Einleitung
Genesis 1,19 ist die formelhafte Schlusszeile des vierten Schöpfungstages. Sprachlich entspricht der Vers weitgehend den Tagesabschlüssen in Genesis 1,5, Genesis 1,8 und Genesis 1,13. Gerade an dieser Stelle besitzt die Wiederholung jedoch eine besondere literarische Pointe: Der vierte Tag ist der erste Tag, der nach der Herstellung und Einsetzung der Himmelslichter endet. Sonne, Mond und Sterne sind in den unmittelbar vorausgehenden Versen als Lichtträger, Zeitzeichen und Regenten von Tag und Nacht eingesetzt worden. Nun wird derselbe Schöpfungstag durch jene Abend-Morgen-Formel abgeschlossen, die bereits drei Mal verwendet wurde, bevor die Himmelslichter im Erzählablauf existierten.
Diese Abfolge gehört zu den auffälligsten Eigenschaften von Genesis 1. Genesis 1,14 hatte den Himmelslichtern ausdrücklich die Funktion zugewiesen, Zeichen für festgesetzte Zeiten, Tage und Jahre zu sein. Dennoch sind bereits der erste, zweite und dritte Tag gezählt und jeweils durch Abend und Morgen begrenzt worden. Die Gestirne begründen die Zeit im literarischen Universum von Genesis daher nicht schlechthin; sie werden am vierten Tag als geschaffene Träger einer bereits bestehenden Zeitordnung eingesetzt. Genesis 1,19 macht diese Struktur besonders sichtbar, weil die vertraute Tagesformel unmittelbar auf die erstmalige Beschreibung der astronomischen Zeitzeichen folgt.
Der vierte Tag selbst umfasst Genesis 1,14 bis Genesis 1,19. Gott befiehlt die Lichtträger, weist ihnen ihre Funktionen zu, macht das große und das kleine Licht sowie die Sterne, setzt sie in die Himmelsfeste, lässt sie auf die Erde leuchten, Tag und Nacht regieren und Licht von Finsternis scheiden. Genesis 1,18 endet mit der Gutheißung כִּי־טוֹב, „dass es gut war“. Vers 19 setzt darauf den zeitlichen Schlusspunkt. Das Werk ist sachlich vollendet, positiv bewertet und schließlich auch chronologisch abgeschlossen.
Die ältere deutsche Formulierung „Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag“ verdichtet den hebräischen Satz stärker als der Ausgangstext. Das Hebräische sagt nicht wörtlich, dass „aus“ Abend und Morgen ein Tag „ward“, sondern verwendet zweimal dasselbe Verb: וַיְהִי־עֶרֶב, „und es wurde Abend“, und וַיְהִי־בֹקֶר, „und es wurde Morgen“. Danach steht ohne finites Verb die zusammenfassende Bestimmung יוֹם רְבִיעִי, „ein vierter Tag“ beziehungsweise kontextuell „der vierte Tag“.
Wortanalyse
וַיְהִי, wayəhî, stammt von der Wurzel היה, „sein, werden, geschehen“. Die Form ist Qal Wayyiqtol, 3. Person maskulin Singular. Im Zusammenhang der Tagesformel bezeichnet sie einen Eintritt beziehungsweise Übergang: „und es wurde“, „und es war“, „und es geschah“. Dieselbe Form wird unmittelbar zweimal verwendet. Dadurch entsteht eine rhythmische Parallelstruktur: Es wurde Abend – es wurde Morgen.
עֶרֶב, ʿereḇ, bezeichnet den Abend, die Abendzeit beziehungsweise den Übergang vom hellen Tagesabschnitt zur Nacht. Das Wort ist nicht einfach ein Synonym für „Nacht“. Der Abend ist vielmehr ein Grenzbereich, an dem der vorausgehende helle Zeitraum endet beziehungsweise in die Nacht übergeht. Innerhalb der Genesisformel besitzt er deshalb eine ausgeprägte Abschlussfunktion.
Das zweite וַיְהִי ist grammatisch identisch mit dem ersten und setzt den Parallelismus fort.
בֹּקֶר, bōqer, bedeutet Morgen beziehungsweise Morgenzeit. Auch der Morgen ist ein Übergangsbegriff: Er markiert das Ende der Nacht und den Beginn des neuen hellen Tagesabschnitts. In der wiederholten Schöpfungsformel ist der Morgen deshalb zugleich Abschluss des vorhergehenden Zyklus und Öffnung auf den nächsten Schöpfungstag hin.
יוֹם, yôm, bedeutet Tag. Sein Bedeutungsumfang richtet sich nach dem Kontext. In Genesis 1,5 bezeichnet das Wort zunächst den von Gott „Tag“ genannten hellen Bereich im Gegensatz zur Nacht; in der Schlussformel desselben Verses bezeichnet יוֹם dagegen die nummerierte Einheit der Schöpfungsfolge. Genesis 1,19 verwendet es in diesem zweiten Sinn.
רְבִיעִי, rəḇîʿî, ist die maskuline Singularform der Ordinalzahl „vierter“. Sie gehört zur Zahlenwortfamilie von אַרְבַּע, „vier“, und stimmt grammatisch mit dem maskulinen Substantiv יוֹם überein. Der Ausdruck יוֹם רְבִיעִי bezeichnet damit die vierte Einheit in der geordneten Tagesfolge.
Ein bestimmter Artikel steht weder vor יוֹם noch vor רְבִיעִי. Formal ist deshalb „ein vierter Tag“ eine besonders textnahe Wiedergabe. Im Deutschen ist „der vierte Tag“ jedoch aufgrund der bereits etablierten Sequenz idiomatisch und sachlich eindeutig. Die traditionelle Übersetzung ist in diesem Punkt daher funktional angemessen, auch wenn sie die fehlende hebräische Determination nicht sichtbar macht.
Grammatik und Syntax
Der Vers besteht aus drei kurzen Einheiten, von denen die ersten beiden streng parallel konstruiert sind: וַיְהִי־עֶרֶב – „und es wurde Abend“; וַיְהִי־בֹקֶר – „und es wurde Morgen“; anschließend יוֹם רְבִיעִי – „ein vierter Tag“. Die beiden ersten Glieder besitzen je ein finites Verb und ein prädikatives beziehungsweise ereignisbezeichnendes Substantiv. Das letzte Glied besitzt kein ausgedrücktes Verb, sondern fasst den vorangegangenen Zyklus nominal zusammen.
