Aalpricke

Lexikon

Aalpricke ist ein historisches und heute seltenes Wort mit zwei deutlich voneinander zu unterscheidenden Bedeutungen. Zum einen bezeichnet es einen kleinen Aal, der gebraten und anschließend in Essig beziehungsweise einer sauren Marinade eingelegt wird. Zum anderen bezeichnet Aalpricke ein mehrzinkiges Fanggerät zum Stechen beziehungsweise Erfassen von Aalen, das mit Aalgabel, Aaleisen, Aalstecher und Aalstachel weitgehend bedeutungsgleich sein kann. Die beiden Bedeutungen gehören unterschiedlichen Sachgebieten an: Die erste zur historischen Lebensmittel- und Warenkunde, die zweite zur traditionellen Fischereitechnik.

Für eine lexikographische Darstellung ist diese Doppelbedeutung besonders wichtig, weil eine isolierte Definition als „Gerät für den Aalfang“ unvollständig wäre. Ebenso wäre die Beschränkung auf den marinierten Aal irreführend. Historische Wörterbücher und Fachtexte dokumentieren beide Verwendungsweisen ausdrücklich. Daneben begegnet die Schreib- und Lautvariante Aalbricke, die ebenfalls beide Bedeutungen annehmen kann.

Die beiden Bedeutungen stehen nicht in einer einfachen Beziehung wie „Gerät und mit diesem Gerät gefangener Fisch“. Vielmehr beruhen sie auf verschiedenen historischen Bedeutungen des Grundwortes Pricke. Für das Fanggerät steht Pricke im Bedeutungsfeld „Spitze, Stachel, Stecher, spitze Stange“. Für die Speisebezeichnung ist dagegen Pricke als älterer beziehungsweise regionaler Name des Flussneunauges beziehungsweise einer Lamprete von Bedeutung. Ein Aal konnte „nach Art der Pricke“ zubereitet und entsprechend Aalpricke genannt werden.

Diese beiden Wortgeschichten treffen in derselben modernen Schreibform zusammen. Synchron wirkt Aalpricke deshalb weitgehend undurchsichtig: Ein heutiger Sprecher kennt Pricke gewöhnlich weder als alten Namen eines Neunauges noch als Bezeichnung für ein Stechgerät. Im heutigen allgemeinen Standarddeutsch ist Pricke vor allem als norddeutsches beziehungsweise seemännisches Wort für einen in flachen Küstengewässern in den Grund gesteckten Pfahl oder dünnen Baumstamm zur Markierung einer Fahrrinne bekannt.

Die erste Bedeutung: Aalpricke als Speise.

Als Speise bezeichnet Aalpricke einen kleineren Aal, der gebraten und anschließend in Essig beziehungsweise einer sauren Marinade eingelegt wird. Historische Warenkunde und Fischereiliteratur behandeln diese Form der Konservierung neben anderen traditionellen Aalprodukten wie Spickaal, Räucheraal und verschiedenen gekochten oder geschmorten Aalzubereitungen.

Pierers Universal-Lexikon beschreibt 1857 Aalbricke beziehungsweise Aalpricke als marinierten Aal, insbesondere als marinierten Seeaal. An anderer Stelle wird die Zubereitungsweise genauer erklärt: Der Aal werde mariniert und heiße, wenn er „nach Art der Pricke“ bereitet sei, Aalpricke. Diese Formulierung ist für das Verständnis der Wortbedeutung besonders aufschlussreich.

Das zugrunde liegende Wort Pricke bezeichnet nämlich historisch auch das Flussneunauge (Lampetra fluviatilis). Dieses aalähnliche Rundmaul wurde besonders in Norddeutschland und im Ostseeraum als Speisefisch genutzt. Neunaugen wurden traditionell gebraten beziehungsweise geröstet und anschließend sauer eingelegt. Die Zubereitungsart konnte auf kleinere Aale übertragen werden. Der so behandelte Aal wurde folglich als Aalpricke bezeichnet.

