Genesis 1,8 – Und Gott nannte die Feste Himmel

Bibel: Genesis / 1. Mose
Kapitel: 1
Vers: 8

8 Und Gott nannte die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der andere Tag.

Hebräischer Text:

וַיִּקְרָא אֱלֹהִים לָרָקִיעַ שָׁמָיִם וַיְהִי־עֶרֶב וַיְהִי־בֹקֶר יוֹם שֵׁנִי׃

Transliteration:

wayyiqrāʾ ʾĕlōhîm lārāqîaʿ šāmayim wayəhî-ʿereḇ wayəhî-ḇōqer yôm šēnî

Wortnahe Übersetzung: „Und Gott nannte die Feste / das Firmament Himmel. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein zweiter Tag.“

Einleitung

Genesis 1,8 schließt den zweiten Schöpfungstag ab. In Genesis 1,6 hatte Gott befohlen, dass ein רָקִיעַ, eine Feste beziehungsweise ein Firmament, zwischen den Wassern entstehen solle. In Genesis 1,7 wurde dieser Befehl ausgeführt: Gott machte den Raqia und schied die Wasser unterhalb von den Wassern oberhalb. Nun erhält der geschaffene Trennbereich seinen Namen: שָׁמַיִם, „Himmel“.

Der Vers besitzt damit dieselbe grundlegende Struktur wie Genesis 1,5. Dort wurden die zuvor geschiedenen Bereiche Licht und Finsternis als Tag und Nacht benannt. Hier erhält der am zweiten Schöpfungstag gebildete kosmische Zwischenbereich einen Namen. Benennung folgt erneut auf Schöpfung und Ordnung.

Nach der Benennung folgt die bekannte Tagesformel: וַיְהִי־עֶרֶב וַיְהִי־בֹקֶר, „und es wurde Abend, und es wurde Morgen“. Anders als in Genesis 1,5, wo der Text ungewöhnlich יוֹם אֶחָד, „ein Tag“ beziehungsweise „Tag eins“, verwendet, steht nun regulär die Ordinalzahl שֵׁנִי: „zweiter“.

Die ältere deutsche Formulierung „der andere Tag“ gibt einen historischen Sprachgebrauch von „ander“ wieder, bei dem „der andere“ im Sinn von „der zweite“ stehen kann. Der hebräische Text ist eindeutig: יוֹם שֵׁנִי bedeutet „zweiter Tag“.

Genesis 1,8 ist zugleich textkritisch bemerkenswert. Im masoretischen hebräischen Text fehlt am zweiten Tag die sonst häufige Formel „und Gott sah, dass es gut war“. Die griechische Septuaginta enthält sie dagegen an dieser Stelle. Damit begegnen in Vers 8 unterschiedliche Texttraditionen, die für die jüdische und christliche Rezeptionsgeschichte erhebliche Bedeutung besitzen.

Wortanalyse

וַיִּקְרָא, wayyiqrāʾ, stammt von der Wurzel קרא, „rufen, nennen, ausrufen“. Die Form ist Qal Wayyiqtol, 3. Person maskulin Singular. Sie bedeutet „und er nannte“ beziehungsweise mit dem folgenden Subjekt „und Gott nannte“.

אֱלֹהִים, ʾĕlōhîm, ist das Subjekt des Benennungsaktes. Wie in den vorausgehenden Versen steht das zugehörige Verb im Singular.

לָרָקִיעַ, lārāqîaʿ, besteht aus der Präposition לְ und dem bestimmten Substantiv הָרָקִיעַ. Die Verbindung bedeutet „dem Raqia“, „der Feste“ beziehungsweise innerhalb der Benennungsformel idiomatisch „die Feste nannte er …“.

שָׁמַיִם, šāmayim, bedeutet Himmel beziehungsweise „Himmel“. Das Wort besitzt die charakteristische Endung ־ַיִם und gehört zu den morphologisch besonderen hebräischen Substantiven, die formal an eine Dualform erinnern beziehungsweise als Plural- oder Dualform tradiert sind.

וַיְהִי, wayəhî, ist Qal Wayyiqtol, 3. Person maskulin Singular, von היה, „sein, werden, geschehen“.

עֶרֶב, ʿereḇ, bedeutet Abend.

בֹּקֶר, bōqer, bedeutet Morgen.

יוֹם, yôm, bedeutet Tag.

שֵׁנִי, šēnî, ist die maskuline Singularform der Ordinalzahl „zweiter“. Sie stimmt grammatisch mit dem maskulinen Substantiv יוֹם überein.

Die Schlussgruppe יוֹם שֵׁנִי bedeutet daher eindeutig „zweiter Tag“. Sie unterscheidet sich sprachlich von יוֹם אֶחָד in Genesis 1,5, wo keine Ordinalzahl, sondern die Kardinalzahl „eins“ steht.

Grammatik und Syntax

Genesis 1,8 besteht aus einem Benennungssatz und der abschließenden Tagesformel.

Der erste Satz lautet:

וַיִּקְרָא אֱלֹהִים לָרָקִיעַ שָׁמָיִם

Wörtlich lässt sich die Konstruktion annähernd wiedergeben als: „Und Gott nannte dem Raqia Himmel.“ Idiomatisches Deutsch verlangt dagegen: „Und Gott nannte die Feste Himmel.“

Das Verb קרא kann bei einer Namensgebung mit der Präposition לְ konstruiert werden. Das Benannte erscheint daher nicht mit dem direkten Objektmarker אֵת, sondern mit לְ.

