Aaldorsch
Lexikon
Aaldorsch bezeichnet einen Vertreter der Aaldorsche, einer kleinen Gruppe langgestreckter Meeresfische aus der Familie Muraenolepididae innerhalb der Ordnung der Dorschartigen (Gadiformes). Die Tiere leben vor allem in den kalten Meeren der südlichen Hemisphäre und besonders im Südpolarmeer rund um die Antarktis. Ihr deutscher Name verbindet zwei äußerlich beziehungsweise systematisch wahrgenommene Eigenschaften: Der stark verlängerte Körper und die zusammenhängend wirkende Flossenanordnung erinnern an einen Aal, während die tatsächliche zoologische Zugehörigkeit bei den dorschartigen Fischen liegt. Ein Aaldorsch ist daher kein Aal und gehört nicht zur Ordnung Anguilliformes.
Der Singular Aaldorsch bezeichnet ein einzelnes Tier; der Plural Aaldorsche kann sowohl mehrere Individuen als auch die betreffende zoologische Gruppe bezeichnen. Wissenschaftlich wird die Familie als Muraenolepididae geführt. In modernen taxonomischen Datenbeständen werden ungefähr neun gültige Arten in zwei Gattungen unterschieden, wobei die Systematik der Gruppe aufgrund ihrer großen morphologischen Ähnlichkeit und der vergleichsweise schwierigen Artbestimmung mehrfach revidiert worden ist. Die meisten Arten gehören zur Gattung Muraenolepis; daneben wird Notomuraenobathys als zweite Gattung unterschieden.
Ältere deutschsprachige Nachschlagewerke beschreiben die Aaldorsche häufig erheblich einfacher und nennen nur die Gattung Muraenolepis beziehungsweise wesentlich weniger Arten. Solche Angaben spiegeln den damaligen taxonomischen Forschungsstand wider und dürfen nicht unverändert als heutige Artenzahl übernommen werden. Besonders seit Beginn des 21. Jahrhunderts sind mehrere zusätzliche Arten beschrieben und ältere Zuordnungen überprüft worden. Der deutsche Name Aaldorsch bleibt von solchen Änderungen weitgehend unberührt, weil er einen morphologisch und systematisch erkennbaren Fischtyp bezeichnet und nicht an eine bestimmte Zahl anerkannter Arten gebunden ist.
Die systematische Grundstellung lässt sich vereinfacht folgendermaßen darstellen:
Wirbeltiere → Strahlenflosser → Knochenfische → Dorschartige (Gadiformes) → Muraenolepididae → Aaldorsche.
Damit stehen Aaldorsche stammesgeschichtlich im Bereich der Dorschartigen und nicht der eigentlichen Aalartigen. Ihre Ähnlichkeit mit Aalen ist in erster Linie eine morphologische Ähnlichkeit. Sie betrifft besonders die Körperform und die Anordnung der langen unpaarigen Flossen.
Der Körper eines Aaldorsches ist stark verlängert und seitlich mehr oder weniger zusammengedrückt. Dadurch entsteht eine ausgeprägte Aalform. Im Unterschied zu einem hochrückigen oder kräftig spindelförmigen Fisch besitzt der Aaldorsch einen niedrigen, langen Rumpf, der sich nach hinten allmählich verjüngt. Diese Form ist das auffälligste Merkmal, das der deutsche Name hervorhebt.
Besonders stark wird der aalartige Gesamteindruck durch die unpaarigen Flossen. Die zweite Rückenflosse, die Schwanzflosse und die Afterflosse sind miteinander verbunden beziehungsweise bilden einen nahezu kontinuierlichen Flossensaum. Eine ähnliche Flossenkontinuität ist auch von verschiedenen echten Aalen bekannt und verstärkt deshalb die äußerliche Ähnlichkeit.
Gerade dieses Merkmal erklärt, weshalb das Vorderglied Aal- sachlich sinnvoll ist. Der Name bedeutet nicht, dass Aaldorsche Mischformen zwischen Aal und Dorsch seien. Es handelt sich um eigenständige Dorschartige, deren Körperkonfiguration konvergent beziehungsweise zumindest äußerlich einem Aal angenähert erscheint.
Die erste Rückenflosse ist stark reduziert. Bei den typischen Aaldorschen besteht sie nur aus einem einzelnen verlängerten Flossenstrahl beziehungsweise einem dünnen Rückenfaden. Dieses Merkmal unterscheidet sie deutlich von vielen bekannteren Dorschartigen, bei denen mehrere voneinander getrennte Rückenflossen mit zahlreichen Strahlen ausgebildet sind.
