Genesis 1,24 – Die Erde bringe lebende Tiere hervor

Bibel: Genesis / 1. Mose
Kapitel: 1
Vers: 24

24 Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendige Tiere, ein jegliches nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere auf Erden, ein jegliches nach seiner Art. Und es geschah also.

Hebräischer Text:

וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים תּוֹצֵא הָאָרֶץ נֶפֶשׁ חַיָּה לְמִינָהּ בְּהֵמָה וָרֶמֶשׂ וְחַיְתוֹ־אֶרֶץ לְמִינָהּ וַיְהִי־כֵן׃

Transliteration:

wayyōmer ʾĕlōhîm tôṣēʾ hāʾāreṣ nepeš ḥayyāh ləmînāh bəhēmāh wāremeś wəḥayṯô-ʾereṣ ləmînāh wayəhî-ḵēn

Wortnahe Übersetzung: „Und Gott sprach: Die Erde soll ein lebendes Wesen nach seiner Art hervorbringen: Vieh, sich bewegendes beziehungsweise kriechendes Getier und Wildtiere der Erde nach ihrer Art. Und es geschah so.“

Einleitung

Genesis 1,24 eröffnet den sechsten Schöpfungstag. Nach dem Abschluss des fünften Tages in Genesis 1,23 richtet sich der Blick von Wasser und Luftraum vollständig auf die Erde. Gottes erstes Wort des neuen Tages lautet nicht unmittelbar „Es entstehen Tiere“, sondern תּוֹצֵא הָאָרֶץ: „Die Erde soll hervorbringen.“ Damit wird die bereits geschaffene Erde erneut als produktiver Bereich angesprochen. Wie sie in Genesis 1,11 Vegetation hervorbringen sollte, soll sie nun lebende Landtiere hervorbringen.

Der Vers bildet deshalb eine auffällige Parallele zum dritten Schöpfungstag. Dort lautete der Befehl תַּדְשֵׁא הָאָרֶץ, „Die Erde lasse Vegetation sprossen“. Jetzt heißt es תּוֹצֵא הָאָרֶץ נֶפֶשׁ חַיָּה, „Die Erde bringe lebendes Wesen hervor“. Der dritte Tag hatte das trockene Land als Bereich eingerichtet und mit Pflanzen versehen; der sechste füllt diesen Bereich mit beweglichem tierischem Leben und wird anschließend auch den Menschen hervorbringen.

Die Formulierung bedeutet jedoch nicht, dass die Erde als selbstständige Schöpfergottheit erscheint. Der gesamte Satz beginnt mit וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים, „Und Gott sprach“. Die Produktivität der Erde steht unter dem göttlichen Wort. Noch deutlicher wird dies in Genesis 1,25, wo nicht die Erde, sondern ausdrücklich Gott Subjekt ist: „Und Gott machte die Tiere der Erde ...“. Genesis verbindet damit geschöpfliche Produktivität und göttliche Urheberschaft.

Das hervorgebrachte Leben wird mit der bereits bekannten Formulierung נֶפֶשׁ חַיָּה, „lebendes Wesen“, bezeichnet. Dieselbe Wortverbindung war in Genesis 1,20 für die Lebewesen der Wasserwelt verwendet worden und wird in Genesis 2,7 auch für den Menschen erscheinen. Landtier, Wassertier und Mensch teilen damit einen grundlegenden biblischen Begriff des Lebendigseins.

Genesis 1,24 gliedert die Landtierwelt anschließend in drei große Gruppen: בְּהֵמָה, traditionell „Vieh“; רֶמֶשׂ, traditionell „Gewürm“, genauer sich am Boden bewegendes beziehungsweise kriechendes Getier; und חַיְתוֹ־אֶרֶץ, Tiere beziehungsweise Wildtiere der Erde. Diese Begriffe bilden keine moderne zoologische Taxonomie. Sie ordnen die Tierwelt aus antiker menschlicher Wahrnehmung nach Lebensweise, Nähe zum Menschen und Bewegungsform.

Der traditionelle deutsche Ausdruck „Gewürm“ ist dabei besonders erklärungsbedürftig. Das hebräische רֶמֶשׂ bezeichnet nicht ausschließlich Würmer. Es kann eine breite Gruppe sich am Boden bewegender, kriechender oder gleitender Tiere umfassen. Ebenso ist בְּהֵמָה nicht einfach mit der modernen biologischen Kategorie „Nutztier“ identisch, auch wenn domestizierte Großtiere einen wichtigen Teil des Bedeutungsfeldes bilden.

Der Vers endet mit וַיְהִי־כֵן, „Und es geschah so“. Anders als beim fünften Tag, dessen Ausführungsbericht unmittelbar mit „Und Gott schuf“ begann, wird die Erfüllung hier zunächst knapp festgestellt. Genesis 1,25 entfaltet anschließend genauer, dass Gott die drei Tiergruppen nach ihren Arten macht und sie als gut beurteilt.

Parallelstellen

Genesis 1,11 ist eine der wichtigsten strukturellen Parallelstellen. Dort richtet sich Gottes Wort ebenfalls an die Erde: Sie soll Vegetation, samenbildende Pflanzen und Fruchtbäume hervorbringen. Genesis 1,24 nimmt dieses Motiv am sechsten Tag auf und überträgt es von pflanzlichem auf tierisches Leben.

Genesis 1,12 berichtet die Ausführung des Pflanzenbefehls mit וַתּוֹצֵא הָאָרֶץ, „Und die Erde brachte hervor“. Dieselbe Wurzel יצא steht in Genesis 1,24 als Befehl תּוֹצֵא. Dritter und sechster Tag werden dadurch auch verbal miteinander verbunden.

Genesis 1,20 bietet eine weitere enge Parallele. Dort werden die Wasser aufgefordert, von נֶפֶשׁ חַיָּה, lebenden Wesen, zu wimmeln. In Genesis 1,24 übernimmt die Erde die entsprechende Rolle für die Landtiere.

Genesis 1,21 verwendet dieselbe Grundkategorie נֶפֶשׁ הַחַיָּה für bewegte Wasserlebewesen. Wasser- und Landtiere werden damit sprachlich als Varianten derselben umfassenden Lebenswirklichkeit behandelt.

Genesis 1,25 ist die unmittelbare Ausführung und Präzisierung des Verses. Dort heißt es ausdrücklich, dass Gott die Tiere der Erde, das Vieh und jedes sich am Boden bewegende Tier nach seiner Art macht. Die Kategorien von Vers 24 werden wiederholt, allerdings in veränderter Reihenfolge.

Genesis 1,26 folgt unmittelbar auf die Schöpfung der Landtiere. Die Tierkategorien erscheinen erneut im Zusammenhang mit der menschlichen Herrschaftsaufgabe. Dadurch wird sichtbar, dass Mensch und Landtiere demselben sechsten Schöpfungstag angehören, der Mensch aber durch eine eigene göttliche Redeformel hervorgehoben wird.

Genesis 1,28 nennt die sich auf der Erde bewegenden Lebewesen im Zusammenhang der menschlichen Herrschaft. Der Mensch betritt somit einen bereits eingerichteten tierischen Lebensraum.

Genesis 1,30 bezeichnet die Tiere der Erde, Vögel und alles sich am Boden Bewegende erneut als Wesen, in denen נֶפֶשׁ חַיָּה, lebendes Leben, vorhanden ist. Dort wird außerdem ihre pflanzliche Nahrung thematisiert.

