Hans Aßmann Freiherr von Abschatz – Porträt (Barockzeit)
Hans Aßmann Freiherr von Abschatz, schlesischer Barockdichter und Übersetzer.

Hans Aßmann Freiherr von Abschatz (1646–1699) ist eine der markanten Stimmen der deutschsprachigen Barocklyrik und ein profilierter Vertreter der Zweiten Schlesischen Schule. In seiner Person verschränken sich adelige Standesidentität, politische Verantwortung im Dienste des schlesischen Protestantismus und eine intensive, zugleich lange wenig bekannte lyrische Produktion, die Liebesdichtung, pastorale Rollenlyrik, geistliche Lieder und Übersetzungen umfasst.

Besonders bemerkenswert ist, dass Abschatz als Angehöriger des alten Landadels die Dichtung nicht als bloßes Spiel oder Zeitvertreib behandelt, sondern als ernst zu nehmende kulturelle Praxis versteht. Seine poetischen und übersetzerischen Arbeiten stehen in engem Zusammenhang mit einer biographisch fundierten Erfahrung politischer Umbrüche, konfessioneller Spannungen und der Herausforderung, adelige Lebensform, Frömmigkeit und literarischen Ausdruck zueinander ins Verhältnis zu setzen.

  1. 1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
  2. 2. Literarisch-historische Einordnung
  3. 3. Themen und Motive
  4. 4. Sprachliche und formale Eigenart
  5. 5. Bedeutung und Nachwirkung
  6. 6. Hans Aßmann Freiherr von Abschatz im Lyrik Atlas

1. Biographische und kulturelle Ausgangslage

Hans Aßmann von Abschatz entstammt einem seit dem Mittelalter bezeugten schlesischen Adelsgeschlecht. Geboren 1646 in Breslau und aufgewachsen in der Region Liegnitz, erlebt er seine Kindheit im Schatten des Dreißigjährigen Krieges und dessen langfristiger politischen wie konfessionellen Folgen. Früh verwaist, durchläuft er eine Ausbildung, die ihn vom Gymnasium in Liegnitz zu juristischen Studien in Straßburg und Leiden führt; Reisen nach Holland, Frankreich und Italien erweitern den Horizont und vermitteln Eindrücke europäischer Hof- und Literaturlandschaften.

Nach seiner Rückkehr übernimmt Abschatz die Verwaltung ausgedehnter Familiengüter und fügt sich damit zunächst in die Erwartung eines landadligen Lebensmodells ein. Zugleich beginnt die politische Karriere: Im Zuge der habsburgischen Konsolidierung nach dem Aussterben der schlesischen Piasten wird Abschatz zu einem wichtigen Vertreter der Liegnitzer Stände. Als Landesbestellter und Abgeordneter bei den schlesischen Fürstentagen setzt er sich dafür ein, angestammte Rechte zu sichern und insbesondere die Position des lutherisch geprägten Adels gegenüber der katholischen Krone zu behaupten.

Politisches Amt, adelige Selbstverpflichtung und persönliche Frömmigkeit bilden den Rahmen, innerhalb dessen seine Dichtung entsteht. Die religiös aufgeladene Krisenerfahrung der Epoche – Krieg, Konfessionskonflikt, dynastischer Wandel – prägt die Wahrnehmung der eigenen Lebenszeit und schlägt sich in Reflexionen über Vergänglichkeit, Gnade und Verantwortung nieder, ohne dass Abschatz je in einen radikalen Kulturpessimismus verfiele.

2. Literarisch-historische Einordnung

Literaturgeschichtlich gehört Abschatz in den Umkreis der Zweiten Schlesischen Schule, neben Autoren wie Andreas Gryphius, Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau oder Daniel Casper von Lohenstein. Er steht mit diesen Figuren teils in direkter Korrespondenz und Freundschaft; zugleich nimmt seine Position durch Herkunft und politische Funktion eine Sonderstellung ein: Der schreibende Adlige, der seine poetische Tätigkeit reflektiert und auf Standesgenossen exemplarisch wirken möchte.