Damit liegt bei dieser Bedeutung keine einfache Zusammensetzung im Sinn von „Pricke des Aals“ vor. Die historische semantische Struktur ist vielmehr ungefähr:

Aal + Pricke → Aal, der nach Art einer Pricke beziehungsweise Lamprete zubereitet ist.

Der historische Zusammenhang erklärt zugleich, weshalb das Wort nicht einfach mit marinierter Aal gleichgesetzt werden sollte, ohne seine spezielle Zubereitungstradition zu berücksichtigen. Die Bezeichnung verweist ursprünglich auf eine kulinarische Analogie zwischen Aal und dem als Pricke beziehungsweise Bricke bezeichneten Flussneunauge.

Ein warenkundlicher Beleg von 1873 erwähnt, dass Aale lebend, in Gras verpackt, geräuchert als Spickaal oder mariniert als Aalpricken versandt wurden. Der Plural zeigt, dass Aalpricke als konkrete Waren- beziehungsweise Speisebezeichnung verwendet werden konnte: Eine Aalpricke war ein entsprechend behandelter einzelner Aal beziehungsweise ein einzelnes mariniertes Aalprodukt.

Noch 1951 ist die Bedeutung dokumentiert: Ein fischkundlicher Text erklärt, Aal komme gebraten und in Essig eingelegt als Aalpricke auf den Markt. Die Bezeichnung war somit keineswegs nur eine lexikographische Erinnerung des 19. Jahrhunderts, sondern blieb mindestens bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts verständlich.

Die Variante Aalbricke ist für denselben kulinarischen Begriff ebenfalls historisch belegt. Brockhaus' Kleines Konversations-Lexikon definiert 1911 Aalbricke als kleine gebratene Seeaale in Essigmarinade. Die Formen Pricke und Bricke stehen auch unabhängig vom Kompositum als regionale Bezeichnungen für Neunaugen nebeneinander.

Der Ausdruck Seeaal in älteren Speisedefinitionen muss quellenkritisch behandelt werden. Historische Trivialnamen von Fischen stimmen nicht immer mit moderner zoologischer Taxonomie überein. Für die lexikalische Bedeutung von Aalpricke ist entscheidend, dass ein kleiner Aal beziehungsweise als Aal bezeichneter Fisch gebraten und sauer eingelegt wurde; eine moderne Artbestimmung ist aus einer historischen Warenbezeichnung nicht immer eindeutig abzuleiten.

Das Marinieren erfüllte neben dem Geschmack eine wichtige konservierende Funktion. Vor moderner Kühlung waren Braten, Räuchern, Salzen und Einlegen in Essig bedeutende Verfahren, um leicht verderbliche Fischprodukte länger haltbar zu machen und transportieren zu können. Die historische Aalpricke gehört damit in den größeren Zusammenhang traditioneller Fischkonservierung.

Beim Braten wird der Fisch durch Hitze gegart und zugleich oberflächlich verändert. Das anschließende Einlegen in eine saure Flüssigkeit hemmt bestimmte Verderbsprozesse und verändert Geschmack und Textur. Gewürze, Zwiebeln und weitere Zutaten konnten je nach regionalem Rezept hinzukommen. Nicht jede historische Quelle nennt jedoch dieselben Zutaten, weshalb die lexikographische Definition nicht mit einem bestimmten Rezept gleichgesetzt werden sollte.

Im heutigen allgemeinen Lebensmittelwortschatz ist Aalpricke in dieser Bedeutung weitgehend außer Gebrauch geraten. Umschreibungen wie marinierter Aal, gebratener Aal in Essigmarinade oder sauer eingelegter Aal sind transparenter. Der historische Ausdruck bleibt jedoch für Warenkunde, regionale Esskultur und Fischereigeschichte relevant.

Die zweite Bedeutung: Aalpricke als Fanggerät.