Das Satzmuster entspricht funktional Genesis 1,5:

וַיִּקְרָא אֱלֹהִים לָאוֹר יוֹם – „Gott nannte das Licht Tag“.

וַיִּקְרָא אֱלֹהִים לָרָקִיעַ שָׁמָיִם – „Gott nannte die Feste Himmel“.

Die zweite Vershälfte lautet:

וַיְהִי־עֶרֶב – „und es wurde Abend“.

וַיְהִי־בֹקֶר – „und es wurde Morgen“.

יוֹם שֵׁנִי – „zweiter Tag“.

Die identische Wiederholung von וַיְהִי erzeugt denselben rhythmischen Abschluss wie beim ersten Tag. Die Ordinalzahl zeigt zugleich, dass die Erzählung nun eindeutig in einer fortlaufenden nummerierten Serie steht.

וַיִּקְרָא – „Und Gott nannte“

Das Verb קרא besitzt in Genesis 1 eine wichtige ordnende Funktion. Gott benennt nicht wahllos Dinge, sondern solche kosmischen Bereiche, die zuvor voneinander unterschieden beziehungsweise hergestellt wurden.

In Genesis 1,5 benennt er Licht und Finsternis als Tag und Nacht. In Genesis 1,8 benennt er den Raqia als Himmel. In Genesis 1,10 wird er das Trockene Erde und die Ansammlungen der Wasser Meere nennen.

Es entsteht dadurch ein wiederkehrendes Muster:

Schöpfung oder Scheidung → geordneter Bereich → Benennung.

Der Name kennzeichnet innerhalb der Erzählung den bestimmten Platz und die Funktion einer geschaffenen Größe.

Benennung als Ausdruck von Autorität

Gott ist derjenige, der die fundamentalen kosmischen Bereiche benennt. Der Text stellt die Grundstruktur der Welt damit nicht als unabhängig von ihm vorgegeben dar.

Die Benennung bedeutet allerdings nicht, dass das bloße Aussprechen eines Namens das Objekt erst materiell hervorbringt. Der Raqia wurde bereits in Vers 7 gemacht. Vers 8 gibt ihm seinen Platz im sprachlichen und funktionalen System der geschaffenen Welt.

לָרָקִיעַ – „die Feste“ / „dem Raqia“

רָקִיעַ wurde in Genesis 1,6 als jener Bereich eingeführt, der Wasser von Wasser scheiden soll. In Genesis 1,7 wurde er gemacht und seine räumliche Funktion präzisiert. Nun erhält er seinen Namen.

Die Reihenfolge ist exegetisch wichtig: רָקִיעַ beschreibt zunächst die Gestalt beziehungsweise Funktion des kosmischen Trennbereichs; שָׁמַיִם ist der Name, den Gott diesem Bereich gibt.

Die beiden Wörter sind daher im Satz nicht einfache Synonyme. Genesis 1,8 formuliert ausdrücklich einen Benennungsakt: Der Raqia wird „Himmel“ genannt.

Diese Beobachtung wird später für die Frage wichtig, wie der „Himmel“ von Genesis 1,1 zum in Vers 8 so genannten Himmel steht.

שָׁמַיִם – „Himmel“

שָׁמַיִם, šāmayim, ist das gewöhnliche biblisch-hebräische Wort für Himmel. Je nach Kontext kann es den sichtbaren Himmel, den Bereich von Wolken und Vögeln, den Bereich der Gestirne oder in theologischer Sprache den himmlischen Bereich bezeichnen.

Das Deutsche schwankt zwischen Singular „Himmel“ und pluralischer Rede von „Himmeln“. Das hebräische Wort besitzt selbst eine morphologisch komplexe Form, die nicht einfach durch die deutsche Numerusunterscheidung wiedergegeben werden kann.

Keine gesicherte einfache Etymologie

Die genaue historische Etymologie von שָׁמַיִם sollte von späteren rabbinischen Wortspielen unterschieden werden. Raschi und Bereschit Rabbah bieten mehrere homiletische beziehungsweise volksetymologische Deutungen, doch diese sind nicht ohne Weiteres als moderne sprachwissenschaftliche Ableitungen zu behandeln.

Für den unmittelbaren Vers ist vor allem entscheidend: Derjenige Bereich, der die oberen von den unteren Wassern trennt, erhält den Namen שָׁמַיִם.

Benennung als Ordnungsakt

Die Benennung des Raqia schließt den räumlichen Ordnungsprozess des zweiten Tages ab. In Vers 6 wurde sein Entstehen befohlen, in Vers 7 wurde er gemacht und die Wasser wurden geschieden, in Vers 8 erhält das Resultat einen Namen.

Der Schöpfungsbericht verbindet damit physische beziehungsweise kosmische Differenzierung mit sprachlicher Differenzierung. Die Welt wird nicht nur räumlich gegliedert; ihre grundlegenden Bereiche werden identifizierbar benannt.

Das ist ein wiederkehrendes Prinzip von Genesis 1. Ordnung bedeutet, dass Bereiche voneinander unterschieden, funktional bestimmt und sprachlich bezeichnet werden.

Name und Funktion

Der Name „Himmel“ ersetzt die Funktion des Raqia nicht. Der Himmel bleibt innerhalb des Textes jener geschaffene Bereich, der die Wasser trennt und später die Himmelslichter sowie den Flugbereich der Vögel in Beziehung zu sich erhält.

Der Name fasst diese Funktionen innerhalb der kosmischen Topographie zusammen.

