Genesis 1,20 – Die Wasser wimmeln von Leben und Vögel fliegen am Himmelsfirmament

Bibel: Genesis / 1. Mose
Kapitel: 1
Vers: 20

20 Und Gott sprach: Es errege sich das Wasser mit webenden und lebendigen Tieren, und Gevögel fliege auf Erden unter der Feste des Himmels.

Hebräischer Text:

וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים יִשְׁרְצוּ הַמַּיִם שֶׁרֶץ נֶפֶשׁ חַיָּה וְעוֹף יְעוֹפֵף עַל־הָאָרֶץ עַל־פְּנֵי רְקִיעַ הַשָּׁמָיִם׃

Transliteration:

wayyōmer ʾĕlōhîm yišrəṣû hammayim šereṣ nepeš ḥayyāh wəʿôp yəʿôpēp ʿal-hāʾāreṣ ʿal-pənê rəqîaʿ haššāmayim

Wortnahe Übersetzung: „Und Gott sprach: Die Wasser sollen von einem Schwarm lebender Wesen wimmeln, und Flugtiere sollen über der Erde vor beziehungsweise über die Fläche der Feste des Himmels hin fliegen.“

Einleitung

Mit Genesis 1,20 beginnt der fünfte Schöpfungstag und zugleich eine neue Phase innerhalb der Schöpfungserzählung. Bis zum Ende des vierten Tages sind grundlegende Räume, Rhythmen und pflanzliche Lebensformen eingerichtet worden: Licht und Finsternis, Himmel und Wasser, trockenes Land und Meer, Vegetation sowie Sonne, Mond und Sterne mit ihren Funktionen für Tag, Nacht und Zeitordnung. Nun treten erstmals ausdrücklich bewegliche Tiere in die Erzählung ein. Die Wasser sollen von lebenden Wesen wimmeln, und Flugtiere sollen sich über der Erde im Himmelsraum bewegen.

Die Dynamik des Verses unterscheidet sich auffällig von den vorausgehenden Schöpfungsakten. Genesis 1,11 hatte die Erde aufgefordert, Vegetation hervorsprießen zu lassen; Pflanzen sind lebendig, werden im Text aber vor allem hinsichtlich Wachstum, Samen und Fruchtbarkeit beschrieben. Genesis 1,20 führt dagegen eine Welt voller eigenständiger Bewegung ein. Das Wasser יִשְׁרְצוּ, es soll „wimmeln“ beziehungsweise mit sich bewegenden Lebensformen erfüllt sein; das עוֹף soll יְעוֹפֵף, „fliegen“. Das Vokabular selbst vermittelt Bewegung.

Der Vers verbindet dabei die beiden großen Bereiche des zweiten Schöpfungstages mit der Ausstattung des fünften. In Genesis 1,6 bis Genesis 1,8 waren Wasser und Himmelsfeste geordnet worden. Nun werden die Wasser mit Leben erfüllt und der Raum an beziehungsweise unterhalb der Himmelsfeste von fliegenden Geschöpfen durchquert. Diese Entsprechung zwischen zweitem und fünftem Tag bildet neben der Beziehung zwischen erstem und viertem Tag ein wichtiges kompositorisches Strukturmerkmal von Genesis 1.

Der traditionelle deutsche Wortlaut „Es errege sich das Wasser mit webenden und lebendigen Tieren“ gibt die Bildhaftigkeit der älteren Übersetzung wieder, trifft den hebräischen Ausdruck jedoch nur indirekt. יִשְׁרְצוּ הַמַּיִם שֶׁרֶץ verwendet Verb und Substantiv derselben Wortfamilie und bedeutet wörtlicher: „Die Wasser sollen von Gewimmel wimmeln“ beziehungsweise „Die Wasser sollen Schwärme schwärmender Lebewesen hervorbringen beziehungsweise enthalten.“ Der Ausdruck erzeugt eine bewusst intensive Vorstellung massenhaften, bewegten Lebens.

Ebenso wichtig ist נֶפֶשׁ חַיָּה. Die Wendung sollte hier nicht mit einer späteren philosophischen Vorstellung einer vom Körper getrennten „Seele“ belastet werden. Sie bezeichnet ein lebendes Wesen, eine lebendige Kreatur beziehungsweise ein Wesen mit Leben. Dieselbe Wendung wird in Genesis 1 auch für Landtiere und in Genesis 2,7 sogar für den Menschen verwendet. Gerade dadurch zeigt der Text eine grundlegende Gemeinsamkeit tierischen und menschlichen Lebens, ohne die später beschriebenen Besonderheiten des Menschen aufzuheben.

Auch die Beschreibung der Vögel ist philologisch differenzierter als die traditionelle Fassung „unter der Feste des Himmels“. Das Hebräische lautet עַל־פְּנֵי רְקִיעַ הַשָּׁמָיִם. Wörtlich ist von einem Fliegen „über der Erde“ und „auf/vor der Fläche des Himmelsfirmaments“ die Rede. Die ältere Übersetzung „unter der Feste“ versucht die antike räumliche Vorstellung auszudrücken, nach der die Vögel auf der erdzugewandten Seite des Raqia fliegen. Sie ist daher interpretierend, nicht streng wortwörtlich.

Parallelstellen

Genesis 1,20 steht in einem dichten Netz innerbiblischer Parallelen. Einige Stellen greifen dieselben Wörter auf, andere führen die hier geschaffenen Lebensbereiche und Lebewesen weiter aus.

Genesis 1,21 ist die unmittelbarste Parallelstelle. Dort folgt auf den Befehl die Ausführung: Gott erschafft die großen Meeresgeschöpfe, jede נֶפֶשׁ הַחַיָּה, „lebende Kreatur“, die sich bewegt und mit der die Wasser gewimmelt haben, sowie jedes geflügelte Flugtier nach seiner Art. Vers 21 konkretisiert damit die allgemeinen Kategorien von Vers 20.

Genesis 1,22 fügt die erste ausdrückliche Segnung von Lebewesen hinzu: Die Wasserwesen sollen fruchtbar sein und sich vermehren, die Wasser der Meere füllen, und die Vögel sollen sich auf der Erde vermehren. Das in Vers 20 beginnende Gewimmel wird dadurch in eine sich fortpflanzende Lebensordnung überführt.

Genesis 1,24 bildet die auffälligste Parallele des sechsten Tages. Dort wird nicht das Wasser, sondern die Erde aufgefordert: תּוֹצֵא הָאָרֶץ נֶפֶשׁ חַיָּה, „Die Erde soll lebende Wesen hervorbringen“. Die Wendung נֶפֶשׁ חַיָּה verbindet Wasser- und Landtiere unter einer gemeinsamen Kategorie des tierischen Lebens.

Genesis 2,7 verwendet dieselbe Wortverbindung überraschenderweise für den Menschen: Der aus Staub geformte Mensch wird durch den göttlichen Lebenshauch לְנֶפֶשׁ חַיָּה, „zu einem lebenden Wesen“. Die Formulierung zeigt, dass נֶפֶשׁ חַיָּה kein exklusiv menschlicher Begriff und auch nicht automatisch eine körperlose „Seele“ ist.

Genesis 2,19 ist für die vergleichende Schöpfungsexegese besonders wichtig. Dort wird erzählt, JHWH Gott habe Tiere und Vögel aus dem Erdboden geformt. Diese zweite Schöpfungserzählung benutzt eine andere Darstellung als Genesis 1 und gehört nach verbreiteter historisch-kritischer Analyse zu einer eigenständigen literarischen Tradition. Sie sollte nicht vorschnell in die Abfolge von Genesis 1 hineingelesen werden.

Genesis 7,21 nennt im Sintflutbericht die verschiedenen beweglichen Lebewesen, darunter Vögel, Vieh, Wildtiere und Gewimmel. Die dortige Vernichtung des Lebens bildet eine De-Kreation, in der die geordneten Lebensbereiche von Genesis 1 teilweise rückgängig gemacht werden.

Genesis 9,7 verwendet die Wurzel שרץ sogar für Menschen: Noah und seine Söhne sollen fruchtbar sein, sich vermehren und auf der Erde „wimmeln“. Dies zeigt, dass die Wurzel nicht auf eine zoologische Klasse niedriger Tiere beschränkt ist, sondern auch massenhafte, bewegte Vermehrung bezeichnen kann.

Genesis 9,10 spricht im Bund nach der Sintflut von jeder נֶפֶשׁ חַיָּה, jedem lebenden Wesen, und verbindet Vögel, Vieh und Tiere der Erde. Der Schöpfungsbegriff von Genesis 1 wird damit in den Bund der erhaltenen Lebenswelt aufgenommen.

Psalm 104,25 beschreibt das große und weite Meer, in dem unzählige kleine und große Lebewesen wimmeln. Die poetische Schöpfungstheologie des Psalms steht Genesis 1,20–21 besonders nahe.

Psalm 104,26 ergänzt Schiffe und den Leviatan im Meer. Das große Meereswesen erscheint dort nicht als rivalisierende Gottheit, sondern als Geschöpf Gottes innerhalb des Meeresraumes.

