Hans Aßmann Freiherr von Abschatz: »Mein allein/ oder laß es gar seyn«
Das Gedicht formuliert eine scharfe Alternative: Das lyrische Ich bietet dem Gegenüber sein Herz ganz an, verlangt dafür jedoch die exklusive Erwählung und kündigt im Fall einer „fremden“ Bindung den sofortigen Rückzug der eigenen Hingabe an.
Im Zentrum steht die Spannung zwischen bedingungsloser Selbstgabe und radikaler Selbstwahrung: Treue wird als Reinheit behauptet, aber sie ist an die Freiheit von Konkurrenz gebunden, sodass Liebe hier zugleich als Bindung und als entschlossene Loslösung gedacht wird.
Typisch barock ist die antithetische Zuspitzung („gantz zu eigen“ vs. „hinwieder zu mir“) und die Bildwelt von Joch, Strick und Freyheit, die Liebeswahl als existentielle Fesselung oder Befreiung dramatisiert und die Rede in den Ton einer strengen, fast vertraglichen Liebesmaxime hebt.
I. Beschreibung des Gedichts
1. Formale Grundstruktur
Das Gedicht ist äußerst knapp und pointiert gebaut: Es besteht aus zwei Strophen zu je vier Versen, insgesamt also acht Verse. Diese kurze, symmetrische Anlage begünstigt eine strenge Gedankenführung, die auf Alternative, Bedingung und Konsequenz hin zugespitzt ist. Als Gedichttyp deutet sich eine galante Liebesrede an, genauer eine Treue- und Exklusivitätsforderung in der Form einer knappen, fast „vertraglichen“ Bindungserklärung: Das Ich bietet vollständige Hingabe an, knüpft sie aber an die ausschließliche Wahl durch das Du und formuliert zugleich den Rückzug im Fall einer fremden Verbindung.
Das Versmaß ist insgesamt auf einen jambischen Grundgestus hin gebaut, der an den jambischen Fünfheber (mit wechselnder männlicher und weiblicher Kadenz) erinnert: Die Verse sind überwiegend kurz bis mittellang, bewegen sich häufig im Bereich von etwa zehn bis elf Silben und tragen eine deutliche, sprechnahe Hebungsstruktur, die gut zum argumentativen Ton passt. Die Regelmäßigkeit ist dabei nicht mechanisch, sondern rhetorisch geführt: Der Text wirkt metrisch stabil genug, um den Eindruck von Ordnung und Selbstkontrolle zu erzeugen, erlaubt sich aber kleine Verschiebungen.
Sichtbare „Aufbrüche“ entstehen vor allem an Stellen, an denen der Sprecher eine Bedingung oder eine Gegenwendung setzt. Der Beginn mit „Beliebe“ hat einen imperativisch-bittrigen Impuls, der den Vers rhythmisch leicht anstößt, bevor er in den jambischen Lauf findet. Ähnlich wirken die Umschlagmarker „Doch“ (V. 3) und „Wann aber“ (V. 7): Sie setzen eine deutliche Zäsur im Sinnverlauf und können metrisch als bewusste Akzentuierungen gelesen werden, weil sie den Rhythmus dem Argument unterstellen. Insgesamt ist weniger die metrische Strenge als die rhetorische Prägnanz das leitende Formprinzip.
Das Reimschema ist in beiden Strophen ein konsequent durchgeführter Kreuzreim: In Strophe 1 stehen „erwehlen“ und „vermählen“ als Reim (a), „dir“ und „mir“ als Gegenreim (b), also abab. In Strophe 2 reimen „hasset“ und „umfasset“ (c) sowie „rein“ und „seyn“ (d), also cdcd. Diese Reimordnung wird sehr stabil gehalten und unterstützt die Logik der Alternative: Die kreuzweise Verschränkung spiegelt förmlich das Wechselspiel von Angebot und Rücknahme.
Auffällige Unreinheiten drängen sich in der vorliegenden Textgestalt nicht auf; vielmehr wirkt der Reim wie ein ordnendes „Geländer“, das die scharf formulierten Bedingungen und Konsequenzen zusammenbindet. Gerade weil die Aussage so ultimativ ist, sorgt die konsequente Reimführung für den Eindruck von Festigkeit, Entschlossenheit und innerer Geschlossenheit.
Satzbau und Zeilenbau sind eng miteinander verschränkt, wobei der Text auffällig häufig mit Enjambements arbeitet, die jeweils einen Gedanken über die Versgrenze hinweg tragen. Bereits V. 1–2 bilden eine syntaktische Einheit: Die Bitte um Erwählung läuft in das Hingabebekenntnis hinein. Dasselbe Muster wiederholt sich in V. 3–4 („Doch wo…“ → Konsequenz der Rücknahme), in V. 5–6 (Feindlichkeit von Glück und Himmel → Behauptung der Reinheit) und in V. 7–8 (fremdes Joch → Strick als Weg zur Freiheit). Dadurch entsteht eine Lesebewegung, die nicht im Versschluss ausruht, sondern den Leser jeweils in die Konsequenz hineinzwingt.
„Harte“ syntaktische Klüfte im Sinne abrupter Brüche sind selten; die Schärfe entsteht nicht durch Zerreißen der Syntax, sondern durch den bedingungslogischen Umschlag. Die Zeilensprünge wirken wie argumentatives Fortschieben: Erst wird gesetzt, dann wird gezogen; erst wird angeboten, dann wird die Grenze markiert. Das Tempo ist dadurch straff, vorwärtsgerichtet und auf Pointe hin gebaut.
Mehrere Wiederholungsmuster geben dem Gedicht eine hohe Kohärenz. Erstens dominiert eine Wenn-dann-Logik in variierter Form: Bitte/Angebot (V. 1–2) – Gegenfall/Entzug (V. 3–4); Widrigkeit/Standhaftigkeit (V. 5–6) – erneuter Gegenfall/Schlusskonsequenz (V. 7–8). Zweitens arbeitet der Text mit einer auffälligen Possessiv- und Rückholstruktur („Mein Hertze… dir“ ↔ „Nehm ich das Mein… zu mir“), die formal das Thema der Exklusivität performativ macht: Hingabe wird als Eigentumsübertragung formuliert, Rücknahme als Rückführung ins Eigene.
Drittens wiederholen sich Leitwörter und Wortfelder, die die Aussage verdichten: Herz und Treue stehen gegen das Fremde, das „vermählt“ wird; und das Bildfeld der Bindung („Joch“, „Strick“) strukturiert die zweite Strophe. Diese Wiederholungen sind nicht dekorativ, sondern stabilisieren die zentrale These: Liebe gilt nur als exklusives Band; sobald ein fremdes Band entsteht, wird das eigene Band gelöst.
Die Form bestätigt zunächst gattungstypische Erwartungen der barocken Liebeslyrik: eine klare Strophenordnung, geregelter Reim, argumentativ-rhetorische Zuspitzung und eine deutliche Sprecherhaltung. Zugleich wird das gattungstypische Werben durch eine bewusst harte Konsequenz verschärft: Das Gedicht ist weniger schmeichelnde Annäherung als Exklusivitätsforderung mit Rückzugsdrohung. Gerade die knappe, symmetrische Form unterstützt diese Strenge, weil sie keinerlei Ausweichbewegung zulässt: Jede Strophe bildet eine in sich geschlossene Argumenteinheit, und die Kreuzreime „verklammern“ das Entweder-oder.
In diesem Sinn unterläuft das Gedicht die Erwartung einer sanft graduellen Liebeswerbung, indem es Liebe als bindenden Akt mit klarer Bedingung formuliert. Die äußerlich geordnete Form wirkt dabei wie die ästhetische Entsprechung einer inneren Maxime: Hingabe nur im Modus der eindeutigen Wahl – oder, wie der Titel es zugespitzt sagt, „Mein allein/ oder laß es gar seyn?“
2. Sprechsituation
Es spricht ein deutlich markiertes lyrisches Ich, das in der ersten Person eine bindende Liebeserklärung formuliert („Mein Hertze giebt sich gantz zu eigen dir“) und zugleich die Bedingungen dieser Erklärung festlegt („Nehm ich das Mein hinwieder auch zu mir“). Die Stimme ist nicht biographisch individualisiert – es fehlen Name, Ort, konkrete Lebensumstände –, aber sie ist stark charakterologisch konturiert: Das Ich erscheint als entschieden, treuebewusst und zugleich strikt in der Selbstwahrung. Die Individualisierung erfolgt also über eine moralisch-affektive Grundhaltung: absolute Hingabebereitschaft unter der Voraussetzung absoluter Exklusivität, verbunden mit der Fähigkeit, im Bruchfall ebenso absolut zu entziehen.
Der Text richtet sich an ein Du, das als potentielle Geliebte bzw. als erwählende Instanz angesprochen wird. Dieses Du bleibt anonym, wird aber als entscheidungsfähige Person gesetzt, deren Wahl (Erwählung oder Vermählung mit einem „Fremden“) die gesamte Existenzform der Beziehung bestimmt. Das Gegenüber ist damit weniger als psychologisch ausgearbeitete Person präsent, sondern als Adressatin einer Wahlentscheidung, die das Ich in einen Zustand von Bindung oder Freiheit versetzt.
Die Stimme spricht in einer Mischung aus Bitte, Vertragston und Drohmoment. „Beliebe mich … zu erwehlen“ ist höflich-bittrig, doch unmittelbar darauf folgt die deklarative Selbstgabe des Herzens. Diese Selbstgabe wird aber nicht als weiche Hingabe gesprochen, sondern als konditionierte Bindung, die im Fall eines fremden Bundes sofort zurückgenommen wird. Der Ton ist daher zugleich galant und hart: galant in der Form der Anrede, hart in der Konsequenzformel. Insgesamt wirkt die Sprechhaltung wie eine Maxime, die Liebe als Entweder-oder festschreibt.
