn gegensätzliche Elemente aufeinander folgen. Sie kann kreisend wirken, wenn ein Anfangsmotiv am Ende wiederkehrt. Solche Reihenbildungen sind in der Lyrik besonders wirksam, weil sie auf engem Raum eine innere Ordnung schaffen.

Die Abfolge einer Reihe kann auch eine Haltung anzeigen. Eine ruhige, gleichmäßige Reihung kann Sammlung, Ordnung oder Kontemplation erzeugen. Eine hastige, abrupte oder unregelmäßige Reihung kann Unruhe, Überforderung oder fragmentierte Wahrnehmung ausdrücken. Die Form des Nacheinanders wird dadurch selbst bedeutungstragend.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Abfolge somit die elementare poetische Ordnung von Reihen. Sie macht sichtbar, dass lyrische Wirkung nicht nur aus einzelnen Ausdrücken entsteht, sondern aus ihrer Stellung im Verlauf.

Versabfolge und Leseweg

Die Versabfolge bildet eine der grundlegenden Formen lyrischer Abfolge. Ein Gedicht wird Vers für Vers gelesen. Jeder Vers setzt eine Einheit, öffnet eine Erwartung und wird durch den folgenden Vers bestätigt, ergänzt, verschoben oder gebrochen. Die Reihenfolge der Verse ist daher ein wesentlicher Bestandteil der Gedichtform.

Ein Vers kann eine Wahrnehmung eröffnen, der nächste kann sie präzisieren, ein dritter kann sie in eine innere Bedeutung überführen. Ebenso kann ein Vers eine Aussage beginnen, die durch ein Enjambement in den folgenden Vers hinübergezogen wird. Dadurch entsteht Bewegung über die Versgrenze hinweg. Die Abfolge der Verse bestimmt dann den Rhythmus des Verstehens.

Auch Pausen spielen eine Rolle. Das Versende schafft eine kurze Unterbrechung, selbst wenn der Satz weitergeht. Dadurch kann eine Erwartung entstehen, die der nächste Vers erfüllt oder irritiert. Gerade in der Lyrik ist diese Spannung zwischen syntaktischem Fortgang und versmäßiger Gliederung ein wichtiges Mittel der Abfolge.

Im Kulturlexikon bezeichnet Abfolge deshalb auch den Leseweg durch die Verse. Sie zeigt, wie das Gedicht seine Bedeutung nicht auf einmal, sondern Schritt für Schritt in der Bewegung des Lesens hervorbringt.

Strophenabfolge und Gedichtaufbau

Auch die Strophenabfolge prägt den Aufbau eines Gedichts. Strophen sind größere Gliederungseinheiten, die häufig eine eigene innere Funktion besitzen. Eine Strophe kann eine Situation eröffnen, eine zweite sie vertiefen, eine dritte sie wenden und eine letzte sie zusammenfassen oder offenlassen. Die Reihenfolge der Strophen erzeugt dadurch eine Makrostruktur.

In vielen Gedichten entspricht die Strophenabfolge einer inneren Entwicklung. Der Text kann von äußerer Beschreibung zur inneren Reflexion führen, von Beobachtung zu Deutung, von Klage zu Trost, von Hoffnung zu Ernüchterung oder von Unruhe zu Ruhe. Solche Entwicklungen werden nicht nur thematisch, sondern durch die strophische Ordnung gestaltet.

Strophen können einander auch spiegeln oder kontrastieren. Eine erste Strophe kann ein Bildfeld eröffnen, eine zweite ein Gegenbild setzen, eine dritte beide Ebenen verbinden. Ebenso kann eine letzte Strophe ein Anfangsmotiv wieder aufnehmen und dadurch einen Rahmen bilden. Die Abfolge der Strophen ist dann ein Mittel kompositorischer Geschlossenheit.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Abfolge daher auch die Ordnung der strophischen Großgliederung. Sie macht sichtbar, wie Gedichte ihre Gesamtbewegung aus der Folge einzelner Abschnitte gewinnen.