Diese Ellipse ist für die Tagesformeln charakteristisch. Der Text muss nicht wiederholen „und dies war der vierte Tag“. Die Nominalgruppe genügt als abschließende Etikettierung der erzählten Einheit. Der Rhythmus wird dadurch besonders knapp: Übergang – Übergang – Nummerierung.
Die ältere deutsche Form „Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag“ verändert diese Syntax. „Ward“ steht nur einmal, und „aus Abend und Morgen“ macht beide Zeitbegriffe zu einer gemeinsamen Herkunfts- beziehungsweise Zusammensetzungsangabe. Der hebräische Satz dagegen erzählt Abend und Morgen nacheinander. Wortnäher ist deshalb: „Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein vierter Tag.“
Die zweimalige Verwendung von וַיְהִי sollte zudem nicht mit dem Jussiv יְהִי, „es werde“, verwechselt werden. In den Schöpfungsbefehlen wie יְהִי אוֹר, „Es werde Licht“, formuliert Gott einen Befehl. In Genesis 1,19 berichtet der Erzähler dagegen mit Wayyiqtolformen vom Eintreten der zeitlichen Übergänge. Befehlssprache und Erzählbericht bleiben grammatisch unterscheidbar.
Die Formel „Abend und Morgen“
Genesis 1,19 wiederholt zum vierten Mal die charakteristische Tagesabschlussformel. Die nahezu gleichbleibende Sprache ist ein wesentliches Stilmittel des gesamten Schöpfungsberichts. Die Wiederholung erzeugt einen Rhythmus, der die Schöpfung in klar unterscheidbare Einheiten gliedert. Jeder Tagesabschluss blickt rückwärts auf das vollendete Werk und zugleich vorwärts auf den nächsten Schöpfungsakt.
Die Reihenfolge Abend – Morgen beschreibt dabei nicht einfach zwei beliebige Tageszeiten. Der Abend beendet den vorausgehenden hellen Arbeitsabschnitt; die Nacht liegt implizit zwischen Abend und Morgen; der Morgen schließt diese dunkle Phase ab und eröffnet die nächste Tageseinheit. Die Formel kann deshalb als Markierung eines vollständigen Zeitzyklus verstanden werden, ohne dass der Vers eine technische Definition seiner Länge in modernen Stunden gibt.
Wichtig ist auch, was nicht gesagt wird. Der Vers lautet nicht „Nacht und Tag“ und auch nicht „Abend, Nacht, Morgen und Tag“. Die Sprache ist verdichtet. Abend und Morgen fungieren als markante Grenzpunkte der zyklischen Zeitbewegung. Ob man sie rhetorisch als eine Art Merismus versteht, bei dem zwei Grenzbegriffe einen größeren Gesamtzusammenhang repräsentieren, oder vorsichtiger lediglich als wiederkehrende Übergangsmarker beschreibt, ändert nichts an ihrer literarischen Funktion: Der Schöpfungstag erhält einen deutlich markierten Abschluss.
Die Formel verbindet außerdem Wiederholung und Fortschritt. „Abend und Morgen“ bleiben gleich, aber die Tagesnummer verändert sich. Der Kosmos besitzt damit sowohl zyklische als auch lineare Zeit. Die Abfolge von Abend und Morgen kehrt wieder; zugleich führt die Zählung vom ersten über den zweiten, dritten und vierten Tag weiter auf die Vollendung der Schöpfungswoche zu.
יוֹם רְבִיעִי – „der vierte Tag“
Mit יוֹם רְבִיעִי wird die Zeitfolge ausdrücklich als vierte Einheit nummeriert. Nach dem ungewöhnlichen יוֹם אֶחָד, „ein Tag“ beziehungsweise „Tag eins“, in Genesis 1,5 verwendet der Text ab dem zweiten Tag reguläre Ordinalzahlen: שֵׁנִי, „zweiter“, שְׁלִישִׁי, „dritter“, und nun רְבִיעִי, „vierter“. Die Schöpfung wird damit als eindeutig geordnete Sequenz erzählt.
Der vierte Tag besitzt innerhalb der Gesamtkomposition eine besondere Position. Innerhalb der sechs Arbeitstage eröffnet er die zweite Dreiergruppe. Die ersten drei Tage ordnen grundlegende Bereiche: Licht und Finsternis, obere und untere Wasser beziehungsweise Himmel, Land und Meer einschließlich Vegetation. Mit dem vierten Tag beginnt eine Phase, in der diese geordneten Bereiche stärker mit Funktionsträgern und Lebewesen ausgestattet werden. Die Himmelslichter entsprechen besonders der Licht- und Zeitordnung des ersten Tages.
Innerhalb der gesamten Siebentagesfolge liegt der vierte Tag zugleich numerisch in der Mitte. Diese Beobachtung darf nicht überinterpretiert werden, denn der Text erklärt den vierten Tag nicht ausdrücklich zum theologischen Mittelpunkt der Woche. Kompositorisch ist seine Übergangsfunktion jedoch deutlich: Mit ihm beginnt die zweite Hälfte der sechs eigentlichen Schöpfungsarbeitstage.
Die spätere hebräische Bezeichnung der Wochentage bewahrt die einfache Nummerierung: יוֹם רְבִיעִי ist auch die traditionelle Bezeichnung des vierten Wochentages. Damit hat die biblische Ordinalstruktur sprachgeschichtlich weit über Genesis 1 hinausgewirkt.
Abschluss von Genesis 1,14–18
Genesis 1,19 ist nur dann angemessen verstanden, wenn der gesamte vierte Schöpfungstag mitgelesen wird. In Genesis 1,14 befiehlt Gott Lichtträger in der Himmelsfeste. Sie sollen Tag und Nacht scheiden und Zeichen für festgesetzte Zeiten, Tage und Jahre sein. Genesis 1,15 ergänzt ihre Aufgabe, auf die Erde zu leuchten. Genesis 1,16 berichtet die Herstellung des großen Lichtes, des kleinen Lichtes und der Sterne. Genesis 1,17 setzt sie in die Himmelsfeste, und Genesis 1,18 beschreibt ihre Herrschaft über Tag und Nacht, ihre Scheidung von Licht und Finsternis und schließlich die göttliche Gutheißung.