Die Bauchflossen sind im Gegensatz zu denen echter Aale vorhanden. Sie sitzen weit vorn am Körper, etwa im Brust- beziehungsweise Kehlbereich, und besitzen verlängerte fadenartige Strahlen. Gerade die vorhandenen vorderen Bauchflossen zeigen bereits äußerlich, dass der Bauplan trotz aalartiger Silhouette erheblich von dem eines Europäischen Aals abweicht.
Ein weiteres kennzeichnendes Merkmal ist eine kleine Kinnbartel. Barteln sind empfindliche fadenförmige Strukturen, die bei verschiedenen bodennah lebenden Fischen der Tast- beziehungsweise chemischen Wahrnehmung dienen können. Auch bei zahlreichen anderen Dorschartigen kommen Kinnbarteln vor; bekannt ist beispielsweise die ausgeprägte Bartel verschiedener Dorsch- und Quappenverwandter.
Die Kombination aus Aalform und typischen Merkmalen der Dorschartigen ist deshalb charakteristisch:
aalartig langgestreckter Körper;
zusammenhängender hinterer Flossensaum;
stark reduzierte erste Rückenflosse;
vorn liegende Bauchflossen;
Kinnbartel.
Keines dieser Merkmale sollte jedoch für sich allein als vollständige Diagnose verwendet werden. Die wissenschaftliche Bestimmung innerhalb der Familie berücksichtigt eine Kombination aus Flossenstrahlen, Schuppen, Wirbelzahlen, Seitenlinienmerkmalen, Proportionen des Kopfes und weiteren anatomischen Eigenschaften.
Die Haut der Aaldorsche wirkt vergleichsweise glatt. Tatsächlich besitzen die Tiere jedoch ungewöhnliche Schuppen. Diese sind langgestreckt, liegen in der Haut und überdecken sich nicht in derselben Weise wie typische dachziegelartig angeordnete Fischschuppen. Bei der ursprünglich beschriebenen Art wurden die schmalen Schuppen als sich in unterschiedlichen Richtungen kreuzende Strukturen beschrieben.
Diese Besonderheit steckt sogar im wissenschaftlichen Gattungsnamen Muraenolepis. Der zweite Namensbestandteil geht auf griechisch lepís „Schuppe“ zurück. Der wissenschaftliche Name verweist somit zugleich auf die Aalähnlichkeit und auf die auffällige Schuppenstruktur.
Die Kiemenöffnungen sind relativ klein beziehungsweise eingeschränkt und reichen nicht weit über die Basis der Brustflossen hinaus. Das Pflugscharbein trägt keine Zähne. Solche anatomischen Einzelmerkmale spielen für die zoologische Diagnose eine wesentlich größere Rolle als für den allgemeinen deutschen Namen.
Die Körperfarbe ist meist unauffällig. Verschiedene Arten erscheinen grau, graubraun, braun oder rötlich und können einen leichten irisierenden Glanz besitzen. Diese gedeckten Farben passen zu einer bodennahen Lebensweise in kalten, häufig schwach beleuchteten Meeresregionen.
Aaldorsche werden je nach Art ungefähr einige Dezimeter lang. Für viele Arten liegen typische beziehungsweise maximale Längen in einer Größenordnung von etwa 20 bis 40 Zentimetern. Sie bleiben damit erheblich kleiner als große weibliche Europäische Aale, die deutlich über einen Meter lang werden können.
Die Bezeichnung Aal- bezieht sich daher nicht auf gleiche Körpergröße. Ein Fisch kann aalförmig sein, obwohl er wesentlich kleiner als ein ausgewachsener Aal bleibt. Entscheidend sind die relativen Körperproportionen.
Das Verbreitungsgebiet der Familie liegt auf der südlichen Hemisphäre. Besonders charakteristisch sind die antarktischen und subantarktischen Gewässer des Südpolarmeers. Mehrere Arten sind zirkumantarktisch beziehungsweise über große Abschnitte des antarktischen Kontinentalschelfs verbreitet; andere besitzen deutlich kleinere bekannte Verbreitungsgebiete.
Nachweise existieren beispielsweise aus Gewässern um die Antarktische Halbinsel, aus dem Weddellmeer, dem Rossmeer, der Scotiasee, dem Lazarewmeer sowie aus der Umgebung verschiedener subantarktischer Inselgruppen.
Einzelne Vertreter kommen außerhalb der unmittelbar antarktischen Schelfgewässer in kaltgemäßigten südlichen Meeresregionen vor. Die Familie ist deshalb besser als südhemisphärisch, besonders antarktisch und subantarktisch verbreitet zu charakterisieren als ausschließlich als „antarktisch“.
