Andrea Amati (I)

Cremoneser Geigenbauer, Werkstattgründer und frühester namentlich bekannter Hersteller von Instrumenten der modernen Violinfamilie; geboren um 1500–1505 in Cremona, gestorben Ende 1577 ebenda, begraben am 24. Dezember 1577.

Überblick

Andrea Amati (I) war der früheste große Meister des Cremoneser Geigenbaus und gilt als erster namentlich fassbarer Hersteller von Instrumenten der modernen Violinfamilie. Er wurde um 1500–1505 in Cremona geboren, starb dort Ende 1577 und wurde am 24. Dezember 1577 begraben. Sein Werk steht am Anfang jener Linie, die über seine Söhne Antonio Amati und Girolamo Amati, seinen Enkel Nicolò Amati, die Guarneri und Antonio Stradivari zur berühmtesten europäischen Geigenbautradition führte.

Amati wird in der älteren Literatur häufig als „Erfinder der Violine“ bezeichnet. Präziser ist: Er war wohl nicht der einzige frühe Experimentator, aber er gab der Violine, der Viola und dem Violoncello jene Proportionen, Formprinzipien und handwerkliche Klarheit, durch die sich die Instrumente als geschlossene Familie durchsetzen konnten. Seine Werkstatt steht damit nicht für einen plötzlichen Ursprung aus dem Nichts, sondern für die entscheidende Formverdichtung einer bereits entstehenden Instrumentenwelt.

Besonders berühmt sind die bemalten Instrumente für den französischen Hof unter Charles IX. und seiner Mutter Catherine de' Medici. Diese Instrumente tragen Wappen, Embleme und Mottos wie Pietate et Justitia oder Quo unico propugnaculo stat stabique religio. Sie zeigen, dass die Violine schon im 16. Jahrhundert nicht mehr nur Tanz- oder Volksinstrument war, sondern in höfische Repräsentation, Dynastie, Macht und sakrale Symbolik eintreten konnte.

Kurzdaten

Name Andrea Amati (I).
Weitere Namensformen Andrea Amati, Andrea Amati I, Amati, Andrea, Andrea Amati der Ältere, Andrea Amati of Cremona.
Geboren Um 1500–1505 in Cremona; die Forschung setzt häufig „um 1505“ an.
Gestorben Ende 1577 in Cremona; begraben am 24. Dezember 1577.
Beruf Geigenbauer, Lauten- und Instrumentenmacher, Cremoneser Meister, Werkstattgründer und früher Hersteller von Instrumenten der Violinfamilie.
Werkstatt Cremona; seit spätestens 1539 mit Haus- und Werkstattbesitz beziehungsweise Werkstattbetrieb im Zentrum der Stadt verbunden.
Cremoneser Zensus 1576 als „de far instrumenti de sonar“ beziehungsweise als Hersteller von Musikinstrumenten greifbar.
Familie Vater von Antonio Amati und Girolamo Amati; Großvater von Nicolò Amati. Seine Söhne führten die Werkstatt nach 1577 weiter.
Instrumentengattungen Violine, kleine und große Violinen, Viola, Tenorviola, Bassinstrumente der Violinfamilie und frühe Violoncelli beziehungsweise Bassgeigen.
Hauptbedeutung Standardisierung der frühen Violinfamilie, Begründung der Amati-Werkstatt, Vorbildfunktion für Cremona, europäische Ausstrahlung durch höfische Instrumente und Grundlegung der klassischen Geigenbauform.
Berühmte Instrumentengruppe Bemalte Instrumente für den französischen Hof, besonders im Umkreis von Charles IX. von Frankreich und Catherine de' Medici.
Berühmte erhaltene Instrumente The King Violoncello beziehungsweise Bassgeige, ex-Kurtz Violine, Charles IX-Violinen, Witten-Viola und weitere erhaltene beziehungsweise dokumentierte Amati-Instrumente.
Dateiname amati-andrea.shtml

Quellenlage, Datierung und Namenszählung

Die Quellenlage zu Andrea Amati ist für einen Meister seines Ranges erstaunlich schmal. Es existieren nur wenige direkte biographische Dokumente; ein großer Teil der Erkenntnis beruht auf erhaltenen Instrumenten, archivalischen Cremoneser Hinweisen, späteren Notizen, Werkstattüberlieferung, dendrochronologischen und organologischen Beobachtungen sowie der Zuschreibungsgeschichte. Daher ist bei exakten Lebensdaten Vorsicht geboten.

