Aasblatter
Aasblatter ist ein veraltetes medizinisches und besonders veterinärmedizinisches Substantiv für eine bösartige, dunkel beziehungsweise schwarz erscheinende und übel riechende Blatter oder Pocke. Historische Wörterbücher verbinden den Ausdruck vor allem mit schweren Formen von Schafpocken; als bedeutungsgleiche ältere Bezeichnung begegnet Aaspocke. Das Wort gehört heute nicht mehr zur modernen veterinärmedizinischen Standardterminologie und sollte bei der Interpretation historischer Quellen nicht ohne Weiteres mit einer einzelnen heutigen Diagnose oder Läsionsbezeichnung gleichgesetzt werden. Grammatisch ist Aasblatter ein feminines Substantiv: die Aasblatter, Genitiv der Aasblatter, Plural die Aasblattern.
Lexikon
Das Wort Aasblatter gehört zu einem heute weitgehend verschwundenen Bereich des deutschen medizinischen und veterinärmedizinischen Wortschatzes. Es bezeichnet keine Pflanze, kein Tier und keinen geographischen Ort, sondern eine auffällige krankhafte Hautveränderung, die ältere Autoren als besonders schwere, dunkel verfärbte und übel riechende Form einer Blatter beschrieben. Das Wort ist deshalb nur vor dem Hintergrund der älteren medizinischen Bedeutung von Blatter verständlich.
Blatter war im älteren Deutschen eine verbreitete Bezeichnung für eine Blase, Pustel oder Pocke und konnte außerdem, besonders im Plural Blattern, eine Pockenerkrankung insgesamt bezeichnen. Der Ausdruck Aasblatter hebt innerhalb dieses Bedeutungsfeldes eine besonders bösartige, nekrotische oder faulig erscheinende Form hervor.
Historische Wörterbuchdefinitionen charakterisieren die Aasblatter ausdrücklich durch drei Merkmale: Sie gilt als bösartig, sie erscheint schwarz, und sie wird als stinkend beschrieben. Diese Charakterisierung erklärt das Bestimmungswort Aas. Der Vergleich richtet sich auf das Erscheinungsbild und den Geruch abgestorbenen beziehungsweise sich zersetzenden Gewebes.
Der Ausdruck ist damit keine neutrale morphologische Bezeichnung wie Papel, Pustel oder Kruste der modernen Dermatologie. Er entstammt einer älteren medizinischen Sprache, in der sichtbare und riechbare Krankheitserscheinungen häufig unmittelbar nach ihrem äußeren Eindruck benannt wurden.
Besonders eng wird die Aasblatter in lexikographischen Quellen mit schweren Fällen der Schafpocken verbunden. Dabei handelt es sich in moderner Terminologie um eine schwere virale Erkrankung von Schafen, die gemeinsam mit den Ziegenpocken zur Gruppe der durch Capripoxviren hervorgerufenen Krankheiten gehört.
Die moderne Beschreibung der Schafpocken zeigt einen typischen Verlauf von zunächst geröteten Hautbezirken über feste Papeln beziehungsweise Knoten bis zu fortgeschrittenen Läsionen, in denen Gewebe durch Durchblutungsstörungen und Entzündungsprozesse nekrotisch werden kann. Daraus können dunkle, harte Krusten entstehen, die sich später ablösen und Narben hinterlassen.
Solche schwer veränderten Hautbezirke machen verständlich, weshalb ältere Beobachter Wörter wie Aasblatter oder Aaspocke bildeten. Das dunkle beziehungsweise schwarze Aussehen konnte mit abgestorbenem Gewebe verbunden werden, während sekundäre Zersetzungsprozesse und bakterielle Besiedlung einen unangenehmen Geruch hervorrufen konnten.
Eine direkte Gleichsetzung von Aasblatter mit einem modernen exakt definierten Stadium der Schafpocken wäre jedoch methodisch problematisch. Die ältere Tiermedizin verfügte weder über die heutige Virologie noch über moderne histopathologische und molekulardiagnostische Methoden. Krankheitsnamen wurden häufig nach sichtbaren Erscheinungen gebildet und konnten mehrere heute voneinander getrennte Zustände erfassen.
