Andrea Amati (II)
Überblick
Andrea Amati (II) ist eine quellenkundlich schwierige Gestalt der Amati-Familie. Er ist Ende des 16. Jahrhunderts bis 1611 in Cremona nachweisbar und wird ausdrücklich als Maestro liutaro, also als Meister des Lauten- beziehungsweise Saiteninstrumentenbaus, bezeichnet. Damit gehört er in das berufliche Umfeld des Cremoneser Geigenbaus, muss aber streng von Andrea Amati (I), dem berühmten Begründer der Amati-Dynastie, unterschieden werden.
Die gesicherten Nachrichten sind äußerst knapp. Andrea Amati (II) erscheint in archivalischen Zusammenhängen, die sich vor allem auf seine Familie beziehen: 1610 wurde seine Tochter Claudia geboren und getauft, starb jedoch bereits wenige Wochen später; 1611 starb seine erst 19-jährige Frau Angiola de Miglio. Diese wenigen Belege zeigen seine Existenz, seinen Cremoneser Lebensmittelpunkt und seine berufliche Bezeichnung, erlauben aber keine sichere Rekonstruktion eines eigenen erhaltenen Werkes.
Gerade diese Knappheit macht den Eintrag wichtig. Andrea Amati (II) steht exemplarisch für jene Randfiguren großer Werkstattfamilien, die in Archiven sichtbar werden, in der erhaltenen Instrumentenüberlieferung aber kaum oder gar nicht eindeutig zu greifen sind. Sein Name berührt Fragen von Werkstatttradition, Instrumentenzettel, Familienmarke, Zuschreibung und archivalischer Forschung.
Kurzdaten
| Name | Andrea Amati (II). |
|---|---|
| Weitere Namensformen | Andrea Amati II, Andrea II Amati, Amati, Andrea II, Andrea Amati der Jüngere, Andreas Amati. |
| Lebenszeit | Geburts- und Todesdaten unbekannt; archivalisch Ende des 16. Jahrhunderts bis 1611 in Cremona belegt. |
| Wirkungsort | Cremona. |
| Beruf | Maestro liutaro, Lautenmacher, Instrumentenmacher und vermutlich Geigenbauer im weiteren Umfeld der Cremoneser Amati-Tradition. |
| Familienstand | Verheiratet mit Angiola de Miglio, die am 10. April 1611 im Alter von 19 Jahren starb. |
| Kind | Claudia Amati, geboren am 4. Mai 1610, getauft am 6. Mai 1610 und gestorben am 2. Juni 1610. |
| Sicherer archivalischer Kern | Mehrere Dokumente von 1610 und 1611 belegen eine zweite Person namens Andrea Amati, die als Lauten- beziehungsweise Instrumentenmacher einzuordnen ist. |
| Genealogische Stellung | Nicht sicher geklärt; vermutlich Angehöriger oder naher Verwandter des Cremoneser Amati-Umfelds, aber nicht identisch mit Andrea Amati (I). |
| Erhaltene Instrumente | Keine sicher identifizierten oder allgemein anerkannten eigenhändigen Instrumente bekannt. |
| Hauptbedeutung | Quellenkundlich wichtiger Hinweis auf eine weitere handwerklich tätige Amati-Person in Cremona um 1600; bedeutsam für die Abgrenzung der Amati-Linien und die Vorsicht bei Werkstatt- und Etikettenzuschreibungen. |
| Dateiname | amati-andrea-ii.shtml |
Quellenlage, Namensproblem und sichere Belege
Die Quellenlage zu Andrea Amati (II) ist besonders schmal. Anders als bei Andrea Amati (I), Antonio Amati, Girolamo Amati (I), Nicolò Amati oder Girolamo Amati (II) existiert keine breite Instrumentenüberlieferung, keine gefestigte Meisterbiographie und kein klarer Werkstattkorpus. Der Eintrag beruht auf wenigen archivalischen Hinweisen, die einen zweiten Andrea Amati belegen.
Die wichtigsten Nachrichten betreffen das Jahr 1610 und das Jahr 1611. Am 6. Mai 1610 wurde die Tochter dieses Andrea Amati getauft; sie war am 4. Mai geboren worden und erhielt den Namen Claudia. Bereits am 2. Juni 1610 wurde ihr Tod registriert. Am 10. April 1611 starb Angiola de Miglio, die 19-jährige Frau Andrea Amatis (II). Diese persönlichen Dokumente sind tragisch, aber für die Musik- und Instrumentengeschichte bedeutsam, weil sie einen zweiten Andrea Amati in Cremona fassbar machen.
