Einleitung
Genesis 1,22 enthält eine entscheidende Neuerung innerhalb des Schöpfungsberichts. Nachdem Gott in Genesis 1,21 die großen Meerestiere, die bewegten Wasserlebewesen und die geflügelten Tiere geschaffen und als gut bewertet hat, folgt nun nicht unmittelbar der Tagesabschluss. Gott wendet sich den lebenden Geschöpfen noch einmal zu und segnet sie. Dieser Segen eröffnet die Zukunft des gerade geschaffenen Lebens: Die Tiere sollen nicht lediglich als einmalige Exemplare vorhanden sein, sondern fruchtbar werden, sich vermehren und ihre Lebensräume füllen.
Mit וַיְבָרֶךְ אֹתָם אֱלֹהִים, „Und Gott segnete sie“, erscheint erstmals im biblischen Text ausdrücklich die Wurzel ברך in der Bedeutung des göttlichen Segens. Dass der erste ausdrücklich Gesegnete der Bibel nicht der Mensch, sondern die Tierwelt ist, besitzt erhebliche theologische Bedeutung. Noch bevor in Genesis 1,28 Mann und Frau gesegnet werden, empfangen Wasserlebewesen und Vögel Gottes lebensfördernde Zuwendung.
Der Inhalt des Segens wird unmittelbar durch drei an die Tiere gerichtete Imperative ausgelegt: פְּרוּ, „seid fruchtbar“, וּרְבוּ, „und mehrt euch“, und וּמִלְאוּ, „und füllt“. Segen ist damit im unmittelbaren Zusammenhang nicht primär ein Wunsch nach allgemeinem Wohlergehen. Er konkretisiert sich als von Gott gewährte Fähigkeit zur Fortpflanzung, quantitativen Vermehrung und räumlichen Ausbreitung.
Der Vers führt zugleich die in Genesis 1 immer stärker hervortretende Dynamik geschöpflichen Lebens weiter. Gott hatte einzelne Lebewesen beziehungsweise Arten geschaffen; nun sollen diese Geschöpfe selbst weitere Generationen hervorbringen. Der einmalige Schöpfungsakt eröffnet damit fortgesetzte Generation. Die Schöpfung wird zu einer Welt, in der Leben Leben hervorbringt.
Die ältere deutsche Fassung „und erfüllt das Wasser im Meer“ gibt den Sinn verständlich wieder, während das Hebräische genauer von הַמַּיִם בַּיַּמִּים, „den Wassern in den Meeren“, spricht. Auffällig ist außerdem der Wechsel am Versende: Die Wasserlebewesen werden mit Imperativen direkt angesprochen, während es von den Vögeln in der dritten Person heißt וְהָעוֹף יִרֶב, „und das Fluggetier vermehre sich“. Die unterschiedliche Syntax verändert nicht die gemeinsame Grundfunktion: Beide Tiergruppen empfangen göttlich gewährte Fruchtbarkeit.
Parallelstellen
Genesis 1,20 enthält den Schöpfungsbefehl für Wasserlebewesen und Vögel. Die Wasser sollen von lebenden Wesen wimmeln, und die Flugtiere sollen über der Erde fliegen. Genesis 1,22 führt diese Fülle in die Zukunft weiter: Was zunächst erschaffen wurde, soll sich nun selbst vermehren.
Genesis 1,21 bildet die unmittelbare Voraussetzung des Segens. Erst nachdem die verschiedenen Wasser- und Flugtiere erschaffen und als gut bewertet worden sind, empfangen sie die Fähigkeit beziehungsweise Bestimmung zur Fortpflanzung. Schöpfung, Gutheißung und Segen bilden dadurch eine zusammenhängende Folge.
Genesis 1,23 beendet den fünften Schöpfungstag mit der Abend-Morgen-Formel. Der Segen von Vers 22 ist somit der letzte inhaltliche Schöpfungsakt des fünften Tages, bevor die Zeiteinheit geschlossen wird.
Genesis 1,28 ist die wichtigste sprachliche Parallelstelle. Auch die Menschen werden von Gott gesegnet und hören פְּרוּ וּרְבוּ וּמִלְאוּ, „Seid fruchtbar, mehrt euch und füllt“. Während die Tiere die Wasser beziehungsweise die Erde bevölkern sollen, sollen die Menschen die Erde füllen und zusätzlich besondere Herrschaftsaufgaben übernehmen. Die gemeinsame Segensformel verbindet menschliche und tierische Fruchtbarkeit.
Genesis 2,3 verwendet die Wurzel ברך erneut: Gott segnet den siebten Tag und heiligt ihn. Der Segen kann somit nicht nur Lebewesen, sondern auch einen Zeitbereich betreffen. Seine konkrete Bedeutung ergibt sich jeweils aus dem Kontext.
Genesis 8,17 greift nach der Sintflut die Sprache tierischer Fruchtbarkeit wieder auf. Die Tiere sollen sich auf der Erde regen, fruchtbar sein und sich vermehren. Die nach der Flut wiederhergestellte Welt wird damit sprachlich an die ursprüngliche Schöpfungsordnung zurückgebunden.
Genesis 9,1 wiederholt nach der Sintflut den menschlichen Segen fast programmatisch: Gott segnet Noah und seine Söhne und sagt: „Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde.“ Die Schöpfungssprache von Genesis 1 wird zur Sprache der Neuschöpfung nach dem Gericht.
Genesis 9,7 wiederholt die Fruchtbarkeitsforderung nochmals und verstärkt sie mit der Vorstellung zahlreicher Ausbreitung auf der Erde. Die Fortsetzung menschlichen Lebens wird dadurch zu einem zentralen Motiv des erneuerten Bundes.
Genesis 17,6 verbindet Gottes Bundessegen für Abraham mit außergewöhnlicher Fruchtbarkeit. Das Motiv Fruchtbarkeit wird damit von der kosmischen Schöpfungsordnung in die besondere Verheißungsgeschichte Israels überführt.
Genesis 17,16 berichtet Gottes Segen über Sara und verbindet ihn mit der Geburt eines Sohnes sowie mit der Entstehung von Völkern. Auch hier besitzt Segen konkret lebensschaffende und generationenbildende Wirkung.
Genesis 35,11 nimmt die Formel „Sei fruchtbar und mehre dich“ in der Verheißung an Jakob auf. Die ursprüngliche Schöpfungssprache wird dadurch Teil der patriarchalischen Bundesgeschichte.
Exodus 1,7 beschreibt Israel in Ägypten mit einer auffälligen Häufung von Vermehrungsvokabular: Die Israeliten sind fruchtbar, vermehren sich und werden sehr zahlreich. Die Sprache erinnert bewusst an die Genesis-Segensformeln und stellt Israels Wachstum unter den Horizont des Schöpfungssegens.
Psalm 104,25 beschreibt das große Meer mit zahllosen kleinen und großen Lebewesen. Die im Psalm bewunderte Lebensfülle kann als poetische Entfaltung dessen gelesen werden, was Genesis 1,22 mit dem Befehl „füllt die Wasser in den Meeren“ programmatisch formuliert.
Psalm 107,38 verbindet Gottes Segen unmittelbar mit starker Vermehrung. Damit erscheint Segen auch außerhalb der Genesis als wirksame Kraft von Fruchtbarkeit und Bevölkerungswachstum.
Wortanalyse
וַיְבָרֶךְ, wayəḇāreḵ, ist Piel Wayyiqtol, 3. Person maskulin Singular, der Wurzel ברך, „segnen“. Das Piel ist die gewöhnliche Verbform für das aktive Segnen. In Genesis 1,22 ist Gott Subjekt des Segens und die geschaffenen Tiere sind dessen Empfänger.
אֹתָם, ʾōṯām, bedeutet „sie“ und besteht aus dem bestimmten Objektmarker אֵת mit dem Pronominalsuffix der 3. Person maskulin Plural. Das Pronomen verweist auf die in Genesis 1,21 geschaffenen Wasser- und Flugtiere.
אֱלֹהִים, ʾĕlōhîm, ist das nachgestellte Subjekt: „Gott“. Wie häufig in Genesis 1 steht zuerst das Verb, dann das Objekt und danach das Subjekt.
לֵאמֹר, lēʾmōr, ist der Qal Infinitiv constructus von אמר mit der Präposition לְ. Die feste Form bedeutet „indem er sprach“, „mit den Worten“, „nämlich“. Sie leitet den Inhalt des Segens ein.
פְּרוּ, pərû, ist Qal Imperativ, 2. Person maskulin Plural, von פרה, „fruchtbar sein, Frucht bringen“. Die Form spricht die Tierwelt direkt an.
וּרְבוּ, ûrəḇû, ist Qal Imperativ, 2. Person maskulin Plural, von רבה, „zahlreich sein, zahlreicher werden, sich vermehren“. Die Vermehrung ergänzt die Fruchtbarkeit quantitativ.
וּמִלְאוּ, ûmilʾû, ist Qal Imperativ, 2. Person maskulin Plural, von מלא, „voll sein, füllen“. Im Qal kann das Verb transitiv „etwas füllen“ bedeuten. Das bestimmte direkte Objekt folgt unmittelbar.
אֶת־הַמַּיִם, ʾeṯ-hammayim, bezeichnet „die Wasser“ als direktes Objekt von „füllt“. Das Leben soll nicht lediglich punktuell in den Wassern vorkommen, sondern diese Lebensräume erfüllen.
