Aaspocke

Lexikon

Aaspocke ist eine veraltete medizinische und besonders veterinärmedizinische Bezeichnung für eine bösartige, dunkel beziehungsweise schwarz erscheinende und übel riechende Pocke, deren Gewebe brandig oder nekrotisch zerfällt. In historischen Wörterbüchern steht das Wort eng neben Aasblatter; Johann Christoph Adelung verweist beim Lemma Aaspocke unmittelbar auf Aasblatter und erklärt diese als bösartige, schwarze und stinkende Blatter. Damit bezeichnete Aaspocke ursprünglich nicht notwendig eine selbständige Krankheit oder einen bestimmten Krankheitserreger, sondern eine besonders schwere und äußerlich auffällige Form einer Pockenläsion. Charakteristisch waren in der historischen Beschreibung dunkle Verfärbung, Zerfall des betroffenen Gewebes, übler Geruch und ein insgesamt bösartiger Krankheitsverlauf. Die Bezeichnung gehört daher in die ältere beschreibende Krankheitsnomenklatur, in der sichtbare Veränderungen, Geruch, Verlauf und angenommene Gewebszerstörung unmittelbar zur Benennung einer Krankheitsform herangezogen wurden.

Besonders häufig begegnet der Plural Aaspocken in der älteren Veterinärmedizin bei schweren Verlaufsformen der Schafpocken. Meyers Konversations-Lexikon beschreibt im ausgehenden 19. Jahrhundert, dass sich bei schwer erkrankten Schafen die gewöhnlichen Knötchen und Pusteln zu größeren geschwürigen Veränderungen vereinigen konnten und bei ungünstigem Verlauf brandige Zerstörungen der Haut entstanden, die als Aaspocken bezeichnet wurden. Der zeitgenössische Brockhaus erklärt entsprechend, dass man von Brandpocken oder Aaspocken spreche, wenn Pockenbläschen nicht regelgerecht vereiterten und eintrockneten, sondern brandig zerfielen. In diesem veterinärmedizinischen Zusammenhang bezeichnet Aaspocke somit eine schwere, gangränöse Veränderung innerhalb einer bereits bestehenden Pockenerkrankung und nicht eine eigene Form der Ansteckung. Der Ausdruck konnte dabei sowohl die einzelne krankhafte Hautveränderung als auch, besonders im Plural Aaspocken, das Auftreten zahlreicher solcher Veränderungen beziehungsweise den dadurch charakterisierten schweren Krankheitsverlauf bezeichnen.

Eine Beschränkung der Wortbedeutung auf Schafe wäre dennoch zu eng. Historische veterinärmedizinische Literatur verwendet Aaspocke auch außerhalb der eigentlichen Schafpockenseuche. Noch 1939 wurde beispielsweise eine durch bösartige Mischinfektionen und brandiges Absterben von Hautteilen gekennzeichnete Form der Kuhpocke als Vaccina gangraenosa und ausdrücklich als „Aaspocke, Brandpocke“ bezeichnet. Bereits die ältere Gleichsetzung mit Aasblatter weist ebenfalls darauf hin, dass der Ausdruck zumindest zeitweise allgemeiner gebraucht werden konnte. Die Beleggeschichte spricht deshalb dafür, Aaspocke in erster Linie als historische Bezeichnung einer bösartigen, nekrotisierenden beziehungsweise gangränösen Pockenveränderung zu verstehen, die besonders häufig im Zusammenhang mit Schafpocken dokumentiert ist. Eine moderne Definition als bloßes Synonym für „Schafpocken“ wäre dagegen sachlich falsch: Die Schafpocken sind die zugrunde liegende Viruskrankheit; die Aaspocken bezeichneten in historischen Beschreibungen einen besonders schweren Typ ihrer Hautveränderungen.