Entsprechend sollte ein historischer Beleg von Aasblatter zunächst als Beschreibung einer besonders schweren, dunklen und faulig erscheinenden Pocken- beziehungsweise Blatternläsion verstanden werden. Erst der weitere Kontext kann zeigen, welche Krankheit der damalige Autor damit verband.
Diese Vorsicht ist besonders deshalb notwendig, weil ältere Wörter wie Pocken, Blattern oder Pocke nicht immer exakt die Grenzen moderner virologisch definierter Erkrankungen widerspiegeln. Verschiedene Hautkrankheiten konnten nach ihrem ähnlichen Erscheinungsbild unter verwandten Namen zusammengefasst werden.
Auch der historische Sprachgebrauch des Wortes Aasblattern zeigt eine gewisse Breite. Quellen des frühen 19. Jahrhunderts verwenden die Bezeichnung nicht ausschließlich in einem einzigen starren diagnostischen Schema, sondern im Zusammenhang mit schweren pockenartigen Erkrankungen von Tieren.
Ein überlieferter veterinärmedizinischer Beleg berichtet beispielsweise von Rindern, die nach überstandenen „Kuhblattern“ später von besonders bösartigen „Aasblattern“ befallen worden seien. Solche historischen Berichte sind sprachgeschichtlich wertvoll, lassen sich jedoch nicht ohne moderne diagnostische Daten zuverlässig einer heutigen Viruserkrankung zuordnen.
Der Ausdruck dokumentiert deshalb vor allem die historische Krankheitswahrnehmung. Der damalige Beobachter sah eine dunkle, zerstörerische und möglicherweise übel riechende Hautveränderung und charakterisierte sie mit einem besonders starken sprachlichen Bild.
Das Bestimmungswort Aas bezeichnet dabei nicht notwendig tatsächlich vorhandenes Aas. Es funktioniert vergleichend beziehungsweise charakterisierend: Die krankhafte Veränderung erinnert hinsichtlich Farbe, Gewebezerfall oder Geruch an verwesendes tierisches Material.
Dieses Benennungsmuster findet sich auch in anderen historischen Krankheitswörtern. Vor der Entwicklung einer standardisierten pathologisch-anatomischen Terminologie wurden Erkrankungen vielfach nach Farbe, Form, Konsistenz, Geruch, Schmerz, vermuteter Ursache oder besonders auffälligen Symptomen bezeichnet.
Beispiele dafür sind historische Wörter mit Bestandteilen wie Brand-, faul-, schwarz- oder giftig-. Solche Bezeichnungen konnten eindrücklich sein, waren aber häufig weniger diagnostisch eindeutig als moderne Fachtermini.
Bei der Aasblatter liegt insbesondere eine Verbindung mit dem älteren Konzept von Brand beziehungsweise abgestorbenem Gewebe nahe. Historische Beschreibungen sprechen teilweise von dunklen Brandblasen, die aufbrechen und übel riechende beziehungsweise blutig-seröse Flüssigkeit abgeben.
Der damalige Ausdruck Brand darf wiederum nicht automatisch mit einer einzigen modernen Diagnose identifiziert werden. Er konnte unterschiedliche Formen von Gangrän, Nekrose und schwerer Gewebeschädigung bezeichnen.
Damit gehört Aasblatter in ein älteres begriffliches Netz aus Blatter, Pocke, Pustel, Blase, Brand, Fäulnis und Hautgeschwür. Die Grenzen dieser Wörter waren historisch weniger scharf als die Kategorien moderner Dermatologie und Veterinärpathologie.
Das Grundwort Blatter konnte zunächst ein einzelnes Hautbläschen beziehungsweise eine einzelne Pocke bezeichnen. Der Plural Blattern wurde zugleich für ganze Pockenerkrankungen verwendet. Dadurch kann auch Aasblatter
Dieser Unterschied zwischen Krankheit und einzelner Läsion muss bei alten medizinischen Texten jeweils aus dem Satzkontext erschlossen werden. Moderne Leser sollten nicht erwarten, dass historische Autoren dieselbe begriffliche Trennung konsequent vollzogen.
Die heute gebräuchliche Veterinärmedizin spricht bei Schaf- und Ziegenpocken wesentlich genauer von erythematösen Veränderungen, Papeln, Knoten, selten Vesikeln oder Pusteln, Nekrose, Krusten und Narben. Zusätzlich können Schleimhäute, Atemwege und innere Organe betroffen sein.