Psalm 148,7 fordert die großen Meerestiere und Tiefen zum Lob Gottes auf. Die Meereswelt, die in manchen altorientalischen Traditionen mit chaotischer göttlicher Macht verbunden werden konnte, wird damit ausdrücklich in den Kreis der Geschöpfe und Lobenden eingeordnet.

Hesekiel 47,9 verwendet auffällig ähnliche Sprache für die vom Tempelstrom belebten Wasser: Überall, wohin der Strom gelangt, soll jede lebende Kreatur, die dort wimmelt, leben. Die Kombination von Wasser, Leben und Wimmeln erinnert deutlich an Genesis 1,20 und entfaltet das Schöpfungsmotiv als Bild erneuernden Lebens.

Wortanalyse

וַיֹּאמֶר, wayyōmer, ist Qal Wayyiqtol, 3. Person maskulin Singular, der Wurzel אמר, „sagen, sprechen“. Die bekannte Schöpfungsformel וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים, „Und Gott sprach“, eröffnet einen neuen göttlichen Befehl und damit den fünften Schöpfungstag.

אֱלֹהִים, ʾĕlōhîm, ist das Subjekt. Wie im gesamten Kapitel steht das zugehörige Verb im Singular.

יִשְׁרְצוּ, yišrəṣû, ist Qal Imperfekt, 3. Person maskulin Plural, von שרץ. Im Zusammenhang des göttlichen Befehls besitzt die Form jussivische Bedeutung: „sie sollen wimmeln“, „sie sollen schwärmen“. Ein formal gesonderter Jussiv ist im maskulinen Plural hier nicht erkennbar; der modale Sinn ergibt sich aus dem Kontext.

הַמַּיִם, hammayim, „die Wasser“, ist das Subjekt des Verbs יִשְׁרְצוּ. Grammatisch wird den Wassern damit eine produktive beziehungsweise raumfüllende Funktion zugeschrieben: Sie sollen von lebendiger Bewegung erfüllt sein.

שֶׁרֶץ, šereṣ, ist ein Substantiv derselben Wortfamilie wie שרץ. Es kann „Gewimmel“, „Schwarm“, „schwärmendes Getier“ oder bestimmte sich massenhaft bewegende kleine Tiere bezeichnen. Die Verbindung יִשְׁרְצוּ ... שֶׁרֶץ ist eine intensive etymologische Figur: Verb und verwandtes Substantiv verstärken einander.

נֶפֶשׁ, nepeš, besitzt ein breites Bedeutungsfeld: Kehle, Atemwesen, Leben, Person, Lebewesen, Selbst. Welche deutsche Übersetzung angemessen ist, entscheidet der Kontext. In Genesis 1,20 bezeichnet es zusammen mit חַיָּה eindeutig lebende Kreaturen.

חַיָּה, ḥayyāh, ist das feminine Adjektiv „lebend“. Es stimmt mit dem grammatisch femininen נֶפֶשׁ überein. Zusammen bedeutet נֶפֶשׁ חַיָּה „lebendes Wesen“, „lebende Kreatur“.

וְעוֹף, wəʿôp, verbindet „und“ mit עוֹף. Das Wort bezeichnet geflügelte beziehungsweise fliegende Tiere und kann kollektiv gebraucht werden. „Vogel“ ist im Kontext oft passend, „Flugtier“ beziehungsweise „Fluggetier“ ist lexikalisch weiter.

יְעוֹפֵף, yəʿôpēp, bezeichnet das Fliegen beziehungsweise Hin- und Herfliegen. Die Form gehört zur Wurzel עוף. Die klangliche Verbindung עוֹף יְעוֹפֵף entspricht dem Muster des ersten Satzteils: Das Substantiv „Flugtier“ und das verwandte Verb „fliegen“ verstärken einander.

עַל־הָאָרֶץ, ʿal-hāʾāreṣ, bedeutet „über der Erde“, „über das Land hin“. Die fliegenden Wesen gehören zum Himmelsraum, bleiben aber auf den terrestrischen Lebensraum bezogen.

עַל־פְּנֵי, ʿal-pənê, ist eine häufige räumliche Verbindung. Wörtlich bedeutet sie „auf der Fläche von“, „über die Oberfläche von“, „vor dem Angesicht von“ beziehungsweise kontextuell „entlang/vor“.

רְקִיעַ הַשָּׁמָיִם, rəqîaʿ haššāmayim, bezeichnet die Feste des Himmels beziehungsweise das Himmelsfirmament, das seit Genesis 1,6 bis Genesis 1,8 Teil der kosmischen Ordnung ist.

Grammatik und Syntax

Genesis 1,20 besteht nach der Einleitungsformel aus zwei koordinierten Aufforderungssätzen. Der erste lautet יִשְׁרְצוּ הַמַּיִם שֶׁרֶץ נֶפֶשׁ חַיָּה: „Die Wasser sollen von Gewimmel lebender Wesen wimmeln.“ Der zweite lautet וְעוֹף יְעוֹפֵף עַל־הָאָרֶץ עַל־פְּנֵי רְקִיעַ הַשָּׁמָיִם: „Und Flugtiere sollen über der Erde vor/über der Fläche der Himmelsfeste fliegen.“ Beide Sätze besitzen ihre eigenen grammatischen Subjekte.

Gerade diese Syntax ist für eine alte Auslegungsfrage wichtig. Im ersten Satz sind הַמַּיִם, „die Wasser“, eindeutig Subjekt von יִשְׁרְצוּ. Im zweiten Satz ist dagegen עוֹף, „Fluggetier“, das Subjekt von יְעוֹפֵף, „soll fliegen“. Das masoretische Hebräisch formuliert daher nicht grammatisch zwingend „Die Wasser sollen Fische und Vögel hervorbringen“. Es sagt zunächst, dass die Wasser von lebenden Wesen wimmeln sollen, und anschließend, dass Flugtiere fliegen sollen.

Die Septuaginta und die Vulgata ordnen den Satz anders. Ihre Formulierungen können leichter so verstanden werden, dass die Wasser sowohl schwimmende als auch fliegende Lebewesen hervorbringen sollen. Diese Übersetzungstradition beeinflusste erheblich die patristische und scholastische Diskussion über die Herkunft der Vögel. Für die Auslegung des masoretischen Textes muss diese rezeptionsgeschichtliche Lesart jedoch vom unmittelbaren hebräischen Satzbau unterschieden werden.

Auffällig ist außerdem der Gebrauch von Klang- und Wurzelwiederholung. יִשְׁרְצוּ ... שֶׁרֶץ entspricht ungefähr „sie sollen schwärmen – ein Schwarm“, während עוֹף יְעוֹפֵף etwa „Fluggetier soll fliegen“ lautet. Beide Satzhälften besitzen dadurch eine lautmalerisch wirkende Dynamik. Die Sprache erzählt nicht statische Tierlisten, sondern Bewegung.

Der erste Satz verwendet ein pluralisches Verb mit dem grammatisch pluralisch beziehungsweise dualisch geprägten מַיִם. Der zweite behandelt עוֹף als kollektiven Singular. Damit können viele Vögel beziehungsweise Flugtiere unter einem Singularbegriff zusammengefasst werden.

וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים – „Und Gott sprach“

Der fünfte Tag beginnt wie mehrere vorausgehende Schöpfungsabschnitte mit dem göttlichen Wort. Die Formel stellt die entstehende Tierwelt unter dieselbe souveräne Schöpfermacht wie Licht, Himmel, Erde, Vegetation und Himmelslichter. Leben entsteht in der literarischen Darstellung nicht durch einen Götterkampf, eine göttliche Zeugung oder eine selbstständige Macht des Meeres, sondern auf göttliches Sprechen hin.

Gleichzeitig ist bemerkenswert, dass Gott die bereits geschaffenen Bereiche in das Hervorbringen beziehungsweise Tragen neuen Lebens einbezieht. Am dritten Tag heißt es „Die Erde lasse aufgehen“; am fünften Tag „Die Wasser sollen wimmeln“; am sechsten Tag wird die Erde lebende Wesen hervorbringen. Der Schöpfer schafft damit nicht nur einzelne Objekte unmittelbar, sondern befähigt geschaffene Bereiche zu produktiver Funktion.

Genesis 1,21 wird dennoch ausdrücklich sagen, dass Gott die großen Meereswesen und die übrigen lebenden Geschöpfe „schuf“. Die Mitwirkung beziehungsweise produktive Funktion des Wassers hebt die schöpferische Urheberschaft Gottes also nicht auf. Genesis verbindet göttliches Schaffen mit geschöpflicher Hervorbringungsfunktion.

יִשְׁרְצוּ הַמַּיִם – „Die Wasser sollen wimmeln“

יִשְׁרְצוּ vermittelt eine Vorstellung dichter, lebhafter und vielfacher Bewegung. Eine Übersetzung wie „das Wasser errege sich“ konzentriert sich auf die Bewegung des Wassers selbst; der hebräische Ausdruck meint jedoch vor allem, dass das Wasser durch eine Vielzahl sich bewegender Lebewesen belebt beziehungsweise erfüllt sein soll. Moderne Wiedergaben wie „Die Wasser sollen von Lebewesen wimmeln“ erfassen diese Semantik daher genauer.