Bildabfolge und Bildkette

Eine besonders wichtige Form lyrischer Abfolge ist die Bildabfolge. Gedichte entfalten Sinn häufig nicht durch erklärende Sätze, sondern durch die Folge von Bildern. Ein Bild ruft ein anderes hervor, wird durch ein weiteres ergänzt, gesteigert oder gebrochen. Aus dieser Reihenbildung kann eine Bildkette entstehen.

Eine Bildabfolge kann eine Wahrnehmung führen. Der Text beginnt etwa mit einem Blick auf ein Detail, weitet sich zu einer Landschaft, führt dann zu einem Himmelsbild und endet in einem Symbol. Eine solche Abfolge erzeugt eine Bewegung von Konkretion zu Weite oder von sinnlicher Beobachtung zu übertragener Bedeutung. Umgekehrt kann ein Gedicht von einem umfassenden Bild zu einem kleinen Detail führen und dadurch Konzentration oder Ernüchterung erzeugen.

Bildabfolgen können auch starke emotionale Wirkungen hervorbringen. Wenn helle Bilder schrittweise dunkler werden, entsteht eine Bewegung des Verlöschens. Wenn Bilder der Enge durch Bilder der Öffnung abgelöst werden, entsteht eine Bewegung der Befreiung. Die Bedeutung liegt dann nicht nur im einzelnen Bild, sondern im Übergang von Bild zu Bild.

Im Kulturlexikon bezeichnet Abfolge daher eine Grundlage lyrischer Bildpoetik. Sie erklärt, wie Bilder durch ihre Reihenfolge eine poetische Entwicklung, Spannung oder Verdichtung erzeugen.

Motivabfolge und Entwicklung

Auch Motive gewinnen in der Lyrik Bedeutung durch ihre Abfolge. Ein Motiv ist ein wiederkehrendes oder prägendes thematisch-bildliches Element. Wenn mehrere Motive nacheinander auftreten, entsteht eine Motivabfolge. Diese kann eine Entwicklung anzeigen, eine Spannung aufbauen oder einen thematischen Zusammenhang entfalten.

Ein Gedicht kann etwa mit einem Wegmotiv beginnen, dann ein Schwellenmotiv setzen, danach ein Türmotiv und schließlich ein Lichtmotiv. Aus dieser Abfolge kann eine Bewegung von Suche, Grenze, Übergang und Öffnung entstehen. Ein anderes Gedicht kann Motive von Blüte, Reife, Fall und Erde anordnen und dadurch einen Lebens- oder Vergänglichkeitsverlauf sichtbar machen.

Motivabfolgen sind besonders wichtig, wenn ein Gedicht nicht ausdrücklich argumentiert. Sie übernehmen dann die Funktion der Bedeutungsentwicklung. Die Motive führen die Lesenden durch ein semantisches Feld und lassen Zusammenhänge entstehen, die nicht vollständig ausgesprochen werden müssen.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Abfolge daher auch die Ordnung motivischer Entwicklung. Sie zeigt, wie ein Gedicht durch die Reihenfolge seiner Motive seine innere Thematik entfaltet.

Gedankenabfolge und lyrische Reflexion

Lyrik ist nicht nur Bildkunst, sondern häufig auch eine Form verdichteter Reflexion. Gedanken erscheinen im Gedicht jedoch meist anders als in argumentativer Prosa. Sie sind an Bilder, Klänge, Stimmungen und rhythmische Bewegungen gebunden. Ihre Abfolge kann logisch, meditativ, sprunghaft oder kreisend sein.

Eine Gedankenabfolge kann von einer Wahrnehmung zu einer Frage, von einer Frage zu einer Einsicht oder von einer Einsicht zu einem Zweifel führen. Ebenso kann sie eine scheinbare Gewissheit aufbauen und am Schluss unterlaufen. Gerade in gedanklich dichter Lyrik ist entscheidend, wann ein Gedanke ausgesprochen wird und wie er durch vorhergehende Bilder vorbereitet ist.