Himmel in Genesis 1,1 und Genesis 1,8

Eine der schwierigsten Fragen des Verses ergibt sich aus Genesis 1,1. Dort heißt es bereits: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Warum wird der Raqia nun erst am zweiten Tag „Himmel“ genannt?

Darauf wurden in der jüdischen und christlichen Auslegung verschiedene Antworten gegeben.

Genesis 1,1 als Überschrift

Wird Genesis 1,1 als programmatische Zusammenfassung des gesamten folgenden Schöpfungsberichts gelesen, entsteht kein eigentlicher Widerspruch. „Himmel und Erde“ bezeichnen dort die Gesamtheit der Schöpfung; die folgenden Verse erläutern, wie diese geordnete Welt entsteht.

Genesis 1,1 als erster Schöpfungsakt

Wird Genesis 1,1 dagegen als eigener erster Schöpfungsakt verstanden, muss zwischen dem dort geschaffenen „Himmel“ und dem am zweiten Tag benannten Raqia vermittelt werden.

Rambans Unterscheidung

Ramban entwickelt dafür eine differenzierte Kosmologie. Nach seiner bevorzugten Erklärung bezeichnen die „Himmel“ von Genesis 1,1 einen höheren, ursprünglich geschaffenen Himmelsbereich. Der am zweiten Tag ausgebildete Raqia gehört dagegen zur unteren kosmischen Ordnung und erhält aufgrund einer Namensübertragung ebenfalls die Bezeichnung „Himmel“.

Ramban kennt daneben die traditionelle Auffassung, dass der Himmel bereits am ersten Tag in noch ungeformtem beziehungsweise flüssigem Zustand existiert habe und am zweiten Tag seine Raqia-Form erhalten habe.

Basilius

Auch Basilius diskutiert ausdrücklich, ob der Himmel aus Genesis 1,1 und der in Genesis 1,8 „Himmel“ genannte Raqia identisch seien. Er entscheidet sich für eine Unterscheidung verschiedener himmlischer Bereiche und betont die besondere Funktion des Firmaments des zweiten Tages.

Die Frage ist somit nicht erst ein modernes Problem, sondern gehört seit der Antike zur Auslegung des Kapitels.

Abend und Morgen

Die Formel וַיְהִי־עֶרֶב וַיְהִי־בֹקֶר wiederholt nahezu wörtlich den Abschluss des ersten Tages in Genesis 1,5.

עֶרֶב bezeichnet den Abend, בֹּקֶר den Morgen. Zusammen markieren sie einen abgeschlossenen Schöpfungsabschnitt.

Die Wiederholung schafft einen starken literarischen Rhythmus. Jeder Tag erhält dadurch einen erkennbaren Abschluss und wird von dem folgenden Tag unterschieden.

Keine bloße Zeitangabe

Die Formel ist mehr als eine beiläufige chronologische Notiz. Sie strukturiert die gesamte Komposition und führt auf den siebten Tag hin.

Der zweite Tag steht damit innerhalb einer geordneten Schöpfungswoche, deren zeitliche Struktur selbst Teil der theologischen Aussage des Textes ist.

יוֹם שֵׁנִי – „zweiter Tag“

שֵׁנִי ist eine reguläre Ordinalzahl und bedeutet „zweiter“. Anders als אֶחָד in Genesis 1,5 ordnet sie den Tag ausdrücklich innerhalb einer Reihe ein.

Damit ist nun eine Sequenz etabliert: Ein vorausgehender Tag existiert bereits, und der gegenwärtige Tag wird relativ zu ihm als zweiter bezeichnet.

Diese sprachliche Veränderung ist der Grund, weshalb die ungewöhnliche Form יוֹם אֶחָד des ersten Tages in der jüdischen Auslegung besondere Aufmerksamkeit erhalten hat. Von Genesis 1,8 an verwendet die Erzählung das erwartete System der Ordinalzahlen.

Grammatische Übereinstimmung

יוֹם ist grammatisch maskulin; entsprechend steht שֵׁנִי in der maskulinen Singularform.

„der andere Tag“ und „der zweite Tag“

Die im zugrunde liegenden deutschen Vers verwendete Formulierung „der andere Tag“ gehört zu einem älteren deutschen Sprachgebrauch. ander konnte in bestimmten historischen Kontexten die Bedeutung „zweiter“ besitzen.

Für die philologische Analyse des hebräischen Textes ist jedoch eindeutig von „zweiter Tag“ zu sprechen, denn שֵׁנִי ist die reguläre Ordinalzahl „zweiter“.

Die historische deutsche Form darf deshalb als Übersetzungstradition bewahrt werden, sollte aber nicht zu der Annahme führen, der hebräische Text bedeute lediglich „ein anderer Tag“ im heutigen deutschen Sinn.

Genesis 1,6–8 als Einheit

Die drei Verse bilden eine geschlossene Handlungseinheit.

Genesis 1,6: Gott spricht den Befehl zur Entstehung des Raqia aus.

Genesis 1,7: Gott macht den Raqia und scheidet obere und untere Wasser.

Genesis 1,8: Gott nennt den Raqia Himmel und schließt den zweiten Tag mit Abend und Morgen ab.

Die Struktur lautet daher:

Befehl → Ausführung → Scheidung → Bestätigung → Benennung → Tagesabschluss.

Der zweite Schöpfungstag ist deshalb vor allem ein Tag der räumlichen Differenzierung. Während am ersten Tag Licht und Finsternis unterschieden und zeitlich geordnet wurden, entsteht nun eine vertikale Gliederung des Kosmos.

