Autor: Hans Aßmann Freiherr von Abschatz
Gedicht: »Morgen-Andacht«
Erstdruck: In: Poetische Ubersetzungen und Gedichte, Leipzig und Breslau: Christian Bauch, 1704.
Zyklus / Sammlung: Abschnitt Himmelschlüssel oder Geistliche Gedichte (innerhalb der von Christian Gryphius postum edierten Sammlung).
Edition: Textgrundlage (häufig benutzt): Poetische Übersetzungen und Gedichte. Faksimiledruck nach der Gesamt-Ausgabe von 1704, hrsg. von Erika Alma Metzger, Bern: Herbert Lang, 1970.

I. Beschreibung des Gedichts

1. Formale Grundstruktur

1. In welcher äußeren Gestalt tritt das Gedicht auf: Wie viele Verse und Strophen liegen vor, und welcher Gedichttyp deutet sich an?

Das Gedicht liegt in einer streng strophischen Großform vor: Es umfasst 10 Strophen zu je 6 Versen, also insgesamt 60 Verse. Diese regelmäßige Sechzeiler-Gliederung, die jeweils einen beschreibenden Anfang und einen appellativ-gebetsartigen Abschluss bündelt, deutet klar auf einen liedhaften Andachtstyp hin, genauer auf ein barockes Morgenlied beziehungsweise ein Erbauungs- und Gebetsgedicht, das in der Anlage gut sing- oder rezitierbar ist und sich an kirchlich geprägte Strophenmodelle anlehnt.

2. Welches Versmaß dominiert, wie regelmäßig wird es durchgeführt, und an welchen Stellen bricht der Text das erwartbare metrische Schema sichtbar auf?

Dominant ist ein trochäischer Vierheber, der in der Strophe in einem wiederkehrenden Längenwechsel organisiert wird. Typisch ist dabei eine Folge von acht Silben (meist mit weiblicher Kadenz, also auslautender unbetonter Silbe) und sieben Silben (katalektisch, also „verkürzt“, häufig mit männlicher Kadenz). Für die erste Strophe lässt sich das Muster sehr klar erkennen: 8 / 7 / 8 / 7 / 8 / 8 (z. B. „Der beglänzte Mond erbleichet“ = 8; „Von der nahen Sonne Pracht“ = 7). Dieses Schema wird über das gesamte Gedicht hinweg auffallend konsequent durchgeführt, sodass der Text eine hymnische Regelmäßigkeit gewinnt.

Sichtbare metrische „Brüche“ im Sinne eines abrupten Wechsels des Grundtakts sind selten; die wenigen Spannungen entstehen eher durch barocktypische Wortfülle, Komposita und syntaktische Verdichtungen, die eine flexible Akzentuierung verlangen (etwa bei zusammengesetzten Bildbegriffen wie „Himmels-Bogen“, „Saffirnen Wunder-Bau“, „Perlen-Thränen“, „Himmel-Schlüssel“). Solche Stellen wirken nicht wie Regelverletzungen, sondern wie bewusst in Kauf genommene Prosodie-Spielräume, die die Bildpracht tragen, ohne das Grundgerüst zu zerstören.

3. Welches Reimschema lässt sich erkennen, wie konsequent wird es durchgehalten, und gibt es auffällige Unreinheiten, Assonanzen oder Reimlosigkeit, die eine besondere Funktion nahelegen?

Das Reimschema ist in den Strophen sehr stabil: Es handelt sich um ABABCC, also einen Kreuzreim im Quartett (Verse 1–4) und einen abschließenden Paarreim (Verse 5–6). Die Anfangsstrophe zeigt dies exemplarisch: erbleichet (A) – Pracht (B) – entweichet (A) – Nacht (B) – Sünden (C) – dahinden (C). Dieses Muster wird durchgängig so konsequent eingehalten, dass es als formales Rückgrat der Andachtsbewegung fungiert.

Auffällige Reimlosigkeit gibt es nicht. Was gelegentlich als „Unreinheit“ wirken könnte, sind lautnahe, barock zulässige Reimannäherungen, bei denen die Endungen nicht identisch, aber klanglich eng geführt sind (beispielsweise bei Endungen auf -ünden / -inden). Solche leichten Klangverschiebungen lassen sich als Teil eines historischen Reimempfindens verstehen und haben hier weniger eine Störfunktion als vielmehr die Wirkung, dass der Schlussreim trotz moralischer Schärfe nicht hart „abknallt“, sondern in eine fließende Gebetsintonation übergeht.

4. Wie verhalten sich Satzbau und Zeilenbau zueinander: Wo entstehen Enjambements, harte Zeilensprünge oder syntaktische Klüfte, und welche Wirkung haben sie auf Tempo und Lesebewegung?

Grundsätzlich ist das Gedicht relativ zeilen- und strophenkongruent gebaut: Viele Verse schließen mit Satzzeichen oder zumindest mit deutlichen syntaktischen Einschnitten, sodass die Lesebewegung regelmäßig „atmen“ kann. Besonders markant ist die barocke Interpunktion mit Doppelpunkt und Schrägstrich, die wie eine rhetorische Zäsur wirkt und das meditative Sprechen strukturiert (beispielsweise: Naturbeobachtung – moralische Anwendung – kurzer Stoßseufzer).

Enjambements treten dennoch gezielt auf, vor allem dort, wo die Bildräume ausgebaut werden und der Satz über mehrere Verse „gezogen“ wird, etwa wenn Himmelsarchitektur und Sternenfeld in aufeinanderfolgenden Versen entfaltet werden („Den gewölbten Himmels-Bogen … / Hielt die dunckle Nacht umzogen …“). Solche Übergriffe erhöhen das Fließen der Anschauung, während harte Zeilensprünge mit starker Interpunktion das Tempo drosseln und die Wendepunkte markieren. Besonders wirksam ist dabei das Strophenprinzip selbst: Nach dem eher beschreibenden Quartett setzt der Paarreim häufig als knapper, imperativischer Abschluss ein, wodurch die Bewegung von Betrachtung zu Ermahnung spürbar beschleunigt wird.

5. Welche wiederkehrenden formalen Muster strukturieren das Gedicht, und wie tragen sie zur thematischen Kohärenz bei?

Das wichtigste wiederkehrende Muster ist die stropheninterne Zweiteilung: In den ersten vier Versen wird fast regelmäßig ein Natur- oder Kosmosbild entfaltet (Mond, Sterne, Himmel, Röte, Sonne, Tau), und in den letzten zwei Versen wird dieses Bild in eine direkte geistliche Applikation überführt (Anrede an das Herz, Bußaufforderung, Gnadenbitte, eschatologische Hoffnung). Dadurch entsteht eine Art festes „Andachtsverfahren“: Schauerkennefolge.

Auf der Ebene der kleineren Formsignale tragen außerdem die wiederkehrenden Imperative („Auff“, „Laß“, „Schau“, „Sieh“, „Dencke“, „Suche“, „Wünsch“) und die konstanten Kadenzwechsel (7/8-Silben-Takt) dazu bei, dass das Gedicht zugleich bewegt und gebunden wirkt. Der Paarreim am Ende jeder Strophe bündelt den Sinn in einer Art „Merksatz“, was zur thematischen Kohärenz beiträgt, weil die moralische Stoßrichtung immer wieder klar fokussiert wird.

6. In welchem Verhältnis stehen Form und Gattung: Bestätigt die äußere Gestalt ein gattungstypisches Erwartungsschema oder wird dieses bewusst unterlaufen?

Form und Gattung bestätigen einander weitgehend. Die regelmäßige Strophenform, der liedhafte Trochäus und das stabile Reimschema entsprechen genau dem Erwartungshorizont eines Andachts- und Erbauungsgedichts, das als Morgenmeditation funktionieren soll: Die äußere Ordnung spiegelt die innere Disziplin, die dem „aufgeweckten“ Herzen zugemutet wird. Zugleich nutzt Abschatz die vertraute Liedgestalt, um die Leser- beziehungsweise Beterhaltung zu stabilisieren; man wird in einen rhythmischen Vollzug hineingenommen, der dem Gebetsmodus entspricht.

Eine bewusste Spannung entsteht allerdings durch die deutliche eschatologische Zuspitzung gegen Ende: Aus der sanften Morgenbildlichkeit wird ein starkes Verlangen nach dem Tag, „der die Welt in Stücke bricht“, und nach der endgültigen Vereinigung mit Christus. Diese Radikalisierung unterläuft nicht die Gattung, sie intensiviert sie barocktypisch: Das Morgenlied wird zugleich zum Memento-mori- und Endzeitgebet, sodass die Form des Liedes die existenzielle Schärfe nicht glättet, sondern gerade tragfähig macht.

2. Sprechsituation

1. Wer spricht im Gedicht: Lässt sich eine bestimmte Sprecherfigur, ein lyrisches Ich oder eine Rollenstimme erkennen, und wie stark wird diese Stimme individualisiert?

Es spricht eine klar erkennbare Andachtsstimme, die sich überwiegend als lyrisches Ich im Sinne eines betenden, sich selbst ermahnenden Subjekts konstituiert, ohne biografisch oder sozial konkret individualisiert zu sein. Die Stimme ist somit weniger „Person“ als Rolle: ein exemplarischer Christ, der am Morgen die Welt betrachtet und daraus einen geistlichen Vollzug formt. Die Individualisierung geschieht nicht über äußere Merkmale, sondern über die innere Bewegungsform: das Ich zeigt sich als jemand, der sich vom Kosmos her ansprechen lässt, der seine eigene Sündhaftigkeit voraussetzt und der am Ende in einer sehr persönlichen Zuspitzung („mein Licht, mein Jesus“) eine intime Bindung artikuliert. Dadurch entsteht eine Doppelgestalt: eine allgemein gültige Andachtsfigur und zugleich ein punktuell stark personalisiertes Ich, das im Gebet in den Besitzton übergeht.

2. An wen richtet sich der Text?

Die Adressierung ist mehrschichtig. Am häufigsten richtet sich die Stimme an das eigene Innere, ausdrücklich an das Herz („Auff mein Hertz“), also an das Zentrum der Person, das geweckt, geläutert und neu ausgerichtet werden soll. Daneben richtet sich der Text an ein implizites Du als Leser- oder Beteradressat, denn viele Imperative („Schau“, „Sieh“, „Dencke“, „Suche“, „Übersteig“) funktionieren wie Erbauungsrede, die den Vollzug verallgemeinert und mitvollziehbar macht. Schließlich ist Gott bzw. Christus als höchster Adressat präsent: teils indirekt („des Höchsten Ruhme“, „Gottes Gnad“), teils direkt und persönlich am Schluss („mein Jesus“). Insgesamt ist das Gedicht daher zugleich Selbstansprache, Erbauungsansprache und Gebet.

3. In welcher Sprechhaltung äußert sich die Stimme?

Die Sprechhaltung ist überwiegend paränetisch (ermahnend-anleitend) und meditativ (betrachtend), dabei durchzogen von affektiver Dringlichkeit. Der Text spricht nicht neutral beschreibend, sondern in einer Haltung des geistlichen Vollzugs: Die Naturbetrachtung ist von Anfang an auf Anwendung hin organisiert. Charakteristisch sind die häufigen Imperative und Ausrufe („Auff!“, „Ach!“), die eine Mischung aus Selbstzucht und Seufzergebet erzeugen. Zugleich ist die Stimme demütig: Sie setzt die „Sünden-Finsterniß“ als eigene Realität voraus und sucht nicht Selbstrechtfertigung, sondern Umkehr, Gnade und am Ende Erlösung.

4. Welche zeitliche und räumliche Situation wird implizit oder explizit gesetzt?

Zeitlich ist die Situation eindeutig als Morgen markiert, genauer als der Moment des Übergangs von Nacht zu Tag: Mond und Sterne weichen, die Sonne steigt, die Morgenröte erscheint, Tau liegt auf Gras und Laub. Der Text setzt damit implizit den Augenblick beim Erwachen oder kurz danach, wenn der Blick nach außen (Himmel, Licht, Tau) möglich ist und das Bewusstsein noch zwischen Schlaf und Wachheit steht. Räumlich ist ein offener Außenraum impliziert: Der Sprecher sieht den „Himmels-Bogen“, die „Sternen-Au“, das „Gold der Sonne“, also eine Natur- und Himmelslandschaft, die eher ländlich oder zumindest unverbaut gedacht ist. Gleichzeitig wird der Raum innerlich überformt: Das eigentlich entscheidende „Ort-Geschehen“ findet im Herzen statt, das vom Dunkel zum Licht geführt werden soll. Der äußere Morgenraum ist somit der Schauplatz einer inneren Bewegung.

5. Aus welcher Perspektive wird gesprochen, und wie verschiebt sich diese Perspektive eventuell im Verlauf?

Die Perspektive beginnt als beobachtende Außenperspektive (Kosmos, Himmelserscheinungen) und kippt rasch in eine allegorisch-moralische Innenperspektive: Was am Himmel geschieht, wird als Spiegel für den Zustand des Menschen gelesen. Im Verlauf verschiebt sich die Perspektive mehrfach in einer typischen Andachtsdramaturgie: Zunächst Schau (Mond, Sterne, Nacht), dann Deutung (Vergänglichkeit von Ehre, Wollust, Gewinn; Notwendigkeit des bleibenden Lichts), dann Anwendung (Buße, Tränen, Gnadenhoffnung), schließlich eine eschatologische Perspektive, die das Ende der Welt und den „Tag“ des Gerichts beziehungsweise der endgültigen Erlösung ins Zentrum rückt. Am Schluss wird diese Endperspektive stark personalisiert: Die Perspektive verdichtet sich in die Sehnsucht nach Christus („mein Licht, mein Jesus“) und damit in ein unmittelbares Ich-Du-Verhältnis.

6. Wie ist das Verhältnis zwischen Sprecher und Gegenüber charakterisiert?

Zwischen Sprecher und dem zunächst adressierten „Herz“ besteht ein Verhältnis geistlicher Selbstführung: Das Ich spricht sich an wie ein Seelsorger, der das eigene Innere aus dem Schlaf der Gewohnheit und der Sünde herausruft. Gegenüber dem impliziten Leser entsteht ein Verhältnis von erbaulicher Anleitung; die Stimme beansprucht Autorität nicht durch Amt, sondern durch das geteilte christliche Grundwissen und durch die exemplarische Vorführung einer Morgenmeditation. Gegenüber Gott beziehungsweise Christus ist das Verhältnis eindeutig abhängig und vertrauend: Der Mensch hofft auf Gnade („Gottes Gnad“), erwartet „Himmel-Schlüssel“ als Heilszusage und endet in einer intimen Hingabeformel. Entscheidend ist, dass diese Beziehungen nicht nebeneinander stehen, sondern ineinander übergehen: Selbstansprache und Erbauungsrede münden in das Gebet, und damit wird das Gegenüber zuletzt nicht mehr primär der Mensch (Herz/Leser), sondern Christus als Zielpunkt der Bewegung.

3. Aufbau und innere Bewegung

1. Welche Ausgangssituation wird am Anfang des Gedichts gesetzt, und in welchem Zustand findet sich das Sprecher-Ich zu Beginn?

Der Anfang setzt eine klar markierte Übergangsszene: Der „beglänzte Mond“ erbleicht, das „Sternen Heer“ entweicht, die Nacht ist „hingelegt“ – das kosmische Bild ist das einer ablaufenden Dunkelzeit, die vom anrückenden Sonnenlicht verdrängt wird. In genau diesem Moment lokalisiert sich das Sprecher-Ich in einer doppelten Lage: äußerlich im beginnenden Morgen, innerlich jedoch noch im Nachtschlaf-Zustand des Herzens. Das zeigt der sofortige Imperativ „Auff mein Hertz“ und der Wunsch, dass „der Sünden Finsterniß und Schlaff dahinden“ lasse. Der Sprecher steht also nicht in einer bereits vollzogenen Frömmigkeit, sondern in einem Zustand der Selbstdiagnose: Er erkennt die eigene Trägheit und Sündendunkelheit als das, was jetzt – analog zur Nacht – weichen soll. Der Morgen ist damit von Beginn an nicht nur Naturereignis, sondern Startsignal einer inneren Umkehrbewegung.

2. Welche größeren Sinnabschnitte lassen sich im Verlauf erkennen, und nach welchen inhaltlichen oder formalen Kriterien lassen sie sich voneinander abgrenzen?

Trotz der gleichförmigen Strophik lassen sich mehrere Sinnfelder als größere Abschnitte erkennen, die sich jeweils durch ein dominantes Bildcluster und eine bestimmte geistliche Zielrichtung abgrenzen lassen:

(1) Strophen 1–2: Kosmische Morgenwende und Lobraum. Die Ablösung von Mond/Sternen durch die Sonne wird entfaltet; zugleich erscheint der Himmel als „Wunder-Bau“ und die Sternenwelt als „Licht- und Feuer-Blume“ zum Ruhm des Höchsten. Kriterium: primär Schau und Staunen, mit erster moralischer Anwendung.

(2) Strophen 3–4: Vanitas-Lehre und Umkehrappell. Aus dem Erblassen des nächtlichen Glanzes wird direkt die Forderung abgeleitet, „Ehre, Wollust und Gewinn“ zu verlassen, und die Morgenröte soll die „Sünden-Nacht“ töten. Kriterium: Übergang von Anschauung zur expliziten Vanitas-Reflexion und Bußaufforderung.

(3) Strophen 5–6: Ordnung der Schöpfung und Erweckung der Andacht. Die Sonne steigt und vollführt ihren Lauf „in gewissen Gräntzen“; daraus wird der Appell, die Menge der Wunder als „Zunder“ für „todte Andacht“ zu nehmen. Kriterium: Schöpfungsordnung als didaktischer Beweisgrund, stärkere paränetische Zuspitzung.

(4) Strophen 7–8: Bußpraxis, Tränenmotiv und Verheißung. Der Tau als „Perlen-Thränen“ wird zum Modell der eigenen Reue („Wangen Auen“); Gottes Gnade und „Himmel-Schlüssel“ werden in Aussicht gestellt; zugleich erscheint die Perspektive einer Ewigkeit ohne Nacht und Weinen. Kriterium: Wechsel vom bloßen Appell zur konkreten inneren Praxis und zu tröstlicher Zukunftsverheißung.

(5) Strophen 9–10: Eschatologische Flugbewegung und Christus-Sehnsucht. „Auff! und schwinge dich“ – der Vogelimpuls führt zur Vorbereitung eines ewigen Ortes; dann Überstieg der „Sternen-Bühne“ und der Wunsch nach dem Tag, der die Welt zerbricht; kulminierend in „mein Licht, mein Jesus“. Kriterium: deutliche Intensivierung hin zu Endzeit- und Erlösungssehnsucht, starke Personalisierung.

3. Wo liegen deutliche Wendepunkte, Umschläge oder Kulminationen?

Ein erster Wendepunkt liegt bereits im Übergang von Strophe 2 zu 3: Aus dem reinen Himmelsstaunen (Sternenau, Wunderbau) wird ein strikter Analogieschluss („So muß auch der Mensch verlassen …“). Hier schaltet der Text von kontemplativer Betrachtung in moralische Notwendigkeit um.

Ein zweiter markanter Umschlag zeigt sich in Strophe 4: Die Morgenröte wird nicht mehr nur beschrieben, sondern als angreifende Kraft imaginiert, die „Deiner Sünden-Nacht“ den Tod bringen soll. Das ist ein affektiver Stoßpunkt, an dem das Gedicht die innere Nacht drastisch adressiert.

Ein dritter, ruhig aber entscheidend gesetzter Wendepunkt liegt in Strophe 6: Hier wird die Naturbetrachtung ausdrücklich als Erweckungsmittel definiert („Zunder“ für die „todte Andacht“). Der Text reflektiert damit sein eigenes Verfahren: Das Schauen soll Andacht entzünden.

Die Kulmination liegt am Ende: Strophen 9–10 beschleunigen in Richtung eschatologischer Endpunkt (Untergang der Welt, Tag des Gerichts/der Vollendung), und der Schlussvers („Und mich ewig zu sich nehme!“) bündelt alles in eine personale Heilsbewegung zu Christus. Hier erreicht die innere Spannung ihren höchsten Grad.

4. Lässt sich eine Bewegung von einem Ausgangspol zu einem Gegenpol beschreiben, und wie wird dieser Weg sprachlich und bildlich vollzogen?

Die Grundbewegung verläuft sehr klar von Nacht zu Tag, von entlehntem Glanz zu bleibendem Licht, von Schlaf/Sünde zu Wachheit/Andacht, und schließlich von Welt zu Ewigkeit. Sprachlich wird dieser Weg durch zwei Mittel vollzogen: erstens durch die konsequente Bildprogression (Mond/Sterne → Morgenröte → Sonne → Tau → Vogel-Flug → Sternen-Bühne → Endtag), zweitens durch die imperativische Steuerung, die den Leser nicht nur schauen lässt, sondern ihn stufenweise vorantreibt („Auff … laß … mühe dich … schau … sieh … dencke … übersteig … suche … wünsch“).

Bildlich ist der Weg zugleich vertikal und temporal: Temporal schreitet er vom frühen Morgen bis in die Ewigkeit vor; vertikal steigt er vom Blick an den Himmel über den Vogel-Flug bis zum Überstieg der Sternenbühne. Der Gegenpol zum Anfang ist deshalb nicht einfach „Tag“ im natürlichen Sinn, sondern der eschatologische Tag, in dem das wahre Licht (Christus) endgültig erscheint und das Ich „ewig“ geborgen wird.

5. Gibt es Rückgriffe, Spiegelungen oder Rahmenbildungen, die eine Kreisbewegung oder eine bewusst offene, fragmentarische Struktur erkennen lassen?

Eine vollständige Kreisbewegung im Sinne einer Rückkehr zum Ausgangspunkt gibt es nicht; der Text ist deutlich teleologisch gebaut, also auf ein Ziel hin. Dennoch arbeitet er mit Spiegelungen und Rückgriffen, die die Bewegung stabilisieren:

Erstens spiegelt sich das Anfangsbild der abziehenden Nacht mehrfach: Die „Sünden-Nacht“ (Strophe 4) nimmt die „hingelegte Nacht“ (Strophe 1) innerlich wieder auf und übersetzt sie in moralische Sprache. Zweitens kehrt das Motiv der Lichtablösung in variierter Form wieder: erst erbleicht der Mond, dann erblassen menschliche „Ehre/Wollust/Gewinn“, schließlich erscheint das Licht, „das zu keiner Zeit kan schwinden“. Drittens ist das „Weinen“-Motiv als Kontrastfigur angelegt: Tau und Bußtränen hier – eine Ewigkeit „ohn alles Weinen“ dort. Diese Spiegelungen erzeugen eine Rahmung durch Motivreihen, ohne den Zielgang zu stoppen.

Offen oder fragmentarisch ist die Struktur nicht; gerade die regelmäßige Strophik und die konsequente Motivführung verhindern Fragmentierung. Eine „Offenheit“ bleibt höchstens als existenzielle Spannung: Das Gedicht endet zwar mit der Bitte um Aufnahme zu Christus, aber nicht mit der Erzählung einer Erfüllung, sondern mit dem Gebetswunsch, der als offener Akt stehen bleibt.

6. Wie verhalten sich äußere Gliederung und innere Gedanken- oder Gefühlskurve zueinander: Stützen sie sich, laufen sie gegeneinander oder erzeugen sie Spannungen, die für die Deutung wichtig sind?