Auch rhetorische Formen wie Anrede, Frage, Ausruf, Wiederholung oder Antithese prägen die Gedankenabfolge. Ein Gedicht kann durch eine Reihe von Fragen eine suchende Bewegung erzeugen. Es kann durch wiederholte Anreden eine innere Steigerung schaffen. Es kann durch Gegensätze eine dialektische Spannung entfalten.

Im Kulturlexikon bezeichnet Abfolge deshalb auch die Verlaufsform lyrischer Reflexion. Sie zeigt, wie Gedanken im Gedicht nicht isoliert erscheinen, sondern aus Wahrnehmung, Bild, Klang und innerer Bewegung hervorgehen.

Zeitliche Abfolge im Gedicht

Abfolge ist eng mit Zeit verbunden. Ein Gedicht kann eine Tageszeit, einen Jahreslauf, eine biographische Entwicklung, einen Erinnerungsprozess oder einen Augenblick in seiner inneren Bewegung gestalten. Zeitliche Abfolge bedeutet in der Lyrik jedoch nicht immer erzählende Chronologie. Sie kann stark verdichtet, rückblickend, kreisend oder unterbrochen sein.

Ein Gedicht kann vom Morgen zum Abend führen und damit eine Tagesbewegung als Symbol für Leben, Hoffnung, Ermüdung oder Vergänglichkeit nutzen. Es kann Frühling, Sommer, Herbst und Winter als Jahreszeitenabfolge einsetzen, um Wachstum, Fülle, Verlust und Ende darzustellen. Es kann aber auch einen einzigen Augenblick so entfalten, dass mehrere Zeitschichten zugleich sichtbar werden.

Besonders wichtig ist die Verbindung von Gegenwart und Erinnerung. Ein gegenwärtiger Eindruck kann Vergangenes aufrufen; eine Erinnerung kann in die Gegenwart zurückkehren; eine Erwartung kann den Blick in die Zukunft öffnen. Die zeitliche Abfolge des Gedichts ist dann nicht linear, sondern überlagert.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Abfolge daher auch die poetische Ordnung von Zeit. Sie macht sichtbar, wie Lyrik Zeit nicht nur darstellt, sondern als Erfahrungsbewegung formt.

Abfolge und Wahrnehmungsführung

Die Abfolge eines Gedichts steuert die Wahrnehmung. Sie bestimmt, worauf der Blick zuerst fällt, was danach in den Vordergrund tritt und welche Einzelheiten später Bedeutung erhalten. Ein lyrischer Text führt die Lesenden durch eine geordnete oder bewusst gestörte Folge von Wahrnehmungen.

Diese Wahrnehmungsführung kann vom Großen zum Kleinen gehen, etwa von einer Landschaft zu einem einzelnen Blatt. Sie kann vom Kleinen zum Großen führen, etwa von einem Detail zur kosmischen Weite. Sie kann von außen nach innen verlaufen, wenn eine äußere Szene eine seelische Bewegung eröffnet. Oder sie kann von innen nach außen gehen, wenn ein Gefühl in Bildern der Welt Gestalt annimmt.

Die Abfolge der Wahrnehmungen ist besonders bedeutsam, weil sie die Deutung vorbereitet. Ein späteres Bild kann ein früheres verändern. Was zunächst als einfache Naturbeobachtung erscheint, kann durch eine folgende Todes- oder Erinnerungsfigur neue Tiefe erhalten. Das Gedicht entfaltet seine Bedeutung im Verlauf der Wahrnehmung.

Im Kulturlexikon bezeichnet Abfolge deshalb ein Verfahren lyrischer Blick- und Aufmerksamkeitsteuerung. Sie macht die Lektüre zu einer Bewegung durch aufeinander bezogene Anschauungen.