Die meisten Aaldorsche leben in enger Beziehung zum Meeresboden. Sie werden auf dem Kontinentalschelf und am oberen Kontinentalhang gefangen. Für einzelne Arten beziehungsweise die tief lebende Gattung Notomuraenobathys reichen Nachweise jedoch bis in Tiefen von mehreren tausend Metern.
Damit umfasst die Familie sowohl typische Schelf- und Hangfische als auch ausgesprochene Tiefseefische. Die Bezeichnung Aaldorsch enthält für sich genommen deshalb keine bestimmte Tiefenangabe.
Ein besonders ausgeprägtes Beispiel ist Notomuraenobathys microcephalus. Diese Art lebt in großen Tiefen des Südpolarmeeres und ist aus ungefähr zwei bis drei Kilometern Wassertiefe bekannt. Sie zeigt, wie stark sich die ökologischen Bedingungen innerhalb der Familie unterscheiden können.
Die älteren Beschreibungen, Aaldorsche lebten auf dem antarktischen Kontinentalschelf, sind daher für einen bedeutenden Teil der Gruppe zutreffend, aber als Definition des gesamten heutigen Familienumfangs zu eng.
Über die Biologie vieler Arten ist vergleichsweise wenig bekannt. Das liegt unter anderem an der abgelegenen Verbreitung, den großen Meerestiefen und der schwierigen Probennahme im Südpolarmeer. Viele Aaldorsche werden nicht gezielt untersucht, sondern als Beifang wissenschaftlicher oder kommerzieller Grundschleppnetzfänge gesammelt.
Die Nahrung besteht nach Untersuchungen und älteren FAO-Zusammenfassungen besonders aus kleinen planktonischen und nektonischen Organismen. Zooplankton spielt eine wichtige Rolle; je nach Art, Größe und Lebensraum können außerdem kleine Krebstiere und andere geeignete Beutetiere aufgenommen werden.
Der lange Körper bedeutet daher nicht, dass Aaldorsche dieselbe Ernährungsweise wie echte Aale besitzen. Der Europäische Aal nutzt in kontinentalen Lebensräumen ein breites Spektrum bodenlebender Wirbelloser und anderer tierischer Nahrung. Aaldorsche gehören zu einem vollständig anderen marinen Nahrungssystem.
Auch ihre Fortpflanzung und Entwicklung entsprechen nicht dem außergewöhnlichen Lebenszyklus der Gattung Anguilla. Für Aaldorsche ist keine katadrome Wanderung zwischen Binnengewässern und einem weit entfernten ozeanischen Laichgebiet charakteristisch.
Sie besitzen insbesondere keine mit dem Europäischen Aal vergleichbare Folge aus ozeanischem Laichen, Leptocephaluslarve, Glasaal, Gelbaal und Silberaal. Die äußere Aalähnlichkeit darf deshalb nicht auf Entwicklung und Lebenszyklus übertragen werden.
Auch ökologisch ist der Kontrast groß. Der Europäische Aal kann Meer-, Brack- und Süßwasser nutzen und verbringt einen großen Teil seines Lebens in Flüssen, Seen oder Küstengewässern. Aaldorsche sind dagegen rein marine Fische kalter südlicher Meeresgebiete.
Eine vereinfachte Gegenüberstellung lautet:
Europäischer Aal – Anguilliformes, Anguillidae, katadromer Wanderfisch, teilweise Süßwasserbewohner;
Aaldorsch – Gadiformes, Muraenolepididae, mariner Boden- beziehungsweise Tiefenfisch der südlichen Meere.
Die Gemeinsamkeit ist vor allem die langgestreckte Körpergestalt.
Aaldorsche besitzen keine größere unmittelbare wirtschaftliche Bedeutung. Sie können bei Grundschleppnetzfängen als Beifang auftreten, werden aber nicht zu den bedeutenden kommerziellen Nutzfischen der Dorschartigen gerechnet.
Dies unterscheidet sie deutlich von Kabeljau, Köhler, Schellfisch, verschiedenen Seehechten und anderen wirtschaftlich wichtigen Dorschartigen. Das Grundwort Dorsch darf deshalb nicht den Eindruck erwecken, beim Aaldorsch handele es sich um eine bedeutende Kabeljauart.
Ökologisch können Aaldorsche dennoch als Bestandteil antarktischer Nahrungsnetze relevant sein. Aus Untersuchungen des Südpolarmeers ist bekannt, dass sie von größeren Raubfischen, darunter Zahnfische, erbeutet werden. Ihr Wert für das Ökosystem ist daher nicht mit ihrer Bedeutung für die menschliche Fischerei gleichzusetzen.