Explizit ist keine konkrete Szene (Ort, Zeitpunkt, Begegnung) gesetzt; die Situation ist vielmehr eine Entscheidungsschwelle. Zeitlich sind zwei mögliche Zukünfte entworfen: Entweder die Wahl des Ichs durch das Du (Bindung, Selbstgabe), oder die Vermählung des Du mit einem „Fremden“ (Rücknahme, Freiheit). Räumlich bleibt der Text abstrakt; die Bildwelt ersetzt Topographie durch Relationsbilder: „vermählen“, „Joch“, „Strick“ sind keine Orte, sondern Bindungsformen, die die Beziehung als Fesselung oder Lösung modellieren. Die zweite Strophe erweitert die Situation in einen kosmischen Horizont („Gelück und Himmel“), ohne sie zu konkretisieren.
Die Perspektive ist konsequent die eines Ichs, das seine eigene Bindungsbereitschaft und seine Grenzbedingungen formuliert. In Strophe 1 dominiert die interpersonale Perspektive (Ich–Du): Wahl, Herzgabe, Rücknahme. In Strophe 2 verschiebt sich der Blick kurz in eine überpersonale Perspektive, indem das Ich sein Schicksal gegenüber „Gelück und Himmel“ deutet und trotz widriger Mächte die Reinheit von Herz und Treue behauptet. Danach kehrt die Perspektive in die Beziehung zurück, nun aber gesteigert in existenzieller Bildsprache: Das „fremde Joch“ und der „Strick“ des Du werden zum Auslöser des eigenen Freiheitswegs. Die Perspektive bewegt sich also von der Liebesverhandlung zur kosmischen Selbstbehauptung und zurück zur Konsequenz der Beziehung.
Das Verhältnis ist als asymmetrische Wahlbeziehung und zugleich als Reziprozitätsforderung charakterisiert. Asymmetrisch ist es, weil das Du entscheidet: Es kann das Ich erwählen oder sich einem Fremden vermählen. Reziprozitätsforderung ist es, weil das Ich nur dann „gantz zu eigen“ gibt, wenn das Du exklusiv wählt. Die Beziehung wird daher als streng konditioniertes Band entworfen: Hingabe ist total, aber nur im Rahmen totaler Gegenseitigkeit. Die Bildwelt verschärft dieses Verhältnis: Ein fremdes „Joch“ am Du macht das Du zum gebundenen Wesen, während das Ich genau aus dieser Bindung des Du den eigenen Weg in die „Freyheit“ ableitet. Das ist eine harte, fast juristisch wirkende Konstellation: Liebe gilt als Vertrag, und der Vertragsbruch legitimiert den vollständigen Rückzug des Ichs.
3. Aufbau und innere Bewegung
Am Anfang wird eine Situation der Wahl und Entscheidung gesetzt. Der Sprecher eröffnet nicht mit Erinnerung oder Beschreibung, sondern mit einem performativen Akt: Er bittet bzw. fordert das Du auf, ihn „für andern zu erwehlen“. Das Ich befindet sich zu Beginn in einem Zustand gespannter Bindungsbereitschaft, aber diese Bereitschaft ist von Anfang an konditioniert. Das Herz wird als vollständig verfügbar erklärt („gantz zu eigen dir“), doch der Ton zeigt zugleich, dass diese Gabe nicht naiv ist, sondern an eine klare Exklusivitätsregel gebunden wird. Das Ich steht also von Beginn an an einer Schwelle: Es ist bereit, sich zu geben, aber es hält die Rücknahme bereits als Möglichkeit bereit.
Die größeren Sinnabschnitte entsprechen den beiden Vierzeilern, die jeweils eine eigene Funktion in der inneren Bewegung übernehmen. Strophe 1 (V. 1–4) ist die Vertrags- und Alternativstrophe: Sie stellt das Angebot der totalen Hingabe (V. 1–2) und den Gegenfall der ebenso totalen Rücknahme (V. 3–4) einander gegenüber. Abgrenzungskriterium ist hier die Konditionalfigur „Doch wo…“: Sie markiert die zweite Möglichkeit und kippt das Angebot in einen Entzug.
Strophe 2 (V. 5–8) ist die Existenz- und Konsequenzstrophe: Sie erweitert den Blick zunächst in einen überpersonalen Horizont („Gelück und Himmel“) und behauptet die Reinheit von Herz und Treue trotz widriger Mächte (V. 5–6). Danach kehrt sie zur Beziehung zurück und übersetzt den Bruchfall in drastische Bindungsbilder („fremdes Joch“, „Strick“, „Freyheit“, V. 7–8). Abgrenzungskriterium ist hier der Wechsel vom interpersonalen Vertragsregister (Strophe 1) zu einer Mischung aus Schicksalsdeutung und bildlich radikalisierter Konsequenz (Strophe 2).
Der erste und wichtigste Umschlag liegt in Vers 3 („Doch wo du dir ein Fremdes wirst vermählen“). Das „Doch“ ist ein scharfes Drehgelenk: Es hebt die zunächst positive Selbstgabe sofort in eine Bedingung und führt die Möglichkeit des Abbruchs ein. Ein zweiter Kulminationspunkt liegt am Ende der ersten Strophe in Vers 4, weil hier die Konsequenz formelhaft vollzogen wird: „Nehm ich das Mein hinwieder auch zu mir.“ Diese Rückholgeste schließt die Vertragslogik ab.
In der zweiten Strophe liegt ein weiterer Umschlag in Vers 7 („Wann aber dich ein fremdes Joch umfasset“). Hier wird der Bruchfall nicht mehr als ziviles „vermählen“, sondern als körperlich und existenziell bindendes Bild („Joch“) gestaltet. Die Schlusskulmination liegt in Vers 8, weil hier das paradox zugespitzte Resultat steht: Der „Strick“ des Du wird dem Ich zum „Weg zur Freyheit“. Das ist die maximale Zuspitzung der inneren Bewegung: Bindung des einen wird zur Befreiung des anderen.
Die Bewegung führt vom Ausgangspol totaler Hingabe zum Gegenpol radikaler Selbstlösung. Sprachlich vollzieht sich dieser Weg über eine strenge Alternativ- und Konditionalsyntax: Bitte um Erwählung → vollständige Selbstgabe → „Doch wo…“ als Gegenfall → Rücknahmeformel → „Wann aber…“ als erneuter Gegenfall → Freiheitsformel. Der Weg ist daher nicht narrativ, sondern logisch: Das Gedicht schreitet wie eine Argumentkette fort.
Bildlich wird die Bewegung in zwei Stufen radikalisiert. In der ersten Strophe ist der Gegenpol noch im Register des Besitzes und der Zugehörigkeit ausgedrückt („giebt sich gantz zu eigen“ ↔ „nehm ich das Mein … zu mir“). In der zweiten Strophe wird derselbe Gegensatz durch drastische Bindungsbilder zugespitzt: „vermählen“ wird zu „Joch“ und „Strick“, und die Gegenbewegung heißt nicht nur Rücknahme, sondern „Freyheit“. So steigt die Intensität von einer „vertraglichen“ Logik zu einer existenziellen Bildlogik.
Das Gedicht arbeitet mit deutlichen Spiegelungen, die seine Geschlossenheit erzeugen. Die auffälligste Spiegelung liegt in der Besitz- und Rückholfigur der ersten Strophe: „Mein Hertze giebt sich gantz zu eigen dir“ spiegelt sich in „Nehm ich das Mein hinwieder auch zu mir“. Diese Spiegelung ist fast symmetrisch und erzeugt eine innere Rahmung: Gabe und Rückgabe bilden zwei Pole derselben Bewegung.
In der zweiten Strophe entsteht eine weitere Spiegelung auf der Ebene der Bindungsmetaphorik: Das „fremde Joch“, das das Du umfasst, spiegelt sich im „Strick“, der – obwohl ebenfalls Bindungszeichen – dem Ich zur Freiheit wird. Eine Kreisbewegung im strengen Sinn liegt nicht vor, weil das Gedicht nicht zum Ausgangspunkt zurückkehrt, sondern die Alternative in eine finale Konsequenz treibt. Die Struktur ist eher geschlossen als offen: Sie endet in einer Maxime, nicht in einer offenen Frage, auch wenn der Titel die Alternative interrogativ zuspitzt.
Äußere Gliederung und innere Kurve stützen sich sehr deutlich. Die zweistrophige Form eignet sich ideal für die zweistufige Dramaturgie: Strophe 1 setzt die Bedingung und den Vertragsrahmen, Strophe 2 vertieft die Haltung existenziell und liefert das Bild der endgültigen Konsequenz. Die äußere Symmetrie (4 + 4 Verse) passt zur inneren Symmetrie der Alternative (Gabe ↔ Rücknahme, Bindung ↔ Freiheit).
Gleichzeitig entsteht eine für die Deutung wichtige Spannung zwischen der behaupteten Reinheit von Herz und Treue (V. 6) und der Härte der Schlusslogik (V. 7–8). Das Ich behauptet moralische Reinheit auch unter feindlichem „Gelück und Himmel“, aber es knüpft diese Reinheit an eine kompromisslose Exklusivität. Diese Spannung ist nicht ein Fehler der Komposition, sondern der Kern der inneren Bewegung: Treue wird als absolute Kategorie gedacht, und gerade deshalb kann sie im Bruchfall nicht graduell reagieren, sondern nur total lösen. Die Form unterstützt diese Radikalität, weil sie keinen Raum für Vermittlung oder Zwischentöne lässt.
4. Tonlage, Stimmung, affektive Konstellation
Die Grundstimmung ist entschlossen, fordernd und von einer kontrollierten Strenge geprägt. Obwohl das Gedicht im Rahmen der Liebeslyrik spricht, dominiert nicht zärtliche Schwärmerei, sondern ein Ton der Alternative und Bedingung: Liebe wird als Entscheidungssache formuliert, die entweder ganz gilt oder gar nicht. In dieser Entschiedenheit liegt eine kühle, fast juristisch wirkende Grundspannung, die zugleich von starker innerer Erregung getragen ist, weil „Herz“ und „Treue“ als existentielle Güter eingesetzt werden.