Zusätzlich ist die Berufsbezeichnung entscheidend. Andrea Amati (II) wird ausdrücklich als Maestro liutaro bezeichnet. Die Formulierung zeigt, dass er nicht nur zufällig denselben Familiennamen trug, sondern in einem handwerklichen Feld stand, das für Cremona und die Amati-Dynastie zentral war. Gleichwohl beweist sie nicht automatisch, dass erhaltene Instrumente ihm sicher zuzuweisen sind.
Biographische Spur
Eine eigentliche Biographie Andrea Amatis (II) lässt sich nicht schreiben. Geburtsjahr, Eltern, Ausbildung, genaue Werkstattzugehörigkeit, Todesdatum und beruflicher Umfang sind unbekannt. Sicher ist nur, dass er Ende des 16. Jahrhunderts bis 1611 in Cremona gelebt und als Meister des Saiteninstrumentenbaus gegolten haben muss.
Seine Ehe mit Angiola de Miglio ist archivalisch sichtbar, ebenso die Geburt und der frühe Tod der Tochter Claudia. Diese kurzen Lebensspuren zeigen einen Mann, der um 1610/1611 in eine Familien- und Stadtstruktur eingebunden war. Dass seine Frau im Alter von nur 19 Jahren starb, deutet auf eine junge Ehe hin; daraus kann aber nicht verlässlich auf sein eigenes Alter geschlossen werden.
Der Zusatz fl., also „floruit“, ist deshalb angemessen. Er bezeichnet keine Lebensdaten, sondern die nachweisbare Wirkungszeit. Für Andrea Amati (II) ist daher die Formulierung „fl. Ende des 16. Jahrhunderts bis 1611 in Cremona“ genauer als jede scheinbar exakte, aber unbelegte Geburts- oder Todesangabe.
Mögliche Stellung innerhalb der Amati-Familie
Die genealogische Stellung Andrea Amatis (II) ist nicht sicher geklärt. Gerade deshalb ist Zurückhaltung notwendig. Es ist plausibel, ihn dem weiteren Amati-Umfeld zuzurechnen, weil Name, Ort und Berufsbezeichnung auffällig zusammenfallen. Es ist aber nicht sicher, ob er ein Sohn, Neffe, Enkel, entfernter Verwandter oder anderweitig mit der bekannten Werkstattlinie verbunden war.
Die bekannte Hauptlinie verläuft von Andrea Amati (I) über Antonio Amati und Girolamo Amati (I) zu Nicolò Amati und später zu Girolamo Amati (II). Andrea Amati (II) steht daneben als archivalisch sichtbare, aber genealogisch nicht sicher einzuordnende Person.
Für die Forschung ist diese Unklarheit produktiv. Sie erinnert daran, dass große Werkstattnamen nicht immer aus einer einzigen, glatt rekonstruierbaren Linie bestehen. Familien konnten Nebenlinien, Schwiegerbeziehungen, Halbgeschwister, entfernte Verwandte, Werkstattangehörige und gleichnamige Personen umfassen. Gerade bei der Amati-Familie ist die Verwechslung von Familienzweigen und Personen ein bekanntes Problem der älteren Forschung.
Die Bezeichnung Maestro liutaro
Die Bezeichnung Maestro liutaro ist für Andrea Amati (II) der wichtigste berufliche Hinweis. Wörtlich meint liutaro zunächst einen Lautenmacher. In der italienischen Frühneuzeit konnte der Begriff jedoch weiter gefasst werden und Instrumentenmacher bezeichnen, die verschiedene Saiteninstrumente herstellten oder in einem handwerklichen Milieu zwischen Lautenbau, Geigenbau und allgemeinem Saiteninstrumentenbau arbeiteten.
Für Cremona um 1600 ist diese begriffliche Weite besonders wichtig. Die moderne strenge Trennung zwischen Lautenmacher, Geigenbauer, Gambenbauer und Cembalobauer entspricht nicht immer den historischen Quellen. Ein liutaro konnte je nach Ort, Zeit und Werkstattpraxis verschiedene Instrumententypen bauen oder reparieren. Deshalb ist Andrea Amati (II) als Meister des Saiteninstrumentenbaus zu verstehen.
Die Berufsbezeichnung allein reicht jedoch nicht, um ihm bestimmte Instrumente zuzuschreiben. Sie zeigt Kompetenz und handwerklichen Status, nicht aber ein konkretes Werkverzeichnis. Für eine Zuschreibung müssten zusätzlich Etiketten, Maße, Werkstattmerkmale, Provenienz, Archivdokumente und materialkundliche Untersuchungen zusammenkommen.