Die Erkrankung kann besonders bei empfindlichen Schafrassen schwer verlaufen. Hautveränderungen entstehen zunächst häufig an wenig behaarten oder wenig bewollten Körperregionen wie Schnauze, Ohren, Augenlidern, Euter, Leiste und Dammregion.
Die Läsionen können bei schwerem Verlauf zusammenfließen. Durch Entzündung der Blutgefäße, Gefäßverschlüsse und daraus folgende Minderdurchblutung kann Gewebe absterben. Im weiteren Verlauf entstehen feste dunkle Krusten.
Gerade die Kombination von Dunkelfärbung, Gewebstod und schwerem Krankheitsverlauf besitzt eine erkennbare inhaltliche Nähe zur historischen Beschreibung der Aasblatter. Trotzdem bleibt die historische Benennung breiter und stärker phänomenologisch.
Ein weiterer Unterschied zwischen älterer und moderner Terminologie besteht in der Kenntnis der Krankheitsursache. Heute weiß man, dass Schaf- und Ziegenpocken durch Viren der Gattung Capripoxvirus aus der Familie Poxviridae verursacht werden.
Historische Autoren kannten Viren als Krankheitserreger noch nicht. Sie ordneten Krankheiten anhand klinischer Symptome, Ansteckungsverläufe, anatomischer Veränderungen und zeitgenössischer Vorstellungen von Körpersäften, Entzündung, Fäulnis und Ansteckungsstoffen ein.
Die Wortbildung Aasblatter gehört deshalb nicht zur modernen mikrobiologischen Klassifikation, sondern zur Geschichte der Medizin und Tiermedizin.
Für historische Lexika ist der Ausdruck dennoch eindeutig genug, um als eigenes Lemma behandelt zu werden. Johann Christoph Adelung führt sowohl Aasblatter als auch Aaspocke, wobei letzteres ausdrücklich auf ersteres verweist.
Auch Joachim Heinrich Campe nahm das Wort zu Beginn des 19. Jahrhunderts in sein umfangreiches Wörterbuch der deutschen Sprache auf. Damit ist die Bildung nicht lediglich eine zufällige einmalige fachsprachliche Erfindung, sondern ein tatsächlich lexikographisch dokumentiertes historisches Wort.
Spätere medizinische Wörterbücher führen Aasblatter ebenfalls und geben als englische Entsprechungen unter anderem ältere Termini wie carbuncle oder plague-blister an. Solche Übersetzungen sind ihrerseits historisch und dürfen nicht als Beleg dafür dienen, dass Aasblatter mit dem modernen Krankheitsbild des Karbunkels oder der Pest identisch gewesen wäre.
Gerade historische zweisprachige medizinische Wörterbücher übersetzten häufig nach ungefährer Symptomähnlichkeit. Moderne medizinische Identitätsbeziehungen lassen sich daraus nicht ohne weitere Untersuchung ableiten.
Das Lemma ist damit ein gutes Beispiel für die Notwendigkeit, zwischen lexikalischer Bedeutung und moderner medizinischer Diagnose zu unterscheiden. Lexikalisch bedeutet Aasblatter eine bösartige, schwarze, übel riechende Pocke beziehungsweise Blatter. Diagnostisch ist der Ausdruck heute obsolet.
Auch das Wort Aaspocke ist heute veraltet. Beide Formen gehören zu einer medizinischen Terminologie, die von moderner dermatologischer und veterinärmedizinischer Fachsprache weitgehend verdrängt wurde.
Der Bedeutungsverlust hängt nicht nur mit allgemeinem Sprachwandel zusammen, sondern auch mit dem Wandel medizinischer Klassifikationssysteme. Sobald Krankheiten nach spezifischen Erregern, Pathomechanismen und standardisierten klinischen Kriterien definiert werden, verlieren stark bildhafte Sammelbezeichnungen an fachlichem Nutzen.
Hinzu kommt, dass die menschlichen Pocken beziehungsweise Variola seit 1980 weltweit als ausgerottet gelten. Das hat den allgemeinen medizinischen Gebrauch von Blattern zusätzlich historisiert, obwohl verschiedene tierische Pockenviruserkrankungen selbstverständlich weiterhin existieren.