Die geringe wirtschaftliche Nutzung erklärt teilweise, weshalb die Gruppe in allgemeinen deutschsprachigen Tierlexika weit weniger bekannt ist als Kabeljau, Quappe oder Seehecht. Aaldorsch ist vor allem ein zoologischer Fach- beziehungsweise Lexikonname und kein alltäglicher deutscher Speisefischname.
Mit der Quappe (Lota lota) darf der Aaldorsch nicht verwechselt werden. Die Quappe gehört ebenfalls zu den Dorschartigen und besitzt einen relativ langgestreckten Körper, ist aber zoologisch einer anderen Familie zugeordnet und lebt als außergewöhnlicher Vertreter der Dorschartigen im Süßwasser beziehungsweise in Binnengewässern.
Für die Quappe existieren historische und regionale Namen wie Aalquappe, Aalraupe, Aalrutte und Quappaal. Diese Namen beruhen ebenfalls auf der relativ langgestreckten Körpergestalt. Aaldorsch bezeichnet jedoch nicht die Quappe.
Die Unterscheidung lautet:
Aalquappe / Aalrutte – historische beziehungsweise regionale Namen von Lota lota;
Aaldorsch – Vertreter der Familie Muraenolepididae.
Dass beide innerhalb der Gadiformes stehen und zugleich einen langgestreckten Körper besitzen, erleichtert eine mögliche Verwechslung, macht sie aber nicht identisch.
Ebenso wenig ist Aaldorsch mit Aalrutte oder einem „aalförmigen Kabeljau“ im alltagssprachlichen Sinn gleichzusetzen. Das Wort besitzt eine feste zoologische Referenz.
Auch der Aalbarsch ist deutlich abzugrenzen. Beim Aalbarsch handelt es sich um einen tropischen, aalartig verlängerten Barschverwandten aus einer völlig anderen systematischen Gruppe. Aaldorsche dagegen sind Dorschartige kalter südlicher Meere.
Die Parallele der Namen ist jedoch sprachlich bemerkenswert:
Aalbarsch – aalähnlicher beziehungsweise aalförmiger Barschverwandter;
Aaldorsch – aalähnlicher beziehungsweise aalförmiger Dorschverwandter.
In beiden Fällen dient Aal als anschauliches Vergleichstier für die Gestalt, während das Grundwort eine andere zoologische Einordnung bezeichnet.
Mit dem Aalbock ist die Situation anders. Beim historischen Aalbock handelt es sich um einen schweizerischen Felchennamen, dessen Form nicht zuverlässig als transparente Zusammensetzung aus Aal und Bock erklärt werden kann. Aaldorsch ist dagegen synchron und semantisch tatsächlich als Aal + Dorsch durchsichtig.
Der Aaldorsch eignet sich deshalb besonders gut als Beispiel für einen Trivialnamen, der eine sichtbare Formähnlichkeit mit einer wissenschaftlich davon unabhängigen Gruppenzugehörigkeit kombiniert.
Das Wort enthält zugleich eine kleine taxonomische Ungenauigkeit, wenn Dorsch ausschließlich im engsten Sinn von Gadus morhua, dem Kabeljau, verstanden wird. Aaldorsche gehören nicht zur Gattung Gadus und auch nicht zur Familie der eigentlichen Dorsche Gadidae, sondern bilden die eigene Familie Muraenolepididae.
Das Grundwort Dorsch ist hier daher in einem weiteren systematischen Sinn zu verstehen: als Hinweis auf einen Vertreter der Dorschartigen beziehungsweise einen dorschverwandten Fisch.
Die begriffliche Abstufung lautet:
Kabeljau/Dorsch im engen Sinn – Gadus morhua;
Dorsche im weiteren zoologischen Sinn – verschiedene dorschverwandte Fische;
Dorschartige – Ordnung Gadiformes;
Aaldorsche – Familie Muraenolepididae innerhalb der Gadiformes.
Die Bezeichnung des Familiennamens als „Aaldorsche“ darf somit nicht mit der Familie Gadidae gleichgesetzt werden.
Die wissenschaftliche Geschichte der Gruppe beginnt im 19. Jahrhundert. Albert Günther stellte 1880 die Gattung Muraenolepis auf und beschrieb die Art Muraenolepis marmorata. Die Tiere waren im Rahmen der zoologischen Erforschung südlicher und antarktischer Meeresgebiete bekannt geworden.
Der wissenschaftliche Gattungsname ist selbst unmittelbar beschreibend. Er verbindet ein Wort aus dem Bedeutungsfeld Muräne beziehungsweise Aal mit griechisch lepís „Schuppe“. Günther hob damit sowohl die aalartige Erscheinung als auch die besondere Beschaffenheit der Schuppen hervor.