In der zweiten Bedeutung bezeichnet Aalpricke ein traditionelles Fischfanggerät für Aale. Es handelt sich typischerweise um eine an einem langen Stiel befestigte Gabel beziehungsweise einen stechenden eisernen Gerätekopf mit mehreren Zinken. Die Zinken können mit Widerhaken, Zähnen oder anderen Haltestrukturen versehen sein.

Das Gerät wird in den Gewässergrund gestoßen, wenn dort ein Aal vermutet wird. Besonders während kalter Jahreszeiten beziehungsweise Ruheperioden können sich Aale in weichem Schlamm oder anderen Bodensubstraten verbergen. Der Fischer sucht solche Bereiche mit dem Gerät ab. Trifft die Aalpricke auf einen Aal, soll dieser zwischen den Zinken eingeklemmt beziehungsweise von Spitzen oder Widerhaken erfasst werden, sodass er mit dem Gerät aus dem Wasser gezogen werden kann.

Historische Quellen beschreiben einen verbreiteten Typ als dreizackige Gabel mit Widerhaken. Diese Bauform ist jedoch nicht als einzig mögliche Definition zu verstehen. Wie bei Aaleisen und Aalstecher konnten Form, Zinkenzahl und konstruktive Einzelheiten regional variieren.

Das Digitale Wörterbuch der deutschen Etymologie dokumentiert die Gerätebedeutung bereits für 1793. In Jacobssons Technologischem Wörterbuch wird die Aalpricke als ein ähnliches Instrument innerhalb einer Beschreibung von Aal-Fanggeräten genannt. Pierers Universal-Lexikon setzt 1857 Aalbricke (Aalpricke) ausdrücklich mit Aalgabel gleich.

Die regionale Fischereisprache liefert zusätzliche Hinweise. Eine ostfriesisch-niederdeutsche Bezeichnung für dasselbe beziehungsweise ein sehr ähnliches Gerät ist âltûke. Beschrieben wird darunter eine dreizackige, mit Widerhaken versehene Gabel an einer langen Stange, die in den Gewässergrund gestoßen wird, um einen dort im Schlamm ruhenden Aal zu prikken.

Gerade diese verbale Beschreibung macht die zweite Etymologie des Wortes anschaulich. Pricken gehört zum Bedeutungsfeld „stechen, mit einer Spitze bearbeiten“. Die Aalpricke ist damit funktional das Gerät, mit dem nach Aalen gestochen beziehungsweise „geprickt“ wird.

Auch ältere ostpreußische Wortschatzsammlungen setzen Aalpricke mit Aalstecher und Aalgabel gleich. Die Bezeichnung fügt sich dadurch in eine breite regionale Synonymengruppe ein.

Zu diesem Wortfeld gehören:

Aaleisen – Benennung nach dem eisernen Material beziehungsweise Werkzeugkopf.

Aalgabel – Benennung nach der gabelartigen Gestalt.

Aalstecher – Benennung nach der Fanghandlung des Stechens.

Aalstachel – Benennung nach den stechenden Spitzen.

Aalschere – Bezeichnung, die stärker eine klemmende Wirkungsweise hervorhebt.

Aalpricke – Benennung aus dem Bedeutungsfeld „Spitze, Stachel, Stecher; stechen“.

Elger beziehungsweise ältere Formen wie Aalger – Bezeichnungen aus einem anderen historischen Wortstamm für Speer beziehungsweise Spieß.

Diese Namen sind nicht in jedem historischen Kontext vollständig synonym. Unterschiedliche Gerätekonstruktionen konnten unterschiedliche Bezeichnungen begünstigen. Dennoch überschneiden sich die Bedeutungsbereiche stark, und historische Wörterbücher erklären eines dieser Wörter häufig durch ein anderes.