Steigerung, Umschlag und Spannung

Abfolge kann in Gedichten Spannung erzeugen. Diese Spannung entsteht, wenn Elemente so geordnet sind, dass Erwartung, Verzögerung, Steigerung oder Umschlag entstehen. Ein Gedicht kann eine Stimmung allmählich intensivieren, ein Bildfeld zuspitzen, einen Gedanken vorbereiten oder einen überraschenden Schluss setzen.

Steigerung ist eine besonders wichtige Form der Abfolge. Bilder, Klänge oder Gedanken können sich von Vers zu Vers verdichten. Was zunächst leise angedeutet wird, kann später offen ausgesprochen werden. Eine harmlose Beobachtung kann sich zu einer existenziellen Frage steigern. Eine Klage kann in Anrufung, Bitte oder Aufbegehren übergehen.

Ebenso wichtig ist der Umschlag. Ein Gedicht kann eine bestimmte Richtung aufbauen und dann plötzlich wenden. Aus Ruhe wird Unruhe, aus Hoffnung Zweifel, aus Naturstille Todesnähe, aus Geborgenheit Fremdheit. Solche Umschläge sind nur durch Abfolge möglich, weil sie von der vorher aufgebauten Erwartung leben.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Abfolge daher auch die Spannungstechnik lyrischer Texte. Sie zeigt, wie Gedichte durch das Nacheinander ihrer Elemente Erwartung, Intensität und Bedeutungswandel erzeugen.

Klangliche und rhythmische Abfolge

Abfolge betrifft nicht nur Bilder und Gedanken, sondern auch Klang und Rhythmus. Gedichte entfalten sich als Laut- und Bewegungsfolgen. Hebungen und Senkungen, Reime, Assonanzen, Alliterationen, Pausen, Wiederholungen und Zeilensprünge ordnen das Hören des Textes. Die klangliche Abfolge trägt wesentlich zur Wirkung bei.

Ein regelmäßiger Rhythmus kann Ruhe, Ordnung oder Feierlichkeit erzeugen. Eine unregelmäßige rhythmische Abfolge kann Unruhe, Zerrissenheit oder Spontaneität ausdrücken. Reimfolgen verbinden Verse miteinander und schaffen Erwartung. Wiederholungen können Wörter oder Bilder aufladen. Auch das Ausbleiben einer erwarteten Wiederholung kann bedeutsam sein.

Die klangliche Abfolge steht oft in enger Beziehung zur semantischen Abfolge. Eine Bildkette des Fließens kann durch gleitende Rhythmen unterstützt werden. Eine Folge von Bruchbildern kann durch harte Schnitte und stockende Verse verstärkt werden. Form und Bedeutung wirken im Nacheinander zusammen.

Im Kulturlexikon bezeichnet Abfolge somit auch die hörbare Ordnung lyrischer Sprache. Sie macht deutlich, dass Gedichte nicht nur gelesen, sondern im zeitlichen Verlauf von Klang und Rhythmus erfahren werden.

Bruch, Sprung und nichtlineare Abfolge

Nicht jede Abfolge in der Lyrik ist glatt, geschlossen oder organisch. Gedichte arbeiten häufig mit Brüchen, Sprüngen und nichtlinearen Folgen. Ein Bild kann abrupt auf ein fremdes Bild folgen, ein Gedanke kann unterbrochen werden, eine Strophe kann die Erwartung der vorhergehenden auflösen. Gerade solche Formen der gebrochenen Abfolge sind poetisch besonders wirkungsvoll.

Der Bruch macht sichtbar, dass lyrische Erfahrung nicht immer geordnet, harmonisch oder eindeutig ist. Moderne Lyrik nutzt solche Verfahren oft, um fragmentierte Wahrnehmung, Entfremdung, Erinnerungssplitter oder innere Unruhe darzustellen. Die Abfolge bleibt dann zwar ein Nacheinander, aber dieses Nacheinander verweigert einfache Kontinuität.