בַּיַּמִּים, bayyammîm, setzt sich aus der Präposition בְּ, dem bestimmten Artikel und dem Plural יַמִּים, „Meere“, zusammen: „in den Meeren“.
וְהָעוֹף, wəhāʿôp, bedeutet „und das Fluggetier“, „und die Vogelwelt“. עוֹף ist ein kollektiver Singular.
יִרֶב, yireḇ, ist Qal Imperfekt beziehungsweise im Kontext Jussiv, 3. Person maskulin Singular, der Wurzel רבה: „es vermehre sich“, „es werde zahlreich“.
בָּאָרֶץ, bāʾāreṣ, verbindet die Präposition בְּ mit dem bestimmten אֶרֶץ, „Erde, Land“: „auf der Erde“, „im Land“.
Grammatik und Syntax
Der Vers gliedert sich syntaktisch in zwei Hauptteile. Zunächst berichtet der Erzähler וַיְבָרֶךְ אֹתָם אֱלֹהִים לֵאמֹר, „Und Gott segnete sie, indem er sprach“. Danach folgt der Inhalt des Segens in direkter Rede. Die Rede wiederum enthält zunächst drei koordinierte Imperative in der 2. Person Plural und anschließend einen jussivisch gebrauchten Satz in der 3. Person Singular.
Die Imperativkette lautet פְּרוּ וּרְבוּ וּמִלְאוּ: „Seid fruchtbar – mehrt euch – füllt“. Die drei Verben bilden eine semantische Steigerung. Fruchtbarkeit bezeichnet die Fähigkeit, Nachkommen hervorzubringen; Vermehrung bezeichnet die daraus resultierende Zunahme; Fülle beschreibt schließlich die räumliche Konsequenz dieser Zunahme. Fortpflanzungsfähigkeit führt zu zahlenmäßiger Vermehrung, Vermehrung zur Besiedlung des Lebensraumes.
Der letzte Satzteil wechselt bewusst die Konstruktion: וְהָעוֹף יִרֶב בָּאָרֶץ. Statt des direkten Imperativs „mehrt euch“ heißt es nun „und das Fluggetier vermehre sich“. Der kollektive Singular עוֹף verlangt dabei das singularische Verb יִרֶב. Inhaltlich bleibt die Aussage Teil derselben Segensrede.
Die unterschiedliche Redeform darf nicht überinterpretiert werden. Der Text sagt nicht, Wasserwesen seien in höherem Maß persönlich adressierbar als Vögel. Es handelt sich vielmehr um eine stilistische und grammatische Variation innerhalb der Segensformel.
Bemerkenswert ist außerdem die Form לֵאמֹר. In Genesis 1,28 wird die entsprechende menschliche Segnung anders formuliert: וַיְבָרֶךְ אֹתָם אֱלֹהִים וַיֹּאמֶר לָהֶם אֱלֹהִים, „Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen“. Genesis 1,22 verbindet Segen und Segenswort enger: Gott segnet sie „indem er spricht“ beziehungsweise „mit den Worten“. Diese kleine syntaktische Differenz wurde in der jüdischen Exegese aufmerksam wahrgenommen.
וַיְבָרֶךְ – „und Gott segnete“
Mit וַיְבָרֶךְ tritt ein für die gesamte Genesis grundlegendes theologisches Motiv auf. Die Wurzel ברך wird später die Geschichten Abrahams, Isaaks und Jakobs prägen, in denen göttlicher Segen besonders mit Leben, Nachkommenschaft, Land, Schutz und Zukunft verbunden ist. Sein erstes ausdrückliches Auftreten findet jedoch nicht in der Patriarchengeschichte und auch nicht beim Menschen statt, sondern bei Tieren.
Im Kontext von Genesis 1,22 lässt sich die Bedeutung des Segens unmittelbar aus dem folgenden Wortlaut erschließen. Gott verleiht beziehungsweise bestätigt die Fähigkeit zur Fruchtbarkeit und Vermehrung. Der Segen richtet sich damit auf die Zukunft des Lebens. Geschöpfliches Leben soll nicht mit dem Tod der ursprünglich geschaffenen Individuen enden.
Segen ist deshalb hier mehr als positive Bewertung. Genesis 1,21 hatte bereits gesagt, dass Gott die Tierwelt als „gut“ ansieht. Genesis 1,22 geht einen Schritt weiter. Die Gutheißung beurteilt das Geschaffene; der Segen befähigt beziehungsweise bestimmt es zu fortdauerndem Leben.
Die Unterscheidung zwischen Güte und Segen ist theologisch wichtig. Gut ist, was seiner geschaffenen Ordnung entspricht. Gesegnet wird, was in eine lebensfördernde Zukunft gestellt wird. Im fünften Tag folgen beide unmittelbar aufeinander.
אֹתָם – „sie“
Das Pronomen אֹתָם verbindet Vers 22 eng mit dem vorausgehenden Genesis 1,21. Gesegnet werden die gerade geschaffenen großen Meerestiere, die Vielzahl bewegter Wasserwesen und die geflügelten Tiere.
Die Form ist grammatisch der bestimmte Objektmarker אֵת mit einem maskulinen Pluralsuffix. Wie bereits in Genesis 1,17 bei אֹתָם darf sie nicht mit dem Substantiv אוֹת, „Zeichen“, verwechselt werden.
Theologisch ist der kurze Rückverweis bedeutsam: Der Segen gilt nicht einer abstrakten Idee „des Lebens“, sondern den konkret geschaffenen Lebewesen. Die Geschöpfe, die Gott als gut gesehen hat, sind Empfänger seiner lebensfördernden Zuwendung.
לֵאמֹר – „indem er sprach“
לֵאמֹר ist eine häufige biblische Formel zur Einleitung direkter Rede. In Genesis 1,22 besitzt sie jedoch zusätzliche Bedeutung, weil sie unmittelbar an das Verb „segnen“ anschließt. Die Segnung wird nicht zunächst als unsichtbarer Vorgang beschrieben, dem zufällig noch Worte folgen; der Text präsentiert den Segen durch sein gesprochenes Wort.
Saadja Gaon und andere jüdische Ausleger verstehen den Segen deshalb nicht als bloßen Wunsch, sondern als göttliche Festsetzung einer realen Fähigkeit. Gottes Wort bringt die Fruchtbarkeitsordnung zur Geltung. Der sprachliche Segen ist wirksames Schöpfungswort.
Damit setzt Genesis 1 ein Grundmotiv fort, das schon seit Genesis 1,3 bekannt ist: Gottes Sprechen ist wirksam. Doch die Funktion hat sich verändert. Zuvor befiehlt Gottes Wort die Entstehung von Bereichen und Geschöpfen; nun wendet sich das göttliche Wort an bereits geschaffenes Leben und eröffnet ihm Zukunft.
פְּרוּ – „seid fruchtbar“
פְּרוּ gehört zur Wurzel פרה, „fruchtbar sein, Frucht hervorbringen“. Raschi verbindet die Form ausdrücklich mit פְּרִי, „Frucht“, und paraphrasiert sie sinngemäß als „bringt Früchte hervor“.
Bei Tieren bezeichnet die metaphorische Sprache der „Frucht“ die Hervorbringung von Nachkommen. Das Leben wird dadurch in eine biologische Kontinuität gestellt: Ein Lebewesen bringt weiteres Leben seiner Art hervor.
Die Formulierung verbindet tierische Fortpflanzung sprachlich mit der Fruchtbarkeit von Pflanzen und später mit menschlicher Nachkommenschaft. Fruchtbarkeit ist innerhalb der Schöpfung eine übergreifende Kategorie, auch wenn ihre konkrete Gestalt bei Pflanzen, Tieren und Menschen verschieden ist.
וּרְבוּ – „und mehrt euch“
רבה bedeutet zahlreich werden oder sich vermehren. Raschi unterscheidet die Aussage von פְּרוּ: Würde der Text nur „seid fruchtbar“ sagen, könnte nach seiner Auslegung ein Geschöpf lediglich einen Nachkommen hervorbringen; וּרְבוּ füge die Vorstellung zahlreicher Nachkommenschaft hinzu.
Philologisch muss diese rabbinische Differenzierung nicht als strenge lexikalische Definition beider Verben gelten. Im biblischen Stil bilden פרה und רבה häufig ein Wortpaar, dessen Glieder sich semantisch gegenseitig verstärken. Gerade diese Häufung vermittelt Überfluss: Das Leben soll nicht knapp bleiben.
Das Motiv wird später zentral für Israels eigene Geschichte. Die Patriarchen erhalten Verheißungen zahlreicher Nachkommenschaft; Exodus 1 beschreibt Israels explosionsartige Vermehrung in Ägypten mit ähnlichem Vokabular. Der kosmische Lebenssegen wird so zum sprachlichen Hintergrund der Bundesgeschichte.
וּמִלְאוּ – „und füllt“
Die dritte Stufe der Segensformel ist וּמִלְאוּ, „und füllt“. Fruchtbarkeit und Vermehrung sollen sich räumlich auswirken. Das Leben soll die dafür geschaffenen Bereiche nicht nur punktuell besetzen, sondern erfüllen.
Dasselbe Verb kehrt in Genesis 1,28 beim Menschen wieder: Die Menschen sollen die Erde füllen. In Genesis 1,22 gilt die Füllung primär den Wassern; die Vogelwelt soll sich auf der Erde vermehren.