Die Wurzel שרץ kann das Schwärmen, Wimmeln, Sichvermehren und massenhafte Sichbewegen bezeichnen. Besonders wichtig ist Genesis 9,7, wo die Wurzel auf Noah und seine Nachkommen angewandt wird. Dadurch wird deutlich, dass sie nicht an sich eine abwertende zoologische Kategorie meint. Ihre Grundidee ist dynamische, zahlreiche Lebensbewegung.

Genesis 1,20 verwandelt damit die zuvor räumlich geordneten Wasser in einen Lebensraum. Das Meer ist nicht länger nur von trockenem Land abgegrenzt. Es wird bevölkert. Die Schöpfung schreitet von Raumordnung zur Fülle des Lebens fort.

שֶׁרֶץ – „Schwarm, Gewimmel, schwärmendes Getier“

Das Substantiv שֶׁרֶץ ist schwierig mit einem einzigen deutschen Wort wiederzugeben. Es bezeichnet in verschiedenen Texten kleine beziehungsweise sich dicht bewegende Tiere und kann kollektiv „Gewimmel“ oder „Schwarm“ bedeuten. Im späteren Pentateuch wird שֶׁרֶץ auch zu einem Terminus bestimmter Tiergruppen innerhalb kultischer Reinheitsvorschriften.

Raschi definiert שֶׁרֶץ breit als lebende Wesen, die sich nicht weit über den Boden beziehungsweise ihre Bewegungsfläche erheben, und rechnet dazu verschiedene kleine Tiere sowie alle Fische. Diese traditionelle Erklärung versucht, die verschiedenen Vorkommen des Wortes zu systematisieren.

Ramban widerspricht einer zu engen morphologischen Definition und verweist unter anderem darauf, dass die Wurzel in Genesis 9,7 auch für Menschen verwendet wird. Er bevorzugt im Anschluss an Onkelos eine Deutung aus der Bewegung: שרץ beschreibt das sich bewegende, schwärmende Leben. Diese Erklärung passt besonders gut zur dynamischen Bildsprache von Genesis 1,20.

Der traditionelle deutsche Ausdruck „webende Tiere“ ist heute missverständlich. „Weben“ hatte älter auch die Bedeutung eines lebhaften Hin- und Herbewegens. Moderne Leser denken dagegen gewöhnlich an das Herstellen von Gewebe. Für die Analyse ist deshalb „schwärmende“, „wimmelnde“ oder „sich bewegende Lebewesen“ präziser.

נֶפֶשׁ חַיָּה – „lebendes Wesen“

Die Wendung נֶפֶשׁ חַיָּה ist für die biblische Anthropologie und Zoologie von grundlegender Bedeutung. In Genesis 1,20 bezeichnet sie die lebenden Wesen der Wasserwelt. In Genesis 1,21 kehrt die Formulierung bei den tatsächlich geschaffenen Wasserlebewesen wieder, und in Genesis 1,24 wird sie auf Landtiere angewandt.

נֶפֶשׁ wird traditionell häufig mit „Seele“ übersetzt. Diese Wiedergabe kann in bestimmten Zusammenhängen sinnvoll sein, ist hier jedoch gefährlich, wenn sie die Vorstellung einer vom Körper grundsätzlich getrennten immateriellen Substanz einträgt. In Genesis 1,20 bezeichnet נֶפֶשׁ חַיָּה das konkrete lebende Geschöpf als Ganzes.

Shadal verbindet נֶפֶשׁ traditionsgeschichtlich mit Atem und beschreibt נֶפֶשׁ חַיָּה als ein Wesen, das Leben besitzt. Seine spezifische etymologische Herleitung ist historisch-philologisch nicht in jedem Detail zwingend, doch seine semantische Beobachtung trifft den Kontext: Gemeint ist ein lebendes, atmendes beziehungsweise beseeltes Wesen, nicht eine abstrakte körperlose Seele.

Die Bedeutung wird besonders durch Genesis 2,7 sichtbar. Dort wird auch der Mensch nach Empfang des Lebenshauches נֶפֶשׁ חַיָּה. Der Mensch hat in dieser Formulierung nicht einfach eine נֶפֶשׁ חַיָּה; er wird zu einem lebenden Wesen. Tier und Mensch teilen daher eine grundlegende Kategorie geschöpflichen Lebens.

Genesis 1 wird später zugleich Besonderheiten des Menschen formulieren, insbesondere das Bild Gottes in Genesis 1,26–27. Die gemeinsame Bezeichnung נֶפֶשׁ חַיָּה hebt diese Differenz nicht auf, verhindert jedoch eine Vorstellung, nach der nur der Mensch „wirklich lebendig“ oder nur tierisches Leben bloße Sache wäre.

וְעוֹף – „Flugtier, Vogel“

עוֹף wird traditionell mit „Vogel“, „Geflügel“ oder „Gevögel“ übersetzt. Lexikalisch ist der Ausdruck stärker von der Fähigkeit beziehungsweise Erscheinungsform des Fliegens bestimmt als moderne zoologische Kategorien. In Genesis 1,21 steht genauer עוֹף כָּנָף, wörtlich „Flugtier des Flügels“ beziehungsweise „geflügeltes Flugtier“.

„Gevögel“ ist eine ältere deutsche Sammelbezeichnung und heute archaisch. Sie ist als historische Versfassung verständlich, sollte in der Analyse aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der hebräische Ausdruck kollektiv und funktional ist. „Vögel“ ist idiomatisch, „Flugtiere“ bildet die semantische Breite genauer ab.

Der Vers beschreibt damit die Belebung des Luftraumes. Nachdem der zweite Schöpfungstag den Himmelsbereich eingerichtet und der vierte ihn mit Lichtträgern ausgestattet hat, bewegt sich nun tierisches Leben innerhalb der erdnahen Himmelszone. Der Kosmos wird zunehmend dynamisch.

יְעוֹפֵף – „es soll fliegen“

יְעוֹפֵף steht in deutlicher Klangbeziehung zu עוֹף. Die hebräische Formulierung ist deshalb fast lautmalerisch: וְעוֹף יְעוֹפֵף, „und Fluggetier soll fliegen“. Wie bei יִשְׁרְצוּ ... שֶׁרֶץ intensiviert die Wiederholung einer Wortwurzel das Bewegungsmotiv.

Der Text benennt nicht lediglich eine Tierklasse, sondern beschreibt ihre charakteristische Bewegung. Wasserwesen wimmeln; Flugtiere fliegen. Die fünfte Tagesphase zeichnet sich damit durch Eigenbewegung aus. Lebewesen durchqueren die ihnen zugewiesenen Räume.

Diese Beweglichkeit unterscheidet den fünften Tag erzählerisch von der Vegetation des dritten Tages. Pflanzen wachsen an ihrem Ort; Tiere bewegen sich innerhalb ihrer Lebensräume. Genesis stellt damit keinen modernen biologischen Taxonomieentwurf auf, entwickelt aber eine wahrnehmbare Hierarchie zunehmender Dynamik und Komplexität.

עַל־הָאָרֶץ – „über der Erde“

Die Vögel beziehungsweise Flugtiere fliegen עַל־הָאָרֶץ, „über der Erde“. Der Ausdruck zeigt, dass der Himmelsraum aus terrestrischer Perspektive beschrieben wird. Flugtiere gehören nicht zu einer völlig getrennten himmlischen Welt, sondern bewegen sich über dem Land und bleiben funktional auf die Erde bezogen.

In Genesis 1,22 wird diese Verbindung weiter verstärkt: Die Vögel sollen sich בָּאָרֶץ, „auf/in der Erde“, vermehren. Ihre Bewegung findet im Luftraum statt, ihre Lebenswelt umfasst aber auch den Erdbereich. Nester, Nahrung, Fortpflanzung und Rast verbinden Luft und Erde.

Der fünfte Schöpfungstag überschreitet dadurch starre räumliche Trennungen. Geschöpfe können einen Bereich primär bewohnen und dennoch andere Bereiche funktional berühren. Das entspricht der allgemeinen Genesisstruktur: Scheidung schafft geordnete Räume, aber nicht völlige Isolation.

עַל־פְּנֵי רְקִיעַ הַשָּׁמָיִם – „vor der Fläche der Himmelsfeste“

Der Ausdruck עַל־פְּנֵי bedeutet wörtlich etwa „auf der Fläche“, „über die Oberfläche“, „vor dem Angesicht“ oder „entlang der Vorderseite“. In Verbindung mit רְקִיעַ הַשָּׁמָיִם entsteht eine räumliche Vorstellung, nach der die Flugtiere vor beziehungsweise entlang der erdzugewandten Fläche der Himmelsfeste fliegen.

Die genaue Rekonstruktion des antiken kosmographischen Bildes ist diskutierbar. Sicher ist jedoch, dass die hebräische Formulierung nicht einfach das moderne Konzept einer Atmosphäre beschreibt. רָקִיעַ ist derselbe Himmelsbereich, der am zweiten Tag Wasser von Wasser trennt und am vierten Tag mit den Himmelslichtern verbunden wird.

Genesis 1,20 ordnet nun die fliegenden Tiere in den Raum zwischen Erde und sichtbarem Himmelsgewölbe ein. Der Vers beschreibt also die Lebenswelt aus phänomenologischer Perspektive: Menschen sehen Vögel über der Erde vor dem Himmel fliegen.