Kosmologische Bedeutung

Durch die Benennung des Raqia als Himmel wird deutlich, dass Genesis 1,6–8 nicht lediglich einen abstrakten Zwischenraum beschreibt. Der geschaffene Trennbereich entspricht dem Himmel innerhalb der erzählten Kosmologie.

Dieser Himmel liegt zwischen den Wassern unterhalb und den Wassern oberhalb. Im weiteren Verlauf werden die Himmelslichter in Beziehung zum „Raqia des Himmels“ gesetzt, und die Vögel fliegen in beziehungsweise vor diesem Himmelsbereich.

Der sichtbare obere Weltbereich

Der Raqia/Himmel verbindet mehrere Funktionen, die moderne Weltmodelle auf verschiedene Bereiche verteilen würden: den sichtbaren Himmel, den Bereich der Gestirne und den oberen Raum über der Erde.

Darum lässt er sich nicht exakt mit einer einzigen modernen Kategorie wie Atmosphäre oder Weltraum identifizieren.

Obere Wasser bleiben bestehen

Die Benennung des Raqia als Himmel hebt die oberen Wasser nicht auf. Sie bleiben nach Genesis 1,7 oberhalb dieses Bereichs bestehen.

Psalm 148,4 greift diese Vorstellung später ausdrücklich auf und spricht von den „Wassern über den Himmeln“.

Literarische Funktion

Genesis 1,8 schließt den zweiten Tag in derselben formelhaften Weise ab, in der Genesis 1,5 den ersten Tag abgeschlossen hat.

Die Wiederholung erzeugt Stabilität und Erwartung. Leser und Hörer erkennen nun ein Muster, das sich durch die folgenden Schöpfungstage ziehen wird.

Gleichzeitig gibt es eine auffällige Abweichung: Im masoretischen Text fehlt die Bewertungsformel כִּי־טוֹב, „dass es gut war“.

Gerade weil die Erzählung stark formelhaft ist, wird dieses Fehlen literarisch auffällig. Die jüdische Auslegung hat daraus die Erklärung entwickelt, das Wasserwerk sei am zweiten Tag noch nicht abgeschlossen und werde erst am dritten Tag vollendet.

Die Septuaginta beseitigt diese Unregelmäßigkeit in ihrer überlieferten Textform, indem sie in Vers 8 ausdrücklich eine Gutheißungsformel enthält.

Subtext

Der Himmel ist benanntes Geschöpf

Der Himmel besitzt innerhalb der Erzählung keinen unabhängigen göttlichen Status. Er ist der von Elohim gemachte und benannte Raqia.

Der höchste sichtbare Bereich steht unter Gottes Autorität

Benennung setzt den Himmel unter dieselbe göttliche Ordnung wie Tag, Nacht, Erde und Meer. Kein Bereich des Kosmos entzieht sich der schöpferischen Autorität Gottes.

Ordnung wird sprachlich stabilisiert

Der Raqia ist bereits geschaffen. Durch den Namen „Himmel“ wird seine Stellung innerhalb des kosmischen Systems dauerhaft bezeichnet.

Schöpfung ist sowohl räumlich als auch zeitlich

Die erste Vershälfte benennt einen Raum; die zweite schließt eine Zeiteinheit ab. Genesis 1 ordnet daher zugleich Raum und Zeit.

Der zweite Tag bleibt Teil eines größeren Prozesses

Obwohl Abend und Morgen den Tag abschließen, ist die Ordnung der unteren Wasser noch nicht vollendet. Der folgende dritte Tag setzt genau dort an.

Benennung folgt Differenzierung

Erst nachdem ein Bereich vom anderen unterschieden ist, erhält er seinen Namen. Identität entsteht innerhalb des Textes durch geordnete Differenz.

„Zweiter“ setzt Relation voraus

Mit שֵׁנִי wird Zeit ausdrücklich relational. Der zweite Tag ist nur als zweiter im Verhältnis zum vorausgehenden Tag verständlich. Die Schöpfung entwickelt eine fortlaufende Geschichte.

Innerbiblische Bezüge

Genesis 1,1

Die bereits in Genesis 1,1 genannten „Himmel“ bilden den wichtigsten innertextlichen Bezug. Ob Vers 1 programmatisch zusammenfasst oder einen anderen beziehungsweise höheren Himmelsbereich bezeichnet, ist eine zentrale Auslegungsfrage.

Genesis 1,14–17

Am vierten Tag werden die Himmelslichter im רְקִיעַ הַשָּׁמַיִם, „Raqia des Himmels“, eingesetzt. Der in Vers 8 benannte Bereich erhält damit eine weitere kosmische Funktion.

Genesis 1,20

Die Vögel sollen in Beziehung zum Raqia des Himmels über der Erde fliegen. Der Himmel ist damit nicht nur Trennfläche, sondern Teil des dargestellten Bewegungsraums der geschaffenen Welt.

Genesis 7,11

Bei der Sintflut öffnen sich die „Fenster des Himmels“. Die Schöpfungsordnung, durch die obere Wasser vom bewohnbaren Bereich getrennt wurden, wird teilweise aufgehoben.

Psalm 19,2

Der Himmel erzählt Gottes Herrlichkeit, und der Raqia verkündet das Werk seiner Hände. Der in Genesis geschaffene Himmelsbereich wird damit zum Zeugnis des Schöpfers.