Die Aalpricke gehört zu einer weit älteren Tradition des Fischfangs mit mehrzinkigen Stechgeräten. Speere, Harpunen und gabelartige Fischfanggeräte sind archäologisch seit vorgeschichtlicher Zeit nachweisbar. Dennoch darf ein steinzeitliches oder bronzezeitliches Fanggerät nicht ohne sprachlichen Beleg rückwirkend Aalpricke genannt werden. Die Sachgeschichte eines Fangprinzips ist älter als die dokumentierte Geschichte des deutschen Wortes.

Das Fangverfahren ist grundsätzlich aktiv. Das unterscheidet die Aalpricke von Aalreuse, Aalkorb, Aalhamen und Aalschnur. Bei diesen Fangmethoden bewegt sich der Fisch selbst in eine Falle beziehungsweise zum Köder. Mit der Aalpricke versucht der Fischer dagegen aktiv, einen im Gewässergrund befindlichen Aal unmittelbar zu treffen und zu erfassen.

Das Verfahren war besonders dort möglich, wo sich die ungefähren Aufenthaltsplätze der Tiere vorhersagen ließen. Schlammige, weiche oder tonige Gewässerbereiche konnten im Winter oder während bestimmter Ruhephasen als Aallager dienen. Der Fischer musste solche Stellen kennen und den Boden mit dem langen Gerät systematisch absuchen.

Ein unmittelbarer Sichtkontakt war dabei vielfach nicht vorhanden. Die Aalpricke wurde gewissermaßen blind in den Schlamm gestoßen. Die erfolgreiche Verwendung verlangte daher Erfahrung mit Gewässer, Jahreszeit, Wassertiefe und Verhalten der Aale.

Das Gerät konnte vom Ufer oder vom Boot aus eingesetzt werden. Ein langer Schaft ermöglichte es, auch tiefer liegende Bodenzonen zu erreichen. Die eigentliche Pricke beziehungsweise der metallene Fangkopf bildete nur den unteren Teil des gesamten Gerätes; der lange Holzschaft lieferte Reichweite und Kraftübertragung.

Bei winterlicher Fischerei konnte ein entsprechendes Fanggerät auch durch Öffnungen im Eis eingesetzt werden. Die Fähigkeit, im Schlamm ruhende Aale zu erfassen, machte das Verfahren gerade zu Zeiten interessant, in denen die Tiere weniger aktiv waren und andere Fangmethoden geringere Ergebnisse liefern konnten.

Aus heutiger Perspektive ist zu berücksichtigen, dass diese Fangweise erhebliche Verletzungen verursachen kann. Die Zinken, Spitzen und Widerhaken dringen in den Körper ein beziehungsweise klemmen den Fisch stark ein. Historische Aalstechgeräte gehören deshalb zu den verletzenden Fanggeräten. Für die lexikographische Definition ist dies relevant, weil die Aalpricke gerade nicht wie ein Kescher lediglich einen unverletzten Fisch umschließt.

Die Bezeichnung Pricke besitzt dabei mehrere weitere historische Bedeutungen. Mittelniederdeutsch pricke bezeichnet einen Stecher, eine Spitze oder einen Stachel. Aus demselben Wortfeld stammt das heutige norddeutsche Pricke für eine spitze Stange beziehungsweise einen Pfahl zur Fahrwassermarkierung im Watt. Das gemeinsame semantische Merkmal ist der spitze, in einen Untergrund gesteckte beziehungsweise stechende Gegenstand.

Das Etymologische Wörterbuch des Althochdeutschen stellt mittelniederdeutsch pricke „Stecher, Spitze, Stachel“ in eine westgermanische Wortfamilie, die mit dem Bedeutungsfeld stechen, durchbohren, Spitze verbunden ist. Entsprechungen bestehen in mehreren germanischen Sprachen.

Die Gerätebedeutung von Aalpricke ist deshalb morphologisch und semantisch ausgesprochen transparent, sobald das historische Grundwort bekannt ist:

Aal + Pricke „Stecher, Stachel“ → stechendes Gerät zum Aalfang.