Genesis 2,7 ist anthropologisch besonders wichtig. Auch der Mensch wird dort לְנֶפֶשׁ חַיָּה, „zu einem lebenden Wesen“. Die Formulierung verbindet menschliches und tierisches Leben auf einer grundlegenden Ebene.

Genesis 2,19 erzählt in der zweiten Schöpfungsdarstellung, dass JHWH Gott die Tiere des Feldes und Vögel מִן־הָאֲדָמָה, „aus dem Erdboden“, formt. Die Verbindung von Erde und Tierkörpern entspricht thematisch Genesis 1,24, obwohl Aufbau und Erzählfolge beider Texte verschieden sind.

Genesis 6,20 nennt Tiere, Vögel und sich bewegende Tiere wiederum לְמִינֵהוּ, „nach ihrer Art“. Die Artenordnung des Schöpfungsberichts wird in der Archeerzählung bewahrt.

Genesis 7,14 gliedert die Tierwelt während der Sintflut in Wildtiere, Vieh, Kriechtiere und Vögel nach ihren Arten. Die Kategorien von Genesis 1 werden damit in der Sintflut wieder aufgenommen.

Genesis 8,17 führt nach der Flut zur erneuten Vermehrung der Tierwelt zurück. Was in Genesis 1 geschaffen wurde, erhält nach der katastrophalen Unterbrechung eine neue Zukunft.

Genesis 9,10 bezieht Vögel, Vieh und Tiere der Erde ausdrücklich in Gottes Bund nach der Sintflut ein. Die in Genesis 1 geschaffene Tierwelt bleibt damit Adressatin göttlicher Bewahrung.

Levitikus 11,2 beginnt eine viel detailliertere kultische Klassifikation von Tieren. Der Vergleich zeigt, dass biblische Tierkategorien kontextabhängig sind: Genesis 1 ordnet kosmologisch, Levitikus 11 kultisch nach rein und unrein.

Psalm 104,20 bis Psalm 104,24 beschreiben die Tiere des Waldes, Löwen, Menschen und die Vielfalt der Werke Gottes. Der Psalm bietet eine poetische Entfaltung der in Genesis 1 geordneten Landtierwelt.

Hiob 38,39 bis zu den Tierreden in Hiob 39 entfalten Gottes Fürsorge für Löwen, Wildesel, Wildrinder, Strauße und andere Tiere. Diese Texte vertiefen die Perspektive, dass auch nicht domestizierbare Tiere einen eigenen Platz in Gottes Welt besitzen.

Wortanalyse

וַיֹּאמֶר, wayyōmer, ist Qal Wayyiqtol, 3. Person maskulin Singular, der Wurzel אמר, „sagen, sprechen“. Die bekannte Formel eröffnet den sechsten Schöpfungstag mit einem neuen göttlichen Befehl.

אֱלֹהִים, ʾĕlōhîm, ist das Subjekt. Wie im gesamten Kapitel steht das Verb trotz der formal pluralischen Gestalt des Substantivs im Singular.

תּוֹצֵא, tôṣēʾ, ist Hifil Imperfekt beziehungsweise Jussiv, 3. Person feminin Singular, der Wurzel יצא, deren Qal-Grundbedeutung „hinausgehen, hervorgehen“ lautet. Das Hifil besitzt kausative Bedeutung: „hinausbringen“, „hervorbringen“. Im göttlichen Befehl bedeutet die Form: „sie soll hervorbringen“.

הָאָרֶץ, hāʾāreṣ, „die Erde“, ist das feminine Subjekt von תּוֹצֵא. Die grammatische Kongruenz erklärt die feminine Verbform.

נֶפֶשׁ, nepeš, besitzt ein breites Bedeutungsfeld: Leben, lebendes Wesen, Person, Selbst, Atemwesen, Kehle und weitere kontextabhängige Bedeutungen. Hier bezeichnet es gemeinsam mit חַיָּה konkret ein lebendes Geschöpf.

חַיָּה, ḥayyāh, ist ein feminines Adjektiv zu נֶפֶשׁ und bedeutet „lebendig, lebend“. Die Verbindung נֶפֶשׁ חַיָּה ist daher am besten mit „lebendes Wesen“ beziehungsweise „lebendige Kreatur“ wiederzugeben.

לְמִינָהּ, ləmînāh, besteht aus der Präposition לְ, dem Substantiv מִין, „Art, Sorte, Kategorie“, und dem femininen Singularsuffix „ihr“. Wörtlich: „nach ihrer Art“.

בְּהֵמָה, bəhēmāh, bezeichnet größere Landtiere und häufig besonders domestizierte beziehungsweise dem Menschen nahestehende Tiere wie Rinder, Schafe, Esel oder ähnliche Nutz- und Herdentiere. „Vieh“ ist daher eine traditionelle und häufig passende Übersetzung.

וָרֶמֶשׂ, wāremeś, verbindet „und“ mit רֶמֶשׂ, einem Sammelbegriff für sich am Boden bewegende, kriechende, gleitende beziehungsweise kleine Tiere. „Gewürm“ ist traditionssprachlich, aber semantisch enger beziehungsweise im heutigen Deutsch missverständlich.

וְחַיְתוֹ־אֶרֶץ, wəḥayṯô-ʾereṣ, bezeichnet „und Tier/Wildtier der Erde“. Die Form חַיְתוֹ ist morphologisch auffällig. Bereits mittelalterliche Grammatiker diskutierten das abschließende Waw; Ibn Esra versteht es als zusätzliche beziehungsweise besondere Form innerhalb der Konstruktion. Sachlich entspricht der Ausdruck dem geläufigeren חַיַּת הָאָרֶץ, „Tier beziehungsweise Wildtier der Erde“, das unmittelbar im folgenden Vers erscheint.

Das zweite לְמִינָהּ wiederholt die Artenformel und bekräftigt die geordnete Differenzierung der Landtierwelt.

וַיְהִי, wayəhî, ist Qal Wayyiqtol, 3. Person maskulin Singular, von היה, „sein, werden, geschehen“.

כֵּן, kēn, bedeutet „so, auf diese Weise“. Zusammen lautet וַיְהִי־כֵן: „Und es geschah so.“

Grammatik und Syntax

Der Vers besteht aus drei großen syntaktischen Bereichen: der Einleitungsformel וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים, dem eigentlichen Schöpfungsbefehl und der Erfüllungsformel וַיְהִי־כֵן. Der mittlere Bereich ist grammatisch besonders interessant, weil nicht Gott selbst das finite Verb des Hervorbringens trägt, sondern die Erde.

תּוֹצֵא ist Hifil und damit kausativ. Die Erde soll Leben „herauskommen lassen“ beziehungsweise „hervorbringen“. Der Ausdruck ist stärker als ein bloßes „Tiere sollen auf der Erde erscheinen“. Die Erde erhält innerhalb des Satzes eine produktive Funktion.

Das Objekt נֶפֶשׁ חַיָּה steht formal im Singular, ist aber als generische beziehungsweise kollektive Kategorie zu verstehen. Die anschließenden drei Tierbegriffe konkretisieren, welche Formen dieses Landtierlebens gemeint sind.