Psalm 104,2–3

Psalm 104 beschreibt Gott als denjenigen, der den Himmel wie eine Zeltdecke ausspannt und seine oberen Gemächer bei den Wassern errichtet. Diese poetische Bildsprache steht der kosmologischen Vorstellungswelt von Genesis 1 nahe.

Psalm 148,4

„Himmel der Himmel“ und „Wasser über den Himmeln“ werden gemeinsam zum Gotteslob aufgerufen. Die oberen Wasser des zweiten Schöpfungstages bleiben damit Bestandteil späterer biblischer Kosmologie.

Jesaja 40,22

Jesaja beschreibt Gott als denjenigen, der den Himmel wie einen dünnen Stoff ausspannt und wie ein Zelt zum Wohnen ausbreitet. Das Motiv des ausgespannten Himmels bietet eine wichtige innerbiblische Parallele zum Bedeutungsfeld von רקע.

Historische Einordnung

Genesis 1,1–2,4a wird in der historisch-kritischen Forschung überwiegend der priesterlichen beziehungsweise priesterlich geprägten Schöpfungstradition zugeordnet. Die geordnete Tagesstruktur, die wiederkehrenden Formeln, die Scheidungen und Benennungen sowie die Hinführung zum siebten Tag sind charakteristische Merkmale dieser Komposition.

Der zweite Tag passt präzise in dieses Ordnungsschema. Durch den Raqia entsteht eine vertikale Gliederung der Welt; durch die Benennung als Himmel erhält der neue Bereich seine kosmische Identität.

Viele Forschungsmodelle bringen die literarische Gestalt der priesterlichen Schöpfungserzählung mit exilischer oder früher nachexilischer Zeit in Verbindung. Die genaue Datierung und literarische Vorgeschichte bleiben jedoch Gegenstand der Forschung.

Für Genesis 1,8 ist besonders wichtig, dass die Benennung „Himmel“ innerhalb eines antiken Weltbildes erfolgt. Der Text kennt nicht die moderne Unterscheidung zwischen Atmosphäre, planetarem Raum, Sonnensystem und interstellarem Weltraum.

Die historische Exegese sollte deshalb zunächst fragen, welche Funktion שָׁמַיִם innerhalb der antiken Schöpfungserzählung besitzt, statt das Wort unmittelbar auf moderne naturwissenschaftliche Kategorien abzubilden.

Altorientalischer Hintergrund

Die Vorstellung eines gegliederten Himmels beziehungsweise einer Trennung kosmischer Bereiche gehört zum weiteren altorientalischen Vorstellungsraum.

Mesopotamische Kosmogonien kennen ebenfalls eine vertikale Gliederung des Kosmos und ursprüngliche Wasserbereiche. Im babylonischen Enuma Elisch ist diese Ordnung jedoch in eine Götterkampfgeschichte eingebettet.

Genesis 1 erzählt anders. Der Himmel entsteht nicht aus dem Körper einer besiegten Gottheit, sondern wird durch das Wort und Handeln Elohims eingerichtet.

Die Benennung des Himmels unterstreicht zusätzlich, dass dieser kosmische Bereich kein eigenständiges göttliches Wesen ist. Er gehört zur geschaffenen Welt.

Entgöttlichung des Kosmos

Ein wiederkehrendes theologisches Profil von Genesis 1 besteht darin, kosmische Größen, die in anderen Kulturen religiös oder göttlich interpretiert werden konnten, als geschaffene und funktional bestimmte Elemente darzustellen.

Dies gilt für Licht, Finsternis, Himmel, Wasser und später auch Sonne, Mond und Sterne.

Jüdische Rezeption

Raschi

Raschi greift bei שָׁמַיִם mehrere rabbinische Wortspiele auf. Er verbindet das Wort unter anderem mit שָׂא מַיִם, sinngemäß „trage Wasser“, mit שָׁם מַיִם, „dort ist Wasser“, und mit אֵשׁ וּמַיִם, „Feuer und Wasser“.

Nach der letzten Deutung habe Gott Feuer und Wasser miteinander verbunden und daraus den Himmel gemacht.

Diese Erklärungen sind als midraschische beziehungsweise volksetymologische Wortdeutungen zu verstehen. Sie entfalten theologische Bedeutungen des Namens, stellen aber keine gesicherte moderne historische Etymologie von שָׁמַיִם dar.

Bereschit Rabbah

Bereschit Rabbah bietet eine ganze Reihe von Deutungen des Namens שָׁמַיִם. Eine Tradition verbindet ihn mit Feuer und Wasser; eine andere mit der Verwunderung darüber, woraus der Himmel bestehe; weitere Deutungen spielen mit ähnlichen hebräischen Lautfolgen.

Die Vielfalt dieser Wortspiele zeigt, dass der Name „Himmel“ selbst zum Gegenstand theologischer Meditation wurde. Der kosmische Bereich erhält nicht nur einen Namen; sein Name wird zum Ausgangspunkt weiterer Auslegung.

Ramban

Ramban erklärt, Gott habe den am zweiten Tag geformten Raqia nun „Himmel“ genannt, nachdem dieser seine bestimmte Gestalt erhalten habe.

Er referiert die traditionelle Deutung, nach der die Himmel am ersten Tag bereits geschaffen, aber noch nicht in ihrer späteren Raqia-Gestalt stabilisiert gewesen seien. Der Name werde nun mit dieser Gestalt verbunden.