Sein Werk umfasst Liebesdichtung, pastorale Rollenlyrik, barocke Gelegenheitsgedichte, geistliche Lieder und eine Reihe bedeutender Übersetzungen, insbesondere aus dem Italienischen und Französischen. Die Übertragung von Giovanni Battista Guarinis Schäferspiel Il pastor fido (Der teutsch-redende treue Schäffer) und die berühmte deutsche Fassung von Marc Antoine de Saint-Amants Ode La Solitude (Die angenehme Wüsteney) zeigen Abschatz als hochsensiblen Vermittler europäischer Literatur, der fremde Formen in die deutsche Barockpoetik einfügt.

Seine geistliche Lyrik – besonders die unter dem Titel Himmelschlüssel oder geistliche Gedichte überlieferten Texte – steht in engem Zusammenhang mit der lutherischen Liedtradition. Mehrere Stücke gehen in Gesangbücher ein; Sterbelieder wie Nun hab ich überwunden werden zu Texten, in denen persönliche Frömmigkeit, konfessionelle Lehrtradition und barocke Lebenskrisenerfahrung sich verdichten.

3. Themen und Motive

Abschatz’ Werk ist von der barocken Grundspannung zwischen Vergänglichkeit und göttlicher Ordnung durchzogen. Immer wieder begegnet das Motiv des Lebenslaufs, der Rückschau auf eigene Jahre, der Bilanz von Schuld, Gnade und Bewahrung – paradigmatisch im Gedicht Betrachtung funffzig-jährigen Lebens-Lauffs, das autobiographische Selbstdeutung mit barocker Vanitas-Reflexion verbindet.

Ein zweites zentrales Themenfeld bildet die Liebes- und Rollenlyrik, in der Abschatz häufig pastorale Masken verwendet: Namen wie „Amaranthe“ oder „Anemone“ für die Geliebte, Schäferfiguren und ländliche Szenerien schaffen einen ästhetisch stilisierten Raum, in dem Leidenschaft, Treue, Ehre und Standesbewusstsein in ein komplexes Spiel aus Nähe und Distanz treten. Die pastorale Welt fungiert dabei nicht als bloßer Eskapismus, sondern als Spiegel der höfisch-adligen Kommunikationsformen.

Hinzu treten geistliche Motive, in denen die Erfahrung des Leidens, des Todes und der Hoffnung auf Auferstehung im Vordergrund steht. Sterbe- und Trostlieder verarbeiten persönliche Verlusterfahrungen und die kollektive Erinnerung an kriegerische Verwüstungen; sie verbinden eine relativ schlichte, volksliednahe Diktion mit dogmatisch gebundener Gewissheitsrhetorik. Nicht zuletzt thematisiert Abschatz immer wieder den Adel selbst: Stand, Pflicht, Bildung und „Verdienst“ treten als Leitbegriffe auf, mit denen er eine Form von innerweltlicher Adelsmoral zu umreißen versucht.

4. Sprachliche und formale Eigenart

Sprachlich bewegt sich Abschatz im Feld der barocken Ornamentik, ohne dabei in die extremsten Übersteigerungen der Zeitgenossen zu verfallen. Metaphorik, Emblematik, antike und biblische Anspielungen sind präsent, bleiben aber meist im Dienst einer vergleichsweise klaren Satzführung. Gerade die geistlichen Gedichte zeichnen sich durch eine gewisse Zurücknahme der rhetorischen Überfülle zugunsten eines verständlichen, für die Gemeinde anschlussfähigen Tons aus.

Formell beherrscht Abschatz das Repertoire barocker Strophen- und Versformen: Sonett, Ode, Liedstrophe, pastoraler Dialog. Seine Übersetzungen sind nicht bloß sprachliche Übertragungen, sondern zugleich poetologische Experimente: Er lotet aus, wie weit sich fremdsprachige metrische und rhetorische Strukturen in das deutsche Verssystem integrieren lassen, ohne den eigenen Klangraum preiszugeben.