Die Stimmung ist sehr stabil, weil sie von Anfang bis Ende dieselbe Maxime durchhält: Exklusivität oder Rückzug. Es gibt keine weichen Übergänge, keine Stimmungswechsel im Sinne von Hoffnung, Bitte, Verzweiflung und Trost; vielmehr wird die Grundhaltung in zwei Schritten zugespitzt. Der erste Schritt ist die vertragliche Form der Hingabe und Rücknahme (Strophe 1), der zweite Schritt ist die existenzielle Radikalisierung durch Schicksals- und Bindungsbilder (Strophe 2). Die Stabilität entsteht also gerade aus der Konsequenz, mit der das Ich seine Bedingung durchdekliniert.
Das Ich ist geprägt von Begehren nach exklusiver Bindung und zugleich von Selbstbehauptung. Es ist bereit zur totalen Hingabe („gantz zu eigen“), aber diese Hingabe ist nicht verträumt, sondern an ein starkes Selbstwertgefühl gekoppelt: Das Ich beansprucht, dass sein Herz nicht teilbar ist. Die Selbstwahrnehmung ist zudem moralisch unterfüttert: Trotz widriger Mächte („Gelück und Himmel“) hält das Ich an der Reinheit von Herz und Treue fest. Daraus entsteht eine affektive Mischung aus Stolz, Standhaftigkeit und verletzbarer Entschlossenheit: Das Ich will lieben, aber es will sich nicht preisgeben, wenn die Liebe nicht erwidert oder geteilt wird.
Auffällig ist außerdem die Bereitschaft zur harten Affektregulation. Das Ich zeigt nicht, wie sehr es leidet, sondern es setzt Bedingungen und Konsequenzen. Damit erscheint das Subjekt als jemand, der emotionale Verletzbarkeit in eine Form von souveräner Entscheidung übersetzt: Der drohende Verlust wird im Voraus in eine Rückholbewegung und schließlich in „Freyheit“ transformiert.
Die Beziehung zum Gegenüber ist zugleich hingebungsvoll und bedingend. Hingebungsvoll, weil das Ich vollständige Selbstgabe anbietet; bedingend, weil diese Gabe an die Wahlhandlung des Du gebunden ist. Affektiv entsteht dadurch eine Spannung zwischen Nähewunsch und Kontrollbedürfnis: Das Ich möchte erwählt werden, aber es will nicht in eine Lage geraten, in der es neben einem „Fremden“ steht. Sobald das Du sich fremd bindet, wird das Du nicht mehr als Partner der Liebe wahrgenommen, sondern als Träger eines „Jochs“ und eines „Stricks“, also als Zeichen einer Bindung, die für das Ich die Beziehung entwertet.
Diese Konstellation macht die Beziehung scharf konturiert: Liebe ist nicht als offener Prozess, sondern als Entscheidung mit Ausschlusslogik gedacht. Das Du wird als frei entscheidende Instanz gesetzt, aber zugleich wirkt das Gedicht wie ein Versuch, diese Freiheit zu rahmen: Die Wahl soll eindeutig sein, sonst tritt der Rückzug in Kraft.
Offene Ironie oder Humor sind nicht erkennbar; der Text ist zu knapp und zu ernsthaft zugespitzt, um spielerische Brechungen zuzulassen. Dennoch gibt es eine reflektierende Ebene in der Art, wie das Ich seine Liebe nicht als Gefühl, sondern als Regelwerk formuliert. Diese Regelhaftigkeit hat einen metapoetischen Nebenton: Der Sprecher zeigt, dass Liebesrede auch als Setzung und Vertragsform auftreten kann. Selbstrelativierung ist jedoch gering; das Ich bleibt in seiner Maxime ungebrochen und stellt keine Zweifel an der eigenen Forderung aus.
Ton und Bildwelt korrespondieren sehr eng, weil die Bilder die Strenge des Tons nicht nur illustrieren, sondern steigern. In der ersten Strophe dominieren Zugehörigkeits- und Besitzformeln („gantz zu eigen“, „das Mein“), die den vertraglichen Ton der Exklusivität unterstützen. In der zweiten Strophe kippt die Bildwelt in drastische Bindungsmetaphorik: „Joch“ und „Strick“ machen aus der Liebeswahl eine körperlich-existenzielle Fesselung. Genau diese Schärfe passt zur kompromisslosen Grundstimmung.
Das zentrale Paradox – dass der „Strick“ des Du dem Ich zum „Weg zur Freyheit“ wird – ist zugleich der Punkt, an dem Ton und Bildwelt ihre höchste Dichte erreichen. Der strenge Ton findet hier seine bildliche Pointe: Freiheit entsteht nicht aus erfüllter Liebe, sondern aus der entschlossenen Lösung von einem Band, das durch Fremdbindung entwertet ist. Die Bildwelt macht damit sichtbar, dass Liebe im Gedicht immer an Bindung denkt – und dass die Lösung, wenn sie kommt, ebenso bindungslogisch, ebenso hart und ebenso konsequent ist wie die Hingabe.
II. Analyse
Block A – Existentielle und psychologisch-affektive Dimension
Als Grundtrieb tritt das Verlangen nach exklusiver Bindung hervor: Das Ich will nicht „auch“, sondern „allein“ geliebt werden, und es knüpft daran die Bereitschaft zur totalen Selbstgabe. Damit verbunden ist eine starke Angst vor Konkurrenz und vor der Entwertung der eigenen Hingabe durch einen „Fremden“. Diese Angst wird nicht als zitternde Unsicherheit ausgestellt, sondern als Regel in die Rede eingebaut: Sobald das Du sich „ein Fremdes“ vermählt, wird das Eigene zurückgenommen.
Die Tiefenerfahrung, die darin sichtbar wird, ist die Erfahrung von Liebe als existentieller Einsatz, der nicht teilbar ist. Das Gedicht setzt Herz und Treue als absolute Güter, und es macht deutlich, dass ein geteilter oder fremd überlagerter Bund für das Ich nicht bloß schmerzlich, sondern ontologisch unmöglich ist: Entweder totale Zugehörigkeit – oder Rückzug in das Eigene. Hinter der Strenge steht daher eine fragile Wahrheit: Wer „gantz zu eigen“ gibt, kann die eigene Gabe nicht in einer gemischten Ordnung bestehen lassen, ohne sich selbst zu verlieren.
Der Mensch zeigt sich als affektbestimmtes Wesen in der Übersteigerung des Bindungswillens: Liebe erscheint als Kraft, die den Menschen zu totalen Setzungen treibt („gantz“, „allein“, „gar“). Der Affekt ist hier nicht lyrische Stimmung, sondern ein Motor von Entscheidung und Grenzziehung. Gleichzeitig wird sichtbar, dass Affekt nicht nur „wärmt“, sondern auch strukturiert: Das Ich formt seine emotionale Energie in eine Logik von Wahl, Besitz, Rücknahme und Freiheit. Der Affekt wird also nicht zum unkontrollierten Ausbruch, sondern zum Prinzip einer strikt geordneten Selbstführung.
Dass „Gelück und Himmel“ das Ich hassen mögen, zeigt zudem eine existenzielle Affektdimension: Das Ich erlebt sich als vom Schicksal angefochten, behauptet aber dennoch die Reinheit seiner Treue. Affekt und Selbstbehauptung verschmelzen: Gerade im Widerstand gegen widrige Mächte wird das Herz als standhaftes Zentrum inszeniert.
Die Hauptambivalenz liegt in der Verbindung von Hingabe und Selbstschutz. Das Ich bietet vollständige Selbstgabe an, setzt aber zugleich eine harte Rückzugsklausel. Dadurch erscheint die Liebe zugleich als Öffnung und als Kontrollakt. Eine zweite Ambivalenz liegt im Verhältnis von Reinheit und Drohung: Das Ich behauptet „rein“ zu bleiben, doch es koppelt diese Reinheit an eine aggressive Konsequenzformel, die den Bruchfall nicht betrauert, sondern in Freiheit umdeutet. Reinheit ist hier nicht sanfte Güte, sondern strenge Selbstdefinition.
Eine dritte Ambivalenz betrifft die Freiheitssemantik. In der normalen Liebeslogik wäre „Joch“ und „Strick“ das Bild der Unfreiheit; das Gedicht kehrt es paradox um: Wenn das Du in ein fremdes Joch gerät, wird ausgerechnet dessen Strick dem Ich zum Weg der Freiheit. Das Ich sucht Bindung, aber es behauptet zugleich, jederzeit in Freiheit übergehen zu können – allerdings nicht als spielerische Option, sondern als drastische Notwendigkeit im Bruchfall.
Die affektive Bewegung prägt das Gegenüber primär als entscheidende Instanz, nicht als ausgemalte Person. Das Du ist der Ort der Wahl („erwehlen“ oder „vermählen“), und diese Wahl bestimmt die gesamte Realität des Ichs: Hingabe oder Rücknahme, Bindung oder Freiheit. Dadurch wird das Du weniger als individuelle Gestalt wahrgenommen, sondern als Knotenpunkt von Exklusivität und Fremdheit.
Sobald der Gedanke an den „Fremden“ eintritt, verändert sich die Wahrnehmung des Du deutlich: Es erscheint dann nicht mehr als mögliche Partnerin der reinen Treue, sondern als Körper, den ein „fremdes Joch“ umfasst. Das Du wird bildlich zu einem gebundenen Wesen, und gerade diese Bindung wird für das Ich zur Legitimation des Rückzugs. Affektiv heißt das: Die Liebe schaut nicht romantisch idealisierend, sondern normativ prüfend; sie sieht im Du vor allem die Frage nach Treue und Exklusivität – und im Bruchfall das Zeichen einer Fremdbindung, das jede weitere Hingabe unmöglich macht.
Block B – Theologische, moralische und erkenntnistheoretische Dimension
Der Text enthält keine explizite religiöse Anrufung, doch er öffnet in Vers 5 einen deutlich metaphysischen Horizont, indem er „Gelück und Himmel“ als überpersonale Mächte einführt. „Himmel“ kann hier schlicht als Chiffre für das Schicksal oder die Weltordnung gelesen werden, trägt aber zugleich die religiöse Konnotation einer Instanz, die über menschliche Verhältnisse hinausreicht. Wenn das Ich behauptet, Gelück und Himmel „hasset“ es, wird die Liebeslage in einen kosmischen Konfliktraum gestellt: Das Subjekt erlebt sich nicht nur im sozialen Spiel der Werbung, sondern in einer Art übergeordnetem Widerstreit von Begünstigung und Anfechtung.