Äußere Gliederung und innere Kurve stützen sich weitgehend, und genau darin liegt eine wesentliche barocke Signatur. Die gleichmäßige Strophenform wirkt wie ein Disziplinierungsrahmen, der die inneren Bewegungen – vom Staunen über Reue bis zur Endzeiterregung – in einen kontrollierten Gebetsrhythmus einbindet. Jede Strophe wiederholt formal denselben Mechanismus (Schau-Bild im Quartett, Pointe/Anwendung im Paarreim), und diese Wiederholung entspricht der inneren Praxis einer Morgenandacht, die Schritt für Schritt das Herz ausrichtet.

Gleichzeitig entsteht eine produktive Spannung: Die Gefühle und Forderungen werden im Verlauf deutlich drastischer (Vanitas, Todesschatten, Weltuntergang), während die Form ruhig und regelhaft bleibt. Gerade diese Diskrepanz ist für die Deutung wichtig: Die Form „hält“ die Erschütterung, damit sie nicht in bloße Angst kippt, sondern in eine gerichtete Sehnsucht überführt wird. Der starre formale Rahmen ermöglicht somit, dass die innere Kurve von der natürlichen Morgenruhe bis zur eschatologischen Zuspitzung gesteigert werden kann, ohne den Charakter der Andacht zu verlieren.

4. Tonlage, Stimmung, affektive Konstellation

1. Welche Grundstimmung herrscht im Gedicht vor?

Die Grundstimmung ist eine Mischung aus still-gesammelter Morgenruhe und geistlicher Dringlichkeit. Der Text beginnt im Modus einer kontemplativen Naturwahrnehmung: das Erbleichen des Mondes, das Weichen der Sterne, der „Saffirne Wunder-Bau“ des Himmels erzeugen eine ruhige, klare Atmosphäre. Diese Ruhe ist jedoch von Anfang an nicht idyllisch, sondern teleologisch auf Umkehr hin geladen: Der Morgen wird sofort als geistlicher Weckruf gelesen, der das Herz aus „Sünden-Finsterniß“ und „Schlaff“ herausführen soll. Das übergreifende Klima ist daher andächtig, ernst und auf Erweckung gerichtet, zugleich immer wieder von Staunen über die Schöpfung durchzogen.

2. Wie stabil ist diese Stimmung?

Die Stimmung ist in ihrem Grundton erstaunlich stabil, weil die formale Ordnung und die wiederkehrende Strophenlogik (Schau – Anwendung) einen kontinuierlichen Andachtsrhythmus erzeugen. Dennoch verschiebt sich das affektive Gewicht im Verlauf deutlich: Aus der anfänglichen Betrachtungsruhe entwickelt sich eine zunehmende existenzielle Schärfe. Spätestens mit den Vanitas-Strophen („Ehre/ Wollust und Gewinn“) und der Todespassage („durch des Todes Schatten“) tritt ein stärkerer Ernst in den Vordergrund. Gegen Ende steigert sich diese Ernsthaftigkeit zur eschatologischen Erregung, wenn der Tag gewünscht wird, „der die Welt in Stücke bricht“. Stabil ist also die Grundhaltung der Andacht; beweglich ist die Intensität, die von ruhigem Staunen über Bußschmerz bis zur Endzeitsehnsucht ansteigt.

3. Welche Gefühle und affektiven Haltungen prägen das Ich und sein Verhältnis zu sich selbst?

Das Ich begegnet sich selbst primär in einer Haltung der Selbstprüfung und Selbstzucht. Es nimmt sich als gefährdet wahr: Schlaf, Trägheit und Sündenfinsternis sind nicht Randphänomene, sondern der Ausgangspunkt. Daraus ergeben sich mehrere dominante Affekte:

(a) Reue und Bußbereitschaft: Das Tränenmotiv (Tau als „Perlen-Thränen“, die „Wangen Auen“ in wahrer Buße) zeigt, dass das Ich nicht nur moralisch urteilt, sondern affektiv in die Umkehr hineingeht.

(b) Sehnsucht nach Reinigung und Beständigkeit: Die Welt erscheint wandelbar, ihr Glanz entlehnt; das Ich will „das Licht“ finden, „das zu keiner Zeit kan schwinden“. In dieser Sehnsucht liegt zugleich eine Unruhe, weil das eigene Innere noch nicht in dieser Beständigkeit steht.

(c) Hoffnung und Vertrauensmut: Neben Reue gibt es eine deutlich positive Grundenergie: Gnade wird erwartet, die Ewigkeit als „frohe“ Zeit imaginiert, und das Ich strebt aktiv („Auff!“, „schwinge dich“, „übersteig“) auf sein Ziel zu.

Das Verhältnis zu sich selbst ist damit nicht narzisstisch, sondern asketisch-teleologisch: Das Ich arbeitet an sich, weil es sich auf Gott hin entwerfen will.

4. Wie gestaltet sich die affektive Beziehung zum Gegenüber?

Gegenüber dem zunächst adressierten „Herz“ ist die Beziehung von strenger Fürsorge geprägt: Der Ton ist antreibend, manchmal fast befehlend, aber nicht kalt, sondern auf Rettung gerichtet. Gegenüber dem impliziten Leser wirkt die Stimme als Erbauungsinstanz: Sie lädt ein, drängt, führt – die Affekte sind dabei nicht privat, sondern exemplarisch, sodass der Leser sich in die Bewegung einüben kann.

Gegenüber Gott bzw. Christus ist die Beziehung am stärksten affektiv aufgeladen: Sie ist demütig (Gnadenabhängigkeit), vertrauend (Verheißung des „Himmel-Schlüssels“) und am Ende innig („mein Licht, mein Jesus“). Wichtig ist, dass diese Innigkeit nicht sentimental wirkt, weil sie von der Vanitas- und Gerichtsperspektive getragen wird; sie ist eine Innigkeit, die aus Ernst und Hoffnung zugleich entsteht.

5. Gibt es ironische, humorvolle oder selbstrelativierende Momente, die die Oberfläche der Stimmung brechen und auf eine zweite, reflektierende Ebene verweisen?

Ironie, Humor oder Selbstrelativierung sind in diesem Text praktisch nicht vorhanden; das wäre auch gattungstypisch unplausibel, weil die Morgenandacht auf Ernst, Sammlung und Heilsdringlichkeit angelegt ist. Eine „zweite Ebene“ entsteht dennoch – nicht durch Witz, sondern durch reflexive Selbststeuerung: Wenn der Text etwa davon spricht, die Wunder der Schöpfung müssten „der todten Andacht Zunder“ sein, dann kommentiert er sein eigenes Verfahren und diagnostiziert zugleich die Möglichkeit, dass Andacht in Routine erstarren kann. Das ist eine Form von Selbstreflexion, aber sie bleibt im ernsten, pastoral geprägten Modus und bricht die Stimmung nicht, sondern vertieft sie.

6. Wie korrespondieren Ton und Bildwelt?

Ton und Bildwelt sind eng korreliert und arbeiten in einer klaren Affektlogik. Die Bildwelt beginnt mit sanften Himmelsphänomenen (Mond, Sterne, Nacht), die eine ruhige Kontemplation ermöglichen. Dann verschiebt sich die Bildsprache in Richtung Vanitas und Kontrast: erblassender Glanz, entlehnter Glanz, sterbender Schein – diese Bilder tragen den ernsten Ton der Entwertung weltlicher Güter. In der Mitte treten Erweckungsbilder hinzu: Sonnenaufstieg als Ordnung und Maß, Wunderfülle als Zunder, Tau als Tränen – hier verbindet sich ein pädagogisch-anleitender Ton mit anschaulichen Naturmetaphern, die den Affekt der Buße konkretisieren.

Zum Schluss eskaliert die Bildwelt vertikal und apokalyptisch: Vogel-Flug, Überstieg der Sternenbühne, der Tag, der die Welt „in Stücke bricht“. Entsprechend wird der Ton imperativischer und sehnsüchtiger. Gerade diese Bildsteigerung ermöglicht, dass die affektive Bewegung von ruhigem Staunen über Reue zu einer gerichteten Endsehnsucht wird. Die Bilder sind also nicht dekorativ, sondern affektive Leitplanken: Sie machen die innere Kurve des Gedichts sichtbar und plausibilisieren den Tonwechsel innerhalb der stabilen Andachtsform.

II. Analyse

Block A – Existentielle und psychologisch-affektive Dimension

1. Welche Grundtriebe, Ängste, Spannungen oder »Tiefenerfahrungen« werden sichtbar?

Im Zentrum des Blocks steht eine barocke Tiefenerfahrung der Vergänglichkeit, die sich nicht abstrakt, sondern als affektiv durchlebte Spannung zwischen zwei Polen zeigt: dem Drang nach Glanz (Ehre, Wollust, Gewinn) und der Einsicht in dessen Unhaltbarkeit. Der Text macht sichtbar, dass der Mensch von einem Grundtrieb zur Selbstbehauptung und Selbststeigerung geprägt ist, zugleich aber in der Erfahrung des „Erblassens“ – erst kosmisch, dann moralisch – die harte Grenze dieses Triebs spürt. Daraus erwächst eine existentielle Angstkonstellation: die Angst, im Dunkel der Sünde und im Schlaf der Trägheit zu verharren, und die Angst, durch den Todesschatten hindurchgehen zu müssen. Der Tod erscheint nicht als bloßer biologischer Endpunkt, sondern als Schwelle, die das Ich innerlich antizipiert: Man gelangt „erst zur Ewigkeit“, wenn man durch diesen Schatten hindurch ist. Diese Schwellenstruktur erzeugt eine Tiefenerfahrung von Endlichkeit, die zugleich Heilsdrang provoziert: Der Mensch sucht „das Licht“, „das zu keiner Zeit kan schwinden“, also eine Existenzform, die dem ständigen Abbrechen des Irdischen entzogen ist.

Eine zweite Tiefenerfahrung liegt in der Wahrnehmung des eigenen Inneren als gespalten: Das Herz ist nicht automatisch wach; es muss geweckt werden. Damit wird ein anthropologischer Befund ausgedrückt: Der Mensch ist sich selbst nicht transparent und nicht spontan gut; er ist gefährdet durch innere Dunkelheit, die wie die Nacht „umzieht“ und den Blick verfinstert. Der Morgen wird deshalb zur Chiffre einer psychischen Grenzerfahrung: Der Übergang von Nacht zu Tag wird als Symbol für den Übergang von Selbstverfehlung zu Selbstgewinn in Gott gelesen.

2. Wie zeigt sich der Mensch als affektbestimmtes Wesen?

Der Mensch erscheint als Wesen, das nicht nur durch Einsicht, sondern durch Affektbewegungen geführt und gefährdet ist. Der Text zeigt das zunächst negativ: „Schlaff“ und „Sünden-Finsterniß“ sind nicht bloß Begriffe, sondern Zustände, die die Willenskraft binden und das Subjekt in eine passive Trägheit ziehen. Ebenso sind „Ehre, Wollust und Gewinn“ nicht einfach Themen, sondern affektiv besetzte Anziehungsfelder, die den Menschen an das Wandelbare ketten. Gerade die Wortwahl macht deutlich, dass das Ich sich nicht als souveräner Vernunftlenker erlebt, sondern als jemand, der von Begehren, Gewohnheit und Begierde nach Anerkennung bewegt wird.

Gleichzeitig zeigt der Text die Möglichkeit einer Gegenaffektierung: Die Andacht soll nicht trocken bleiben, sondern entzündet werden („Zunder“). Das heißt: Auch Frömmigkeit wird affektiv verstanden. Staunen über die „Menge solcher Wunder“, das Bild der Tau-„Perlen-Thränen“, der Seufzer „Ach“ – all das sind Mechanismen, die Gefühle mobilisieren, um eine innere Umkehr zu ermöglichen. Der Mensch wird damit als umstimmbares Wesen sichtbar: Affekte können ihn in die Irre ziehen, aber auch – durch geistliche Praxis und Bildmeditation – neu ausrichten.

3. Welche Ambivalenzen prägen das Ich?

Die Ambivalenzen sind strukturell und nicht bloß situativ. Erstens lebt das Ich zwischen Weltbindung und Transzendenzverlangen. Es kennt die Attraktivität der Eitelkeiten, aber es erkennt zugleich deren Sterblichkeit. Diese Doppelbewegung erzeugt einen inneren Druck: Das Ich muss „verlassen“, was es potentiell noch begehrt. Gerade darin liegt barocke Psychologie: Nicht das Begehren verschwindet, sondern es wird als gefährlich erkannt und soll umgelenkt werden.

Zweitens besteht eine Ambivalenz zwischen Selbstanklage und Heilszuversicht. Die Diagnose der Sündenfinsternis und die Rede vom Todesschatten könnten in Angst und Verzweiflung münden, doch der Text hält dagegen: Er zielt auf Gnade, auf „Himmel-Schlüssel“, auf eine Ewigkeit ohne Nacht. Das Ich ist somit zugleich erschüttert und hoffend; es lebt im Zwischenraum von Schuldwissen und Erlösungsgewissheit.

Drittens zeigt sich eine Ambivalenz zwischen Passivität und Aktivität. Einerseits ist der Mensch angewiesen auf Gnade („Gottes Gnad eräugen“), andererseits wird er zu energischem Handeln aufgefordert („Auff!“, „schwinge dich“, „übersteig“). Diese Spannung gehört zum psychologisch-affektiven Kern: Das Ich erlebt sich zugleich als hilfsbedürftig und als verantwortlich, als getrieben und als zu entschlossener Bewegung fähig.

4. Wie prägt die affektive Bewegung die Wahrnehmung des Gegenüber?

Die affektive Dynamik steuert entscheidend, wie das Gegenüber – in seinen verschiedenen Gestalten – wahrgenommen wird. Das „Herz“ als inneres Gegenüber erscheint nicht neutral, sondern als Adressat einer Dringlichkeitsrhetorik: Es muss geweckt, aus der Dunkelheit herausgerufen, zur Buße bewegt werden. Die Selbstansprache ist dabei affektiv aufgeladen; sie nimmt die Form eines inneren Weckrufes an, der die eigene Trägheit nicht beschönigt.

Der implizite Leser wird durch dieselbe affektive Bewegung in eine Mitvollzugsrolle gebracht. Die Imperative sind nicht bloß Anweisungen, sondern affektive Impulse: Sie sollen Aufmerksamkeit bündeln, das innere Tempo erhöhen, den Wunsch nach Reinigung erzeugen. Das Gegenüber wird daher als jemand gedacht, der ebenfalls affektiv disponiert ist und durch Bilder, Rhythmus und Appell „umgestimmt“ werden kann.

Gott beziehungsweise Christus schließlich wird in der affektiven Bewegung als Gegenpol zur Welt und als stabilisierende Zielgestalt wahrgenommen. Je stärker die innere Spannung (Vanitas, Tod, Endzeit), desto stärker verdichtet sich das Gottesbild zu einer personalen Anziehungsmitte: Am Ende wird Christus nicht nur als Heilsmacht, sondern als eigener Besitz- und Sehnsuchtsadressat erfahren („mein Licht, mein Jesus“). Die affektive Bewegung macht Gott somit nicht zu einer abstrakten Instanz, sondern zu dem Gegenüber, in dem das zerrissene Ich Ruhe und Endgültigkeit erwartet.

Block B – Theologische, moralische und erkenntnistheoretische Dimension

1. Welche religiösen oder metaphysischen Konnotationen zeigt der Text?

Der Text ist durchgehend von einer christlich-metaphysischen Semantik getragen, in der die sichtbare Welt als Zeichenraum erscheint. Der kosmische Morgen (Mond, Sterne, aufgehende Sonne) ist nicht bloß Naturbeschreibung, sondern eine theologische Chiffre: Das Vergehen des nächtlichen Glanzes verweist auf das Vergehen alles Geschaffenen, während das anbrechende Licht als Bild des göttlichen und schließlich christologischen Lichts fungiert. Wenn der Sprecher das „Licht“ sucht, „das zu keiner Zeit kan schwinden“, ist damit implizit ein Licht gemeint, das nicht in der geschaffenen Ordnung aufgeht, sondern über sie hinausweist: auf Gott als den Unwandelbaren und auf Christus als personalisierte Lichtgestalt („mein Licht, mein Jesus“). Metaphysisch ist das Gedicht daher von einer starken Seinsdifferenz geprägt: Wandelbarkeit und Vergänglichkeit der Welt stehen dem Bleibenden der Ewigkeit gegenüber.

Hinzu tritt eine ausgeprägt eschatologische Rahmung. Der „Todes Schatten“ ist nicht nur Metapher, sondern Schwellenbegriff: Er markiert den Durchgang, der erst zur „Ewigkeit“ führt. Am Ende wird diese Perspektive apokalyptisch zugespitzt im Bild des Tages, „der die Welt in Stücke bricht“. Das ist ein Endzeitmotiv, das Gericht und Vollendung zusammenzieht und die Morgenandacht in einen Horizont stellt, der über den Tagesbeginn hinaus den letzten Tag mitmeint. Schließlich ist auch eine soteriologische Konnotation deutlich: „Gottes Gnad“ und der „Himmel-Schlüssel“ markieren das Heilsfeld von Gnade, Vergebung, Zugang und Aufnahme in Gott.

2. Gibt es moralische Spannungen oder ethische Konfliktzonen?

Die entscheidende moralische Konfliktzone ist der Gegensatz zwischen Vanitas und Heil. Ethisch wird dies als Kampf zwischen weltlicher Bindung und geistlicher Ausrichtung ausgetragen: „Ehre/ Wollust und Gewinn“ erscheinen als Inbegriff des moralisch Gefährdenden, nicht weil sie isoliert als einzelne Laster verhandelt würden, sondern weil sie als System der Eitelkeit gelten, das den Menschen an das Wandelbare fesselt. Die Spannung ist dabei nicht rein lehrhaft, sondern psychologisch wirksam: Gerade das, was affektiv reizt, muss verlassen werden. Das moralische Pathos entsteht aus der Einsicht, dass der Glanz dieser Güter „entlehnt“ ist und „stirbt hin“.

Eine zweite Konfliktzone liegt im Gegensatz von Trägheit und Wachsamkeit. Der Text arbeitet mit dem moralisch-asketischen Motiv des „Schlaffs“: Der Mensch kann im Inneren schlafen, obwohl der Morgen äußerlich längst da ist. Dagegen setzt das Gedicht eine Ethik des rechtzeitigen Aufbruchs („bey Zeiten“), die ausdrücklich als Aufgabe formuliert wird. Daraus ergibt sich eine typische barocke Spannung zwischen Jetzt und Später: Das Heil verlangt Entscheidung im rechten Augenblick; Verzögerung bedeutet Gefahr.

Drittens entsteht ein ethischer Konflikt an der Nahtstelle von Eigenaktivität und Gnadenabhängigkeit. Der Text fordert entschlossene Bewegung („Auff!“, „schwinge dich“, „übersteig“), zugleich wird Gnade als das Entscheidende angesprochen („Gottes Gnad“, „Himmel-Schlüssel“). Moralisch ergibt sich daraus kein Widerspruch, sondern eine Spannung, die den Menschen zugleich als verantwortlich und als bedürftig zeichnet: Er soll handeln, aber nicht aus Selbstgerechtigkeit, sondern aus dem Bewusstsein, dass das Ziel letztlich Geschenk bleibt.

3. Wie wird menschliche Erkenntnis dargestellt?

Menschliche Erkenntnis wird als zeichenlesende, nicht als analytisch-neutral beschreibende Tätigkeit dargestellt. Der Text setzt voraus, dass der Mensch die Welt in einem Modus der Analogiebildung versteht: Was am Himmel geschieht, sagt etwas über den Menschen und über Gott aus. Diese Erkenntnisform ist zugleich emblematisch: Der „Saffirne Wunder-Bau“, die „Licht- und Feuer-Blume“, das „Gold der Sonne“, die „Perlen-Thränen“ sind nicht bloße Naturdetails, sondern Erkenntnismedien, die eine geistliche Wahrheit anschaulich machen. Erkenntnis ist damit nicht nur kognitiv, sondern affektiv mitgeführt: Staunen soll Andacht entzünden („Zunder“), Tränenbild und Buße sollen das Herz öffnen. Der Weg zur Wahrheit ist ein Weg der Umstimmung.

Zugleich markiert das Gedicht eine Hierarchie der Erkenntnis. Das Sichtbare ist wichtig, aber es bleibt verweisend. Der Mondglanz ist „entlehnt“, die Sterne sind nur für die Nacht; wahre Beständigkeit liegt jenseits des Sichtbaren. Damit wird menschliche Erkenntnis als grundsätzlich begrenzte Erkenntnis entworfen, die zwar im „Buch der Natur“ lesen kann, aber auf ein Licht angewiesen bleibt, das nicht aus der Natur selbst stammt. Die letzte Erkenntnisform ist daher personal: Am Ende steht nicht ein abstrakter Satz, sondern die Anrufung „mein Licht, mein Jesus“. Erkenntnis kulminiert im Beziehungswissen, also in einer Erkenntnis, die nicht nur „über“ Gott etwas weiß, sondern sich an Gott bindet und in dieser Bindung Gewissheit sucht.

Block C – Form, Sprache und rhetorische Gestaltung

1. Welche Funktionsweisen haben Metaphern, Vergleichsbilder, Symbolworte?

Die Bildsprache arbeitet nicht ornamentierend, sondern funktional im Sinne einer Andachtshermeneutik: Metaphern, Vergleichsbilder und Symbolworte sind Instrumente, um Naturwahrnehmung in geistliche Erkenntnis und schließlich in affektive Bewegung zu überführen. Drei Funktionsweisen sind besonders prägnant:

(a) Analogiebilder als Deutungsmaschine: Der Übergang von Nacht zu Morgen ist das Leitmodell. Dass Mond und Sterne „erbleichen“ und „entweichen“, fungiert als sichtbare Analogie dafür, dass auch die inneren Mächte der Dunkelheit – „Sünden Finsterniß und Schlaff“ – weichen sollen. Das Kosmische wird zum Spiegel des Psychischen und Moralischen. Der Text zwingt die Metaphern somit in eine klare Richtung: Bild bedeutet immer zugleich Aufgabe.

(b) Vanitas-Symbolik als Entwertung des Weltlichen: „Entlehnter Glantz“, der „stirbt hin“, überträgt die Vergänglichkeit des nächtlichen Leuchtens auf „Ehre/ Wollust und Gewinn“. Hier sind Symbolworte nicht neutral, sondern wertend; sie erzeugen einen moralischen Druck, indem sie die Welt als nur geliehene Pracht entlarven. Der Mensch soll die psychische Bindung an solche Güter lösen, weil das Bild bereits ihren Untergang vor Augen stellt.

(c) Gnaden- und Heilsbilder als Zielmagnet: Neben Entwertung arbeitet der Text mit Anziehungsbildern: das „Licht, das zu keiner Zeit kan schwinden“, die „Lebens Sonne“ der Ewigkeit, der „Himmel-Schlüssel“, schließlich Christus als „mein Licht“. Diese Symbolworte sind soteriologisch verdichtet; sie bieten nicht bloß Trost, sondern ein positives Zentrum, auf das die innere Bewegung hingeordnet wird. Auch die „Perlen-Thränen“ (Tau) sind doppelfunktional: Sie naturalisieren Buße (Tränen) und verheißen zugleich Erquickung (Laub und Gras), also: Reue ist nicht sterile Selbstquälerei, sondern fruchtbar machende Reinigung.

Insgesamt sind die Bilder stark emblematisch organisiert: Ein sichtbarer Gegenstand wird zum Zeichen, das in eine geistliche Pointe mündet. Das ist eine barocke Funktionsästhetik, in der Anschauung, Erkenntnis und Ermahnung ineinander greifen.