Die wissenschaftliche Bezeichnung bestätigt folglich dasselbe sichtbare Merkmal, das später beziehungsweise parallel auch im deutschen Namen Aaldorsch erscheint: Die Tiere sehen oberflächlich auffällig aalartig aus.
Der Familienname Muraenolepididae wurde im frühen 20. Jahrhundert aus dem Gattungsnamen Muraenolepis gebildet. In aktuellen nomenklatorischen Zusammenstellungen wird die Familie auf Charles Tate Regan und das Jahr 1903 zurückgeführt.
Ältere beziehungsweise sekundäre Quellen können für den Familiennamen abweichende Autor- und Jahresangaben nennen. Solche Unterschiede beruhen auf der komplizierten Geschichte zoologischer Familiengruppennamen und ihrer späteren nomenklatorischen Bewertung. Für die Wortbedeutung Aaldorsch sind sie nicht entscheidend.
Im 20. Jahrhundert wurde die Familie lange so behandelt, als umfasse sie ausschließlich die Gattung Muraenolepis. Deshalb findet man in älteren deutschsprachigen Darstellungen die Gleichsetzung:
Aaldorsche = Muraenolepis.
Diese Formulierung erklärt ältere Lexikonartikel, die von einer einzigen Gattung und nur wenigen Arten sprechen.
Spätere taxonomische Untersuchungen differenzierten die Gruppe stärker. 2010 wurde für die tief lebende Art, die früher als Muraenolepis microcephala geführt worden war, die Gattung Notomuraenobathys eingeführt. Die Art wird entsprechend als Notomuraenobathys microcephalus behandelt.
Dadurch wurde die Familie Muraenolepididae von einer nominell eingattungsartigen zu einer zweigattungsartigen Gruppe. Gleichzeitig waren im frühen 21. Jahrhundert mehrere zusätzliche Muraenolepis-Arten beschrieben worden.
Moderne Datenbanken führen deshalb gegenwärtig ungefähr neun gültige Arten in zwei Gattungen. Die genaue Artabgrenzung bleibt dennoch ein Spezialgebiet, weil einige der Fische morphologisch sehr ähnlich sind und ältere Fundangaben nicht immer zuverlässig einer modernen Art zugeordnet werden können.
Genetische Methoden spielen deshalb eine zunehmende Rolle. Besonders bei antarktischen Fischen können äußerlich sehr ähnliche Formen genetisch deutlich unterscheidbar sein, während konservierte Museumsexemplare oder alte Fangserien nur begrenzte Merkmale liefern.
Für das deutsche Lexem bedeutet dieser Forschungsfortschritt vor allem, dass ältere Definitionen wie „Familie mit drei Arten“ oder „Gattung mit acht Arten“ nicht als unveränderliche Wortbedeutung behandelt werden sollten. Die Bedeutung lautet nicht „einer von genau drei Aaldorscharten“, sondern allgemein „Vertreter der Muraenolepididae“.
Gerade dies unterscheidet lexikalische Bedeutung von wechselndem enzyklopädischem Wissen. Die Artenzahl ist ein aktueller wissenschaftlicher Sachstand; der Wortkern bleibt stabil.
Die moderne Forschung untersucht Aaldorsche unter anderem im Zusammenhang mit der Biodiversität des Südpolarmeers. Antarktische und subantarktische Meeresfaunen besitzen zahlreiche endemische beziehungsweise stark südhemisphärisch konzentrierte Entwicklungslinien, deren Geschichte eng mit der geologischen und klimatischen Entwicklung des Südozeans verbunden ist.
Bei den Muraenolepididae wurde diskutiert, ob sie eine besonders alte antarktische Dorschlinie darstellen oder ob ihre Vorfahren die antarktischen Gewässer vergleichsweise später besiedelten. Solche biogeographischen Hypothesen sind von der schlichten deutschen Benennung unabhängig und können sich mit neuen phylogenetischen Daten verändern.
Gesichert ist, dass die Familie heute eine stark südliche Verbreitung besitzt und unter den Dorschartigen durch ihre ungewöhnlich aalartige Gestalt auffällt.
Die Aaldorsche sind deshalb auch morphologisch interessant. Bei vielen Fischen der Ordnung Gadiformes ist der Körper mäßig langgestreckt, doch bleibt ein deutlich erkennbarer Schwanzstiel vorhanden und die Rücken- beziehungsweise Afterflossen sind voneinander getrennt. Bei Aaldorschen ist die Körperverlängerung wesentlich extremer und die unpaarige Flossenregion stärker vereinheitlicht.