Die heutige seemännische Bedeutung von Pricke hat denselben historischen Hintergrund. Eine Fahrwasserpricke ist ein langer angespitzter Stamm beziehungsweise Pfahl, der in den Watt- oder Gewässergrund gesteckt wird. Sie ist jedoch selbstverständlich kein Fischfanggerät. Das gemeinsame Grundmotiv besteht allein in der spitzen beziehungsweise eingestochenen Stange.

Daneben bezeichnete Pricke historisch einen Fisch, nämlich insbesondere das Flussneunauge. Gerade diese Bedeutung ist wiederum für die Speisebezeichnung Aalpricke entscheidend. Das Wort besitzt damit eine ungewöhnlich komplexe semantische Struktur: Innerhalb eines einzigen Kompositums können zwei verschiedene historische Bedeutungen des Grundwortes Pricke wirksam werden.

Das Flussneunauge (Lampetra fluviatilis) ist kein Aal im zoologischen Sinn. Es gehört zu den Neunaugen, also kieferlosen Wirbeltieren. Seine langgestreckte aalähnliche Gestalt führte jedoch zu einer gewissen äußeren Vergleichbarkeit mit Aalen. Historische Namen wie Pricke, Bricke und Lamprete beziehen sich auf dieses Tier.

Das Etymologische Wörterbuch des Althochdeutschen hält es für wahrscheinlich, dass auch der Fischname mittelniederdeutsch pricke zur Wortfamilie „Spitze, Stachel“ gehört. Als Benennungsmotiv wird die spitze beziehungsweise längliche Gestalt des Flussneunauges erwogen. Damit sind die Fisch- und Werkzeugbedeutung historisch möglicherweise nicht völlig voneinander unabhängig, auch wenn sie sich später deutlich auseinanderentwickelten.

Aus lexikographischer Sicht sollte Aalpricke daher nicht einfach als polysemes Wort mit zufällig zwei Bedeutungen beschrieben werden, ohne diese historische Struktur zu erläutern. Präziser ist festzustellen, dass zwei fach- beziehungsweise regionalsprachliche Verwendungsweisen derselben Form vorliegen, deren Grundwort jeweils anders interpretiert wird.

Bei der Speise lautet die historische Bedeutungsstruktur ungefähr:

Aalpricke = Aal, der wie eine Pricke beziehungsweise Lamprete zubereitet wird.

Beim Fanggerät lautet sie dagegen:

Aalpricke = Pricke beziehungsweise Stechgerät für den Aalfang.

Die Variante Aalbricke kompliziert das Bild zusätzlich. Bricke ist landschaftlich als Bezeichnung für ein Neunauge belegt und geht auf die niederdeutsche Form pricke zurück. Historische Lexika verwenden Aalbricke und Aalpricke sowohl für den marinierten Aal als auch für das Fanggerät.

Die Formen sollten deshalb nicht als zwei völlig unabhängige moderne Standardwörter behandelt werden. Sie gehören vielmehr zu einem nord- und niederdeutsch geprägten historischen Wortfeld, dessen Laut- und Schreibformen in den Quellen schwanken können.

Für die Speisebedeutung ist außerdem eine Abgrenzung zum eigentlichen Neunauge erforderlich. Eine Aalpricke ist hier gerade kein Flussneunauge. Sie ist ein Aal, der nach der für Pricken beziehungsweise Lampreten üblichen Weise zubereitet wird. Die Ähnlichkeit liegt in der Verarbeitung und Präsentation, nicht in der zoologischen Identität.

Ebenso ist die Gerätebedeutung von der heutigen seemännischen Pricke abzugrenzen. Eine Fahrwasserpricke markiert eine Fahrrinne und ist kein Fischfanggerät. Beide Wörter teilen jedoch das ältere Bedeutungsfeld der spitzen Stange beziehungsweise Spitze.

Die Aalpricke ist außerdem nicht mit der Aalglippe zu verwechseln. Die Aalglippe ist ein rahmen- und netzartiges Fanggerät, in das aufgescheuchte Aale hineingetrieben werden. Die Aalpricke arbeitet unmittelbar mit Zinken beziehungsweise Spitzen.