2. Wie wirken Imperative, Wiederholungen, Lautfiguren, syntaktische Beschleunigungen oder Brechungen?

Die Imperative sind das motorische Zentrum der Rede. Sie haben mindestens drei Wirkungen: Erstens erzeugen sie Performativität – das Gedicht beschreibt nicht nur Andacht, es vollzieht Andacht, indem es das Herz und den Leser in Handlungssätze hineinzieht („Auff“, „Laß“, „Schau“, „Sieh“, „Dencke“, „Suche“, „Wünsch“, „Übersteig“). Zweitens markieren die Imperative Stufen der inneren Bewegung: vom Aufwachen über das Schauen zum Suchen, vom Suchen zum Übersteigen, vom Übersteigen zur Bitte. Drittens erhöhen sie die Dringlichkeit; besonders in den Schlussstrophen wirken sie wie eine Beschleunigungsrampe, die den Text aus der ruhigen Kontemplation in eine eschatologische Intensität führt.

Wiederholungen finden weniger als identische Wortrefrains statt, sondern als Motivrefrains: Nacht–Licht, Glanz–Erblassen, Weinen–Tränen, Aufstieg–Überstieg kehren in variierter Form wieder. Diese Wiederkehr stabilisiert die Erbauungslogik und erzeugt ein Gefühl von innerer Folgerichtigkeit: Alles führt zum selben Kern.

Syntaktische Beschleunigungen entstehen dort, wo der Text in Reihen und Appellketten arbeitet: mehrere Imperative hintereinander, oder eine Häufung von Bildnomen (Himmels-Bogen, Wunder-Bau, Sternen-Au, Feuer-Blume). Brechungen entstehen vor allem durch die barocke Interpunktion (Doppelpunkt, Ausruf) und die strophische Schlusswendung: Häufig wird ein beschreibender Satzfluss im Quartett aufgebaut und dann im Paarreim in eine knappe Pointe „abgeschnitten“. Diese Kombination aus Aufbau und abruptem Abschluss ist rhetorisch hoch wirksam: Sie lässt die Betrachtung nicht ausufern, sondern zwingt sie in eine moralisch-gebetsartige Konklusion.

3. Welche Rolle spielen Klangfarben, Alliterationen, Assonanzen, Binnenrhythmen?

Die Klanggestaltung dient der Memorierbarkeit und der affektiven Steuerung. Der regelmäßige trochäische Grundrhythmus schafft einen gleichmäßigen, schreitenden Ton, der zur Andachtslage passt: nicht hektisch, nicht zerfließend, sondern geordnet. Innerhalb dieses Grundtakts beleben Komposita und farbige Epitheta die Klangfläche: „Saffirnen Wunder-Bau“, „Perlen-Thränen“, „Himmel-Schlüssel“, „Himmels-Kertzen“. Solche Wortbildungen erzeugen Binnenrhythmen, weil sie zwei semantische Kerne in einem Klangkörper bündeln und dadurch Verdichtung hörbar machen.

Alliterative und assonantische Effekte treten punktuell auf, meist als sanfte Bindungen, die die Bildfelder zusammenziehen (etwa in der Nähe von Lautgruppen um L, W, S, die weich und fließend wirken). Sie sind nicht Selbstzweck, sondern stützen den Eindruck einer kontinuierlichen, getragenen Rede. Wichtig ist auch die Wirkung der Reime: Der Kreuzreim hält die Bewegung im Quartett in der Schwebe, während der Paarreim am Ende jeder Strophe klanglich „schließt“ und damit den Eindruck eines gebetsartigen Resümees erzeugt. Dass manche Schlussreime lautlich nahe, aber nicht messerscharf identisch sind, kann den Ton sogar mildern: Statt harter Endschläge entsteht ein gleitender Abschluss, der zur meditativen Haltung passt.

4. Wie erzeugt die Sprache Druck, Weite, Enge, Ekstase oder Ruhe?

Die Sprache moduliert Raum- und Affektqualitäten sehr kontrolliert. Weite entsteht durch die kosmische Bildarena: „gewölbter Himmels-Bogen“, „geraume Sternen-Au“, der Aufstieg der Sonne am Himmel – solche Formeln öffnen die Wahrnehmung und erzeugen eine expansive, fast architektonische Raumwirkung. Diese Weite ist zugleich theologisch aufgeladen: Sie ist der Schauplatz des „Höchsten Ruhmes“ und weitet das Ich über seine Alltagssphäre hinaus.

Enge und Druck entstehen dort, wo die inneren Zustände benannt werden: „Sünden-Finsterniß“, „Schlaff“, „Todes Schatten“. Diese Begriffe sind semantisch verdichtete Engräume; sie ziehen die Weite des Himmels ins Innere zurück und machen das Herz zum Kampfplatz. Besonders stark ist der Druck, wenn die Sprache Notwendigkeit behauptet („So muß auch der Mensch verlassen …“) oder wenn der Imperativ das Tempo erhöht. Der Druck ist nicht destruktiv, sondern zielgerichtet: Er soll Entscheidung erzwingen.

Ruhe wird durch Rhythmus und Regularität erzeugt: die gleichmäßige Strophik, der wiederkehrende Schlussreim, die oft klar gesetzten syntaktischen Zäsuren. Auch das Tau-Bild trägt zur Beruhigung bei: Es ist ein leises, kühlendes Bild, das Buße nicht als Sturm, sondern als sanftes Durchfeuchten und Erquicken vorstellt.

Ekstase im strengen Sinn (als Überschwang ohne Form) leistet sich der Text nicht; er bleibt im Rahmen einer geordneten Andacht. Dennoch gibt es eine Erregungssteigerung bis an die Grenze ekstatischer Sehnsucht, besonders in den Schlussstrophen: Der Vogel-Flug, das Übersteigen der Sternenbühne und der Wunsch nach dem weltenbrechenden Tag erzeugen eine vertikale, beschleunigte Bewegung, die das Ich über die Welt hinaushebt. Entscheidend ist, dass diese Steigerung von der Form „gehalten“ wird: Die Sprache erzeugt Höhe und Intensität, ohne die Ruhe des Gebetsgrundtons zu verlieren.

Block D – Mensch, Welt und anthropologische Grundfigur

1. Wie wird der Mensch dargestellt?

Der Mensch erscheint als zwischen zwei Ordnungen gespannter und damit grundsätzlich gefährdeter Existenztyp: Einerseits ist er ein Wesen der Welt, das von Ehre, Wollust und Gewinn angezogen wird und in der „Eitelkeit“ des Wandelbaren lebt; andererseits ist er auf ein bleibendes Licht hin geschaffen und kann sich – wenn er erwacht – auf die Ewigkeit ausrichten. Diese Anthropologie ist deutlich barock: Der Mensch ist nicht harmonisch im Gleichgewicht, sondern innerlich bedroht durch Sündenfinsternis, Trägheit und das Verharren im „Schlaff“. Zugleich wird er als ansprechbar und formbar gezeigt: Er kann ermahnt werden („Auff mein Hertz“), er kann sich mühen, das Licht zu finden, er kann Buße üben (Tränen), und er kann seine Existenz in einen Aufstiegs- und Heilsweg transformieren.

Wichtig ist außerdem, dass der Mensch nicht primär als autonomes Subjekt gezeichnet wird, sondern als Wesen, das in einem Beziehungs- und Abhängigkeitsgefüge steht. Er ist abhängig von der Gnade („Gottes Gnad“) und hofft auf Heilszugang („Himmel-Schlüssel“). Das Menschenbild ist daher zugleich moralisch fordernd und soteriologisch entlastend: Es verlangt Umkehr, aber es gründet Hoffnung nicht in Leistung, sondern in Gottes Zuwendung.

2. Welche Rolle spielt das Gegenüber für die Selbstdeutung des Ich?

Das Gegenüber ist für die Selbstdeutung des Ich konstitutiv, weil das Ich sich im Gedicht nicht aus sich selbst heraus versteht, sondern durch Adressierung und Spiegelung. Zunächst fungiert die Natur beziehungsweise der Kosmos als „Gegenüber“: Mond, Sterne, Sonne, Tau liefern die Zeichen, in denen das Ich seinen Zustand erkennt. Das Ich deutet sich, indem es die Welt als symbolischen Resonanzraum liest. Die äußere Morgenbewegung wird zur Matrix, in der sich die innere Bewegung des Herzens überhaupt erst artikulieren kann.

Ein zweites Gegenüber ist das eigene Herz. Indem der Sprecher es anspricht, spaltet er sich innerlich in einen rufenden und einen zu weckenden Teil. Diese innere Dialogizität macht Selbstdeutung möglich: Das Ich erkennt sich als nicht einheitlich, sondern als ein Wesen, das sich führen, erziehen und korrigieren muss.

Das entscheidende Gegenüber ist schließlich Gott/Christus. Die Selbstdeutung gewinnt ihre letzte Form nicht in moralischer Selbstverbesserung, sondern in der Zielrelation: Das Ich versteht sich als ein Wesen, das zu Christus hin orientiert ist und in dessen „Zu-sich-Nehmen“ seine endgültige Bestimmung sieht. Das Ich wird im Blick auf dieses Gegenüber zugleich klein (Schuld, Bedürftigkeit) und groß (Ewigkeitsperspektive, Verklärung).

3. Welche anthropologischen Leitfiguren treten hervor?

Mehrere Leitfiguren strukturieren das Menschenbild:

(a) Der Schlafende und der Erwachende: Der Mensch ist zunächst der innerlich Schlafende, der trotz äußerem Morgen in „Schlaff“ und Dunkel verharren kann. Anthropologisch ist das die Figur einer Bewusstseins- und Willensschwäche, die Umkehr erst notwendig macht.

(b) Der Wanderer durch Schatten und Schwelle: Mit dem Motiv des „Todes Schatten“ tritt die Figur des Menschen als Schwellenwesen hervor, das durch Endlichkeit hindurch muss, um zur Ewigkeit zu gelangen. Der Mensch ist nicht „fertig“, sondern auf einem Weg, dessen entscheidende Passage die Grenze des Todes ist.

(c) Der Bußende: Der Mensch wird als einer dargestellt, der durch Tränen und Reue eine innere Reinigung vollzieht. Buße ist nicht Randthema, sondern die anthropologische Praxisform, in der das Ich sich neu ausrichtet.

(d) Der Aufsteigende / der Vogel-Mensch: In den Schlussstrophen dominiert die Leitfigur des Menschen als Höhenwesens, das sich „gleich den Vogeln“ in den Himmel schwingt und die „Sternen-Bühne“ übersteigen soll. Damit wird eine vertikale Anthropologie sichtbar: Der Mensch ist nicht nur im Horizont der Welt zu verorten, sondern als aufwärts gerichtete Existenz, deren eigentliches Zuhause jenseits der Welt liegt.

(e) Der Verklärte: Die Ewigkeitsperspektive („verklärtes Hertzen“, „Himmels-Kertzen“) zeichnet den Menschen als potentiell verwandeltes Wesen. Anthropologisch ist das die Figur der Transfiguration: Der Mensch kann dem himmlischen Licht ähnlich werden.

4. Wie zeigt sich der Mensch in seinem Verhältnis zu Grenzen, Begehren und Sinnsuche?

Der Mensch ist bei Abschatz ein Wesen, das Grenzen nicht umgehen kann, sondern sie geistlich interpretieren muss. Die grundlegendste Grenze ist der Tod, der als Schatten- und Durchgangsfigur gesetzt wird: Erst durch ihn „gerathen“ wir zur Ewigkeit. Das bedeutet: Sinnsuche ist nicht ohne Grenzerfahrung zu haben; sie entsteht gerade aus der Konfrontation mit Endlichkeit.

Das Begehren erscheint zweifach: als bindendes Begehren nach weltlichem Glanz (Ehre, Wollust, Gewinn) und als transformiertes Begehren nach dem bleibenden Licht. Der Text zeigt nicht die Abschaffung des Begehrens, sondern seine Umlenkung. Das ist anthropologisch entscheidend: Der Mensch bleibt ein begehrendes Wesen, aber er soll lernen, woraufhin er begehrt. Deshalb ist die Sinnsuche nicht primär ein intellektueller Prozess, sondern ein affektiv-moralischer: das Herz muss sich vom entlehnten Glanz lösen und sich an das Unwandelbare binden.

In dieser Perspektive wird Sinn als etwas sichtbar, das außerhalb der bloßen Weltverfügung liegt. Der Mensch sucht Sinn nicht in der Stabilisierung des Irdischen, sondern in der Vorbereitung eines Ortes, „der dich ewig bergen kan“. Die Grenze der Welt (ihr Untergang) ist dabei nicht nur Drohung, sondern auch Klärung: Wenn die Welt „untergehen“ muss, dann kann Sinn nicht an sie gebunden sein. Die höchste Sinnfigur ist daher die Bitte um endgültige Zugehörigkeit: „Und mich ewig zu sich nehme.“ Der Mensch zeigt sich als Wesen, das seine Grenzen erkennt, sein Begehren neu ordnet und seine Sinnsuche in eine Heilsrelation überführt.

Block E – Kontexte, Geschichte und Intertexte

1. Welche literaturgeschichtlichen Traditionen stehen im Hintergrund?

Im Hintergrund stehen zunächst Traditionen der geistlichen Lied- und Andachtsdichtung des 17. Jahrhunderts, die den Tageslauf (hier: den Morgen) als festen Anlass für Selbstprüfung, Gebet und Erweckung nimmt. Die strophische Regelmäßigkeit, die gebetsnahe Imperativik und die konsequente Überführung von Naturbeobachtung in moralisch-theologische Pointe verorten den Text in einer Erbauungspoetik, die im deutschsprachigen Barock besonders in protestantischen Kontexten produktiv ist.

Zweitens greift das Gedicht die barocke Vanitas- und Memento-mori-Tradition auf. Die Bewegung vom „erblassenden“ Nachtglanz zum „bleibenden“ Licht ist nicht nur Naturbild, sondern eine literarische Grundfigur barocker Weltdeutung: Das Sichtbare erscheint als entlehnt und sterblich, und die moralische Konsequenz lautet Abkehr von „Ehre/ Wollust und Gewinn“ zugunsten der Ausrichtung auf Ewigkeit.

Drittens ist die Bildbehandlung typisch emblematisch: Himmel, Sterne, Sonne, Tau werden als Zeichen gelesen, die eine geistliche Wahrheit nicht erklären, sondern anschaulich erzwingen. In dieser Zeichenpoetik steht Abschatz als schlesischer Barocklyriker und Übersetzer in der kulturellen Formation, die man rückblickend häufig als schlesische Barockdichtung diskutiert. :contentReference[oaicite:0]{index=0}

2. Welche Motive lassen sich intertextuell verknüpfen?

Das Leitmotiv Licht versus Finsternis ist intertextuell äußerst dicht anschlussfähig. Es berührt biblische Lichtmetaphorik (vom „wahren Licht“ bis zur Selbstbezeichnung Christi als Licht) ebenso wie die frühneuzeitliche Tradition, in der Erkenntnis, Gnade und Heil unter dem Signum des Lichts verhandelt werden. Der Sonnenaufgang fungiert dabei als mehrdeutiges Intertext-Signal: Er ist Naturereignis, Erkenntnisbild und Christus-Chiffre zugleich.

Ein zweites starkes Motiv ist das Tränen- bzw. Tau-Bild („Perlen-Thränen“). Es verbindet Naturbeobachtung mit einer biblisch wie hymnologisch etablierten Semantik von Buße, Reinigung und Fruchtbarkeit (Tränen als Zeichen echter Umkehr; Tau als milde, belebende Gabe). Dadurch entsteht eine intertextuelle Brücke zwischen Psalmensprache, Bußfrömmigkeit und barocker Naturallegorie.

Drittens ist das Motiv des Aufstiegs („schwinge dich … gleich den Vogeln“, „Ubersteig die Sternen-Bühne“) anschlussfähig an biblische und geistliche Bildtraditionen, in denen der Mensch als Wesen der „Höhenbewegung“ gedacht wird: als ein Geschöpf, das aus der Erdenschwere herausgerufen wird und sein eigentliches Ziel „oben“ hat. Dieses Aufstiegsparadigma verbindet sich im Barock häufig mit Vanitas und Eschatologie: Weil die Welt untergeht, muss das Begehren umlernen und sich „empor“ orientieren.

Viertens schließlich ist der Schlusswunsch nach dem Tag, „der die Welt in Stücke bricht“, klar mit apokalyptischen Motivräumen verknüpfbar (Tag des Herrn, Gericht, Weltende). Der Text nimmt damit eine Tradition auf, in der der Tagesanbruch nicht nur für das tägliche Erwachen, sondern typologisch für den letzten Anbruch steht.

3. Gibt es Anschlussstellen zu biblischen, mythischen oder philosophischen Deutungsebenen?

Biblische Anschlussstellen sind reichlich vorhanden und strukturprägend. Besonders deutlich sind (a) die Licht-Christologie (Christus als „Licht“), (b) die Vorstellung einer Ewigkeit, in der Nacht und Weinen aufgehoben sind (eschatologische Trost- und Vollendungsmotive), (c) das Motiv des „Himmel-Schlüssels“, das unmittelbar an Schlüsselgewalt- und Öffnungsmetaphorik in neutestamentlichen Texten anschließt, sowie (d) die Rede vom Weg durch den „Todes Schatten“, die mit klassischen biblischen Schatten- und Grenzformeln resoniert.

Mythisch tritt kein eigenständiger heidnischer Mythos hervor; dennoch nutzt der Text die kulturell alte Symbolik der Sonne als Herrschafts- und Wahrheitszeichen, die im Christentum seit der Spätantike und im Barock besonders wirkungsmächtig ist. Die Sonne ist hier nicht „Gott“ im mythischen Sinn, sondern ein christlich umgedeutetes Zeichen, das die Überlegenheit des wahren Lichts über allen „entlehnten Glanz“ ins Bild setzt.

Philosophisch lassen sich Anschlussstellen an eine Lichtmetaphysik und an frühneuzeitliche Erkenntnismodelle erkennen. Das Gedicht arbeitet implizit mit der Vorstellung, dass die Welt als lesbares Zeichenbuch angelegt ist und dass Erkenntnis nicht nur aus Begriffsarbeit, sondern aus Zeichenlektüre entsteht: Schöpfung wird betrachtet, gedeutet, und diese Deutung soll das Subjekt verwandeln. In einem weiteren Horizont berührt das die Tradition, die Licht als Medium von Wahrheit und Sein denkt (von platonischen Sonnen-Analogien bis zu christlichen, augustinisch geprägten Erkenntnismodellen) – wobei der Text diese Ebene nicht theoretisch ausführt, sondern poetisch-praktisch vollzieht.

4. Wie wirkt das Gedicht im Horizont der Epoche und des Gesamtwerks des Autors?

Im Epochenhorizont wirkt das Gedicht wie ein konzentriertes Beispiel barocker Erbauungslyrik, die Naturanschauung, moralische Vanitas-Lehre und Eschatologie in eine strenge, liedhafte Form zwingt. Typisch barock ist dabei die doppelte Optik: Die Schönheit des Kosmos wird keineswegs negiert, aber sie wird sofort als vergänglicher Glanz markiert und in eine Heilsdramaturgie überführt. Der Text zeigt damit ein Kernverfahren der Epoche: Weltpracht wird gesehen, aber zugleich „abgezogen“, damit sich das Begehren auf das Unwandelbare richtet.

Im Blick auf das Werk Abschatz’ steht „Morgen-Andacht“ innerhalb der postum gedruckten Sammlung Poetische Ubersetzungen und Gedichte (1704) und damit innerhalb eines Œuvres, das Übersetzungsarbeit und eigene Lyrik zusammenführt. :contentReference[oaicite:1]{index=1} Die Andachtstexte erscheinen dort nicht als Nebenprodukt, sondern als klar konturierte Werkzone (in der Überlieferung häufig als geistliche Gedichte bzw. „Himmelschlüssel“-Komplex geführt). :contentReference[oaicite:2]{index=2}

Gerade diese Position ist interpretatorisch aufschlussreich: Das Gedicht zeigt Abschatz als Autor, der barocke Rhetorik (bildkräftige Komposita, emblematische Lektüre der Natur, strenge Strophik) nicht auf höfische Galanterie oder bloße Formkunst reduziert, sondern in eine praktische Seelenführung überführt. Dass der Text am Ende stark christologisch personalisiert („mein Licht, mein Jesus“) und zugleich apokalyptisch zuspitzt, passt zur Epoche, in der die Spannung zwischen Weltinstabilität, Todesbewusstsein und Heilsgewissheit eine zentrale Triebkraft poetischer Formen ist – und es passt zu einem Autorprofil, das als Barocklyriker und Übersetzer im schlesischen Raum verankert ist. :contentReference[oaicite:3]{index=3}

Block F – Ästhetik, Sprache und poetologisch-theologische Schlussreflexion

1. Welche ästhetische Idee steht hinter der Gestaltung?

Die ästhetische Leitidee ist eine poetische Andachtsökonomie, die Schönheit nicht als Selbstzweck, sondern als geordnete Kraft der Erweckung und Umwendung einsetzt. Der Text gestaltet den Morgen nicht impressionistisch, sondern als zeichenhafte Bühne, auf der das Sichtbare sofort in Sinn übergeht. Dahinter steht eine barocke Kunstauffassung, in der die Welt als theatrum und als emblematischer Zeichenraum gedacht ist: Der Himmel ist „Wunder-Bau“, die Sterne sind „Licht- und Feuer-Blumen“, der Tau wird zu „Perlen-Thränen“. Diese Ästhetik will nicht nur gefallen, sondern lenken: Sie produziert Anschauung, um das Begehren umzupolen und das Herz in eine bestimmte geistliche Haltung zu führen.

Zugleich ist die Gestaltung von einer Formidee der Disziplin getragen. Die regelmäßige Strophik, das stabile Reimschema und der schreitende Rhythmus sind nicht bloß Handwerk, sondern eine ästhetische Entsprechung des Inhalts: Die äußere Ordnung spiegelt die geforderte innere Ordnung. In dieser Perspektive ist das Gedicht ein Modell dessen, was es verlangt: eine geformte, gebändigte Intensität, die das Affektleben nicht unterdrückt, sondern in einen gerichteten Vollzug bringt. Gerade dadurch kann der Text die Steigerung bis zur eschatologischen Zuspitzung wagen, ohne in formlosen Überschwang zu kippen.

2. Welche Rolle spielt die Sprache als schöpferische Kraft – bildet sie ab oder vollzieht sie?

Die Sprache bildet hier nur sekundär ab; primär vollzieht sie. Das Gedicht ist nicht Beschreibung eines bereits bestehenden religiösen Zustands, sondern ein sprachlicher Apparat zur Herstellung von Andacht. Das zeigt sich in mehreren Ebenen:

Erstens ist die Rede performativ: Imperative („Auff“, „Laß“, „Schau“, „Dencke“, „Suche“, „Wünsch“) sind keine ornamentalen Befehle, sondern Handlungsanweisungen, die beim Lesen einen inneren Akt auslösen sollen. Der Text spricht das Herz an, als ließe sich durch Sprache eine Bewegung im Inneren erzwingen oder zumindest anbahnen.

Zweitens ist die Sprache transmutierend: Sie verwandelt Natur in Theologie. Mond, Sterne, Sonne, Tau werden durch sprachliche Umdeutung in moralische und soteriologische Zeichen überführt. Das ist schöpferisch, weil die Welt nicht einfach „da“ ist, sondern erst durch die poetische Deutung zu einem geistlichen Lehr- und Erfahrungsraum wird. In dieser Hinsicht ist das Gedicht ein Beispiel dafür, wie Barocklyrik aus Wahrnehmung eine semiotische Wirklichkeit macht.

