Aalpricken

Lexikon

Aalpricken bezeichnet historisch und regional das Fangen von Aalen durch Pricken, im engeren Sinn also das Stechen beziehungsweise Erfassen von Aalen mit einer Aalpricke. Die Aalpricke ist ein an einer längeren Stange befestigtes, mehrzinkiges beziehungsweise gabelförmiges Fischfanggerät, dessen eiserne Spitzen oder Zinken teilweise mit Widerhaken versehen sind. Mit ihm wurde in den Gewässergrund beziehungsweise in weichen Schlamm gestochen, um dort verborgene oder ruhende Aale zu erfassen und herauszuziehen. Aalpricken steht damit sachlich sehr nahe bei Aalstechen; regional können beide Wörter praktisch dieselbe historische Fangmethode bezeichnen. Das Lemma gehört besonders zum norddeutschen und niederdeutschen Fischereiwortschatz und ist in dieser Bedeutung heute vor allem sprach- und fischereigeschichtlich interessant.

Der Ausdruck ist als Tätigkeitsbezeichnung zu verstehen: das Aalpricken. Das zugrunde liegende Verb pricken besitzt regional die Bedeutung „stechen, mit einem spitzen Gegenstand hineinstechen, ausstechen“. Für die norddeutsche Fischerei ist darüber hinaus eine besonders spezialisierte Verwendung überliefert: Aale pricken heißt, mit einer Pricke beziehungsweise Aalpricke in den schlammigen Gewässergrund zu stechen und darin liegende Aale mit dem Fanggerät zu erfassen. Ein ostfriesischer Wörterbuchbeleg erläutert entsprechend, Aale könnten mit einer Prik beziehungsweise einem ähnlichen Gerät „geprickt“ werden; die Pricke wird dort als dreizinkige, mit Widerhaken versehene Gabel an einer langen Stange beschrieben, die ins Wasser gestoßen wird, um im Schlick ruhende Aale zu fangen. Die genaue Konstruktion konnte regional variieren, sodass Aalpricke nicht auf genau drei Zinken festgelegt werden sollte.

Die Methode nutzt eine Verhaltensweise des Europäischen Aals (Anguilla anguilla). Aale können sich in weichem Untergrund, zwischen Pflanzenresten, unter Steinen und in anderen Verstecken aufhalten; in kalten beziehungsweise ungünstigen Perioden können sie besonders wenig aktiv am oder im Gewässergrund liegen. Beim Aalpricken musste der Fischer das Tier daher nicht notwendig sehen. Er stieß das Gerät systematisch in geeignete Bodenstellen und suchte den Untergrund gleichsam tastend ab. Traf die Aalpricke auf einen Aal, wurde dieser zwischen Zinken festgeklemmt oder von den dafür ausgebildeten Teilen des Gerätes erfasst und anschließend aus dem Wasser gehoben. Das Verfahren ist somit eine Form des Stechfischens und unterscheidet sich grundsätzlich vom Fang mit Köder, Angel, Reuse oder Netz.

Die Aalpricke gehört zu einer größeren Familie historischer Aalfanggeräte, deren Namen regional wechseln. Als bedeutungsnahe beziehungsweise teilweise synonyme Gerätebezeichnungen begegnen Aalstecher, Aaleisen, Aalgabel, Aalstachel, Aalschere, Elger und regional weitere Formen. Nicht jedes dieser Geräte war konstruktiv vollkommen identisch; manche besaßen wenige kräftige Zinken, andere zahlreiche schmale Zähne oder besondere Widerhaken. Gemeinsam ist ihnen das Prinzip, einen im Grund beziehungsweise Schlamm ruhenden Aal von oben mit einem an einer Stange befestigten Fangkopf zu erfassen. Aalpricken sollte deshalb nicht so eng definiert werden, dass nur eine einzige historische Bauform als zulässig erscheint.

Von Aalangeln unterscheidet sich das Aalpricken durch den unmittelbaren mechanischen Fang. Beim Angeln nimmt der Aal einen Köder, der mit einem Haken verbunden ist; beim Pricken sucht der Fischer den Aufenthaltsort des Tieres mit einem stechenden Fanggerät ab. Von der Aalreuse unterscheidet sich die Methode ebenfalls deutlich: Eine Reuse ist ein passiv aufgestelltes Fanggerät, in das der Fisch selbst hineinschwimmt, während das Aalpricken eine aktive Tätigkeit des Fischers ist. Auch Aalwehr, Aallegge und Aalzaun arbeiten mit der natürlichen Wanderbewegung des Fisches und mit Leit- beziehungsweise Sperrvorrichtungen. Beim Aalpricken wird dagegen der ruhende beziehungsweise verborgene Fisch unmittelbar im Untergrund gesucht und erfasst.