Erst danach folgt Genesis 1,19. Die Tagesformel ist daher kein inhaltlich leerer Zusatz. Sie setzt einen klaren Abschluss nach einer außerordentlich dichten Folge von Befehl, Herstellung, Platzierung, Funktionszuweisung und Bewertung. Der vierte Tag ist vollständig eingerichtet: Die Lichtträger existieren, besitzen ihren Ort, dienen der Erde, strukturieren Zeit und sind als gut bestätigt.
Literarisch wirkt die Abend-Morgen-Formel wie ein abschließender Rahmen. Sie trennt die Einrichtung des Himmels von der nächsten großen Schöpfungsphase. In Genesis 1,20 wird die Szene auf die lebenden Geschöpfe in Wasser und Luftraum übergehen. Der vierte Tag schließt somit die astronomisch-kalendarische Ausstattung ab, bevor die Erzählung in die Tierwelt eintritt.
Himmelslichter und Zeitordnung
Genesis 1,19 besitzt nach dem unmittelbar vorausgehenden Werk eine besondere innere Spannung. Die Himmelslichter wurden geschaffen, um unter anderem לְיָמִים וְשָׁנִים, „für Tage und Jahre“, zu dienen. Nun wird der vierte Tag selbst mit derselben Formel abgeschlossen, die schon vor ihrer Einsetzung funktioniert hat. Der Text erzählt also nicht, dass die Zeit erst mit Sonne und Mond beginnt. Er erzählt, dass Sonne, Mond und Sterne innerhalb einer bereits bestehenden geschaffenen Zeitordnung zu sichtbaren und regelmäßig beobachtbaren Markern werden.
Diese Unterscheidung zwischen Zeit und ihren astronomischen Zeichen ist theologisch wie literarisch bedeutsam. Die ersten drei Tage besitzen Abend und Morgen ohne die in Vers 16 genannten sichtbaren Himmelslichter. Am vierten Tag werden diese Lichter in die Ordnung eingefügt. Von diesem Zeitpunkt an besitzen die Zeitzyklen innerhalb der Erzählwelt jene konkreten Himmelszeichen, die der menschlichen Beobachtung vertraut sind.
Der vierte Tagesabschluss bildet deshalb einen Übergang. Die gleiche Formel besitzt vor und nach der Gestirnschöpfung Bestand. Zeitliche Ordnung hängt letztlich nicht von der Göttlichkeit der Sonne oder des Mondes ab. Die Gestirne dienen der Ordnung; sie begründen nicht die Souveränität der Zeit über Gott.
Die spätere philosophische christliche Tradition konnte an dieser Struktur anknüpfen. Augustinus unterscheidet in seiner Zeitanalyse die Bewegung der Himmelskörper von der Zeit selbst: Himmelsbewegungen können Zeit messen, ohne mit der Zeit identisch zu sein. Genesis formuliert diese Philosophie nicht ausdrücklich, doch seine Erzählfolge schafft die Voraussetzung für eine solche Unterscheidung.
Die ersten drei Tage ohne Sonne und Mond
Die offensichtlichste Auslegungsfrage lautet: Wie können die ersten drei Tage bereits Abend und Morgen besitzen, wenn Sonne und Mond erst am vierten Tag ausdrücklich erscheinen? Genesis selbst beantwortet diese Frage nicht physikalisch. Der Text berichtet einfach von Licht seit dem ersten Tag und von den Himmelslichtern seit dem vierten.
Diese Textspannung wurde schon in der antiken und mittelalterlichen Auslegung intensiv wahrgenommen. Im Babylonischen Talmud, Chagigah 12a, stehen unterschiedliche rabbinische Traditionen nebeneinander. Eine Auffassung unterscheidet das am ersten Tag geschaffene besondere Licht von den Himmelslichtern des vierten Tages; eine andere erklärt, die Himmelslichter seien bereits am ersten Tag geschaffen, aber erst am vierten Tag an ihren vorgesehenen Ort gesetzt beziehungsweise „aufgehängt“ worden. Diese Deutungen versuchen, die Abfolge von Licht, Tageszyklen und späteren Lichtträgern miteinander zu vermitteln.
Rabbeinu Bachja entwickelt später eine weitere Deutung. Er unterscheidet zwischen unterschiedlichen Formen des Lichtes und erklärt, die Bestimmung des vierten Tages bestehe darin, dass das Licht der Himmelslichter nun zur unteren Erde gelange. Auch dies ist eine vormoderne jüdische Kosmologie und keine Aussage des unmittelbaren hebräischen Wortlauts; sie zeigt jedoch die langanhaltende exegetische Bedeutung der Frage.
Augustinus formuliert das Problem besonders deutlich: Gewöhnliche Tage erhalten Abend und Morgen durch Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, doch die ersten drei Tage vergehen nach Genesis ohne Sonne. Er erklärt, die genaue Natur dieser ersten Tageszyklen entziehe sich der gewöhnlichen Sinneserfahrung, und entwickelt daneben seine bekannte allegorische Deutung von Abend- und Morgenerkenntnis der Engel. Für die historische Auslegung ist wichtig, diese Lösung als augustinische Theologie zu kennzeichnen und nicht als wörtliche Bedeutung des hebräischen Verses.
Genesis 1,19 selbst löst das Problem nicht nachträglich auf. Stattdessen setzt der Vers die gleiche Tagesformel fort. Gerade diese Kontinuität ist ein literarisches Signal: Die Erzählung interessiert sich stärker für die geordnete Schöpfungswoche als für eine technische physikalische Rekonstruktion der ersten Tageszyklen.
Korrespondenz von erstem und viertem Tag
Der vierte Tag ist strukturell eng mit dem ersten verbunden. Am ersten Tag entsteht das Licht, wird von der Finsternis geschieden und als Tag dem Nachtbereich gegenübergestellt. Am vierten Tag werden konkrete Himmelslichter geschaffen, die über Tag und Nacht herrschen und Licht von Finsternis scheiden. Der nahezu wörtliche Rückgriff von Genesis 1,18 auf Genesis 1,4 macht diese Beziehung besonders deutlich.
Genesis 1,19 vollendet diese Korrespondenz. Der erste Tag endete mit וַיְהִי־עֶרֶב וַיְהִי־בֹקֶר יוֹם אֶחָד; der vierte endet mit derselben Doppelbewegung und der neuen Ordinalzahl. Zwischen beiden Tagesabschlüssen liegt die Entwicklung von einer grundlegenden Lichtordnung zu einer differenzierten Himmelsordnung.