Von der Aalreuse unterscheidet sie sich noch deutlicher. Eine Reuse ist ein passives Fanggerät mit trichterförmigen Eingängen. Die Aalpricke ist ein vom Fischer aktiv geführtes Stoßgerät.

Auch die Aalglocke gehört trotz des gemeinsamen Erstglieds in einen völlig anderen Funktionsbereich. Sie ist ein akustischer Bissanzeiger beim Angeln und greift weder den Aal unmittelbar an noch bildet sie eine Falle.

Die historische Aalpricke als Fanggerät gehört heute vor allem in Museen, Fischereigeschichte, Dialektwörterbücher und Darstellungen traditioneller Fangtechnik. Die Speisebezeichnung ist ebenfalls weitgehend historisch beziehungsweise regional geworden. Dadurch treffen in einem heute sehr seltenen Lemma zwei Bereiche norddeutscher Kulturgeschichte aufeinander: traditionelle Fischverarbeitung und traditionelle Fangtechnik.

Lexikographisch sollte Aalpricke deshalb mit zwei Hauptbedeutungen angesetzt werden:

1. historisch: kleiner, gebratener und in Essig beziehungsweise saurer Marinade eingelegter Aal, nach Art einer als Pricke bezeichneten Lamprete zubereitet;

2. historisch/regional: mehrzinkiges Stech- beziehungsweise Klemmgerät zum Fang von Aalen, weitgehend gleichbedeutend mit Aalgabel, Aaleisen und Aalstecher.

Etymologie

Die Etymologie von Aalpricke ist ungewöhnlich, weil die beiden historisch belegten Bedeutungen des Gesamtwortes auf unterschiedliche Bedeutungen des Grundwortes Pricke zurückgehen. Formal lautet die Zusammensetzung in beiden Fällen:

Aal + Pricke → Aalpricke.

Das Wort ist formal ein substantivisches Determinativkompositum. Sein Genus richtet sich nach dem Grundwort: die Aalpricke. Der reguläre Plural lautet die Aalpricken. Die Zusammensetzung besitzt kein Fugenelement.

Das Erstglied Aal gehört zum alten germanischen Wortschatz. Althochdeutsch und mittelhochdeutsch ist āl belegt. Vergleichbare Formen existieren unter anderem im Niederländischen, Englischen und in den nordgermanischen Sprachen. Die weiter zurückreichende Herkunft des Fischnamens ist nicht abschließend geklärt.

Komplexer ist das Grundwort Pricke. Mittelniederdeutsch pricke bedeutet unter anderem „Stecher, Spitze, Stachel“. Das Wort gehört zu einer westgermanischen Familie mit dem Bedeutungszentrum stechen, durchbohren, spitzer Gegenstand.

Das Etymologische Wörterbuch des Althochdeutschen rekonstruiert für diese Wortfamilie germanische beziehungsweise westgermanische Formen und verweist auf zahlreiche Verwandte. Dazu gehören Wörter für Punkte, Spitzen, kleine Stangen und Vorgänge des Durchbohrens in verschiedenen germanischen Sprachen.

Im heutigen Deutschen lebt diese Bedeutung besonders in Pricke als nautischer Bezeichnung weiter. Eine Pricke ist ein dünner, gewöhnlich angespitzter Stamm oder Pfahl, der in flachen Küstengewässern beziehungsweise im Watt in den Grund gesteckt wird, um eine Fahrrinne zu markieren. Duden führt das Wort ausdrücklich auf niederdeutsch beziehungsweise mittelniederdeutsch pricke „spitze Stange, Spitze“ zurück.