Cremona um 1600
Cremona war um 1600 bereits ein Zentrum des europäischen Streichinstrumentenbaus. Die Werkstatt Andrea Amatis (I) hatte die Grundform der Violinfamilie geprägt. Antonio und Girolamo Amati führten die Produktion nach dem Tod des Vaters fort. Unter den sogenannten Brüder-Amati-Etiketten entstanden zahlreiche Violinen, Violen und Bassinstrumente, deren genaue Handzuweisung bis heute schwierig bleibt.
In dieser Umgebung ist Andrea Amati (II) zu verorten. Er lebte nicht in einer beliebigen Stadt, sondern in einer Stadt, deren Name bereits mit Geigenbauqualität verbunden war. Seine Berufsbezeichnung als Maestro liutaro erhält deshalb besonderes Gewicht. Sie zeigt, dass neben den berühmten Hauptmeistern möglicherweise weitere Amati-Träger oder verwandte Handwerker im selben kulturellen Feld tätig waren.
Die Cremoneser Geigenbauwelt war kein Museum einzelner Genies, sondern ein Geflecht von Werkstätten, Familien, Lehrlingen, Werkzeugen, Formen, Kunden, Kirchen, Höfen, Händlern und Konkurrenten. Andrea Amati (II) gehört zu den Figuren, die dieses Geflecht andeuten, ohne selbst klar als großer Meister hervorzutreten.
Werkstattfrage, Zuschreibung und Instrumentenproblem
Für Andrea Amati (II) sind keine sicher eigenhändigen Instrumente allgemein anerkannt. Dies unterscheidet ihn von Andrea Amati (I), dessen erhaltene Instrumente und höfische Instrumentengruppen zentral für die Geschichte der Violine sind, und von Nicolò Amati, dessen Werkstatt über zahlreiche Instrumente und Etiketten fassbar bleibt.
Die Versuchung, einen archivalisch belegten Maestro liutaro mit anonymen oder problematischen Instrumenten zu verbinden, ist verständlich, aber methodisch gefährlich. Gerade der Name Amati besitzt auf dem historischen Instrumentenmarkt eine enorme Anziehungskraft. Alte Etiketten wurden ersetzt, nachgeahmt, falsch gelesen oder bewusst gefälscht. Auch Werkstattetiketten können Familiennamen enthalten, ohne die Hand einer bestimmten Person eindeutig zu bezeichnen.
Andrea Amati (II) sollte daher nicht als Meister mit konstruiertem Instrumentenkorpus dargestellt werden. Sein „Werkverzeichnis“ muss quellenkritisch als Verzeichnis von Belegen, negativen Zuschreibungen, offenen Fragen und Kontexten verstanden werden. Das ist wissenschaftlich präziser als eine scheinbare Vollständigkeit, die durch unsichere Instrumentennamen erzeugt würde.
Abgrenzung von Andrea Amati (I)
Die wichtigste editorische Regel lautet: Andrea Amati (II) ist nicht Andrea Amati (I). Andrea Amati (I) wurde um 1500–1505 geboren, starb 1577 und gilt als formbildender Begründer der Amati-Werkstatt und der frühen Cremoneser Violinfamilie. Andrea Amati (II) dagegen ist Ende des 16. Jahrhunderts bis 1611 archivalisch belegt und gehört einer späteren, genealogisch nicht sicher eingeordneten Schicht an.
Diese Unterscheidung verhindert mehrere Fehler. Sie verhindert, dass Lebensdaten vermischt werden. Sie verhindert, dass Instrumente Andrea Amatis (I) auf eine spätere Person übertragen werden. Sie verhindert außerdem, dass die Werkstattgeschichte der Brüder Antonio und Girolamo durch eine zusätzliche Andrea-Figur unkritisch erweitert wird.
Für ein Kulturlexikon ist diese Abgrenzung besonders wichtig, weil Leserinnen und Leser bei gleichnamigen Personen leicht eine Identität annehmen. Der Eintrag muss daher nicht nur informieren, sondern auch korrigieren: Andrea Amati (II) ist eine archivalisch belegte Randfigur des Amati-Umfelds, nicht der Gründer der Dynastie.
Ausführlicher Kulturüberblick
Andrea Amati (II) steht an einer Stelle der Musikgeschichte, an der die große Erzählung des Genies durch die nüchterne Arbeit der Archive korrigiert wird. Die Geschichte der Violine wird oft über wenige berühmte Namen erzählt: Andrea Amati (I), Nicolò Amati, Antonio Stradivari, Giuseppe Guarneri del Gesù. Doch die tatsächliche Werkstattwelt Cremonas bestand aus mehr Personen, mehr Verwandtschaften, mehr Nebenlinien und mehr unsicher greifbaren Handwerkern, als diese Hauptlinie erkennen lässt.