Metaphysisch wirkt auch die Reinheitsbehauptung („mein Hertz und meine Treue rein“), weil „rein“ über den bloßen Affekt hinausweist: Reinheit ist hier nicht Stimmung, sondern eine Qualität, die an moralisch-religiöse Diskurse anschlussfähig ist (innere Lauterkeit, ungeteilte Gesinnung). Schließlich trägt das Bildfeld von „Joch“ und „Strick“ eine existentielle Schwere, die über Alltag hinausweist: Es rahmt Bindung und Freiheit in Kategorien, die an anthropologische Grundfragen (Unfreiheit, Knechtschaft, Erlösung/Freiwerden) anschließen, ohne dass eine konkrete Heilslehre benannt wäre.
Ja, die moralische Konfliktzone liegt im Verhältnis von Treue und Exklusivität. Das Ich präsentiert seine Treue als rein und unbedingt, doch es bindet diese Treue an die vollständige Ausschließlichkeit der Gegenwahl. Ethisch stellt sich damit die Frage, ob Treue als Tugend hier wirklich unabhängig von äußeren Umständen gedacht ist oder ob sie in Wahrheit an Besitz- und Anspruchslogik gekoppelt bleibt. Die Formulierung „Nehm ich das Mein hinwieder auch zu mir“ betont Selbstschutz und legitime Grenze, kann aber zugleich als strikte Eigentumslogik gelesen werden, die dem Du nur zwei Optionen lässt.
Eine zweite Spannung betrifft die Schlussfigur: „Soll mir dein Strick der Weg zur Freyheit seyn.“ Hier wird das Bindungszeichen des Du – also seine Fremdbindung – zur Grundlage der eigenen Freiheit. Moralisch ist das doppelt: Einerseits markiert es die legitime Selbstlösung aus einer entwerteten Beziehung; andererseits wirkt es wie eine paradoxe Nutzung des Unglücks oder der Gebundenheit des Du als Vorteil für das Ich. Diese Spannung ist wahrscheinlich bewusst, weil sie den kompromisslosen Anspruch der Rede sichtbar macht: Liebe wird als absolute Kategorie gedacht, und der Bruchfall erlaubt keine graduelle Reaktion, sondern nur einen totalen Schnitt.
Menschliche Erkenntnis erscheint im Gedicht als bedingungslogische Klarheit, nicht als tastender Prozess. Das Ich konstruiert Erkenntnis über die Beziehung aus zwei eindeutigen Kriterien: Erwählung oder Vermählung mit einem Fremden. Erkenntnis ist hier keine psychologische Deutung von Zeichen, sondern ein binäres Urteil über den Status der Bindung. Deshalb wirkt die Rede fast wie eine Erkenntnisregel: Wenn das Du mich wählt, ist Hingabe möglich; wenn das Du sich fremd bindet, ist Rücknahme notwendig.
Gleichzeitig zeigt sich eine erkenntnistheoretische Haltung zur eigenen Integrität: Unabhängig von äußerem „Gelück“ behauptet das Ich die innere Gewissheit der Reinheit. Erkenntnis ist damit zweifach: (a) relational-objektiv im Blick auf den Bindungsstatus des Du und (b) innerlich-selbstgewiss im Blick auf Herz und Treue. Das Gedicht behauptet also eine Art moralische Selbstkenntnis, die selbst dann gültig bleibt, wenn die Weltordnung (Gelück und Himmel) feindlich ist. Gerade diese Selbstgewissheit stützt die Härte der Konsequenz: Wer sich als rein und total gebunden versteht, kann die Beziehung nur im Modus klarer Entscheidung erkennen und führen.
Block C – Form, Sprache und rhetorische Gestaltung
Die Bildlichkeit ist konzentriert und funktional; sie dient nicht der Ausmalung, sondern der Argumentverschärfung. Das zentrale Symbolwort ist „Mein“ (mit „Mein Hertze“, „das Mein“): Es etabliert eine Besitz- und Zugehörigkeitslogik, die die Exklusivitätsforderung sprachlich vollzieht. „Herz“ fungiert als Symbol der ganzen Person und ihrer Bindungsfähigkeit; die Selbstgabe des Herzens wird als Totalübertragung formuliert („gantz zu eigen dir“), wodurch Liebe als Eigentums- bzw. Zugehörigkeitsakt erscheint.
Der Gegenpol wird durch das Symbolwort „Fremdes“ gesetzt. „ein Fremdes … vermählen“ ist eine Chiffre für Konkurrenz und Entwertung: Das Fremde steht nicht nur für eine andere Person, sondern für das Prinzip der Teilung, das die reine Treue bedroht. In der zweiten Strophe tritt ein starkes Bildfeld hinzu: „Joch“ und „Strick“. Beide sind Bindungsmetaphern, die Liebe als Fesselungsrealität markieren. Besonders prägnant ist die Schlussparadoxie: Der „Strick“ (Bindungszeichen des Du) wird dem Ich zum „Weg zur Freyheit“ – das Bild wird damit zur logischen Pointe, die den radikalen Rückzug nicht nur erlaubt, sondern als Befreiung deutet.
„Gelück und Himmel“ bilden schließlich ein quasi-metaphysisches Symbolpaar, das die private Liebesfrage in einen größeren Schicksalshorizont hebt: Der Konflikt wird nicht nur interpersonal, sondern kosmisch gerahmt.
Der Text nutzt einen auffälligen, höfisch-bittrigen Imperativ als Auftakt: „Beliebe … zu erwehlen“. Dieser Imperativ ist zugleich Bitte und Anspruch; er setzt den Druck der Entscheidung sofort. Wiederholungen sind nicht als Refrain gestaltet, aber es gibt markante Wiederkehrformen im Besitzfeld („Mein … mein … das Mein“) und im Fremdheitsfeld („Fremdes“, „fremdes Joch“), wodurch die Alternative sprachlich fixiert wird.
Syntaktisch arbeitet das Gedicht mit einer starken Konditional- und Umschlagsyntax. „Doch wo…“ (V. 3) und „Wann aber…“ (V. 7) sind Brechungsmarker, die die Rede jeweils in den Gegenfall kippen lassen. Diese Marker erzeugen eine spürbare Beschleunigung, weil sie die Aussage nicht ausbreiten, sondern sofort in Konsequenzen treiben. Der Satzbau ist insgesamt straff: Jede Strophe ist im Kern eine Argumentbewegung, in der Setzung und Folgerung eng verzahnt sind. Lautfiguren treten dabei weniger als ornamentale Alliteration hervor, sondern als semantisch-rhythmische Zuspitzung, etwa in der Nähe von „Fremdes“/„fremdes“ und in der harten Konsonantik von „Joch“, „Strick“, „Weg“.
Die Klangwirkung wird vor allem durch die konsequente Reimordnung (Kreuzreim) und die wechselnden Kadenzen getragen. Reimpaare wie „erwehlen/vermählen“ und „hasset/umfasset“ liefern eine akustische Festigkeit, die zur entschlossenen Haltung passt. Ebenso wirken „dir/mir“ und „rein/seyn“ als kurze, klare Gegenreime, die die Alternative in knapper Klangform verdichten.
Binnenrhythmisch sind besonders die Umschlagstellen wirksam: „Doch wo…“ und „Wann aber…“ setzen eine deutliche Zäsur im Sprechfluss, die wie ein juristisches „Klauselzeichen“ wirkt. Assonanzen und Alliterationen sind nicht dominant, doch die Wiederholung des m- und n-Lautfeldes im Besitzregister („Mein“, „mein“, „Nehm“, „Mein hinwieder“) erzeugt eine gewisse innere Bindungsklangfarbe, während die härteren Konsonanten der Bindungsbilder („Joch“, „Strick“) den Schluss akustisch verschärfen.
Der Text erzeugt vor allem Druck und Enge – und zwar nicht durch Lautstärke, sondern durch logische Unnachgiebigkeit. Der Druck entsteht aus der Alternative „mein allein oder gar nicht“ und aus den konditionalen Umschlagmarkern, die die Beziehung in eine binäre Entscheidung zwingen. Enge entsteht, weil das Gedicht keinen Zwischenraum zulässt: Hingabe ist total oder zurückgenommen; der „Fremde“ ist nicht verhandelbar, sondern der Auslöser der Lösung.
Weite tritt kurz in V. 5–6 ein, wo „Gelück und Himmel“ den Blick über die konkrete Beziehung hinausheben und eine Schicksalsdimension öffnen. Diese Weite ist jedoch nicht beruhigend, sondern dient der Selbstbehauptung: Trotz kosmischer Feindschaft bleibt Treue „rein“. Ekstase wird bewusst vermieden; selbst die Hingabe wird als klare Setzung formuliert, nicht als Rausch. Eine gewisse Ruhe entsteht paradoxerweise aus der Formstrenge: Kreuzreim, Zweistrophigkeit und präziser Satzbau vermitteln Kontrolle. Doch diese Ruhe ist nicht sanft, sondern die Ruhe einer entschlossenen Maxime, die den Affekt nicht ausschweifen lässt, sondern ihn in eine harte, bildlich zugespitzte Entscheidung überführt.
Block D – Mensch, Welt und anthropologische Grundfigur
Der Mensch erscheint als Wesen, das Liebe als Totalität denkt und deshalb zu radikalen Setzungen neigt. Das Ich ist bereit, sich „gantz zu eigen“ zu geben, was den Menschen als bindungsfähiges, auf Selbsthingabe hin angelegtes Subjekt zeigt. Zugleich erscheint der Mensch als selbstschützendes Wesen: Er kann die eigene Hingabe zurückholen („Nehm ich das Mein hinwieder auch zu mir“), sobald die Beziehung in Konkurrenz gerät. Damit wird der Mensch als Grenzwesen entworfen, das zwischen Öffnung und Rückzug in strenger Konsequenz vermittelt.