Auch ältere Gedichte können mit überraschenden Sprüngen arbeiten. Ein Gebet kann plötzlich in Klage umschlagen, ein Naturbild in eine Todesfrage, eine Liebesrede in Selbstzweifel. Entscheidend ist, dass der Sprung eine neue Deutungsebene öffnet. Die Unterbrechung der Abfolge wird selbst bedeutungstragend.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Abfolge daher nicht nur Ordnung, sondern auch deren Störung. Sie umfasst lineare Entwicklung ebenso wie Sprung, Montage, Unterbrechung und offene Folge.

Analytische Bedeutung

Für die Lyrikanalyse ist Abfolge ein grundlegender Begriff. Wer ein Gedicht deutet, sollte nicht nur fragen, welche Motive, Bilder oder Gedanken vorkommen, sondern auch, in welcher Reihenfolge sie erscheinen. Die Abfolge ist oft der Schlüssel zur inneren Bewegung des Textes.

Eine Analyse kann untersuchen, wie ein Gedicht beginnt, welche Erwartungen es aufbaut, welche Bilder oder Motive wiederkehren, wo Wendepunkte liegen und wie der Schluss auf den vorherigen Verlauf zurückwirkt. Besonders wichtig ist die Frage, ob die Abfolge steigernd, kontrastiv, kreisförmig, linear, fragmentarisch oder offen gestaltet ist.

Auch die Beziehung zwischen Mikro- und Makrostruktur ist analytisch wichtig. Auf der Mikroebene geht es um Wort-, Vers- und Satzabfolge. Auf der Makroebene geht es um Strophenfolge, Bildentwicklung und Gesamtkomposition. Beide Ebenen greifen ineinander. Ein scheinbar kleiner Zeilensprung kann die Gesamtbewegung eines Gedichts beeinflussen.

Im Kulturlexikon bezeichnet Abfolge deshalb auch ein methodisches Werkzeug. Sie hilft, Gedichte als Bewegungsformen zu lesen und ihre Bedeutung aus dem Verlauf der Sprache heraus zu verstehen.

Poetische Funktion

Die poetische Funktion der Abfolge besteht darin, lyrische Elemente in eine sinntragende Bewegung zu bringen. Ein Gedicht ist kein statisches Gebilde, sondern ein zeitlicher Vollzug. Es wird Wort für Wort, Vers für Vers, Strophe für Strophe erfahren. Die Abfolge organisiert diesen Vollzug und macht aus einzelnen Elementen eine poetische Gestalt.

Abfolge erzeugt Richtung. Sie kann von Wahrnehmung zu Deutung, von Bild zu Symbol, von Einzelheit zu Zusammenhang oder von Ordnung zu Bruch führen. Sie kann eine Stimmung aufbauen, eine Erwartung enttäuschen, einen Gedanken vorbereiten oder eine Schlusswirkung erzeugen. Dadurch ist sie ein zentrales Mittel lyrischer Komposition.

Zugleich macht Abfolge das Gedicht leserbezogen. Die Lesenden müssen der Bewegung folgen, Übergänge wahrnehmen, Wiederkehr erkennen, Brüche deuten und Schlussbilder auf den Anfang zurückbeziehen. Die Bedeutung entsteht nicht nur in einem einzelnen Moment, sondern im Durchgang durch den Text.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Abfolge somit eine Schlüsselgröße lyrischer Poetik. Sie ist die Ordnung des Nacheinanders, durch die Bilder, Motive, Klänge und Gedanken eine innere Verlaufsstruktur gewinnen.

Fazit

Abfolge ist in der Lyrik ein grundlegendes Strukturprinzip. Sie bezeichnet die Reihenbildung von Versen, Strophen, Bildern, Motiven, Klängen und Gedanken. Durch Abfolge entsteht ein Leseweg, auf dem sich Bedeutung schrittweise entfaltet, verändert, steigert oder bricht.