Die enge Beziehung zu Aalstechen ist dagegen sowohl technisch als auch sprachlich gegeben. Stechen ist das allgemeinere standarddeutsche Verb; pricken gehört stärker zum norddeutschen, niederdeutschen beziehungsweise landschaftlichen Wortschatz. Auch moderne Wörterbücher kennen pricken regional in der Bedeutung „[aus]stechen“. In der historischen Fischereisprache konnte daher dasselbe Grundverfahren je nach Region als Aalstechen oder Aalpricken bezeichnet werden. Die entsprechenden Geräte heißen analog Aalstecher und Aalpricke.

Die Aalpricke ist als Gerätebezeichnung mindestens seit dem späten 18. Jahrhundert nachweisbar. In Johann Karl Gottfried Jacobssons Technologischem Wörterbuch von 1793 wird ein entsprechendes Fanginstrument ausdrücklich Aalpricke genannt. Pierers Universal-Lexikon erklärt 1857 Aalbricke beziehungsweise Aalpricke als Aalgabel. Damit ist das zum Tätigkeitswort gehörende Gerät deutlich früher sicher dokumentiert als die substantivierte Tätigkeitsbezeichnung Aalpricken, deren frühester hier sicher nachgewiesener Beleg aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammt.

Ein besonders wichtiger Beleg für Aalpricken findet sich 1867 bei Ludwig Strackerjan in Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg. Dort wird eine lokale Erzählung über die Bewohner von Sillenstede wiedergegeben: Sie hätten beim Aalpricken statt der erwarteten Aale Putaale gefangen. Mit Putaal ist regional der Schlammpeitzger gemeint. Die Tiere seien für Quabben gehalten und gegessen worden; daraus habe sich ein Spottname für die Sillensteder entwickelt. Die Erzählung ist zugleich ein besonders anschaulicher Beleg dafür, dass Aalpricken als selbstverständlich verständliche Bezeichnung einer regional bekannten Fangpraxis verwendet wurde.

Der Schlammpeitzger eignet sich für eine solche Erzählung gerade deshalb, weil er wie der Aal einen langgestreckten Körper besitzt und sich in weichem Gewässergrund beziehungsweise schlammreichen Lebensräumen aufhalten kann. Beim blinden beziehungsweise tastenden Stechen in den Untergrund konnten daher außer Aalen auch andere dort ruhende Fische erfasst werden. Der historische Beleg zeigt zugleich, dass Aalpricken nicht das sichere Fangen ausschließlich von Aalen bedeutet; der Name bezeichnet die beabsichtigte Fangmethode, nicht notwendig das tatsächlich gefangene Tier.

Die Praxis erforderte genaue örtliche Erfahrung. Geeignet waren vor allem flache beziehungsweise vom Fischer erreichbare Gewässerbereiche mit weichem Boden, an denen Aale erwartet wurden. Die Fangperson musste die lange Stange kontrolliert führen und den Grund in einem bestimmten Raster beziehungsweise entlang günstiger Stellen abtasten. Anders als bei einer sichtbaren Jagd erfolgte ein erheblicher Teil des eigentlichen Erfassens ohne direkten Blickkontakt zum Fisch. Erfahrung mit Bodentyp, Wassertiefe und typischen Verstecken konnte deshalb wichtiger sein als optische Beobachtung.

Die Bauform der Pricke diente dazu, die geringe Treffwahrscheinlichkeit eines einzelnen Speers zu verbessern. Mehrere Zinken erfassen eine größere Fläche als eine einzelne Spitze. Widerhaken beziehungsweise entsprechend geformte Zähne verhindern, dass ein getroffener oder eingeklemmter Aal aufgrund seiner glatten, kräftigen und beweglichen Körperoberfläche sofort wieder entkommt. Die Konstruktion verbindet damit Stechen, Klemmen und Festhalten. Der Name Pricke charakterisiert ursprünglich das spitze Gerät; die spezielle Aalpricke ist dessen fischereiliche Spezialisierung.

Der fangtechnische Begriff ist eng mit der besonderen Oberfläche des Aals verbunden. Aalschleim und der langgestreckte, muskulöse Körper erschweren das Greifen eines lebenden Aals mit bloßen Händen. Fanggeräte mussten das Tier daher so fixieren, dass es sich nicht einfach rückwärts oder seitlich herauswinden konnte. Beim Aalpricken erfüllten Zinken und Widerhaken diese Aufgabe; bei anderen historischen Verfahren übernahmen Reusenkehlen, Netze, Haken oder geschlossene Behälter dieselbe Rückhaltefunktion.