„Unter der Feste“ und der hebräische Wortlaut

Die traditionelle deutsche Form „unter der Feste des Himmels“ ist keine ganz wörtliche Wiedergabe von עַל־פְּנֵי רְקִיעַ הַשָּׁמָיִם. Ein eigenes Wort für „unter“, etwa תַּחַת, steht hier nicht. Die Übersetzung versucht vielmehr, die räumliche Konsequenz der antiken Vorstellung auszudrücken: Wenn das Firmament über der Erde liegt und die Vögel vor seiner erdzugewandten Fläche fliegen, befinden sie sich aus dieser Perspektive „unter“ ihm.

Eine philologisch nähere deutsche Wiedergabe wäre daher: „Vögel sollen über der Erde vor der Fläche der Himmelsfeste fliegen“ oder idiomatischer „Vögel sollen über der Erde am Himmelsgewölbe entlang fliegen“. Keine moderne deutsche Formulierung kann die antike räumliche Metapher völlig neutral wiedergeben.

Diese Differenz ist methodisch wichtig. Historische Bibelübersetzungen dürfen nicht automatisch mit der grammatischen Struktur des hebräischen Ausgangstextes gleichgesetzt werden. Zugleich ist die traditionelle Übersetzung nicht sinnlos: Sie interpretiert den Vers innerhalb einer bestimmten kosmographischen Vorstellung.

Beginn des fünften Schöpfungstages

Genesis 1,20 eröffnet nach dem Abschluss des vierten Tages in Genesis 1,19 den fünften Tag. Dieser umfasst die Verse 20 bis Genesis 1,23. Er enthält den Befehl zur Entstehung beziehungsweise Fülle von Wasser- und Fluglebewesen, die konkrete Schöpfung dieser Tiere, die göttliche Gutheißung, erstmals eine ausdrückliche Segnung tierischen Lebens und schließlich die Tagesabschlussformel.

Mit diesem Tag beginnt in besonderer Weise die Schöpfung selbstständig bewegter und reproduzierender Tierwelt. Die Pflanzen des dritten Tages tragen bereits Samen und besitzen eine Fortpflanzungsordnung, doch am fünften Tag wird die Vermehrung erstmals durch einen ausdrücklichen göttlichen Segen formuliert.

Genesis 1,20 ist daher Schwellenvers. Der Kosmos wird von einem geordneten und fruchtbaren Raum zu einer Welt voller wahrnehmbarer tierischer Bewegung. Wasser und Luftraum werden zu Lebensräumen.

Zweiter und fünfter Schöpfungstag

Die Beziehung zwischen zweitem und fünftem Tag entspricht strukturell der bereits beobachteten Beziehung zwischen erstem und viertem Tag. Am zweiten Tag wird der Raqia eingerichtet und werden obere und untere Wasser geschieden. Der fünfte Tag greift genau diese Bereiche auf: Die unteren Wasser wimmeln von Lebewesen, während fliegende Tiere den Bereich vor der Himmelsfeste durchqueren.

Thomas von Aquin fasst diese Korrespondenz später als Verhältnis von Werk der Unterscheidung und Werk der Ausschmückung auf. Der zweite Tag ordne Wasser und Himmelsbereich; der fünfte statte die entsprechenden Räume mit Fischen und Vögeln aus. Diese systematische Terminologie ist scholastisch und nicht selbst Bestandteil des Genesiswortlauts, beschreibt aber eine reale literarische Korrespondenz.

Das Schema ist wiederum nicht vollkommen mechanisch. Die Vögel stehen in einer komplexen Beziehung zu Himmel und Erde; Wasserwesen umfassen sehr verschiedene Lebensformen. Dennoch ist die Grundstruktur deutlich: bereits geschaffene Räume werden zu belebten Räumen.

Von unbelebter zu bewegter Schöpfung

Die sprachliche Dynamik von Genesis 1,20 fällt besonders gegenüber den vorhergehenden Tagen auf. Wasser sollen „wimmeln“, Flugtiere sollen „fliegen“. Die Welt erhält Geschöpfe, die sich aus eigener tierischer Lebendigkeit durch Räume bewegen. Der Text inszeniert damit eine neue qualitative Ebene des Schöpfungswerks.

Diese Beobachtung sollte nicht als moderne Evolutionsbiologie ausgegeben werden. Genesis entwickelt keine wissenschaftliche Theorie der Abstammung oder biologischen Komplexitätsstufen. Literarisch ist jedoch klar, dass die Erzählung von grundlegenden kosmischen Bereichen über Vegetation und Himmelslichter zu beweglichen Tieren und schließlich zum Menschen fortschreitet.

Der fünfte Tag ist somit von Bewegung und Vermehrungsfähigkeit geprägt. Im folgenden Vers werden die einzelnen Lebensformen „nach ihrer Art“ geschaffen; danach erhalten sie den Segen, fruchtbar zu sein und sich zu vermehren. Leben besitzt nun eigene Dynamik innerhalb der von Gott gesetzten Ordnung.

Wasser als Lebensraum

Das Wasser besitzt in Genesis 1 eine bemerkenswerte Entwicklung. In Genesis 1,2 gehört es zur noch ungeordneten Anfangsszene: Finsternis liegt über der Tiefe, und Gottes Geist beziehungsweise Wind bewegt sich über den Wassern. Am zweiten Tag werden die Wasser durch den Raqia unterschieden; am dritten Tag werden die unteren Wasser gesammelt und als Meere benannt. Nun, am fünften Tag, werden diese bereits geordneten Wasser zum Raum überwältigender biologischer Fülle.

Das Motiv ist theologisch bedeutsam. Wasser steht nicht ausschließlich für Chaos oder Bedrohung. Es kann zugleich zum Lebensraum werden. Die ursprünglichen Wasser werden nicht vernichtet; sie werden geordnet und anschließend mit Leben erfüllt.

Diese Linie wird in Psalm 104 poetisch aufgenommen. Das große Meer enthält unzählige Lebewesen, kleine und große; selbst der Leviatan gehört darin zur geschaffenen Welt. Die biblische Schöpfungstheologie kann den mächtigen und für Menschen unbeherrschbaren Meeresraum anerkennen, ohne ihn außerhalb göttlicher Ordnung zu stellen.

Entstehen die Vögel nach Vers 20 aus dem Wasser?

Diese Frage gehört zu den wichtigsten philologischen Problemen des Verses. In vielen älteren Übersetzungs- und Auslegungstraditionen wird Genesis 1,20 so verstanden, dass die Wasser sowohl Wasserlebewesen als auch Vögel hervorbringen. Die Septuaginta formuliert ἐξαγαγέτω τὰ ὕδατα ... καὶ πετεινὰ, sodass „die Wasser“ grammatisch als hervorbringendes Subjekt auch für die fliegenden Wesen verstanden werden können. Die Vulgata Producant aquae ... et volatile legt denselben Zusammenhang nahe.

Der masoretische hebräische Text ist jedoch anders gebaut. Nach יִשְׁרְצוּ הַמַּיִם שֶׁרֶץ נֶפֶשׁ חַיָּה folgt ein neuer koordinierter Satz: וְעוֹף יְעוֹפֵף. Das grammatische Subjekt des zweiten Verbs ist עוֹף, nicht הַמַּיִם. Die hebräische Syntax sagt daher sicher, dass Wasser von Lebewesen wimmeln und Flugtiere fliegen sollen; sie sagt an dieser Stelle nicht zwingend, dass die Vögel materiell aus dem Wasser entstehen.

Genesis 1,21 formuliert die Ausführung wiederum so, dass Gott die großen Meerestiere, alle lebenden Wasserwesen und jedes geflügelte Flugtier erschafft. Auch dort wird die göttliche Urheberschaft in den Vordergrund gerückt.

Diese philologische Differenz erklärt, warum verschiedene Auslegungstraditionen zu unterschiedlichen Vorstellungen gelangten. Basilius und später Thomas von Aquin diskutieren die Hervorbringung der Vögel aus Wasser beziehungsweise aus einem wasserhaltigen unteren Luftbereich. Solche Modelle sind stark von der griechisch-lateinischen Bibeltradition und antiker Elementenlehre geprägt.

Genesis 1,20 und Genesis 2,19

Genesis 2,19מִן־הָאֲדָמָה, „aus dem Erdboden“, formte. Wenn Genesis 1,20 über die Septuaginta- oder Vulgatatradition so gelesen wird, als entstünden Vögel aus Wasser, entsteht eine auffällige Differenz zwischen beiden Schöpfungsdarstellungen.

Im masoretischen Text von Genesis 1,20 ist der Gegensatz weniger scharf, weil der Vers die Vögel nicht ausdrücklich „aus dem Wasser“ entstehen lässt. Dennoch unterscheiden sich Genesis 1 und Genesis 2 deutlich in Aufbau, Terminologie und Schöpfungsabfolge.

Historisch-kritische Forschung behandelt Genesis 1,1–2,4a und Genesis 2,4b ff. gewöhnlich als literarisch unterschiedliche Schöpfungstraditionen, die in der Endgestalt des Buches nebeneinanderstehen. Genesis 1 ist stark schematisch, kosmisch und auf die Siebentagesstruktur ausgerichtet; Genesis 2 konzentriert sich auf Garten, Mensch, Tiere und menschliche Beziehungen.