Schaf- und Ziegenpocken sind nicht mit den historischen menschlichen Pocken gleichzusetzen. Sie werden durch andere Viren verursacht und betreffen ihre jeweiligen tierischen Wirte. Die bloße Gemeinsamkeit des Wortbestandteils Pocken bezeichnet eine ähnliche Art von Hauterscheinungen beziehungsweise die Zugehörigkeit zu Pockenvirusgruppen, nicht dieselbe Krankheit.
Ebenso darf die Aaspocke nicht als menschliche „schwarze Pocke“ im Sinn eines exakt definierten Variolastadiums verstanden werden, wenn der historische veterinärmedizinische Kontext ausdrücklich auf Schafe oder andere Tiere verweist.
Die Farbbezeichnung schwarz in historischen Definitionen dürfte sich auf fortgeschrittene Gewebeschädigung, eingetrocknete Krusten, Einblutungen oder nekrotische Bereiche beziehen. Ohne konkrete pathologische Untersuchung eines historischen Falles lässt sich jedoch nicht bestimmen, welcher Mechanismus jeweils verantwortlich war.
Auch das Merkmal stinkend ist phänomenologisch. Übler Geruch kann bei nekrotischem und mikrobiell zersetztem Gewebe auftreten, insbesondere wenn sekundäre bakterielle Prozesse hinzukommen. Ein solcher Geruch ist jedoch kein spezifisches diagnostisches Kennzeichen nur einer einzigen Krankheit.
Die beiden charakteristischen Merkmale schwarz und stinkend erklären somit die drastische Wortwahl. Die Läsion erinnerte den historischen Beobachter an Aas, also an totes und sich zersetzendes tierisches Gewebe.
Sprachlich gehört Aasblatter deshalb zu einer Reihe von Zusammensetzungen, in denen Aas- eine reale oder wahrgenommene Beziehung zu Verwesung ausdrückt. Vergleichbar ist etwa Aasgeruch, bei dem das Erstglied die tatsächliche Geruchsquelle bezeichnet.
Bei Aasfresser, Aasgeier, Aaskrähe und Aaskäfer bezeichnet Aas- dagegen die Nahrung beziehungsweise den Lebensraum der betreffenden Tiere.
Bei Aasbande wiederum besitzt Aas- eine übertragene pejorative Bedeutung. Die verschiedenen Zusammensetzungen zeigen damit, wie unterschiedlich dasselbe Erstglied semantisch eingesetzt werden kann.
Bei Aasblatter steht der vergleichend-beschreibende Wert im Vordergrund: Die Hautveränderung besitzt Eigenschaften, die mit Aas assoziiert werden, insbesondere dunkle Verfärbung, Gewebezerfall und üblen Geruch.
Das Wort besitzt keinen Zusammenhang mit Aasee oder Aaschlucht. Bei diesen geographischen Namen entsteht die Buchstabenfolge Aas- an der Grenze zwischen dem Gewässernamen Aa und den Grundwörtern See beziehungsweise Schlucht.
Auch mit dem Aasrücken bei Hohenstaufen besteht kein gesicherter Zusammenhang. Der Aasrücken ist ein historischer Flurname mit ungeklärter Herkunft seines Erstglieds; Aasblatter ist dagegen eine transparente historische Krankheitsbezeichnung.
Die Angabe „bei Hohenstaufen“ gehört deshalb nicht zu diesem Lemma und sollte im Lexikonartikel nicht übernommen werden.
Grammatisch ist Aasblatter feminin. Die Formen des Singulars lauten die Aasblatter, der Aasblatter, der Aasblatter, die Aasblatter.
Der Plural lautet Aasblattern. Entsprechend heißt es die Aasblattern, der Aasblattern, den Aasblattern und die Aasblattern.
Die Pluralbildung folgt dem Grundwort Blatter: die Blatter – die Blattern. Im historischen medizinischen Sprachgebrauch erscheint gerade der Plural häufig, weil mehrere Pocken beziehungsweise eine Pockenerkrankung gemeint sein können.
Die Aussprache lässt sich als [ˈaːsˌblatɐ] wiedergeben. Die Worttrennung lautet Aas|blat|ter.
Die Form darf nicht mit Blätter, dem Plural von Blatt, verwechselt werden. Aasblatter enthält kein ä; das Grundwort ist die historische feminine Blatter „Pocke, Blase“.