Der Nachweis eines zweiten Andrea Amati als Maestro liutaro zeigt, dass der Name Amati in Cremona um 1600 nicht nur ein einzelnes Denkmal bezeichnete. Er gehörte zu einem sozialen und handwerklichen Milieu. Dieses Milieu umfasste Familienmitglieder, möglicherweise entfernte Verwandte, Schüler, Mitarbeiter, Frauen, Kinder, Erben, Notare, Kunden und Werkstattnachbarn. Die archivalischen Spuren einer Tochter und einer jungen Ehefrau machen sichtbar, dass hinter dem berühmten Werkstattnamen konkrete Lebensgeschichten standen.
Die Kulturgeschichte des Geigenbaus ist deshalb nicht nur eine Geschichte der Instrumente. Sie ist auch eine Geschichte von Häusern, Pfarreien, Taufbüchern, Sterberegistern, Mitgiften, Werkstattteilungen und rechtlichen Vereinbarungen. Bei Andrea Amati (II) gibt es gerade keine berühmte Violine, die den Eintrag trägt. Stattdessen tragen drei Dokumente eine ganze Fragestellung: Wer arbeitete im Schatten der bekannten Meister? Wie viele Hände wirkten an einer Werkstatttradition mit? Welche Personen verschwanden aus der sichtbaren Werkgeschichte, obwohl sie als Meister bezeichnet wurden?
Der Begriff Maestro liutaro öffnet dabei den Blick auf die historische Breite des Handwerks. Der Geigenbau entstand nicht isoliert, sondern aus dem weiteren Saiteninstrumentenbau. Lauten, Gamben, Violen, Fideln, Liren, Bassinstrumente und frühe Violinen bildeten ein dichtes Feld verwandter Techniken. Ein Meister dieses Feldes musste Holz, Resonanz, Saitenspannung, Leim, Lack, Wölbung, Reparatur und Proportion praktisch beherrschen.
Cremona um 1600 war ein Ort, an dem diese Fähigkeiten außergewöhnlich produktiv wurden. Die Amati-Werkstatt hatte der Violine eine Form gegeben, die in ganz Europa wirksam wurde. Die Brüder Antonio und Girolamo entwickelten die väterlichen Modelle weiter. Nicolò Amati sollte später nach der Pest von 1630 die Werkstatt zu neuer Höhe führen. Andrea Amati (II) ist innerhalb dieser großen Entwicklung eine kleine, aber aufschlussreiche Spur.
Gerade die Unsicherheit seiner Rolle ist kulturgeschichtlich wertvoll. Sie zwingt dazu, die Grenzen des Wissens sichtbar zu lassen. Nicht jede Person, die in den Quellen erscheint, kann in ein geschlossenes Meisterbild verwandelt werden. Nicht jeder Name auf einem Instrument oder in einem Archiv führt zu einem sicheren Werk. Die wissenschaftliche Redlichkeit besteht hier darin, das Fragment fragmentarisch zu lassen.
Gleichzeitig darf Andrea Amati (II) nicht übergangen werden. Seine Nennung als Maestro liutaro beweist, dass er in der Welt des Musikinstrumentenbaus stand. Er gehört daher in ein Kulturlexikon, das nicht nur kanonische Hauptmeister, sondern auch die Randzonen und Unsicherheiten einer Tradition dokumentiert. Solche Randzonen sind für die historische Genauigkeit oft entscheidender als die wiederholte Feier bekannter Namen.
Wirkung und Forschungsstand
Eine direkte Wirkung Andrea Amatis (II) auf den europäischen Geigenbau lässt sich nicht nachweisen. Es gibt keine gesicherte Schule, keine dokumentierten Schüler, keinen anerkannten Instrumentenkorpus und keine klar identifizierbare stilistische Linie. Seine Wirkung liegt vielmehr in der Forschung selbst: Er macht sichtbar, dass die Amati-Geschichte komplexer ist als eine einfache dynastische Abfolge.
Für Zuschreibungen ist Andrea Amati (II) ein Warnsignal. Der bloße Name „Andrea Amati“ kann in Quellen, Datenbanken oder älteren Katalogen unterschiedliche Personen betreffen. Wer historische Instrumente beurteilt, muss daher Datierung, Etikett, Schrift, Provenienz, Bauweise und Familiengeschichte genau prüfen. Ein Andrea-Amati-Name um 1610 gehört nicht automatisch zum 1577 verstorbenen Begründer der Werkstatt.