Darüber hinaus wird der Mensch in eine größere Ordnung gestellt: „Gelück und Himmel“ fungieren als Mächte, die den Einzelnen hassen können. Der Mensch ist also nicht souverän im kosmischen Sinn, aber er behauptet eine innere Souveränität: Herz und Treue bleiben „rein“. Der Mensch wird hier als moralisch standhaftes Subjekt gezeichnet, das trotz äußerer Anfechtung an der eigenen Integrität festhält.
Das Gegenüber ist der Spiegel und Prüfstein der Selbstdeutung. Das Ich versteht sich als total hingabefähig, aber diese Selbstdeutung wird nur dann wirksam, wenn das Du es „für andern“ erwählt. Das Du ist damit die Instanz, die dem Ich Sinn und Richtung gibt: Erwählung bedeutet Bindung; Vermählung mit einem Fremden bedeutet Entzug und Freiheit. Die Selbstdeutung des Ich ist also relationell organisiert: Es erkennt sich selbst entweder als Zugehöriger („zu eigen dir“) oder als Rückkehrender ins Eigene („zu mir“).
Zugleich bestimmt das Du die moralische Selbstbeschreibung des Ich indirekt. Die Behauptung der Reinheit von Herz und Treue gewinnt ihre Schärfe gerade im Gegenfall: Wenn das Du sich fremd bindet, muss das Ich seine Reinheit dadurch retten, dass es sich löst. Das Gegenüber fungiert daher als Auslöser einer ethischen Selbstbehauptung: Das Ich definiert Integrität nicht abstrakt, sondern im Umgang mit (drohender) Konkurrenz und Fremdbindung.
Erstens tritt die Leitfigur des Exklusiv-Liebenden hervor, der Liebe nur als ungeteilte Zugehörigkeit gelten lässt und deshalb kein „Dazwischen“ anerkennt. Zweitens erscheint die Leitfigur des Treuen als Integritätsfigur: Treue ist nicht nur Gefühl, sondern ein Reinheits- und Identitätsprinzip, das unter allen Umständen behauptet werden soll. Drittens tritt die Leitfigur des Gebundenen und des Sich-Lösenden auf: Das Gedicht denkt Liebe in Bindungsbildern („Joch“, „Strick“) und stellt dem die Figur der „Freyheit“ gegenüber, die im Bruchfall gewonnen wird. Dadurch entsteht eine Anthropologie, in der Bindung und Freiheit nicht Gegensätze außerhalb der Liebe sind, sondern innere Pole derselben Liebeslogik.
Der Mensch zeigt sich als Wesen, dessen Begehren nach Nähe sofort an Grenzen gekoppelt ist. Die zentrale Grenze ist die Grenze der Teilbarkeit: Das Ich kann nur ganz geben, wenn es ganz erwählt wird. Diese Grenze wird nicht zögernd, sondern normativ gesetzt; sie erscheint als Bedingung der Selbstwahrung. In der Sinnsuche wird Liebe daher nicht als offener Prozess, sondern als Sinnformel gedacht: Sinn entsteht entweder in der exklusiven Bindung oder in der konsequenten Lösung.
Das Verhältnis zu Grenzen ist dabei nicht defensiv, sondern aktiv. Der Sprecher markiert nicht nur, was er erträgt, sondern was er prinzipiell nicht akzeptieren kann: Fremdbindung. Diese Unnachgiebigkeit macht sichtbar, wie sehr die Sinnsuche an Integrität gebunden ist. Der Mensch sucht nicht nur Liebe, sondern eine Form von Liebe, die die eigene Identität bestätigt. Wird diese Bestätigung unmöglich, wird der Sinn nicht in fortgesetztem Leiden gesucht, sondern in „Freyheit“ – also in der Rückgewinnung des Selbst. Damit zeigt das Gedicht eine barock zugespitzte Anthropologie: Begehren ist stark, aber Sinn liegt im konsequenten Vollzug einer Maxime, die das Subjekt vor Zersplitterung schützt.
Block E – Kontexte, Geschichte und Intertexte
Im Hintergrund steht die Tradition der galanten Barocklyrik, in der Liebesrede häufig als rhetorisch geformte Handlung erscheint: nicht bloß Gefühl, sondern Setzung, Bitte, Bedingung und Konsequenz. Die knappe Zweistrophigkeit, der stabile Reim und die konditionale Zuspitzung entsprechen einer Epoche, die Affekte gern in Formdisziplin bindet und moralisch rahmt. Außerdem wirkt die Tradition der Treuedichtung (Konstanz, Lauterkeit, Ungeteiltheit) mit, die in der Barockzeit sowohl in Liebes- als auch in moralischer Dichtung stark präsent ist.
Hinzu kommt eine Nähe zu frühneuzeitlichen, teilweise noch höfisch geprägten „Wahl“- und „Erwählungs“-Topiken: Liebe wird als Auswahlentscheidung gedacht, die der Exklusivität bedarf. Die Formulierung eines Entweder-oder erinnert zudem an sentenzenhafte, fast spruchartige Barockverfahren, bei denen das Gedicht wie eine Maxime funktioniert.
Mehrere Motive sind intertextuell breit anschlussfähig. Zentral ist das Motiv der exklusiven Erwählung („für andern zu erwehlen“), das in Liebesdichtung wie auch in religiösen Diskursen als Kernfigur der Bindung auftaucht. Damit verbunden ist das Motiv der Herzgab e (das Herz als Ganze der Person), das von antiker Liebesrhetorik bis in petrarkistische und barocke Traditionen hinein eine Leitfigur ist.
Der Gegenpol ist das Motiv des Fremden und der Fremdbindung („ein Fremdes … vermählen“), das die klassische Dreiecksstruktur (Ich–Du–Anderer) aufruft. Besonders stark ist das Motiv der Bindung als Joch und Bindung als Strick: Diese Bilder verbinden Liebeswahl mit Fesselung und machen den Bruchfall drastisch anschaulich. Intertextuell lässt sich auch das Motiv des feindlichen Schicksals („Gelück und Himmel hasset“) verknüpfen, das in barocker Dichtung häufig als Klage- oder Standhaftigkeitstopos erscheint: Der Einzelne erlebt sich von Mächten angefochten, behauptet aber seine innere Tugend.
Schließlich ist die Rückholformel („Nehm ich das Mein hinwieder auch zu mir“) an intertextuelle Muster der Selbstwahrung und Besitzmetaphorik anschließbar, die Liebe als Eigentums- bzw. Zugehörigkeitsordnung entwerfen und den Entzug als Wiederherstellung des Eigenen inszenieren.
Biblische Anschlussstellen sind nicht ausdrücklich gesetzt, aber strukturell möglich. Die Sprache der Erwählung und der Reinheit kann in einen religiösen Horizont hineinragen: Erwählung ist ein biblisch aufgeladenes Wortfeld, und „rein“ ist eine Kategorie, die in religiöser Ethik zentrale Bedeutung hat. Auch das Bild des Jochs ist biblisch stark präsent, allerdings wird es hier nicht heilsgeschichtlich, sondern relational verwendet: Es bezeichnet die Bindung an einen anderen Menschen und wirkt als Zeichen einer Fremdverpflichtung.
Mythisch-philosophisch lässt sich der Text mit der antiken und frühneuzeitlichen Diskussion um Bindung und Freiheit verbinden. Das Gedicht denkt Liebe als Bindungsakt, aber es hält Freiheit als Gegenpol bereit, der im Bruchfall nicht nur Verlustkompensation, sondern Sinnformel wird („Weg zur Freyheit“). Philosophisch kann man darin eine Ethik der Integrität und des Selbstbesitzes erkennen: Das Subjekt gibt sich hin, aber es behält die Bedingung der Rückkehr ins Eigene, sobald die Einheit der Beziehung zerfällt. Der Gegensatz von äußeren Mächten („Gelück und Himmel“) und innerer Reinheit lässt zudem an stoische oder frühneuzeitlich tugendethische Muster anschließen: äußeres Schicksal kann feindlich sein, doch das Innere soll standhalten.
Im Epochenhorizont des Barock wirkt das Gedicht wie eine verdichtete Miniatur, in der typische barocke Verfahren – Antithese, Konditionalsyntax, Reimdisziplin und die Verbindung von Affekt mit moralischer Selbstbehauptung – auf engem Raum zusammenlaufen. Es zeigt eine Liebesauffassung, die weniger romantisch-psychologisch als normativ ist: Liebe ist Wahl, Treue, Reinheit und konsequente Grenze. Gerade diese Normativität entspricht einer Epoche, die Affekte häufig als zu ordnende Kräfte begreift und in poetischen Formen der Entscheidung und Maxime gestaltet.
Im Horizont von Abschatz’ (galanter) Liebeslyrik fügt sich das Gedicht als pointierte Variation eines zentralen barocken Themas ein: Die Würde der Treue besteht in ihrer Ungeteiltheit, und die Sprache der Liebe nimmt darum häufig den Ton von Gelöbnis, Bedingung und Beweis an. Der Text ist dabei besonders scharf in seiner Schlusswendung, weil er die Fremdbindung des Du nicht nur als Anlass zur Trauer, sondern als Freisetzung des Ich deutet. Dadurch erscheint das Gedicht als konsequente, fast sentenzenhafte Selbstdefinition: Der Liebende bewahrt seine Integrität, indem er entweder ganz bindet oder ganz löst. Diese Radikalität ist zugleich ein ästhetisches Profilmerkmal: Es ist ein Liebegedicht, das in der Form einer Maxime spricht.
Block F – Ästhetik, Sprache und poetologisch-theologische Schlussreflexion
Die ästhetische Leitidee ist eine Poetik der radikalen Klarheit: Das Gedicht will nicht umkreisen, sondern entscheiden. Zwei kurze Vierzeiler reichen aus, um eine Liebesmaxime mit maximaler Schärfe zu formulieren. Schönheit entsteht hier weniger aus üppiger Bildfülle als aus Prägnanz, aus der strengen Ordnung von Reim und Strophe und aus der konsequenten Antithese zwischen Hingabe und Rücknahme. Die Form wirkt wie die ästhetische Entsprechung einer inneren Maxime: Wer „gantz“ liebt, muss auch „gantz“ entziehen können.