Entsprechend wäre eine Interpretation als „Aasblätter“ im Sinn von Blättern einer Pflanze sprachlich falsch. Für Pflanzen, deren Blüten nach Aas riechen, existiert beispielsweise das eigene Wort Aasblume.
Auch der gleich geschriebene maskuline Blatter als jagdliches Lockinstrument ist ein anderes Wort. Bei Aasblatter liegt eindeutig das feminine historische Krankheitswort Blatter vor.
Für gegenwärtige Texte sollte Aasblatter grundsätzlich mit einer historischen Kennzeichnung versehen werden, etwa veraltet, Veterinärmedizin. Ohne eine solche Markierung könnte der Eindruck entstehen, der Ausdruck gehöre noch zur heutigen medizinischen Terminologie.
In einer Edition oder Erklärung eines historischen Textes empfiehlt sich eine Umschreibung wie „bösartige, dunkel beziehungsweise schwarz werdende, übel riechende Pockenläsion“. Wird der historische Zusammenhang mit Schafpocken eindeutig, kann zusätzlich angegeben werden, dass die ältere Bezeichnung besonders für schwere Erscheinungen dieser Erkrankung verwendet wurde.
Eine moderne Übersetzung sollte dagegen nicht ohne Quellenbeleg einen konkreten Fachausdruck wie Gangrän, Karbunkel, Nekrose oder Capripox-Läsion als vollständiges Synonym einsetzen. Diese modernen Wörter beschreiben jeweils enger definierte medizinische Sachverhalte.
Der lexikographische Wert des Wortes liegt gerade darin, eine historische Beobachtungs- und Benennungsweise zu dokumentieren. Es zeigt, wie ältere Sprecher sichtbare Krankheitserscheinungen über unmittelbar wahrnehmbare Eigenschaften klassifizierten.
Die Aasblatter ist damit zugleich ein sprachgeschichtliches Zeugnis der frühen Tiermedizin. Ihre Benennung verbindet den traditionellen Krankheitsbegriff Blatter mit einer drastischen visuellen und olfaktorischen Charakterisierung durch Aas.
Etymologie
Aasblatter ist ein deutsches Determinativkompositum aus den Substantiven Aas und Blatter. Die historische Gesamtbedeutung lässt sich ungefähr als „aasartig erscheinende beziehungsweise riechende bösartige Blatter“ wiedergeben.
Die morphologische Struktur lautet Aas + Blatter → Aasblatter. Das Grundwort Blatter bestimmt die Sachklasse und das grammatische Geschlecht: Die Aasblatter ist eine besondere Blatter; da das historische Krankheitswort die Blatter feminin ist, ist auch die Aasblatter feminin.
Das Bestimmungswort Aas- charakterisiert die Blatter nach ihrem als faulig, schwarz und übel riechend wahrgenommenen Zustand. Es handelt sich nicht um ein Fugenelement; das s gehört vollständig zum Wort Aas.
Der erste Bestandteil Aas besitzt eine alte germanische Wortgeschichte. Im heutigen Deutsch bezeichnet Aas vor allem einen toten und häufig bereits verwesenden Tierkörper oder dessen Fleisch.
Historisch sind im neuhochdeutschen Wort ältere Formen zusammengefallen. Althochdeutsch und mittelhochdeutsch āʒ bedeutete „Essen, Speise, Futter“. Daneben bestand mittelhochdeutsch ās für Fleisch, das Hunden und Beizvögeln verfüttert wurde, sowie für Aas im engeren Sinn.
Die Wortfamilie steht in enger Beziehung zu essen. Der ältere Bedeutungsbereich war damit wesentlich weiter und umfasste allgemein Nahrung, Futter und Fraß.
Durch Bedeutungsverengung spezialisierte sich Aas im Neuhochdeutschen auf totes tierisches Material. Gerade mit dieser neueren konkreten Bedeutung hängt das Bestimmungswort in Aasblatter zusammen.
Die Vorstellung ist nicht primär „Nahrung“, sondern Verwesung. Ein dunkler, nekrotischer und übel riechender Hautbezirk erinnert an verwesendes Fleisch und erhält deshalb die charakterisierende Vorsilbenfunktion Aas-.
Das zweite Glied Blatter ist ebenfalls sehr alt. Mittelhochdeutsch lautet das Wort blātere, althochdeutsch blātara beziehungsweise blâtra. Bedeutungen waren unter anderem „Blase“, „Pocke“, „Pustel“ und auch „Harnblase“.