Damit verbindet der Text Bevölkerung mit Lebensraum. Die zuvor geschaffenen kosmischen Räume erhalten nun biologische Fülle. Der zweite Schöpfungstag hatte Wasser- und Himmelsbereich strukturiert; der fünfte macht aus diesen Bereichen bewohnte beziehungsweise durchlebte Räume.
אֶת־הַמַּיִם בַּיַּמִּים – „die Wasser in den Meeren“
Der hebräische Ausdruck unterscheidet מַיִם, „Wasser“, und יַמִּים, „Meere“. Die Wasser sollen in den Meeren gefüllt werden. Die traditionelle deutsche Form „das Wasser im Meer“ reduziert beide Plurale und glättet die Ausdrucksweise.
In Genesis 1,10 hatte Gott die Sammlung der Wasser יַמִּים, „Meere“, genannt. Genesis 1,22 knüpft daran an: Der zuvor benannte Meeresraum wird nun durch tierisches Leben erfüllt.
Shadal versteht „in den Meeren“ relativ weit als unterschiedliche Wasseransammlungen und bezieht auch Flüsse und andere Wasserbereiche ein. Ramban überliefert ebenfalls die Frage, wie weit die Segensformel über die eigentlichen Meere hinauszureichen ist. Der unmittelbare Wortlaut nennt jedoch ausdrücklich die Meere als Hauptbereich der Wasserfülle.
Die theologische Pointe bleibt unabhängig von dieser geographischen Detailfrage: Die Wasserwelt soll nicht leer bleiben. Das Lebenspotential des fünften Tages zielt auf Fülle.
וְהָעוֹף יִרֶב – „das Fluggetier vermehre sich“
Während die Wasserlebewesen direkt mit drei Imperativen angeredet werden, formuliert der zweite Satzteil die Vermehrung der Vögel in der dritten Person. עוֹף ist ein kollektiver Singular für die Vogel- beziehungsweise Flugtierwelt, und יִרֶב entspricht dieser grammatischen Singularform.
Der Jussiv bringt dennoch einen göttlichen Willenssatz zum Ausdruck: Die Vögel sollen zahlreich werden. Inhaltlich gehört auch diese Aussage zum Segen.
Die Vogelwelt ist damit nicht nur auf den Luftraum bezogen. Bereits Genesis 1,20 hatte die Vögel „über der Erde“ fliegen lassen; nun sollen sie sich בָּאָרֶץ, auf der Erde, vermehren. Flug und Fortpflanzung verbinden Himmel und Erde.
בָּאָרֶץ – „auf der Erde“
Die Vögel bewegen sich im Luftraum, ihre Vermehrung wird jedoch ausdrücklich der Erde zugeordnet. Ramban macht daraus eine konkrete naturkundliche Beobachtung: Selbst Vögel, die große Teile ihres Lebens auf oder am Wasser verbringen, bringen ihre Nachkommen nicht im Wasser hervor, sondern legen ihre Eier auf festem Grund beziehungsweise in einem terrestrischen Brutraum ab.
Diese traditionelle Erklärung ist phänomenologisch formuliert und nicht als vollständige moderne Ornithologie zu verstehen. Sie erkennt jedoch einen wesentlichen Punkt des Verses: Die Vogelwelt verbindet unterschiedliche Schöpfungsbereiche.
Genesis 1 entwirft damit keine Welt vollständig isolierter Sphären. Wasser, Himmel und Erde sind unterschieden, aber Lebewesen stellen Beziehungen zwischen ihnen her. Gerade die Vögel verkörpern diese Durchlässigkeit besonders sichtbar.
Der erste ausdrückliche Segen der Bibel
Dass Genesis 1,22 die erste ausdrückliche Verwendung des göttlichen Segensmotivs enthält, ist für die Gesamtstruktur der Genesis von erheblicher Bedeutung. Segen wird später zu einem Leitmotiv des Buches: Gott segnet den Menschen, den Sabbat, Noah, Abraham und dessen Nachkommenschaft; Menschen segnen einander; Segenslinien strukturieren Familien- und Bundesgeschichte.
Der Ursprung dieses Motivs liegt jedoch in der nichtmenschlichen Schöpfung. Die erste Segenshandlung richtet sich an Meeres- und Flugtiere. Damit ist Segen zunächst kosmisch und biologisch, bevor er patriarchalisch, national oder kultisch wird.
Der Segen ist auf Leben ausgerichtet. Er ermöglicht beziehungsweise bestätigt Fortpflanzung, Vermehrung und Fülle. Diese Grundbedeutung bleibt auch in späteren Genesistexten wichtig. Abrahams Segen ist eng mit zahlreicher Nachkommenschaft verbunden; Saras Segen führt zu Geburt und Völkern; Jakob erhält den Auftrag, fruchtbar und zahlreich zu werden.
Genesis 1,22 bildet somit die schöpfungstheologische Grundlage für die spätere Segensgeschichte. Gottes Segen will Leben nicht nur hervorbringen, sondern erhalten, vermehren und Zukunft eröffnen.
Segen und gesprochenes Wort
Der Segen wird durch Rede expliziert. Dies verbindet Genesis 1,22 mit der gesamten Schöpfungstheologie des Kapitels. Gottes Wort ist nicht bloßer Kommentar zur Wirklichkeit, sondern wirksame Setzung. „Es werde Licht“ führt zur Existenz von Licht; „die Wasser sollen wimmeln“ führt zur lebendigen Wasserwelt; „seid fruchtbar und mehrt euch“ eröffnet die Fortsetzung des Lebens durch Generationen.
Saadja Gaon versteht diese Wirksamkeit besonders stark. Nach seiner Interpretation bedeutet die göttliche Segnung, dass Gott den Tieren die Fähigkeit und den Trieb zur Fortpflanzung in ihre Natur einprägt. Der Segen ist daher keine bloße sprachliche Gratulation, sondern eine in der geschaffenen Natur wirksame göttliche Bestimmung.
Shadal formuliert ähnlich, Gott habe ihnen den Segen der Fruchtbarkeit und Vermehrung „festgesetzt“, also ihre Natur entsprechend eingerichtet. Beide Ausleger verbinden damit göttliches Segenswort und stabile biologische Ordnung.
Eine solche Interpretation passt zur langfristigen Logik des Textes: Die Tiere müssen nicht vor jeder neuen Generation erneut einzeln erschaffen werden. Gottes einmaliger Segen eröffnet eine geschöpfliche Fortpflanzungsfähigkeit, durch die Leben seine Geschichte fortsetzt.
Fruchtbarkeit als geschaffene Potenz
Genesis 1,22 markiert den Übergang von der Erschaffung einzelner Lebensformen zur Erhaltung dieser Lebensformen durch Fortpflanzung. Schöpfung erhält damit eine zeitliche Tiefendimension. Gott schafft nicht nur eine Welt für den Augenblick des ersten Schöpfungstages, sondern eine Welt, die Zukunft besitzt.
Die Fähigkeit zur Reproduktion gehört deshalb selbst zur Schöpfungsordnung. Fortpflanzung ist nicht nachträgliche Reparatur einer sterblichen Welt, sondern erscheint im Text bereits vor jeder Erzählung von menschlicher Sünde. Sie gehört zum ursprünglichen Segen.
Das bedeutet zugleich, dass Generationenwechsel und biologische Fortsetzung positiv in die Schöpfung eingeschrieben sind. Der Text interessiert sich dabei nicht für moderne genetische Mechanismen. Seine Aussage ist theologischer: Lebendiges besitzt von Gott her die Fähigkeit, weiteres Leben hervorzubringen.
Die spätere biblische Segenssprache kann genau daran anknüpfen. Zahlreiche Nachkommenschaft gilt deshalb nicht zufällig als ein zentrales Zeichen von Segen, weil schon der erste Segen der Bibel als Fruchtbarkeit und Vermehrung Gestalt annimmt.
Segen, Befehl oder Ermächtigung?
Die Formen פְּרוּ, רְבוּ und מִלְאוּ sind grammatisch Imperative. Dennoch wäre es verkürzend, Genesis 1,22 ausschließlich als moralisches „Gebot“ an Tiere zu lesen. Tiere sind im Text keine moralisch verantwortlichen Gesetzesadressaten im späteren Sinn.
Die Imperative stehen innerhalb eines göttlichen Segens. Deshalb besitzen sie zugleich den Charakter von Ermächtigung und wirksamer Bestimmung. Was Gott fordert, ermöglicht er durch seinen Segen.
Diese Verbindung von Imperativ und Gabe wird in Genesis 1,28 beim Menschen komplexer, weil dort zusätzlich Herrschaft und Verantwortung auftreten. Bei den Tieren ist die Grundstruktur besonders deutlich: Das göttliche „Seid fruchtbar“ ist zugleich Zuspruch der Fähigkeit, fruchtbar zu sein.
Der Vers verbindet damit Soll und Können nicht gegeneinander. Die geschöpfliche Bestimmung und die geschöpfliche Fähigkeit entspringen demselben Segenswort.
Warum werden Tiere gesegnet, Pflanzen aber nicht?
Die Frage fällt bereits beim Vergleich mit dem dritten Schöpfungstag auf. Die Pflanzen besitzen Samen und reproduktive Fähigkeit, doch Genesis 1 berichtet bei ihnen keinen ausdrücklichen Segen. Erst bei den Tieren erscheint וַיְבָרֶךְ.