Drittens erzeugt Sprache hier Affekt als religiöse Energie. Die „Menge solcher Wunder“ soll „Zunder“ sein – eine Metapher, die die eigene Poetik beschreibt: Sprache arrangiert Wunder, damit Andacht brennt. Der Text vertraut darauf, dass Klang, Rhythmus, Bild und Reim nicht nur Erkenntnis transportieren, sondern das Gefühl so modulieren, dass Umkehr möglich wird.

3. Welche finale Aussage über Sprache, Gefühl oder Dichtung lässt sich gewinnen?

Als Schlussreflexion lässt sich gewinnen: Dichtung erscheint in „Morgen-Andacht“ als heilsgeschichtlich gerichtete Affekt- und Erkenntniskunst. Sie hat nicht den Auftrag, die Welt realistisch zu spiegeln, sondern die Welt als Zeichen zu lesen und diese Zeichenlektüre so zu gestalten, dass der Mensch sich verwandelt. Sprache ist in diesem Sinn eine Übergangstechnologie: Sie führt von der äußeren Morgenwelt in eine innere Neuordnung und von dort in die Ausrichtung auf Ewigkeit.

Damit ist auch eine prägnante Aussage über Gefühl verbunden. Gefühl ist nicht bloße Privatregung, sondern ein geistlicher Raum, der gereinigt, entzündet und gerichtet werden muss. Tränen, Sehnsucht, Furcht vor dem Todesschatten, Hoffnung auf Gnade – all diese Affekte werden nicht isoliert dargestellt, sondern in eine Teleologie eingespannt: Sie sollen den Menschen vom entlehnten Glanz lösen und zum „Licht, das zu keiner Zeit kan schwinden“ treiben. Dichtung ist hier das Medium, in dem diese Affekte geformt werden.

Schließlich lässt sich sagen: Das Gedicht behauptet implizit eine hohe Würde der Sprache, weil es ihr zutraut, die entscheidende Bewegung des Menschen mit zu vollziehen. Die finale Bitte „Und mich ewig zu sich nehme!“ ist kein bloßer Schluss, sondern das Ergebnis eines sprachlich organisierten Weges: Von der kosmischen Anschauung über moralische Entwertung und Bußpraxis bis zur christologischen Sehnsucht. In dieser Struktur liegt die poetologisch-theologische Pointe: Sprache wird zur Leiter, auf der das Herz aus Nacht und Schlaf in Richtung Ewigkeit steigt – nicht als Ersatz für Gnade, aber als Form, in der Gnade überhaupt begehrbar, denkbar und erlebbar wird.

III. Vers-für-Vers-Kommentar

Strophe 1

Vers 1: „Der beglänzte Mond erbleichet“

Beschreibung: Der Sprecher beschreibt ein Himmelsbild am frühen Morgen: Der Mond, der eben noch glänzte, verliert sichtbar an Licht und Farbe.

Analyse: Der Vers arbeitet mit einem markanten Kontrast: „beglänzt“ (zuvor leuchtend) gegen „erbleichet“ (Entfärbung, Nachlassen). Grammatisch steht der Mond als Subjekt im Zentrum; das Prädikat setzt eine Bewegung des Vergehens in Gang. Klanglich unterstützt die Alliteration bzw. Lautnähe der b-Lautfolge („beglänzte“ – „erbleichet“) den Eindruck eines sanften Abkippens. Bereits hier erscheint das Leitmotiv der Strophe: Glanz ist nicht stabil, er ist zeitlich gebunden.

Interpretation: Der Mond ist mehr als Naturdetail: Er wird zum ersten Zeichen der Vanitas-Struktur. Das Erbleichen deutet an, dass selbst das, was eben noch Schönheit ausstrahlte, dem Anbruch eines stärkeren Lichts weichen muss. Im Hintergrund schimmert bereits eine geistliche Allegorie mit: Was im Menschen „glänzt“, kann sich als nur geliehener Glanz erweisen, der vor dem wahren Licht nicht besteht.

Vers 2: „Von der nahen Sonne Pracht/“

Beschreibung: Der Grund für das Erbleichen wird genannt: Die Sonne ist nahe, ihre Pracht setzt ein und überstrahlt den Mond.

Analyse: Der Vers liefert eine kausale Bestimmung, aber ohne „weil“; die Präposition „Von“ reicht, um die Ursache als Einwirkung zu markieren. „Sonne“ steht als Gegenprinzip zum Mond; „Pracht“ akzentuiert die Überlegenheit in Intensität und Würde. Das Enjambement (Vers 1 läuft in die Begründung hinein) erzeugt einen ruhigen, nachvollziehbaren Übergang: Das Naturgeschehen vollzieht sich gesetzmäßig, nicht abrupt.

Interpretation: Die Sonne fungiert als Symbol des stärkeren, wahren Lichts, das alles Abgeleitete relativiert. In geistlicher Deutung ist die „Pracht“ nicht nur physikalische Helligkeit, sondern eine Chiffre für göttliche Wahrheit, die menschliche Scheinlichter entlarvt. Entscheidend ist: Das Erbleichen des Mondes ist nicht „Niedergang aus sich“, sondern Resultat einer Annäherung des Höheren – ein Modell, das später moralisch auf das Herz übertragen wird.

Vers 3: „Aller Sternen Heer entweichet“

Beschreibung: Nicht nur der Mond, auch die Sterne verschwinden: Das ganze Sternenheer zieht sich zurück, weil der Tag beginnt.

Analyse: „Heer“ ist eine kollektive Metapher und verleiht den Sternen Ordnung, Menge und fast militärische Geschlossenheit. Das Verb „entweichet“ bezeichnet kein gewaltsames Erlöschen, sondern ein Zurücktreten, ein Aus-dem-Bild-Gehen. Dadurch wird die Morgenwende als geordnete Ablösung inszeniert. Die Parallelführung zu Vers 1 (Glanz → Rückzug) verdichtet das Bild: Der gesamte Nachthimmel verliert seine Sichtbarkeit.

Interpretation: Das Sternenheer steht für eine Vielzahl von Lichtern, die in der Nacht Orientierung geben – aber eben nur zeitbedingt. In geistlicher Perspektive können Sterne als Bilder für sekundäre Hilfen, menschliche Sicherheiten oder weltliche Orientierungen verstanden werden, die in der entscheidenden Nähe des „wahren“ Lichts zurücktreten müssen. Der Vers etabliert damit eine Hierarchie: Es gibt Lichter, die nur im Dunkel funktionieren; sobald das Eigentliche naht, verlieren sie ihre Funktion.

Vers 4: „Mit der hingelegten Nacht:“

Beschreibung: Die Sterne weichen zusammen mit der Nacht, die „hingelegt“ ist – als sei sie abgelegt oder zur Ruhe gelegt.

Analyse: Die Formulierung „hingelegt“ ist auffällig: Nacht wird personifiziert oder zumindest als etwas gedacht, das man ablegt wie ein Gewand oder niederlegt wie einen Körper. Der Doppelpunkt am Ende signalisiert die rhetorische Schwelle: Die Strophe wechselt gleich von der Außenbeobachtung zur inneren Anwendung. Zugleich ist „hingelegt“ semantisch ambivalent: Es kann Ruhe bedeuten, aber auch Endlichkeit – die Nacht „liegt“ da, abgeschlossen, vorbei.

Interpretation: Die Nacht wird zur Chiffre für einen Zustand, der begrenzt ist und abgelöst werden kann. Spirituell eröffnet der Vers den Übertragungsraum: Wenn die Nacht „hingelegt“ wird, soll auch etwas im Menschen hingelegt, abgelegt, beendet werden. Der Doppelpunkt wirkt wie eine Tür: Hinter der Naturbeschreibung wartet die moralisch-psychologische Entsprechung.

Vers 5: „Auff mein Hertz/ und laß der Sünden“

Beschreibung: Der Sprecher wendet sich plötzlich an sich selbst, genauer an sein Herz, und ruft es zum Aufwachen auf; zugleich beginnt er eine Bitte oder Aufforderung im Blick auf die Sünde.

Analyse: Der Imperativ „Auff“ markiert einen starken Tonwechsel: aus kontemplativer Beschreibung wird performative Selbstansprache. Das „Herz“ ist im Barock nicht nur Sitz des Gefühls, sondern Zentrum der Person, des Willens und der geistlichen Ausrichtung. Der Schrägstrich signalisiert eine deutliche Zäsur: erst Weckruf, dann die folgende Bitte „laß …“. Grammatisch bleibt der Satz über den Vers hinaus offen; die Genitivkonstruktion „der Sünden“ kündigt an, dass im nächsten Vers konkretisiert wird, was weichen soll.

Interpretation: Hier wird die Naturwende zur inneren Wende. Das Herz ist noch nicht selbstverständlich „im Licht“; es braucht einen Weckruf. Die Selbstansprache zeigt ein anthropologisches Grundmotiv: Der Mensch ist innerlich schlaf- und dunkelheitsfähig, selbst wenn außen der Morgen beginnt. Die Sünde wird nicht abstrakt diskutiert, sondern als ein Zustand, der im Herzen „liegt“ wie die Nacht am Himmel – und der nun abgelöst werden soll.

Vers 6: „Finsterniß und Schlaff dahinden.“

Beschreibung: Der Sprecher benennt, was verschwinden soll: die Finsternis der Sünden und der Schlaf; beides soll „dahinden“, also weg, dahin, verschwinden.

Analyse: Der Vers schließt den Imperativsatz ab und bündelt zwei Schlüsselbegriffe: Finsterniß und Schlaff. Beide sind semantisch eng gekoppelt: Schlaf gehört zur Nacht; Finsternis ist deren Element. Damit wird die Allegorie vollständig: Wie Mond und Sterne weichen, so sollen Dunkelheit und Schlaf im Inneren weichen. Das Verbgefüge „laß … dahinden“ hat einen leicht archaischen, feierlich-energischen Ton; es ist nicht bloß Wunsch, sondern ein Akt der Willenssetzung. Klanglich entsteht durch die harten Konsonanten in „Finsterniß“ und „Schlaff“ eine gewisse Schwere, die das Negative dieser Zustände markiert, bevor es fortgeschickt wird.

Interpretation: „Finsterniß“ ist hier nicht nur Unwissen, sondern moralisch-theologisch aufgeladene Dunkelheit: die innere Entfernung vom Licht Gottes. „Schlaff“ bedeutet nicht bloß körperliche Müdigkeit, sondern geistliche Trägheit, ein Zustand, in dem Umkehr und Aufmerksamkeit ausgesetzt sind. Indem beide gemeinsam genannt werden, wird die Sünde als affektiv-körpernaher Zustand verstanden: Sie ist nicht nur „Tat“, sondern ein Habitus der Verdunkelung und Betäubung. Der Sprecher bittet nicht zuerst um äußere Verbesserung, sondern um eine innere Lichtwerdung, die den Tag überhaupt erst zu einem geistlichen Morgen macht.

Ausführliche Gesamtdeutung der Strophe 1

Die erste Strophe etabliert in exemplarischer Klarheit das Grundverfahren des gesamten Gedichts: Sie beginnt mit einer kosmischen Wahrnehmung und führt sie unmittelbar in eine innere, geistliche Anwendung über. In den Versen 1–4 wird der Morgen als Ablösungsszene gestaltet: Der Mond erbleicht, die Sterne ziehen sich zurück, die Nacht ist „hingelegt“. Diese Bilder sind ruhig, geordnet, von einer Selbstverständlichkeit des Naturgesetzes getragen. Gerade diese Gesetzmäßigkeit ist poetisch entscheidend, denn sie liefert dem Sprecher ein Modell: So wie der Morgen unvermeidlich die Nacht verdrängt, so soll auch im Menschen ein Wandel geschehen, der nicht zufällig, sondern notwendig ist.

Mit Vers 5 setzt der Strophenknick ein, der im Gedicht regelmäßig wiederkehrt: Die Betrachtung wird zur Anrede. Der Sprecher wendet sich an das „Herz“ und macht damit deutlich, dass das entscheidende Geschehen nicht am Himmel, sondern im Inneren stattfindet. Das Herz ist noch im Zustand der Nacht, obwohl der Tag schon anbricht. Damit formuliert die Strophe eine anthropologische Diagnose: Der Mensch kann dem Tageslicht äußerlich begegnen und dennoch innerlich im Dunkel bleiben. Die Bitte, die „Finsterniß und Schlaff“ mögen „dahinden“, ist deshalb mehr als ein moralischer Vorsatz; sie ist der Einstieg in eine Umstimmung des ganzen Menschen von Trägheit zu Wachheit, von Sünde zu Licht.

Theologisch eröffnet die Strophe zugleich eine Hierarchie der Lichter: Mond und Sterne sind nicht falsch, aber sie sind sekundär; sie haben ihre Zeit und verlieren sie, sobald die Sonne nahe ist. In dieser Struktur liegt bereits eine implizite Vanitas-Lehre: Alles „Begläntzte“ kann erbleichen, wenn das stärkere Licht kommt. Die Strophe ist damit eine programmatische Miniatur des Gedichts: Sie setzt die Grundmetapher Nacht = Sünde/Schlaf, Morgen/Sonne = göttliches Licht/Erweckung, und sie zeigt, dass Dichtung hier nicht bloß beschreibt, sondern eine Andacht in Gang setzt. Der Leser wird in den Übergang hineingezogen und soll ihn innerlich mitvollziehen: Nicht nur die Nacht des Himmels, auch die Nacht des Herzens soll beendet werden.

Strophe 2

Vers 7: „Den gewölbten Himmels-Bogen/“

Beschreibung: Der Sprecher richtet den Blick auf die Form des Himmels: Er erscheint als gewölbter Bogen, also wie eine große, über allem gespannte Kuppel.

Analyse: Auffällig ist die substantivische Verdichtung: „Himmels-Bogen“ ist ein Kompositum, das Naturanschauung in ein architektonisches Bild überführt. Das Adjektiv „gewölbten“ verstärkt den Eindruck eines Bauwerks; die Perspektive ist nach oben geöffnet und erzeugt räumliche Weite. Der Schrägstrich am Versende markiert eine Zäsur, die zugleich den Parallelismus vorbereitet: Vers 7 und 8 stehen in appositioneller Reihung und entfalten ein Doppelbild des Himmels als Bau und Wunder.

Interpretation: Der Himmel wird nicht als neutrales „Oben“, sondern als geordnete Gestalt wahrgenommen. Die architektonische Metaphorik lässt bereits eine theologische Lesart anklingen: Was gewölbt und gebogen ist, wirkt wie eine errichtete, nicht zufällig entstandene Ordnung. Damit wird der Himmel zur Signatur einer Welt, die auf einen Urheber verweist und in der das Schauen selbst bereits in Richtung Lobpreis drängt.

Vers 8: „Den Saffirnen Wunder-Bau/“

Beschreibung: Der Himmel wird weiter charakterisiert: Er gleicht einem „saphirnen“ (blauen, edelsteinartig schimmernden) Wunderbau, also einem prachtvollen, staunenswerten Gebäude.

Analyse: „Saffirnen“ ist eine barocke Farbadjektivierung mit Materialmetaphorik: Der Himmel ist nicht nur blau, sondern wie ein Edelstein. „Wunder-Bau“ intensiviert das architektonische Feld aus Vers 7 und steigert es ins Staunenswerte. Durch die appositionelle Struktur („Den … / Den …“) wird der Himmel in zwei Facetten gefasst: Form (Bogen/Wölbung) und Qualität (Saphir/Wunder). Klanglich wirken die weichen S- und W-Laute beruhigend und feierlich; sie passen zur kontemplativen Haltung.

Interpretation: Hier tritt deutlich eine Schöpfungsästhetik hervor: Der Himmel ist ein Kunstwerk, das Staunen fordert. Der Edelsteinvergleich hebt den Himmel in die Nähe des Kostbaren und Unvergänglichen – zugleich bleibt es ein Anblick, der im Gedicht nicht bei ästhetischer Bewunderung stehen bleibt, sondern später auf den Ruhm des Höchsten bezogen wird. Der „Wunder-Bau“ ist damit nicht nur Schönheit, sondern theologisches Argument: Das Wunder der Welt ist eine Einladung zur Anbetung.

Vers 9: „Hielt die dunckle Nacht umzogen/“

Beschreibung: Die dunkle Nacht hat diesen Himmelsbogen umhüllt oder umzogen; sie lag wie ein Mantel um die Himmelskuppel.

Analyse: Grammatisch ist Vers 7–9 ein zusammenhängender Satz: Die Objekte („Den …“, „Den …“) werden vom Prädikat „hielt … umzogen“ regiert. „Umozogen“ ist eine starke räumliche Umschließungsfigur; die Nacht wird als umgreifende, gleichsam stoffliche Macht vorgestellt. Das Verb „hielt“ betont Dauer und Stabilität: Die Nacht ist nicht nur ein Moment, sondern ein Zustand, der die Wahrnehmung rahmt. Zugleich erzeugt die Formulierung eine paradoxe Schönheit: Gerade die dunkle Nacht macht den „Wunder-Bau“ sichtbar, indem sie ihn als Kontrastfolie bereitstellt.

Interpretation: Die Nacht erscheint ambivalent: Einerseits ist sie dunkel und damit potenziell negativ konnotiert (im Gesamtkontext des Gedichts als Bild der Sündenfinsternis), andererseits hat sie eine bildstiftende Funktion, weil sie den Himmel „umzieht“ und die Sternenwelt überhaupt erst als Leuchtfeld hervorhebt. Spirituell lässt sich das als subtile Tiefenfigur lesen: Auch Dunkelheit ist in der Schöpfungsordnung nicht sinnlos; sie ist Rahmen, in dem Lichter aufscheinen können. Für die spätere Buß- und Umkehrlogik kann das bedeuten: Selbst die Erfahrung der Dunkelheit kann – richtig gelesen – zur Erkenntnis und zum Lobpreis führen.

Vers 10: „Die geraume Sternen-Au“

Beschreibung: Der Sprecher beschreibt das Sternenfeld als weite „Au“, also als große, offene Fläche oder Landschaft voller Sterne.

Analyse: Die Metapher „Au“ überträgt eine irdische Landschaftsvorstellung auf den Himmel. Dadurch wird das Sternenfeld nicht abstrakt, sondern begehbar-imaginativ: wie eine Wiese oder Aue, die sich ausbreitet. „Geraume“ verstärkt die Weite, es ist ein Raumwort, das den Blick ausdehnt. Der Vers steht syntaktisch als Fortsetzung des Satzes und bereitet das Prädikat „heg(t)e“ in Vers 11 vor. In der Bewegung der Bilder entsteht eine doppelte Überblendung: Architektur (Bogen/Bau) und Naturraum (Au) werden kombiniert.

Interpretation: Die Sternen-Au ist ein Bild der Fülle und Ordnung. Indem der Himmel zur Landschaft wird, tritt die Idee hervor, dass der Mensch in der Betrachtung des Kosmos eine Art geistliches „Durchwandern“ vollziehen kann: Das Auge bewegt sich über die Weite, und diese Weite ist zugleich eine Weite des Sinns. Theologisch wird damit die Schöpfung als großzügiger Raum vorgestellt, der den Menschen über sich hinaushebt und ihn in die Perspektive des Höchsten stellt.

Vers 11: „Hegte zu des Höchsten Ruhme“

Beschreibung: Diese Sternen-Au „hegte“ (umfasste, barg, pflegte) zum Ruhm des Höchsten – also zur Ehre Gottes – etwas Bestimmtes, das im nächsten Vers genannt wird.

Analyse: Das Verb „hegte“ ist bemerkenswert: Es entstammt dem Feld von Pflege, Hüten, Einschließen, Kultivieren. Damit erhält der Himmel eine quasi gärtnerische, fürsorgliche Qualität. Die Präpositionalgruppe „zu des Höchsten Ruhme“ markiert explizit die theologische Finalität: Die Sternenwelt existiert nicht nur, sie dient einem Zweck, nämlich dem Ruhm Gottes. Der Ausdruck „der Höchste“ ist eine ehrfürchtige Gottesbezeichnung, die Distanz und Erhabenheit betont und den Blick des Gedichts von ästhetischem Staunen in liturgische Richtung lenkt.

Interpretation: Hier wird die emblematische Lesart offen ausgesprochen: Die Schöpfung ist ein Lobpreis-Medium. Das Staunen über Himmel und Sterne wird nicht dem Subjekt überlassen, sondern in eine objektive Teleologie gestellt: Die Welt ist dazu da, Gottes Ruhm zu bezeugen. Anthropologisch heißt das: Der Mensch soll seine Wahrnehmung so ordnen, dass sie in Anbetung mündet. Die Natur ist nicht Besitz oder Kulisse, sondern eine Art „Chorraum“, der den Ruhm des Höchsten trägt.

Vers 12: „Manche Licht- und Feuer-Blume.“

Beschreibung: In der Sternen-Au gab es viele „Licht- und Feuer-Blumen“ – die Sterne werden als Blumen aus Licht und Feuer vorgestellt.

Analyse: Das Kompositum „Licht- und Feuer-Blume“ ist typisch barock: Es verbindet Naturmetaphorik (Blume) mit Elementarsprache (Licht/Feuer) und erzeugt ein zugleich zartes und mächtiges Bild. „Manche“ betont die Vielzahl; damit wird die Himmelsszene nicht auf Einzelphänomene reduziert, sondern als Überfülle gezeigt. Rhetorisch fungiert der Vers als Schlussbild der Strophe: Er konkretisiert, was die Sternen-Au „hegte“, und rundet den Satz klanglich ab. Durch die Binnenkopplung „Licht und Feuer“ entsteht eine Intensivierung: Sterne sind nicht nur Lichter, sie sind brennende, lebendige Punkte.

Interpretation: Die Sterne werden als organische, fast paradiesische Fülle imaginiert. Das Blumenbild verschiebt den Himmel in die Nähe eines Gartens und ruft eine Vorstellung von Schönheit hervor, die zugleich als „Feuer“ eine Spur von Majestät und Energie trägt. Theologisch ist das ein Bild der Schöpfung als ornamentierter, aber zweckgerichteter Pracht: Die „Blumen“ sind nicht Selbstzweck, sie sind „zu des Höchsten Ruhme“. Damit entsteht eine ästhetisch-theologische Pointe: Schönheit ist hier eine Form des Zeugnisses, nicht bloß des Genusses.

Ausführliche Gesamtdeutung der Strophe 2

Die zweite Strophe vertieft das in Strophe 1 eröffnete Verfahren, indem sie den Blick nicht mehr auf die Ablösung der Nachtlichter richtet, sondern auf die Gestalt und Sinnhaftigkeit des nächtlichen Himmels selbst. Der Himmel erscheint in einer doppelten Metaphorik: als Architektur („gewölbter Himmels-Bogen“, „Saffirner Wunder-Bau“) und als Landschaft („geraume Sternen-Au“). Diese Überblendung ist poetisch hoch produktiv: Architektur deutet Ordnung, Maß und Konstruktion an; Landschaft deutet Weite, Fülle und begehbare Anschauung an. Beides zusammen erzeugt eine Vorstellung von Schöpfung, die zugleich streng gefügt und überreich ausgestattet ist.

In diese ästhetische Anschauung schreibt der Text eine klare Teleologie ein: Die Nacht hat den Himmel „umzogen“, und in dieser umhüllten Weite „hegte“ die Sternen-Au „zu des Höchsten Ruhme“ die vielen „Licht- und Feuer-Blumen“. Das heißt: Die Strophe ist nicht bloß ein Kosmosgemälde, sondern eine theologische Deutung des Kosmos als Lobraum. Der Blick auf die Sterne wird als spiritueller Akt konfiguriert: Wer sieht, soll im Sehen den Ruhm Gottes erkennen. Damit wird eine Erkenntnishaltung festgelegt, die für das ganze Gedicht maßgeblich bleibt: Die Welt ist ein Zeichenbuch, und ihre Schönheit ist nicht neutral, sondern verpflichtend.