Das Aalpricken ist kulturgeschichtlich als Teil einer vielfältigen traditionellen Aal- und Binnenfischerei zu betrachten. Vor der modernen Standardisierung von Fanggeräten existierte eine große Zahl regional angepasster Geräte und Bezeichnungen. Ein Dorf, eine Flusslandschaft oder eine Küstenregion konnte eigene Wörter für sehr ähnliche Techniken besitzen. Die niederdeutsche und friesische Überlieferung ist für das Aalpricken besonders ergiebig: Noch neuere Dialektwörterbücher kennen Formen wie Äileprikke beziehungsweise Äileprigge für Aalpricke, Aaleisen oder Aalgabel und bewahren damit denselben alten Wortstamm.

Das Wort besitzt außerdem eine wichtige formale Mehrdeutigkeit. Aalpricken kann grammatisch nicht nur das Aalpricken, also die Tätigkeit, sein, sondern auch die Aalpricken, der Plural von Aalpricke. Diese zweite Lesart kann wiederum etwas völlig anderes bezeichnen. Historisch besitzt Aalpricke nämlich neben der Fanggerätebedeutung auch eine kulinarische Bedeutung: ein nach Art einer Pricke beziehungsweise eines Neunauges gebratener und marinierter kleiner Aal.

Pierers Universal-Lexikon erklärt 1857, ein marinierter Aal, der nach Art der Pricke zubereitet werde, heiße Aalpricke. In einem warenkundlichen Lehrbuch von 1873 heißt es entsprechend, Aale würden unter anderem geräuchert als Spickaal oder mariniert als „Aalpricken“ versendet. In diesem Satz ist Aalpricken ausdrücklich Plural eines Speisennamens und bezeichnet nicht die Fangtätigkeit.

Damit müssen für die Schriftform Aalpricken zwei grundsätzlich verschiedene grammatische Analysen auseinandergehalten werden:

das Aalpricken – substantivierte Tätigkeitsbezeichnung: Aale pricken, also mit einer Aalpricke fangen;

die Aalpricken – Plural von Aalpricke: historisch unter anderem marinierte Aale.

Der Artikel beziehungsweise der Satzkontext beseitigt die Mehrdeutigkeit normalerweise sofort. In „beim Aalpricken“ liegt der Vorgang vor; in „marinierte Aalpricken“ handelt es sich um mehrere Speisen beziehungsweise zubereitete Fische.

Zusätzlich kann der Plural Aalpricken theoretisch mehrere Aalpricken im Sinn von Fanggeräten bezeichnen: eine Aalpricke – mehrere Aalpricken. Auch hier entscheidet der Kontext. Der gleiche Wortkörper kann somit einen Fangvorgang, mehrere Fanggeräte oder mehrere historisch so bezeichnete marinierte Aale meinen. Diese ungewöhnliche Dreifachmöglichkeit entsteht aus der Kombination von substantiviertem Infinitiv und einem femininen Substantiv mit regulärem Plural auf -n.

Für das Lemma Aalpricken als Tätigkeitsbezeichnung ist jedoch die Bedeutung „Aale mit einer Aalpricke fangen; Aalstechen“ als Kern anzusetzen. Die allgemeine Umschreibung „das Fangen von Aalen“ ist zwar historisch belegt und grundsätzlich richtig, bleibt aber technisch zu weit. Aalreusenfang, Aalangeln oder Aalfang am Wehr sind ebenfalls Formen des Aalfangs, jedoch kein Aalpricken. Das besondere semantische Merkmal ist das Pricken beziehungsweise Stechen mit dem entsprechenden Fanggerät.

Lexikographisch ist daher die Definition „historische und regionale Bezeichnung für das Fangen von Aalen durch Stechen mit einer Aalpricke“ am präzisesten. Als engstes bedeutungsverwandtes Wort ist Aalstechen anzugeben; als zugehörige Gerätebezeichnungen stehen Aalpricke, Aalstecher, Aalgabel, Aaleisen und Aalstachel daneben.