Raschi erklärt den Unterschied midraschisch aus der späteren Gefährdung der Tierbestände: Fische und Vögel würden von Menschen gefangen und gegessen; deshalb benötigten sie einen besonderen Segen der Vermehrung. Auch Landtiere hätten diesen benötigt, doch wegen der später zu verfluchenden Schlange sei bei ihnen kein eigener Segen ausgesprochen worden.
Bereschit Rabbah verbindet die Segnung ebenfalls mit der Vorstellung von Verminderung und Wiederauffüllung. Wo Geschöpfe durch Tod und menschliche Nutzung abnehmen, sorgt die göttliche Segenskraft dafür, dass ihre Art nicht verschwindet.
Saadja Gaon und moderne jüdische Kommentierung setzen einen anderen Akzent: Tierische Fortpflanzung setzt aktives Paarungsverhalten und geschlechtliche Reproduktion voraus, weshalb die dazu nötige Neigung und Fähigkeit als besondere göttliche Gabe verstanden wird. Pflanzen reproduzieren sich in der narrativen Darstellung bereits durch ihren Samen.
Diese Erklärungen gehören zur Rezeptionsgeschichte. Der Genesistext selbst erklärt nicht ausdrücklich, warum Pflanzen keinen eigenen Segen erhalten. Sicher lässt sich lediglich sagen, dass der Erzähler den ersten ausdrücklichen Segen genau beim Eintritt selbstbewegten tierischen Lebens platziert.
Wasser und Erde als zu füllende Lebensräume
Der Segen betrifft nicht nur die Zahl der Tiere, sondern auch die Beziehung zwischen Lebewesen und Lebensraum. Die Wasserlebewesen sollen die Wasser der Meere füllen; die Vögel sollen auf der Erde zahlreich werden. Der Vers setzt damit die große räumliche Architektur des Schöpfungsberichts fort.
Am zweiten Tag waren Wasser und Himmelsfeste geordnet worden, am dritten Tag Meer und trockenes Land. Am fünften Tag werden diese Bereiche biologisch besiedelt. Der Segen sorgt dafür, dass diese Besiedlung nicht auf die erste Generation beschränkt bleibt.
Damit besitzt Fruchtbarkeit eine ökologische Dimension. Leben ist nicht abstrakt, sondern räumlich gebunden. Verschiedene Geschöpfe besitzen unterschiedliche Lebensbereiche. Die Fülle der Schöpfung verwirklicht sich als Fülle innerhalb passender Räume.
Die Verse formulieren jedoch keine mathematische Vorstellung grenzenlosen Bevölkerungswachstums. „Füllen“ bezeichnet innerhalb der Schöpfungserzählung die Vollendung eines vorgesehenen Lebensraumes. Spätere ökologische Fragen nach Tragfähigkeit und Populationsdynamik gehören nicht zum unmittelbaren Horizont des antiken Textes.
Genesis 1,20–22 als Sinneinheit
Die Verse Genesis 1,20 bis Genesis 1,22 entwickeln das tierische Leben in drei deutlich unterscheidbaren Stufen. Zuerst steht der göttliche Befehl: Die Wasser sollen wimmeln und Flugtiere sollen fliegen. Danach folgt in Genesis 1,21 die ausdrückliche Erschaffung dieser Wesen „nach ihren Arten“ und ihre Bewertung als gut. Schließlich eröffnet Genesis 1,22 ihre Zukunft durch den Segen.
Die Abfolge lautet daher: Entstehung – Ordnung – Gutheißung – Fortpflanzungssegen. Diese Struktur macht deutlich, dass Schöpfung im Genesistext nicht mit der bloßen Herstellung eines ersten Exemplars endet.
Der Segen verwandelt die einmalige Schöpfung in einen fortdauernden Lebensprozess. Die Geschöpfe erhalten innerhalb ihrer Art die Fähigkeit, Nachkommen hervorzubringen. Der fünfte Tag ist damit der erste Schöpfungstag, an dem die Zukunft des neu entstandenen tierischen Lebens ausdrücklich thematisiert wird.
Genesis 1,22 und Genesis 1,28
Die stärkste Parallelstruktur des Verses findet sich in Genesis 1,28. Dort heißt es wiederum: Gott segnete sie; die Menschen sollen fruchtbar sein, sich vermehren und die Erde füllen. Die gemeinsame Formel schafft eine fundamentale Verbindung zwischen Tier und Mensch.
Beide erhalten ihr Fortpflanzungspotential als Segen. Menschliche Sexualität und Nachkommenschaft stehen deshalb innerhalb der Genesis nicht außerhalb der biologischen Schöpfungsordnung, sondern teilen mit der Tierwelt den Grundrhythmus von Fruchtbarkeit und Generation.
Gleichzeitig bestehen klare Unterschiede. Die Menschen werden ausdrücklich als männlich und weiblich im Bild Gottes geschaffen. Ihr Segen enthält zusätzlich die Aufforderung, die Erde zu füllen und zu unterwerfen beziehungsweise zu kultivieren sowie über die Tierwelt zu herrschen. Genesis 1,28 erweitert den Fruchtbarkeitssegen also um eine spezifisch menschliche Aufgabe.
Auch syntaktisch besteht eine Differenz. Bei den Tieren heißt es וַיְבָרֶךְ ... לֵאמֹר, „er segnete ... indem er sprach“. Beim Menschen heißt es וַיְבָרֶךְ ... וַיֹּאמֶר לָהֶם, „er segnete ... und sprach zu ihnen“. Ramban erkennt darin einen Unterschied zwischen Segensakt und nachfolgender ausdrücklicher Rede.
Die Gemeinsamkeit bleibt jedoch grundlegender als jede anthropologische Abgrenzung: Tier und Mensch leben durch göttlichen Segen und erhalten die Fähigkeit, ihre Lebensgeschichte über die erste Generation hinaus fortzusetzen.
Genesis 1,22 und Genesis 9,1
Nach der Sintflut wird der Schöpfungssegen bewusst erneuert. Genesis 9,1 berichtet: Gott segnet Noah und seine Söhne und spricht erneut „Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde.“ Diese Wiederaufnahme macht die Sintfluterzählung zu einer Geschichte von De-Kreation und Neuschöpfung.
Die Welt war durch die Flut teilweise in einen Zustand grenzenloser Wasser zurückgekehrt. Danach werden Ordnung, Lebensraum und Fruchtbarkeit erneuert. Der Segen aus Genesis 1 fungiert somit als sprachliches Muster der wiederhergestellten Welt.
Bemerkenswert ist, dass der Fortbestand der Tierwelt im Noahbund ausdrücklich mitgedacht wird. Genesis 9,10 schließt Tiere in den Bund ein. Der Schöpfungssegen aus Genesis 1,22 bildet damit einen Hintergrund für die spätere Vorstellung einer dauerhaften göttlichen Beziehung nicht nur zum Menschen, sondern zur gesamten lebenden Erde.
Bedeutung innerhalb des fünften Schöpfungstages
Genesis 1,22 ist der inhaltliche Höhepunkt des fünften Tages. Der Tag hatte mit dem Befehl zu schwärmendem und fliegendem Leben begonnen; nach Schöpfung und Gutheißung folgt nun die Segnung. Erst Genesis 1,23 beendet die Zeiteinheit.
Damit unterscheidet sich der fünfte Tag von früheren Tagen. Zum ersten Mal genügt es nicht, dass eine geschaffene Wirklichkeit „gut“ ist. Lebewesen erhalten zusätzlich eine Zukunftsbestimmung. Das ist sachlich mit ihrer Generationsabhängigkeit verbunden: Licht, Firmament oder Meer müssen sich nicht fortpflanzen; lebende Tierpopulationen bestehen dagegen durch Generationenfolge.
Der Segen bildet daher die Brücke zwischen ursprünglicher Schöpfung und fortdauernder Naturgeschichte. Genesis erklärt nicht die biologischen Mechanismen dieser Fortsetzung, aber er deutet ihre Möglichkeit theologisch als Gabe des Schöpfers.
Literarische Funktion
Literarisch verändert Genesis 1,22 den Rhythmus des Kapitels. Bisher sprach Gott überwiegend, um etwas entstehen oder geordnet werden zu lassen. Nun spricht Gott zu Geschöpfen, die bereits existieren. Die göttliche Rede erhält einen relationalen Charakter.
Die dreifache Verbfolge פְּרוּ וּרְבוּ וּמִלְאוּ erzeugt einen starken rhythmischen Vorwärtsschub. Jedes Verb erweitert das vorausgehende: Frucht hervorbringen, zahlreich werden, Raum erfüllen. Die Syntax selbst bildet Wachstum ab.
Diese Verbkette wird in Genesis 1,28 nahezu wiederholt und schafft damit eine literarische Klammer zwischen der ersten Tiersegnung und der späteren Menschensegnung. Die beiden Höhepunkte des fünften und sechsten Tages werden durch denselben Sprachrhythmus miteinander verbunden.
Genesis 1,22 bereitet zugleich den Abschluss des fünften Tages vor. Nach diesem Segen muss kein weiteres Tier erschaffen werden. Der Lebensbereich besitzt nun sowohl seine Geschöpfe als auch seine Fähigkeit zur Fortdauer.
Subtext
Ein erster Subtext liegt darin, dass Leben nicht zur Einmaligkeit bestimmt ist. Geschaffene Individuen sind nicht das Endziel; Leben soll sich über Generationen fortsetzen. Zukunft gehört damit zum ursprünglichen Schöpfungssegen.