Eine sachgerechte Auslegung muss diese Unterschiede nicht künstlich beseitigen. Kanonische Interpretation kann fragen, wie beide Texte gemeinsam gelesen wurden; historische Analyse darf zugleich festhalten, dass sie unterschiedliche Perspektiven und Erzählordnungen besitzen.

נֶפֶשׁ חַיָּה bei Tier und Mensch

Die gemeinsame Bezeichnung tierischen und menschlichen Lebens als נֶפֶשׁ חַיָּה besitzt erhebliche anthropologische Bedeutung. In Genesis 1,20 ist der Ausdruck eindeutig tierisch. In Genesis 1,24 wird er erneut für Landtiere verwendet. Genesis 2,7 bezeichnet schließlich den Menschen mit derselben Grundformel.

Dies zeigt zunächst eine elementare Gemeinsamkeit: Mensch und Tier gehören zur Kategorie lebender Geschöpfe. Beide sind keine Götter; beide verdanken ihr Leben dem Schöpfer. Eine Interpretation, die נֶפֶשׁ ausschließlich als eine unsterbliche menschliche Seele versteht, kann diesen Wortgebrauch nicht angemessen erklären.

Genesis differenziert den Menschen später durch andere Aussagen, besonders durch das Bild Gottes, den besonderen Schöpfungsakt und die menschliche Herrschaftsaufgabe. Die Besonderheit des Menschen wird also nicht dadurch hergestellt, dass nur er „Nefesch“ wäre. Sie liegt auf anderen theologischen Ebenen.

Diese Beobachtung ist zugleich für eine biblische Tierethik relevant. Tiere werden als lebende Wesen mit eigenem göttlichem Ursprung, Lebensraum und später eigenem Segen dargestellt. Sie sind nicht bloße Sachen, deren einziger Sinn im menschlichen Gebrauch besteht.

Literarische Funktion

Genesis 1,20 eröffnet eine neue Schöpfungseinheit durch das bekannte „Und Gott sprach“, führt aber zugleich ein neues Vokabular von Bewegung und Leben ein. Die Komposition verbindet deshalb Wiederholung und Innovation. Die Form des Schöpfungsbefehls bleibt vertraut; sein Inhalt erreicht eine neue Stufe.

Der Vers besitzt zudem eine deutliche Binnenparallelität. Wasser – Wimmeln – lebende Wesen bilden die erste Bewegung; Flugtiere – Fliegen – Himmel bilden die zweite. Beide Hälften werden durch lautliche Wiederholungen verstärkt. Die Sprache selbst scheint gleichsam zu „wimmeln“ und zu „fliegen“.

Innerhalb der großen Tagesarchitektur nimmt Vers 20 den zweiten Tag wieder auf. Wasser und Himmelsraum, die zuvor getrennt und geordnet wurden, erhalten nun bewegliche Bewohner. Das literarische Prinzip lautet damit nicht einfach „erst leere Räume, dann Inhalt“, sondern genauer: räumliche Ordnung bereitet funktionale Lebensräume vor.

Vers 20 ist zugleich nur der Befehl. Genesis 1,21 wird die tatsächliche Schöpfung erzählen, Vers 22 die Tiere segnen und Vers 23 den fünften Tag abschließen. Die Erzählung entfaltet das neue Leben also in mehreren Stufen: göttliche Anordnung, Schöpfung, Bewertung, Segen und zeitlicher Abschluss.

Subtext

Ein erster Subtext liegt in der Überwindung von Leere ohne Vernichtung des Raumes. Das Meer bleibt Meer, der Himmel bleibt Himmel; beide werden nun belebt. Schöpfung bedeutet nicht, frühere Bereiche durch neue zu ersetzen, sondern ihnen zunehmend reichere Funktionen zu geben.

Ein zweiter Subtext besteht in der positiven Bewertung tierischer Fülle. „Wimmeln“ kann für moderne Leser leicht nach Unordnung klingen. Im Schöpfungsbericht ist die Fülle dagegen gewollt. Viele sich bewegende Lebewesen sind kein Rückfall ins Chaos, sondern Ausdruck erfolgreicher Fruchtbarkeit.

Ein dritter Subtext betrifft das Meer. In zahlreichen antiken Mythen kann das Meer Sitz chaotischer und göttlicher Mächte sein. Genesis erzählt dagegen, dass es mit Geschöpfen erfüllt wird. Auch die später in Vers 21 genannten großen Meerestiere sind keine Rivalen des Schöpfers. Der gefährlichste und am wenigsten kontrollierbare Lebensraum bleibt Teil der guten Schöpfung.

Ein vierter Subtext liegt in der Eigenbewegung. Die ersten Tiergeschöpfe bewegen sich selbstständig. Gott schafft damit Wesen, deren Leben eine eigene Dynamik besitzt. Geschöpfliche Selbsttätigkeit ist innerhalb der Schöpfung nicht Konkurrenz zu Gott, sondern Ergebnis seiner schöpferischen Macht.

Ein fünfter Subtext betrifft den Wert nichtmenschlichen Lebens. Die Tiere erscheinen vor dem Menschen und erhalten im folgenden Vers eine eigene göttliche Bewertung sowie anschließend einen eigenen Segen. Ihre Existenz wird nicht erst durch ihren späteren Nutzen für Menschen legitimiert.

Ein sechster Subtext liegt in der Gemeinsamkeit der Lebensbezeichnung. Wasserlebewesen sind נֶפֶשׁ חַיָּה; später sind Landtiere und sogar der Mensch ebenfalls lebende Wesen. Genesis errichtet innerhalb der Schöpfung Unterschiede, aber auch tiefe Gemeinsamkeiten.

Ein siebter Subtext besteht in der Verbindung von Grenze und Bewegungsfreiheit. Wasserwesen leben im Wasser; Flugtiere fliegen über der Erde im Himmelsbereich. Freiheit erscheint nicht als völlige Grenzenlosigkeit, sondern als lebendige Bewegung innerhalb geeigneter Lebensräume.

Ein achter Subtext betrifft die Produktivität der geschaffenen Welt. Gott sagt nicht ausschließlich „Ich erschaffe Tiere“, sondern lässt die Wasser wimmeln. Die Naturbereiche besitzen innerhalb göttlicher Souveränität eine ihnen verliehene Produktivität. Dies bereitet die ausdrückliche Fortpflanzungsfähigkeit in Vers 22 vor.

Historische Einordnung

Genesis 1,1–2,4a wird in der historisch-kritischen Forschung überwiegend als priesterlich geprägte Schöpfungserzählung verstanden. Genesis 1,20 zeigt charakteristische Merkmale dieser Komposition: formelhafte göttliche Rede, geordnete Lebensbereiche, spätere Differenzierung „nach Arten“, Gutheißung, Segen und klare Einordnung in die Siebentagesstruktur.

Der fünfte Tag steht kompositorisch in Beziehung zum zweiten. Diese Symmetrie gehört zu den stärksten literarischen Merkmalen des Kapitels. Während der zweite Tag die Bereiche Wasser und Himmel ordnet, stattet der fünfte sie mit tierischem Leben aus. Die Schöpfung wird dadurch als schrittweise Herstellung einer geordneten bewohnbaren Welt erzählt.

Viele Forschungsmodelle verorten die entscheidende literarische Gestalt der priesterlichen Schöpfungserzählung in exilischer oder früher nachexilischer Zeit. Die genaue Datierung bleibt umstritten. Für Genesis 1,20 ist religionsgeschichtlich besonders relevant, dass Meeres- und Himmelswelt nicht als Domänen unabhängiger Gottheiten auftreten. Alles Leben entsteht unter Elohims Befehl.

Die Kategorien des Verses sind phänomenologisch und nicht modern-zoologisch. שֶׁרֶץ, עוֹף und נֶפֶשׁ חַיָּה bilden keine Taxonomie im Sinn heutiger Biologie. Sie ordnen Lebewesen danach, wie sie sich bewegen, wo sie leben und wie sie dem menschlichen Beobachter erscheinen.

Ebenso ist der רָקִיעַ Teil antiker Kosmographie und nicht mit einem modernen Begriff von Atmosphäre oder Weltraum identisch. Eine historisch angemessene Interpretation respektiert diese Differenz, anstatt moderne Naturwissenschaft in die antike Terminologie hineinzulesen.

Altorientalischer Hintergrund

Das Meer besitzt in altorientalischen kosmologischen Traditionen häufig eine besondere religiöse Bedeutung. Mächtige Meereswesen und chaotische Wasser können mit Götterkämpfen und der Errichtung kosmischer Herrschaft verbunden sein. Genesis 1 verwendet ebenfalls Wasser, Tiefe und große Meerestiere, ordnet sie jedoch in ein grundlegend anderes theologisches Schema ein.

Genesis 1,20 erzählt keinen Kampf gegen das Wasser. Gott muss das Meer nicht bezwingen, damit darin Leben entstehen kann. Die Wasser reagieren auf das Schöpfungswort und werden Lebensraum. Im folgenden Vers werden selbst die תַּנִּינִם הַגְּדֹלִים, die großen Meerestiere beziehungsweise Seeungeheuer, ausdrücklich von Gott geschaffen.