Die Geburt wird meist um 1505 angesetzt; manche Darstellungen nennen einen weiteren Zeitraum um 1500–1505. Dass Andrea Amati 1539 ein Haus beziehungsweise eine Werkstatt in Cremona mieten und später erwerben konnte, spricht für einen damals bereits etablierten Handwerker. Der Cremoneser Zensus von 1576 bezeichnet ihn als Instrumentenmacher. Die Beisetzung am 24. Dezember 1577 ist ein wichtiger Fixpunkt.

Die Zählung Andrea Amati (I) dient der Unterscheidung innerhalb der Familie Amati. In der klassischen Genealogie des Cremoneser Geigenbaus folgt auf Andrea (I) nicht ein gleichnamiger Sohn, sondern vor allem die Linie Antonio und Girolamo sowie der berühmte Enkel Nicolò. Die Zählung ist daher weniger eine dynastische Herrschernummer als eine lexikalische Präzisierung, um den Begründer der Werkstatt vom späteren Familienzusammenhang zu trennen.

Biographie

Andrea Amati wurde in Cremona geboren, einer lombardischen Stadt, die im 16. Jahrhundert zu einem der wichtigsten europäischen Zentren des Saiteninstrumentenbaus werden sollte. Über seine Kindheit, Lehrzeit und frühe Ausbildung ist kaum Sicheres bekannt. Wahrscheinlich stand seine Ausbildung im Zusammenhang mit handwerklichen Traditionen des Lauten-, Gamben-, Fidel- und sonstigen Saiteninstrumentenbaus.

Spätestens in den 1530er Jahren war Amati als selbständiger Meister etabliert. 1539 ist er mit Haus- und Werkstattbesitz beziehungsweise mit der Miete eines Hauses in zentraler Lage Cremonas verbunden. Dies verweist nicht nur auf handwerkliche Tätigkeit, sondern auch auf wirtschaftliche Stabilität. Seine Werkstatt wurde zum Ausgangspunkt einer Familienproduktion, die über mehr als zwei Jahrhunderte mit demselben Ort verbunden blieb.

Andrea Amati hatte mindestens zwei Söhne, Antonio und Girolamo, die nach seinem Tod die Werkstatt übernahmen. Beide führten den Stil des Vaters fort und entwickelten ihn weiter. Durch Girolamos Sohn Nicolò erreichte die Amati-Werkstatt im 17. Jahrhundert einen weiteren Höhepunkt. Die Linien Stradivari und Guarneri sind ohne dieses Amati-Erbe nicht angemessen zu verstehen.

Amatis überlieferte Instrumente zeigen bereits im 16. Jahrhundert eine erstaunliche Klarheit. Die Instrumente sind nicht rohe Vorformen, sondern sorgfältig proportionierte, ästhetisch hoch entwickelte und konstruktiv überzeugende Zeugnisse einer Werkstatt, die eine neue Instrumentenfamilie in fester Form denken konnte.

Cremona und die Entstehung des klassischen Geigenbaus

Cremona wurde im 16. und 17. Jahrhundert zum Inbegriff des europäischen Geigenbaus. Diese Stellung entstand nicht plötzlich mit Stradivari, sondern beginnt mit Andrea Amati. Er gab der Stadt ein handwerkliches Profil, das später durch die Werkstätten Amati, Guarneri, Rugeri, Bergonzi und Stradivari zur Legende wurde.

Die Gründe für Cremonas Aufstieg liegen in mehreren Faktoren. Die Stadt lag in einer reichen oberitalienischen Kulturlandschaft, verfügte über handwerkliche Spezialisten, Holz- und Handelszugänge, eine gebildete städtische Käuferschicht, kirchliche und höfische Kontakte sowie eine Tradition präziser Werkstattarbeit. Amati verband diese Voraussetzungen mit einem formbildenden Genie.

Der Begriff „Cremoneser Schule“ bezeichnet nicht nur eine Stadt, sondern eine bestimmte Vorstellung von Instrumentenbau: ausgewogene Proportionen, klare Wölbung, kontrollierte Umrissform, sorgfältige Innenformarbeit, elegante Schnecken, charakteristische f-Schalllöcher, ästhetische Lackierung und klangliche Tragfähigkeit. Andrea Amati steht am Beginn dieser Vorstellung.

Werkstatt, Hausbesitz und Familiennachfolge

Die Amati-Werkstatt war eine Familienwerkstatt. Andrea Amati begründete nicht nur ein persönliches Werk, sondern eine Produktions- und Wissensform, die innerhalb der Familie weitergegeben wurde. Werkstattwissen bestand aus Schablonen, Formen, Werkzeugen, Maßen, Holzkenntnis, Lackrezepturen, Bauabläufen, Lehrpraxis und stilistischer Erinnerung.