Zugleich steht hinter der Gestaltung die Idee einer Affektformung durch Struktur. Die Emotion wird nicht ausgebreitet, sondern in eine regelhafte Bewegung übersetzt: Erwählung – Selbstgabe – Bruchfall – Rückzug; Schicksalsanfechtung – Reinheitsbehauptung – Bild der Fremdbindung – Freiheitskonsequenz. Diese Struktur macht das Gedicht zu einer Art poetischem „Kontrakt“, dessen Ästhetik im entschlossenen Vollzug der Alternative liegt.
Die Sprache vollzieht hier in hohem Maß. Das Gedicht beschreibt nicht eine bereits bestehende Beziehung, sondern setzt sie: Es stellt Bedingungen, definiert Zugehörigkeit, formuliert Rücknahme und erklärt Freiheit. Schon der Anfang („Beliebe … zu erwehlen“) ist performativ, weil er das Du in eine Entscheidungssituation ruft. Ebenso performativ ist die Herzgabe („giebt sich gantz zu eigen dir“): Sie ist weniger Bericht als Angebot, das im Sprechen überhaupt erst entsteht.
Noch stärker ist der Vollzug in den Umschlagformeln „Doch wo…“ und „Wann aber…“. Diese Wendepunkte sind sprachliche Scharniere, die das Gedicht wie eine Rechtsklausel funktionieren lassen: Mit ihnen wird der Bruchfall definiert und die Konsequenz in Kraft gesetzt („Nehm ich … zu mir“, „Soll mir … der Weg zur Freyheit seyn“). Die Sprache wirkt somit als ordnende Macht, die Affekt in bindende oder lösende Handlungen übersetzt. Sie bildet nicht nur ab, sondern produziert die Beziehung als Regelwerk.
Als finale Aussage lässt sich gewinnen, dass das Gedicht Liebe als Maxime der Integrität versteht: Gefühl ist nur dann würdig, wenn es ungeteilt ist, und Treue ist nur dann „rein“, wenn sie nicht in Konkurrenz oder Teilung gerät. Dichtung dient hier dazu, diese Integrität nicht psychologisch zu erklären, sondern normativ zu fixieren. Die poetische Form wird zur Instanz, die das Gefühl in eine klare Regel übersetzt und damit zugleich schützt: Der Liebende bewahrt sich vor Selbstverlust, indem er die Bedingungen der Hingabe ausspricht.
Poetologisch zeigt sich darin eine barocke Grundannahme über Sprache: Sprache ist nicht bloß Ausdruck, sondern Ordnungsmacht. Sie kann Bindungen stiften, Grenzen ziehen und Sinn im Modus der Konsequenz erzeugen. Das Schlussparadox – dass der „Strick“ des Du dem Ich zum „Weg zur Freyheit“ wird – bringt diese Macht in eine letzte Pointe: Dichtung kann einen Verlust so formulieren, dass er nicht als bloßes Scheitern, sondern als begründete Selbstlösung erscheint. Damit wird sichtbar, wie eng in diesem Text Gefühl, Moral und Sprache verschränkt sind: Gefühl liefert den Einsatz, Moral liefert die Norm, und Sprache vollzieht den Akt, in dem aus Liebe entweder Besitzbindung oder Freiheitsgewinn wird.
III. Vers-für-Vers-Kommentar
Gesamtdeutung der Strophe 1
Die erste Strophe fungiert als programmatische Exposition, in der der Sprecher seine Liebesadresse zugleich begründet und legitimiert. Sie beginnt mit einer gesteuerten Blickbewegung („Schau“) und macht damit das Du zum Richter über die Angemessenheit der Annäherung. Von Anfang an wird die Situation als Grenzfall markiert: Eine „fremde Hand“ wagt den Schritt in die Nähe, obwohl persönliche Bekanntschaft fehlt. Diese Selbstmarkierung als Kühnheit ist nicht bloß Selbstlob, sondern ein rhetorisches Schutzschild, das den möglichen Vorwurf der Anmaßung vorwegnimmt und die Handlung als mutige, zugleich respektvolle Geste ausweist.
Die Strophe entfaltet dann im Medium der Relativsatzkette eine kontrollierte Selbstcharakterisierung. Die Schrift wird als Instanz vorgestellt, die inneres „Brennen“ sichtbar macht, und das Brennen wird moralisch qualifiziert: Es ist das Brennen einer „treuen Seele“. Damit wird das zentrale Liebesmodell gesetzt, das im weiteren Gedicht ausgebaut wird: Leidenschaft ist vorhanden, aber sie soll nicht als ungebändigte Begierde auftreten, sondern als Treue, die sich bewähren und legitimieren muss. Entscheidender als der Name ist die innere Wahrheit, die das Schreiben bezeugt.
Den stärksten Deutungsimpuls setzt die Schlusswendung: Die Seele will das Du „nicht kennen“ und „kennet“ doch „allzuviel“. In dieser Antithese bündelt sich die Poetik des „unbekandten Liebhabers“. Das Nicht-Kennen wird als ethische Selbstbegrenzung inszeniert, während das „Zuviel-Kennen“ ein ideelles, projektives Erkennen bezeichnet, das aus Verehrung und Idealbildung erwächst. So macht die Strophe deutlich, dass die Liebe nicht auf intime Vertraulichkeit zielt, sondern auf eine Form der distanzierten, tugendbezogenen Bindung. Gerade die Distanz wird zur Quelle der Intensität: Der Unbekannte bleibt unbekannt, aber seine Seele brennt; das Du bleibt unberührt, aber wird in der Schrift als Tugendgestalt erkannt. Damit ist der Grundkonflikt eröffnet, der die folgenden Strophen strukturiert: Wie kann Liebe sich zeigen, ohne sich zu nennen, und wie kann sie überzeugen, ohne sich in Worte der Klage oder in Besitzanspruch zu verlieren?
Strophe 2
Vers 5: „Wie sehr mich ie Gelück und Himmel hasset/“
Beschreibung: Das Ich eröffnet die zweite Strophe mit einer Klage bzw. Feststellung über feindliche Mächte: „Glück“ und „Himmel“ hassen es, und zwar in hohem Maß.
Analyse: Die Konstruktion „Wie sehr“ setzt eine Steigerung an und deutet Übermaß an, ohne es auszuziffern: Die Anfechtung ist groß. „ie“ (je, jemals) erweitert die Aussage zeitlich und lässt sie wie eine übergreifende Lebensbilanz klingen. „Gelück und Himmel“ bilden ein Paar überpersonaler Instanzen: „Gelück“ als wechselhafte Fortuna, „Himmel“ als Chiffre einer höheren Ordnung (Schicksal, Weltregierung, auch religiös konnotiert). Das Verb „hasset“ ist stark und personalisiert diese Mächte als Gegner, wodurch die subjektive Bedrängnis dramatisch wird. Der Vers endet mit einem Schrägstrich, der als Zäsur wirkt und die Folgerung in V. 6 vorbereitet.
Interpretation: Das Ich erweitert die Liebeslage zu einer existenziellen Situation: Nicht nur die Entscheidung des Du ist fragil, auch die Weltordnung scheint gegen das Ich zu stehen. Damit wird die Härte der Liebesmaxime unterfüttert: Wer sich als von Fortuna und Himmel angefochten erlebt, wird umso entschlossener an der einen inneren Ressource festhalten, die nicht genommen werden soll – der Reinheit von Herz und Treue.
Vers 6: „Bleibt doch mein Hertz und meine Treue rein;“
Beschreibung: Trotz der Feindschaft von Glück und Himmel behauptet das Ich die Reinheit seines Herzens und seiner Treue. Der Vers ist eine Gegenbehauptung und Selbstversicherung.
Analyse: „Bleibt doch“ ist kontrastiv: Es setzt Widerstand gegen die Anfechtung aus V. 5. Das Subjekt stellt ein inneres Kontinuum gegen äußere Mächte. „mein Hertz“ und „meine Treue“ sind in einer Doppelung gekoppelt: Herz steht für inneres Fühlen/Wollen, Treue für verbindliche Haltung. „rein“ ist ein starkes Wertwort, das moralische Lauterkeit behauptet und zugleich die Exklusivitätsforderung legitimiert: Rein ist Treue nur, wenn sie ungeteilt bleibt. Das Semikolon öffnet den Satz weiter und lässt die Strophe in die nächste Bedingung übergehen.
Interpretation: Der Vers liefert die ethische Selbstbegründung des Ich: Seine Konsequenz ist nicht bloß Eigensinn, sondern Ausdruck eines Reinheitsideals. Das Ich präsentiert sich als standhaftes Subjekt, dessen innere Qualität nicht von äußeren Umständen abhängig ist. Gleichzeitig wird deutlich, dass diese Reinheit nicht passiv ist: Sie muss aktiv geschützt werden. Damit wird die spätere Freiheitsbewegung vorbereitet, die im Bruchfall als Wahrung dieser Reinheit verstanden werden kann.
Vers 7: „Wann aber dich ein fremdes Joch umfasset/“
Beschreibung: Das Ich setzt erneut den Bruchfall: Wenn das Du von einem „fremden Joch“ umfasst wird, also in eine fremde Bindung gerät.
Analyse: „Wann aber“ ist der zweite harte Umschlagmarker des Gedichts; er entspricht dem „Doch wo“ der ersten Strophe und erneuert die Alternativlogik. Das Bild „fremdes Joch“ radikalisiert die frühere Formulierung „ein Fremdes vermählen“: Es beschreibt Bindung nicht mehr nur sozial-rechtlich, sondern körperlich und existenziell als Fesselung. „umfasset“ ist ein Umklammerungsverb; es macht das Joch zu etwas, das den Körper des Du einschließt. Dadurch wird der Bruchfall nicht nur als Entscheidung, sondern als Zustand der Unfreiheit vorgestellt. Zugleich bleibt „fremd“ der entscheidende Marker: Nicht das Joch als solches, sondern seine Fremdheit macht es für das Ich unerträglich.