Die erste Artenformel לְמִינָהּ besitzt ein feminines Singularsuffix. Grammatisch kann es auf die feminine Verbindung נֶפֶשׁ חַיָּה beziehungsweise die jeweils gedachte Lebenskategorie bezogen werden. Die deutsche Übersetzung „ein jegliches nach seiner Art“ macht den distributiven Sinn expliziter, als das Hebräische ihn grammatisch ausformuliert.

Die Aufzählung בְּהֵמָה וָרֶמֶשׂ וְחַיְתוֹ־אֶרֶץ steht ohne jeweils wiederholtes Verb. Alle drei Kategorien hängen von „Die Erde soll hervorbringen“ ab.

Die abschließende Formel וַיְהִי־כֵן ist syntaktisch vom Schöpfungsbefehl getrennt. Sie erklärt knapp, dass Gottes Wort verwirklicht wurde. Erst der folgende Vers schildert die Ausführung im Detail.

וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים – „Und Gott sprach“

Wie schon bei den früheren Schöpfungsakten beginnt auch der sechste Tag mit dem Schöpfungswort. Die Formel schafft Kontinuität zwischen kosmischer Ordnung, Pflanzenwelt, Himmelslichtern, Tierwelt und der später folgenden Menschenschöpfung.

Der Satz macht zugleich deutlich, dass die Erde ihre produktive Funktion nicht autonom ausübt. Sie wird angesprochen. Das Hervorbringen geschieht innerhalb eines göttlichen Befehls. Genesis kann daher natürliche beziehungsweise geschöpfliche Produktivität beschreiben, ohne eine unabhängige Naturmacht neben Gott anzunehmen.

Diese Struktur ist für die Theologie des gesamten Kapitels grundlegend. Geschöpfe dürfen wirksam sein. Erde kann Pflanzen und Tiere hervorbringen, Wasser kann von Leben wimmeln, Tiere können sich vermehren. Doch diese Fähigkeiten stehen innerhalb einer von Gott gesetzten Ordnung.

תּוֹצֵא הָאָרֶץ – „Die Erde soll hervorbringen“

Die Verbindung תּוֹצֵא הָאָרֶץ gehört zu den wichtigsten Aussagen des Verses. Das Hifil von יצא bedeutet nicht lediglich, dass etwas auf der Erde vorhanden sein soll. Die Erde soll es „herausbringen“ beziehungsweise „hervorbringen“.

Die engste Parallele steht in Genesis 1,12: וַתּוֹצֵא הָאָרֶץ, „Und die Erde brachte hervor“. Dort geht es um Vegetation. Genesis 1,24 überträgt dasselbe Motiv auf tierisches Leben.

Der Text entwickelt dadurch ein Bild einer von Gott ermächtigten Erde. Sie ist nicht bloßer unbelebter Hintergrund, sondern ein produktiver Schöpfungsbereich. Diese Produktivität wird jedoch ausdrücklich durch Gottes Wort aktiviert und geordnet.

Basilius von Caesarea wird später genau an dieser Stelle gegen die Vorstellung argumentieren, die Erde müsse deshalb selbst beseelt oder göttlich sein. Nach seiner Auslegung besitzt sie keine autonome Lebensmacht; Gottes Befehl verleiht ihr die Fähigkeit, Leben hervorzubringen.

Auch Shadal liest die Formulierung bewusst gegen eine Vorstellung spontaner, von Gott unabhängiger Erdentstehung des Lebens. Für ihn teilt die Tora mit, dass Tiere auf göttlichen Befehl hervorgehen und nicht zufällig oder aus einer selbstständigen Naturmacht entstehen. Diese Deutung ist eine neuzeitliche jüdische Interpretation, trifft aber die eindeutige narrative Hierarchie des Verses: Gott spricht, die Erde bringt hervor.

נֶפֶשׁ חַיָּה – „lebendes Wesen“

Die Wortverbindung נֶפֶשׁ חַיָּה war bereits am fünften Tag verwendet worden. Sie ist deshalb keine Sonderbezeichnung für Landtiere. Sie bezeichnet allgemein animalisches beziehungsweise atmendes Leben.

Das traditionelle deutsche Wort „Seele“ für נֶפֶשׁ kann an dieser Stelle missverständlich sein. Der Vers sagt nicht, dass die Erde unsichtbare, vom Körper getrennte Seelensubstanzen hervorbringen soll. Gemeint sind lebende Geschöpfe.

Raschi erklärt die Wendung knapp als Wesen, in denen Lebenskraft vorhanden ist. Shadal nennt נֶפֶשׁ חַיָּה einen Oberbegriff, der in Genesis 1,24 Vieh, kriechendes Getier und Wildtiere umfasst.

Ibn Esra geht noch weiter und behandelt die Wendung als allgemeinen Begriff für Lebewesen unterschiedlicher Bereiche, einschließlich des Menschen. Diese traditionelle Beobachtung passt zur Verwendung in Genesis 2,7, wo Adam selbst zu נֶפֶשׁ חַיָּה wird.

Damit entsteht eine grundlegende biblische Gemeinsamkeit zwischen Mensch und Tier: Beide gehören zur Welt lebender Geschöpfe. Die besondere Stellung des Menschen wird in Genesis nicht dadurch begründet, dass nur er „Nefesch“ wäre, sondern durch andere Aussagen wie das Bild Gottes.

לְמִינָהּ – „nach ihrer Art“

מִין bezeichnet eine wahrnehmbare Gruppe, Sorte oder Art. Die Formel war bereits bei der Vegetation in Genesis 1,11 und Genesis 1,12 sowie bei den Wasser- und Flugtieren in Genesis 1,21 verwendet worden.

Die Wiederholung zeigt, dass Vielfalt in Genesis 1 nicht als ungeordnetes Durcheinander erscheint. Pflanzen und Tiere existieren in unterscheidbaren Gruppen. Der Kosmos ist vielfältig und zugleich gegliedert.

Der Begriff darf jedoch nicht unmittelbar mit dem modernen biologischen Begriff Spezies identifiziert werden. Genesis entwickelt weder genetische Artdefinitionen noch moderne Taxonomie. Seine Kategorien sind beobachtungsbezogen und vorwissenschaftlich.

Ebenso lässt sich aus לְמִינָהּ allein keine moderne Theorie über Unveränderlichkeit oder Veränderlichkeit biologischer Arten ableiten. Die Formel erfüllt zunächst eine literarisch-theologische Funktion: Die geschaffene Vielfalt besitzt erkennbare Ordnung.

בְּהֵמָה – „Vieh“ und größere Landtiere

בְּהֵמָה wird häufig mit Vieh übersetzt. In vielen Texten bezeichnet das Wort größere Tiere, besonders solche, die Menschen halten, nutzen, hüten oder in ihrer Nähe erleben. Dazu können Rinder, Schafe, Ziegen, Esel und vergleichbare Tiere gehören.

Ibn Esra erklärt בְּהֵמָה ausdrücklich als Tiere, die bei Menschen sind und ihnen etwa zum Reiten oder zur Nahrung dienen. Shadal grenzt die Kategorie ebenfalls von wilden Tieren ab und verbindet sie besonders mit nicht-räuberischen größeren Tieren.

Diese klassischen Erklärungen zeigen, dass die Unterscheidung zwischen בְּהֵמָה und חַיָּה wesentlich aus menschlicher Lebenswelt wahrgenommen wird: Tiere im Bereich menschlicher Siedlung und Nutzung stehen den freier lebenden Wildtieren gegenüber.