Die Söhne Antonio und Girolamo übernahmen nach 1577 die Werkstatt. In der Forschung werden sie häufig als „Brüder Amati“ bezeichnet. Sie verfeinerten die Modelle ihres Vaters und hielten die Cremoneser Produktion auf hohem Niveau. Unter Nicolò Amati wurde die Werkstatt später zu einem zentralen Ausbildungs- und Einflussort des 17. Jahrhunderts.

Die Werkstatt hatte also eine doppelte Bedeutung. Sie produzierte Instrumente, aber sie produzierte auch Tradition. Dass spätere Meister wie Stradivari und Guarneri in Cremona auf Amati-Modellen aufbauen konnten, verdankt sich nicht nur einzelnen Instrumenten, sondern einer über Generationen erhaltenen handwerklichen Grammatik.

Violine, Viola und Violoncello als neue Instrumentenfamilie

Vor Andrea Amati gab es in Europa zahlreiche gestrichene Saiteninstrumente: Fideln, Liren, Rebecs, frühe Violen, Gamben und Tanzinstrumente unterschiedlicher Form. Die moderne Violinfamilie entstand aus diesem Umfeld, aber sie setzte sich erst durch, als ihre Bauformen, Größen, Funktionen und Klangrollen stabiler wurden. Genau hier liegt Amatis Bedeutung.

Amati baute nicht nur einzelne Violinen, sondern offenbar eine ganze Familie von Instrumenten: kleinere und größere Violinen, Violen unterschiedlicher Größe und Bassinstrumente. Diese Familienidee ist entscheidend. Ein Ensemble aus Instrumenten gleicher Bauart, aber verschiedener Tonlagen, erlaubt homogenen Klang, gemeinsame Spieltechnik und flexible Besetzung.

Die Violine erhielt durch Amati jene Gestalt, die später kaum noch grundsätzlich verändert wurde: vier Saiten, f-Schalllöcher, gewölbte Decke und Boden, ausgeschnittene Zargenform, Schnecke, Hals, Griffbrett und ein Umriss, der Ober-, Mittel- und Unterbügel in harmonischer Balance verbindet. Spätere Meister veränderten Maße, Wölbungen, Stärkeverhältnisse und Klangideale, aber das Grundprinzip blieb erhalten.

Form, Konstruktion und Modellbildung

Andrea Amatis Instrumente zeigen eine klare Modellbildung. Sie wirken nicht als zufällige Einzelstücke, sondern als Ergebnisse eines reproduzierbaren Werkstattverfahrens. Die Verwendung einer Innenform war dabei wesentlich. Sie erlaubte, Zargen präzise zu formen, Umrisse zu wiederholen und Instrumente in konsistenter Qualität zu bauen.

Die f-Schalllöcher sind ein Schlüsselmotiv. Sie verbinden technische Funktion, Klangabstrahlung und ornamentale Eleganz. Bei Amati sind sie noch anders proportioniert als bei Stradivari, aber bereits als Zeichen eines entwickelten Geigenbaus erkennbar. Auch die Schnecke ist nicht bloßer Abschluss, sondern Ausdruck einer neuen instrumentalen Ästhetik.

Der Lack und die Bemalung der Hofinstrumente zeigen, dass die Oberfläche nicht nur Schutzschicht, sondern Teil der Repräsentation war. Bei den königlichen Instrumenten treten Gold, Wappen, Mottos, fleurs-de-lis und allegorische Zeichen hinzu. Damit wird der Instrumentenkörper selbst zum Träger politischer und religiöser Symbolik.

Charles IX, Catherine de' Medici und die bemalten Hofinstrumente

Die berühmteste Instrumentengruppe Andrea Amatis ist mit dem französischen Hof verbunden. Catherine de' Medici, Regentin für ihren Sohn Charles IX., förderte eine höfische Musikkultur, in der Tanz, Repräsentation und dynastische Symbolik eng verbunden waren. Die für den Hof bestimmten Amati-Instrumente zeigen, dass die Violinfamilie im 16. Jahrhundert den Aufstieg in die höfische Sphäre vollzogen hatte.

Die erhaltenen Instrumente tragen Wappen, Mottos und dekorative Embleme. Das Motto Pietate et Justitia verweist auf königliche Frömmigkeit und Gerechtigkeit. Das Motto Quo unico propugnaculo stat stabique religio lässt sich im Kontext der französischen Religionskonflikte des 16. Jahrhunderts lesen. Die Instrumente sind daher nicht nur Klangwerkzeuge, sondern Dokumente politischer Ikonographie.

Das berühmteste Bassinstrument aus diesem Zusammenhang ist das sogenannte The King Violoncello beziehungsweise ursprünglich eine größere Bassgeige. Es wurde später verkleinert und modernisiert. Gerade diese Umbauten zeigen die lange Nutzungs- und Anpassungsgeschichte alter Instrumente: Sie wurden bewahrt, verändert, repariert, umgebaut und an spätere Spielnormen angepasst.