Aus heutiger medizinischer Sicht muss die ältere Terminologie zusätzlich von der modernen Krankheitsklassifikation getrennt werden. Die Pockenseuche der Schafe und Ziegen wird durch Viren der Gattung Capripoxvirus aus der Familie Poxviridae verursacht. Nach heutiger Beschreibung entstehen bei erkrankten Tieren unter anderem generalisierte Papeln, Knötchen und weitere Hautveränderungen; bei schweren Verläufen können ausgedehnte Läsionen, Nekrosen und bakterielle Sekundärinfektionen auftreten. Aaspocke beziehungsweise Aaspocken ist dafür jedoch keine gegenwärtig gebräuchliche virologische oder pathologische Diagnose. Der Ausdruck gehört vielmehr zur historischen Terminologie. Auch ältere Erklärungen des Auftretens von Aaspocken müssen deshalb kritisch gelesen werden. Wenn Lexika des 19. Jahrhunderts beispielsweise kalte, nasse Witterung oder mangelhafte Stallverhältnisse unmittelbar mit der Entstehung der Aaspocken verbanden, beschreibt dies den damaligen Stand der Veterinärmedizin; die Ursache der Schaf- und Ziegenpocken ist heute als Virusinfektion geklärt. Ungünstige Haltungsbedingungen und zusätzliche Infektionen können den Krankheitsverlauf beeinflussen, sind aber nicht mit dem eigentlichen Erreger der Pockenseuche gleichzusetzen.

Lexikographisch ist ferner zwischen Aaspocke, Aaspocken und Aasblatter zu unterscheiden. Aaspocke ist die singularische Bezeichnung der einzelnen krankhaften Veränderung; der Plural Aaspocken wurde in veterinärmedizinischen Texten häufig kollektiv für das entsprechende Krankheitsbild gebraucht. Aasblatter ist ein älteres Synonym, wobei Blatter historisch sowohl eine einzelne pustel- oder bläschenartige Hautveränderung als auch in bestimmten Zusammenhängen eine Pockenkrankheit bezeichnen konnte. Die historische Benennung ist daher nicht mit der Präzision moderner dermatologischer oder virologischer Terminologie zu lesen. Wörter wie Aaspocke, Brandpocke und Aasblatter charakterisierten vor allem das sichtbare Erscheinungsbild und den als besonders gefährlich eingeschätzten Verlauf. Gerade diese deskriptive Funktion erklärt, weshalb das Wort in verschiedenen veterinärmedizinischen Zusammenhängen auftreten konnte, ohne jeweils eine identische moderne Diagnose zu bezeichnen.

Etymologie

Aaspocke ist ein Determinativkompositum aus Aas und Pocke. Der erste Bestandteil Aas geht auf eine alte germanische Wortfamilie zurück. Mittelhochdeutsch ās, mittelniederdeutsch ās und verwandte Formen bezeichneten Aas beziehungsweise als Fraß dienendes Fleisch; die Wortfamilie hängt letztlich mit der indogermanischen Wurzel *ed- „essen, fressen“ zusammen. Daneben bestand althochdeutsch āz „Speise, Nahrung, Fraß“. Beide Bildungen fielen im späteren Mittelalter lautgeschichtlich zusammen, wobei sich im Neuhochdeutschen die Bedeutung „toter beziehungsweise verwesender Tierkörper“ durchsetzte. Aus dieser Bedeutung entwickelten sich zahlreiche Zusammensetzungen, in denen Aas- nicht lediglich einen Tierkadaver bezeichnet, sondern Vorstellungen von Verwesung, Fäulnis, üblem Geruch oder abstoßender Beschaffenheit hervorruft.

Pocke stammt aus dem Niederdeutschen; zugrunde liegt mittelniederdeutsch pocke im Sinne von „Schwellung, Blase“. Das Wort gelangte in die hochdeutsche medizinische Terminologie und konnte sowohl eine einzelne pustel- oder bläschenförmige Hautveränderung als auch im Plural Pocken bestimmte mit solchen Veränderungen einhergehende Krankheiten bezeichnen. Das ältere medizinische Vokabular verwendete entsprechend zahlreiche Zusammensetzungen wie Kuhpocke, Schafpocke, Windpocke, Steinpocke und Brandpocke.

In Aaspocke bezeichnet Aas- daher nicht die Herkunft der Pocke von einem Kadaver und auch nicht eine „Pocke des Aases“. Das Bestimmungswort charakterisiert vielmehr metaphorisch ihre als faulig, stinkend, dunkel und zerfallend wahrgenommene Beschaffenheit. Diese semantische Funktion wird durch Adelungs Definition der synonymen Aasblatter als bösartig, schwarz und stinkend besonders deutlich. Die spätere Gleichsetzung mit Brandpocke bestätigt denselben Bedeutungskern: Im Mittelpunkt steht der brandige beziehungsweise nekrotische Gewebezerfall. Die Zusammensetzung gehört damit zu einem älteren medizinischen Benennungsmuster, das pathologische Veränderungen nach ihrem sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungsbild bezeichnete und nicht nach einem mikrobiologisch bestimmten Erreger.