Diese Architektur wird häufig als Verhältnis von „Bereich“ und „Funktionsträger“ beschrieben: Am ersten Tag wird Licht und Zeit geordnet, am vierten erhalten sie Himmelslichter; am zweiten entstehen Himmel und Wasserbereiche, am fünften erscheinen Tiere in Wasser und Luftraum; am dritten werden Land und Vegetation geordnet, am sechsten erscheinen Landtiere und Menschen. Das Schema erklärt wichtige Entsprechungen, sollte jedoch nicht als vollkommen starres mathematisches Raster behandelt werden. Beispielsweise beginnt Vegetation bereits am dritten Tag und gehört selbst schon zur belebten Welt.
Dennoch zeigt Genesis 1,19 klar, dass der vierte Tag einen neuen Abschnitt der großen Tagesstruktur vollendet. Mit dem folgenden fünften Tag beginnt die ausdrückliche Schöpfung beweglicher Lebewesen.
Warum steht der Abend vor dem Morgen?
Die Reihenfolge עֶרֶב – בֹּקֶר, Abend – Morgen, ist seit der Antike intensiv ausgelegt worden. Zunächst sollte sie innerhalb der Erzählstruktur verstanden werden: Auf die göttliche Tätigkeit des Tages folgt der Abend; nach der anschließenden dunklen Phase kommt der Morgen, der den Zyklus abschließt und den nächsten Schöpfungstag eröffnet. Die Formel blickt also vom vollbrachten Werk des Tages über dessen Ende hinweg zum nächsten Anfang.
Die spätere jüdische Tagesrechnung, bei der der Kalendertag im religiösen Kontext am Abend beginnt, steht in einer Wirkungsgeschichte dieser und anderer biblischer Formulierungen. Dennoch sollte Genesis 1,19 nicht isoliert als vollständige halachische Vorschrift gelesen werden. Andere biblische Texte formulieren Zeitgrenzen wesentlich ausdrücklicher, etwa Levitikus 23,32 mit der Bestimmung „vom Abend bis zum Abend“.
Basilius von Caesarea versteht Abend und Morgen als Grenzen des vollständigen Tag-Nacht-Zyklus. In der späteren Scholastik fasst Thomas von Aquin mehrere ältere Erklärungen zusammen: Abend und Morgen können als Endpunkte beziehungsweise Anfangsgrenzen der beiden Zeitbereiche verstanden werden; die Nennung des Abends zuerst erklärt sich daraus, dass das Ende des vorausgehenden Lichtabschnitts vor dem Ende der Dunkelheit am Morgen liegt.
Diese vormodernen Erklärungen zeigen, dass die Formel keineswegs als trivial empfunden wurde. Sie war ein Ausgangspunkt für unterschiedliche Modelle davon, wann ein „Tag“ beginnt, wie Tageslicht und Nacht zusammengehören und wie die ersten Schöpfungstage vor der Sonne gedacht werden können.
Literarische und kompositorische Funktion
Auf literarischer Ebene erfüllt Genesis 1,19 vier Aufgaben zugleich. Erstens beendet er den vierten Schöpfungstag. Zweitens wiederholt er den Refrain der vorausgehenden Tage und sichert dadurch den Rhythmus des Kapitels. Drittens nummeriert er den Fortschritt der Schöpfung ausdrücklich. Viertens bildet er die Grenze zwischen der astronomisch-kalendarischen Ordnung der Verse 14–18 und der Schöpfung der Tiere ab Vers 20.
Die Wiederholung ist dabei selbst bedeutungstragend. Ein Text über Ordnung verwendet eine hochgradig geordnete Erzählform. Göttliche Rede, Ausführung, Funktionszuweisung, Bewertung und Tagesabschluss kehren in variierenden Kombinationen wieder. Die sprachliche Form bildet damit die inhaltlich beschriebene Weltordnung nach.
Nach Genesis 1,19 steht in der masoretischen Texttradition außerdem eine offene Abschnittsmarkierung, פ, eine sogenannte Petucha. Diese masoretische Gliederung ist historisch jünger als der ursprüngliche Wortlaut und darf nicht als vom Autor gesetztes modernes Absatzzeichen behandelt werden. Sie zeigt jedoch, dass auch die jüdische Überlieferung den Abschluss des vierten Tages als deutliche Textgrenze wahrgenommen und markiert hat.
Der Übergang zu Genesis 1,20 ist dadurch besonders scharf. Die Welt besitzt nun Licht, Himmel, Land, Meer, Vegetation, Himmelslichter und eine astronomisch markierbare Zeitordnung. Erst auf dieser Grundlage treten schwimmende und fliegende Lebewesen in Erscheinung. Die Schöpfung bewegt sich von grundlegenden Bereichen und Rhythmen immer stärker zu komplexem Leben.
Subtext
Der wichtigste Subtext von Genesis 1,19 liegt in der Kontinuität der Zeit vor und nach der Gestirnschöpfung. Die Tagesformel verändert sich nicht, obwohl Sonne, Mond und Sterne nun vorhanden sind. Daraus entsteht die implizite Aussage, dass diese Himmelskörper zwar Zeit markieren und strukturieren, aber nicht als göttliche Erzeuger der Zeit auftreten. Sie werden in eine vorausgehende Ordnung integriert.
Ein zweiter Subtext betrifft die Begrenzung kosmischer Macht. Der vierte Tag hat Sonne und Mond mit Herrschaft über Tag und Nacht ausgestattet. Doch auch dieser Tag endet. Die Himmelsregenten stehen selbst innerhalb einer größeren zeitlichen Ordnung. Sie beherrschen bestimmte Bereiche, beherrschen aber nicht den Schöpfungsprozess oder Gott.
Ein dritter Subtext liegt in der Verbindung von Zyklus und Geschichte. Abend und Morgen kehren regelmäßig wieder, aber der vierte Tag ist nicht identisch mit dem dritten. Die Welt gewinnt neue Strukturen. Biblische Zeit ist damit weder bloßer Kreis noch bloße unstrukturierte Linie. Wiederkehrende Rhythmen tragen einen gerichteten Schöpfungsfortschritt.
Ein vierter Subtext betrifft die Verlässlichkeit der Welt. Nach der Einsetzung der Himmelslichter endet der Tag genau so geordnet wie die vorhergehenden. Die neuen kosmischen Funktionsträger stören die Zeitordnung nicht, sondern fügen sich in sie ein. Neue Komplexität zerstört die Grundstruktur nicht.