Andrea Amati, Brescia und die Frage nach der „Erfindung“ der Violine

Die Frage, wer die Violine erfunden habe, ist musikhistorisch problematisch. In Brescia arbeiteten Meister wie Gasparo da Salò und andere Instrumentenmacher, die ebenfalls an der Entwicklung gestrichener Saiteninstrumente beteiligt waren. Auch süddeutsche und alpine Instrumentenbautraditionen werden gelegentlich in die Vorgeschichte einbezogen. Eine einzelne Erfindungsperson lässt sich daher nicht seriös behaupten.

Andrea Amatis Leistung liegt vielmehr in der normbildenden Verdichtung. Er entwickelte eine Bauform, die so überzeugend war, dass sie von späteren Generationen übernommen, verfeinert und europäisch verbreitet wurde. In diesem Sinn ist er nicht notwendig der alleinige Erfinder, aber der entscheidende Formgeber der modernen Violinfamilie.

Der Vergleich mit Brescia zeigt den Unterschied zwischen paralleler Entwicklung und kanonischer Durchsetzung. Brescia brachte kraftvolle, teils größere und anders proportionierte Instrumente hervor; Cremona entwickelte unter Amati eine ausgewogene, elegante, modellhafte Form, die im 17. und 18. Jahrhundert zur Leitnorm wurde.

Ausführlicher Kulturüberblick

Andrea Amati gehört in eine Zeit, in der sich europäische Musikpraxis tiefgreifend veränderte. Das 16. Jahrhundert war nicht nur die Epoche der Vokalpolyphonie, sondern auch eine Zeit wachsender instrumentaler Spezialisierung. Tänze, höfische Feste, Stadtmusik, Kirchenräume, Theaterformen und private Musikpraxis verlangten nach Instrumenten, die laut, beweglich, tragfähig und ensemblefähig waren.

Die Violine erfüllte diese Anforderungen in besonderer Weise. Sie war stärker, brillanter und beweglicher als viele ältere Fideln, zugleich weniger aristokratisch exklusiv als manche Lauten- oder Gambentraditionen. Sie konnte Tanz begleiten, Singstimmen verdoppeln, in Ensembles spielen und später solistisch hervortreten. Amatis Werk steht an dem Punkt, an dem diese Möglichkeiten in eine stabile Instrumentenform überführt werden.

Die höfischen Instrumente für Frankreich zeigen den sozialen Aufstieg der Violine besonders deutlich. Ein Instrument, das aus Tanz- und Gebrauchszusammenhängen hervorging, wurde mit Wappen, Gold und königlichen Devisen versehen. Dadurch erhielt es symbolisches Kapital. Es wurde Teil der Selbstdarstellung monarchischer Macht. Die Violine trat in den Dienst der Repräsentation.

Gleichzeitig blieb die Violine ein praktisches Werkzeug. Sie musste funktionieren, klingen, transportierbar sein, mit anderen Instrumenten verschmelzen und für professionelle Musiker verlässlich bleiben. Amatis Leistung besteht darin, Schönheit und Gebrauch zu verbinden. Die Instrumente sind elegant, aber nicht nur dekorativ; sie sind repräsentativ, aber nicht bloß Schauobjekte.

Die Amati-Werkstatt zeigt außerdem, wie frühneuzeitliche Kunstproduktion organisiert war. Das Genie eines Einzelnen ist wichtig, aber die dauerhafte Wirkung entsteht durch Werkstatt, Familie, Formen, Lehrtradition und Besitzkontinuität. Andrea Amati begründete einen Betrieb, der nicht mit seinem Tod endete. Die Söhne und der Enkel machten aus dem Anfang eine Dynastie.

Die spätere europäische Musikgeschichte wäre ohne diese handwerkliche Grundlage anders verlaufen. Die Solovioline des Barock, das Streichquartett der Klassik, das Sinfonieorchester, die Virtuosenkultur des 19. Jahrhunderts und der moderne Instrumentenmarkt setzen die Stabilität der Violinfamilie voraus. Andrea Amati steht am Anfang dieser Stabilität.

Für die Kulturgeschichte ist deshalb wichtig, Amati nicht nur als Handwerker oder als Hersteller wertvoller Museumsobjekte zu betrachten. Er gehört in die Geschichte von Klang, Körper, Material, Handel, Hofkultur, Familienarbeit, Technik und ästhetischer Normbildung. Seine Instrumente zeigen, dass Musikgeschichte nicht nur in Partituren geschrieben wird, sondern auch in Holz, Lack, Form, Maß und Gebrauchsspuren.