Etymologie

Lemma Aalpricken
Wortart Substantiv; substantivierter Infinitiv
Genus Neutrum
Grundform das Aalpricken
Genitiv des Aalprickens
Plural in der Vorgangsbedeutung gewöhnlich nicht verwendet
Wortbildung Aal + pricken → Aalpricken
Bestimmungswort Aal
Verbale Basis pricken „stechen, mit einer Pricke fangen“
Semantische Relation Objektrelation: Aale pricken
Grundbedeutung das Fangen von Aalen mit einer Aalpricke
Bedeutungsnah Aalstechen
Frühester hier sicher nachgewiesener Beleg der Tätigkeitsbezeichnung 1867

Das Tätigkeitswort Aalpricken lässt sich synchron unmittelbar aus Aal und dem Verb pricken erklären:

Aale pricken → das Aalpricken.

Das erste Glied entspricht dem Objekt der Handlung. Wer Aalpricken betreibt, prickt Aale. Sprachwissenschaftlich liegt damit eine Objektrelation vor, vergleichbar mit Aalfischen „Aale fischen“ und Aalschlachten „Aale schlachten“. Der Ausdruck kann als substantivierter zusammengesetzter Infinitiv verstanden werden und ist deshalb sächlich: das Aalpricken, beim Aalpricken, des Aalprickens.

Das Vorderglied Aal gehört zum alten germanischen Fischwortschatz. Althochdeutsch und mittelhochdeutsch ist āl belegt; verwandte Formen finden sich etwa in niederländisch aal, englisch eel sowie dänisch und schwedisch ål. Die tiefere Herkunft des Fischnamens ist nicht abschließend geklärt. Im Wort Aalpricken steht Aal in seiner eigentlichen zoologischen Bedeutung und bezeichnet das Fangobjekt. Es handelt sich somit nicht um eine Gestaltrelation wie bei Aalbarsch oder Aaldorsch.

Das zweite Element gehört zur Wortfamilie von Pricke und pricken. Mittelniederdeutsch pricke bedeutet unter anderem „Stecher, Spitze, Stachel“. Das Wort bezeichnet also ursprünglich etwas Spitzes beziehungsweise ein Gerät zum Stechen. Aus demselben niederdeutschen Wort stammt das standarddeutsche Pricke für einen dünnen Stamm, Pfosten oder eine Stange, die in flachen Küstengewässern zur Kennzeichnung eines Fahrwassers in den Grund gesteckt wird.

Die Wortfamilie ist älter als diese spezielle seemännische Bedeutung. Sie gehört zu einem westgermanischen Stamm aus dem Bedeutungsfeld „Spitze, Stich, stechen“. Verwandte Formen finden sich unter anderem in niederländisch prik und prikken sowie im Englischen prick. Auch ältere deutsche und niederdeutsche Formen bezeichnen Spitzen, Stacheln, Stangen und die damit ausgeführte Stechbewegung.

Für die Fischerei entwickelte sich daraus eine sehr konkrete Bedeutung. Eine Pricke konnte ein spitzes beziehungsweise mehrzinkiges Stechgerät sein; pricken bedeutete entsprechend „mit einem solchen Gerät stechen“. In norddeutscher Fischereisprache wurde die Verbindung so eng, dass Wörterbücher ausdrücklich die Spezialbedeutung „Aal stechen oder mittels der Pricke fangen“ verzeichnen.

Die semantische Entwicklung lässt sich daher darstellen als:

Spitze/Stachel → Pricke „Stechgerät“ → pricken „mit einem spitzen Gerät stechen“ → Aale pricken „Aale mit der Aalpricke fangen“ → Aalpricken.

Die Gerätebezeichnung Aalpricke entsteht parallel:

Aal + Pricke → Aalpricke „Pricke zum Aalfang“.

Handlung und Instrument stehen damit in einer unmittelbaren Ableitungsbeziehung:

Aalpricke → mit der Aalpricke pricken → Aalpricken.

Das Gerätewort ist sicher älter belegt als die hier nachgewiesene Tätigkeitsbildung. 1793 nennt Jacobssons Technologisches Wörterbuch eine Aalpricke als Fanginstrument; Pierers Universal-Lexikon setzt 1857 Aalpricke beziehungsweise Aalbricke mit der Aalgabel gleich. Damit war die terminologische Grundlage des Verbs beziehungsweise Tätigkeitswortes bereits vorhanden.

Der früheste hier sicher nachgewiesene Beleg für die genaue Tätigkeitsbezeichnung Aalpricken stammt aus 1867 aus Ludwig Strackerjans Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg. Die Formulierung „beim Aalpricken“ ist grammatisch eindeutig: Nach der Präposition bei steht hier ein substantivierter Infinitiv und damit eine Tätigkeit. Das Wort bedeutet in diesem Kontext das Ausüben des regionalen Aalfangs durch Pricken.