Ein fünfter Subtext liegt in der Entgöttlichung von Sonne und Mond. Gerade nach ihrer ausführlichen Beschreibung kehrt der Erzähler sofort zur einfachen Tagesformel zurück. Sonne und Mond erhalten keinen eigenen Hymnus und keine mythische Genealogie; ihr Schöpfungstag endet wie jeder andere. Das mächtige Himmelswerk bleibt Teil der gewöhnlichen Sequenz göttlicher Werke.
Ein sechster Subtext betrifft die Vorbereitung des Lebens. Mit Abschluss des vierten Tages ist nicht nur Raum, sondern auch ein regelmäßiges System von Licht und Zeit eingerichtet. Die anschließend geschaffenen Lebewesen treten in eine Welt ein, deren Rhythmen ihnen vorausgehen. Leben wird in eine geordnete Umwelt hineingeschaffen.
Ein siebter Subtext ergibt sich aus der Gutheißung des vorausgehenden Verses. Der vierte Tag endet nicht unmittelbar nach der Herstellung der Himmelskörper, sondern nach ihrer Einsetzung, Funktionszuweisung und Bewertung. Gut ist nicht bloß die Existenz der Dinge, sondern ihr geordnetes Verhältnis zueinander.
Historische Einordnung
Genesis 1,1–2,4a wird in der historisch-kritischen Forschung überwiegend als priesterlich geprägte Schöpfungserzählung verstanden. Zu den typischen Merkmalen gehören die streng gegliederte Tagesfolge, wiederkehrende Formeln, das Interesse an Grenzen und Klassifikationen sowie die Ausrichtung der gesamten Woche auf den siebten Tag. Genesis 1,19 ist ein besonders deutliches Beispiel dieser formelhaften Komposition: Der Vers fügt selbst keine neue Schöpfungssache hinzu, sondern gibt dem vorausgehenden Werk seine zeitliche Position im Gesamtsystem.
Der vierte Tag besitzt innerhalb dieser priesterlichen Ordnung besonderes Gewicht, weil er die Himmelskörper mit Kalender, Tagen, Jahren und festgesetzten Zeiten verbindet. Diese Themen sind für priesterliche Texte von hoher Bedeutung, da kultische Ordnung, Festkalender und Sabbat an geregelte Zeit gebunden sind. Genesis verankert die Möglichkeit solcher Zeitordnung nicht erst in einer späteren menschlichen Institution, sondern im Aufbau des Kosmos selbst.
Viele Forschungsmodelle verbinden die entscheidende literarische Gestaltung der priesterlichen Tradition mit exilischer oder frühnachexilischer Zeit. Die genaue Datierung bleibt umstritten. Im Umfeld mesopotamischer Astronomie und Astralreligion ist jedoch bemerkenswert, dass Genesis Sonne, Mond und Sterne zwar als Zeitgeber anerkennt, sie aber vollständig dem einen Schöpfer unterordnet.
Genesis 1,19 ist deshalb auch religionsgeschichtlich aussagekräftig. Der Tag endet nicht durch den Sieg oder die Niederlage einer Sonnengottheit, sondern durch eine formelhafte zeitliche Bewegung innerhalb der von Elohim eingerichteten Welt. Kosmische Rhythmen werden von mythologischen Kämpfen gelöst und als Bestandteil einer stabilen Schöpfungsordnung dargestellt.
Eine moderne naturwissenschaftliche Chronologie sollte aus dieser literarischen Tagesfolge nicht unmittelbar abgeleitet werden. Der Text beantwortet andere Fragen als heutige Astrophysik: Er beschreibt, wie die Welt theologisch geordnet ist, wie verschiedene Bereiche und Funktionen zusammengehören und wie die gesamte Schöpfung auf die Vollendung der Woche zuläuft.
Jüdische Rezeption
Genesis 1,19 selbst hat in den klassischen jüdischen Kommentaren weniger Einzelglossen hervorgerufen als die unmittelbar vorausgehenden Verse über Sonne, Mond und Sterne. Seine Tagesformel steht jedoch im Zentrum mehrerer rabbinischer Diskussionen über das Verhältnis des ersten Lichtes zu den Himmelslichtern und über die Bedeutung des vierten Schöpfungstages.
Der Babylonische Talmud, Chagigah 12a, diskutiert ausdrücklich die scheinbare Spannung zwischen dem am ersten Tag geschaffenen Licht und den am vierten Tag erscheinenden Himmelslichtern. Eine dort überlieferte Auffassung erklärt, die Himmelslichter seien bereits am ersten Tag geschaffen, jedoch erst am vierten Tag an ihren vorgesehenen Platz gesetzt worden. Die Tagesfolge bleibt dadurch erhalten, während die Entstehung des ersten Lichtes und die spätere Einsetzung der Gestirne unterschieden werden. Diese rabbinische Lösung ist eine harmonisierende Auslegung und nicht ausdrücklich im Wortlaut von Genesis 1,19 enthalten.
Rabbeinu Bachja unterscheidet später ebenfalls unterschiedliche Lichtformen und verbindet den vierten Tag mit dem Wirksamwerden des Himmelslichtes auf der Erde. Sein Kommentar zeigt, wie die jüdische Exegese die Frage nach den ersten drei Tagen ohne die später eingesetzten Himmelslichter weiterführte. Auch hier handelt es sich um mittelalterliche Kosmologie, nicht um moderne Physik.
Eine ungewöhnliche Aufnahme der Tagesformel findet sich in Ruth Rabbah. Dort wird die rabbinische These diskutiert, וַיְהִי könne mit Bedrängnis oder problematischen Zuständen verbunden sein. Als Einwand werden gerade die Schöpfungsformeln einschließlich „und es wurde Abend und es wurde Morgen, vierter Tag“ angeführt. Die Antwort deutet selbst die geschaffene Welt als noch auf weitere Bearbeitung angewiesen: Getreide muss gemahlen, bestimmte Pflanzen müssen zubereitet werden. Diese homiletische Deutung gehört nicht zum Peschat von Genesis 1,19, dokumentiert aber, wie selbst die scheinbar neutrale Tagesformel rabbinisch weitergedeutet werden konnte.
Die breitere jüdische Wirkungsgeschichte verbindet den vierten Tag schließlich mit Sonne, Mond, Kalender und den späteren Wochentagen. Die Bezeichnung יוֹם רְבִיעִי bleibt als einfache numerische Benennung des vierten Wochentages lebendig. Damit wirkt die Schöpfungszählung in alltägliche Zeitbezeichnung hinein.