Wirkung, Dynastie und Nachleben

Andrea Amatis Wirkung setzt unmittelbar in der Familie ein. Antonio und Girolamo führten die Werkstatt weiter und verfeinerten die väterlichen Modelle. Nicolò Amati machte die Werkstatt im 17. Jahrhundert zu einem der wichtigsten Orte des europäischen Geigenbaus. Über diese Linie wurde Andrea Amatis Grundmodell in die Epoche Stradivaris und Guarneris weitergetragen.

Die Wirkung reicht aber über Cremona hinaus. Amatis Instrumente wurden an Höfen geschätzt, gesammelt, umgebaut, bewahrt und im 19. und 20. Jahrhundert musealisiert. Sie sind heute nicht nur Musikinstrumente, sondern kunsthistorische, technikhistorische und kulturpolitische Quellen. Ihre Bemalungen erlauben Einblicke in höfische Symbolik; ihre Bauweise erlaubt Rückschlüsse auf frühe Instrumententechnik; ihre Umbauten zeigen Veränderungen des Musikgeschmacks.

Das Nachleben Amatis ist auch eine Geschichte der Zuschreibung. Weil nur wenige Instrumente sicher erhalten sind und viele alte Instrumente umgebaut wurden, ist die Forschung auf Vergleiche, Maße, Lack, Holz, Dekor, Etiketten, Provenienzen und historische Dokumente angewiesen. Jede neu auftauchende Andrea-Amati-Zuschreibung wird daher sorgfältig geprüft.

Werkstatt-, Instrumenten- und Quellenverzeichnis

Andrea Amati war kein Komponist, sondern Geigenbauer. Ein „Werkverzeichnis“ ist daher sachgerecht als Werkstatt-, Instrumenten- und Quellenverzeichnis zu verstehen. Vollständigkeit im strengen Sinn ist nicht möglich, weil nur ein kleiner Teil der Instrumente überlebt hat, viele Stücke umgebaut wurden, frühe Zuschreibungen unsicher sind und Werkstattarbeit nicht immer eindeutig zwischen Andrea, seinen Söhnen und späterer Amati-Produktion zu trennen ist. Die folgende Übersicht erfasst die wichtigsten Instrumentenkomplexe, erhaltenen beziehungsweise gut dokumentierten Stücke und Quellenlinien.

Gesicherte und wichtige Instrumentenkomplexe

Frühe Violinfamilie Andrea Amatis Instrumentenkomplex aus kleinen und großen Violinen, Violen und Bassinstrumenten, der die frühe Standardisierung der Violinfamilie sichtbar macht. Die genaue Zahl der ursprünglich gebauten Instrumente ist nicht sicher; die erhaltenen Stücke zeigen jedoch ein bereits hoch entwickeltes Modell.
Instrumente für den französischen Hof Bemalte Instrumente aus dem Umfeld von Catherine de' Medici und Charles IX. von Frankreich. Sie tragen königliche Wappen, Mottos und Dekorationen und gehören zu den wichtigsten Zeugnissen der höfischen Aufwertung der Violine im 16. Jahrhundert.
Charles-IX.-Gruppe mit dem Motto Pietate et Justitia Instrumente, deren Zargen beziehungsweise Rückseiten mit dem Motto Pietate et Justitia und französischen königlichen Symbolen verbunden sind. Sie werden dem Hof von Charles IX. zugeordnet und gehören zum Kernbestand der Amati-Forschung.
Propugnaculo-Gruppe Dekorierte Instrumente mit dem Motto Quo unico propugnaculo stat stabique religio. Diese Gruppe ist mit französischer Hofsymbolik, religiöser Repräsentation und den konfessionellen Spannungen des 16. Jahrhunderts verbunden.
Spanisch-französischer Dekorkomplex Einige dekorierte Instrumente werden mit der Heirat Philipps II. von Spanien mit Elisabeth von Valois 1559 oder mit verwandten höfischen Anlässen in Verbindung gebracht. Diese Zuschreibungen sind quellenkritisch zu behandeln, zeigen aber den europäischen Rang der Werkstatt.