Aus derselben beziehungsweise einer eng verwandten historischen Wortfamilie stammt wahrscheinlich das Verb pricken im Sinn von „stechen, mit einer Spitze bearbeiten“. Die Gerätebedeutung der Aalpricke ist daher unmittelbar verständlich:

Pricke „Stecher, Spitze, Stachel“ → Aalpricke „Stecher beziehungsweise stechendes Fanggerät für Aale“.

Der historische Gerätebeleg von 1793 passt genau zu dieser Herleitung. Ein mit Zinken und Widerhaken ausgestattetes Werkzeug wird an einer langen Stange geführt und in den Grund gestoßen. Das bezeichnete Instrument ist buchstäblich eine „Pricke“ für Aale.

Auch ostfriesische Wörterbücher bewahren entsprechende Formen. Varianten wie Äileprikke, Äileprigge beziehungsweise verwandte Formen werden mit Aaleisen, Aalpricke, Aalgabel und Elger erklärt. Diese Dialektbelege zeigen, dass die Bildung besonders im niederdeutschen und friesischen Küstenraum fest verankert war.

Ein historischer ostpreußischer Wörterbuchbeleg erklärt Aalpricke ebenfalls unmittelbar als Aalstecher beziehungsweise Aalgabel. Auch dort gehört Pricke zum Wortfeld spitzer Werkzeuge und Stangen.

Parallel dazu besitzt Pricke jedoch eine zweite für das Kompositum wichtige Bedeutung: Pricke = Flussneunauge beziehungsweise Lamprete.

Mittelniederdeutsch pricke und mittelniederländisch pricke sind als Bezeichnungen des Flussneunauges dokumentiert. Das Etymologische Wörterbuch des Althochdeutschen hält es für wahrscheinlich, dass auch dieser Fischname zur Wortfamilie „Spitze, Stachel“ gehört. Als mögliches Benennungsmotiv bietet sich der langgestreckte beziehungsweise spitz wirkende Körper und Kopf des Tieres an.

In späterem Deutsch stehen dafür Formen wie Pricke, Bricke, Flusspricke und regional weitere Varianten. Das Flussneunauge ist ein aalähnlich aussehendes, aber zoologisch nicht zu den Aalen gehörendes Wirbeltier. Es gehört zu den Rundmäulern beziehungsweise Neunaugen.

Diese Fischbezeichnung bildet die Grundlage der kulinarischen Bedeutung von Aalpricke. Historische Quellen erklären ausdrücklich, ein marinierter Aal heiße so, wenn er „nach Art der Pricke“ bereitet werde.

Die Wortbildung ist hier deshalb semantisch ungewöhnlicher. Das Grundwort Pricke bezeichnet ursprünglich einen anderen Fisch beziehungsweise eine traditionelle Speise aus diesem Fisch. Der Aal wird aufgrund derselben Zubereitungsweise unter Bezug auf dieses Vorbild benannt.

Die semantische Entwicklung kann vereinfacht dargestellt werden:

Pricke „Flussneunauge“ → gebratene und sauer eingelegte Pricke als traditionelle Fischspeise → Aal in entsprechender Zubereitung → Aalpricke.

Der Ausdruck bezeichnet somit zunächst keine zoologische Mischform aus Aal und Pricke, sondern eine kulinarische Analogiebildung. Vergleichbar wäre eine Benennung, bei der ein Lebensmittel nach der für ein anderes Lebensmittel charakteristischen Zubereitungsart bezeichnet wird.

Diese Erklärung wird durch Pierers Universal-Lexikon von 1857 besonders deutlich gestützt. Dort wird beim Aal ausdrücklich erwähnt, dass man ihn mariniert und dass er, nach Art der Pricke bereitet, Aalpricke heiße. Der historische Text liefert damit unmittelbar die semantische Motivation des Wortes.

Für diese Speisebedeutung erscheint neben Aalpricke besonders häufig die Variante Aalbricke. Das Grundwort Bricke ist eine landschaftliche Bezeichnung des Neunauges. Duden führt Bricke auf niederdeutsch beziehungsweise mittelniederdeutsch pricke zurück.