Eine moderne harte Grenze zwischen Haustier und Wildtier sollte daraus allerdings nicht für jedes biblische Vorkommen konstruiert werden. Die Bedeutungsfelder können sich überschneiden.

רֶמֶשׂ – „Gewürm, Kriechendes, sich bewegendes Getier“

Die traditionelle Übersetzung „Gewürm“ ist heute missverständlich. Im modernen Deutschen bezeichnet „Gewürm“ häufig Würmer oder wird sogar abwertend metaphorisch verwendet. Das hebräische רֶמֶשׂ ist breiter.

Die zugrunde liegende Wurzel רמשׂ bezeichnet Bewegung nahe am Boden, Kriechen, Gleiten oder Sichregen. Die Kategorie kann daher kleine Säugetiere, Reptilien, Insekten und andere sich bodennah bewegende Lebewesen umfassen, ohne einer modernen zoologischen Klasse zu entsprechen.

Raschi erklärt die Tiere als niedrig beziehungsweise nahe der Erde sich bewegend, sodass ihre Fortbewegung beinahe wie ein Gleiten oder Ziehen wirke. Ibn Esra nennt allgemein kleine Tiere, die sich auf der Erde bewegen.

„Kriechtiere“ ist im heutigen Deutsch zwar verständlicher als „Gewürm“, kann aber ebenfalls zu eng sein, weil „Kriechtiere“ als moderne biologische Bezeichnung leicht ausschließlich an Reptilien denken lässt. Für den biblischen Oberbegriff sind daher Formulierungen wie „sich am Boden bewegendes Getier“ oft präziser.

חַיְתוֹ־אֶרֶץ – „Tiere beziehungsweise Wildtiere der Erde“

Die dritte Kategorie bezeichnet Tiere der freien Landwelt. Im folgenden Vers steht die klarere Form חַיַּת הָאָרֶץ, „Tier beziehungsweise Wildtier der Erde“. Gemeint sind besonders jene größeren Tiere, die nicht unmittelbar dem menschlichen Viehbestand zugerechnet werden.

Ibn Esra beschreibt sie als Tiere, die im Feld beziehungsweise in Gegenden ohne menschliche Siedlung leben. Die traditionelle deutsche Bezeichnung „wilde Tiere“ erfasst diesen Kontrast zu בְּהֵמָה gut.

Die konkrete Form חַיְתוֹ־אֶרֶץ ist sprachlich ungewöhnlich. Ibn Esra behandelt das Waw am Wortende als zusätzliche Form und vergleicht ähnliche Erscheinungen an anderen Stellen. Für die inhaltliche Übersetzung ist entscheidend, dass kein Besitzsuffix „sein Tier“ gemeint sein muss, sondern die bekannte Kategorie „Tier der Erde“.

Die sprachliche Besonderheit erinnert daran, dass masoretisches Hebräisch historische Formen bewahrt, die nicht immer vollständig dem einfachsten Schulgrammatik-Schema entsprechen.

וַיְהִי־כֵן – „und es geschah so“

Die Formel וַיְהִי־כֵן gehört zu den wichtigsten Erfüllungsformeln von Genesis 1. Gottes Wort erzeugt keine bloße Möglichkeit und keinen unerfüllten Plan. Was ausgesprochen wird, tritt ein.

Der knappe Satz schafft eine starke Verbindung zwischen göttlicher Rede und Wirklichkeit. Die Erzählung benötigt keine Beschreibung von Versuch, Widerstand oder Korrektur. Das Schöpfungswort ist wirksam.

Gleichzeitig ersetzt „und es geschah so“ den folgenden Ausführungsbericht nicht. Genesis 1,25 schildert noch einmal, dass Gott die verschiedenen Tiergruppen macht und als gut beurteilt. Genesis 1 verwendet daher häufig sowohl summarische Erfüllungsformeln als auch detailliertere Ausführungsberichte.

Diese Doppelstruktur ist theologisch interessant. Vers 24 kann die Erde als hervorbringendes Subjekt nennen, während Vers 25 Gott als machendes Subjekt nennt. Beide Aussagen stehen nebeneinander und werden vom Text nicht als Widerspruch behandelt.

Beginn des sechsten Schöpfungstages

Genesis 1,24 eröffnet den umfangreichsten und anthropologisch bedeutendsten Arbeitstag der Schöpfungswoche. Der sechste Tag reicht bis Genesis 1,31 und enthält Landtiere, die besondere Beratung zur Menschenschöpfung, die Erschaffung von Mann und Frau im Bild Gottes, ihren Segen, den Herrschaftsauftrag und die Zuweisung pflanzlicher Nahrung.

Landtiere und Menschen werden also am selben Schöpfungstag erzählt. Diese gemeinsame Zuordnung erzeugt zugleich Nähe und Differenz. Beide gehören zur terrestrischen Lebenswelt; beide stehen in einer Beziehung zur Erde. Der Mensch wird dennoch durch einen eigenen Schöpfungsspruch und die Bild-Gottes-Aussage besonders hervorgehoben.

Genesis 1,24 ist deshalb nicht bloß zoologische Vorstufe. Der Vers schafft den unmittelbaren Kontext, in dem die besondere Stellung des Menschen anschließend formuliert wird.

Die produktive Erde

Die Aufforderung an die Erde bildet ein wiederkehrendes Motiv der Schöpfungserzählung. Am dritten Tag sollte sie Vegetation hervorsprießen beziehungsweise hervorbringen; am sechsten Tag soll sie Landtiere hervorbringen. Die Erde ist damit zugleich Lebensraum und geschöpflich produktiver Bereich.

Diese Produktivität darf nicht mit göttlicher Selbstständigkeit verwechselt werden. Die Erde spricht nicht, plant nicht und entscheidet nicht autonom. Ihre schöpferische beziehungsweise generative Wirkung beginnt mit Gottes Wort.

Der Text erlaubt dadurch eine mehrstufige Beschreibung von Ursache: Gott ist Schöpfer; die Erde ist der von Gott eingesetzte geschöpfliche Bereich des Hervorbringens. Spätere Theologie konnte hierin eine Grundlage für die Vorstellung sekundärer Ursachen sehen.

Genesis selbst verwendet diesen philosophischen Begriff nicht. Literarisch ist das Muster jedoch klar: göttlicher Befehl und geschöpfliche Aktivität können im selben Vorgang zusammengehören.

Dritter und sechster Schöpfungstag

Wie der zweite mit dem fünften und der erste mit dem vierten Tag korrespondiert, stehen auch dritter und sechster Tag in deutlicher Beziehung. Am dritten Tag erscheint das trockene Land und wird mit Pflanzenwelt ausgestattet; am sechsten wird dieses Land mit Tierwelt und schließlich Menschen bevölkert.

Die sprachliche Parallele ist besonders stark. Genesis 1,11 richtet einen Hervorbringungsbefehl an die Erde. Genesis 1,12 berichtet: „Die Erde brachte hervor.“ Genesis 1,24 greift dieses Grundmuster erneut auf.

Die Schöpfungsarchitektur entwickelt sich damit von Lebensraum zu Bewohnern. Das Land ist nicht am sechsten Tag neu geschaffen; es wird mit komplexeren Formen des Lebens ausgestattet.