Zugleich bereitet die Strophe indirekt den späteren Vanitas- und Umkehrgedanken vor. Indem sie die Nacht als umziehenden Mantel zeigt und die Sterne als „Blumen“ in dieser Nacht, macht sie spürbar: Auch das Erhabene der Nacht ist zeitlich gebunden. Die Pracht des Sternenhimmels gehört zur Nacht und wird vom Morgen abgelöst. Gerade dadurch gewinnt die Strophe eine doppelte Funktion: Sie lässt Schönheit aufscheinen und bindet sie an einen Zweck (Gottes Ruhm) – und sie legt die Möglichkeit nahe, dass Schönheit, wenn sie nicht auf den Höchsten bezogen wird, als bloßer Anblick vergehen würde. Die Strophe arbeitet damit an einer barocken Grundfigur: Schöpfung ist prachtvoll, aber nicht autonom; sie ist Zeichen, Lob und Übergang.

Strophe 3

Vers 13: „Ihre Zier muß nun erblassen/“

Beschreibung: Der Sprecher stellt fest, dass die „Zier“ – die Schönheit und Pracht der nächtlichen Himmelserscheinung – jetzt verblassen muss, weil der Morgen anbricht.

Analyse: Der Vers nimmt die Sternenpracht aus Strophe 2 als Referenz („Ihre Zier“) und setzt sie in den Modus der Notwendigkeit: „muß“ markiert Naturgesetz und Unabwendbarkeit. „Erblassen“ wiederholt das Schlüsselverb aus Strophe 1 (Mond erbleicht) und schafft so eine motivische Klammer. Der Schrägstrich am Versende verstärkt die Zäsur: Es ist ein harter, nüchterner Befund, der das Staunen der vorigen Strophe in ein Gesetz des Vergehens überführt.

Interpretation: Die Strophe beginnt mit einer Vanitas-Geste: Selbst die „Zier“ des Himmels ist nicht bleibend. Entscheidend ist, dass das Verblassen nicht als Mangel, sondern als Ordnung gelesen wird: Das Schöne der Nacht hat seine Zeit, und diese Zeit endet. Damit wird die Perspektive des Gedichts geschärft: Schönheit ist real, aber zeitabhängig – und genau daraus wird später eine moralische Folgerung gezogen.

Vers 14: „Ihr entlehnter Glantz stirbt hin;“

Beschreibung: Der Glanz der nächtlichen Pracht wird als „entlehnt“ bezeichnet und als etwas, das stirbt bzw. vergeht.

Analyse: Der Ausdruck „entlehnter Glantz“ ist semantisch hochgeladen: Er behauptet, dass dieses Leuchten nicht aus sich selbst heraus besteht, sondern nur geliehen ist. Das Prädikat „stirbt hin“ anthropomorphisiert den Glanz; das Naturphänomen wird in den Existenzbereich des Lebendigen und Sterblichen gezogen. Die Kombination aus „entlehnt“ und „stirbt“ erzeugt eine doppelte Entwertung: Nicht nur endet der Glanz, er hatte von Beginn an keine Eigenständigkeit. Klanglich verstärken die harten Konsonanten in „Glantz“ und das schließende Satzzeichen (Semikolon) die Endgültigkeit.

Interpretation: Hier wird das Vanitas-Prinzip explizit gemacht: Alles, was nur geliehen ist, kann nicht tragen. Der Vers öffnet unmittelbar den anthropologischen Transfer: Wenn schon die „Zier“ des Himmels nicht autonom ist, dann gilt dies erst recht für menschliche Prachtformen. „Stirbt hin“ kündigt an, dass der folgende Vergleich nicht beiläufig sein wird, sondern existentiell: Es geht um das Sterben als Grundfigur allen Weltglanzes.

Vers 15: „So muß auch der Mensch verlassen“

Beschreibung: Der Sprecher leitet eine Konsequenz ab: Ebenso muss der Mensch etwas verlassen.

Analyse: Das „So“ fungiert als logischer Scharniermarker: Es leitet vom Naturbefund zur moralischen Lehre über. Wieder steht das Modalverb „muß“ im Zentrum; die moralische Forderung erscheint nicht als Option, sondern als Notwendigkeit, die aus der Struktur der Wirklichkeit folgt. Die Syntax ist bewusst einfach und zwingend: Subjekt („der Mensch“) – Prädikat („muß … verlassen“). Das „auch“ bindet den Menschen in die gleiche Gesetzmäßigkeit ein, die zuvor für den Himmelsglanz galt.

Interpretation: Der Mensch wird in die Ordnung des Vergehens hineingestellt: Er kann sich der Vergänglichkeit nicht entziehen. Entscheidend ist aber, dass „verlassen“ nicht nur „verlieren“ bedeutet, sondern eine aktive Entscheidung impliziert. Der Vers markiert damit die ethische Pointe: Weil das Weltliche ohnehin vergeht, soll der Mensch es nicht nur passiv erleiden, sondern sich innerlich davon lösen. Die Vanitas-Erkenntnis wird zur moralischen Aufgabe.

Vers 16: „Ehre/ Wollust und Gewinn:“

Beschreibung: Es wird konkret benannt, was der Mensch verlassen muss: Ehre, Wollust und Gewinn – also Ansehen, sinnliche Lust und materieller Vorteil.

Analyse: Die Dreierreihe ist rhetorisch pointiert: Sie deckt drei zentrale Bindungsfelder ab – das Soziale (Ehre), das Körperlich-Affektive (Wollust), das Ökonomische (Gewinn). Der Schrägstrich trennt die Begriffe wie Schlaglichter; die Aufzählung wirkt wie eine kurze moralische Inventur. Der Doppelpunkt am Ende setzt erneut eine Schwelle: Nach der Diagnose folgt in den Versen 17–18 die positive Gegenbewegung, das Ziel des Verlassens. Formal übernimmt die Reihe die Funktion einer Vanitas-Trias, die weltliche Lebensprogramme in komprimierter Form zusammenzieht.

Interpretation: Die drei Begriffe sind nicht zufällig gewählt: Sie markieren das, woran menschliche Identität und Sicherheit sich gern festmacht. Der Text spricht damit anthropologische Konstanten an: Anerkennung, Lust, Besitz. Indem er sie unter das „Verlassen“ stellt, zielt er auf eine radikale Umordnung des Begehrens. Die Strophe operiert nicht mit feinen moralischen Abstufungen, sondern mit einem klaren Gegenüber: Weltliche Zielgrößen müssen weichen, wenn das Bleibende gesucht werden soll.

Vers 17: „Mühe dich das Licht zu finden/“

Beschreibung: Der Sprecher fordert zur Anstrengung auf: Man soll sich bemühen, das „Licht“ zu finden.

Analyse: Mit „Mühe dich“ tritt ein Imperativ auf, der nicht nur Handlung, sondern dauerhafte Arbeit bezeichnet. Es geht nicht um einen Moment der Einsicht, sondern um einen Prozess. Das „Licht“ ist als Zielwort bewusst offen und zugleich zentral; es steht als Antipode zu „Finsterniß“ und als Alternative zu „Ehre/Wollust/Gewinn“. Der Vers ist syntaktisch klar, ohne schmückende Nebensätze: Dadurch entsteht ein starker paränetischer Druck. Auch rhythmisch wirkt der Vers wie ein Schritt nach vorn: Er beendet die Negativbewegung (verlassen) und eröffnet eine Positivbewegung (finden).

Interpretation: „Licht“ ist hier das Leitzeichen des Gedichts: Es meint Erkenntnis, Reinheit, Gnade, Heil – und in der Gesamtdynamik schließlich Christus selbst. Wichtig ist die Formulierung: Das Licht ist nicht automatisch „da“, obwohl die Sonne äußerlich aufgeht. Innerlich muss es gefunden werden. Damit wird menschliche Existenz als Suchbewegung dargestellt: Die Wahrheit, die trägt, ist kein Besitz aus Ehre, Lust oder Gewinn, sondern ein Ziel, das geistliche Anstrengung und Umkehr erfordert.

Vers 18: „Das zu keiner Zeit kan schwinden.“

Beschreibung: Dieses Licht wird näher bestimmt: Es ist ein Licht, das niemals vergeht oder schwindet.

Analyse: Der Relativsatz gibt dem Licht eine ontologische Qualität: Unwandelbarkeit. Die Formulierung „zu keiner Zeit“ ist absolut gesetzt; sie zielt auf zeitüberlegene Dauer. Damit wird das Licht ausdrücklich gegen den „entlehnten Glanz“ kontrastiert, der „stirbt hin“. Die Strophe schließt mit einer starken Finalisierung: Nach dem Verlassen des Vergänglichen steht die Suche nach dem Unvergänglichen. Klanglich wirkt „schwinden“ als Echo zu „stirbt hin“: Beide sind Vergehensverben, aber hier wird das Vergehen negiert. Dadurch entsteht ein deutlicher, beruhigender Abschluss.

Interpretation: Der Vers formuliert die metaphysische Zielbestimmung des Gedichts: Gesucht ist nicht irgendein Licht, sondern das bleibende, ewige Licht. In christlicher Semantik kann das nur Gott bzw. Christus sein oder das aus Gott kommende Heil, das nicht an Tageszeiten gebunden ist. Die Strophe verschiebt damit den Horizont vom natürlichen Morgenlicht zum eschatologisch-soteriologischen Licht. Das äußere Naturgeschehen wird zum Anlass, das innere Leben auf ein Prinzip auszurichten, das nicht dem Rhythmus von Nacht und Tag unterliegt.

Ausführliche Gesamtdeutung der Strophe 3

Die dritte Strophe ist der erste große Vanitas-Scharnierpunkt des Gedichts: Sie nimmt die zuvor entfaltene Schönheit des Nachthimmels (Strophen 1–2) auf und erklärt sie ausdrücklich für zeitlich, abgeleitet und sterblich. Die „Zier“ des Himmels muss erblassen, ihr Glanz ist „entlehnt“ und „stirbt hin“. Damit wird eine Grundüberzeugung barocker Weltwahrnehmung poetisch verdichtet: Alles Geschaffene hat nur geliehenen Glanz; es besitzt keine letzte Selbstständigkeit. Der Text nimmt die ästhetische Erfahrung nicht zurück, aber er entzieht ihr jede Absolutheit.

Entscheidend ist, dass diese Entwertung nicht in Melancholie stehen bleibt, sondern sofort in eine anthropologische Konsequenz übersetzt wird. Das „So“ in Vers 15 ist ein logisches und existentielles Gelenk: Weil der Glanz der Nacht vergeht, muss auch der Mensch das Vergängliche verlassen. Die Strophe bindet den Menschen an dieselbe Struktur der Zeitlichkeit, die am Himmel sichtbar wird. In der Dreierreihe „Ehre/ Wollust und Gewinn“ wird diese Struktur praktisch: Es geht nicht um abstrakte Philosophie, sondern um das, woran menschliches Leben sich gewöhnlich festmacht – soziale Anerkennung, sinnliche Erfüllung, materieller Vorteil. Die Strophe behauptet, dass diese Größen nicht nur moralisch fragwürdig, sondern ontologisch instabil sind: Sie gehören zur Sphäre des „entlehnten Glanzes“.

Doch der Text ist nicht nihilistisch. Die Strophe kippt in den letzten beiden Versen in eine positive Zielbewegung: Statt sich am Vergehen festzubeißen, soll der Mensch sich „mühen“, das Licht zu finden, das niemals schwindet. Damit wird eine klare Teleologie gesetzt: Entwertung dient der Neuorientierung. Die ästhetische Erfahrung des Erbleichens wird zur spirituellen Pädagogik, die das Begehren umlenkt – weg von Weltglanz, hin zum unvergänglichen Licht. In dieser Strophe tritt damit die Kernlogik des Gedichts offen hervor: Der Morgen ist nicht nur Tagesbeginn, sondern Modell der Bekehrung; und das Ziel der Bekehrung ist nicht moralische Selbstoptimierung, sondern die Bindung an das Bleibende, das christologisch am Ende des Gedichts ausdrücklich benannt werden wird.

Strophe 4

Vers 19: „Muß die Welt die Sternen missen/“

Beschreibung: Der Sprecher stellt eine Notwendigkeit fest: Die Welt muss die Sterne entbehren, sie „missen“, wenn der Morgen kommt.

Analyse: Wieder dominiert das Modalverb „Muß“, das die Szene als Gesetzmäßigkeit rahmt. „Die Welt“ steht hier pars pro toto für die irdische Erfahrungswelt des Menschen: Was wir wahrnehmen, ist „Welt“. Der Ausdruck „die Sternen missen“ ist syntaktisch leicht archaisch (Dativ-/Genitivschwankung im barocken Sprachgebrauch), wirkt aber semantisch klar: Es geht um Entzug eines vertrauten Lichtbestands. Dadurch wird die Morgenwende affektiv umgedeutet: Sie ist nicht nur Gewinn des Tages, sondern zuerst Verlust.

Interpretation: Der Vers setzt ein entscheidendes Motiv: Der Weg zum Höheren beginnt mit einem Mangel. Selbst der natürliche Übergang zur Sonne verlangt, dass die alten Orientierungslichter verschwinden. Das schafft die Voraussetzung für die folgende Analogie: Auch im geistlichen Leben ist das Ziel nicht ohne Entbehrung zu erreichen. Der Text schärft damit eine barocke Logik der Heilsbewegung: Zunächst steht das Abschiednehmen von bisherigen Sicherheiten.

Vers 20: „Und ohn alle Lichter stehn/“

Beschreibung: Die Welt steht dann ohne Lichter da, also in einem Zwischenzustand: weder Sterne noch schon die Sonne als sichtbar dominantes Licht.

Analyse: Der Vers verstärkt Vers 19 durch Hyperbel: nicht nur die Sterne fehlen, sondern „alle Lichter“. Damit wird ein Moment der Radikalverdunkelung oder zumindest des „Lichtlosen“ behauptet. Das Verb „stehn“ erzeugt einen Eindruck von Stillstand: Die Welt „steht“ in dieser Lichtlosigkeit, sie ist wie angehalten. Formal entsteht ein kurzer, harter Einschnitt – auch weil der Vers sehr knapp formuliert ist und den Mangel ohne Ausgleich stehen lässt.

Interpretation: Diese „Lichtlosigkeit“ ist mehr als meteorologische Genauigkeit; sie ist eine existenzielle Zwischenfigur. Der Text imaginiert eine Schwelle: Bevor das neue Licht begrüßt werden kann, muss man einen Moment der Entleerung aushalten. In geistlicher Deutung ist das ein Bild für Läuterung, Verlust, Entzug, vielleicht auch für Anfechtung: Der Mensch kann nicht sofort in die Vollendung springen; er steht zuerst „ohn alle Lichter“.

Vers 21: „Eh sie kan die Sonne grüssen/“

Beschreibung: Erst danach, „eh“ (bevor / bis) sie die Sonne begrüßen kann, muss die Welt diesen lichtarmen Zustand durchlaufen.

Analyse: Das Konjunktionalwort „Eh“ strukturiert die Sequenz: Es markiert Vorzeitigkeit und Bedingung. „Die Sonne grüssen“ personifiziert die Welt und gestaltet den Morgen als Begegnungsszene: Die Sonne ist nicht nur Lichtquelle, sondern ein kommendes Gegenüber, das empfangen wird. Rhetorisch wird damit die Spannung aufgebaut: Das Ziel (Sonne) ist attraktiv und majestätisch, aber es ist nur erreichbar durch den vorausgehenden Verlust.

Interpretation: Das „Grüßen“ der Sonne lässt sich als Modell für eine religiöse Begrüßung des Heils lesen: Das höchste Licht ist personal-nah imaginiert, als etwas, dem man entgegengeht. Zugleich betont der Vers die Logik der Verzögerung: Das Heil wird nicht unmittelbar „genommen“, sondern kommt in einer Ordnung, die Zwischenstufen und Wartezeiten einschließt. Der Vers präpariert damit die Übertragung auf das menschliche Schicksal in Vers 22–24.

Vers 22: „Also pflegt es uns zu gehn/“

Beschreibung: Der Sprecher zieht die Analogie: So pflegt es uns zu ergehen; so läuft es auch bei uns Menschen.

Analyse: „Also“ ist der explizite Analogieschalter, „pflegt“ signalisiert Regelmäßigkeit und Erfahrungsgesetz: nicht einmalig, sondern typisch. „Uns“ erweitert die Perspektive vom individuellen Ich zum kollektiven Wir; die Strophe wird damit zugleich erbaulich und allgemein-menschlich. Der Ton ist nüchtern-resümierend, fast spruchhaft: Die Naturordnung wird zum Modell einer anthropologischen Regel.

Interpretation: Hier wird die emblematische Poetik offen sichtbar: Die Natur dient als Gleichnis. Entscheidend ist, dass der Sprecher nicht nur moralisch fordert („mühe dich“), sondern eine existenzielle Notwendigkeit behauptet: Der menschliche Weg ist strukturell ein Weg über Entzug und Zwischenzustand. Die Erfahrung des Morgengrauens wird zum Sinnbild des menschlichen Daseins zwischen Welt und Ewigkeit.

Vers 23: „Daß wir durch des Todes Schatten“

Beschreibung: Konkretisierung der Analogie: Wir müssen durch den Schatten des Todes hindurchgehen.

Analyse: „Durch“ markiert Passage, Übergang, Schwellenprozess. „Des Todes Schatten“ ist eine starke Metapher, die den Tod nicht als abstraktes Ende, sondern als verdunkelnden Raum oder als Zone der Bedrohung imaginiert. Der Vers bleibt syntaktisch offen und zieht den Leser in die Erwartung des nächsten Verses hinein: Wozu führt diese Passage? Diese Offenheit verstärkt die Spannung, die dem Todesmotiv innewohnt.

Interpretation: Der Tod erscheint als letzte, radikalste Form dessen, was in den Versen 19–21 nur angedeutet war: der Zustand „ohn alle Lichter“. Was der Morgen als kurzes Zwischenmoment kennt, wird existentiell zur großen Schwelle. Die Metapher „Schatten“ lässt dabei eine doppelte Deutung zu: Schatten ist Dunkelheit, aber er ist auch ein Zeichen, dass irgendwo Licht ist. Gerade diese Ambivalenz macht den Vers theologisch: Der Tod ist Finsternis, aber nicht absolute Finsternis; er ist Übergang, nicht letzter Ort.

Vers 24: „Erst zur Ewigkeit gerathen.“

Beschreibung: Erst danach gelangen wir zur Ewigkeit; erst durch den Todesschatten kommen wir in das ewige Leben.

Analyse: Das „Erst“ ist der Schlüssel: Es setzt die strenge Reihenfolge und negiert jede Abkürzung. „Gerathen“ hat im frühneuzeitlichen Sprachgebrauch den Sinn von „gelangen“, „hinzukommen“, „an ein Ziel kommen“, enthält aber eine Nuance des Hineingeraten-Hineingeführt-Werdens. Dadurch bleibt eine leichte Passivdimension erhalten: Der Mensch kann den Übergang nicht vollständig disponieren. Der Vers schließt die Strophe als spruchhafte Pointe: Todesschatten → Ewigkeit.

Interpretation: Die Strophe formuliert hier in einem Satz die zentrale eschatologische Anthropologie: Ewigkeit ist nicht Fortsetzung des Tageslichts, sondern ein Ziel jenseits der Todesgrenze. Gleichzeitig liegt im „gerathen“ ein leiser Gnadenakzent: Der Übergang ist nicht ausschließlich menschliche Leistung, sondern geschieht auch als Geschehenlassen. Die Strophe hält somit beides zusammen: strenge Notwendigkeit der Passage und Hoffnung auf ein Ankommen, das letztlich geschenkt ist.

Ausführliche Gesamtdeutung der Strophe 4

Die vierte Strophe verschiebt die Morgenbildlichkeit in eine deutlich eschatologisch-existenzielle Tiefenschicht. Sie beginnt mit einer scheinbar einfachen Beobachtung: Bevor die Welt die Sonne begrüßen kann, muss sie die Sterne missen und „ohn alle Lichter“ stehen. Diese Darstellung ist weniger meteorologische Beschreibung als symbolische Konstruktion eines Zwischenzustands. Der Morgen wird als Schwelle gedacht: Erst Verlust, dann Empfang; erst Entzug, dann Ankunft. Damit wird der Tagesanbruch selbst zur Miniatur eines größeren existentialen Weges.

Im Zentrum der Strophe steht die explizite Übertragung: „Also pflegt es uns zu gehn.“ Der Text verallgemeinert vom individuellen Andachts-Ich zum kollektiven „uns“ und behauptet eine anthropologische Regel: Auch der Mensch gelangt zum höchsten Licht nicht ohne einen Moment radikaler Entleerung. Dieser Moment wird in Vers 23–24 scharf benannt: die Passage „durch des Todes Schatten“ als Bedingung dafür, „erst zur Ewigkeit“ zu geraten. Die Strophe macht damit aus dem täglichen Morgen ein typologisches Bild des letzten Übergangs: Der natürliche Tag wird Spiegel des „letzten Tages“.

Die innere Bewegung ist dabei doppelt. Einerseits steigert sich der Ernst: Die zuvor behandelte Vergänglichkeit der nächtlichen Pracht (Strophe 3) wird hier in die existentielle Grenze des Todes überführt. Andererseits wird gerade in dieser Steigerung eine Hoffnung fixiert: Schatten ist nicht absolute Nacht; er ist Übergang, und hinter ihm liegt Ewigkeit. Das Gedicht bindet damit das Todesmotiv in eine Heilsteleologie ein: Tod ist Schwelle, nicht Endstation. So entsteht eine barocke Grundfigur von großer psychologischer Wirkung: Wer das wahre Licht begrüßen will, muss lernen, den Augenblick des „ohn alle Lichter“ nicht als Sinnverlust, sondern als notwendigen Durchgang zu verstehen. Die Strophe legitimiert die Erfahrung von Dunkelheit und Entzug, indem sie sie als Teil des Weges zur Vollendung deutet – und sie verschärft zugleich den Andachtsappell: Wenn schon die Natur den Tag nicht ohne Zwischenzone gewinnt, dann ist erst recht die Ewigkeit nicht ohne den Todesschatten zu haben.

Strophe 5

Vers 25: „Folgt der schnöden Eitelkeiten“

Beschreibung: Der Sprecher beginnt mit einer Aussage über „schnöde Eitelkeiten“: Es geht um das, was unerquicklich, niedrig oder wertlos ist und doch verfolgt bzw. „folgt“ wird.

Analyse: Der Vers ist syntaktisch elliptisch und erzeugt dadurch Spannung: „Folgt“ steht am Anfang, aber das Subjekt wird erst im nächsten Vers klar („Wandelbarer Mond der Nacht“). Dadurch entsteht eine leichte Vorwärtsbewegung: Der Leser wird in den Satz hineingezogen. „Schnöden Eitelkeiten“ ist eine starke Wertung; „schnöd“ trägt Verachtung und moralische Distanz in den Ausdruck, „Eitelkeiten“ ist die barocke Vanitas-Vokabel par excellence. Auffällig ist zudem der Plural: Es geht nicht um eine einzelne Versuchung, sondern um ein ganzes System des Nichtigen.

Interpretation: Der Text setzt hier den moralischen Horizont schärfer: „Eitelkeit“ ist nicht nur Oberflächlichkeit, sondern ein Grundmodus weltlicher Orientierung, der sich selbst entwertet. Die elliptische Struktur legt nahe, dass diese Eitelkeiten eine Art „Anziehung“ besitzen, der etwas folgt – und genau diese Dynamik wird in den nächsten Versen symbolisch am Mond veranschaulicht.