Die Variation Pricke – Bricke ist daher bereits innerhalb des Fischnamens vorhanden. Entsprechend können die zusammengesetzten Speisebezeichnungen Aalpricke und Aalbricke nebeneinander auftreten.

Historische Lexika übertragen diese Varianten bemerkenswerterweise auch auf die Gerätebedeutung. Pierer verzeichnet Aalbricke (Aalpricke) sowohl als marinierten Aal als auch als mit der Aalgabel gleichbedeutendes Fanggerät. Die formale Überschneidung war damit bereits im 19. Jahrhundert lexikographisch vollständig ausgeprägt.

Aus heutiger Sicht lässt sich deshalb nicht einfach eine einzige Bedeutung von Pricke ansetzen und daraus sämtliche Vorkommen von Aalpricke erklären. Für eine etymologisch genaue Analyse müssen mindestens zwei Ableitungswege getrennt werden.

Gerätebezeichnung:

Aal + Pricke „Stecher, Spitze, Stachel“ → Aalpricke „Stechgerät zum Aalfang“.

Speisebezeichnung:

Aal + Pricke „Flussneunauge; daraus bereitete Speise“ → Aalpricke „wie eine Pricke gebratener und marinierter Aal“.

Die beiden Bedeutungen sind damit synchron homonym beziehungsweise zumindest stark homonymieähnlich, historisch aber über verschiedene Zweige derselben älteren Wortfamilie miteinander verbunden. Eine strikte Entscheidung zwischen „Polysemie“ und „Homonymie“ hängt davon ab, wie weit man die gemeinsame Etymologie des Grundwortes gewichtet.

Für ein gegenwartsbezogenes Lexikon ist eine Behandlung als zwei getrennte Bedeutungen eines historischen Lemmas am übersichtlichsten. Ein heutiger Sprecher kann aus der Form allein nicht erkennen, ob ein Fanggerät oder eine Fischspeise gemeint ist.

Die Gerätebedeutung ist nach den hier herangezogenen Quellen spätestens 1793 sicher belegt. Jacobsson nennt damals die Aalpricke als Fischereiinstrument. 1857 setzt Pierer die Form mit Aalgabel gleich. Regionale Wörterbuchbelege reichen anschließend bis in jüngere Zeit.

Für die Speisebedeutung liefert Pierer 1857 einen klaren lexikographischen Nachweis; 1873 erscheinen Aalpricken als marinierte Handelsware, und 1951 ist die Bezeichnung noch für gebratenen und in Essig eingelegten Aal dokumentiert.

Der historische Wandel zeigt damit zwei unterschiedliche Entwicklungen. Die Aalpricke als Fanggerät wurde zunehmend von transparenteren Bezeichnungen wie Aalstecher, Aaleisen und Aalgabel verdrängt. Die Aalpricke als Speise wurde zunehmend durch Ausdrücke wie marinierter Aal oder sauer eingelegter Aal ersetzt.

Zusätzlich wurde das selbständige Wort Pricke im modernen Standarddeutsch semantisch vor allem durch die nautische Bedeutung „Stangenseezeichen“ geprägt. Dadurch sind beide historischen Aalpricke-Bedeutungen für heutige Sprecher noch weniger unmittelbar durchsichtig.

Wortgeschichtlich ist Aalpricke deshalb besonders interessant: Dasselbe Schriftbild verbindet Fischerei, Fischfang, traditionelle Fischkonservierung, niederdeutsche Dialektgeschichte und einen alten germanischen Wortstamm für Spitze und Stechen.

Die etymologische Gesamtentwicklung kann abschließend folgendermaßen zusammengefasst werden:

pricke „Spitze, Stachel, Stecher“ → Pricke als Stechgerät → Aalpricke „Stechgerät für Aale“;

pricke „Spitze, Stachel“ → Pricke „Flussneunauge“ → traditionelle gebratene und marinierte Pricke → Aalpricke „entsprechend zubereiteter Aal“.