Das häufig beschriebene Schema „Bereiche an Tagen 1–3, entsprechende Bewohner an Tagen 4–6“ ist deshalb besonders beim Verhältnis von drittem und sechstem Tag hilfreich. Dennoch ist es nicht völlig starr, weil bereits am dritten Tag Pflanzen als Lebewesen beziehungsweise organische Lebensformen auftreten.

Befehl und Ausführung: Genesis 1,24–25

Genesis 1,24 und Genesis 1,25 sollten gemeinsam gelesen werden. Vers 24 gibt den Befehl und nennt die Erde als hervorbringenden Bereich; Vers 25 gibt die konkrete Ausführung wieder und nennt Gott als denjenigen, der die Tiere macht.

Diese doppelte Perspektive verhindert zwei extreme Lesarten. Einerseits wird die geschaffene Erde nicht als völlig passiver Hintergrund beschrieben; andererseits wird sie nicht zu einer unabhängigen schöpferischen Macht.

Die Kategorien werden in Vers 25 zudem in anderer Reihenfolge genannt: zuerst die Tiere der Erde, dann das Vieh, schließlich alles sich am Boden bewegende Getier. Dadurch wird sichtbar, dass die Reihenfolge keine naturwissenschaftliche Hierarchie darstellen muss.

Erst Vers 25 enthält außerdem die Gutheißung כִּי־טוֹב. Genesis 1,24 berichtet also zunächst Befehl und Erfüllung; die ausdrückliche positive Bewertung folgt nach der detaillierten Herstellung.

Die drei Tierkategorien

Die dreifache Aufteilung in בְּהֵמָה, רֶמֶשׂ und חַיְתוֹ־אֶרֶץ bildet eine antike Wahrnehmungsordnung der Landtierwelt. Sie unterscheidet grob größere dem Menschen nahestehende Tiere, bodennah sich bewegende kleinere Tiere und frei lebende Wildtiere.

Diese Ordnung ist anthropologisch geprägt, ohne deshalb wertlos zu sein. Menschen klassifizieren Tiere nach dem, was für ihre Lebenswelt sichtbar und relevant ist: Nähe zur Siedlung, Bewegungsweise, Größe und Wildheit.

Ein moderner Zoologe würde Tiere nach ganz anderen Kriterien ordnen, etwa Abstammung, Anatomie, Genetik und evolutionärer Verwandtschaft. Genesis verfolgt kein solches Ziel.

Die drei Gruppen sind deshalb als umfassende literarische Kategorien zu verstehen, mit denen die Erzählung die terrestrische Tierwelt in ihrer Vielfalt repräsentiert.

Die Formel „nach ihrer Art“

Das wiederholte לְמִינָהּ setzt ein Leitmotiv des Kapitels fort. Schon Pflanzen, Wasserlebewesen und Vögel existieren „nach ihren Arten“. Nun wird dieselbe geordnete Vielfalt auf Landtiere übertragen.

Der Text vermittelt damit eine Welt, in der Differenz positiv ist. Einheit der Schöpfung bedeutet nicht Einheitlichkeit aller Geschöpfe. Vielmehr bestehen vielfältige Formen innerhalb einer größeren Ordnung.

Die Formel bereitet auch die Archeerzählung vor, wo Tiere wiederum „nach ihren Arten“ in Erscheinung treten. Die Bewahrung der Tierwelt nach der Sintflut ist sprachlich eine Bewahrung der ursprünglichen Schöpfungsordnung.

Moderne Debatten über biologische Evolution, Artbildung oder genetische Grenzen lassen sich aus der antiken Formel nicht unmittelbar entscheiden. Sie beantwortet eine andere Frage: Wie wird die Vielfalt der beobachtbaren Lebenswelt innerhalb einer theologischen Schöpfungserzählung geordnet?

Tier und Mensch am sechsten Tag

Genesis 1,24 steht unmittelbar vor der Menschenschöpfung und ist daher für biblische Anthropologie besonders relevant. Mensch und Landtier erscheinen am selben Tag und teilen den Lebensbereich Erde.

Zugleich wird ihre Erzählform unterschieden. Bei den Tieren heißt es: „Die Erde soll hervorbringen.“ Beim Menschen folgt in Genesis 1,26 die feierliche Formulierung: „Lasst uns Menschen machen in unserem Bild, nach unserer Ähnlichkeit.“

Diese Differenz hebt den Menschen literarisch hervor, ohne seine geschöpfliche Kontinuität mit der Tierwelt zu leugnen. Genesis 2,7 wird ihn selbst als נֶפֶשׁ חַיָּה bezeichnen.

Der Mensch ist daher in der biblischen Darstellung zugleich Tierwelt verwandt und in besonderer Weise beauftragt. Eine sachgerechte Anthropologie muss beide Seiten berücksichtigen.

Genesis 1,24 und Genesis 2,19

Genesis 2,19 erzählt, dass JHWH Gott die Tiere des Feldes und die Vögel aus dem אֲדָמָה, dem Erdboden, formt. Die Verbindung von Tierkörper und Erde steht damit auch in der zweiten Schöpfungsdarstellung im Vordergrund.

Die beiden Texte unterscheiden sich jedoch in Aufbau und Reihenfolge. Genesis 1 erzählt die Tiergruppen in einer kosmischen Sechstageordnung und lässt Landtiere unmittelbar vor dem Menschen entstehen. Genesis 2 konzentriert sich auf Adam, Garten, Tiere und die Suche nach einer ihm entsprechenden Gemeinschaft.

Historisch-kritische Forschung behandelt beide Abschnitte gewöhnlich als unterschiedliche literarische Schöpfungstraditionen. Kanonische Auslegung kann ihre Gemeinsamkeiten untersuchen; historische Analyse sollte zugleich ihre Verschiedenheiten sichtbar lassen.

Eine Gemeinsamkeit bleibt deutlich: Tierisches und menschliches Leben sind mit der Erde beziehungsweise dem Erdboden verbunden. Geschöpfliches Leben ist terrestrisch und leiblich.

Literarische Funktion

Genesis 1,24 hat eine doppelte literarische Aufgabe. Er eröffnet den sechsten Tag und bereitet zugleich die Menschenschöpfung vor. Bevor der Mensch erscheint, wird die terrestrische Tierwelt vollständig eingerichtet.

Die bekannte Formel „Und Gott sprach“ stellt Kontinuität her, während die neue Tierkategorie den Fortschritt der Erzählung markiert. Das Schöpfungsmuster wiederholt sich, aber der Inhalt erreicht eine neue Stufe.

Die dreigliedrige Tierliste erzeugt zudem den Eindruck umfassender Vollständigkeit. Von Vieh über bodennahe Tiere bis zu Wildtieren soll die gesamte Landtierwelt repräsentiert sein.

Die Formel וַיְהִי־כֵן setzt einen ersten Abschluss, bevor Vers 25 die Ausführung expliziert. Der Text arbeitet damit zugleich summarisch und detaillierend.

Schließlich erzeugt die unmittelbare Nachbarschaft zu „Lasst uns Menschen machen“ einen deutlichen Kontrast. Der Mensch ist Teil desselben Tages, aber erhält eine eigene, rhetorisch ausgeweitete Einführung.

Subtext

Ein erster Subtext liegt in der Produktivität der Erde. Der Boden ist nicht bloß Bühne des Lebens, sondern wird im Schöpfungswort als Bereich angesprochen, aus dem Leben hervorgehen kann.