Der Forschungsstand bleibt offen. Künftige Archivfunde könnten die genealogische Stellung Andrea Amatis (II) klären, weitere Familienbeziehungen sichtbar machen oder eine engere Verbindung zur Werkstatt der Brüder Amati belegen. Ebenso möglich ist, dass er dauerhaft eine fragmentarisch belegte Nebenfigur bleibt. Für die aktuelle Darstellung ist daher Zurückhaltung die angemessene Form.
Werkstatt-, Quellen- und Werkverzeichnis
Andrea Amati (II) war nach der überlieferten Berufsbezeichnung ein Maestro liutaro, doch ist kein gesichertes eigenhändiges Instrument bekannt. Ein „Werkverzeichnis“ kann daher nicht als Liste erhaltener Werke gestaltet werden, sondern muss als Werkstatt-, Quellen- und Negativverzeichnis angelegt werden. Es dokumentiert, was sicher belegt ist, was plausibel bleibt und was ausdrücklich nicht behauptet werden darf.
Gesicherte archivalische Belege
| Ende 16. Jahrhundert bis 1611 | Andrea Amati (II) ist in Cremona für diesen Zeitraum als Person des Amati-Umfelds fassbar. Exakte Geburts- und Todesdaten sind nicht überliefert. |
|---|---|
| Bezeichnung als Maestro liutaro | Die Berufsbezeichnung weist ihn als Meister des Lauten- beziehungsweise Saiteninstrumentenbaus aus. Sie ist der zentrale Nachweis seiner handwerklichen Relevanz. |
| 4. Mai 1610 | Geburt seiner Tochter Claudia Amati. |
| 6. Mai 1610 | Taufe der Tochter Claudia. Dieses Dokument ist einer der wichtigsten sicheren Belege für Andrea Amati (II). |
| 2. Juni 1610 | Tod der Tochter Claudia im Säuglingsalter. |
| 10. April 1611 | Tod seiner 19-jährigen Frau Angiola de Miglio. |
Familien- und Personenbezüge
| Angiola de Miglio | Frau Andrea Amatis (II), gestorben am 10. April 1611 im Alter von 19 Jahren. Ihr Tod gehört zu den wenigen sicheren biographischen Nachrichten. |
|---|---|
| Claudia Amati | Tochter Andrea Amatis (II), geboren am 4. Mai 1610, getauft am 6. Mai 1610 und gestorben am 2. Juni 1610. |
| Andrea Amati (I) | Nicht identisch mit Andrea Amati (II). Andrea Amati (I) starb 1577 und war der Begründer der berühmten Amati-Werkstatt. |
| Antonio und Girolamo Amati | Die genaue Beziehung Andrea Amatis (II) zur Werkstatt der Brüder Amati bleibt unklar. Eine direkte Werkstattbeteiligung ist möglich, aber nicht sicher belegt. |
| Nicolò Amati | Eine konkrete Verbindung Andrea Amatis (II) zu Nicolò Amati ist nicht gesichert. Zeitlich berühren sich die Lebenswelten, genealogisch bleibt die Einordnung offen. |
Erhaltene oder zugeschriebene Instrumente
| Gesicherte Instrumente | Keine allgemein anerkannten eigenhändigen Instrumente Andrea Amatis (II) bekannt. |
|---|---|
| Instrumente mit Andrea-Amati-Namen | Instrumente, die den Namen Andrea Amati tragen, sind in der Regel zuerst im Zusammenhang mit Andrea Amati (I) zu prüfen. Eine Übertragung auf Andrea Amati (II) ist ohne weitere Belege unzulässig. |
| Anonyme Amati-Werkstattinstrumente | Eine Beteiligung Andrea Amatis (II) an anonymen oder schwer zuzuweisenden Werkstattinstrumenten kann nicht ausgeschlossen, aber auch nicht bewiesen werden. |
| Brüder-Amati-Instrumente | Instrumente mit Etiketten von Antonio und Girolamo Amati bleiben der Brüder-Amati-Werkstatt beziehungsweise Girolamos Werkstattphase zuzuordnen. Andrea Amati (II) darf nicht ohne Quellenbeleg in diese Produktion hineingelesen werden. |
| Lauten oder andere Saiteninstrumente | Ob Andrea Amati (II) Lauten, Violen, Reparaturen oder Instrumente der Violinfamilie fertigte, ist nicht sicher überliefert. Die Berufsbezeichnung macht dies plausibel, aber nicht konkret belegbar. |