Erhaltene und besonders bekannte Einzelinstrumente

The King Violoncello Andrea Amati, Cremona, Mitte des 16. Jahrhunderts; heute National Music Museum, Vermillion, South Dakota. Ursprünglich eine größere Bassgeige beziehungsweise ein Basso der Violinfamilie, später auf moderne Cellomaße reduziert. Berühmt durch die französischen königlichen Embleme und die Verbindung zum Charles-IX.-Komplex.
ex-Kurtz Violin Andrea Amati, Cremona, um 1560 beziehungsweise in einzelnen Katalogen um 1570; heute Metropolitan Museum of Art, New York. Das Instrument besitzt dekorative Reste, lateinische Inschrift und wird wegen seiner frühen Datierung und seines Erhaltungszustands besonders häufig zitiert.
Charles IX of France Violin Andrea Amati, Cremona, 1566; in der Tarisio-Cozio-Überlieferung als Charles IX of France geführt. Das Instrument stammt aus der Gruppe der für den französischen Hof bestimmten Instrumente und zeigt Spuren des königlichen Wappens und des Mottos.
Payne / Gonley Violin Andrea Amati, Cremona, 1573; in Tarisio-Cozio-Nachweisen als Payne, Gonley geführt. Wichtiges Beispiel für die spätere Werkphase Andrea Amatis.
Witten Viola Andrea Amati, Cremona, um 1560; mit der Witten-Sammlung und der National-Music-Museum-Überlieferung verbunden. Bedeutend als Zeugnis der frühen Violaform im Amati-Kontext.
Oxford / Ashmolean Charles IX Violin Andrea Amati, Cremona, 1564; mit der Charles-IX.-Überlieferung verbunden. Das Instrument ist durch Forschung zur bemalten Amati-Gruppe und zur frühen Geigenform besonders wichtig.
Cremona Charles IX Violin Andrea Amati zugeschriebenes beziehungsweise als Modell vertretenes Instrument aus dem französischen Hofkomplex, in Cremona museal beziehungsweise instrumentenkundlich präsent. Wichtig für die lokale Erinnerung an Amati in der Stadt Cremona.
Lord Wilton / verwandte Viola-Tradition Viola beziehungsweise verwandtes Amati-Instrument mit Bezug zur frühen dekorierten Hofgruppe. Die genaue Zuschreibung und Einordnung sind Teil der spezialisierten Amati-Forschung.
Fragmentarisch erhaltene dekorierte Instrumente Einzelne stark umgebaute oder fragmentarisch überlieferte Amati-Stücke, darunter Instrumentenfragmente mit französischen Emblemen, sind für die Rekonstruktion der ursprünglichen Hofensembles wichtig.

Instrumententypen und Modelle

Kleine Violine Früher Amati-Typ mit kleinerem Korpus. Solche Instrumente gehören zur Vielfalt der Größen im 16. Jahrhundert, bevor sich spätere Standardmaße stärker durchsetzten.
Große Violine Instrumententyp mit größerem Korpus, der in der höfischen Ensemblepraxis des 16. Jahrhunderts eine eigene Funktion hatte. Spätere Standardisierung führte dazu, dass manche Instrumente angepasst oder umgebaut wurden.
Viola Andrea Amati baute Violen unterschiedlicher Größe, darunter Tenor- und möglicherweise Altgrößen. Die Entwicklung der modernen Violaform ist ohne die Amati-Werkstatt nicht angemessen zu verstehen.
Tenorviola Großes Mittelstimmeninstrument der frühen Violinfamilie. Viele frühe Tenorinstrumente wurden später verkleinert oder gingen verloren, weshalb die Überlieferung fragmentarisch ist.
Bassgeige / Basso Großes Bassinstrument der frühen Violinfamilie, aus dem spätere Violoncelloformen hervorgingen beziehungsweise an das spätere Cello angepasst wurden. The King ist das berühmteste Beispiel.
Violoncello Der Begriff ist für die frühe Amati-Zeit anachronistisch vorsichtig zu verwenden, da viele Bassinstrumente des 16. Jahrhunderts größer waren als das spätere Cello und später umgebaut wurden.

Konstruktion, Merkmale und Werkstattpraxis

Innenform Amatis Werkstatt arbeitete mit einer Innenform, die reproduzierbare Zargen- und Umrissformen ermöglichte. Dieses Verfahren wurde für die Cremoneser Tradition grundlegend.
f-Schalllöcher Die charakteristischen f-Schalllöcher gehören zu den zentralen Standardisierungen der Violinfamilie. Bei Amati erscheinen sie bereits als technisch und ästhetisch durchgearbeitete Form.
Schnecke Der Wirbelkasten mit Schnecke wurde zum Erkennungszeichen der klassischen Violine. Amatis Schnecken verbinden handwerkliche Funktion und ornamentale Eleganz.
Vier Saiten Die Violine erscheint bei Amati in der Form mit vier Saiten, die später zur Norm wurde. Dies unterscheidet sie von einzelnen älteren oder verwandten dreisaitigen Formen.
Wölbung Decke und Boden sind gewölbt und zeigen eine kontrollierte Beziehung von Form, Stabilität und Klangabstrahlung.
Lack Der Lack der Amati-Instrumente gehört zur frühen Cremoneser Lacktradition. Bei dekorierten Hofinstrumenten tritt zur Lackschicht zusätzlich Bemalung, Vergoldung und Wappenzier.
Dekor Die französischen Hofinstrumente verbinden Musikinstrument, Wappenmalerei, Devise, politische Symbolik und religiöse Repräsentation.
Maßvielfalt Amati baute die Violinfamilie in unterschiedlichen Größen. Die spätere Normierung führte dazu, dass viele Instrumente verändert, reduziert oder modernisiert wurden.