Christliche Rezeption
Die christliche Rezeptionsgeschichte von Genesis 1,19 konzentriert sich vor allem auf das Problem von Abend und Morgen vor und nach der Erschaffung der Sonne. Augustinus behandelt diese Schwierigkeit in De civitate Dei ausdrücklich. Gewöhnliche Tage, so beobachtet er, erhalten Abend und Morgen durch Untergang und Aufgang der Sonne; die ersten drei Schöpfungstage können jedoch nach dem Text nicht in genau derselben Weise von der Sonne bestimmt sein, weil diese erst dem vierten Tag zugeordnet wird.
Augustinus entwickelt mehrere Möglichkeiten. Das ursprüngliche Licht könne eine materielle, aber nicht näher erkennbare Lichtwirklichkeit gewesen sein; daneben entfaltet er eine allegorische Deutung der Schöpfungstage anhand der Erkenntnis der Engel. In dieser Interpretation bezeichnet „Morgen“ die Erkenntnis der Dinge in Gott und „Abend“ ihre Erkenntnis in ihrer geschöpflichen Eigenart. Der vierte Tag entspricht dann der Erkenntnis der großen und kleinen Himmelslichter und der Sterne. Diese Interpretation gehört zur augustinischen Theologie und nicht zur unmittelbaren Grammatik des hebräischen Textes.
Basilius von Caesarea versteht die Abend-Morgen-Formel stärker im Rahmen des natürlichen Tag-Nacht-Zyklus. In seinem Hexaemeron beschreibt er Abend und Morgen als Grenzpunkte einer vollständigen Zeiteinheit. Seine Behandlung des vierten Tages hebt zugleich hervor, dass Sonne und Mond nicht Ursprung der bereits zuvor bestehenden Licht- und Tagesordnung sind, sondern innerhalb dieser Ordnung Funktionen übernehmen.
Thomas von Aquin systematisiert später unterschiedliche patristische Erklärungen. Er referiert sowohl Augustins geistige Deutung von Morgen- und Abenderkenntnis als auch Basilius' zeitliche Interpretation. Darüber hinaus nennt er die Erklärung, der Abend stehe zuerst, weil zunächst der Lichtabschnitt endet und erst am Morgen die Dunkelheit endet. Die mittelalterliche Scholastik bewahrt damit mehrere Auslegungsebenen nebeneinander, statt die kurze Genesisformel auf eine einzige zwingende physikalische Erklärung zu reduzieren.
Die christliche Wirkungsgeschichte liest den vierten Tagesabschluss außerdem häufig im größeren Zusammenhang der Entgöttlichung der Gestirne. Sonne, Mond und Sterne sind nun vollständig eingerichtet, doch ihr Tag endet wie die anderen. Der Schöpfer bleibt zeitlich und ontologisch über seinen Himmelslichtern.
Septuaginta und Vulgata
Die Septuaginta gibt Genesis 1,19 knapp und eng am hebräischen Aufbau wieder:
καὶ ἐγένετο ἑσπέρα καὶ ἐγένετο πρωί, ἡμέρα τετάρτη.
καὶ ἐγένετο bedeutet „und es wurde“ beziehungsweise „und es geschah“ und entspricht dem zweimaligen וַיְהִי. ἑσπέρα bezeichnet den Abend, πρωί den Morgen. ἡμέρα bedeutet „Tag“, und τετάρτη ist die feminine Ordinalzahl „vierte“, grammatisch passend zum femininen ἡμέρα.
Die griechische Fassung bewahrt somit nicht die deutsche Zusammenziehung „aus Abend und Morgen“, sondern die zweifache Ereignisformel: „Es wurde Abend, und es wurde Morgen.“ Ebenso steht kein bestimmter Artikel vor ἡμέρα τετάρτη; die Form entspricht daher strukturell dem hebräischen „ein vierter Tag“.
Die lateinische Vulgata lautet:
Et factum est vespere et mane, dies quartus.
Et factum est bedeutet „und es geschah“. Anders als Hebräisch und Griechisch wiederholt die lateinische Fassung das Verb nicht vor „Morgen“. vespere bezeichnet den Abend, mane den Morgen; dies quartus bedeutet „der vierte Tag“ beziehungsweise grammatisch „ein vierter Tag“.
Über Septuaginta und Vulgata wurde diese Tagesformel zu einem festen Bestandteil der christlichen Hexaemeron-Tradition. Ihre rhythmische Kürze prägte Predigt, Theologie und die Diskussion über die Natur der Schöpfungstage über viele Jahrhunderte.
Theologische Interpretation
Genesis 1,19 macht zunächst deutlich, dass auch die Himmelslichter innerhalb der Zeit stehen. Sonne, Mond und Sterne sind gerade erst mit Funktionen für Tage und Jahre ausgestattet worden, doch ihr eigener Schöpfungstag endet nach derselben Formel wie die vorausgehenden Tage. Sie markieren Zeit, sind aber nicht deren göttliche Herren. Die Zeitordnung gehört zur Schöpfung Elohims und umfasst auch diejenigen Geschöpfe, die sie sichtbar machen.
Eine zweite theologische Aussage betrifft die Kontinuität zwischen unmittelbarer göttlicher Ordnung und geschöpflicher Funktion. Die ersten drei Tage zeigen bereits Abend und Morgen; am vierten Tag werden Himmelslichter eingesetzt, die Tag und Nacht dauerhaft strukturieren. Gott richtet somit eine Welt ein, die nach ihrer Schöpfung eigene regelmäßige Abläufe besitzt. Natürliche Regelmäßigkeit erscheint nicht als Konkurrenz zum Schöpfungshandeln, sondern als dessen Ergebnis.
Drittens verbindet Genesis 1,19 zyklische und lineare Zeit. Abend und Morgen wiederholen sich, doch der Tag ist „vierter“. Wiederkehrende Naturzyklen schließen geschichtlichen Fortschritt nicht aus. Der Kosmos bewegt sich in Rhythmen und zugleich auf eine Vollendung hin. Diese Verbindung ist für die spätere biblische Zeitvorstellung grundlegend: Wochen, Feste und Sabbate kehren wieder, während die Geschichte dennoch eine Richtung besitzt.