Ein zweiter Subtext besteht im Eigenwert nichtmenschlichen Lebens. Die ersten ausdrücklich gesegneten Lebewesen sind Tiere. Gottes Segenshandeln ist damit nicht auf Menschen oder eine spätere Heilsgemeinschaft beschränkt. Die Tierwelt besitzt bereits vor dem Menschen Anteil an göttlicher Zuwendung.
Ein dritter Subtext liegt in der Verbindung von Segen und Fruchtbarkeit. Spätere biblische Verheißungen zahlreicher Nachkommenschaft stehen nicht isoliert da, sondern greifen eine Struktur auf, die bereits in der Schöpfung angelegt ist.
Ein vierter Subtext betrifft die produktive Selbstständigkeit der Schöpfung. Gott erschafft die ersten Tiere, doch anschließend sollen diese selbst Nachkommen hervorbringen. Geschöpfliche Kausalität wird damit nicht gegen göttliche Kausalität ausgespielt. Gerade Gottes Segen macht die geschöpfliche Fortpflanzung möglich.
Ein fünfter Subtext liegt in der positiven Bedeutung von Fülle. Die Wasser sollen nicht möglichst leer und kontrollierbar bleiben, sondern voller Leben werden. Biologische Fülle ist innerhalb des Verses Ausdruck von Segen.
Ein sechster Subtext besteht in der Verbindung von Freiheit und Lebensraum. Vögel fliegen im Himmelsbereich, sollen sich aber auf der Erde vermehren; Wasserwesen füllen die Meere. Unterschiedliche Lebensformen besitzen unterschiedliche Räume und Bewegungsweisen. Ordnung bedeutet nicht Gleichförmigkeit.
Ein siebter Subtext betrifft die Verletzlichkeit des Lebens. Spätere rabbinische Auslegung erkennt darin einen Grund für den Segen: Lebewesen sterben, werden gefressen und gefangen, und dennoch soll das Leben als Art fortbestehen. Die Fähigkeit zur Vermehrung erscheint so als Antwort auf die Endlichkeit einzelner Geschöpfe.
Ein achter Subtext liegt in der Begrenzung menschlicher Zentralität. Noch existiert kein Mensch, der die Tiere nutzt oder benennt. Trotzdem werden sie von Gott gesegnet. Ihr Wert und ihre Zukunft werden vor jeder menschlichen Beziehung zu ihnen begründet.
Ein neunter Subtext betrifft das Verhältnis von Individuum und Art. Genesis 1 interessiert sich an dieser Stelle stärker für die Fortdauer von Lebensformen als für die Unsterblichkeit einzelner Tiere. Leben besteht generationenübergreifend fort.
Ein zehnter Subtext liegt in der Verbindung von Segen und Ordnung. Vermehrung bedeutet nicht ungeordnetes Chaos. Die Tiere waren unmittelbar zuvor „nach ihren Arten“ geschaffen worden. Fülle entfaltet sich innerhalb einer differenzierten Schöpfungsstruktur.
Historische Einordnung
Genesis 1,1–2,4a wird in der historisch-kritischen Forschung überwiegend als priesterlich geprägte Schöpfungserzählung verstanden. Das Interesse an geordneten Bereichen, Arten, Zeiten, Fruchtbarkeit und Segen passt gut zu dieser literarischen Struktur. Der Text beschreibt eine Welt, deren Fortbestand durch regelhafte, von Gott eingerichtete Prozesse gesichert wird.
Die häufig vorgeschlagene exilische oder frühnachexilische Datierung der entscheidenden priesterlichen Gestalt bleibt wissenschaftlich diskutiert. Unabhängig von einer genauen Datierung zeigt der Vers ein theologisches Weltbild, in dem Fortpflanzung nicht von separaten Fruchtbarkeitsgottheiten abhängig ist. Der eine Gott der Schöpfung verleiht tierischem Leben seine Fruchtbarkeit.
Das besitzt religionsgeschichtliche Bedeutung. In der Umwelt Israels konnten Fruchtbarkeit, Sexualität, Tierzucht und Vegetation mit unterschiedlichen Gottheiten und Kulten verbunden sein. Genesis bündelt die gesamte Fruchtbarkeit der lebenden Welt unter dem Segen Elohims.
Der Vers sollte dennoch nicht als direkte Polemik gegen einen einzigen konkret identifizierten Fruchtbarkeitskult ausgegeben werden. Seine monotheistische Struktur besitzt eine entmythologisierende Wirkung, ohne dass jede Formulierung eine ausdrücklich benannte Gegengottheit bekämpft.
Die biologischen Kategorien sind antik und phänomenologisch. Genesis entwickelt weder Populationsgenetik noch Fortpflanzungsbiologie. Sein Interesse liegt in der theologischen Deutung einer beobachtbaren Tatsache: Lebewesen erzeugen Nachkommen und bevölkern ihre Lebensräume.
Jüdische Rezeption
Die jüdische Auslegung von Genesis 1,22 konzentriert sich besonders auf drei Fragen: Warum benötigen Tiere einen ausdrücklichen Segen? Was unterscheidet פְּרוּ von רְבוּ? Und wie verhält sich der tierische Segen zur späteren Segnung des Menschen?
Raschi und Bereschit Rabbah deuten den Segen im Horizont der Gefährdung und Verminderung tierischen Lebens. Saadja Gaon und Shadal verstehen ihn stärker als in die Natur eingesenkte Fortpflanzungskraft. Ramban verbindet philologische, naturkundliche und theologische Gesichtspunkte und vergleicht den Tiersegen mit dem Menschen in Genesis 1,28.
Diese Vielfalt zeigt, dass „Segen“ in der jüdischen Tradition nicht auf eine einzige abstrakte Definition reduziert wird. Er kann Schutz vor Auslöschung, Fähigkeit zur Vermehrung, natürliche Lebensordnung und göttliche Zukunftsmacht zugleich bezeichnen.
Raschi
Raschi fragt ausdrücklich, weshalb Fische und Vögel einen Segen benötigen. Seine Antwort folgt einer rabbinischen Tradition: Weil Menschen später Tiere fangen, schlachten beziehungsweise essen und dadurch ihre Zahl vermindern, benötigen sie eine besondere Segenskraft zur fortgesetzten Vermehrung.
Auch Landtiere hätten nach dieser Logik einen eigenen Segen benötigt. Raschi erklärt dessen Fehlen damit, dass unter ihnen die später verfluchte Schlange sei. Gott habe die Gruppe deshalb nicht ausdrücklich gesegnet, damit die Schlange nicht in die Segensformel eingeschlossen werde. Diese Erklärung ist midraschisch und setzt spätere Ereignisse der Genesis bereits beim Schöpfungsbericht voraus.
Zu פְּרוּ erklärt Raschi den Zusammenhang mit פְּרִי, „Frucht“: Die Tiere sollen „Frucht“ hervorbringen. Zu וּרְבוּ ergänzt er, dass nicht bloß ein einzelner Nachkomme entstehen, sondern zahlreiche Nachkommenschaft hervorgebracht werden solle.
Raschis Kommentar liest die drei kurzen Verben damit als abgestufte Entfaltung des Segens: Nachkommen hervorbringen, viele Nachkommen hervorbringen und dadurch den Lebensraum erhalten.
Saadja Gaon
Saadja Gaon interpretiert die Segnung als wirksame göttliche Festsetzung. Gott gibt den Tieren die Fähigkeit zur Fortpflanzung nicht lediglich durch einen äußeren Wunsch, sondern legt entsprechende Kräfte beziehungsweise Neigungen in ihre Natur.
Saadja verbindet damit Nahrungstrieb und Fortpflanzungstrieb. Lebewesen besitzen den Drang zur Nahrung, damit ihr individuelles Leben erhalten wird, und den Drang zur Paarung, damit nach dem Altern und Sterben einzelner Individuen neue Generationen entstehen können.
Diese Interpretation ist philosophisch formuliert und geht über die knappe Grammatik des Verses hinaus. Sie trifft jedoch eine wichtige Konsequenz der Segenssprache: Gottes Segen wird in der dauerhaften Naturordnung sichtbar.
Der Segen ist nach dieser Lesart keine dauernde Unterbrechung natürlicher Prozesse, sondern gerade deren Begründung. Biologische Regelmäßigkeit wird als Wirkung ursprünglicher göttlicher Segensmacht verstanden.
Ramban
Ramban greift die rabbinische Erklärung auf, Fische und Vögel hätten wegen ihrer Gefährdung durch Fang und Verzehr einen besonderen Segen benötigt. Gleichzeitig entwickelt er eine eigene Erklärung der räumlichen Formulierungen des Verses.
„Füllt die Wasser in den Meeren“ versteht er als Segen zur außergewöhnlichen Vermehrung der Wasserlebewesen. Er erwägt dabei, wie sich Meere, Flüsse und andere Wasserbereiche zueinander verhalten. Der Schwerpunkt liegt auf großer Fülle.
Beim Vogelwort „es vermehre sich auf der Erde“ weist Ramban darauf hin, dass Vögel zwar im Luftraum leben beziehungsweise fliegen, ihre Fortpflanzung aber auf dem Land stattfindet. Auch Wasservögel legen ihre Eier nach dieser traditionellen Beobachtung nicht in das Wasser, um sie dort auszubrüten.