Als lyrischer Begriff macht Abfolge sichtbar, dass Gedichte nicht nur aus einzelnen Elementen bestehen, sondern aus deren Anordnung im Verlauf. Ein Bild erhält eine andere Funktion, je nachdem, ob es am Anfang, in der Mitte oder am Schluss steht. Ein Motiv wirkt anders, wenn es wiederkehrt, gesteigert oder kontrastiert wird. Ein Gedanke gewinnt Gewicht durch seine Vorbereitung und Stellung im Text.

Für das Kulturlexikon bezeichnet Abfolge daher die poetische Ordnung des Nacheinanders. Sie ist eine Grundform lyrischer Bewegung, durch die Wahrnehmung, Bildlichkeit, Stimmung und Deutung zu einer gestalteten Verlaufsstruktur werden.

Weiterführende Einträge

  • Aufbau Gesamtstruktur eines Gedichts, in der Abfolge, Gliederung und innere Bewegung zusammenwirken
  • Auftakt Eröffnende Vers- oder Bewegungsgeste, die die Abfolge eines Gedichts vorbereitet
  • Bewegung Dynamik des lyrischen Textes, die aus der Abfolge von Bildern, Motiven und Klängen entsteht
  • Bild Poetische Anschauungsform, deren Stellung in der Abfolge ihre Bedeutung mitbestimmt
  • Bildfeld Zusammenhängender Bereich verwandter Bilder, der durch Abfolge entfaltet werden kann
  • Bildfolge Aufeinanderfolge lyrischer Bilder als konkrete Form poetischer Abfolge
  • Bildkette Folge miteinander verbundener Bilder, die eine lyrische Bewegung assoziativ entfaltet
  • Bildlichkeit Gesamtheit bildhafter Verfahren, deren Wirkung stark von Reihenfolge und Verknüpfung abhängt
  • Bildsprache Poetische Ausdrucksweise, in der Bilder durch Abfolge, Wiederkehr und Verschiebung Bedeutung gewinnen
  • Bruch Unterbrechung einer erwarteten Abfolge, durch die lyrische Spannung oder Irritation entsteht
  • Chiasmus Kreuzstellung sprachlicher Elemente, die Abfolge symmetrisch verschränkt
  • Dynamik Bewegungscharakter eines Gedichts, der durch die Abfolge seiner Elemente entsteht
  • Enjambement Zeilensprung, der die Abfolge von Vers und Satz spannungsvoll verschiebt
  • Entwicklung Innere Fortschreitung eines Gedichts, die sich aus geordneter oder gebrochener Abfolge ergibt
  • Folge Grundform des Nacheinanders, aus der lyrische Reihen, Bildketten und Gedankenbewegungen entstehen
  • Form Gestaltprinzip des Gedichts, das Abfolge, Klang, Rhythmus und Gliederung umfasst
  • Gedankenbewegung Verlauf lyrischer Reflexion, der durch Bilder, Fragen, Wendungen und Abfolge getragen wird
  • Gegenbild Kontrastierendes Bild, das eine bestehende Abfolge wenden oder brechen kann
  • Gliederung Ordnung eines Gedichts in Verse, Strophen und Sinnabschnitte
  • Klang Lautliche Dimension des Gedichts, die sich in zeitlicher Abfolge entfaltet
  • Komposition Künstlerische Gesamtanordnung lyrischer Elemente zu einem sinnvollen Verlauf
  • Kontrast Gegensatzbeziehung, die durch die Abfolge unterschiedlicher Bilder oder Gedanken wirksam wird
  • Leitmotiv Wiederkehrendes Motiv, das eine Abfolge zusammenhält und strukturiert
  • Metapher Übertragene Bedeutungsfigur, die in einer Abfolge wiederholt oder verschoben werden kann
  • Metaphorik Gesamtheit metaphorischer Verfahren, deren Wirkung oft aus gestufter Bildabfolge entsteht