Ramban bevorzugt jedoch eine differenziertere Erklärung. Die in Genesis 1,1 geschaffenen Himmel seien höhere Himmel; der Raqia des zweiten Tages gehöre zu einer anderen kosmischen Ebene und werde aufgrund einer Namensübertragung ebenfalls שָׁמַיִם genannt.

Damit unterscheidet Ramban mehrere Ebenen des Himmels und vermeidet eine einfache Identifikation aller Vorkommen des Wortes.

Der zweite Tag und das fehlende „gut“

Im masoretischen Text fehlt die Formel „Gott sah, dass es gut war“. Die rabbinische Tradition erklärt dies häufig damit, dass das Werk der Wasser noch nicht abgeschlossen sei.

Erst am dritten Tag werden die unteren Wasser gesammelt und das trockene Land sichtbar. Daher erscheine die Gutheißung dort zweimal.

Diese Erklärung verbindet Genesis 1,8 eng mit dem folgenden Tag und versteht die Schöpfungsordnung als einen fortlaufenden Prozess.

Septuaginta und Textüberlieferung

Die griechische Septuaginta überliefert Genesis 1,8 in einer gegenüber dem masoretischen Text erweiterten Form:

καὶ ἐκάλεσεν ὁ θεὸς τὸ στερέωμα οὐρανόν· καὶ εἶδεν ὁ θεὸς ὅτι καλόν. καὶ ἐγένετο ἑσπέρα καὶ ἐγένετο πρωί, ἡμέρα δευτέρα.

Sinngemäß:

„Und Gott nannte das Firmament Himmel. Und Gott sah, dass es gut war. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein zweiter Tag.“

Besonders wichtig ist der Satz καὶ εἶδεν ὁ θεὸς ὅτι καλόν, „und Gott sah, dass es gut war“. Dieser Satz fehlt im masoretischen hebräischen Text.

Textkritische Bedeutung

Damit liegt eine echte Abweichung der Textüberlieferung vor. Die griechische Tradition besitzt die Gutheißungsformel auch für den zweiten Tag, während der masoretische Text gerade durch ihr Fehlen auffällt.

Die bloße Existenz der griechischen Lesart entscheidet noch nicht automatisch, welche Form älter ist. Denkbar ist unter anderem, dass die Septuaginta beziehungsweise ihre hebräische Vorlage eine abweichende Lesart bewahrt oder dass die Formel im Verlauf der Überlieferung zur Harmonisierung mit den übrigen Schöpfungstagen ergänzt wurde.

Für die Interpretation muss deshalb klar zwischen Texttraditionen unterschieden werden. Eine Auslegung des masoretischen Textes darf das Fehlen der Gutheißung analysieren; eine Auslegung der Septuaginta muss berücksichtigen, dass dieses Fehlen dort gerade nicht besteht.

οὐρανός

Die Septuaginta gibt שָׁמַיִם mit οὐρανός, „Himmel“, wieder. Der Raqia, den sie seit Vers 6 als στερέωμα bezeichnet, erhält somit den Namen οὐρανός.

ἡμέρα δευτέρα

ἡμέρα δευτέρα entspricht genau der hebräischen Ordinalkonstruktion „zweiter Tag“.

Vulgata

Die lateinische Vulgata lautet:

Vocavitque Deus firmamentum Caelum: et factum est vespere et mane, dies secundus.

Sinngemäß:

„Und Gott nannte das Firmament Himmel; und es wurde Abend und Morgen, der zweite Tag.“

firmamentum setzt die lateinische Übersetzungstradition des Raqia fort, während Caelum den Namen „Himmel“ wiedergibt.

dies secundus bedeutet „zweiter Tag“ und entspricht dem hebräischen יוֹם שֵׁנִי.

Vulgata und Gutheißungsformel

Bemerkenswert ist, dass die Vulgata die zusätzliche Gutheißungsformel der gewöhnlichen Septuagintaüberlieferung an dieser Stelle nicht enthält. In dieser Hinsicht stimmt ihre Versgestalt mit dem masoretischen Text überein.

Die Unterschiede zwischen hebräischer, griechischer und lateinischer Überlieferung zeigen, dass die Rezeptionsgeschichte des zweiten Schöpfungstages nicht auf eine einzige identische Textform reduziert werden darf.

Christliche Rezeption

Basilius von Caesarea

Basilius widmet dem Firmament und dem zweiten Schöpfungstag seine dritte Hexaemeron-Homilie. Er behandelt ausführlich die Frage, wie der am zweiten Tag „Himmel“ genannte Raqia zum bereits in Genesis 1,1 genannten Himmel steht.

Basilius entscheidet sich gegen eine einfache Identität. Für ihn besitzt der am zweiten Tag geschaffene beziehungsweise geordnete Himmel eine eigene Natur und Funktion.

Besonders wichtig ist seine Unterscheidung zwischen dem Namen Firmament und dem Namen Himmel. Nicht jede Verwendung von „Himmel“ müsse dieselbe kosmische Ebene bezeichnen. Die sichtbare obere Region könne aufgrund ihrer Ähnlichkeit und Funktion ebenfalls „Himmel“ genannt werden.

Basilius und die oberen Wasser

Basilius verteidigt die Aussage von Wassern oberhalb des Firmaments gegen allegorische Umdeutungen. Er lehnt die Erklärung ab, „Wasser“ bedeute hier eigentlich gute oder böse geistige Mächte.

Für ihn soll Wasser zunächst als Wasser verstanden werden. Damit vertritt er innerhalb seines spätantiken Weltbildes eine ausgesprochen wörtliche kosmologische Lektüre.