Ein zweiter Subtext besteht darin, dass diese Produktivität nicht autonom ist. Die Erde handelt auf Gottes Wort hin. Natur besitzt Wirksamkeit, aber keine von Gott unabhängige Göttlichkeit.

Ein dritter Subtext betrifft die Nähe zwischen tierischem Leben und Erde. Landtiere sind in besonderer Weise an den Boden gebunden. Genesis 2 wird diese Verbindung durch die Formung aus Erde noch stärker anthropologisch ausweiten.

Ein vierter Subtext liegt in der positiven Vielfalt. Vieh, kleine Bodenbewohner und Wildtiere gehören gleichermaßen in die von Gott geordnete Welt. Nicht nur für Menschen nützliche Tiere werden geschaffen.

Ein fünfter Subtext besteht in der Eigenständigkeit der Wildnis. חַיְתוֹ־אֶרֶץ umfasst Tiere außerhalb unmittelbarer menschlicher Kontrolle. Genesis gibt auch ihnen einen von Gott bestimmten Platz, bevor menschliche Herrschaft thematisiert wird.

Ein sechster Subtext liegt in der Relativierung menschlicher Nutzperspektive. Die Einteilung nennt zwar Vieh, also menschennahe Tiere, daneben aber ebenso Wildtiere und kleine bodennahe Geschöpfe. Die Schöpfung überschreitet menschlichen Gebrauchswert.

Ein siebter Subtext besteht in der Verbindung von Kontinuität und Besonderheit zwischen Tier und Mensch. Der Mensch folgt unmittelbar auf נֶפֶשׁ חַיָּה, wird aber durch eine eigene Schöpfungsformel ausgezeichnet.

Ein achter Subtext liegt in der Wirksamkeit des Wortes. „Und es geschah so“ erklärt, dass Schöpfungsordnung nicht gegen Widerstand durchgesetzt werden muss. Die Erde entspricht dem göttlichen Befehl.

Ein neunter Subtext betrifft die Ordnung von Wildheit. Wildtiere werden nicht als chaotische Gegenwelt betrachtet, die außerhalb der Schöpfung stünde. Auch das Ungezähmte ist geschaffen.

Ein zehnter Subtext liegt in der vorbereiteten Mitwelt. Bevor der Mensch Herrschaft erhält, existiert bereits eine vielfältige Landtiergemeinschaft. Herrschaft ist daher sekundär gegenüber der ursprünglichen Geschöpflichkeit und Güte der Tiere.

Historische Einordnung

Genesis 1,1–2,4a wird in der historisch-kritischen Forschung überwiegend als priesterlich geprägte Schöpfungserzählung verstanden. Genesis 1,24 passt in deren ausgeprägtes Interesse an geordneten Bereichen, Tiergruppen, Arten, Lebensräumen, Fortpflanzung und festen Zeitstrukturen.

Der sechste Tag bildet innerhalb dieser Komposition den Höhepunkt der belebten irdischen Welt. Landtiere und Menschen erscheinen nacheinander im selben terrestrischen Bereich, werden aber unterschiedlich beschrieben.

Die Tierkategorien spiegeln keine moderne Wissenschaft, sondern eine antike Wahrnehmung der Umwelt. Besonders die Unterscheidung zwischen בְּהֵמָה und חַיָּה entspricht wesentlich dem Gegensatz zwischen menschennahem beziehungsweise domestizierbarem Tier und frei lebender Tierwelt.

רֶמֶשׂ ordnet weitere kleinere oder bodennah bewegte Lebewesen ein. Die Kategorien sind damit ökologisch und phänomenologisch, nicht stammesgeschichtlich.

Viele Forschungsmodelle verbinden die literarische Ausprägung des priesterlichen Schöpfungsberichts mit exilischer oder frühnachexilischer Zeit. Die genaue Datierung bleibt umstritten. Für den Vers entscheidend ist die monotheistische Rahmung: Erde und Tiere besitzen keine eigenständige göttliche Macht, sondern stehen vollständig im Wirkungsbereich Elohims.

Altorientalischer und antiker Hintergrund

Die Vorstellung einer fruchtbaren Erde, aus der Pflanzen, Tiere oder Menschen hervorgehen, begegnet in unterschiedlichen antiken Kosmologien. Erde konnte als produktive beziehungsweise mütterliche Größe gedacht und teilweise sogar personifiziert oder vergöttlicht werden.

Genesis verwendet ebenfalls eine Sprache des Hervorbringens, gestaltet sie jedoch innerhalb einer klaren theologischen Hierarchie: Die Erde wird nicht angerufen, verehrt oder als Gottheit vorgestellt. Gott spricht zu ihr.

Damit bleibt die anschauliche Vorstellung einer lebenshervorbringenden Erde erhalten, während ihre Produktivität auf den einen Schöpfer zurückgeführt wird.

Shadal vergleicht Genesis ausdrücklich mit antiken Vorstellungen, nach denen Erde Tiere oder Menschen aus sich selbst hervorbringe. Seine Schlussfolgerung lautet, dass die Tora gerade Gottes Befehl und nicht zufällige spontane Selbstentstehung betont. Diese vergleichende Argumentation gehört zu seiner neuzeitlichen Exegese und sollte nicht als sicherer Beweis einer direkten Polemik des ursprünglichen Textes gegen einen bestimmten antiken Autor gelten.

Jüdische Rezeption

Die jüdische Auslegung von Genesis 1,24 konzentriert sich besonders auf תּוֹצֵא הָאָרֶץ, נֶפֶשׁ חַיָּה und die drei Tierkategorien. Dabei entwickeln Raschi, Ibn Esra, Ramban und Shadal unterschiedliche Modelle des Verhältnisses zwischen Gottes Schöpfung und der produktiven Erde.

Raschi bindet den Vers in seine umfassende Vorstellung ein, dass die Schöpfung grundsätzlich bereits am ersten Tag angelegt gewesen sei und spätere Tage das zuvor Geschaffene hervortreten ließen. Ibn Esra konzentriert sich stärker auf die Kategorien der Tierwelt. Ramban entwickelt eine Elementen- und Schöpfungslehre, in der die Erde von Gott zur Hervorbringung tierischer Körper befähigt wird. Shadal verbindet sprachliche Erklärung mit einem Vergleich antiker Vorstellungen über spontane Erzeugung.

Bereschit Rabbah bietet darüber hinaus deutlich homiletischere Deutungen und bezieht die Formulierung נֶפֶשׁ חַיָּה sogar auf die Lebensdimension Adams beziehungsweise in einer anderen Tradition auf unvollendete dämonische Wesen. Diese Midraschim sind wirkungsgeschichtlich wichtig, dürfen aber nicht als einfacher Wortsinn des Verses ausgegeben werden.

Raschi

Zu תּוֹצֵא הָאָרֶץ erklärt Raschi, dies entspreche seiner bereits zuvor vertretenen Auffassung, dass alles grundsätzlich am ersten Schöpfungstag erschaffen worden sei und an den späteren Tagen nur noch aus seinem jeweiligen Bereich hervortreten musste.

Diese Interpretation ist eine harmonisierende jüdische Schöpfungstheologie. Sie steht nicht ausdrücklich im unmittelbaren Wortlaut von Genesis 1,24, zeigt aber, wie Raschi das Verhältnis zwischen Genesis 1,1 und den späteren Einzelakten ordnet.

נֶפֶשׁ חַיָּה erklärt Raschi schlicht als Wesen, in denen Lebendigkeit beziehungsweise Lebenskraft vorhanden ist.