Charakteristisch ist zudem die Selbstreflexivität seiner Dichtung: Immer wieder thematisiert er das Schreiben selbst, das Verhältnis von Standeswürde und „Kunst“, die Frage, ob und wie ein Adliger sich literarisch exponieren darf. In dieser optischen Brechung wird Dichtung zur Bühne, auf der nicht nur Gefühle, sondern auch adelige Selbstbilder verhandelt werden.

5. Bedeutung und Nachwirkung

Zu Lebzeiten ist Abschatz nur einem relativ kleinen Kreis befreundeter und verwandter Autoren präsent; eine größere Verbreitung seiner Gedichte setzt erst mit der frühen 18. Jahrhundert-Edition durch Christian Gryphius ein, der die Texte zusammenstellt und mit einem Ehrenvorwort versieht. Später wird sein Name vor allem im Zusammenhang mit der Zweiten Schlesischen Schule genannt, wobei die Forschung zunehmend das spezifische Profil dieses „adeligen Barockdichters“ herausarbeitet.

Nachwirkungsmächtig bleiben insbesondere seine geistlichen Lieder, die in Gesangbüchern fortleben und damit in eine Frömmigkeitspraxis eingehen, die weit über den engeren literarischen Kanon hinausreicht. In der neueren Barockforschung gewinnt Abschatz zudem als Beispielfigur für das Verhältnis von Literatur und Standeskultur an Bedeutung: Seine Biographie und sein Werk erlauben Einblicke in die Art, wie der protestantische schlesische Adel im 17. Jahrhundert auf die Herausforderungen von Krieg, Konfessionspolitik und kultureller Modernisierung reagiert.

Für die Geschichte der deutschen Übersetzungskultur ist Abschatz ein wichtiger Vermittlerromanistischer und italienischer Literatur, dessen Übertragungen nicht nur Stoffe, sondern auch ästhetische Verfahren und Sensibilitäten transportieren. Sie markieren einen Schritt auf dem Weg zu einer deutschsprachigen Literatur, die sich selbstbewusst im europäischen Kontext verortet.

6. Hans Aßmann Freiherr von Abschatz im Lyrik Atlas

Im Lyrik Atlas wird Hans Aßmann Freiherr von Abschatz vor allem dort erschlossen, wo sich adelige Lebensform, barocke Krisenwahrnehmung und poetische Reflexion exemplarisch berühren: in Liebes- und Rollenlyrik, in geistlichen Liedern und in ausgewählten Übersetzungen, die die europäische Dimension seines Schreibens sichtbar machen. Ein besonderes Augenmerk liegt auf Texten, in denen autobiographische Rückschau, Standesethik und theologisch fundierte Hoffnung miteinander verschränkt erscheinen.

Analysen auf wilgoe.de:

Auswahl zentraler Werkfelder (orientierend):

  • Liebes- und Rollenlyrik: etwa die unter dem Titel Anemons und Adonis Blumen zusammengefassten Gedichte.
  • Geistliche Lyrik: die Sammlung Himmelschlüssel oder geistliche Gedichte mit Sterbe- und Trostliedern wie Nun hab ich überwunden.
  • Übersetzungen und Adaptationen: insbesondere Guarinis Il pastor fido (Der teutsch-redende treue Schäffer) und die Übertragung von Saint-Amants La Solitude (Die angenehme Wüsteney).
  • Gelegenheitsdichtung und Trauertexte: Gedichte zu familiären und politischen Anlässen im Umfeld des schlesischen Adels.
  • Autobiographisch gefärbte Reflexionen: Texte wie Betrachtung funffzig-jährigen Lebens-Lauffs, in denen Lebensbilanz und barocke Vanitasreflexion zusammentreten.