Offene Forschungsfragen
| Genealogische Stellung | Ungeklärt bleibt, ob Andrea Amati (II) ein direkter Nachkomme, ein entfernter Verwandter, ein Angehöriger einer Nebenlinie oder ein anderweitig mit der Familie verbundener Meister war. |
|---|---|
| Werkstattzugehörigkeit | Ungeklärt bleibt, ob er in der Werkstatt von Antonio und Girolamo Amati, in einer eigenen Werkstatt oder in einer verwandten Cremoneser Werkstatt tätig war. |
| Instrumentenkorpus | Ungeklärt bleibt, ob sich unter anonymen oder problematisch zugeschriebenen Cremoneser Instrumenten Werke Andrea Amatis (II) befinden. |
| Etikettenlage | Ungeklärt bleibt, ob es echte Instrumentenzettel Andrea Amatis (II) gab oder ob sein Name nur archivalisch überliefert ist. |
| Beruflicher Umfang | Ungeklärt bleibt, ob seine Tätigkeit vor allem Neubau, Reparatur, Lautenbau, Geigenbau, Handel oder eine Kombination verschiedener Werkstattaufgaben umfasste. |
Kontext der Amati-Werkstatt um 1600
| Andrea Amati (I) | Begründer der Amati-Werkstatt, gestorben 1577. Von Andrea Amati (II) streng zu unterscheiden. |
|---|---|
| Antonio Amati | Älterer Sohn Andrea Amatis (I), gemeinsam mit Girolamo als Teil der Brüder-Amati-Werkstatt überliefert. |
| Girolamo Amati (I) | Jüngerer Sohn Andrea Amatis (I), nach 1588 wichtigste Werkstattfigur der Amati-Produktion bis zur Pest von 1630. |
| Nicolò Amati | 1596 geboren und später bedeutendster Meister der Amati-Familie. Er gehört zur nächsten, besser dokumentierten Generation. |
| Brüder-Amati-Etiketten | Die Etiketten von Antonio und Girolamo wurden auch nach der Trennung der Brüder verwendet. Diese Etikettenproblematik bildet den Hintergrund, vor dem eine weitere Andrea-Amati-Person besonders vorsichtig zu behandeln ist. |
Forschungskomplexe und Nachweisgruppen
| Bonetti 1938 | Ältere, für die Amati-Genealogie zentrale Studie, in der Andrea Amati (II) als Maestro liutaro angeführt wird. Bonetti ist wichtig, aber wegen einzelner genealogischer Probleme quellenkritisch zu benutzen. |
|---|---|
| Roger Hargrave | Hargrave macht in seiner Studie zur Brüder-Amati-Werkstatt auf die drei Dokumente zu Andrea Amati (II) aufmerksam und betont ausdrücklich, dass dessen Rolle in der Amati-Geschichte offen bleibt. |
| MIMO | Instrumentenmacher-Datenbank beziehungsweise Projektkontext, in dem Andrea Amati (II) als eigene Person mit Wirkungsnachweis bis nach 1611 geführt wird. |
| Lütgendorff-Tradition | Die ältere geigenbaulexikalische Tradition führt Andrea Amati (II) als eigene Person. Solche Nachweise sind wertvoll, müssen aber mit Archivfunden und moderner Forschung abgeglichen werden. |
| Amati-Familienforschung | Die neuere Amati-Forschung arbeitet daran, gleichnamige Personen, Nebenlinien, Werkstattanteile und Etikettenprobleme genauer zu trennen. |
Sekundärliteratur
- Bonetti, Carlo: La genealogia degli Amati liutai e il primato della scuola liutistica cremonese. Cremona 1938. Ältere quellenkundliche Studie zur Amati-Familie, wichtig wegen der Erwähnung Andrea Amatis (II) als Maestro liutaro, zugleich quellenkritisch zu benutzen.
- Cacciatori, Fausto: Il DNA degli Amati. Cremona 2006. Moderne genealogische und archivalische Arbeit zur Familie Amati, hilfreich für die methodische Einordnung von Nebenlinien und Namensproblemen.
- Cacciatori, Fausto, Hrsg.: Andrea Amati Opera Omnia. Les Violons du Roi. Cremona 2007. Zentrale Dokumentation zu Andrea Amati (I) und damit wichtig für die klare Abgrenzung von Andrea Amati (II).