Besonders interessant ist Rambans Vergleich mit Genesis 1,28. Er interpretiert die dortige Formulierung „Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen“ als einen noch stärker hervorgehobenen menschlichen Segensakt, während in Genesis 1,22 Segenshandlung und Segenswort eng miteinander zusammenfallen.
Shadal
Shadal erklärt וַיְבָרֶךְ אֹתָם als göttliche Festsetzung, dass die Tiere fruchtbar sein und sich vermehren sollen. Anders formuliert: Gott verankert die Fortpflanzungsfähigkeit in ihrer Natur.
Er macht außerdem auf die starke Vermehrungsrate vieler Fische und Vögel aufmerksam, insbesondere bei eierlegenden Tieren. Die ausdrückliche Segnung passt für ihn zur außergewöhnlichen zahlenmäßigen Fülle dieser Tiergruppen.
Zum Ausdruck „in den Meeren“ weist Shadal darauf hin, dass der Sprachgebrauch unterschiedliche Wasseransammlungen einschließen kann. Seine Auslegung versucht damit, den Segensbereich nicht auf das offene Meer in einem modernen geographischen Sinn zu beschränken.
Auch die Vogelvermehrung „auf der Erde“ wird naturkundlich verstanden: Selbst viele wassergebundene Vögel benötigen festen beziehungsweise terrestrischen Brutraum.
Bereschit Rabbah
Bereschit Rabbah verbindet den Segen des fünften Tages mit dem Prinzip, dass dort, wo Geschöpfe vermindert werden, göttlicher Segen den Fortbestand sichert. Vögel werden geschlachtet, Fische werden gefangen, und dennoch verschwinden ihre Populationen nicht vollständig, weil der Schöpfungstag unter der Segensformel steht.
Diese rabbinische Deutung liest Segen daher als Gegenkraft zur Verminderung. Das einzelne Lebewesen kann sterben; die Lebensform soll fortbestehen. Fortpflanzung wird zum geschöpflichen Instrument dieses Segens.
Der Midrasch verbindet Genesis 1,22 außerdem mit dem späteren Segen des Sabbats. Damit erweitert sich die Bedeutung von ברך: Sowohl Lebewesen als auch heilige Zeit können unter einer göttlichen Kraft stehen, die Verlust beziehungsweise Mangel überwindet.
Septuaginta
Die Septuaginta gibt Genesis 1,22 wieder:
καὶ ηὐλόγησεν αὐτὰ ὁ θεὸς λέγων· αὐξάνεσθε καὶ πληθύνεσθε καὶ πληρώσατε τὰ ὕδατα ἐν ταῖς θαλάσσαις, καὶ τὰ πετεινὰ πληθυνέσθωσαν ἐπὶ τῆς γῆς.
ηὐλόγησεν bedeutet „er segnete“ und gibt וַיְבָרֶךְ wieder. Aus dem griechischen εὐλογεῖν, wörtlich ursprünglich „gut sprechen“, entwickelte sich eine zentrale christliche Segensvokabel.
αὐξάνεσθε bedeutet „wachst, nehmt zu“ und gibt פְּרוּ wieder. Die Übersetzung betont Wachstum stärker als das hebräische Bild des Fruchtbringens.
πληθύνεσθε entspricht „mehrt euch“, während πληρώσατε „füllt“ bedeutet. Die dreifache Steigerung des hebräischen Segens bleibt damit erhalten.
Für die Vögel verwendet die Septuaginta wiederum eine dritte Person: τὰ πετεινὰ πληθυνέσθωσαν, „die Flugtiere sollen sich vermehren“. Damit bildet sie den syntaktischen Wechsel des hebräischen Verses gut nach.
Vulgata
Die Vulgata lautet:
Benedixitque eis, dicens: Crescite, et multiplicamini, et replete aquas maris: avesque multiplicentur super terram.
Benedixitque eis bedeutet „und er segnete sie“. Das lateinische benedicere ist wie das griechische εὐλογεῖν wörtlich mit „gut sprechen“ verbunden und wurde zu einem Grundbegriff westlicher christlicher Segenssprache.
Crescite bedeutet „wachst“, multiplicamini „mehrt euch“ beziehungsweise „werdet zahlreich“, und replete „füllt“. Die Vulgata bewahrt damit die dreigliedrige Dynamik des hebräischen Segens.
aquas maris lautet im Singular „die Wasser des Meeres“ und glättet damit den hebräischen Plural „Wasser in den Meeren“. Die traditionelle deutsche Form „das Wasser im Meer“ steht dieser lateinischen Fassung besonders nahe.
avesque multiplicentur super terram bedeutet „und die Vögel sollen sich über/auf der Erde vermehren“.
Christliche Rezeption
Die christliche Tradition las Genesis 1,22 sowohl wörtlich als Segnung biologischer Fruchtbarkeit als auch allegorisch. Die wörtliche Ebene blieb dabei grundsätzlich erhalten: Fortpflanzung ist Teil der von Gott gewollten guten Schöpfung und nicht erst Folge des Sündenfalls.
Diese Aussage wurde besonders wichtig für die christliche Diskussion von Sexualität, Ehe und Fortpflanzung. Wenn bereits Tiere vor dem Menschen und vor jeder Sündenerzählung den Segen „seid fruchtbar und mehrt euch“ erhalten, gehört reproduktives Leben grundsätzlich zur ursprünglichen Schöpfungsordnung.
Gleichzeitig entwickelte insbesondere Augustinus in Confessiones XIII eine weitreichende allegorische Auslegung. Die unterschiedliche Verteilung der Segensformel auf Fische, Vögel und Menschen wurde für ihn zum Ausgangspunkt einer geistlichen Interpretation von Wachstum und Vermehrung.
Solche allegorischen Deutungen gehören zur Rezeptionsgeschichte und sollten vom unmittelbaren historischen Sinn unterschieden werden. Genesis 1,22 spricht auf seiner ersten Textebene über die Fortpflanzung realer Tiere.
Basilius von Caesarea
Basilius von Caesarea entfaltet den fünften Schöpfungstag in seinem Hexaemeron als Panorama der Fruchtbarkeit des Wassers. Er betrachtet die Vielzahl von Fischarten, ihre Fortpflanzung, Lebensräume und Wanderungen als Ausdruck einer von Gott in die Natur gelegten Ordnung.
Für Basilius zeigt die fortgesetzte Vermehrung, dass der ursprüngliche Schöpfungsbefehl nicht nur einmalige Wirkung hatte. Die Arten bestehen durch Generationen weiter. In seiner Sprache wird das göttliche Wort zu einem in der Natur fortwirkenden Gesetz.
Viele seiner zoologischen Einzelbeobachtungen entsprechen dem naturkundlichen Wissen der Spätantike und sind aus moderner Sicht teilweise überholt. Seine theologische Grundstruktur ist jedoch klar: Fortpflanzungsfähigkeit ist keine autonome Macht der Natur, sondern Bestandteil ihrer geschaffenen Ordnung.
Basilius verbindet diese Naturbeobachtung zudem regelmäßig mit ethischen Anwendungen. Seine moralischen Allegorien über Tiere gehen über den unmittelbaren Genesistext hinaus und gehören zum homiletischen Charakter des Hexaemeron.
Augustinus
Augustinus fragt in Confessiones XIII ausdrücklich, warum Gott Fische und Vögel sowie später Menschen segnet, während etwa Pflanzen und andere Geschöpfe nicht in gleicher Weise mit der Formel „seid fruchtbar und mehrt euch“ versehen werden. Gerade diese auffällige Verteilung wird für ihn zum Ausgangspunkt allegorischer Auslegung.
Auf der wörtlichen Ebene erkennt Augustinus die Fortpflanzung als reale Gabe Gottes. Auch in seiner späteren Behandlung menschlicher Ehe verweist er auf Genesis 1,28 und versteht die Fähigkeit zur Vermehrung grundsätzlich als vor dem Sündenfall gegebenen Schöpfungssegen.
In seiner allegorischen Lektüre von Confessiones XIII gewinnen Wasserwesen, Vögel und ihre Vermehrung zusätzlich geistliche Bedeutungen. Augustinus sucht in der „Vermehrung“ beispielsweise die Ausbreitung geistlicher Erkenntnis und Zeichen. Diese Ebene ist charakteristisch für seine exegetische Methode, aber nicht mit dem hebräischen Peschat gleichzusetzen.
Bemerkenswert bleibt, dass Augustinus die Tiersegnung ausdrücklich ernst genug nimmt, um sie mit dem Menschen zu vergleichen. Der Segen der Fortpflanzung ist für ihn keine ausschließlich menschliche Auszeichnung.
Thomas von Aquin
Thomas von Aquin diskutiert in der Summa theologiae die Frage, warum Fische und Vögel ausdrücklich gesegnet werden, während bei den Landtieren des sechsten Tages keine eigene Segensformel steht. Für ihn verleiht der göttliche Segen die Kraft, sich durch Generation zu vermehren.
Thomas erklärt, dass der bei Fischen und Vögeln bereits ausgesprochene Fortpflanzungssegen auch auf die später geschaffenen Landtiere bezogen werden könne und deshalb dort nicht wiederholt werden müsse. Beim Menschen dagegen wird der Segen wegen seiner besonderen Stellung ausdrücklich erneut ausgesprochen.