Vers 26: „Wandelbarer Mond der Nacht/“

Beschreibung: Der „wandelbare Mond“ der Nacht wird als dasjenige benannt, das den Eitelkeiten folgt. Der Mond ist wechselhaft und gehört zur Nacht.

Analyse: Hier wird die syntaktische Ellipse geschlossen: Subjekt ist der „Mond“. Der Mond wird durch das Attribut „wandelbar“ charakterisiert, also veränderlich, nicht konstant (Mondphasen, Auf- und Untergang). Damit wird er zum Symbol des Unbeständigen. Die Genitivbindung „der Nacht“ verankert ihn in der Sphäre, die im Gedicht wiederholt für Dunkelheit und Sünde steht. Der Schrägstrich markiert erneut eine Zäsur: Der Vers ist eine kompakte emblematische Setzung.

Interpretation: Der „wandelbare Mond“ ist ein idealer Träger der Vanitas-Lehre: Er besitzt Glanz, aber nur in der Nacht, und er ist wechselhaft. Indem er den „Eitelkeiten“ folgt, wird deutlich: Weltglanz und weltliche Begierden gehören zusammen. Der Mond steht damit nicht mehr nur als Naturphänomen am Himmel, sondern als moralisch codiertes Zeichen: das Unbeständige, das dem Nichtigen nachläuft.

Vers 27: „Weist sich doch zur andern Seiten“

Beschreibung: Der Mond zeigt sich dennoch zur anderen Seite hin; er wendet sich um oder offenbart sich anders.

Analyse: Der Vers enthält eine entscheidende Konjunktion: „doch“ signalisiert Gegengewicht und überraschende Wendung. „Weist sich“ ist reflexiv und hat eine Offenbarungsnuance: Es zeigt sich von selbst, nicht nur durch äußeres Zutun. „Zur andern Seiten“ greift die Mondwandelbarkeit auf und deutet die Möglichkeit einer Umwendung an. Formal ist dies der Wendepunkt der Strophe: Von der Negativbindung an die Eitelkeit kippt der Satz in Richtung eines neuen Lichts.

Interpretation: Die Zeile eröffnet die Hoffnung, dass Wandelbarkeit nicht nur Defizit, sondern auch Chance sein kann: Wer sich bislang der Eitelkeit zuwandte, kann sich auch „zur andern Seite“ wenden. Der Mond wird damit zu einer doppeldeutigen Anthropologie-Figur: Er zeigt, wie leicht der Mensch dem Nichtigen folgt, aber auch, dass Umkehr möglich ist. Das „doch“ markiert den Übergang von moralischer Diagnose zu geistlicher Möglichkeit.

Vers 28: „Des verjüngten Tages Pracht;“

Beschreibung: Zur anderen Seite hin zeigt sich die Pracht des „verjüngten“ Tages, also des neu anbrechenden, frischen Morgens.

Analyse: „Verjüngt“ ist ein starkes Adjektiv: Der Tag ist nicht nur neu, er erscheint erneuert, kräftig, lebensvoll. „Pracht“ greift das Glanzmotiv wieder auf, aber nun ist es nicht „entlehnter Glanz“ der Nacht, sondern die Pracht des Tages. Die Gegenüberstellung wird semantisch klar: Nacht/Mond/Eitelkeit versus Tag/Verjüngung/Pracht. Das Semikolon signalisiert Abschluss des Bildgedankens und bereitet den emotionalen Ausruf in Vers 29–30 vor.

Interpretation: Der „verjüngte Tag“ steht für Erneuerung, für die Möglichkeit des Neuanfangs. In geistlicher Deutung ist das mehr als Tagesbeginn: Es ist ein Zeichen für Gnade als Erfrischung und für die erneuernde Kraft, die das Herz aus der Nacht herausführen kann. Die Strophe arbeitet damit an einem zentralen theologischen Motiv: Umkehr ist nicht bloß Verzicht, sondern Verjüngung, ein neues Leben im Licht.

Vers 29: „Ach/ daß diese Morgen-Röthe“

Beschreibung: Der Sprecher bricht in einen Seufzer aus („Ach“) und formuliert einen Wunsch: Möge diese Morgenröte etwas bewirken.

Analyse: Mit „Ach“ wird der Ton plötzlich stark affektiv. Der Schrägstrich trennt den Ausruf von der folgenden Wunschkonstruktion und markiert einen emotionalen Umschlag. „Diese“ bindet das Bild an die unmittelbare Anschauung: Die Morgenröte ist nicht abstrakt, sondern gegenwärtig. Rhetorisch wird der Übergang von Beschreibung zu Gebet vollzogen: Aus der Betrachtung entsteht ein Wunsch, der an die Wirklichkeit herantritt.

Interpretation: Der Seufzer zeigt, dass die Umkehr nicht nur moralische Forderung ist, sondern Herzensangelegenheit, die nach göttlicher Hilfe ruft. Die Morgenröte wird zum Medium des Hoffens: Was draußen am Himmel geschieht, soll drinnen im Herzen geschehen. Dadurch wird die Naturmetapher erneut in den Kern der Andacht gezogen.

Vers 30: „Deiner Sünden-Nacht ertödte!“

Beschreibung: Der Wunsch wird konkret: Die Morgenröte soll die „Sünden-Nacht“ töten, also die Nacht der Sünde beenden und zerstören.

Analyse: Das Verb „ertödte“ ist drastisch: Es bedeutet nicht nur vertreiben oder auflösen, sondern töten. Damit wird die Sünde als lebendige Macht, als etwas Aktives und Widerständiges vorgestellt. „Sünden-Nacht“ ist ein starkes Kompositum, das die innere Dunkelheit direkt mit dem moralischen Zustand verbindet. Bemerkenswert ist das Pronomen „Deiner“: Die Strophe spricht hier nicht „mein“ wie in Strophe 1 („Auff mein Hertz“), sondern wechselt in eine du-Adressierung, die den Leser bzw. das Herz des Angesprochenen direkt trifft. Das Ausrufezeichen setzt eine klare Gebetsintensität.

Interpretation: Die Strophe kulminiert in einem Umkehrwunsch, der zugleich personal und aggressiv gegen die Sünde gerichtet ist. Die Morgenröte wird zur Chiffre einer Gnadenmacht, die nicht nur beleuchtet, sondern vernichtet, was das Heil hindert. Der Wechsel zu „Deiner“ kann als erbauliche Strategie verstanden werden: Die Wahrheit soll nicht beim Sprecher bleiben, sondern den Leser unmittelbar adressieren. Damit wird das Gedicht stärker pastoral: Es will nicht nur zeigen, wie jemand betet, sondern das Beten im Anderen entfachen.

Ausführliche Gesamtdeutung der Strophe 5

Die fünfte Strophe ist eine kunstvolle Miniatur der barocken Umkehrlogik, weil sie Wandelbarkeit zugleich als Gefahr und als Chance inszeniert. Zunächst wird der „wandelbare Mond der Nacht“ als Bildträger der „schnöden Eitelkeiten“ eingeführt: Der Mond ist wechselhaft, und er gehört zur Nacht; er folgt dem System der Nichtigkeit, das in früheren Strophen bereits als „entlehnter Glanz“ entlarvt wurde. Damit verstärkt die Strophe noch einmal die Diagnose: Weltglanz ist unbeständig und moralisch prekär.

Doch dann setzt das entscheidende „doch“ ein. Gerade der Wandelbare „weist sich“ zur anderen Seite: zur Pracht des „verjüngten Tages“. Dieser Umschlag ist nicht nur naturkundlich (Mond verschwindet, Tag kommt), sondern anthropologisch und theologischer Natur: Wenn der Mensch wandelbar ist, dann kann er nicht nur abgleiten, sondern auch umkehren. Die Strophe verwandelt die Instabilität des Mondes in ein Symbol der Konversion: Es gibt eine andere Seite, eine andere Orientierung, ein anderes Licht.

Die letzten zwei Verse verschieben die Strophe endgültig von der emblematischen Beobachtung in den Gebetsmodus. Der Seufzer „Ach“ macht deutlich, dass diese Umkehr nicht einfach aus moralischem Willen geschieht, sondern aus Sehnsucht und Bedürftigkeit. Zugleich wird der Wunsch drastisch formuliert: Die Morgenröte soll die „Sünden-Nacht“ ertöten. Das ist eine radikale Bildhandlung, die zeigt, wie ernst die innere Dunkelheit genommen wird: Sie ist nicht nur Abwesenheit von Licht, sondern eine Macht, die vernichtet werden muss. Damit intensifiziert die Strophe die Grundbewegung des Gedichts: Von der äußeren Morgenhelle zur inneren Lichtwerdung, von der Beobachtung zur Bitte, von der Vanitas-Erkenntnis zur Gnadenhoffnung. In der Strophe liegt also ein zentraler Knoten: Das Morgenbild wird zur theologischen Bitte um erneuernde, tödlich wirkende Gnade, die die alte Nacht im Menschen beendet.

Strophe 6

Vers 31: „Schau das Gold der Sonne gläntzen“

Beschreibung: Der Sprecher fordert zum Hinschauen auf: Man soll das goldene Leuchten der Sonne betrachten.

Analyse: Der Vers beginnt mit einem Imperativ („Schau“) und setzt damit erneut die performative Andachtslenkung ein. „Gold“ ist nicht bloße Farbangabe, sondern ein Wert- und Glanzwort; es hebt die Sonne in den Bereich des Kostbaren. Das Verb „gläntzen“ verstärkt die sinnliche Präsenz: Der Vers ist stark visuell und erzeugt einen Eindruck von unmittelbarer Wahrnehmung. Durch die konkrete Materialmetapher („Gold“) wird die Helligkeit als Reichtum vorgestellt, zugleich als etwas, das den Blick bindet.

Interpretation: Die Sonne wird hier als Gnaden- und Wahrheitszeichen in Szene gesetzt: Das „Gold“ ist ein Übergangssymbol zwischen Natur und Transzendenz, denn Gold steht für Unvergänglichkeit, Reinheit, königliche Würde. Der Imperativ zeigt, dass Erkenntnis aus Aufmerksamkeit entsteht: Wer die Schöpfung richtig sieht, kann in ihr einen theologischen Sinn aufleuchten sehen.

Vers 32: „Und am Himmel steigen auff/“

Beschreibung: Der Sprecher ergänzt: Die Sonne steigt am Himmel auf.

Analyse: „Steigen auff“ ist eine Bewegungsformel, die vertikale Dynamik in die Strophe bringt. Das „Und“ verbindet den Vers eng mit dem vorherigen: Glanz und Aufstieg bilden eine Einheit. Der Schrägstrich markiert eine deutliche Zäsur; er lässt den Aufstieg als eigenes Moment stehen, fast wie ein Bildschnitt. Rhythmisch wirkt der Vers wie ein Schritt nach oben: Die Andacht wird nicht nur auf etwas Helles gerichtet, sondern auf ein Helles, das zunimmt und sich erhebt.

Interpretation: Der Sonnenaufstieg ist ein symbolischer Erweckungsimpuls: Das Licht wächst, es drängt nach oben, es setzt sich durch. In der Logik des Gedichts wird damit ein inneres Modell angeboten: Auch das Herz soll aufsteigen, aus dem Niedrigen heraus, hin zu einem höheren Licht. Der Aufstieg ist somit nicht nur Himmelsbewegung, sondern anthropologische Aufforderung.

Vers 33: „Da es in gewissen Gräntzen“

Beschreibung: Die Sonne steigt auf, wobei sie sich innerhalb bestimmter Grenzen bewegt.

Analyse: Der Vers leitet eine Bestimmung ein („Da“ im Sinne von „wobei/indem“) und lenkt den Blick von der sinnlichen Pracht auf die Ordnung des Geschehens. „Gewisse Gräntzen“ sind eine Maßformel: Der Lauf der Sonne ist begrenzt, geregelt, nicht willkürlich. Damit wird die Strophe vom Staunen über das Glänzen zur Betrachtung der kosmischen Gesetzlichkeit geführt. Die Grenze ist rhetorisch wichtig, weil sie Pracht und Maß zusammenbindet.

Interpretation: Theologisch ist „Grenze“ hier keine Einschränkung der Schönheit, sondern ein Hinweis auf Schöpfungsordnung. Die Sonne ist majestätisch, aber sie ist zugleich dem Gesetz unterstellt. Damit wird implizit die Idee eines ordnenden Gottes sichtbar: Das Wunder liegt nicht nur im Glanz, sondern in der Regelhaftigkeit. Für die Andacht bedeutet das: Nicht nur das Außerordentliche, auch das geordnete Maß der Natur kann zum Gottesbeweis werden.

Vers 34: „Muß vollführen seinen Lauff;“

Beschreibung: Die Sonne muss ihren Lauf vollziehen; sie hat eine festgelegte Bahn, die sie ausführt.

Analyse: Erneut erscheint das Modalverb „Muß“. Es verstärkt die Notwendigkeit und die Unausweichlichkeit des kosmischen Rhythmus. „Vollführen“ klingt fast amtlich oder ritualhaft: Die Sonne „führt aus“, was ihr auferlegt ist. Der Ausdruck „seinen Lauff“ fasst das Geschehen in eine klare Teleologie: Es gibt einen Weg, eine Bahn, eine Aufgabe, die erfüllt wird. Das Semikolon bereitet den Übergang zur Anwendung vor, die in Vers 35–36 folgt.

Interpretation: Der Vers setzt ein Leitbild für menschliches Leben: Wie die Sonne ihren Lauf in Grenzen vollführt, so soll auch der Mensch seinen Weg in einer höheren Ordnung verstehen. Gleichzeitig wird die Natur damit als didaktischer Spiegel präsentiert: Der Gedanke an Notwendigkeit und Maß soll das Herz aus „toter Andacht“ wecken. Die Sonne wird zur Lehrmeisterin von Beständigkeit und Gehorsam gegenüber der Ordnung.

Vers 35: „Laß die Menge solcher Wunder“

Beschreibung: Der Sprecher fordert: Man soll die Vielzahl solcher Wunder (Sonnenaufgang, kosmische Ordnung, Schöpfungsgeschehen) wirken lassen bzw. zu etwas werden lassen.

Analyse: „Laß“ ist ein Imperativ, der weniger tätiges Machen als Zulassen und Hinlenken bedeutet. „Die Menge solcher Wunder“ verallgemeinert: Nicht nur die Sonne, sondern die ganze Fülle der Schöpfungsphänomene ist gemeint. Der Vers baut syntaktisch auf die Ergänzung im nächsten Vers hin: Was soll diese Menge sein? Dadurch entsteht eine Spannung, die auf die Pointe „Zunder“ zuläuft.

Interpretation: Hier wird die Poetik des Gedichts offen programmatisch: Die Welt ist voller Wunder, aber sie bleiben wirkungslos, wenn sie nicht geistlich gelesen werden. Das „Laß“ ist eine Einladung zur Umdeutung der Wahrnehmung: Der Mensch soll die Wunder nicht konsumieren, sondern sie in ein inneres Feuer verwandeln. Das ist eine Andachtsdidaktik, die nicht vom Mangel, sondern von der Fülle ausgeht.

Vers 36: „Seyn der todten Andacht Zunder.“

Beschreibung: Diese Wunder sollen „Zunder“ sein – also Brennstoff –, um eine „tote Andacht“ zu entzünden.

Analyse: Der Ausdruck „todte Andacht“ ist provokativ: Andacht kann tot sein, also formal vorhanden, aber innerlich ohne Leben und Wärme. „Zunder“ ist ein konkretes, handwerklich-physisches Wort; es bezeichnet leicht entflammbares Material, das Feuer ermöglicht. Damit wird eine starke Metapher für Affekterweckung gesetzt. Rhetorisch ist dies die Strophenpointe: Das Naturwunder wird zum Brennstoff für inneres Feuer. Klanglich wirkt „todte“ hart und schwer, „Zunder“ kurz und zündend; der Schluss setzt eine plötzliche Energie frei.

Interpretation: In diesem Vers formuliert das Gedicht eine zentrale Selbstreflexion: Die Betrachtung der Schöpfung soll nicht in ästhetischer Bewunderung erstarren, sondern als Erweckungsinstrument dienen. „Tote Andacht“ meint geistliche Routine, mechanisches Beten, Gewohnheitsfrömmigkeit ohne inneren Vollzug. Die Wunder der Welt sollen diese Erstarrung sprengen und Andacht in lebendiges Brennen verwandeln. Damit wird zugleich ein poetologischer Anspruch erhoben: Auch das Gedicht selbst will Zunder sein, indem es die Wunder sprachlich so präsentiert, dass im Leser ein Feuer entsteht.

Ausführliche Gesamtdeutung der Strophe 6

Die sechste Strophe ist ein Schlüsselstück, weil sie die Verbindung von Naturanschauung und Frömmigkeit nicht nur praktiziert, sondern ausdrücklich begründet und poetologisch reflektiert. Sie beginnt mit einem direkten Wahrnehmungsimperativ: „Schau“ – der Leser soll das „Gold der Sonne“ sehen, ihren Aufstieg am Himmel mitvollziehen. Die Sonne steht dabei doppelt: als sinnlich überwältigendes Phänomen („gläntzen“) und als ordnungsstiftende Größe, die ihren Lauf „in gewissen Gräntzen“ vollführt. Das Wunder ist also nicht nur Schönheit, sondern Gesetzlichkeit, Maß und Notwendigkeit. Indem der Text das Modalverb „muß“ erneut stark macht, präsentiert er den Kosmos als geregelte Bühne einer höheren Ordnung.

Der entscheidende Schritt folgt in den Versen 35–36: Die „Menge solcher Wunder“ soll „Zunder“ sein für die „todte Andacht“. Hier verschiebt sich der Fokus vom Kosmos auf den Menschen: Die eigentliche Krise ist nicht Dunkelheit am Himmel, sondern Leblosigkeit im Herzen. Andacht kann sterben, obwohl die Welt voller Wunder ist. Die Strophe diagnostiziert damit eine anthropologische Paradoxie: Der Mensch kann vom Wunder umgeben sein und dennoch innerlich kalt bleiben. Genau dagegen richtet sich die Andachtsstrategie: Wahrnehmung soll entzünden.

Die Gesamtbewegung der Strophe ist daher eine Bewegung von Schau zu Zündung. Der Sonnenaufgang ist nicht nur Gegenstand, sondern Mittel; die geordnete Pracht der Schöpfung wird zur Energiequelle, die die innere Erstarrung bricht. Damit formuliert Abschatz zugleich eine Poetik der Erbauung: Sprache hat die Aufgabe, die „Menge der Wunder“ so zu benennen und zu bündeln, dass sie im Leser als Zunder wirkt. Die Strophe macht sichtbar, dass das Gedicht sich selbst als Teil der geistlichen Praxis versteht: nicht als Darstellung von Frömmigkeit, sondern als Werkzeug der Belebung, das die tote Andacht in lebendige Bewegung überführen will.

Strophe 7

Vers 37: „Sieh/ die Perlen-Thränen thauen/“

Beschreibung: Der Sprecher fordert erneut zum Hinsehen auf: Man soll beobachten, wie „Perlen-Tränen“ tauen, also als Tau niedergehen oder sich lösen.

Analyse: Der Imperativ „Sieh“ setzt die strophische Wahrnehmungslenkung fort, wobei der Schrägstrich die Aufforderung scharf absetzt. „Perlen-Thränen“ ist ein barockes Kompositum, das Naturphänomen (Tau) und Affektzeichen (Tränen) ineinander blendet. Das Verb „thauen“ (tauen, betauen) verleiht dem Bild eine leise, stetige Bewegung: kein Sturm, sondern sanftes Niedergehen. Klanglich wirkt die Häufung weicher Konsonanten (p/t/h) und der gedehnte Vokalfluss beruhigend und passend zur morgendlichen Szene.

Interpretation: Der Tau wird als analoges Bild der Buße vorbereitet: Was die Natur als „Tränen“ über die Pflanzen gibt, soll der Mensch als Tränen über die Sünde geben. Zugleich ist das Bild nicht ausschließlich melancholisch, sondern lebensstiftend: „Perlen“ tragen einen Wertton, der dem Weinen Würde verleiht. Tränen erscheinen damit nicht als bloße Schwäche, sondern als kostbares Medium der Reinigung und Erneuerung.

Vers 38: „Zu erquicken Laub und Graß/“

Beschreibung: Der Tau dient dazu, Laub und Gras zu erfrischen und zu beleben.

Analyse: Der Vers gibt dem Tau eine klare Finalität: „zu erquicken“ benennt Zweck und Wirkung. Damit wird das Naturbild funktional: Der Tau ist nicht Dekoration, sondern Nahrung und Erfrischung. „Laub und Graß“ ist eine synekdochische Doppelung, die Vegetation allgemein umfasst und den Eindruck von Alltäglichkeit verstärkt. Der Schrägstrich am Ende schafft eine Zäsur, die die Analogie zum Menschen vorbereitet: Was in der Natur geschieht, soll im Inneren geschehen.

Interpretation: Die Erquickung macht den entscheidenden theologischen Unterton sichtbar: Buße ist nicht sterile Selbstbestrafung, sondern hat eine belebende Konsequenz. Der Text legt nahe, dass Tränen nicht nur etwas abwaschen, sondern etwas aufrichten. Das ist eine anthropologische Gegenbewegung zur „todten Andacht“: Wo etwas „erquickt“ wird, kommt Leben zurück.

Vers 39: „Wo du deiner Wangen Auen“

Beschreibung: Der Sprecher wendet das Bild auf den Menschen: „Wo du“ – wenn du die „Auen“ deiner Wangen, also deine Wangenflächen, wie eine Landschaft auffasst …

Analyse: Mit „Wo du“ beginnt eine Bedingungs- bzw. Relativkonstruktion, die die Analogie in einen konkreten Vollzug übersetzt. Die Metapher „Wangen Auen“ ist auffällig: Die Wange wird zur Landschaft, ähnlich wie zuvor der Himmel zur „Sternen-Au“ wurde. Dadurch wird der menschliche Körper in die poetische Natursemantik integriert; Mikro- und Makrokosmos spiegeln sich. Die Wahl des Wortes „Au“ betont Weite und Fruchtbarkeit, aber auch Empfangsbereitschaft: Eine Au nimmt Wasser auf.

Interpretation: Die Metapher hebt das Weinen aus der Privatgeste heraus und setzt es in eine kosmische Analogie: Wie die Erde Wasser empfängt, so empfängt das Gesicht Tränen. Buße wird damit als Teil einer Schöpfungslogik dargestellt, nicht als unnatürliche Askese. Zugleich wird die Ansprache personal: Das Gedicht spricht nun das „du“ direkt an und führt den Leser in eine konkrete Praxis hinein.

Vers 40: „Machst in wahrer Busse naß/“

Beschreibung: … wenn du diese Wangen-Auen durch echte Buße nass machst, also in wahrer Reue weinst.

Analyse: „Machst … naß“ ist eine einfache, körpernahe Formulierung, die Buße an eine sicht-physische Handlung bindet. „Wahre Busse“ ist eine theologische Qualifikation: Nicht jedes Weinen zählt, sondern nur das, was aus echter Umkehr stammt. Damit unterscheidet der Text Affekt von Affekt: Tränen können auch Selbstmitleid sein; hier müssen sie Bußträger sein. Rhythmisch zieht die Zeile den Satz weiter auf die Konsequenz hin, die in Vers 41–42 folgt.