Viertens relativiert der Vers die Gestirne religiös. Der gesamte vierte Tag hatte ihre Größe, ihre Herrschaft und ihre Funktion beschrieben. Dennoch beendet die Erzählung diesen beeindruckenden kosmischen Abschnitt mit derselben nüchternen Formel wie die anderen Tage. Sonne und Mond erhalten keine besondere göttliche Schlussakklamation. Sie sind wichtige, aber normale Bestandteile des Schöpfungswerks.
Fünftens zeigt der Vers, dass Ordnung nicht nur räumlich, sondern zeitlich ist. Genesis 1 hat Wasser, Himmel, Erde, Meer und Vegetation räumlich differenziert. Mit den Himmelslichtern wird Zeit nun zusätzlich sichtbar, messbar und kalendarisch strukturiert. Die Abend-Morgen-Formel integriert diese neue astronomische Ordnung unmittelbar in die bereits bestehende Tagesfolge.
Sechstens besitzt der vierte Tagesabschluss eine kultische Tiefendimension. Wenn Himmelslichter Zeichen für מוֹעֲדִים, festgesetzte Zeiten beziehungsweise Festzeiten, sind, dann schafft der Kosmos die Voraussetzungen religiöser Zeitordnung. Genesis 1,19 selbst nennt noch keinen israelitischen Festtag; innerhalb der kanonischen Perspektive führt die geordnete Schöpfungszeit jedoch auf Sabbat und Festkalender hin.
Siebtens verweist der Morgen erneut auf Zukunft. Der vierte Tag ist abgeschlossen, aber die Schöpfung nicht. Die Himmelsordnung bildet die Voraussetzung für den nächsten Schritt. Mit Genesis 1,20 beginnt die Schöpfung beweglicher Lebewesen in Wasser und Himmelsraum. Zeitordnung und Lebensraum gehen dem Leben voraus.
Achtens zeigt die Formel eine Theologie der Grenze. Selbst ein von Gott als gut bewertetes Werk besitzt ein Ende. Der vierte Tag wird nicht grenzenlos verlängert. Schöpfung vollzieht sich in gegliederten Abschnitten. Diese Begrenztheit bereitet die größere Bewegung von sechs Tagen des Werkes zum siebten Tag der Ruhe vor.
Neuntens widerspricht die Tagesformel einem einfachen kosmischen Determinismus. Die Himmelskörper sind als Zeitzeichen eingesetzt, aber die Geschichte wird nicht von ihnen erzählt oder bestimmt. Die Erzählstimme bleibt auf Gottes Handeln konzentriert. Sonne und Mond markieren Rhythmen; sie sind nicht die Autoren der Schöpfungsgeschichte.
Zehntens liegt die Güte des vierten Tages in der vorausgehenden funktionalen Ordnung. Die Gutheißung von Vers 18 und die Tagesgrenze von Vers 19 gehören zusammen. Ein Schöpfungsabschnitt wird erst dann abgeschlossen, nachdem die geschaffenen Elemente ihren angemessenen Platz und ihre Aufgabe erhalten haben. Sein Ende bestätigt damit nicht bloß verstrichene Zeit, sondern vollendete Ordnung.
Grenzen der Aussage
Genesis 1,19 legt nicht ausdrücklich fest, dass ein Schöpfungstag exakt einer modernen astronomisch gemessenen Periode von 24 Stunden entsprechen müsse. Die Wörter עֶרֶב, בֹּקֶר und יוֹם sind konkrete Zeitbegriffe, doch der Vers formuliert keine moderne Chronometrie.
Ebenso darf aus der Reihenfolge Abend – Morgen nicht ohne weitere Argumentation eine vollständige Theorie aller biblischen Tagesanfänge abgeleitet werden. Die spätere jüdische Tagesrechnung von Abend zu Abend besitzt weitere biblische und halachische Grundlagen.
Der Text erklärt nicht physikalisch, wie die ersten drei Abend-Morgen-Zyklen ohne die erst am vierten Tag genannten Himmelslichter funktionieren. Rabbinische, patristische und scholastische Antworten auf diese Frage gehören zur Rezeptionsgeschichte.
Die talmudische Vorstellung, die Himmelslichter seien am ersten Tag geschaffen und erst am vierten aufgehängt worden, ist eine harmonisierende rabbinische Interpretation und nicht die ausdrückliche Aussage von Genesis 1,19.
Rabbeinu Bachjas Modell unterschiedlicher Lichtarten und ihrer Wirkung auf die untere Welt ist mittelalterliche jüdische Kosmologie, keine moderne physikalische Erklärung.
Augustins Interpretation von Abend und Morgen als Abend- und Morgenerkenntnis der Engel ist eine christliche allegorisch-metaphysische Deutung. Die hebräischen Wörter selbst bedeuten weiterhin Abend und Morgen.
Auch Basilius' und Thomas' Erklärungen der Tagesgrenzen gehören in ihre jeweilige vormoderne Natur- und Zeittheorie. Sie sind für die Wirkungsgeschichte wichtig, aber nicht mit dem ursprünglichen hebräischen Wortsinn gleichzusetzen.
Die literarische Korrespondenz von Tag 1 und Tag 4 ist deutlich, sollte jedoch nicht als Beweis für eine bestimmte moderne naturwissenschaftliche Schöpfungschronologie verwendet werden. Das Schema beschreibt die Komposition des Textes.
Schließlich sollte auch die Aussage, die Himmelslichter dienten zur Zeitmessung, nicht so missverstanden werden, als lehre Genesis eine moderne Theorie über das Wesen der Zeit. Der Text beschreibt ihre kosmische und kalendarische Funktion innerhalb einer antiken Schöpfungserzählung.
Gesamtinterpretation
Genesis 1,19 beendet den vierten Schöpfungstag mit der Formel וַיְהִי־עֶרֶב וַיְהִי־בֹקֶר יוֹם רְבִיעִי: „Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein vierter Tag.“ Die traditionelle deutsche Fassung „Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag“ gibt den Gesamtsinn wieder, verdichtet jedoch die hebräische Parallelstruktur.
Die beiden Formen וַיְהִי sind Qal-Wayyiqtolformen von היה, „sein, werden, geschehen“. Sie erzählen nacheinander den Übergang zum Abend und zum Morgen. יוֹם רְבִיעִי bezeichnet anschließend die so abgeschlossene vierte Einheit der Schöpfungsfolge.