Der Beleg besitzt zudem einen klaren niederdeutschen beziehungsweise nordwestdeutschen Hintergrund. Das passt zur Herkunft von Pricke und pricken aus dem niederdeutschen Wortschatz und zu den bis heute in friesischen Dialektwörterbüchern erhaltenen Formen. Das Lemma ist deshalb nicht als ursprünglich gemeindeutsches hochsprachliches Fischereiwort zu behandeln, sondern als regionaler Ausdruck, der durch Wörterbücher und volkskundliche Literatur überregional dokumentiert wurde.

Die Form Aalpricken lässt sich grammatisch mit Aalfischen vergleichen. Beide sind Tätigkeitsbezeichnungen auf -en und können ohne Artikel beziehungsweise in festen Fügungen auftreten:

Aalpricken war eine traditionelle Fangmethode.

beim Aalpricken;

zum Aalpricken;

das Aalpricken.

Ein regulärer Plural ist in dieser abstrakten Vorgangsbedeutung normalerweise nicht erforderlich. Wenn mehrere einzelne Fanghandlungen gemeint sind, formuliert man natürlicher mehrere Fangvorgänge oder mehrmaliges Aalpricken.

Gerade deshalb ist die formal identische Form die Aalpricken sprachwissenschaftlich bemerkenswert. Sie ist kein Plural des Tätigkeitswortes, sondern der reguläre Plural des femininen Substantivs Aalpricke:

die Aalpricke → die Aalpricken.

Diese Homographie kann drei verschiedene Lesarten erzeugen: das Aalpricken als Tätigkeit, die Aalpricken als mehrere Fanggeräte und historisch die Aalpricken als mehrere marinierte Aale.

Die letzte Bedeutung beruht auf einem anderen semantischen Zweig des Wortes Pricke. Pricke ist historisch auch ein norddeutscher Name des Flussneunauges beziehungsweise Neunauges. Mittelniederdeutsch pricke ist in dieser Fischbedeutung bereits belegt. Das Etymologische Wörterbuch des Althochdeutschen ordnet auch diesen Fischnamen derselben älteren Wortfamilie um „Spitze, Stachel“ zu und hält eine Benennung des langgestreckten, vorn zugespitzten Fisches nach dieser Gestalt für naheliegend.

Die kulinarische Aalpricke bezeichnet deshalb nicht einen mit einer Pricke gestochenen Aal. Pierer erklärt vielmehr ausdrücklich, ein marinierter Aal, der nach Art der Pricke zubereitet werde, heiße Aalpricke. Gemeint ist also eine kulinarische Vergleichsbildung mit der als Speisefisch zubereiteten Pricke beziehungsweise dem Neunauge.

Dadurch entstehen zwei verschiedene Bildungen mit derselben Form:

Aal + Pricke „Stechgerät“ → Aalpricke „Gerät zum Aalfang“;

Aal + Pricke „Neunauge, Speisefisch“ → Aalpricke „nach Art der Pricke marinierter Aal“.

Der Plural beider lautet Aalpricken. Daneben steht unabhängig davon das substantivierte Tätigkeitswort Aalpricken. Diese Wortkonstellation erklärt, weshalb historische Belege immer im Satzkontext ausgewertet werden müssen.

So bedeutet der Warenkundebeleg von 1873, Aale würden „marinirt (Aalpricken)“ versendet, eindeutig marinierte Aalpricken und nicht das Fangen durch Pricken. Der Strackerjan-Beleg von 1867 mit „beim Aalpricken“ bezeichnet dagegen eindeutig die Fangtätigkeit. Die bloße Zeichenfolge Aalpricken genügt somit nicht zur Bedeutungsbestimmung; Artikel, Präposition, Satzbau und Sachkontext sind entscheidend.

Für das hier angesetzte Lemma Aalpricken ist die Vorgangsbedeutung maßgeblich. Etymologisch lässt sie sich abschließend folgendermaßen zusammenfassen: Aal, althochdeutsch und mittelhochdeutsch āl, als Objekt des Fangs + pricken „mit einem spitzen Gerät stechen“, aus der niederdeutschen und westgermanischen Wortfamilie um mittelniederdeutsch pricke „Stecher, Spitze, Stachel“ → Aalpricken „Aale durch Stechen mit einer Aalpricke fangen; Aalstechen“. Die Gerätebezeichnung Aalpricke ist spätestens 1793 sicher belegt; die genaue Tätigkeitsbezeichnung Aalpricken spätestens 1867.