Interpretation: Der Vers markiert den Übergang von Naturbetrachtung zu sakraler Anthropologie: Der Körper wird Ort der Umkehr. Buße ist nicht nur Gedanke, sondern Vollzug, der das Herz und den Leib einbezieht. Dass Buße „wahr“ sein muss, zeigt zugleich eine seelsorgerliche Präzision: Es geht nicht um rituelle Geste, sondern um innere Wahrhaftigkeit, die sich körperlich ausdrücken darf.

Vers 41: „Wird sich Gottes Gnad eräugen/“

Beschreibung: Dann wird sich Gottes Gnade „eräugen“, also sichtbar zeigen oder sich blicken lassen.

Analyse: „Wird“ setzt eine Verheißungslogik: Auf die Bedingung folgt eine Zusage. Das ungewöhnliche Verb „eräugen“ (sich zeigen, sich den Augen darbieten) ist sprachlich markant, weil es Gnade als etwas erscheinendes und wahrnehmbares darstellt. Damit bleibt die Bildlogik konsistent: Wie Tau sichtbar ist, so soll Gnade sichtbar werden. Theologisch entsteht ein Kausalzusammenhang: wahre Buße → Erscheinung der Gnade. Der Vers gewinnt dadurch eine starke tröstende Energie.

Interpretation: Gnade wird nicht als abstraktes Dogma gesetzt, sondern als erfahrbare Wirklichkeit, die „sich blicken lässt“. Das passt zur Erbauungspoetik: Der Text will nicht nur Pflichten auferlegen, sondern eine Erfahrungszuversicht stiften. Zugleich zeigt sich hier die innere Logik der Umkehr: Tränen sind nicht Selbstzweck, sondern öffnen den Blick und den Raum, in dem Gnade sich zeigen kann.

Vers 42: „Himmel-Schlüssel bey dir zeugen.“

Beschreibung: Dann werden bei dir „Himmelsschlüssel“ zeugen, also als Zeichen auftreten oder bezeugen, dass dir Zugang zum Himmel eröffnet ist.

Analyse: „Himmel-Schlüssel“ ist ein starkes Kompositum mit deutlicher religiöser Konnotation: Schlüssel bedeuten Zugang, Öffnung, Eintritt. Das Verb „zeugen“ hat die Semantik von Bezeugen, Bestätigen, als Zeugen auftreten. Es ist also nicht nur ein Wunsch, sondern eine Art Beweisfigur: Die Gnade wird nicht nur innerlich gefühlt, sie wird durch Zeichen „bezeugt“. „Bey dir“ lokalisiert das Geschehen beim Subjekt: Heil ist nicht fern, sondern soll im eigenen Leben sichtbar werden. Rhetorisch schließt der Vers die Strophe als Verheißungspointe.

Interpretation: Der Vers verbindet Buße und Heilsgewissheit: Wenn Gnade erscheint, dann ist das wie ein Schlüssel, der Türen öffnet. Intertextuell schwingt hier die biblische Schlüsselmetaphorik (Öffnen/Schließen, Zugang zum Reich) mit; poetisch wird sie zu einem seelsorgerlichen Bild: Der Bußende soll nicht in Tränen stecken bleiben, sondern im Zeichen der Gnade einen Heilszugang erkennen. Der „Himmel-Schlüssel“ ist damit zugleich Trost und Ziel: Buße ist Wegöffnung.

Ausführliche Gesamtdeutung der Strophe 7

Die siebte Strophe ist die konzentrierteste Ausarbeitung des Buß- und Gnadenmotivs im bisherigen Gedicht. Sie beginnt wie Strophe 6 mit einem Wahrnehmungsimperativ („Sieh“) und nimmt den morgendlichen Tau als Naturphänomen in den Blick. Doch der Tau wird sofort poetisch umcodiert: Er ist nicht einfach Wasser, sondern „Perlen-Thränen“. Damit wird eine doppelte Bewegung eröffnet: Der Text ästhetisiert das Phänomen (Perlen) und spiritualisiert es (Tränen). Der Tau erhält einen Zweck: Er erquickt Laub und Gras, er belebt, er fruchtet. Schon hier wird eine Grundthese vorbereitet, die für die Andachtspsychologie entscheidend ist: Tränen sind nicht nur Verlust, sie können Leben stiften.

Ab Vers 39 wird die Analogie unmittelbar auf das Du übertragen. Die Metapher der „Wangen Auen“ ist dabei mehr als Schmuck; sie stellt eine Mikro-Makro-Korrespondenz her: Wie die „Sternen-Au“ die Lichter barg, so sollen die Wangen-Auen durch Tränen „genässt“ werden. Der Mensch wird in die Naturpoetik hineingestellt, und Buße erscheint als ein Vorgang, der der Schöpfungsordnung entspricht: Wasser kommt, tränkt, erquickt. Entscheidend ist jedoch die Qualifikation „in wahrer Busse“: Der Text unterscheidet zwischen bloßem Affekt und geistlicher Wahrhaftigkeit. Das Weinen, das gemeint ist, ist Umkehrweinen.

Die Pointe liegt in den Versen 41–42: Buße mündet nicht in endlose Selbstanklage, sondern in Verheißung. Gottes Gnade wird „sich eräugen“, sie wird sichtbar, erfahrbar, und „Himmel-Schlüssel“ werden „bey dir zeugen“. Damit wird eine seelsorgerliche Logik entfaltet: Wer in wahrer Buße die innere Nacht nicht beschönigt, dem wird nicht nur Vergebung zugesagt, sondern ein Zeichen des Zugangs zur Ewigkeit. Die Strophe verbindet also Naturbeobachtung, anthropologische Praxis und Heilsgewissheit in einem engen Dreischritt: Tau → Tränen → Gnade/Zugang. In der Gesamtbewegung des Gedichts wirkt Strophe 7 wie ein Moment der inneren Öffnung: Nach Vanitas und Todesernst wird hier das Herz auf eine positive, tröstende Erfahrung hin ausgerichtet, ohne die Ernsthaftigkeit der Umkehr zu verlieren. Buße wird zur Schwelle, an der sich Gnade zeigt – und genau darin liegt die geistliche Dynamik dieser Strophe.

Strophe 8

Vers 43: „Dencke/ wie ohn alles Weinen/“

Beschreibung: Der Sprecher fordert zum Nachdenken auf: Man soll sich vorstellen, wie es sein wird ohne jedes Weinen.

Analyse: Der Imperativ „Dencke“ verschiebt den Modus von sinnlicher Anschauung („Schau“, „Sieh“) zu innerer Imagination und Reflexion. Der Schrägstrich markiert die Zäsur und gibt dem Aufforderungswort Gewicht. „Ohn alles Weinen“ ist eine absolute Formulierung; sie arbeitet mit Totalität („alles“) und negiert einen Grundaffekt menschlicher Existenz. Der Vers ist syntaktisch offen und zieht in Vers 44 hinein, wodurch die Vorstellung eines Zustands erst allmählich aufgebaut wird.

Interpretation: Der Text leitet hier einen Perspektivwechsel ein: weg von der Bußpraxis (Tränen) hin zum Zielhorizont, in dem Tränen überflüssig geworden sind. Das Denken soll nicht nur belehren, sondern trösten und motivieren: Wer jetzt weint, soll sich eine Wirklichkeit vorstellen, in der Weinen aufgehoben ist. Dadurch erhält die Buße eine eschatologische Richtung: Tränen sind Übergangszeichen, nicht Endzustand.

Vers 44: „Ohne Nacht und Tunckelheit/“

Beschreibung: Dieser Zustand ist außerdem ohne Nacht und Dunkelheit; es gibt dort keine Finsternis mehr.

Analyse: Der Vers parallelisiert „Weinen“ und „Nacht/Dunkelheit“: affektive und kosmische Negativphänomene werden zusammengedacht. „Tunckelheit“ (Dunkelheit) ist im Gedicht ein Leitwort für Sünde, Schlaf, Todesschatten; hier wird es endgültig negiert. Die Doppelung „Nacht und Tunckelheit“ ist eine Verstärkungsfigur: Nacht ist schon dunkel, doch der Text verdoppelt, um die Totalität der Lichtwelt zu unterstreichen. Der Schrägstrich am Ende hält den Zustand wie einen ruhigen, klaren Satzbaustein fest.

Interpretation: Die Zeile stellt eine vollendete Lichtordnung vor: keine Schwellen, kein Wechsel, kein Zwischenzustand. Was in den vorangehenden Strophen als täglicher Rhythmus (Nacht weicht, Tag kommt) und als existentieller Durchgang (Todesschatten) verhandelt wurde, wird hier in eine endgültige Aufhebung überführt. Damit wird die Grundmetaphorik des Gedichts – Licht gegen Finsternis – eschatologisch fixiert: Am Ziel gibt es keine Rückkehr der Nacht.

Vers 45: „Wird die Lebens Sonne scheinen“

Beschreibung: Dort wird die „Lebenssonne“ scheinen, also ein lebensspendendes, dauerhaftes Licht.

Analyse: „Wird … scheinen“ setzt eine verheißende Zukunftsform; der Vers ist prophetisch im Ton. „Lebens Sonne“ ist ein starkes Kompositum: Die Sonne ist nicht nur Himmelskörper, sondern Quelle des Lebens. Das führt das Sonnenmotiv aus Strophe 6 weiter, aber auf einer höheren Ebene: Die Natursonne wird zum Symbol einer übernatürlichen Lebensquelle. Klanglich wirkt die weiche, offene Vokalfolge („Lebens Sonne scheinen“) beruhigend und lichtvoll.

Interpretation: Die „Lebens Sonne“ kann christologisch gelesen werden: als Christus, der das wahre Leben gibt, oder als das göttliche Licht der Vollendung. Entscheidend ist: Dieses Licht ist nicht bloß Erkenntnislicht, sondern Lebensprinzip. Damit wird deutlich, dass die Ewigkeit nicht nur „Weiterexistenz“ ist, sondern eine qualitativ neue Lebensform, in der Licht nicht wechselt, sondern trägt.

Vers 46: „In der frohen Ewigkeit/“

Beschreibung: Dieses Scheinen findet statt in der „frohen Ewigkeit“, also in einem Zustand unendlicher, freudiger Dauer.

Analyse: „Ewigkeit“ ist das große Zielwort, das schon in Strophe 4 vorbereitet wurde. Das Attribut „frohe“ ist wichtig: Es bestimmt die Ewigkeit nicht primär als Ehrfurchtsraum oder Gerichtsort, sondern als Glücks- und Freudezustand. Dadurch entsteht ein affektiver Gegenpol zu „Todes Schatten“, „Sünden-Nacht“, „todte Andacht“. Der Vers schließt das Reimpaar auf „-heit“ und gibt der Aussage eine ruhige, hymnische Abrundung.

Interpretation: Der Text betreibt hier eine psychologische Reorientierung: Nicht Angst soll dominieren, sondern Hoffnung. Die Ewigkeit ist nicht nur das Ende des Wechsels, sondern das Gelingen des Lebens. Diese Freude ist zugleich moralisch motivierend: Wer jetzt umkehrt, tut es nicht nur aus Furcht vor Dunkelheit, sondern aus Ausrichtung auf eine „frohe“ Vollendung.

Vers 47: „Da du mit verklärtem Hertzen“

Beschreibung: In dieser Ewigkeit wirst du mit einem „verklärten“ Herzen sein, also innerlich verwandelt und geläutert.

Analyse: Der Vers wechselt in eine direkte Du-Zusprache und macht die eschatologische Hoffnung personal. „Verklärt“ ist ein theologisches Schlüsselwort: Es deutet Transfiguration, Läuterung, Teilhabe an göttlicher Herrlichkeit an. Bemerkenswert ist, dass die Verklärung nicht zuerst am Leib, sondern am „Herzen“ festgemacht wird: Das Zentrum der Person wird verwandelt. Syntaktisch baut der Vers auf die Vergleichsfigur in Vers 48 zu; die Aussage wird in ein Bild hinein geführt.

Interpretation: Hier wird das Ziel der ganzen Andachtsbewegung präzisiert: nicht bloß moralische Besserung, sondern Verwandlung. Die Verklärung des Herzens ist die Gegenfigur zur „Sünden-Finsterniß“ und zum „Schlaff“ der ersten Strophe. Die Andacht zielt letztlich auf eine innere Qualität, die im Licht bestehen kann. Das Du wird dabei nicht als Zuschauer, sondern als zukünftiger Teilhaber dieses Zustands angesprochen.

Vers 48: „Gleichen wirst den Himmels-Kertzen.“

Beschreibung: Du wirst den „Himmelskerzen“ gleichen, also wie himmlische Lichter sein, ähnlich den Sternen oder Leuchten des Himmels.

Analyse: Die „Himmels-Kertzen“ sind ein anschauliches Bild: Kerzen sind künstliche Lichter, klein, aber dauerhaft leuchtend; im Himmel übertragen, werden sie zu Bildern der Seligen oder der himmlischen Leuchten. Der Vergleich „gleichen wirst“ verleiht der Aussage eine starke Identitätsdimension: Der Mensch wird nicht nur beleuchtet, sondern selbst zum Leuchtenden. Das Bild knüpft an die Sternen- und Lichtmetaphorik des Gedichts an, verwandelt sie jedoch: Was zuvor vergänglich war (Sterne der Nacht), wird hier zur dauerhaften Leuchtgestalt in der Ewigkeit. Klanglich gibt „Kertzen“ (historische Schreibweise) dem Vers eine volkstümlich-konkrete Note und erdet die hohe Eschatologie in ein einfaches, vertrautes Bild.

Interpretation: Der Vers entwirft eine eschatologische Anthropologie: Der Mensch wird in der Vollendung selbst lichtförmig. Das ist mehr als Trost; es ist eine Verheißung der Teilnahme am himmlischen Licht. Gleichzeitig schließt sich ein Motivbogen: In Strophe 2 waren die Sterne „Licht- und Feuer-Blumen“ zum Ruhm des Höchsten; hier wird der Mensch in diesen Lichtraum integriert. Die Andacht zielt also darauf, dass der Mensch nicht nur Gottes Ruhm schaut, sondern in ihm leuchtet.

Ausführliche Gesamtdeutung der Strophe 8

Die achte Strophe ist die große eschatologische Trost- und Zielstrophe im Zentrum des Gedichts. Nach der Bußstrophe 7, in der Tränen als „Perlen-Thränen“ und als Praxis „wahrer Busse“ beschrieben wurden, hebt Strophe 8 den Blick in eine Zukunft, in der Tränen und Dunkelheit endgültig aufgehoben sind. Der Wechsel im Imperativ ist dabei bezeichnend: Nicht mehr „Schau“ oder „Sieh“ (äußere Wahrnehmung), sondern „Dencke“ (innere Imagination) leitet die Bewegung. Die Andacht soll sich nicht nur am Morgenhimmel entzünden, sondern im Denken eine Wirklichkeit vorwegnehmen, die der Gegenwart Kraft gibt.

Inhaltlich wird ein absoluter Gegenraum entworfen: eine Existenz „ohn alles Weinen“, „ohne Nacht und Tunckelheit“. Damit wird die Grundmetaphorik des Gedichts – Licht gegen Finsternis – nicht mehr als täglicher Wechsel verstanden, sondern als endgültige Vollendung. Die Sonne erscheint hier als „Lebens Sonne“: Das Naturphänomen wird zu einer Heilsmetapher, die Leben nicht nur beleuchtet, sondern hervorbringt. Die „frohe Ewigkeit“ bestimmt diesen Zustand affektiv: Ewigkeit ist nicht bloß Dauer, sondern Freude, also erfülltes Leben.

Der zweite Teil der Strophe personalisiert die Hoffnung. Das „Du“ wird direkt in Aussicht genommen: Mit „verklärtem Hertzen“ wirst du den „Himmels-Kertzen“ gleichen. Das ist eine starke Verwandlungsaussage: Die Andacht zielt nicht nur darauf, dass der Mensch im Licht steht, sondern dass er selbst lichtförmig wird. Die Strophe verknüpft damit Buße und Verklärung: Tränen gehören zur Zeit; das Ziel ist ein Zustand, in dem Tränen nicht mehr nötig sind, weil die innere Ursache – Sünde, Dunkelheit, Entfremdung – aufgehoben ist. Gleichzeitig schließt sich ein Motivkreis: Der Himmel war zuvor voller Lichter, die in der Nacht „erblassen“; in der Ewigkeit jedoch wird der Mensch selbst zum Licht in einem Raum, in dem nichts mehr erblasst. So wirkt Strophe 8 wie eine theologisch-poetische Zielprojektion, die das gesamte Gedichtmotiv stabilisiert: Der Weg durch Umkehr und Todesschatten hat ein Ziel, das nicht nur negativ (keine Nacht), sondern positiv (Lebenssonne, Freude, Verklärung) bestimmt ist.

Strophe 9

Vers 49: „Auff! und schwinge dich bey Zeiten“

Beschreibung: Der Sprecher ruft energisch zum Aufbruch auf: Man soll aufstehen und sich rechtzeitig „aufschwingen“.

Analyse: Der Ausruf „Auff!“ ist stärker als die früheren Imperative („Schau“, „Sieh“): Er ist ein Weckruf mit Stoßkraft. „Schwinge dich“ bringt eine dynamische, körpernahe Bewegung ins Gedicht; die Andacht wird nun als Akt der Erhebung imaginiert. „Bey Zeiten“ ist ein moralisch-pragmatischer Zusatz: nicht irgendwann, sondern rechtzeitig, bevor es zu spät ist. Damit setzt der Vers eine Dringlichkeitsrhetorik, die die eschatologische Perspektive aus Strophe 8 in praktische Gegenwartsforderung übersetzt.

Interpretation: Der Vers markiert den Übergang von kontemplativer Hoffnung zu aktiver Vorbereitung. Das Aufschwingen ist ein Bild für geistliche Entschlossenheit: Wer die Ewigkeit vor Augen hat, darf nicht passiv bleiben. „Bey Zeiten“ deutet zugleich eine barocke Heilsökonomie an: Der Mensch lebt in einer Frist; Gelegenheit und Gnadenzeit sind nicht grenzenlos. Andacht wird zur Handlung unter Zeitdruck.

Vers 50: „Gleich den Vogeln Himmel an/“

Beschreibung: Man soll wie die Vögel zum Himmel hin aufsteigen.

Analyse: Der Vergleich „gleich den Vogeln“ führt ein neues, sehr anschauliches Naturbild ein. Vögel sind Inbegriff müheloser Vertikalität: Sie überwinden Erdenschwere und steigen in die Höhe. Das Objekt „Himmel“ wird durch „an“ als Zielrichtung markiert: nicht nur „in den Himmel“, sondern „den Himmel an“, also das Oben als bewusstes Ziel. Der Schrägstrich setzt eine Zäsur, die das Bild stehen lässt, bevor die Zweckbestimmung in Vers 51–52 folgt.

Interpretation: Der Vogelvergleich übersetzt die eschatologische Hoffnung in eine Anthropologie des Aufstiegs: Der Mensch soll sich nicht im Irdischen einrichten, sondern seine Existenz nach oben orientieren. Zugleich ist der Vogel ein Bild für Wachheit und instinktive Zielstrebigkeit. In der Logik des Gedichts wird das „Fliegen“ zur Chiffre eines Lebens, das sich von Eitelkeit, Trägheit und Weltbindung löst.

Vers 51: „Eine Stelle zu bereiten/“

Beschreibung: Der Zweck des Aufschwingens wird genannt: Man soll sich einen Ort, eine „Stelle“, vorbereiten.

Analyse: „Bereiten“ ist ein Schlüsselverb: Es bezeichnet aktive Vorbereitung, Vorsorge, Arrangement. Der Ausdruck „eine Stelle“ ist bewusst unspezifisch und dadurch dehnbar: Es kann eine Wohnstätte, ein Platz, ein Stand vor Gott sein. Syntaktisch führt der Vers in die Relativbestimmung in Vers 52 hinein: Welche Stelle ist gemeint? Rhythmisch wirkt „zu bereiten“ wie eine praktische Aufgabe, die das Bild des Vogelflugs erdet.

Interpretation: Der Text betont hier ein barockes Motiv der Heilsvorsorge: Die Ewigkeit ist nicht nur zu erwarten, sondern vorzubereiten. Damit wird der Fokus auf Lebensführung gelenkt: Der Mensch soll jetzt so leben, dass er einen Ort des Bleibens gewinnt. „Stelle“ klingt zugleich demütig: nicht Anspruch auf Palast, sondern ein Platz, der genügt, solange er sicher ist.

Vers 52: „Die dich ewig bergen kan:“

Beschreibung: Diese Stelle soll dich ewig bergen können, also dauerhaft schützen, aufnehmen und bewahren.

Analyse: „Ewig“ ist das entscheidende Attribut und knüpft an Strophe 8 an. Das Verb „bergen“ hat eine dichte Bedeutung: es umfasst Schutz, Geborgenheit, Verhüllung und Verwahrung. Der Relativsatz macht deutlich, dass das Ziel nicht nur Höhe, sondern Sicherheit ist. Der Doppelpunkt am Ende markiert erneut eine Schwelle: Die Strophe wird gleich die Qualität dieses Ortes weiter ausmalen (Ruhe, Standfestigkeit trotz Weltuntergang).

Interpretation: Der Vers entwirft eine soteriologische Sicherheit: Der Mensch sucht nicht nur Erleuchtung, sondern Geborgenheit im Ewigen. Damit wird das Grundbedürfnis nach Halt in einer vergänglichen Welt theologisch beantwortet. „Bergen“ ist zugleich ein Gegenwort zu „untergehen“ (Vers 54): Was die Welt nicht kann, soll diese Stelle leisten – bleibenden Schutz.

Vers 53: „Da du kanst in Ruhe stehen/“

Beschreibung: Dort wirst du in Ruhe stehen können, also fest und gelassen bleiben.

Analyse: „In Ruhe stehen“ verbindet zwei Momente: Standfestigkeit („stehen“) und inneren Frieden („Ruhe“). Das Verb „kannst“ hebt die Möglichkeit hervor, die als Verheißung wirkt: In der Welt ist Stand in Ruhe oft nicht möglich, weil Unruhe und Wandel dominieren. Syntaktisch setzt „Da“ (dort) den Ort als Bedingung: Ruhe ist ortgebunden, nämlich in der vorbereiteten Stelle.

Interpretation: Der Vers beschreibt das Ziel der Andacht als innere Stabilität. Nach den Bewegungsbildern (aufschwingen, fliegen, bereiten) erscheint Ruhe als Endzustand. Es ist eine barocke Pointe: Der Mensch muss sich bewegen, um zur Ruhe zu gelangen. Die Ruhe ist nicht Schlafträgheit (die zuvor negativ war), sondern ein Zustand des gesicherten, wachen Friedens.

Vers 54: „Wenn die Welt muß untergehen.“

Beschreibung: Diese Ruhe gilt sogar dann, wenn die Welt untergehen muss, also beim Weltende.

Analyse: Der Vers setzt eine maximale Kontrastfolie: „Welt“ versus „untergehen“. Wieder steht „muß“ für Notwendigkeit: Der Untergang ist nicht hypothetisch, sondern gehört zur eschatologischen Ordnung. Der Satz konstruiert eine Extrembedingung („wenn“): Selbst im äußersten Umbruch bleibt der Ort der Geborgenheit gültig. Rhetorisch ist das eine apokalyptische Steigerung, die den Ernst der Vorbereitung aus Vers 49 („bey Zeiten“) nachträglich legitimiert.