Der Vers ist literarisch besonders bedeutend, weil unmittelbar zuvor jene Himmelslichter geschaffen und eingesetzt wurden, die nach Genesis 1,14 selbst zur Bestimmung von Zeiten, Tagen und Jahren dienen sollen. Trotzdem verwendet Genesis 1,19 dieselbe Tagesformel, die bereits die ersten drei Tage abgeschlossen hatte. Die Gestirne schaffen die Zeit innerhalb des Erzählverlaufs daher nicht erst; sie werden in eine bereits bestehende Zeitordnung als regelmäßige Zeichen und Regenten eingesetzt.
Damit schließt der vierte Tag die am ersten Tag begründete Licht- und Zeitordnung funktional ab. Am ersten Tag entstehen Licht, Finsternis, Tag und Nacht; am vierten erscheinen die großen und kleinen Lichtträger sowie die Sterne, die über diese Bereiche herrschen und sie markieren. Die beiden Tage stehen in einer engen literarischen Korrespondenz.
Genesis 1,19 beendet zugleich einen umfangreichen Abschnitt. Sonne, Mond und Sterne sind gemacht, in die Himmelsfeste gesetzt, auf die Erde ausgerichtet, mit Herrschaft über Tag und Nacht versehen und als Teil einer guten Ordnung bewertet. Die Tagesformel setzt nach dieser vollständigen Funktionszuweisung die zeitliche Grenze.
In der jüdischen Rezeptionsgeschichte wurde besonders die Spannung zwischen dem Licht des ersten Tages und den Himmelslichtern des vierten Tages diskutiert. Chagigah 12a bewahrt unter anderem die Tradition, die Himmelslichter seien bereits am ersten Tag geschaffen, aber erst am vierten in ihre kosmische Stellung eingesetzt worden. Rabbeinu Bachja entwickelt später ein eigenes Modell des ursprünglichen und des auf die Erde wirkenden Lichtes.
Eine weitere rabbinische Wirkungsgeschichte betrifft die Formel וַיְהִי. Ruth Rabbah bezieht sogar die Tagesabschlussformeln des Schöpfungsberichts, darunter den vierten Tag, in eine homiletische Diskussion über die Bedeutung von וַיְהִי ein. Solche Deutungen zeigen die exegetische Produktivität der Formel, gehören aber nicht zu ihrem einfachen grammatischen Sinn.
Augustinus stellt besonders klar das Problem der ersten drei Tage vor der Sonne heraus. Seine Lösung bewegt sich zwischen einer unbekannten ursprünglichen Lichtordnung und einer allegorischen Deutung von Abend und Morgen als Erkenntnisweisen der Engel. Basilius und später Thomas von Aquin interpretieren Abend und Morgen stärker als Grenzpunkte des Tag-Nacht-Zyklus.
Die Septuaginta bewahrt die hebräische Parallelität mit καὶ ἐγένετο ἑσπέρα καὶ ἐγένετο πρωί, ἡμέρα τετάρτη. Die Vulgata fasst etwas knapper zusammen: Et factum est vespere et mane, dies quartus. Beide Übersetzungstraditionen haben die christliche Hexaemeron-Auslegung wesentlich geprägt.
Historisch gehört die Tagesformel zur streng gegliederten, priesterlich geprägten Komposition von Genesis 1. Der vierte Tag eröffnet die zweite Hälfte der sechs Arbeitstage und verbindet die am ersten Tag geschaffene Lichtordnung mit den nun eingesetzten kosmischen Funktionsträgern.
Theologisch zeigt Genesis 1,19 eine Welt, deren Zeit sowohl rhythmisch als auch gerichtet ist. Abend und Morgen kehren wieder; dennoch schreitet die Zählung voran. Wiederholung bedeutet keine Stagnation. Der Kosmos entwickelt sich innerhalb stabiler Rhythmen auf seine Vollendung zu.
Gerade nach der Schöpfung von Sonne, Mond und Sternen besitzt diese Aussage besondere Schärfe: Die mächtigen Himmelslichter werden selbst in die Schöpfungszeit eingeschlossen. Sie markieren Tage und Jahre, sind aber nicht die Herren über den Schöpfer oder Ursprung aller Zeit. Auch ihr Werkstag endet: Es wird Abend, es wird Morgen – ein vierter Tag.
Externe Quellen und weiterführende Literatur
Sefaria – Genesis 1,19 – masoretischer hebräischer Text mit „Abend und Morgen – ein vierter Tag“.
Sefaria – Genesis 1,14–19 – vollständiger Zusammenhang des vierten Schöpfungstages.
Sefaria – Babylonischer Talmud, Chagigah 12a – rabbinische Diskussion über das Licht des ersten Tages und die Himmelslichter des vierten Tages.
Sefaria – Rabbeinu Bachja zu Genesis 1,3 – mittelalterliche jüdische Auslegung des Verhältnisses zwischen ursprünglichem Licht und Himmelslichtern des vierten Tages.
Sefaria – Ruth Rabbah 1,7 – midraschische Diskussion über die Formel ויהי unter Einbeziehung der Schöpfungstage.
Sefaria – Bereschit Rabbah 6 – rabbinische Auslegungen zum vierten Schöpfungstag, zu Sonne, Mond, Sternen und Zeitordnung.
Septuaginta – Genesis 1 – griechische Fassung „καὶ ἐγένετο ἑσπέρα ... ἡμέρα τετάρτη“.
Nova Vulgata – Genesis 1 – lateinische Fassung des vierten Tages.
New Advent – Genesis 1 – griechische und lateinische Parallelüberlieferung von Genesis 1,19.
Yale Bible Study – Creation – wissenschaftliche Einführung zur Siebentagesstruktur und zur Komposition von Genesis 1.
Yale Bible Study – Genesis Introduction – historisch-kritische Einordnung der priesterlich geprägten Schöpfungserzählung.
Basilius von Caesarea – Hexaemeron, Homilie II – patristische Auslegung von Abend, Morgen und vollständigem Tag-Nacht-Zyklus.
Basilius von Caesarea – Hexaemeron, Homilie VI – ausführliche Auslegung des vierten Schöpfungstages und der Himmelslichter.
Augustinus – De civitate Dei XI – Diskussion der ersten drei Tage vor der Sonne und der geistigen Deutung der Schöpfungstage.
Thomas von Aquin – Summa theologiae I, q. 74 – scholastische Zusammenfassung verschiedener Deutungen der sechs Tage sowie von Abend und Morgen.