Diese Darstellung besitzt eine entmythologisierende Wirkung. Was andernorts als göttlich oder dämonisch erscheinen könnte, wird zum Geschöpf. Gleichzeitig verliert das Meer nicht seine Größe und Fremdheit. Genesis kann die Fülle und Macht der Wasserwelt anerkennen, ohne sie zu vergöttlichen.

Auch die Vogelwelt wird nicht mit eigenständigen Himmelsgottheiten verbunden. Flugtiere durchqueren den Raum vor dem von Gott geschaffenen Firmament. Himmel, Wasser und Tiere gehören dadurch zu einem einzigen, hierarchisch geordneten Kosmos.

Jüdische Rezeption

Die jüdische Auslegung von Genesis 1,20 konzentriert sich besonders auf die Begriffe שֶׁרֶץ und נֶפֶשׁ חַיָּה sowie auf die Frage nach der produktiven Funktion des Wassers. Raschi bietet knappe lexikalische Definitionen, Ramban diskutiert die genaue Bewegungsbedeutung von שרץ, und Bereschit Rabbah entfaltet die Fähigkeit Gottes, selbst im flüssigen Element vielfältige Lebensformen hervorzubringen.

Diese Kommentare zeigen unterschiedliche exegetische Methoden. Raschi sammelt sprachliche und midraschische Tradition; Ramban prüft Begriffsdefinitionen anhand weiterer Bibelstellen und widerspricht gegebenenfalls seinem Vorgänger; der Midrasch verwandelt den Schöpfungsvers in eine theologische Meditation über die Einzigartigkeit göttlicher Schöpfermacht.

Raschi

Raschi erklärt נֶפֶשׁ חַיָּה sehr knapp: Es seien Wesen, in denen Lebenskraft vorhanden ist. Seine Glosse vermeidet damit eine philosophische Definition von „Seele“ und konzentriert sich auf die grundlegende Eigenschaft des Lebendigseins.

Ausführlicher kommentiert er שֶׁרֶץ. Für ihn kann der Begriff verschiedene Tiere bezeichnen, die sich in geringer Höhe beziehungsweise nahe ihrer Bewegungsfläche fortbewegen: unter fliegenden Tieren etwa Fliegen, unter kleinen Landtieren Ameisen, Käfer und Würmer, daneben weitere kleine Tiere und die Fische.

Diese Klassifikation entspricht nicht moderner Zoologie. Sie versucht, den biblischen Wortgebrauch aus beobachtbarer Bewegungsweise zu erklären. Besonders bedeutsam ist, dass Raschi sämtliche Fische unter die Kategorie einbezieht und damit den Vers sehr breit versteht.

Ramban und die Bewegungsbedeutung von שרץ

Ramban setzt sich kritisch mit Raschis Definition auseinander. Er fragt unter anderem, wie die enge Erklärung von שרץ zu Genesis 9,7 passe, wo dieselbe Wurzel für Noah und seine Nachkommen verwendet wird: Auch Menschen sollen auf der Erde „wimmeln“ beziehungsweise sich zahlreich ausbreiten.

Ramban folgt deshalb stärker der aramäischen Übersetzungstradition des Onkelos und versteht שרץ aus dem Begriff der Bewegung. Entscheidend ist nicht eine bestimmte Körperhöhe oder zoologische Klasse, sondern bewegtes, sich ausbreitendes Leben.

Diese Interpretation passt besonders gut zu Genesis 1,20, weil der Vers die Wasser gerade mit dynamischem Leben füllt. Das Meer soll nicht lediglich Tiere „enthalten“; es soll von Bewegung wimmeln.

Bereschit Rabbah

Bereschit Rabbah 7 eröffnet seine Auslegung des fünften Tages unmittelbar mit יִשְׁרְצוּ הַמַּיִם. Der Midrasch verbindet den Vers mit Psalm 86,8: „Keiner ist wie du unter den Göttern, Herr, und nichts gleicht deinen Werken.“ Anschließend kontrastiert er menschliches und göttliches Formen: Ein Mensch könne gewöhnlich auf trockenem und stabilem Material gestalten; Gott dagegen forme lebende Gestalt selbst im Wasser.

Der Midrasch liest die Wasserwelt damit als Demonstration göttlicher Schöpfermacht. Flüssigkeit, die menschlichem Formen wenig Widerstand und Dauerhaftigkeit bietet, ist für Gott kein Hindernis. Das Meer wird zum Schauplatz einer Formgebung, die menschliche Möglichkeiten übersteigt.

Diese homiletische Deutung geht über die Grammatik des Verses hinaus, bleibt aber eng an dessen Bild orientiert. Die erstaunliche Vielfalt von Leben im Wasser wird zum theologischen Argument für die Unvergleichlichkeit des Schöpfers.

Septuaginta

Die Septuaginta gibt Genesis 1,20 in einer gegenüber dem masoretischen Text bemerkenswerten Form wieder:

καὶ εἶπεν ὁ θεός· ἐξαγαγέτω τὰ ὕδατα ἑρπετὰ ψυχῶν ζωσῶν καὶ πετεινὰ πετόμενα ἐπὶ τῆς γῆς κατὰ τὸ στερέωμα τοῦ οὐρανοῦ· καὶ ἐγένετο οὕτως.

ἐξαγαγέτω τὰ ὕδατα bedeutet „Die Wasser sollen hervorbringen“. Während das Hebräische das Wimmeln beziehungsweise Schwärmen betont, verwendet die griechische Übersetzung ein Verb des Hervorbringens.

ἑρπετὰ ψυχῶν ζωσῶν gibt die schwärmenden beziehungsweise sich bewegenden lebenden Wesen wieder. ψυχή ζῶσα entspricht נֶפֶשׁ חַיָּה und wird für die spätere christliche anthropologische Terminologie bedeutsam.

πετεινὰ πετόμενα reproduziert wie das Hebräische die Wurzelverwandtschaft von Flugtier und Fliegen.

Grammatisch kann die griechische Konstruktion ἐξαγαγέτω τὰ ὕδατα ... καὶ πετεινά so gelesen werden, dass die Wasser sowohl die schwärmenden Wasserwesen als auch die Flugtiere hervorbringen. Diese Lesart prägte die patristische Exegese erheblich.

Außerdem enthält die überlieferte griechische Fassung am Ende καὶ ἐγένετο οὕτως, „und es geschah so“, eine Formel, die im masoretischen Text von Genesis 1,20 nicht steht. Dies ist eine textgeschichtlich wichtige Differenz und sollte nicht unbemerkt in den hebräischen Vers zurückgetragen werden.

Vulgata

Die lateinische Vulgata lautet:

Dixit etiam Deus: Producant aquae reptile animae viventis, et volatile super terram sub firmamento caeli.

Producant aquae bedeutet „Die Wasser sollen hervorbringen“. Wie die Septuaginta betont die lateinische Überlieferung damit das Hervorbringen aus dem Wasser stärker als das hebräische Wimmeln.

reptile animae viventis gibt das bewegte beziehungsweise kriechende Lebewesen wieder, wobei anima viventis die Tradition der „lebenden Seele“ beeinflusst hat.

et volatile bedeutet „und Fluggetier“. Durch die Satzstruktur kann auch im Lateinischen der Eindruck entstehen, die Vögel gehörten zum von den Wassern Hervorgebrachten.

super terram sub firmamento caeli – „über der Erde unter dem Firmament des Himmels“ – steht der traditionellen deutschen Form besonders nahe. Das lateinische sub firmamento erklärt wesentlich, warum die westliche Übersetzungstradition den hebräischen Ausdruck עַל־פְּנֵי רְקִיעַ häufig mit „unter dem Firmament“ wiedergab.

Christliche Rezeption

Die frühchristliche Auslegung von Genesis 1,20 steht stark unter dem Einfluss der Septuaginta. Deshalb wird häufig ausdrücklich gesagt, die Wasser hätten auf Gottes Befehl sowohl Wasserlebewesen als auch Vögel hervorgebracht. Diese Vorstellung verbindet sich mit der antiken Lehre von Elementen und der Auffassung, dass der untere Luftraum eine besondere Nähe zum Wasser besitze.

Zugleich entwickeln christliche Autoren eine umfangreiche Naturtheologie aus der Vielfalt der Tierwelt. Fische, Vögel und andere Lebewesen werden als Demonstration göttlicher Weisheit, Ordnung und Zweckmäßigkeit gelesen. Die zahlreichen Beobachtungen antiker Zoologie sind historisch interessant, entsprechen aber nicht in jedem Fall modernem biologischem Wissen.

Basilius von Caesarea

Basilius widmet dem fünften Schöpfungstag seine siebte Hexaemeron-Homilie und setzt unmittelbar bei Genesis 1,20 ein. Nach seiner literarisch-theologischen Beobachtung haben Erde und Himmel bereits ihren Schmuck erhalten: Die Erde besitzt Pflanzen, der Himmel Sterne und die großen Lichter; nun müsse auch das Wasser seinen eigenen „Schmuck“ erhalten. Dieser Schmuck besteht im tierischen Leben.