Diese scholastische Lösung unterscheidet sich von Raschis Erklärung mit der später verfluchten Schlange. Der Vergleich zeigt exemplarisch, wie jüdische und christliche Traditionen dieselbe literarische Besonderheit unterschiedlich erklären konnten.
Thomas' biologische und naturphilosophische Vorstellungen bleiben mittelalterlich; seine exegetische Beobachtung ist jedoch präzise: Genesis verwendet den Fortpflanzungssegen selektiv und nicht mechanisch bei jeder geschaffenen Lebensgruppe.
Theologische Interpretation
Genesis 1,22 formuliert zunächst eine Theologie des Segens, deren Ausgangspunkt nicht Besitz, Erfolg oder menschliches Glück ist, sondern die Ermöglichung von Leben. Gottes erster ausdrücklicher Segen sorgt dafür, dass Geschöpfe Zukunft besitzen. Leben wird nicht nur geschaffen; es wird zur Fortsetzung befähigt.
Eine zweite Aussage betrifft den Eigenwert der Tierwelt. Noch bevor Menschen geschaffen sind, richtet Gott sein Segenswort an Tiere. Damit erhält nichtmenschliches Leben eine unmittelbare Gottesbeziehung. Tiere sind nicht lediglich spätere Ressourcen des Menschen, sondern bereits Adressaten göttlicher Lebenszuwendung.
Drittens zeigt der Vers, dass Fruchtbarkeit selbst zum Guten der Schöpfung gehört. Fortpflanzung wird nicht als Folge des Sündenfalls eingeführt, sondern vor jeder Sündenerzählung gesegnet. Sexualität und Generation gehören auf der Ebene tierischen Lebens zur ursprünglichen Schöpfungsordnung.
Viertens verbindet der Segen einmaliges Schöpfungshandeln mit fortdauernder Naturordnung. Gott erschafft die ersten Lebewesen, gibt ihnen aber anschließend die Fähigkeit, weitere Generationen hervorzubringen. Geschöpfliche Fortpflanzung ersetzt Gottes Schöpfersein nicht; sie ist selbst Resultat seines Segens.
Fünftens eröffnet der Vers eine Theologie der Zukunft. Bis zu diesem Punkt könnte die Schöpfung als statisches vollendetes Arrangement erscheinen. Mit dem Fortpflanzungssegen wird sie historisch. Neue Individuen werden entstehen, Populationen wachsen und Lebensräume über Generationen hinweg bewohnt werden.
Sechstens besitzt der Segen eine räumliche Dimension. Wasserlebewesen sollen die Meere füllen, Vögel sollen sich auf der Erde vermehren. Schöpfungssegen bedeutet somit nicht grenzenlose abstrakte Expansion, sondern Fülle innerhalb geschaffener Lebensräume.
Siebtens ist Fülle selbst positiv. Genesis stellt eine reich bevölkerte Welt als Ziel des Segens dar. Leere Lebensräume sind noch nicht das endgültige Bild der vollendeten Schöpfung. Das gute Meer ist ein Meer voller Leben.
Achtens verbindet Genesis 1,22 Tier und Mensch stärker miteinander, als eine rein anthropozentrische Lesart erwarten lässt. Beide erhalten denselben Grundsegen: פְּרוּ וּרְבוּ. Die besondere menschliche Stellung hebt die gemeinsame biologische Geschöpflichkeit nicht auf.
Neuntens wird menschliche Herrschaft dadurch bereits vor ihrer Formulierung begrenzt. Wenn Tiere von Gott selbst gesegnet werden, begegnet der Mensch in Genesis 1,26–28 nicht wertneutraler Materie, sondern bereits göttlich bejahtem und gesegnetem Leben. Die spätere Herrschaftsaufgabe muss innerhalb dieses vorausgehenden Segenshorizontes verstanden werden.
Zehntens zeigt der Vers eine Verbindung von Befehl und Gabe. „Seid fruchtbar“ ist grammatisch ein Imperativ, aber innerhalb eines Segens. Die geschöpfliche Aufgabe wird durch die geschöpfliche Befähigung getragen. Was Gott fordert, schenkt er zugleich als Möglichkeit.
Elftens zeigt der Vers, dass göttlicher Segen nicht notwendig eine Unterbrechung natürlicher Abläufe bedeutet. Gerade regelmäßige Fortpflanzung kann theologisch als Wirkung des Segens verstanden werden. Die Stabilität biologischer Prozesse wird dadurch nicht weniger, sondern gerade geschöpflich gedeutet.
Zwölftens verbindet die Segensformel Schöpfung und Heilsgeschichte. Dasselbe פְּרוּ וּרְבוּ kehrt bei Menschen, Noah und in den Patriarchenverheißungen wieder. Die besondere Geschichte Israels wird sprachlich in eine universale Schöpfungsordnung eingebettet.
Dreizehntens besitzt der Segen eine Antwort auf die Endlichkeit von Individuen. Der Text formuliert keine Unsterblichkeit der einzelnen Tiere. Stattdessen wird Leben über Generationen erhalten. Der Fortbestand geschaffener Lebensformen geschieht durch Fruchtbarkeit.
Vierzehntens lässt sich daraus eine zurückhaltende ökotheologische Konsequenz gewinnen. Wenn Gott tierisches Leben auf Fülle hin segnet, besitzt die Vernichtung ganzer Lebensformen eine theologisch andere Qualität als die bloße Nutzung einzelner Ressourcen. Der Text formuliert keine moderne Artenschutzgesetzgebung, begründet aber einen positiven göttlichen Willen zum Fortbestand und zur Fülle nichtmenschlichen Lebens.
Fünfzehntens besitzt der erste Segen eine universale Reichweite. Er gilt nicht einer bestimmten Nation, Religion oder menschlichen Elite. Seine ersten Empfänger sind die Lebewesen der Meere und des Himmels. Die biblische Segensgeschichte beginnt damit kosmisch, bevor sie später geschichtlich konzentriert wird.
Sechzehntens zeigt Genesis 1,22 schließlich, dass die gute Schöpfung nicht nur aus stabilen Strukturen besteht. Gut ist auch eine Welt, in der Leben wächst, sich verändert, Generationen hervorbringt und seine Räume erfüllt. Der Schöpfungssegen macht die Welt dynamisch.
Grenzen der Aussage
Genesis 1,22 formuliert keine moderne biologische Theorie der Fortpflanzung. Die Begriffe Fruchtbarkeit, Vermehrung und Fülle beschreiben beobachtbare Lebensprozesse in theologischer Sprache.
Die drei Imperative sollten nicht als moralisches Gesetz für Tiere verstanden werden. Sie stehen innerhalb eines göttlichen Segens und bezeichnen eine geschöpfliche Bestimmung beziehungsweise Ermächtigung.
Aus פְּרוּ וּרְבוּ folgt nicht, dass jede einzelne Kreatur zwingend Nachkommen hervorbringen müsse. Der Segen richtet sich kollektiv auf die Fortdauer und Vermehrung der Lebensgruppen.
Ebenso lässt sich daraus kein modernes ethisches Urteil über individuelle menschliche Kinderlosigkeit ableiten. Genesis 1,22 richtet sich zunächst an Tiere; Genesis 1,28 gehört in einen eigenen anthropologischen Zusammenhang.
„Füllt die Wasser“ sollte nicht als Forderung unbegrenzten Populationswachstums unabhängig von ökologischen Bedingungen interpretiert werden. Der antike Text beschreibt die Besiedlung geschaffener Lebensräume, nicht moderne Populationsökologie.
Raschis Erklärung, die Tiere seien wegen späterer Jagd und menschlichen Verzehrs gesegnet worden, ist eine rabbinische Auslegung. Diese Begründung steht nicht ausdrücklich im Wortlaut von Genesis 1,22.
Dasselbe gilt für die midraschische Erklärung, Landtiere hätten wegen der später verfluchten Schlange keinen eigenen Segen erhalten. Sie gehört zur jüdischen Rezeptionsgeschichte.
Saadjas und Shadals Erklärung, der Segen habe Fortpflanzungstrieb und Reproduktionsfähigkeit in die Natur eingeprägt, ist eine theologische Interpretation der Wirkung des Segens und keine biologische Detailaussage des Verses.
Die patristischen und scholastischen Erklärungen zur Fortpflanzung bestimmter Tiergruppen spiegeln antike und mittelalterliche Naturkunde. Sie dürfen nicht als moderne zoologische Information verwendet werden.
Schließlich darf die Wiederaufnahme von „seid fruchtbar und mehrt euch“ in späteren biblischen Texten nicht dazu führen, alle Vorkommen völlig gleichzusetzen. Die Formel besitzt jeweils einen eigenen Kontext: Tiersegen, Menschensegen, Neuschöpfung nach der Flut oder patriarchalische Verheißung.
Gesamtinterpretation
Genesis 1,22 führt mit וַיְבָרֶךְ אֹתָם אֱלֹהִים erstmals ausdrücklich den Segen in die Bibel ein. Bemerkenswert ist, dass seine ersten Empfänger nicht Menschen, sondern Wasserlebewesen und Vögel sind. Nichtmenschliches Leben steht damit bereits vor der Menschenschöpfung unter einer besonderen göttlichen Lebenszuwendung.
Der Inhalt des Segens wird unmittelbar durch die Worte פְּרוּ וּרְבוּ וּמִלְאוּ erklärt: „Seid fruchtbar, mehrt euch und füllt.“ Die drei Verben entfalten eine Bewegung von Reproduktionsfähigkeit über zahlenmäßige Zunahme bis zur Besiedlung des Lebensraumes.