Zu רֶמֶשׂ beschreibt er niedrige beziehungsweise nahe am Boden sich fortbewegende Tiere, deren Bewegung wie ein Ziehen oder Gleiten erscheint. Seine Definition erklärt die traditionelle Kategorie aus der wahrgenommenen Bewegungsweise.

Ibn Esra

Ibn Esra versteht נֶפֶשׁ חַיָּה als umfassenden Begriff lebender Geschöpfe. In seiner mittelalterlichen Naturphilosophie kann er die Entstehung verschiedener Lebewesen mit den Elementen verbinden; er nimmt auch den Menschen in den weiteren Bedeutungsbereich des Ausdrucks auf.

בְּהֵמָה erklärt er als Tiere, die mit Menschen leben und ihnen beispielsweise zum Reiten oder zur Nahrung dienen.

רֶמֶשׂ bezeichnet für ihn kleinere Tiere, die auf der Erde gehen beziehungsweise sich bewegen.

חַיְתוֹ־אֶרֶץ versteht er als Tiere des freien Feldes beziehungsweise von Gegenden, in denen keine menschliche Siedlung vorhanden ist. Den ungewöhnlichen Wortausgang in חַיְתוֹ behandelt er grammatisch als zusätzliches Waw und vergleicht verwandte Sonderformen.

Ramban

Rambans Schöpfungsauslegung verbindet Genesis 1,24 mit seiner grundlegenden Unterscheidung zwischen ursprünglicher Schöpfung und späterer Formung aus bereits geschaffenen Elementen. Nach seiner Interpretation wurde die Grundmaterie am Anfang geschaffen; spätere Schöpfungstage entfalten daraus konkrete Formen.

In seinem Kommentar zu Genesis 1,26 nimmt Ramban ausdrücklich auf Genesis 1,24 Bezug: Wie Gott den Wassern die Kraft gegeben habe, lebende Wesen hervorzubringen, so habe er bei den Landtieren gesagt: „Die Erde soll hervorbringen.“

Für den Menschen werde dagegen eine eigene Formulierung verwendet: „Lasst uns Menschen machen.“ Ramban deutet dies als Zusammenwirken der Erde hinsichtlich des Körpers und Gottes hinsichtlich der besonderen geistigen Lebensdimension des Menschen.

Diese metaphysische Konstruktion gehört zur mittelalterlichen jüdischen Philosophie und Exegese. Sie ist nicht identisch mit moderner Naturwissenschaft. Sie zeigt jedoch sehr deutlich, wie Genesis 1,24 zur theologischen Reflexion über geschöpfliche Kausalität verwendet wurde.

Shadal

Shadal erklärt zunächst, dass die stofflichen Bestandteile tierischer Körper wesentlich aus Elementen bestehen, die mit der Erde verbunden sind, und dass der tierische Körper nach dem Tod wieder zu Erde wird. Damit versteht er die Formulierung „Die Erde bringe hervor“ körperlich und materiell.

Anschließend vergleicht er antike Vorstellungen, nach denen Tiere oder sogar Menschen spontan aus der Erde hervorgegangen seien. Die Tora stelle dem nach seiner Auffassung entgegen, dass Menschen und Tiere auf Gottes Befehl und nicht zufällig entstanden seien.

נֶפֶשׁ חַיָּה bezeichnet Shadal als Oberbegriff, unter dem Vieh, kriechendes Getier und Wildtiere zusammengefasst werden.

Zu בְּהֵמָה schlägt er besonders größere, nicht räuberische Tiere vor und grenzt sie von der Wildtierkategorie ab. Seine semantischen Beobachtungen gehören in die lange jüdische Diskussion darüber, wie genau die drei Tiergruppen gegeneinander abzugrenzen sind.

Bereschit Rabbah

Bereschit Rabbah liest Genesis 1,24 auf mehreren homiletischen Ebenen. Eine Tradition deutet נֶפֶשׁ חַיָּה auf eine Lebensdimension Adams, die bereits vor der späteren körperlichen Menschenschöpfung vorbereitet sei.

Eine weitere midraschische Diskussion zählt in Vers 24 mehr Lebenskategorien als in der Ausführung von Vers 25 und erklärt die Differenz mit Wesen, deren Lebensprinzip geschaffen, deren Körper vor Eintritt des Sabbats aber nicht mehr vollendet worden seien. Daraus entwickelt der Midrasch eine Überlieferung über Dämonen.

Solche Deutungen sind ausdrücklich midraschisch. Sie entspringen einer kreativen Lektüre sprachlicher Einzelheiten und sind nicht als einfache zoologische oder historische Bedeutung von Genesis 1,24 zu behandeln.

Rezeptionsgeschichtlich zeigen sie jedoch, wie stark selbst die Tierlisten der Schöpfungserzählung als Ausgangspunkt für Anthropologie, Kosmologie und Sabbattheologie dienen konnten.

Septuaginta

Die Septuaginta gibt Genesis 1,24 folgendermaßen wieder:

Καὶ εἶπεν ὁ θεός· Ἐξαγαγέτω ἡ γῆ ψυχὴν ζῶσαν κατὰ γένος, τετράποδα καὶ ἑρπετὰ καὶ θηρία τῆς γῆς κατὰ γένος. καὶ ἐγένετο οὕτως.

Ἐξαγαγέτω ἡ γῆ bedeutet „Die Erde soll hervorbringen“. Die griechische Übersetzung bewahrt damit die produktive Rolle der Erde sehr deutlich.

ψυχὴν ζῶσαν entspricht נֶפֶשׁ חַיָּה, „lebendes Wesen“. Das griechische ψυχή wird später für die christliche Seelenlehre außerordentlich wichtig; in diesem Genesisvers bezeichnet es jedoch eindeutig tierisches Leben.

Bemerkenswert ist die Wiedergabe von בְּהֵמָה durch τετράποδα, „Vierfüßer“. Die Septuaginta interpretiert die Tierkategorie damit körperlich stärker als der hebräische Ausdruck selbst.

ἑρπετά bezeichnet kriechende beziehungsweise sich am Boden bewegende Tiere, während θηρία τῆς γῆς die wilden Tiere der Erde bezeichnet.

κατὰ γένος gibt „nach Art/Gattung“ wieder. Die griechische Kategorie γένος erhielt in späterer philosophischer und theologischer Sprache eigene technische Bedeutungen, die nicht vollständig in den hebräischen Begriff מִין zurückprojiziert werden dürfen.

καὶ ἐγένετο οὕτως entspricht genau „und es geschah so“.

Vulgata

Die lateinische Fassung lautet:

Dixit quoque Deus: Producat terra animam viventem in genere suo, iumenta et reptilia et bestias terrae secundum species suas. Factumque est ita.

Producat terra bedeutet „Die Erde soll hervorbringen“ und bewahrt wie Hebräisch und Griechisch die Erde als grammatisches Subjekt.

animam viventem entspricht dem „lebenden Wesen“. Das lateinische anima beeinflusste später stark die westliche Seelenterminologie. Auch hier muss jedoch der tierische Kontext beachtet werden.

iumenta bezeichnet Vieh beziehungsweise größere Nutztiere. reptilia gibt die kriechende Tiergruppe wieder, bestias terrae die wilden Tiere der Erde.

in genere suo und secundum species suas verwenden die lateinischen Begriffe genus und species. Gerade diese Wörter erhielten später in philosophischer und biologischer Wissenschaft technische Bedeutungen. Ihre Verwendung in der lateinischen Bibel darf deshalb nicht dazu führen, moderne Taxonomie in den hebräischen Text hineinzulesen.