Augustinus

Augustinus integriert den zweiten Schöpfungstag in seine umfassendere Deutung der sechs Tage. Der Firmament-Himmel steht bei ihm sowohl in kosmologischen als auch in geistlich-allegorischen Interpretationen.

In De civitate Dei ordnet er dem zweiten Tag die Erkenntnis des Firmaments zu, das den Namen Himmel trägt und zwischen oberen und unteren Wassern liegt.

In seiner Auslegung kann der geordnete Kosmos zugleich eine geistige Ordnung spiegeln. Solche allegorischen Erweiterungen gehören jedoch zur christlichen Rezeptionsgeschichte und sind nicht mit dem unmittelbaren historischen Sinn von שָׁמַיִם gleichzusetzen.

Augustinus und der zweite Tag

Die frühchristliche Tradition entwickelt aus den nummerierten Schöpfungstagen außerdem symbolische Bezüge zur Kirche, zur Erkenntnis und zur geistlichen Ordnung. Augustinus kann den zweiten Tag beziehungsweise das Firmament beispielsweise auf die standhafte Kirche beziehen.

Damit wird aus dem kosmologischen Trennbereich ein theologisches Bild für Festigkeit und Beständigkeit.

Das fehlende „dass es gut war“

Eine der auffälligsten Besonderheiten des zweiten Schöpfungstages besteht im masoretischen Text darin, dass die Formel וַיַּרְא אֱלֹהִים כִּי־טוֹב, „und Gott sah, dass es gut war“, fehlt.

Das ist auffällig, weil diese positive Bewertung an anderen Schöpfungstagen regelmäßig erscheint.

Rabbinische Erklärung: noch nicht vollendet

Raschi und Bereschit Rabbah erklären das Fehlen damit, dass das Werk des Wassers am zweiten Tag noch nicht abgeschlossen sei.

Die Wasser sind zwar vertikal getrennt, aber die unteren Wasser bedecken weiterhin die Erde. Erst in Genesis 1,9 werden sie gesammelt und trockenes Land wird sichtbar.

Am dritten Tag erscheint die Gutheißungsformel deshalb zweimal. Nach traditioneller Deutung gilt die erste Gutheißung der nun vollendeten Wasserordnung, die zweite dem neuen Werk des dritten Tages.

Eine spätere ethische Deutung

Spätere jüdische Ausleger konnten das Fehlen des „gut“ zusätzlich mit der Tatsache verbinden, dass am zweiten Tag Trennung entstand. Daraus entwickelt sich die homiletische Vorstellung, dass Trennung für sich noch kein Ziel sei und erst dann positiv werde, wenn sie einer höheren Einheit und Ordnung dient.

Eine solche ethische Deutung ist theologisch produktiv, gehört aber zur späteren Auslegung und nicht zur unmittelbaren grammatischen Bedeutung des Verses.

Die Septuaginta

Die Septuaginta besitzt genau jene Gutheißungsformel, die im masoretischen Text fehlt. Für eine auf der Septuaginta beruhende christliche Auslegung fällt das literarische Problem deshalb anders aus.

Diese Differenz ist ein gutes Beispiel dafür, wie Textkritik und Rezeptionsgeschichte miteinander verbunden sind.

Theologische Interpretation

Der Himmel ist Geschöpf

Genesis 1,8 macht unmissverständlich deutlich, dass der Himmel innerhalb der Erzählung auf der Seite der Schöpfung steht.

Gott ist nicht der Himmel; Gott benennt den Himmel. Dadurch bleibt die grundlegende Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschaffenem bestehen.

Benennung bedeutet Herrschaft und Ordnung

Gott gibt dem Raqia seinen Namen. Das kann theologisch als Ausdruck seiner souveränen Autorität über die kosmischen Bereiche verstanden werden.

Der Himmel definiert nicht selbst seinen Platz. Seine Funktion und Bezeichnung stehen innerhalb der göttlichen Schöpfungsordnung.

Schöpfung ordnet Raum und Zeit

Die beiden Vershälften verbinden Raum und Zeit unmittelbar miteinander. „Himmel“ bezeichnet einen geordneten kosmischen Bereich; „Abend und Morgen – zweiter Tag“ bezeichnet die geordnete Zeit.

Genesis 1 erzählt somit die Entstehung einer Welt, die sowohl räumlich als auch zeitlich gegliedert ist.

Unterscheidung führt zu Identität

Der Raqia konnte erst benannt werden, nachdem seine Funktion und sein Verhältnis zu den Wassern bestimmt waren. Innerhalb der Erzählung entsteht Identität durch Differenzierung.

Der Himmel ist Himmel, weil er einen bestimmten Platz und eine bestimmte Funktion innerhalb des Ganzen besitzt.

Der Kosmos besitzt keine autonomen Gottheiten

Weder Himmel noch Wasser werden als göttliche Rivalen Elohims dargestellt. Selbst der Himmel, der in vielen Religionen mit göttlicher Macht verbunden ist, erscheint als benanntes Geschöpf.

Gott ist nicht räumlich im Himmel eingeschlossen

Weil Gott den Himmel schafft und benennt, kann der Himmel nicht der Raum sein, der Gott ursprünglich begrenzt oder hervorbringt. Spätere biblische Rede von Gott „im Himmel“ muss deshalb innerhalb einer Theologie gelesen werden, in der der Himmel selbst Geschöpf ist.

Der zweite Tag bleibt auf den dritten hin offen

Der Tagesabschluss bedeutet nicht, dass jeder Aspekt des begonnenen Werkes bereits seine endgültige Form erreicht hätte. Die unteren Wasser müssen noch gesammelt werden.