Die ältere Grundvorstellung war etwas Aufgeschwollenes, Aufgeblasenes oder Blasenförmiges. Damit gehört Blatter etymologisch in die weitere Wortfamilie von blasen und blähen.
Die semantische Entwicklung ist anschaulich: Eine mit Flüssigkeit oder Luft gefüllte Blase erscheint aufgebläht. Von dieser körperlichen Form konnte das Wort auf Bläschen und Erhebungen der Haut und schließlich auf Pocken übertragen werden.
Bereits althochdeutsche Belege zeigen Bedeutungen wie „Pustel“, „Blase“ und „Harnblase“. Das Wort gehörte also ursprünglich nicht ausschließlich zum Bereich der Infektionskrankheiten.
Im Mittelhochdeutschen verfestigte sich daneben die Bedeutung „Pocke“. Im späteren Deutschen konnte eine einzelne Blatter eine Pocke beziehungsweise Hautblase bedeuten, während der Plural Blattern für eine ganze Pockenerkrankung verwendet wurde.
Daraus entstanden zahlreiche historische medizinische Zusammensetzungen und Ableitungen, etwa Blatternarbe, Blatternimpfung und verschiedene Bezeichnungen einzelner Formen von Pocken beziehungsweise Hautausschlägen.
Das moderne Wort Blase ist etymologisch verwandt, aber nicht mit Blatter identisch. Beide gehören zu einem alten Bedeutungsfeld des Anschwellens und Aufblähens.
Die etymologische Verwandtschaft erklärt auch, weshalb Blatter historisch sowohl für die Harnblase als auch für eine Hautblase beziehungsweise Pocke verwendet werden konnte. Die gemeinsame Grundvorstellung lag in der blasenförmigen Gestalt.
Im Laufe der neuhochdeutschen Sprachentwicklung ging die allgemeine Verwendung von Blatter stark zurück. Für Hauterscheinungen setzten sich präzisere Wörter wie Blase, Pustel, Papel und Pocke durch; für die Krankheit selbst wurde Pocken zum gewöhnlicheren Ausdruck.
Heute wird Blatter im allgemeinen Wörterbuch als veraltet gekennzeichnet. Damit ist zwangsläufig auch Aasblatter historisch geworden.
Die Komposition selbst ist semantisch vollkommen nachvollziehbar. Während Blatter den Typ der Hautveränderung bezeichnet, gibt Aas- eine besondere qualitative Eigenschaft an: Die Blatter ist so schwer verändert, dass sie an Aas erinnert.
Es handelt sich damit um ein ähnliches Benennungsverfahren wie bei Farbadjektiven oder wertenden Bestimmungswörtern in historischen Krankheitsnamen. Die Krankheit beziehungsweise Läsion wird nach einem besonders auffälligen Erscheinungsmerkmal näher bestimmt.
Das Synonym Aaspocke zeigt dieselbe Struktur. Dort steht anstelle des älteren Grundworts Blatter das verständlichere Pocke. Semantisch sind beide Bildungen nahezu deckungsgleich.
Aaspocke kann daher als eine Art lexikalische Parallelbildung verstanden werden: Aas + Blatter und Aas + Pocke bezeichnen dieselbe beziehungsweise eine sehr ähnliche historische Erscheinung.
Die regionale Angabe älterer Wörterbücher, dass insbesondere in Niedersachsen Aaspocke gebraucht werde, zeigt zugleich die historische regionale Variation medizinischer Bezeichnungen.
Vor der weitgehenden Standardisierung der medizinischen Fachsprache konnten dieselben Symptome in unterschiedlichen Regionen mit verschiedenen Wörtern bezeichnet werden. Wörterbücher des 18. und frühen 19. Jahrhunderts dokumentieren solche Unterschiede häufig ausdrücklich.
Das heutige Verschwinden von Aasblatter erklärt sich daher aus zwei Entwicklungen zugleich: Das Grundwort Blatter wurde selbst veraltet, und die moderne Medizin ersetzte anschaulich-beschreibende Krankheitsbezeichnungen zunehmend durch standardisierte nosologische und pathologische Terminologie.