  • Montage Verfahren moderner Lyrik, das heterogene Elemente in spannungsvolle Abfolge bringt
  • Motiv Wiederkehrendes thematisches oder bildliches Element, das durch Abfolge Entwicklung gewinnt
  • Motivreihe Folge verwandter Motive, die eine lyrische Themenbewegung bildet
  • Nachklang Fortwirkende Resonanz früherer Bilder oder Klänge innerhalb der weiteren Abfolge
  • Pointe Zuspitzender Schluss- oder Wendepunkt, der von der vorherigen Abfolge vorbereitet wird
  • Refrain Wiederkehrender Vers oder Versblock, der die Abfolge rhythmisch und semantisch gliedert
  • Reihung Anordnung mehrerer sprachlicher oder bildlicher Elemente, die eine lyrische Abfolge bildet
  • Reim Klangliche Verbindung von Versenden, die die Abfolge des Gedichts hörbar strukturiert
  • Reimschema Geordnete Abfolge von Reimen, die den Strophen- und Versbau prägt
  • Resonanz Mitschwingende Beziehung zwischen früheren und späteren Elementen eines Gedichts
  • Rhythmus Bewegungsordnung des Gedichts, die als hörbare Abfolge von Betonungen und Pausen erscheint
  • Schluss Endpunkt des Gedichts, der die vorherige Abfolge bündelt, bricht oder offenhält
  • Schlussbild Letztes oder bündelndes Bild eines Gedichts, das die Bildabfolge abschließt oder neu öffnet
  • Steigerung Zunehmende Intensivierung innerhalb einer Abfolge von Bildern, Klängen oder Gedanken
  • Stimmung Seelisch-atmosphärische Tönung, die durch Abfolge aufgebaut und verändert werden kann
  • Strophe Gliederungseinheit des Gedichts, deren Abfolge den Gesamtaufbau mitbestimmt
  • Strophenbau Formale Ordnung der Strophen, Verse und Reime innerhalb eines Gedichts
  • Struktur Inneres Ordnungsgefüge eines Gedichts aus Abfolge, Wiederholung, Gegensatz und Entwicklung
  • Symbol Konkretes Zeichen mit offener Bedeutung, das in einer Abfolge vertieft oder verwandelt werden kann
  • Syntax Satzbau des Gedichts, dessen Abfolge mit Versgrenzen spannungsvoll zusammenwirken kann
  • Übergang Verbindung zwischen Bildern, Motiven, Strophen oder Gedanken innerhalb einer Abfolge
  • Umschlag Plötzliche Wendung innerhalb einer lyrischen Abfolge von Stimmung, Bild oder Gedanke
  • Variation Abgewandelte Wiederaufnahme eines Motivs oder Bildes im Verlauf des Gedichts
  • Verlauf Gesamtbewegung eines Gedichts, die aus der Abfolge seiner Elemente entsteht
  • Vers Grundzeile des Gedichts, deren Abfolge den lyrischen Lese- und Klangweg bildet
  • Versbau Formale Gestaltung des Verses, die im Zusammenspiel mehrerer Verse eine Abfolge erzeugt
  • Wahrnehmung Sinnliche Erfassung der Welt, die im Gedicht durch Abfolge gelenkt und verdichtet wird
  • Wendung Veränderung der Richtung innerhalb einer lyrischen Abfolge
  • Wiederaufnahme Rückgriff auf ein früheres Element, der Abfolge kohärent macht und Bedeutung vertieft
  • Wiederholung Formprinzip, das innerhalb einer Abfolge Struktur, Nachdruck und Resonanz schafft
  • Zeilensprung Fortführung eines Satzes über die Versgrenze hinweg, die die Abfolge von Satz und Vers verschiebt
  • Zeitstruktur Poetische Ordnung von Gegenwart, Erinnerung, Erwartung und Verlauf im Gedicht