פְּרוּ gehört zur Wortfamilie des Fruchtbringens. Raschi verbindet das Verb ausdrücklich mit פְּרִי, „Frucht“. Bei Tieren wird die Pflanzenmetapher auf Nachkommenschaft übertragen: Lebendiges bringt neues Lebendiges hervor.
וּרְבוּ steigert diese Aussage. Es geht nicht nur um die Geburt einzelner Nachkommen, sondern um zahlenmäßige Fülle. In der späteren Genesis wird genau dieses Motiv zu einem Hauptbestandteil der Verheißung an die Patriarchen.
וּמִלְאוּ fügt die räumliche Dimension hinzu. Die Wasser in den Meeren sollen mit Leben erfüllt werden. Die kosmischen Räume der ersten Schöpfungstage werden dadurch zu vollständig besiedelten Lebensräumen.
Die Vogelwelt erhält dieselbe Zukunftsbestimmung in einer anderen grammatischen Form: וְהָעוֹף יִרֶב בָּאָרֶץ, „und das Fluggetier vermehre sich auf der Erde“. Vögel verbinden dabei Himmel und Erde: Sie fliegen im Luftraum, ihre Fortpflanzung wird aber auf den terrestrischen Bereich bezogen.
Der Vers unterscheidet deutlich zwischen göttlicher Gutheißung und göttlichem Segen. Genesis 1,21 hatte die Tierwelt als gut bewertet; Genesis 1,22 schenkt ihr Zukunft. Gutheißung bestätigt die geschaffene Ordnung, Segen befähigt sie zur Fortdauer.
Diese Fortdauer geschieht nicht durch ständige Neuschöpfung jedes Individuums, sondern durch geschöpfliche Reproduktion. Gott erschafft eine Welt, die innerhalb ihrer von ihm verliehenen Möglichkeiten selbst weitere Generationen hervorbringt. Natürliche Fortpflanzung und Schöpfungsglaube stehen im Text deshalb nicht in Konkurrenz.
Raschi und Bereschit Rabbah verstehen die besondere Segnung der Fische und Vögel als Antwort auf ihre spätere Verminderung durch Fang und Verzehr. Der Segen gewährleistet, dass das Leben trotz des Verlustes einzelner Tiere fortbesteht. Die Erklärung ist midraschisch, macht aber die generationenübergreifende Dimension des Segens besonders sichtbar.
Saadja Gaon deutet den Segen stärker ontologisch beziehungsweise naturphilosophisch. Gott verankert Fortpflanzungsfähigkeit und Paarungstrieb in der Natur der Lebewesen. Shadal formuliert ähnlich, dass die Fähigkeit zur Fruchtbarkeit durch göttliche Festsetzung Bestandteil der tierischen Natur wird.
Ramban verbindet den Vers mit der natürlichen Lebensweise der Vögel und mit der späteren Menschensegnung. Besonders seine Beobachtung des syntaktischen Unterschieds zwischen Genesis 1,22 und 1,28 zeigt, wie genau die klassische jüdische Exegese selbst kleine sprachliche Varianten der Segensformel untersucht.
Die Septuaginta übersetzt den Segen mit ηὐλόγησεν und die drei Lebensverben mit αὐξάνεσθε, πληθύνεσθε und πληρώσατε. Die Vulgata verwendet Benedixit, Crescite, multiplicamini und replete. Beide Übersetzungstraditionen machten Genesis 1,22 zu einem grundlegenden Text der christlichen Segens- und Fortpflanzungstheologie.
Augustinus bemerkt ausdrücklich, dass der Fruchtbarkeitssegen nicht exklusiv menschlich ist, sondern bereits Fischen und Vögeln gegeben wird. In seiner allegorischen Genesislektüre entwickelt er daraus weiterführende geistliche Bedeutungen; auf der wörtlichen Ebene bleibt die tierische Fruchtbarkeit jedoch reale Gabe des Schöpfers.
Thomas von Aquin versteht den Segen als Verleihung der Fähigkeit zur Vermehrung und erklärt, dass diese beim fünften Tag ausgesprochene Segenskraft auch bei den Landtieren des sechsten Tages vorausgesetzt werden könne. Damit bietet er eine andere Erklärung für das Fehlen eines ausdrücklichen Landtiersegens als die rabbinische Tradition.
Die wichtigste innerbiblische Parallele ist Genesis 1,28. Mensch und Tier hören denselben Grundruf: „Seid fruchtbar und mehrt euch.“ Die menschliche Besonderheit wird anschließend durch Bild-Gottes-Theologie und Herrschaftsauftrag entfaltet, aber die Gemeinsamkeit geschöpflicher Fruchtbarkeit bleibt bestehen.
Nach der Sintflut kehrt die Formel in Genesis 9,1 wieder. Dadurch erhält Genesis 1,22 zusätzlich eine kanonische Bedeutung für das Motiv der Neuschöpfung: Wenn die Welt nach der Flut neu beginnt, wird auch der ursprüngliche Lebenssegen erneuert.
Historisch gehört der Vers zur priesterlich geprägten Ordnung von Genesis 1, in der Räume, Arten, Zeit und Lebensfunktionen systematisch geordnet werden. Fruchtbarkeit erscheint nicht als Wirkung konkurrierender Fruchtbarkeitsgottheiten, sondern als Gabe des einen Schöpfers.
Theologisch ist deshalb entscheidend, dass der erste Segen der Bibel die Welt nicht auf den Menschen verengt. Gottes lebensförderndes Wort gilt zunächst der nichtmenschlichen Tierwelt. Die Meere sollen voller Leben sein; die Vögel sollen zahlreich werden; die geschaffene Welt soll nicht leer, sondern lebendig sein.
Genesis 1,22 beschreibt damit einen Übergang von der Schöpfung zur Generation. Gott erschafft die ersten Lebewesen und segnet sie anschließend mit der Fähigkeit, neues Leben hervorzubringen. Der einmalige Anfang wird zur fortdauernden Geschichte des Lebens.
Der Vers kann deshalb als grundlegende biblische Aussage über die Zukunftsfähigkeit der Schöpfung gelesen werden: Geschaffenes Leben soll nicht nur existieren, sondern wachsen, sich vermehren und die ihm eröffneten Räume mit einer vielfältigen Gemeinschaft von Lebewesen erfüllen.
Externe Quellen und weiterführende Literatur
Sefaria – Genesis 1,22 – masoretischer hebräischer Text, Übersetzungen und klassische jüdische Kommentare.
Sefaria – Genesis 1,20–23 – vollständige Sinneinheit des fünften Schöpfungstages.
Sefaria – Genesis 1,28 – paralleler Fruchtbarkeitssegen des Menschen.
Sefaria – Genesis 9,1 – Erneuerung des Segens „Seid fruchtbar und mehrt euch“ nach der Sintflut.
Sefaria – Raschi zu Genesis 1,22 – Erklärung der Tiersegnung aufgrund späterer Verminderung durch Fang und Verzehr.
Sefaria – Raschi zu פְּרוּ – Verbindung des Verbs mit „Frucht“.
Sefaria – Raschi zu וּרְבוּ – Auslegung der Vermehrung als zahlreiche Nachkommenschaft.
Sefaria – Saadja Gaon zu Genesis 1,22 – Deutung des Segens als in die Natur gelegte Fortpflanzungsfähigkeit.
Sefaria – Ramban zu Genesis 1,22 – ausführliche klassische Auslegung von Segen, Fruchtbarkeit, Meeren und Vogelvermehrung.
Sefaria – Shadal zu Genesis 1,22 – Deutung des Segens als Festsetzung natürlicher Fruchtbarkeit.
Sefaria – Bereschit Rabbah 11 – rabbinische Verbindung von Segnung und Fortbestand trotz Verminderung.
Septuaginta – Genesis 1 – griechische Fassung des fünften Schöpfungstages und der Segensformel.
New Advent – Genesis 1 – griechische und lateinische Parallelüberlieferung von Genesis 1,22.
Nova Vulgata – Genesis 1 – lateinische Fassung der Segnung von Fischen und Vögeln.
Basilius von Caesarea – Hexaemeron, Homilie VII – ausführliche frühchristliche Betrachtung der Wasserlebewesen, ihrer Fortpflanzung und der göttlichen Naturordnung.
Basilius von Caesarea – Hexaemeron, Homilie VIII – Fortsetzung der Tier- und Vogelauslegung.
Augustinus – Confessiones XIII – ausführliche allegorische Diskussion der Frage, warum Fische, Vögel und Menschen den Vermehrungssegen erhalten.
Augustinus – De civitate Dei XIV – Behandlung menschlicher Fortpflanzung als ursprünglichen Schöpfungssegen vor dem Sündenfall.
Thomas von Aquin – Summa theologiae I, q. 71 – scholastische Analyse des fünften Schöpfungstages.
Thomas von Aquin – Summa theologiae I, q. 72 – Diskussion, warum Fische und Vögel ausdrücklich gesegnet werden und Landtiere nicht nochmals.
Yale Bible Study – Creation – wissenschaftliche Einführung zur Struktur und Theologie von Genesis 1.
Yale Bible Study – Genesis Introduction – historisch-kritische Einordnung der Genesis und der priesterlich geprägten Schöpfungserzählung.