Interpretation: Der Vers zeigt, wie das Ich den Verlust der Exklusivität wahrnimmt: nicht als bloße Kränkung, sondern als Veränderung des ontologischen Status des Du. Das Du wird zu einem gebundenen Wesen in einem fremden System. Damit legitimiert das Ich seinen Rückzug nicht nur als Eifersuchtsreaktion, sondern als Konsequenz aus einer prinzipiell veränderten Ordnung: Wenn das Du fremd gebunden ist, kann die eigene Treue nicht mehr rein bleiben, ohne sich selbst zu entwerten.
Vers 8: „Soll mir dein Strick der Weg zur Freyheit seyn.“
Beschreibung: Das Ich formuliert die Schlusskonsequenz: Der „Strick“ des Du wird dem Ich zum Weg der Freiheit. Der Vers schließt mit einer paradoxen Freiheitsformel.
Analyse: „Soll“ hat normativen und zugleich folgernden Charakter: Es ist die letzte, bindende Schlussregel. „dein Strick“ ist ein starkes Bild: Strick ist Bindungs- und Zwangsmittel, möglicherweise auch mit existenzieller Drohung (Fessel, Schlinge) konnotiert. Der Vers vollzieht eine semantische Umkehrung: Was das Du bindet, wird für das Ich der „Weg“ zur „Freyheit“. Das ist eine paradoxe Metapher, die die innere Logik des Gedichts in eine Bildpointe übersetzt. „Weg“ verstärkt die Aktivität: Freiheit ist nicht nur Zustand, sondern Prozess des Losgehens, des Herausgehens aus der Bindung.
Interpretation: Der Vers macht die Härte der Liebesmaxime endgültig: Im Moment, in dem das Du fremd gebunden ist, gewinnt das Ich nicht nur den Anlass, sondern die Legitimation, sich zu lösen. Die Freiheit ist dabei nicht bloß Trost, sondern ein sinnvoller Endpunkt: Das Ich deutet den Verlust als Befreiung von einer Beziehung, die nicht mehr rein sein kann. Zugleich zeigt die paradoxe Bildlogik, wie stark das Gedicht an Integrität orientiert ist: Der „Strick“ des Du, also die Fremdbindung, wird zur Grenze, an der das Ich seine Selbstwahrung in Freiheit übersetzt.
Gesamtdeutung der Strophe 2
Die zweite Strophe hebt die in Strophe 1 gesetzte Vertragslogik in eine existenzielle und moralische Dimension. Zunächst erweitert sie den Horizont über die konkrete Liebeswahl hinaus: Das Ich erlebt sich als vom „Gelück“ und sogar vom „Himmel“ angefochten. Damit wird die Liebesrede in eine Schicksalssemantik gestellt, die typisch barock wirkt: Der Einzelne fühlt sich von wechselhaften Mächten bedrängt, und gerade in dieser Bedrängnis definiert er sich über eine innere Konstante. Diese Konstante heißt „rein“: Herz und Treue sollen unvermischt, ungetrübt, ungeteilt bleiben.
Aus dieser Reinheitsbehauptung heraus gewinnt der Bruchfall eine zusätzliche Legitimation. Wenn das Du von einem „fremden Joch“ umfasst wird, ist das nicht nur eine Konkurrenzsituation, sondern eine neue Ordnung der Bindung, in der das Ich seine Treue nicht mehr als rein bewahren kann. Der Text radikalisiert daher das Bild der Fremdbindung: „vermählen“ wird zu „Joch“, also zu einer Umklammerung, die Unfreiheit signalisiert. In diesem Moment vollzieht das Gedicht seine schärfste Pointe: Der „Strick“ des Du – das Zeichen seiner Bindung – wird dem Ich zum Weg der Freiheit.
Diese Schlusswendung ist zugleich psychologisch und poetologisch entscheidend. Psychologisch zeigt sie, wie das Ich den Verlust nicht in passiver Klage, sondern in aktiver Deutung verarbeitet: Der Bruchfall wird in eine Freiheitsgeschichte umgedeutet. Poetologisch zeigt sie die barocke Kunst der Antithese und Paradoxie: Bindungszeichen werden zu Freiheitszeichen, nicht weil Bindung an sich gut wäre, sondern weil die Fremdbindung die Legitimation des Rückzugs liefert. Damit schließt die Strophe das Gedicht in einer strengen Maxime ab: Liebe ist nur als reine Exklusivität möglich; sobald das Du fremd gebunden ist, bleibt dem Ich – um der eigenen Integrität willen – nur der Weg der Lösung, der als „Freyheit“ begriffen wird.
IV. Deutung und Gesamtschau
1. Grundthese
„Mein allein/ oder laß es gar seyn?“ formuliert eine Liebesmaxime, in der Hingabe und Selbstwahrung untrennbar miteinander verschränkt sind: Das Ich bietet dem Du sein Herz vollständig an, aber nur unter der Bedingung der ausschließlichen Erwählung. Sobald das Du sich „ein Fremdes“ vermählt, wird die Gabe nicht in Klage oder Eifersucht fortgeführt, sondern konsequent zurückgenommen und in eine Freiheitslogik überführt. Das Gedicht deutet Liebe damit als unteilbares Band, dessen Würde in der Reinheit der Treue liegt – und diese Reinheit ist nur möglich, wenn die Beziehung nicht durch Fremdbindung geteilt wird.
2. Verzahnung der Ebenen und Deutungsstränge
Die Deutung entsteht aus dem engen Zusammenspiel von formaler Strenge, konditionaler Argumentation, moralischer Selbstbeschreibung und drastischer Bindungsmetaphorik. Auf der kommunikativen Ebene ist das Gedicht ein performativer Akt: Es setzt Bedingungen („Beliebe … zu erwehlen“), vollzieht Hingabe („giebt sich gantz zu eigen“) und erklärt den Bruchfall („Nehm ich das Mein … zu mir“). Sprache ist hier nicht Bericht, sondern Regelsetzung.
Auf der affektiven Ebene wird Begehren nicht als Rausch, sondern als Totalitätsanspruch sichtbar. Das Herz wird als Ganzes eingesetzt, und gerade deshalb entsteht der Zwang zur Alternative: Totalgabe verträgt keinen geteilten Bund. Das Gedicht zeigt eine psychologische Ökonomie, in der Verletzbarkeit nicht ausgestellt, sondern in Konsequenz verwandelt wird. Der Bruchfall wird nicht als bloßes Leid behandelt, sondern als Anlass zur Selbstrettung.
Auf der moralischen Ebene legitimiert sich diese Konsequenz durch den Reinheitsbegriff. „mein Hertz und meine Treue rein“ ist nicht nur Selbstlob, sondern der normative Kern: Treue ist eine Integritätskategorie, die nicht in Konkurrenz bestehen kann, ohne sich selbst zu verlieren. Der kurze Schicksalshorizont („Gelück und Himmel“) verstärkt diese Moralität, weil er das Ich als angefochtenes Subjekt zeigt, das dennoch an der inneren Lauterkeit festhält.
Auf der bildlichen Ebene verschärfen „Joch“ und „Strick“ die Logik: Was in Strophe 1 noch als rechtlich-soziale Alternative („vermählen“) erscheint, wird in Strophe 2 als existentielle Fesselung dargestellt. Daraus entsteht die paradoxe Pointe, dass das Bindungszeichen des Du dem Ich zum Freiheitsweg wird. Diese Pointe verbindet psychologische Selbstwahrung mit barocker Antithesen-Ästhetik: Verlust wird in Freiheit umgedeutet, nicht als Verdrängung, sondern als Konsequenz aus der Maxime der ungeteilten Treue.
Auf der formalen Ebene stützt die knappe Zweistrophigkeit die gedankliche Härte. Kreuzreime und straffer Satzbau wirken wie ein ästhetisches Äquivalent der inneren Entschiedenheit: Die Form lässt keinen Raum für Zwischentöne, und genau das entspricht der behaupteten Liebeslogik, die nur „allein“ oder „gar nicht“ kennt.
3. Anthropologische oder poetologische Schlussaussage
Anthropologisch zeichnet das Gedicht den Menschen als Wesen, das nach ungeteilter Zugehörigkeit verlangt und seine Identität an Integrität bindet. Liebe ist hier nicht primär ein Zustand, sondern eine Form von Selbstsetzung: Wer „gantz“ gibt, muss sich im Bruchfall „gantz“ zurückholen, um nicht zerrissen zu werden. Die Freiheit am Ende ist deshalb keine romantische Unabhängigkeit, sondern eine Konsequenz der Selbstwahrung: Das Subjekt rettet die Reinheit seiner Treue, indem es eine entwertete Bindung auflöst.
Poetologisch zeigt der Text eine barocke Grundannahme über Sprache: Sprache ist Ordnungsmacht, die Affekt in klare Regeln überführt. Das Gedicht nutzt nicht die Weite des Ausdrucks, sondern die Prägnanz der Maxime. Es demonstriert, wie Dichtung Gefühl nicht nur abbilden, sondern formen kann: Liebe wird zur Alternative, Treue zur Reinheitsnorm, Verlust zur Freiheitsbewegung. Damit lässt sich als Schluss gewinnen, dass das Gedicht eine Ethik der Liebe entwirft, die im Modus der poetischen Konsequenz spricht: Entweder wird das Herz ganz erwählt – oder die Sprache selbst eröffnet den Weg, die eigene Integrität in Freiheit zu bewahren.
V. Editorische Angaben
Der Gedichttext wird in der vorliegenden Fassung in einer überlieferungsnahen Orthographie wiedergegeben (u. a. „Hertze“, „gant(z)“, „erwehlen“, „vermählen“, „Gelück“, „hasset“, „Wann“, „umfasset“, „Freyheit“, „seyn“). Die im Text gesetzten Schrägstriche werden als Zäsur- bzw. Druckgliederungszeichen behandelt und beibehalten, da sie den barocken Sprechrhythmus, die syntaktische Segmentierung und die historisch-typographische Versgliederung sichtbar machen.