Werkstattnachfolge und Familienlinie

Antonio Amati Sohn Andrea Amatis; übernahm mit seinem Bruder Girolamo nach 1577 die Werkstatt. Beteiligung an der Verfeinerung und Weiterführung der väterlichen Modelle.
Girolamo Amati Sohn Andrea Amatis; zusammen mit Antonio als einer der „Brüder Amati“ bekannt. Vater Nicolò Amatis und zentrale Figur der Werkstattfortsetzung.
Nicolò Amati Enkel Andrea Amatis und bedeutendster Vertreter der späteren Amati-Dynastie. Seine Werkstatt wurde im 17. Jahrhundert für Cremona und Europa maßgebend.
Cremoneser Schule Die von Andrea Amati begründete Werkstatttradition wurde zur Grundlage für spätere Cremoneser Meister, darunter Stradivari, Guarneri, Rugeri und Bergonzi.

Quellen- und Forschungskomplexe

Metropolitan Museum of Art Besitzt die ex-Kurtz-Violine und bietet ausführliche Informationen zu Andrea Amatis Beitrag zur Standardisierung der Violinfamilie, zu Dekor, Material und Provenienz.
National Music Museum Bewahrt The King, eines der bedeutendsten frühen Bassinstrumente der Violinfamilie, und weitere Amati-bezogene Bestände.
Tarisio / Cozio Archive Wichtige Datenbank zu Instrumenten, Provenienzen, Werkstattzuschreibungen und erhaltenen Amati-Instrumenten.
Österreichische Nationalbank Bietet einen knappen, zuverlässigen Überblick zu Amatis Lebensdaten, Cremoneser Zensus, Werkstattnachfolge und überlieferten Instrumenten.
Cremona / Museo del Violino Zentraler Erinnerungs- und Forschungsort des Cremoneser Geigenbaus mit Bezug auf Amati, Stradivari, Guarneri und die materielle Kultur der Violine.
Roger Hargrave Wichtiger moderner Autor zur historischen Geigenbaupraxis, zu Andrea Amati und zur frühen Cremoneser Schule.
John Dilworth Wichtiger Forscher und Autor zur Geschichte der Violine, zu frühen Instrumentenzuschreibungen und zur Amati-Forschung.
Andrea Amati Opera Omnia Fachpublikation zur Gesamtdarstellung beziehungsweise Dokumentation der bekannten Amati-Instrumente und besonders der französischen Hofinstrumente.