Diese Gestalt kann als eine Spezialisierung innerhalb eines dorschverwandten Bauplans verstanden werden. Sie zeigt, dass selbst innerhalb einer einzelnen Fischordnung sehr unterschiedliche Körperformen entstehen können.
Der Begriff konvergente Evolution ist dabei mit Vorsicht anzuwenden. Aaldorsche und echte Aale gehören zu verschiedenen Abstammungslinien und besitzen unabhängig stark verlängerte Körper, sodass eine konvergente Ähnlichkeit vorliegt. Das bedeutet jedoch nicht, dass jedes einzelne gemeinsame Merkmal unabhängig durch exakt denselben Selektionsdruck entstanden sein muss.
Die äußere Übereinstimmung kann vielmehr aus mehreren Veränderungen zusammengesetzt sein: Rumpfverlängerung, Flossenverlängerung, Veränderung der Schwanzregion und Anpassungen an bodennahe beziehungsweise strukturierte Lebensräume.
Die Aalform ist im Fischreich mehrfach unabhängig entstanden. Neben echten Aalen und Aaldorschen finden sich langgestreckte Gestalten beispielsweise bei Aalbarschen, Zitteraalen, Schleimaalen, verschiedenen Schlangenaalen und anderen Gruppen.
Solche Namen zeigen, wie stark der Aal im Deutschen zum prototypischen Vergleichstier für einen langen, schmalen Fischkörper geworden ist.
Der Aaldorsch ist dafür besonders anschaulich, weil auch der wissenschaftliche Name Muraenolepis ein entsprechendes Vergleichsmotiv enthält. Deutscher Trivialname und wissenschaftlicher Gattungsname sind zwar nicht voneinander abgeleitet, greifen aber dieselbe sichtbare Eigenart auf.
Für eine präzise Lexikographie ist deshalb folgende Definition besonders geeignet: Aaldorsch ist ein einzelner Vertreter der Muraenolepididae, einer Familie aalartig langgestreckter mariner Dorschartiger der kalten südlichen Meere.
Zu vermeiden sind dagegen die Definitionen „eine Aalart“, „Kreuzung aus Aal und Dorsch“, „langgestreckter Kabeljau“ oder „Quappe“. Sie geben die tatsächliche zoologische Stellung nicht korrekt wieder.
Etymologie
| Lemma | Aaldorsch |
|---|---|
| Wortbildung | Aal + Dorsch |
| Wortart | Substantiv |
| Genus | Maskulinum |
| Singular | der Aaldorsch |
| Genitiv | des Aaldorschs, des Aaldorsches |
| Plural | die Aaldorsche |
| Bestimmungswort | Aal |
| Grundwort | Dorsch |
| Fugenelement | kein Fugenelement |
| Bildungstyp | substantivisches Determinativkompositum mit Tierbezeichnung als Hinterglied |
| Semantische Relation | Gestalt- und Klassifikationsrelation |
| Grundbedeutung | aalförmiger dorschverwandter Fisch |
| Zoologischer Bezug | Muraenolepididae innerhalb der Gadiformes |
| Historischer Erstbeleg des deutschen Wortes | derzeit nicht hinreichend sicher bestimmt |
Die synchrone Wortbildungsstruktur ist vollkommen transparent:
Das Wort ist ein substantivisches Determinativkompositum. Das Grundwort Dorsch bestimmt das Genus und die Flexion des Gesamtwortes; das Bestimmungswort Aal charakterisiert die auffällige langgestreckte Körperform.
Die semantische Struktur lässt sich paraphrasieren als:
Aaldorsch = Dorsch beziehungsweise dorschartiger Fisch mit aalartiger Gestalt.
Dabei ist Dorsch nicht im engsten alltagssprachlichen Sinn „Kabeljau“ zu verstehen. Aaldorsche gehören weder zur Art Gadus morhua noch zur Gattung Gadus. Das Hinterglied weist vielmehr auf die Zugehörigkeit zu den Dorschartigen hin.
Das Erstglied besitzt eine Vergleichsrelation. Es lässt sich semantisch durch aalförmig beziehungsweise aalähnlich auflösen:
Aal- + Dorsch → aalähnlicher Dorschverwandter.
Diese Beziehung unterscheidet sich von vielen anderen Komposita mit Aal-. Bei Aalhändler ist der Aal Handelsgegenstand, bei Aalfresser Nahrungsobjekt, bei Aalleder Rohstofflieferant und bei Aaldorsch Formmodell.
Die Struktur ähnelt besonders Aalbarsch:
Aal + Barsch → Aalbarsch;
Aal + Dorsch → Aaldorsch.