Basilius schildert die Wasser daraufhin als auf Gottes Befehl überströmend fruchtbar. Meere, Flüsse, Seen, Sümpfe und andere Wasserbereiche werden mit verschiedensten Lebewesen erfüllt. Seine rhetorische Darstellung macht aus dem knappen Genesisbefehl ein Panorama biologischer Fülle.

Entscheidend ist für ihn die sofortige Wirksamkeit des göttlichen Wortes. Wasser besitzt nicht unabhängig von Gott schöpferische Macht. Die Fruchtbarkeit des Elements ist Antwort auf Gottes Befehl. Das natürliche Hervorbringen bleibt daher theologisch von göttlicher Schöpfermacht abhängig.

Basilius behandelt anschließend ausführlich Fische und später auch Vögel. Seine zoologischen Beobachtungen verbinden genaue Naturwahrnehmung mit moralischer und theologischer Allegorie. Manche naturkundlichen Einzelheiten sind aus moderner Sicht überholt; rezeptionsgeschichtlich zeigen sie jedoch, wie Genesis 1,20 zu einer christlichen Theologie der beobachtbaren Natur wurde.

Augustinus

Augustinus greift die Entstehung von Vögeln und Fischen aus den Wassern an mehreren Stellen auf. Er folgt dabei der lateinisch-griechischen Übersetzungstradition, in der das Wasser stärker als hervorgebrachte Materie sowohl für Wasser- als auch Flugtiere verstanden werden kann.

In seiner Schöpfungstheologie entwickelt Augustinus darüber hinaus die Vorstellung, dass Gott in den sechs Tagen nicht notwendig jede spätere konkrete Generation einzeln verwirklicht habe, sondern der geschaffenen Natur ursächliche beziehungsweise keimhafte Möglichkeiten eingeprägt habe. Diese augustinische Theorie der rationes seminales ist eine philosophisch-theologische Weiterentwicklung und steht nicht als solche in Genesis 1,20.

In den Confessiones XIII liest Augustinus Fische und Vögel außerdem allegorisch. Die Wasser können für eine noch unstete beziehungsweise ungläubige Welt stehen, während bewegliche und fliegende Geschöpfe geistliche Bedeutungen erhalten. Solche Deutungen gehören zur christlichen Allegorese und müssen vom historischen Wortsinn des Verses unterschieden werden.

Thomas von Aquin

Thomas von Aquin behandelt das Werk des fünften Tages ausdrücklich in der Summa theologiae I, quaestio 71. Er ordnet den fünften Tag in das scholastische Schema von Unterscheidung und Ausschmückung ein: Wie der zweite Tag Wasser und Himmelsbereich ordnet, so erhält der entsprechende fünfte Tag Fische und Vögel.

Thomas diskutiert dabei die bereits traditionelle Frage, warum Vögel den Wassern zugeschrieben werden, obwohl sie in der Luft fliegen. Seine Antwort arbeitet mit der aristotelisch-mittelalterlichen Elementenlehre: Der untere Luftbereich stehe dem Wasser durch feuchte Ausdünstungen nahe, weshalb die Vogelwelt dem entsprechenden Bereich zugeordnet werden könne.

Diese naturphilosophische Erklärung ist historisch überholt. Für die Exegese bleibt jedoch interessant, dass Thomas selbst unterschiedliche Ebenen trennt: die Autorität des Schrifttextes, die physische Zusammensetzung von Tierkörpern, ihren Lebensraum und die jeweilige naturphilosophische Erklärung.

Seine Diskussion zeigt zugleich, wie stark die griechisch-lateinische Satzstruktur die christliche Auslegung geprägt hat. Die hebräische Syntax, nach der עוֹף ein eigenes Subjekt des Verbs „fliegen“ bildet, erlaubt eine weniger zwingende Ableitung der Vogelentstehung aus Wasser.

Theologische Interpretation

Genesis 1,20 markiert zunächst den Eintritt bewegten tierischen Lebens in die Schöpfung. Die Welt ist nicht mehr nur räumlich geordnet, beleuchtet und bewachsen; sie wird von selbstbewegten Geschöpfen erfüllt. Das hebräische Vokabular betont diese Dynamik durch die fast lautmalerischen Konstruktionen יִשְׁרְצוּ ... שֶׁרֶץ und עוֹף יְעוֹפֵף. Leben erscheint als Bewegung, Fülle und Aktivität.

Eine zweite theologische Aussage betrifft die Fruchtbarkeit geschaffener Räume. Gott hat das Wasser nicht nur begrenzt und benannt, sondern befähigt es nun, mit Leben erfüllt zu sein. Die Schöpfung besitzt eine von Gott verliehene Produktivität. Diese Vorstellung wird am sechsten Tag wiederkehren, wenn die Erde lebende Wesen hervorbringen soll.

Drittens wird das Wasser theologisch rehabilitiert. Die Urwasser aus Genesis 1,2 könnten leicht ausschließlich mit Unordnung oder Chaos verbunden werden. Genesis 1,20 zeigt das Gegenteil: Geordnetes Wasser wird zum Träger ungeheurer Lebensfülle. Dasjenige Element, das zunächst mit Tiefe und Finsternis verbunden war, wird zum Lebensraum.

Viertens ist tierisches Leben ausdrücklich göttlich gewollt, bevor der Mensch erscheint. Wasserwesen und Vögel besitzen daher innerhalb der Erzählung einen Eigenwert. Sie werden im nächsten Vers als gut bewertet und danach gesegnet. Ihre Existenz dient nicht ausschließlich menschlichen Zwecken.

Fünftens verbindet נֶפֶשׁ חַיָּה Tiere und Menschen auf einer elementaren Ebene. Beide gehören zur lebendigen Schöpfung. Eine theologische Anthropologie, die den Menschen von der gesamten Tierwelt absolut ontologisch abtrennt, muss deshalb berücksichtigen, dass Genesis selbst eine gemeinsame Lebensbezeichnung verwendet.

Sechstens besteht die Besonderheit des Menschen später nicht darin, allein „Seele“ zu besitzen. Genesis 2,7 verwendet dieselbe Formel נֶפֶשׁ חַיָּה. Menschliche Besonderheit wird vielmehr durch das Bild Gottes, besondere Beauftragung und weitere narrative Merkmale entfaltet.

Siebtens zeigt der Vers ein Verhältnis von Grenze und Freiheit. Die Wasserwesen wimmeln im Wasser, die Flugtiere bewegen sich über der Erde im Himmelsraum. Geschöpfe erhalten Lebensräume, in denen sie sich frei bewegen können. Ordnung ist daher nicht starre Immobilität, sondern Ermöglichung lebendiger Bewegung.

Achtens entsteht eine Theologie geschöpflicher Wirksamkeit. Gott spricht, doch die Wasser „wimmeln“. Im sechsten Tag wird die Erde Tiere „hervorbringen“. Die geschaffene Welt ist nicht bloß passive Materie, sondern erhält von Gott Fähigkeiten, innerhalb ihrer Ordnung wirksam zu sein. Gottes Souveränität und geschöpfliche Aktivität schließen sich nicht aus.

Neuntens entmythologisiert der Vers Meer und Himmel. Wasser, Vögel und die im folgenden Vers genannten großen Meerestiere sind keine göttlichen Gegenmächte. Selbst die fremdartige und für Menschen kaum beherrschbare Meereswelt steht unter einem einzigen Schöpfungsbefehl.

Zehntens ist die Vielfalt selbst Teil des Schöpfungswillens. Der Vers spricht bereits kollektiv von einer Fülle schwärmender Wesen; Genesis 1,21 wird diese Fülle „nach ihren Arten“ differenzieren. Einheit der Schöpfung bedeutet nicht Gleichförmigkeit. Die Welt ist reich an unterschiedlichen Lebensformen.

Elftens weist das Motiv des Wimmelns voraus auf den göttlichen Segen in Genesis 1,22. Leben soll nicht nur einmal vorhanden sein, sondern sich fortsetzen, vermehren und Räume füllen. Fortpflanzung und Generation werden dadurch selbst Bestandteile der guten Schöpfungsordnung.

Zwölftens zeigt der Vers eine Welt, die dem Menschen vorausgeht. Wasserlebewesen und Vögel besitzen bereits ihre Lebensräume, Bewegung und göttliche Bestimmung, bevor der Mensch geschaffen wird. Der Mensch betritt keine leere Bühne, sondern eine bereits lebendige Mitwelt.

Dreizehntens besitzt Genesis 1,20 deshalb ökologische Bedeutung, ohne ein modernes Umweltprogramm zu formulieren. Wasser und Himmel sind nicht bloße Ressourcen, sondern Lebensräume von Geschöpfen, deren Existenz auf Gottes eigenen Willen zurückgeführt wird. Eine theologische Betrachtung der Natur muss diese mehr-als-menschliche Perspektive ernst nehmen.

Vierzehntens liegt eine wichtige Aussage im Übergang von unbelebter Ordnung zu eigenständiger Lebensdynamik. Der Schöpfer schafft nicht nur stabile Strukturen; er schafft Wesen, die sich bewegen, vermehren und später in komplexe Beziehungen treten. Gute Ordnung ist dadurch nicht starr, sondern lebensfähig.