Synonyme

Aasblatter – das älteste unmittelbar belegte Synonym. Adelung verweist bei Aaspocke ausdrücklich auf dieses Lemma und definiert die Aasblatter als bösartige, schwarze und stinkende Blatter. Aufgrund der historischen Bedeutungsbreite von Blatter ist das Wort nicht in jedem späteren Beleg automatisch auf Schafpocken beschränkt.

Brandpocke – historisch eng bedeutungsverwandte beziehungsweise teilweise gleichgesetzte Bezeichnung für eine Pockenveränderung, bei der Gewebe brandig zerfällt. Veterinärmedizinische Quellen verwenden Brandpocke und Aaspocke ausdrücklich nebeneinander, insbesondere für gangränöse Verlaufsformen.

Brandpocken – pluralische historische Bezeichnung, die ebenso wie Aaspocken für brandig zerfallende Pockenveränderungen verwendet wurde. In Beschreibungen der Schafpocken erscheinen beide Benennungen teilweise als austauschbare Krankheitsformen.

gangränöse Pocke – moderne beschreibende Umschreibung des mit Aaspocke

Schafpocke ist dagegen kein Synonym. Schafpocken bezeichnen die infektiöse Erkrankung des Schafes; Aaspocken waren in der älteren Veterinärmedizin eine besonders schwere, brandig verlaufende Erscheinungsform innerhalb beziehungsweise im Zusammenhang mit dieser Erkrankung.

externe links

Adelung – Die Aaspocke – historischer Wörterbucheintrag; verweist unmittelbar auf das Synonym Aasblatter.

Adelung – Die Aasblatter – historischer Wörterbucheintrag mit der Definition als bösartige, schwarze und stinkende Blatter und dem Hinweis auf die niedersächsische Bezeichnung Aaspocken.

Meyers Konversations-Lexikon – Pocken der Haustiere und Aaspocken – veterinärmedizinische Darstellung des 19. Jahrhunderts, in der brandige Hautzerstörungen bei schweren Schafpocken als Aaspocken bezeichnet werden.

Brockhaus Konversationslexikon – Pockenkrankheit – historische Beschreibung von Brand- beziehungsweise Aaspocken als Pockenveränderungen, deren Bläschen brandig zerfallen.

e-periodica – veterinärmedizinischer Beitrag von 1939 – historischer Beleg für die Gleichsetzung von Vaccina gangraenosa mit „Aaspocke, Brandpocke“ bei bösartigen, mit Gewebsnekrose verbundenen Kuhpockenverläufen.

Duden – Pocke – Bedeutungen und Herkunft von Pocke; das Wort stammt aus dem Niederdeutschen beziehungsweise mittelniederdeutsch pocke „Schwellung, Blase“.

LegIT-Datenbank – Kluge: Aas – wissenschaftlich dokumentierte etymologische Angaben zur germanischen und indogermanischen Wortgeschichte von Aas und zum Zusammenhang mit „essen, fressen“.

Bayerns Dialekte Online – Pocke – dialektlexikographischer Artikel mit Aaspocke unter den historischen Zusammensetzungen zu Pocke.

Friedrich-Loeffler-Institut – Nationales Referenzlabor für die Pockenseuche der Schafe und Ziegen – aktuelle fachwissenschaftliche Informationen zu Erregern, Übertragung, Krankheitsbild und Diagnostik der Schaf- und Ziegenpocken.

World Organisation for Animal Health – Sheep pox and goat pox – internationale veterinärmedizinische Übersicht zu den durch Capripoxviren verursachten Schaf- und Ziegenpocken.

European Food Safety Authority – Sheeppox virus – wissenschaftliche Übersicht zum Erreger der Schafpocken, seiner Taxonomie und seinen Eigenschaften.

Wiktionary – Aaspocke – gegenwärtiger lexikographischer Eintrag mit historischen Wörterbuchverweisen und einem veterinärmedizinischen Beleg aus dem 19. Jahrhundert.

Wiktionary – Aasblatter – ergänzender Wörterbucheintrag zum historischen Synonym mit Belegen aus älterer medizinischer Literatur.