- Dilworth, John: „The Violin and Bow. Origins and Development“, in: Robin Stowell, Hrsg.: The Cambridge Companion to the Violin. Cambridge: Cambridge University Press, 1992, S. 1–29. Grundlegende Darstellung zur Entwicklung der Violine und zur Rolle der Amati-Familie im frühen Cremoneser Geigenbau.
- Drees, Stefan, Hrsg.: Lexikon der Violine. Laaber: Laaber-Verlag, 2004. Deutschsprachiges Fachlexikon zu Violine, Geigenbau, historischen Instrumentenbauern und geigenbaugeschichtlichen Begriffen.
- Hargrave, Roger: „The Failure of Brotherly Love?“, in: The Strad, 1993. Wichtige Studie zur Trennung von Antonio und Girolamo Amati, zu Brüderetiketten und zu den Dokumenten über Andrea Amati (II).
- Henley, William: Universal Dictionary of Violin & Bow Makers. Brighton: Amati Publishing, 1973. Klassisches Nachschlagewerk zu Geigen- und Bogenmachern mit älterer Zuschreibungs- und Namensüberlieferung.
- Hill, W. Henry; Hill, Arthur F.; Hill, Alfred Ebsworth: The Violin-Makers of the Guarneri Family. London: W. E. Hill & Sons, 1931. Bedeutendes Werk zur Cremoneser Geigenbauforschung, das die archivalische Beschäftigung mit der Amati-Familie mitprägte.
- Hill, W. Henry; Hill, Arthur F.; Hill, Alfred Ebsworth: Antonio Stradivari. His Life and Work. London: Macmillan, 1902. Historisches Standardwerk zu Stradivari, wichtig für den weiteren Cremoneser Kontext, in dem die Amati-Tradition fortwirkte.
- Jalovec, Karel: Italian Violin Makers. London: Paul Hamlyn, 1964. Überblickswerk zu italienischen Geigenbauern, darunter Amati, Guarneri, Rugeri und Stradivari; wegen älterer Zuschreibungstraditionen quellenkritisch zu lesen.
- Kass, Philip J.: „Nicolò Amati: His Life and Times“, in: Journal of the Violin Society of America 15/2, 1996. Zentrale Studie zur späteren Amati-Generation und zur Cremoneser Werkstattgeschichte nach Andrea Amati (II).
- Kass, Philip J.: „The Stati d’Anime of S. Faustino in Cremona: Tracing the Amati Family 1641–1686“, in: Journal of the Violin Society of America. Genealogische Studie zur Amati-Familie, besonders wertvoll für Methoden der Familien- und Archivrekonstruktion.
- Kolneder, Walter: Das Buch der Violine. Bau, Geschichte, Spiel, Pädagogik, Komposition. Zürich/Mainz: Atlantis Musikbuch / Schott, 1993. Deutschsprachiges Grundlagenwerk zur Violine, ihrer Baugeschichte und der historischen Stellung Cremonas.
- Lütgendorff, Willibald Leo von: Die Geigen- und Lautenmacher vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Mehrere Auflagen. Ältere Standardreferenz zu Geigen- und Lautenmachern, wichtig für die lexikalische Überlieferung zu Andrea Amati (II).
- Pollens, Stewart: Stradivari. Cambridge: Cambridge University Press, 2010. Studie zu Stradivari, relevant für die spätere Wirkung des Cremoneser Werkstattmodells.
- Sacconi, Simone F.: I segreti di Stradivari. Cremona: Libreria del Convegno, 1972. Werkstattstudie zum Cremoneser Geigenbau, deren stradivarischer Schwerpunkt die Bedeutung der vorausgehenden Amati-Tradition mit sichtbar macht.
Ausgewählte Onlinequellen
- MIMO: Instrument Makers – Amati Andrea II Instrumentenmacher-Datenbank mit eigenem Nachweis zu Andrea Amati (II) als Amati-Person mit Cremona-Bezug und Wirkungsnachweis bis nach 1611.
- MIMO Deliverable D6: Authority Files and Instrument Makers Projekt- und Datenkontext mit Nachweisen zu Instrumentenmachern, darunter Andrea Amati (II), Girolamo Amati (I), Girolamo Amati (II) und Nicolò Amati.
- Roger Hargrave: The Failure of Brotherly Love? PDF-Fachaufsatz zur Brüder-Amati-Werkstatt, zur Werkstattteilung von 1588 und zu den drei Dokumenten über Andrea Amati (II).
- Tarisio Cozio Archive: Andrea Amati Datenbankeintrag zu Andrea Amati (I), hilfreich für die klare Abgrenzung vom späteren Andrea Amati (II).