Interpretation: Der Weltuntergang fungiert als endgültiger Test aller Sicherheiten. Der Text behauptet: Nur was ewig birgt, trägt auch dann. Damit wird das Vanitas-Motiv auf die Spitze getrieben: Nicht nur einzelne Güter vergehen, die ganze Welt vergeht. Gerade deshalb ist die Bewegung nach oben und nach innen (Vorbereitung eines ewigen Ortes) rational und notwendig. Der Vers verknüpft die Andacht unmittelbar mit Endzeithoffnung: Wer sich auf das Ewige ausrichtet, kann gelassen bleiben, wo alles Irdische stürzt.

Ausführliche Gesamtdeutung der Strophe 9

Die neunte Strophe übersetzt die eschatologische Zielvision der achten Strophe in eine dringliche Handlungsanweisung. Wo zuvor „Dencke“ die Vorstellung der ewigen Lichtwelt eröffnete, ruft nun ein scharfes „Auff!“ zur Entscheidung im Jetzt. Der Text zieht die Konsequenz: Wer eine Ewigkeit ohne Nacht und Weinen vor Augen hat, muss sich „bey Zeiten“ aus der Erdenschwere lösen. Dabei ist „schwinge dich“ ein Schlüsselbild: Andacht wird nicht als Stillstand, sondern als Aufstieg und Selbsttranszendenz gestaltet.

Der Vogelvergleich verleiht dieser Bewegung Anschaulichkeit und eine gewisse Selbstverständlichkeit: Wie Vögel den Himmel anfliegen, so soll der Mensch den Himmel als Ziel seines Lebens nehmen. Doch die Strophe bleibt nicht im Bildrausch. Mit „eine Stelle zu bereiten“ erdet sie die Bewegung in einen nüchtern-praktischen Begriff der Vorsorge. Es geht um einen Ort, der „ewig bergen“ kann, also um eine Heilsgewissheit, die nicht durch wechselnde Zeiten zerstört wird. Die Strophe verbindet damit Dynamik und Sicherheit: Bewegung ist notwendig, um Geborgenheit zu gewinnen.

Der Schluss der Strophe setzt den stärksten denkbaren Kontrast: Ruhe ist möglich, wenn die Welt untergeht. Damit wird eine barocke Anthropologie sichtbar, die die Instabilität des Irdischen bis zum Äußersten denkt. Alles Weltliche ist dem Untergang unterworfen; darum kann Ruhe nicht aus Weltbesitz kommen, sondern nur aus dem Ort, der ewig birgt. Die Strophe wirkt so wie ein seelsorgerlicher Weckruf im Zeichen der Apokalypse: Nicht Panik, sondern Vorbereitung ist die angemessene Antwort. Und diese Vorbereitung zielt auf einen Zustand, der paradox formuliert ist: ein ruhiger Stand im Moment des größten Umsturzes. Damit schließt Strophe 9 den Bogen von Vanitas (Vergänglichkeit) zur Heilsbewegung (Ewigkeit) in einer klaren Praxisformel zusammen.

Strophe 10

Vers 55: „Ubersteig die Sternen-Bühne/“

Beschreibung: Der Sprecher fordert dazu auf, die „Sternen-Bühne“ zu übersteigen, also über die Sphäre der Sterne hinauszugehen.

Analyse: Der Imperativ „Ubersteig“ intensiviert die Aufstiegsrhetorik aus Strophe 9 („schwinge dich“). „Sternen-Bühne“ ist ein dichtes Kompositum: Der Himmel wird als Bühne vorgestellt, als Schauplatz eines kosmischen Schauspiels. Damit klingt barockes theatrum mundi an; zugleich wird die Sternensphäre als etwas bezeichnet, das zwar erhaben ist, aber nicht das Letzte. „Übersteigen“ setzt eine klare Hierarchie: Sterne sind hoch, doch es gibt ein Darüber. Rhetorisch ist der Vers ein erneuter Antrieb: Die Bewegung darf nicht bei der Schönheit der Schöpfung stehen bleiben.

Interpretation: Spirituell bedeutet das Übersteigen: Der Mensch soll nicht am Zeichen hängen bleiben, sondern zum Bezeichneten vorstoßen. Selbst das Sternenwunder, das in Strophe 2 zum Ruhm des Höchsten gefeiert wurde, bleibt Teil der geschaffenen Bühne. Das Ziel liegt jenseits der Bühne, bei Gott selbst. Der Vers formuliert damit eine radikale Transzendenzbewegung: Nicht nur Welt, auch Kosmos muss überschritten werden.

Vers 56: „Suche dir ein heller Licht/“

Beschreibung: Man soll sich ein helleres Licht suchen, also ein Licht, das stärker und reiner ist als die Sterne.

Analyse: „Suche“ greift das Suchmotiv aus Strophe 3 („Mühe dich das Licht zu finden“) auf und verdichtet es jetzt in eine personalisierte Aufforderung: „dir“. „Ein heller Licht“ (grammatisch historisch: „ein helles Licht“) unterstreicht das Steigerungsprinzip: heller als Sternenlicht, heller als alles zuvor Gesehene. Der Vers ist kurz und direkt; er wirkt wie eine Leitmaxime, die die gesamte Bildbewegung bündelt: von entlehntem Glanz zum wahren Licht.

Interpretation: Das „hellere Licht“ ist das Licht der Erlösung, letztlich Christus selbst. Der Vers macht deutlich, dass die Transzendenzbewegung nicht in Abstraktion mündet, sondern in ein konkretes Ziel: Licht als Person und Heil. Zugleich liegt im „dir“ eine seelsorgerliche Individualisierung: Es geht nicht um allgemeine Wahrheit, sondern um ein existentiell angeeignetes Licht, das den Einzelnen trägt.

Vers 57: „Wünsch/ ach/ daß der Tag erschiene/“

Beschreibung: Der Sprecher fordert zum Wünschen auf und setzt einen Seufzer hinzu: Man soll wünschen, dass der Tag erscheint.

Analyse: „Wünsch“ ist ein Imperativ des Begehrens, nicht des Handelns. Damit wird die Bewegung von Aktivität (übersteigen, suchen) in ein sehnsüchtiges Hoffen überführt. Das eingeschobene „ach“ steigert den Affekt und markiert die Intensität der Erwartung. Der „Tag“ ist nun nicht mehr der gewöhnliche Morgen, sondern ein eschatologisch aufgeladener Tag, was der nächste Vers sofort zeigt. Syntax und Interpunktion treiben die Zeile vorwärts: Wunsch → Erscheinung.

Interpretation: Das Gedicht erreicht hier den Punkt, an dem die Andacht in Endzeitsehnsucht umschlägt. Der Wunsch nach dem Tag ist Wunsch nach endgültiger Klärung, nach Vollendung, nach dem Durchbruch des höchsten Lichts. Der Seufzer signalisiert: Diese Sehnsucht ist nicht kalkuliert, sondern existentiell. Der Mensch will nicht mehr nur „besser werden“, sondern er will, dass das Letzte anbricht.

Vers 58: „Der die Welt in Stücke bricht/“

Beschreibung: Dieser ersehnte Tag wird so beschrieben: Er bricht die Welt in Stücke, zerstört also die bestehende Weltordnung.

Analyse: Das Bild ist drastisch und apokalyptisch. „In Stücke bricht“ ist eine Gewaltmetapher, die Zerschlagung und Zerfall ausdrückt. Damit wird die Ambivalenz des „Tags“ sichtbar: Er ist nicht nur Licht, sondern Gericht und Umsturz. Der Vers knüpft an Strophe 9 („Wenn die Welt muß untergehen“) an, steigert aber die Visualität: Untergehen wird als Zerstörung dargestellt. Rhetorisch erzeugt dies einen Schockmoment, der die Ernsthaftigkeit der Sehnsucht prüft: Der Tag der Vollendung ist nicht harmlos.

Interpretation: Theologisch ist das der Tag des Herrn, der Tag des Gerichts und der Neuschöpfung. Der Text zeigt: Das Heil kommt nicht als bloße Ergänzung der Welt, sondern als radikale Transformation, die die alte Ordnung zerbricht. Der Wunsch nach diesem Tag ist daher ein radikaler Verzicht auf Weltbindung: Wer die Welt noch als letzte Heimat liebt, kann diesen Tag nicht wünschen. Der Vers ist somit die schärfste Vanitas-Zuspitzung des Gedichts.

Vers 59: „Daß mein Licht/ mein Jesus käme/“

Beschreibung: Der Sprecher nennt den eigentlichen Inhalt des Wunsches: Sein Licht, sein Jesus, möge kommen.

Analyse: Hier erfolgt die entscheidende christologische Explikation der gesamten Lichtmetaphorik. „Mein Licht“ wird sofort appositiv erklärt: „mein Jesus“. Der Schrägstrich trennt die beiden Anrufungen und verstärkt die Emphase; die doppelte Possessivform („mein … mein …“) intensiviert die personale Bindung. Der Konjunktivwunsch („käme“) zeigt, dass es um eine erwartete Ankunft geht: Parusie-Dimension. Der Vers ist zugleich theologisch und psychologisch der Kulminationspunkt: Das Licht ist nicht nur Prinzip, sondern Person.

Interpretation: Der Vers bündelt das Gedicht auf seinen Kern: Die Morgenandacht ist letztlich Ausrichtung auf Christus als das unvergängliche Licht. „Mein“ markiert Aneignung und Beziehung: Das Ich will nicht nur „die Wahrheit“, sondern den Erlöser. Damit wird auch die Endzeitsehnsucht in Vers 57–58 neu gerahmt: Der Tag wird nicht um der Zerstörung willen gewünscht, sondern weil er das Kommen Christi bringt. Zerstörung ist Mittel, nicht Zweck: Sie räumt der endgültigen Gegenwart des Lichts den Platz frei.

Vers 60: „Und mich ewig zu sich nehme!“

Beschreibung: Der Wunsch schließt: Christus möge den Sprecher ewig zu sich nehmen, also aufnehmen und bei sich behalten.

Analyse: „Und“ bindet den letzten Vers eng an Vers 59: Kommen Christi und Aufnahme des Menschen gehören zusammen. „Ewig“ ist erneut das Zielwort; es beendet das Gedicht in der Dauerperspektive. „Zu sich nehmen“ ist eine intime Formulierung: Sie bedeutet Aufnahme, Heimholen, endgültige Zugehörigkeit. Das Ausrufezeichen macht den Vers zu einem finalen Gebetsruf. Rhythmisch und semantisch ist dies die letzte Pointe: Die ganze Bild- und Bewegungsrhetorik endet in einem einfachen, personalen Heilswunsch.

Interpretation: Der Schlusssatz formuliert das eigentliche Heilsbegehren: nicht nur Lichtschau, sondern Gemeinschaft. Der Mensch will nicht nur gerettet werden, sondern er will „bei ihm“ sein. Damit schließt sich die innere Bewegung des Gedichts: vom Wecken des Herzens (Strophe 1) über Buße und Hoffnung bis zur endgültigen Aufnahme. Die Endzeit wird nicht als Katastrophenspektakel, sondern als Vollendung der Beziehung zu Christus verstanden.

Ausführliche Gesamtdeutung der Strophe 10

Die zehnte Strophe ist die konsequente Kulmination der gesamten „Morgen-Andacht“. Sie nimmt die Aufstiegsbewegung der neunten Strophe auf und radikalisiert sie: Nicht nur wie ein Vogel zum Himmel aufschwingen, sondern die „Sternen-Bühne“ selbst übersteigen. Der Kosmos, der zuvor als „Wunder-Bau“ und als Sternen-Au zum Ruhm des Höchsten erschien, wird nun ausdrücklich als Bühne markiert: als großartige, aber doch geschaffene Szenerie, die letztlich überschritten werden muss. Diese Wendung ist ästhetisch und theologisch zugleich: Das Gedicht löst sich von der Schönheit der Zeichen, um zum Bezeichneten zu gelangen.

In Vers 56 wird dieses Ziel als „heller Licht“ erneut formuliert und damit die Grundspannung des Gedichts zusammengezogen: Alles entlehnte Leuchten soll hinter sich gelassen werden zugunsten des wahren, stärkeren Lichts. Doch der entscheidende Schritt folgt in den Versen 57–58, wo das Begehren in Endzeitsehnsucht übergeht: Der Sprecher wünscht den Tag, der die Welt in Stücke bricht. Hier zeigt der Text die Radikalität seiner Transzendenz: Vollendung ist nicht kompatibel mit einer Welt, die als letzte Heimat festgehalten wird. Der ersehnte Tag ist Gericht und Umsturz, weil er die alte Ordnung auflöst, in der Eitelkeit, Sünde und Vergänglichkeit ihren Raum haben.

Gerade in dieser Drastik wird der eigentliche Sinn des Wunsches sichtbar: Nicht Zerstörung wird begehrt, sondern die Ankunft des Erlösers. Mit Vers 59 expliziert das Gedicht endgültig, was es die ganze Zeit symbolisch vorbereitet hat: Das Licht ist Christus. „Mein Licht, mein Jesus“ ist die christologische Auflösung der gesamten Lichtmetaphorik und zugleich ein Akt der Aneignung. Damit wird die Endzeit nicht als abstraktes Ereignis gedacht, sondern als personale Begegnung: Christus kommt, und der Mensch will von ihm „ewig zu sich“ genommen werden.

Die Strophe endet daher nicht mit kosmischem Pathos, sondern mit einer intimen Heilsbitte. Diese Schlusspointe ist poetologisch bedeutsam: Die großen Bilder (Bühne, Tag, Weltbruch) dienen dazu, die Sehnsucht nach Gemeinschaft zu steigern. Theologisch lässt sich die Strophe als Parusie-Gebet lesen; anthropologisch als endgültige Umlenkung des Begehrens; poetisch als Vollendung der emblematischen Bewegung vom sichtbaren Morgen zum unsichtbaren ewigen Licht. Der letzte Vers fasst die gesamte Andacht in ein einziges Ziel: ewige Zugehörigkeit zu Christus. Damit ist der Weg vom äußeren Tagesanbruch zur inneren und schließlich eschatologischen Vollendung geschlossen.

IV. Deutung und Gesamtschau

1. Grundthese

Die Grundthese lautet, dass Abschatz in der Morgen-Andacht den natürlichen Sonnenaufgang als emblematische Heilsdramaturgie liest: Das Vergehen des nächtlichen Glanzes (Mond, Sterne, Nacht) wird zum Zeichen dafür, dass im Menschen die Sündenfinsternis und der geistliche Schlaf weichen sollen, während die Sonne als Bild des wahren, unvergänglichen Lichts die Bewegung der Umkehr trägt und am Ende christologisch explizit in „mein Licht, mein Jesus“ einmündet. Diese Deutung ist nicht bloße Allegorie, sondern eine praktische Andachtsführung, die Wahrnehmung, Affekt und Willen so ordnet, dass aus Betrachtung Gebet, aus Gebet Buße und aus Buße eschatologische Hoffnung wird.

Zugleich ist das Gedicht von Anfang an typologisch gespannt: Der tägliche Übergang von Nacht zu Tag dient als Modell für den existentiellen Übergang durch den „Todes Schatten“ zur Ewigkeit. Der Morgen ist damit nicht nur Tagesbeginn, sondern Vorbild eines letzten Anbruchs, in dem alles „Entlehnte“ erlischt und das Bleibende endgültig erscheint.

2. Verzahnung der Ebenen

Die Ebenen greifen nach einem wiederkehrenden Verfahren ineinander, das man als Beschreibung → Analogieschluss → Imperativ → Verheißung/Bitte beschreiben kann. Zunächst wird das Kosmische mit architektonischer und gärtnerischer Metaphorik entfaltet („Himmels-Bogen“, „Wunder-Bau“, „Sternen-Au“, „Licht- und Feuer-Blume“). Diese Pracht wird sofort als zeitlich gebunden markiert („erblassen“, „entlehnter Glantz“), und genau aus dieser Zeitlichkeit folgt der moralische Schluss: Der Mensch soll Ehre, Wollust und Gewinn verlassen und das Licht suchen, das nicht schwindet. In Strophe 4 wird dieser Strang maximal vertieft, weil der Zwischenzustand „ohn alle Lichter“ nicht nur meteorologisch, sondern existentiell als Durchgang „durch des Todes Schatten“ gedeutet wird.

Ein zweiter Strang ist die Affekt- und Praxisachse. Der Text bleibt nicht bei Einsicht, sondern will Vollzug erzeugen: Imperative („Auff“, „Schau“, „Sieh“, „Dencke“, „Suche“, „Wünsch“, „Ubersteig“) treiben die innere Bewegung stufenweise voran. Dabei wird Buße nicht als sterile Selbstkränkung präsentiert, sondern als belebender Prozess: Der Tau („Perlen-Thränen“) erquickt Laub und Gras, und analog dazu wird wahre Buße als Nässe der „Wangen Auen“ imaginiert, die Gnade sichtbar werden lässt und „Himmel-Schlüssel“ bezeugt. Die Sprache erzeugt damit eine kontrollierte Dramaturgie: von ruhiger Kontemplation über Dringlichkeit bis zur sehnsüchtigen Parusie-Bitte am Schluss.

Ein dritter Strang ist die poetologische Selbstreflexion, die besonders in der Formulierung kulminiert, die Wunder der Schöpfung sollten „der todten Andacht Zunder“ sein. Hier zeigt das Gedicht, dass es sich selbst als Instrument versteht, das eine möglicherweise erstarrte Frömmigkeit entzündet. Naturbild und Sprachbild werden funktional: Schönheit dient der Erweckung, und die Ordnung des Kosmos dient als Maßstab, an dem das Herz neu ausgerichtet wird.

3. Anthropologische oder poetologische Schlussaussage

Anthropologisch entwirft der Text den Menschen als wandelbares Schwellenwesen: Er ist anfällig für Schlaf, Trägheit und Eitelkeit, er hängt an Anerkennung, Lust und Gewinn, und er kann das Eigentliche nur gewinnen, wenn er sich innerlich löst und den Durchgang durch Verlust, Dunkelheit und letztlich den Todesschatten nicht verdrängt, sondern als Ordnung des Heilsweges annimmt. Das Ziel ist nicht bloße moralische Korrektur, sondern Verklärung: Der Mensch soll in der „frohen Ewigkeit“ mit „verklärtem Hertzen“ selbst lichtförmig werden („Himmels-Kertzen“).

Poetologisch lässt sich die Schlussaussage so fassen, dass Sprache in diesem Gedicht nicht primär abbildet, sondern vollzieht. Sie ist eine Form geistlicher Praxis, die den Leser in eine Bewegung hineinzieht: Wahrnehmung wird Deutung, Deutung wird Imperativ, Imperativ wird Buße, Buße wird Gnadenerwartung, und die Gnadenerwartung konkretisiert sich christologisch als Sehnsucht nach der Ankunft Jesu und nach der endgültigen Aufnahme „zu sich“. In dieser Perspektive ist Dichtung eine geordnete Affekt- und Erkenntniskunst, die das Herz zur Ewigkeit hin „aufspannt“ und zugleich die Welt als Zeichenbühne Gottes lesbar macht.

V. Editorische Angaben

Erstdruck: Postum in der Sammlung Poetische Übersetzungen und Gedichte, erschienen 1704 in Leipzig bei Bauch. :contentReference[oaicite:0]{index=0}

Zyklus / Sammlung (Werkzusammenhang): Das Gedicht steht innerhalb des geistlichen Komplexes, der in Überlieferung und Rezeption als Himmelschlüssel oder Geistliche Gedichte geführt wird. :contentReference[oaicite:1]{index=1}

Herausgabe-/Überlieferungshinweis: Die 1704 publizierte Sammlung wurde von Christian Gryphius aus dem Nachlass zusammengetragen und mit einem umfangreichen Vorwort kontextualisiert; Abschatz selbst starb 1699. :contentReference[oaicite:2]{index=2}

Moderne Editionen / Nachdrucke: In der digitalen Textüberlieferung wird häufig auf einen Faksimile- bzw. Nachdruckkontext der 1704er Gesamtausgabe verwiesen; außerdem ist das Gedicht in späteren editorischen Zusammenstellungen der Poetischen Übersetzungen und Gedichte nachgewiesen (mit Seitenangaben in neueren Ausgaben). :contentReference[oaicite:3]{index=3}

Editorische Praxis für wilgoe.de (empfohlene Notiz): Bei einer Online-Wiedergabe bietet es sich an, die historische Orthographie (z. B. „Auff“, „Thränen“, „Tunckelheit“, „Kertzen“) grundsätzlich beizubehalten und Eingriffe ausschließlich transparent zu markieren, etwa bei offensichtlichen Druckfehlern oder bei einer optionalen Normalisierung von u/v- und i/j-Schreibungen. Falls normalisiert wird, sollte eine kurze Notiz angeben, welche Normalisierungen vorgenommen wurden und welche Interpunktion beibehalten wurde, damit die barocke Rhythmik und die Strophenlogik nachvollziehbar bleiben.

VI. Gedichttext

Morgen-Andacht

Der beglänzte Mond erbleichet 1
Von der nahen Sonne Pracht/ 2
Aller Sternen Heer entweichet 3
Mit der hingelegten Nacht: 4
Auff mein Hertz/ und laß der Sünden 5
Finsterniß und Schlaff dahinden. 6

Den gewölbten Himmels-Bogen/ 7
Den Saffirnen Wunder-Bau/ 8
Hielt die dunckle Nacht umzogen/ 9
Die geraume Sternen-Au 10
Hegte zu des Höchsten Ruhme 11
Manche Licht- und Feuer-Blume. 12

Ihre Zier muß nun erblassen/ 13
Ihr entlehnter Glantz stirbt hin; 14
So muß auch der Mensch verlassen 15
Ehre/ Wollust und Gewinn: 16
Mühe dich das Licht zu finden/ 17
Das zu keiner Zeit kan schwinden. 18

Muß die Welt die Sternen missen/ 19
Und ohn alle Lichter stehn/ 20
Eh sie kan die Sonne grüssen/ 21
Also pflegt es uns zu gehn/ 22
Daß wir durch des Todes Schatten 23
Erst zur Ewigkeit gerathen. 24

Folgt der schnöden Eitelkeiten 25
Wandelbarer Mond der Nacht/ 26
Weist sich doch zur andern Seiten 27
Des verjüngten Tages Pracht; 28
Ach/ daß diese Morgen-Röthe 29
Deiner Sünden-Nacht ertödte! 30

Schau das Gold der Sonne gläntzen 31
Und am Himmel steigen auff/ 32
Da es in gewissen Gräntzen 33
Muß vollführen seinen Lauff; 34
Laß die Menge solcher Wunder 35
Seyn der todten Andacht Zunder. 36

Sieh/ die Perlen-Thränen thauen/ 37
Zu erquicken Laub und Graß/ 38
Wo du deiner Wangen Auen 39
Machst in wahrer Busse naß/ 40
Wird sich Gottes Gnad eräugen/ 41
Himmel-Schlüssel bey dir zeugen. 42

Dencke/ wie ohn alles Weinen/ 43
Ohne Nacht und Tunckelheit/ 44
Wird die Lebens Sonne scheinen 45
In der frohen Ewigkeit/ 46
Da du mit verklärtem Hertzen 47
Gleichen wirst den Himmels-Kertzen. 48

Auff! und schwinge dich bey Zeiten 49
Gleich den Vogeln Himmel an/ 50
Eine Stelle zu bereiten/ 51
Die dich ewig bergen kan: 52
Da du kanst in Ruhe stehen/ 53
Wenn die Welt muß untergehen. 54

Ubersteig die Sternen-Bühne/ 55
Suche dir ein heller Licht/ 56
Wünsch/ ach/ daß der Tag erschiene/ 57
Der die Welt in Stücke bricht/ 58
Daß mein Licht/ mein Jesus käme/ 59
Und mich ewig zu sich nehme! 60