Sekundärliteratur

  • Cacciatori, Fausto, Hrsg.: Andrea Amati Opera Omnia. Les Violons du Roi. Cremona: Ente Triennale Internazionale degli Strumenti ad Arco / Consorzio Liutai Antonio Stradivari, 2007. Zentrale moderne Dokumentation zu Andrea Amati und den königlichen Instrumenten.
  • Dilworth, John: „The Violin and Bow. Origins and Development“, in: Robin Stowell, Hrsg.: The Cambridge Companion to the Violin. Cambridge: Cambridge University Press, 1992, S. 1–29. Grundlegender Überblick zur Entstehung der Violine und zur Bedeutung früher Geigenbauer.
  • Dipper, Andrew: „The King Cello and the Painted Decorations on the Amati Instruments Made for the Court of Charles IX of France, 1560–1574“, in: Journal of the Violin Society of America, VSA Papers 20, 2006, S. 15–78. Spezialstudie zu The King, den bemalten Amati-Instrumenten und der französischen Hofikonographie.
  • Hargrave, Roger: „Andrea Amati 1505–1577“, in: The Strad. Einflussreiche Untersuchung zu Leben, Werkstatt und Instrumenten Andrea Amatis.
  • Hill, W. Henry; Hill, Arthur F.; Hill, Alfred Ebsworth: Antonio Stradivari. His Life and Work. London: Macmillan, 1902. Klassische ältere Darstellung des Cremoneser Geigenbaus mit Rückbezügen auf die Amati-Tradition.
  • Jalovec, Karel: Italian Violin Makers. London: Paul Hamlyn, 1964. Überblickswerk zu italienischen Geigenbauern mit Abschnitten zur Familie Amati.
  • Kass, Philip J.: „Building a Family Dynasty: Three Generations of Amati Luthiers“, Metropolitan Museum of Art, 2015. Gut zugänglicher moderner Überblick zur Amati-Dynastie, zur Modellbildung Andrea Amatis und zur Familiennachfolge.
  • Pollens, Stewart: Stradivari. Cambridge: Cambridge University Press, 2010. Studie zu Stradivari mit wichtigem Hintergrund zur Cremoneser Tradition und zu Amati-Modellen.
  • Radepont, Marie u. a.: „Revealing Lost 16th-Century Royal Emblems on Two Andrea Amati Violins Using XRF Scanning“, in: Heritage Science 8, 2020. Naturwissenschaftliche Untersuchung verlorener Embleme auf Amati-Instrumenten.
  • Reade, Charles: The Cremona Violins. London, 1872. Ältere, literarisch geprägte Quelle zur Aura Cremoneser Instrumente und ihrer Meister.
  • Sacconi, Simone F.: I segreti di Stradivari. Cremona: Libreria del Convegno, 1972. Grundlegende Werkstattstudie zu Stradivari, wichtig für das Verständnis der von Amati geerbten Cremoneser Bauprinzipien.
  • Witten, Laurence C.: „The Surviving Instruments of Andrea Amati“, in: Early Music 10, 1982. Wichtige Studie zur erhaltenen Instrumentenüberlieferung Andrea Amatis.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Antonio Amati Sohn Andrea Amatis und Mitnachfolger in der Cremoneser Familienwerkstatt.
  • Amati-Familie Cremoneser Geigenbaudynastie von Andrea Amati bis Nicolò Amati und darüber hinaus.
  • Girolamo Amati Sohn Andrea Amatis, Bruder Antonio Amatis und Vater Nicolò Amatis.
  • Nicolò Amati Enkel Andrea Amatis und bedeutendster Vertreter der späteren Amati-Werkstatt.
  • Antonio Stradivari Cremoneser Geigenbauer, dessen Modelle auf der Amati-Tradition aufbauen und sie neu ausweiten.
  • Barockvioline Spätere historische Spiel- und Bauform der Violine, deren Grundlagen bei Andrea Amati vorbereitet sind.
  • Bassgeige Frühes Bassinstrument der Violinfamilie, wichtig für das Verständnis des King-Cellos.
  • Bergonzi-Familie Cremoneser Geigenbauerfamilie, die in der Nachfolge der Amati- und Stradivari-Tradition steht.
  • Catherine de' Medici Französische Königin und Regentin, deren Hof mit den bemalten Amati-Instrumenten verbunden ist.
  • Charles IX. von Frankreich Französischer König, dessen Wappen und Motto auf mehreren Amati-Instrumenten erscheinen.
  • Cremona Stadt in der Lombardei und Zentrum des klassischen italienischen Geigenbaus.
  • Cremoneser Geigenbau Instrumentenbaukultur, die mit Andrea Amati beginnt und durch Stradivari und Guarneri weltberühmt wurde.
  • f-Schallloch Charakteristische Deckenöffnung der Violine, die bei Amati in klassischer Form erscheint.
  • Geigenbau Handwerks- und Kunstform, deren klassische Gestalt Andrea Amati entscheidend mitprägte.
  • Geigenbauer Beruf, der bei Amati erstmals in der klassischen Cremoneser Ausprägung greifbar wird.
  • Guarneri-Familie Cremoneser Geigenbauerfamilie, die aus dem Umfeld der Amati-Tradition hervorging.
  • Innenform Werkstattmittel des Cremoneser Geigenbaus zur präzisen Formung von Zargen und Umriss.
  • Lack im Geigenbau Oberflächen- und Schutzschicht, die bei Cremoneser Instrumenten auch ästhetische Bedeutung besitzt.
  • Museo del Violino Cremona Museum zur Geschichte und Gegenwart des Cremoneser Geigenbaus.
  • Pietate et Justitia Motto auf Instrumenten aus der Charles-IX.-Gruppe Andrea Amatis.
  • Quo unico propugnaculo stat stabique religio Motto einer Gruppe dekorierter Amati-Instrumente mit französischem Hofbezug.
  • Rugeri-Familie Cremoneser Geigenbauerfamilie im weiteren Umfeld der Amati-Nachfolge.
  • The King Cello Berühmtes Bassinstrument Andrea Amatis aus dem französischen Hofkomplex.
  • Viola Mittelstimmeninstrument der Violinfamilie, das bereits in Andrea Amatis Werkstatt erscheint.
  • Violine Hauptinstrument der Violinfamilie, dessen klassische Form Andrea Amati entscheidend prägte.
  • Violinfamilie Instrumentengruppe aus Violine, Viola, Violoncello und verwandten Bassinstrumenten.
  • Violoncello Bassinstrument der Violinfamilie, dessen frühe Vorformen bei Amati als Bassgeigen begegnen.