Schöpfung erscheint dadurch als geordneter Prozess, in dem einzelne Schritte aufeinander aufbauen.

Zeit besitzt Richtung

Mit יוֹם שֵׁנִי entsteht eine ausdrücklich nummerierte Abfolge. Die Schöpfung bewegt sich von einem Tag zum nächsten auf einen Abschluss hin.

Diese Richtung kulminiert im siebten Tag und bildet die Grundlage der späteren Sabbattheologie.

Grenzen der Aussage

Genesis 1,8 sagt nicht, dass der Raqia mit der modernen Atmosphäre identisch sei. „Himmel“ bezeichnet innerhalb der antiken Erzählung einen kosmischen Bereich mit Funktionen, die nicht exakt den Kategorien moderner Naturwissenschaft entsprechen.

Der Vers sagt auch nicht, dass jede biblische Verwendung von שָׁמַיִם denselben räumlichen Bereich bezeichne. Der Bedeutungsumfang muss aus dem jeweiligen Kontext bestimmt werden.

Die rabbinischen Deutungen שָׂא מַיִם, שָׁם מַיִם und אֵשׁ וּמַיִם sind traditionelle Wortspiele und keine gesicherte moderne Etymologie.

Auch Rambans mehrstufige Himmelskosmologie ist eine bedeutende mittelalterliche Auslegung, aber nicht die einzig mögliche historisch-philologische Erklärung des Unterschieds zwischen Genesis 1,1 und 1,8.

Die ältere deutsche Wendung „der andere Tag“ bedeutet hier nicht, dass der hebräische Text lediglich von „irgendeinem anderen Tag“ spricht. שֵׁנִי bedeutet eindeutig „zweiter“.

Das Fehlen von „dass es gut war“ darf nur für die masoretische Textform behauptet werden. Die Septuaginta enthält diese Formel ausdrücklich. Eine vollständige Exegese muss diese textkritische Differenz sichtbar machen.

Schließlich entscheidet Genesis 1,8 keine moderne astronomische Frage über die materielle Struktur des Himmels. Der Vers benennt einen Bereich innerhalb einer antiken Kosmologie und verfolgt primär eine literarisch-theologische Ordnungsaussage.

Gesamtinterpretation

Genesis 1,8 vollendet den zweiten Schöpfungstag. Der in Genesis 1,6 befohlene und in Genesis 1,7 gemachte רָקִיעַ erhält nun von Gott den Namen שָׁמַיִם, „Himmel“.

Grammatisch ist der Satz eine Benennungskonstruktion mit קרא: Gott nennt dem Raqia den Namen Himmel. Damit folgt der Vers demselben Ordnungsprinzip wie Genesis 1,5, wo Licht und Finsternis als Tag und Nacht benannt wurden.

Die Benennung ist theologisch bedeutsam. Der Himmel erscheint nicht als Gottheit oder autonome kosmische Macht, sondern als ein von Elohim geschaffener, geordneter und benannter Bereich. Selbst der höchste sichtbare Raum gehört damit zur Schöpfung.

Die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem „Himmel“ von Genesis 1,1 und dem in Genesis 1,8 benannten Raqia hat bereits antike und mittelalterliche Ausleger beschäftigt. Eine Möglichkeit versteht Genesis 1,1 als Überschrift; andere unterscheiden mehrere Himmelsbereiche. Ramban entwickelt ausdrücklich eine solche gestufte Kosmologie, und auch Basilius unterscheidet den Himmel des Anfangs vom Firmament des zweiten Tages.

Die jüdische Rezeption entfaltet den Namen שָׁמַיִם in zahlreichen Wortspielen. Raschi nennt unter anderem „dort ist Wasser“, „trage Wasser“ und „Feuer und Wasser“. Diese Deutungen sind theologische Midraschim und sollten von historischer Etymologie unterschieden werden.

Mit וַיְהִי־עֶרֶב וַיְהִי־בֹקֶר schließt der Vers den zweiten Schöpfungsabschnitt rhythmisch ab. Anders als beim ersten Tag steht nun die reguläre Ordinalzahl שֵׁנִי: „zweiter Tag“. Die ältere deutsche Form „der andere Tag“ entspricht einem historischen Gebrauch von „ander“ für „zweiter“.

Textkritisch ist Vers 8 besonders interessant. Der masoretische Text enthält keine Gutheißungsformel. Die Septuaginta dagegen liest ausdrücklich: „Und Gott sah, dass es gut war.“ Die Vulgata besitzt diese Ergänzung nicht. Damit ist bereits die antike Rezeptionsgeschichte von unterschiedlichen Textformen geprägt.

Historisch gehört der Vers in die antike Kosmologie von Genesis 1. Der Raqia/Himmel trennt obere von unteren Wassern und bildet einen geordneten kosmischen Raum. Dieser kann nicht ohne Bedeutungsverlust einfach mit moderner Atmosphäre oder Weltraum gleichgesetzt werden.

Der theologische Kern besteht schließlich in der Verbindung von Schöpfung, Ordnung und Benennung: Gott schafft nicht nur Materie, sondern strukturierte Welt. Er setzt Grenzen, bildet Räume, gibt Namen und ordnet die Zeit. Der zweite Tag endet deshalb mit einem benannten Himmel über einer zunehmend gegliederten Welt und mit einem weiteren Schritt auf den geordneten, bewohnbaren Kosmos hin.