Mit Aasbande ist die Bildung trotz desselben ersten Bestandteils semantisch verschieden. Dort wird Aas als menschliches Schimpfwort eingesetzt; bei Aasblatter bezieht es sich auf Eigenschaften verwesenden Gewebes.
Mit Aasfresser, Aasvogel und Aaskäfer besteht ebenfalls nur die gemeinsame Grundlage Aas. Dort bezeichnet das Wort eine Nahrung beziehungsweise ökologische Ressource, nicht das Erscheinungsbild einer Krankheit.
Besonders deutlich ist die Abgrenzung zu Aasee und Aaschlucht. Diese Wörter enthalten überhaupt kein Aas als ersten Bestandteil, sondern den Gewässernamen Aa verbunden mit See beziehungsweise Schlucht.
Auch der Aasrücken bei Hohenstaufen ist kein etymologisch gesicherter Verwandter. Die Herkunft des Erstgliedes dieses Flurnamens ist ungeklärt und darf nicht allein aufgrund der identischen Buchstabenfolge mit dem Wort Aas gleichgesetzt werden.
Die Etymologie von Aasblatter ist dagegen klar durchschaubar: Aas „verwesender Tierkörper“ charakterisiert eine Blatter „Pocke, Hautblase“, die wegen ihrer dunklen, bösartigen und übel riechenden Erscheinung an verwesendes Gewebe erinnert.
Synonyme
Aaspocke ist das unmittelbarste und historisch ausdrücklich belegte Synonym von Aasblatter. Beide Wörter bezeichnen eine bösartige, dunkel beziehungsweise schwarz erscheinende und übel riechende Pocken- oder Blatternläsion. Ältere Wörterbücher verweisen unmittelbar von Aaspocke auf Aasblatter.
Pocke ist der allgemeinere Oberbegriff. Eine Aasblatter wurde als besonders schwere Art einer Pocke verstanden; nicht jede Pocke ist daher eine Aasblatter.
Blatter ist ebenfalls ein Oberbegriff und zugleich das historische Grundwort der Zusammensetzung. Es konnte eine einzelne Pocke, Blase oder Pustel und im Plural eine Pockenerkrankung bezeichnen.
Blattern bezeichnet historisch besonders Pocken beziehungsweise eine Pockenkrankheit. Der Ausdruck steht dem Wortfeld nahe, ist aber nicht synonym mit der spezifisch bösartigen Aasblatter.
schwarze Pocke kann als erklärende Umschreibung dienen, sofern sich die Bezeichnung auf die dunkle Verfärbung der historischen Läsion bezieht. Es handelt sich jedoch nicht um ein eindeutig festgelegtes fachsprachliches Synonym und der Ausdruck darf nicht mit anderen historischen Bedeutungen von „schwarzen Pocken“ vermischt werden.
bösartige Pocke gibt einen Bestandteil der historischen Definition wieder, ist jedoch wesentlich weiter und keine eigenständige gleichwertige Fachbezeichnung.
nekrotische Hautläsion kann bestimmte moderne pathologische Eigenschaften erklären, ist aber ausdrücklich kein vollständiges Synonym. Nicht jede nekrotische Hautläsion ist eine historische Aasblatter, und ein alter Beleg von Aasblatter erlaubt nicht ohne Weiteres die moderne Diagnose einer bestimmten Nekroseform.
Gangrän ist ebenfalls kein echtes Synonym. Historische Beschreibungen können aufgrund von Schwärzung, Gewebstod und Geruch gangränähnliche Zustände meinen, doch Gangrän besitzt in der modernen Medizin eine spezifischere Bedeutung.
Karbunkel darf trotz historischer Übersetzungen in älteren zweisprachigen Wörterbüchern nicht als modernes Synonym behandelt werden. Ein Karbunkel ist heute eine anders definierte infektiöse Hauterkrankung.
Schafpockenläsion ist ebenfalls nur eine kontextbezogene moderne Umschreibung. Historische Wörterbücher bringen die Aasblatter besonders mit schweren Schafpocken in Verbindung, doch der alte Begriff bezeichnet keine heute standardisierte einzelne Läsionsklasse.
Für einen historischen deutschen Lexikonartikel ist daher Aaspocke das eigentliche Synonym; die übrigen Ausdrücke dienen lediglich als Oberbegriffe oder erläuternde moderne Umschreibungen.