Die Verszählung (1–8) folgt der präsentierten Textgestalt und dient der Kommentierung, internen Verlinkung und Zitierfähigkeit im Lyrik-Atlas (z. B. in Verskommentaren und Stellenverweisen). Interpunktion und Groß-/Kleinschreibung werden grundsätzlich nach dem überlieferten Druckbild respektiert; Normalisierungen (z. B. Anpassung historischer Schreibvarianten an moderne Formen) sollten – falls gewünscht – als separate Lesefassung kenntlich gemacht werden, um die Differenz zwischen diplomatischer Wiedergabe und modernisiertem Text transparent zu halten.
Für die bibliographische Absicherung empfiehlt sich die eindeutige Angabe einer Referenzfassung (Erstdruck oder maßgebliche Edition) mit Sigle. Da Abschatz’ Gedichte in unterschiedlichen Sammlungs- und Druckzusammenhängen überliefert sein können, ist es editorisch sinnvoll, im Projekt-Datensatz die Quelle stabil zu hinterlegen (Druckjahr, Druckort, Drucker/Verleger, ggf. interne Quell-ID sowie Verweis auf Digitalisat/Faksimile). So lassen sich mögliche Varianten (Orthographie, Interpunktion, Zeilentrennung, Zäsursetzung) später nachvollziehbar dokumentieren.
Falls im Lyrik-Atlas ein Variantenapparat geführt wird, sollten Abweichungen insbesondere bei den Schlüsselstellen der Alternative (V. 1–4) sowie bei der Bindungsmetaphorik (V. 7–8: „Joch/Strick/Freyheit“) gesondert beobachtet werden, weil schon geringe Abweichungen hier die semantische Härte oder die Bildlogik verändern können.
VI. Gedichttext
Mein allein/ oder laß es gar seyn
Beliebe mich für andern zu erwehlen/1
Mein Hertze giebt sich gantz zu eigen dir.2
Doch wo du dir ein Fremdes wirst vermählen/3
Nehm ich das Mein hinwieder auch zu mir.4
Wie sehr mich ie Gelück und Himmel hasset/5
Bleibt doch mein Hertz und meine Treue rein;6
Wann aber dich ein fremdes Joch umfasset/7
Soll mir dein Strick der Weg zur Freyheit seyn.8
Strophe 1
Vers 1: „Beliebe mich für andern zu erwehlen/“
Beschreibung: Das lyrische Ich eröffnet mit einer Bitte bzw. Aufforderung an das Du: Es soll das Ich „vor anderen“ wählen. Der Vers setzt sofort das Thema der Exklusivität.
Analyse: „Beliebe“ ist eine höfisch-galante Imperativform, die zugleich Bitte und Anspruch enthält. Die Formulierung „für andern“ etabliert ein Konkurrenzfeld: Es gibt Mitbewerber, und die Wahl des Du ist nicht selbstverständlich. Das Verb „erwehlen“ (erwählen) trägt eine starke Wertung: Es ist mehr als „wählen“, es klingt nach bevorzugender, fast feierlicher Entscheidung. Der Vers wirkt syntaktisch wie ein Auftakt, der den Satzfluss in die nächste Zeile hinüberzieht und damit den Imperativ nicht als isolierten Ausruf, sondern als Beginn einer argumentativen Bewegung setzt.
Interpretation: Der Vers definiert Liebe als Entscheidung, nicht als bloße Neigung. Das Ich setzt den Rahmen: Es bietet sich an, aber nur unter der Bedingung, dass das Du es eindeutig vor allen anderen bevorzugt. Darin liegt ein frühes Signal der Härte: Noch bevor Hingabe ausgesprochen wird, steht die Forderung nach Exklusivität im Raum. Die Liebesrede erhält so von Beginn an den Charakter eines „Vertragsangebots“.
Vers 2: „Mein Hertze giebt sich gantz zu eigen dir.“
Beschreibung: Das Ich erklärt seine Bereitschaft zur vollständigen Hingabe: Sein Herz gibt sich dem Du ganz „zu eigen“.
Analyse: „Mein Hertze“ fungiert als Symbol der ganzen Person: Es meint Gefühl, Wille, Identität. „giebt sich gantz“ ist eine Totalitätsformel; sie setzt keine Abstufungen, sondern eine vollständige Selbstübertragung. Die Wendung „zu eigen“ ist entscheidend: Sie verschiebt das Liebesbekenntnis in ein Besitz- und Zugehörigkeitsregister. Liebe wird nicht als bloßes Empfinden, sondern als Zugehörigkeitsakt gedacht. Der Punkt am Ende schließt die Zeile scheinbar ab, doch im Gesamtgefüge bleibt sie von V. 1 abhängig: Die Hingabe steht im Horizont der vorausgehenden Forderung.
Interpretation: Das Ich bietet nicht Teilhabe, sondern Ganzhingabe. Gerade diese Totalität erklärt die Strenge des Gedichts: Wer sich ganz gibt, kann nicht nebenbei geben. Das Bekenntnis enthält daher bereits die Bedingung seiner Möglichkeit: Es verlangt eine ebenso totale Gegenwahl. Das Herz wird zum „Einsatz“ im Spiel der Exklusivität, und die Liebesrede gewinnt einen Ernst, der über galante Floskel hinausgeht.
Vers 3: „Doch wo du dir ein Fremdes wirst vermählen/“
Beschreibung: Das Ich setzt den Gegenfall: Wenn das Du sich einem „Fremden“ vermählt, tritt eine andere Konsequenz ein. Der Vers markiert den Umschlagpunkt der Strophe.
Analyse: „Doch“ ist das harte Scharnierwort: Es korrigiert bzw. relativiert die Hingabe sofort und macht sie ausdrücklich konditional. „wo“ fungiert hier als konditionaler Einleiter („wenn“), und „wirst vermählen“ verweist auf eine formale, rechtlich und sozial gewichtige Bindung. Das „Fremdes“ ist nicht nur eine andere Person, sondern das Prinzip der Fremdheit und Konkurrenz. Der Vers führt damit die Dreieckskonstellation ein (Ich–Du–Anderer) und lässt die Alternative „mein allein oder gar nicht“ sprachlich in Kraft treten. Der Enjambementzug in den nächsten Vers erzeugt zusätzlich Druck: Der Leser wird in die Konsequenz hineingezogen.
Interpretation: Der Vers enthüllt die innere Fragilität totaler Hingabe: Sie kann nur bestehen, solange das Du nicht in eine andere Bindung tritt. „Vermählen“ macht aus dem Konkurrenzgedanken eine definitive Schwelle: Es geht nicht um flüchtiges Schwanken, sondern um einen Bund, der die Beziehung unwiderruflich verändert. Das Ich setzt damit eine klare Grenze, die zugleich Schutz und Drohung ist: Die Liebe wird nicht geduldig leidend, sondern konsequent reagierend entworfen.
Vers 4: „Nehm ich das Mein hinwieder auch zu mir.“
Beschreibung: Das Ich zieht die Konsequenz: Es nimmt „das Seine“ wieder zu sich zurück. Der Vers beendet die Strophe mit einer Rückholbewegung.
Analyse: Die Syntax ist einfach und endgültig: „Nehm ich“ ist eine aktive, souveräne Handlung. „das Mein“ greift das Besitzregister auf und führt es konsequent fort: Was zuvor dem Du „zu eigen“ gegeben werden sollte, wird nun wieder Eigentum des Ich. „hinwieder“ betont die Umkehrung, fast wie eine formale Rückabwicklung. Das „auch“ verstärkt den Vollzug: Nicht nur wird die Hingabe beendet, sondern das Ich kehrt in sich selbst zurück. Der Vers wirkt wie eine Vertragsklausel, die den Bruchfall eindeutig regelt.
Interpretation: Der Rückzug ist nicht als Klage gestaltet, sondern als Selbstwahrung. Das Ich definiert Freiheit zunächst als Fähigkeit zur Rücknahme: Wer ganz gibt, muss im Fall des Bruchs ganz zurückholen, um nicht zerrissen zu werden. In dieser Rückholformel steckt ein starkes Integritätsideal: Liebe ist nur dann legitim, wenn sie ungeteilt ist; wird sie geteilt oder fremd überlagert, muss das Subjekt sich retten, indem es die eigene Gabe zurücknimmt.
Gesamtdeutung der Strophe 1
Die erste Strophe ist eine streng gebaute Alternativformel, die Liebe von Beginn an als Entscheidung und Bedingung entwirft. Sie beginnt mit einer galanten, aber inhaltlich kompromisslosen Bitte: Das Du soll das Ich „für andern“ erwählen. Schon dieser Auftakt macht deutlich, dass Liebe hier nicht als freies Schweben, sondern als Exklusivwahl gedacht wird. Unmittelbar darauf folgt die Totalitätsbehauptung der Hingabe: Das Herz gibt sich „gantz zu eigen“. Das Ich setzt seinen Einsatz maximal, und genau daraus erwächst die Logik der Maxime.
Denn die Strophe kippt sofort in den Gegenfall. Mit „Doch“ wird die Hingabe als konditional entlarvt: Sie gilt nur, solange das Du nicht in eine fremde Bindung tritt. Die Rede von „vermählen“ markiert eine definitive Schwelle; sie macht Konkurrenz nicht zu einer Stimmung, sondern zu einer strukturellen Unmöglichkeit. Damit erhält die Liebesrede einen vertraglichen Charakter: Es wird eine Bedingung gesetzt und eine klare Konsequenz formuliert. Diese Konsequenz ist radikal und kühl: Nicht Klage, nicht Bitten, sondern Rückabwicklung. „Nehm ich das Mein hinwieder auch zu mir“ vollzieht den Rückzug als souveräne Selbstschutzhandlung.
In der Strophe entsteht so die Grundfigur des Gedichts: Liebe ist unteilbar, weil sie als Selbstübertragung gedacht ist. Gerade weil die Hingabe total ist, kann sie im Bruchfall nicht graduell reagieren. Die Strophe stellt deshalb nicht nur eine Liebessituation dar, sondern formuliert eine anthropologische Regel: Wer sich ganz gibt, muss im Fall der Fremdbindung die eigene Gabe ganz zurückholen, um Integrität zu bewahren. Die innere Bewegung der Strophe – Bitte, Selbstgabe, Umschlag, Rücknahme – ist damit bereits die komprimierte Dramaturgie des ganzen Gedichts.