In beiden Fällen kennzeichnet das Erstglied eine Aalform, während das Grundwort den betreffenden Fisch einer anderen morphologisch-systematischen Gruppe zuordnet.
Das grammatische Geschlecht wird vom Grundwort bestimmt:
der Dorsch → der Aaldorsch.
Der Genitiv lautet des Aaldorschs oder des Aaldorsches; der Plural lautet die Aaldorsche.
Zwischen den beiden Wortbestandteilen steht kein Fugenelement:
Aal + Dorsch → Aaldorsch.
Formen wie *Aalsdorsch, *Aalendorsch oder *Aalesdorsch gehören nicht zur etablierten deutschen Bildung.
Das Erstglied Aal gehört zum alten germanischen Fischwortschatz. Althochdeutsch und mittelhochdeutsch ist āl belegt. Verwandte Formen finden sich unter anderem in niederländisch aal, englisch eel, dänisch und schwedisch ål. Die weiter zurückreichende Herkunft des Fischnamens gilt als nicht abschließend geklärt.
Im Wort Aaldorsch wird diese alte Fischbezeichnung sekundär zum Vergleichswort. Der bezeichnete Fisch gehört nicht zu den Aalen; seine Gestalt wird lediglich durch den bekannten Aalkörper charakterisiert.
Das Grundwort Dorsch ist seinerseits ein nordisch-niederdeutsch geprägtes Fischwort. Neuhochdeutsch Dorsch geht auf mittelniederdeutsch dorsch zurück und steht mit altnordisch beziehungsweise altisländisch þorskr „Dorsch, Kabeljau“ in Verbindung.
Die unmittelbare deutsche Entwicklung lässt sich vereinfacht darstellen als:
altnordisch þorskr → mittelniederdeutsch dorsch → neuhochdeutsch Dorsch.
Das Wort wurde besonders über die norddeutsche Fischerei- und Handelssprache verbreitet. Dies passt zur großen wirtschaftlichen Bedeutung des Kabeljaus und anderer Dorsche in den Meeren Nordeuropas.
Als weitere etymologische Erklärung wird eine Verbindung mit dem Wortfeld um dürr beziehungsweise „trocken“ angenommen. Danach hätte der Name ursprünglich mit dem häufigen Trocknen des Fisches zu Stockfisch zusammenhängen können. Diese Herleitung wird jedoch als wahrscheinlich beziehungsweise hypothetisch behandelt und sollte nicht als vollkommen gesicherte Tiefenetymologie dargestellt werden.
Für die Erklärung von Aaldorsch genügt ohnehin die historisch sichere Bedeutung des Grundwortes Dorsch als Fischname.
Interessant ist, dass der moderne zoologische Gebrauch von Dorsch weiter reichen kann als die alltagssprachliche Bezeichnung des Kabeljaus. Man unterscheidet:
Dorsch – besonders Kabeljau beziehungsweise regional bestimmte Kabeljauformen;
Dorsche – verschiedene dorschartige Fische beziehungsweise in älteren Systemen eine größere systematische Gruppe;
Dorschartige – Ordnung Gadiformes.
Das Hinterglied in Aaldorsch gehört semantisch zur weiteren zoologischen Verwendung.
Auch der wissenschaftliche Gattungsname Muraenolepis ist für die Wortgeschichte von Interesse, obwohl der deutsche Name nicht einfach aus ihm übersetzt werden muss. Albert Günther führte Muraenolepis 1880 ein.
Der erste Bestandteil muraeno- geht auf lateinisch muraena beziehungsweise griechisch mýraina zurück, den alten Namen der Muräne. Das Element wurde hier offenbar wegen der oberflächlich aal- beziehungsweise muränenähnlichen Gestalt verwendet.
Der zweite Bestandteil -lepis geht auf griechisch lepís „Schuppe“ zurück. Der Name nimmt damit zugleich auf die charakteristischen langgestreckten Schuppen Bezug.
Die wissenschaftliche Namensstruktur lässt sich sinngemäß wiedergeben als:
Muränen-/Aalähnlichkeit + Schuppe → Muraenolepis.
Der deutsche Name Aaldorsch und der wissenschaftliche Name Muraenolepis greifen damit unabhängig voneinander dieselbe auffällige äußere Ähnlichkeit auf.
Eine direkte etymologische Ableitung
Muraenolepis → Aaldorsch
ist dadurch jedoch nicht bewiesen. Die deutsche Zusammensetzung ist so transparent, dass sie als eigenständige fachsprachliche Benennung gebildet werden konnte.