Grenzen der Aussage

Genesis 1,20 bietet keine moderne biologische Klassifikation. שֶׁרֶץ, עוֹף und נֶפֶשׁ חַיָּה entsprechen nicht exakt heutigen taxonomischen Kategorien wie Fische, Insekten, Vögel oder Säugetiere.

Die traditionelle Übersetzung „webende Tiere“ sollte nicht im heutigen Sinn von „weben“ verstanden werden. Gemeint sind sich bewegende, wimmelnde beziehungsweise schwärmende Lebewesen.

נֶפֶשׁ חַיָּה sollte in diesem Kontext nicht ohne Weiteres als „unsterbliche Seele“ interpretiert werden. Der Ausdruck bezeichnet das lebende Geschöpf als Ganzes.

Der Vers sagt im masoretischen Hebräisch nicht grammatisch zwingend, dass die Vögel aus dem Wasser materiell hervorgebracht werden. Diese Vorstellung wird durch Septuaginta und Vulgata stärker nahegelegt und prägt die spätere christliche Rezeption.

Die Formulierung עַל־פְּנֵי רְקִיעַ הַשָּׁמָיִם bedeutet nicht wörtlich „unter der Feste“. Die traditionelle Übersetzung interpretiert die räumliche Vorstellung. Ein ausdrückliches hebräisches Wort für „unter“ steht nicht.

Der רָקִיעַ sollte nicht unmittelbar mit der modernen Atmosphäre, Stratosphäre oder dem Weltraum identifiziert werden. Er gehört zur antiken Kosmographie des Textes.

Genesis 1,20 formuliert keine Evolutionstheorie und auch keine wissenschaftliche Theorie spontaner Generation aus Wasser. Der Vers gehört zu einer theologischen Schöpfungserzählung mit antiken Kategorien.

Basilius' Vorstellung, konkrete Tierformen seien unmittelbar aus verschiedenen Wasserbereichen hervorgetreten, gehört zur spätantiken Naturlehre. Thomas von Aquins Erklärung der Vogelentstehung aus dem wasserverwandten unteren Luftbereich gehört zur mittelalterlichen Elementenlehre. Beide sind rezeptionsgeschichtlich bedeutsam, aber keine moderne Biologie.

Augustins Theorie keimhafter Schöpfungsmöglichkeiten ist eine philosophisch-theologische Weiterentwicklung des Schöpfungstextes und nicht mit einer modernen Evolutionstheorie gleichzusetzen.

Die Unterschiede zwischen Genesis 1,20 und Genesis 2,19 sollten weder vorschnell zu einem unauflösbaren sachlichen Widerspruch erklärt noch durch künstliche Harmonisierung unsichtbar gemacht werden. Die beiden Texte besitzen unterschiedliche literarische Perspektiven und Entstehungskontexte.

Gesamtinterpretation

Genesis 1,20 eröffnet den fünften Schöpfungstag mit einem neuen Schritt in der Entwicklung des Kosmos: יִשְׁרְצוּ הַמַּיִם שֶׁרֶץ נֶפֶשׁ חַיָּה – die Wasser sollen von einer Fülle lebender Wesen wimmeln – und וְעוֹף יְעוֹפֵף – Flugtiere sollen fliegen. Nach Licht, Himmel, Land, Vegetation und Himmelslichtern tritt damit erstmals ausdrücklich bewegliches tierisches Leben in die Schöpfungserzählung ein.

Das Verb שרץ bezeichnet dynamisches Wimmeln, Schwärmen und Sichvermehren. Die Verbindung mit dem verwandten Substantiv שֶׁרֶץ intensiviert das Bild. Die Wasser sollen nicht nur vereinzelte Lebewesen enthalten, sondern von Leben erfüllt sein.

Raschi fasst שֶׁרֶץ als breite Kategorie sich nahe ihrer Bewegungsfläche fortbewegender Tiere auf und zählt auch die Fische dazu. Ramban kritisiert eine zu enge zoologische Definition und verweist darauf, dass die Wurzel sogar auf Menschen angewandt werden kann. Für ihn steht die Bewegung stärker im Zentrum. Diese Debatte zeigt, dass die traditionelle jüdische Exegese bereits die semantische Breite des Wortes wahrnahm.

נֶפֶשׁ חַיָּה bedeutet hier „lebendes Wesen“. Der Ausdruck darf nicht automatisch im Sinn einer vom Körper getrennten metaphysischen „Seele“ verstanden werden. Dieselbe Wendung wird später für Landtiere und in Genesis 2,7 für den Menschen verwendet. Tier und Mensch teilen damit eine grundlegende Kategorie geschöpflichen Lebens.

Die zweite Vershälfte וְעוֹף יְעוֹפֵף besitzt eine ähnlich dynamische Lautstruktur: „Fluggetier soll fliegen.“ Die Tierwelt wird nicht als statisches Inventar erzählt, sondern über ihre charakteristische Bewegung. Wasserwesen wimmeln; Flugwesen durchqueren den Raum über der Erde.

Die traditionelle deutsche Form „unter der Feste des Himmels“ gibt den hebräischen Ausdruck עַל־פְּנֵי רְקִיעַ הַשָּׁמָיִם interpretierend wieder. Wortnäher ist „vor beziehungsweise über die Fläche der Himmelsfeste hin“. Die ältere Fassung spiegelt die antike Vorstellung wider, dass Vögel auf der erdzugewandten Seite des Himmelsfirmaments fliegen.

Grammatisch besonders wichtig ist die Frage nach der Herkunft der Vögel. Im masoretischen Text haben die beiden Aufforderungen unterschiedliche Subjekte: Die Wasser sollen wimmeln; die Flugtiere sollen fliegen. Der hebräische Vers sagt daher nicht zwingend, dass die Vögel aus dem Wasser entstehen.

Septuaginta und Vulgata formulieren den Zusammenhang anders und können leichter so verstanden werden, dass die Wasser sowohl schwimmende als auch fliegende Tiere hervorbringen. Diese Übersetzungstradition beeinflusste Basilius, Augustinus und Thomas von Aquin und erklärt viele spätere Diskussionen über eine Entstehung der Vögel aus dem Wasser oder dem wasserhaltigen unteren Luftraum.

Literarisch entspricht der fünfte dem zweiten Schöpfungstag. Der zweite Tag hatte Wasser und Himmelsfeste geordnet; der fünfte Tag erfüllt diese Bereiche mit tierischem Leben. Der Kosmos wird dadurch schrittweise von einer gegliederten Welt zu einer belebten Welt.

Diese Belebung bedeutet zugleich eine neue Qualität: Eigenbewegung. Die Tiere durchqueren ihre Lebensräume und werden im folgenden Vers „nach ihren Arten“ geschaffen; danach empfangen sie den ausdrücklichen göttlichen Segen zur Vermehrung. Leben besitzt innerhalb der Schöpfung eine von Gott gewollte Dynamik.

Bereschit Rabbah deutet die Entstehung von Leben im Wasser als Ausdruck einzigartiger göttlicher Schöpfermacht. Während Menschen zum Formen stabiles Material benötigen, kann Gott Gestalt selbst im flüssigen Wasser hervorbringen. Die rabbinische Auslegung verwandelt damit biologische Fülle in ein Argument für Gottes Unvergleichlichkeit.

Basilius von Caesarea sieht den fünften Tag als „Schmückung“ beziehungsweise Belebung der Wasser. Seine siebte Hexaemeron-Homilie entfaltet aus Genesis 1,20 ein großes Panorama von Meeres-, Fluss- und Sumpfleben. Die naturkundlichen Details gehören zur Spätantike; seine theologische Grundidee folgt dem Genesistext: Das Wasser wird auf Gottes Wort hin fruchtbar und voller Leben.

Augustinus und Thomas von Aquin entwickeln daraus unterschiedliche Modelle der geschöpflichen Ursächlichkeit. Solche Modelle gehen über den unmittelbaren Wortlaut hinaus, zeigen aber die anhaltende Wirkung der im Vers angelegten Vorstellung, dass Gott geschaffene Elemente zur Hervorbringung und Erhaltung des Lebens befähigt.

Der historische Kontext macht zugleich die Entmythologisierung der Wasserwelt sichtbar. Das Meer ist kein göttlicher Gegner. Seine Lebewesen, einschließlich der im folgenden Vers genannten großen Meerestiere, sind Geschöpfe. Der Bereich, der zu Beginn der Erzählung noch mit Tiefe und Finsternis verbunden war, wird zum Lebensraum.

Der theologische Kern von Genesis 1,20 liegt deshalb in der Transformation geordneter Räume in lebendige Lebensräume. Wasser und Himmel werden nicht nur eingerichtet, sondern mit einer Fülle beweglicher Geschöpfe erfüllt. Leben, Bewegung, Vielfalt und Vermehrungsfähigkeit gehören von Anfang an zum göttlichen Schöpfungswillen.

Der Mensch ist dabei noch nicht vorhanden. Das Meer wimmelt und die Vögel fliegen, bevor irgendein Mensch sie sehen, nutzen oder benennen kann. Genesis 1,20 gibt der nichtmenschlichen Tierwelt damit einen eigenen Platz innerhalb der guten Schöpfung. Sie existiert zuerst vor Gott – als lebendige, bewegte und später ausdrücklich gesegnete Mitwelt.