- Tarisio Cozio Archive: Antonio & Girolamo Amati Instrumenten- und Meisterdatenbank zur Brüder-Amati-Werkstatt, deren Etiketten- und Zuschreibungsprobleme den Kontext für Andrea Amati (II) bilden.
- Tarisio Cozio Carteggio: The Life of Nicolò Amati Fachbeitrag zur späteren Amati-Generation, zur Werkstattkontinuität und zur genealogischen Komplexität der Familie.
- The Metropolitan Museum of Art: Building a Family Dynasty – Three Generations of Amati Luthiers Musealer Überblick zur Amati-Familie, zur Familienwerkstatt und zur mehrgenerationellen Formung des Cremoneser Geigenbaus.
Weiterführende Einträge
- Andrea Amati (I) Begründer der Amati-Werkstatt und streng von Andrea Amati (II) zu unterscheiden.
- Antonio Amati Sohn Andrea Amatis (I) und Mitträger der Brüder-Amati-Werkstatt.
- Antonio & Girolamo Amati Gemeinsames Werkstattlemma zur Brüder-Amati-Produktion und ihrer schwierigen Etikettenlage.
- Amati-Familie Cremoneser Geigenbaudynastie mit Hauptlinie und quellenkundlich schwierigen Nebenfiguren.
- Girolamo Amati (I) Sohn Andrea Amatis (I), Bruder Antonio Amatis und wichtigste Werkstattfigur nach 1588.
- Girolamo Amati (II) Letzter bedeutender Vertreter der Amati-Dynastie und Nachfolger Nicolò Amatis.
- Nicolò Amati Bedeutendster Meister der Amati-Familie und zentrale Gestalt des Cremoneser Geigenbaus nach 1630.
- Casa Amati Familienhaus und Werkstattort der Amati-Dynastie in Cremona.
- Cremona Lombardische Stadt und Zentrum des klassischen italienischen Geigenbaus.
- Cremoneser Geigenbau Handwerks- und Klangtradition, die durch Amati, Stradivari, Guarneri und Rugeri geprägt wurde.
- f-Schallloch Charakteristische Deckenöffnung der Violine und wichtiges Zuschreibungsmerkmal historischer Instrumente.
- Geigenbau Handwerkskunst des Baus von Violinen, Violen, Violoncelli und verwandten Streichinstrumenten.
- Geigenbauer Historischer Beruf, dessen Bezeichnungen sich aus dem älteren Lauten- und Saiteninstrumentenbau entwickelten.
- Guarneri-Familie Cremoneser Geigenbauerfamilie, die aus dem weiteren Amati-Umfeld hervorging.
- Innenform Cremonesisches Werkstattmittel zur reproduzierbaren Formung von Zargen und Umriss.
- Instrumentenzettel Etikett im Inneren historischer Instrumente, wichtig für Zuschreibungen und Fehlzuschreibungen.
- Lautenbau Älteres Saiteninstrumentenhandwerk, aus dessen Begriffsfeld die Bezeichnung liutaro stammt.
- Maestro liutaro Italienische Berufsbezeichnung für einen Meister des Lauten- beziehungsweise Saiteninstrumentenbaus.
- Museo del Violino Cremona Zentraler Museums- und Erinnerungsort des Cremoneser Geigenbaus.
- Provenienz historischer Instrumente Herkunfts- und Besitzgeschichte, die für Amati-Zuschreibungen von besonderer Bedeutung ist.
- Rugeri-Familie Cremoneser Geigenbauerfamilie im Umfeld der Amati- und Stradivari-Tradition.
- San Faustino in Cremona Cremoneser Pfarr- und Familienumfeld, das in der Amati-Forschung eine wichtige Rolle spielt.
- Antonio Stradivari Cremoneser Meister, dessen Werk auf die Amati-Tradition reagiert und sie überformt.
- Viola Mittelstimmeninstrument der Violinfamilie und wichtiges Produkt der frühen Cremoneser Werkstätten.
- Violine Hauptinstrument der Violinfamilie, deren klassische Form in Cremona entwickelt wurde.
- Violinfamilie Instrumentengruppe aus Violine, Viola, Violoncello und verwandten Bassinstrumenten.
- Violoncello Bassinstrument der Violinfamilie, dessen frühe Formen in der Amati-Tradition mitentwickelt wurden.
- Werkstatttradition Überlieferung von Formen, Werkzeugen, Techniken und Modellen innerhalb einer Familie oder Schule.
- Zuschreibung in der Instrumentenkunde Methodische Frage, wie historische Instrumente einer Werkstatt, Familie oder Hand zugewiesen werden.