Auch die englische Bezeichnung eel cod beziehungsweise eel cods besitzt nahezu dieselbe semantische Struktur:
eel „Aal“ + cod „Dorsch/Kabeljau“ → eel cod;
Aal + Dorsch → Aaldorsch.
Englischer und deutscher Name sind somit strukturell genaue Entsprechungen. Ohne einen historischen Übersetzungsbeleg lässt sich daraus jedoch nicht sicher entscheiden, ob das deutsche Wort unmittelbar als Lehnübersetzung des Englischen entstand oder unabhängig nach demselben offensichtlichen Benennungsmuster gebildet wurde.
Für eine vorsichtige Etymologie ist deshalb nur festzuhalten, dass die deutsche Bezeichnung morphologisch vollständig aus einheimischen Bestandteilen erklärbar ist und sachlich der internationalen Bezeichnung eel cod entspricht.
Der wissenschaftliche Familienname Muraenolepididae ist sekundär aus Muraenolepis gebildet. Das zoologische Suffix -idae kennzeichnet einen Familiennamen.
Die Struktur lautet:
Muraenolepis → Muraenolepididae – Familie der Aaldorsche.
Aktuelle nomenklatorische Zusammenstellungen führen den Familiengruppennamen auf Charles Tate Regan und 1903 zurück. Ältere Nachschlagewerke können andere Jahresangaben nennen, die aus der späteren Behandlung beziehungsweise Veränderung des Familiennamens resultieren.
Die wissenschaftliche Geschichte beeinflusst den Bedeutungsumfang des deutschen Wortes. Während ältere Darstellungen Aaldorsche im Wesentlichen mit der Gattung Muraenolepis gleichsetzen konnten, umfasst die Familie in modernen Klassifikationen zusätzlich Notomuraenobathys.
Daraus ergibt sich eine lexikographische Besonderheit:
Aaldorsch im engeren älteren Gebrauch – Vertreter der Gattung Muraenolepis;
Aaldorsch im weiteren modernen Familiengebrauch – Vertreter der Muraenolepididae.
Da die zweite Fassung die heutige taxonomische Familie vollständiger erfasst, eignet sie sich als moderne Grunddefinition besser.
Die genaue Entstehungszeit des deutschen Wortes ist aus den derzeit sicher greifbaren historischen Belegen nicht zuverlässig zu bestimmen. Das Wort wird in modernen zoologischen Lexika ausdrücklich verwendet; im Lexikon der Biologie des späten 20. Jahrhunderts ist Aaldorsche als feste zoologische Bezeichnung dokumentiert.
Dieser Nachweis darf jedoch nicht als Entstehungsdatum des Wortes behandelt werden. Der wissenschaftliche Name der Gruppe existiert bereits seit dem späten 19. beziehungsweise frühen 20. Jahrhundert, und eine deutsche Bezeichnung kann entsprechend früher verwendet worden sein. Ohne einen überprüften älteren deutschsprachigen Druckbeleg wäre eine genaue Jahresangabe spekulativ.
Deshalb ist für das Lemma die Formulierung „historischer Erstbeleg derzeit nicht hinreichend sicher bestimmt“ sachlich angemessener als die Erfindung eines vermeintlichen Erstbelegs.
Die Bedeutungsentwicklung selbst ist dagegen sehr durchsichtig. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Aaldorsch ursprünglich einen völlig anderen Gegenstand bezeichnet hätte. Das Wort ist als zoologische Benennung nach der aalartigen Form eines dorschartigen Fisches motiviert.
Die Wortgeschichte lässt sich somit als stabile Benennungsrelation darstellen:
auffällig aalähnlicher Körper + Zugehörigkeit zu den Dorschartigen → Aaldorsch.
Anders als beim Aalbock besteht hier kein Grund, die sichtbare Wortgliederung Aal + Dorsch als volksetymologische Scheinzerlegung zurückzuweisen. Bedeutung, Morphologie und zoologische Merkmale passen unmittelbar zusammen.
Das Wort gehört damit zu einer produktiven Gruppe zoologischer Vergleichskomposita, bei denen das Erstglied einen Formtyp und das Grundwort die eigentliche beziehungsweise angenommene systematische Gruppe bezeichnet.
Die etymologische Gesamtentwicklung lässt sich zusammenfassen:
Aal, althochdeutsch und mittelhochdeutsch āl + Dorsch, aus dem niederdeutsch-nordischen Fischwortschatz, mittelniederdeutsch dorsch, verwandt mit altnordisch þorskr → Aaldorsch „aalförmiger dorschverwandter Fisch, Vertreter der Muraenolepididae“. Der genaue früheste deutsche Wortbeleg ist derzeit nicht hinreichend sicher bestimmt.