Factumque est ita bedeutet „und es geschah so“.

Christliche Rezeption

Genesis 1,24 wurde in der christlichen Tradition besonders im Rahmen der Hexaemeron-Literatur ausgelegt. Der sechste Tag galt als Vollendung der belebten irdischen Welt und als unmittelbare Vorbereitung der Menschenschöpfung.

Kirchenväter und mittelalterliche Theologen diskutierten dabei vor allem die Frage, wie die Erde Tiere „hervorbringen“ könne, ohne selbst als beseelte oder göttliche Macht verstanden zu werden. Die übliche Antwort lautete, dass Gott der geschaffenen Natur ihre produktiven Kräfte verleihe.

Genesis 1,24 wurde dadurch zu einem wichtigen Text für die spätere christliche Vorstellung, dass Gott nicht nur einzelne Wirkungen unmittelbar hervorbringt, sondern auch geschaffene Ursachen und Naturordnungen einsetzt.

Die konkrete naturwissenschaftliche Erklärung dieser Prozesse blieb dabei selbstverständlich von antiker und mittelalterlicher Physik geprägt.

Basilius von Caesarea

Basilius beginnt seine Auslegung der Landtiere ausdrücklich mit den Worten „Die Erde bringe das lebende Wesen hervor“. Er stellt sofort die Frage, ob die Erde deshalb selbst lebendig oder beseelt sei, und weist diese Vorstellung zurück.

Für ihn bringt die Erde nicht aus einer eigenen verborgenen schöpferischen Macht Tiere hervor. Vielmehr verleiht Gottes Befehl ihr zugleich die „Kraft“ beziehungsweise Fähigkeit, das Befohlene zu verwirklichen.

Basilius entwickelt daraus ein starkes Modell fortwirkender Naturordnung. Das einmal ausgesprochene göttliche Wort wirkt für ihn in der Generationenfolge weiter: Pferd folgt auf Pferd, Löwe auf Löwe, Adler auf Adler. Die Artenfolge wird so zum sichtbaren Fortwirken des ursprünglichen Schöpfungsbefehls.

Diese spätantike Vorstellung ist keine moderne genetische Theorie. Sie ist eine theologische Naturdeutung, in der Regelmäßigkeit der Natur als bleibende Wirksamkeit des Schöpfungswortes verstanden wird.

Basilius richtet sich zugleich ausdrücklich gegen extreme Allegorisierungen, die Wasser, Pflanzen oder Tiere vollständig in geistliche Symbole auflösen. In seiner Hexaemeron-Auslegung soll der konkrete Schöpfungssinn zunächst ernst genommen werden.

Augustinus

Augustinus entwickelt in seiner Genesis-Auslegung eine komplexe Theorie des Verhältnisses von ursprünglicher Schöpfung und späterer Entfaltung. Er geht davon aus, dass Gott der geschaffenen Welt von Anfang an reale ursächliche Möglichkeiten eingeprägt habe, die sich später in konkreten Lebewesen und Generationen verwirklichen können.

Diese häufig mit den rationes seminales verbundene Vorstellung wurde in der späteren Theologie immer wieder mit Versen wie Genesis 1,11 und 1,24 verbunden, in denen Erde oder Wasser auf Gottes Wort hin etwas hervorbringen.

Augustins Modell ist keine moderne biologische Evolutionstheorie. Es entstammt einer spätantiken metaphysischen und exegetischen Fragestellung. Gemeinsam ist lediglich das Interesse daran, wie eine einmal geschaffene Welt spätere konkrete Entwicklungen hervorbringen kann.

Für Genesis 1,24 ist besonders wichtig, dass auch bei Augustinus geschöpfliche Ursächlichkeit vollständig von Gottes Schöpfungsmacht abhängt. Natur besitzt Wirkung, weil Gott sie als wirksame Natur geschaffen hat.

Thomas von Aquin

Thomas von Aquin behandelt Genesis 1,24 ausdrücklich in der Summa theologiae I, quaestio 72 als Werk des sechsten Tages. Er fragt unter anderem nach der Formulierung „lebendes Wesen“, nach den verschiedenen Tiergruppen und nach der Artenordnung.

Thomas ordnet den sechsten Tag in sein größeres Schema von Unterscheidung und Ausschmückung ein. Die Erde wurde zuvor räumlich geordnet und mit Vegetation versehen; nun wird sie durch bewegliche Tiere „ausgeschmückt“ beziehungsweise vervollständigt.

Er diskutiert außerdem die Kategorien Vieh, Wildtiere und kriechende Tiere als unterschiedliche Gruppen terrestrischen Lebens. Seine konkrete Naturphilosophie steht unter aristotelischem Einfluss und entspricht nicht moderner Zoologie.

Interessant bleibt sein theologisches Grundprinzip: Auch Geschöpfe, die Menschen gefährlich, unnütz oder unverständlich erscheinen können, gehören zur Vollkommenheit des gesamten Kosmos. Die Güte eines Geschöpfes bemisst sich nicht allein an seinem unmittelbaren Nutzen für den Menschen.

Theologische Interpretation

Genesis 1,24 formuliert zunächst eine Theologie der geschöpflichen Wirksamkeit. Gott schafft nicht nur eine fertige Ansammlung passiver Dinge. Er schafft Bereiche, die innerhalb seiner Ordnung selbst tätig werden können. Die Erde bringt Pflanzen hervor, sie bringt Landtiere hervor, Tiere vermehren sich. Natur ist geschöpflich wirksam.

Eine zweite Aussage betrifft die göttliche Souveränität über diese Wirksamkeit. Die Erde beginnt nicht aus sich selbst heraus mit der Tierproduktion. Gott spricht. Die Wirksamkeit der Natur steht damit nicht neben Gottes Schöpfung, sondern innerhalb von ihr.

Drittens bestätigt der Vers die enge Verbindung zwischen Leben und Erde. Landtiere gehören materiell und räumlich zur terrestrischen Schöpfung. Genesis 2 wird dieselbe Verbindung beim Menschen durch den Erdboden noch stärker entfalten.

Viertens verbindet נֶפֶשׁ חַיָּה unterschiedliche tierische Gruppen mit Wasserwesen und später mit dem Menschen. Lebendigkeit ist keine exklusiv menschliche Eigenschaft. Tiere sind wirkliche lebende Geschöpfe und nicht bloß bewegliche Sachen.

Fünftens besitzt die dreifache Tierliste eine Theologie der Vielfalt. Vieh, kleine Bodenbewohner und Wildtiere gehören gleichermaßen zum Schöpfungswillen. Die Welt ist nicht ausschließlich für domestizierbare oder nützliche Arten eingerichtet.

Sechstens wird besonders die Wildnis theologisch aufgewertet. Die חַיְתוֹ־אֶרֶץ leben gerade außerhalb menschlicher Siedlungsordnung. Dennoch sind sie Ergebnis des göttlichen Schöpfungswortes. Ungezähmte Natur steht nicht außerhalb der guten Welt.

Siebtens zeigt die Formel לְמִינָהּ, dass Vielfalt und Ordnung keine Gegensätze sind. Verschiedene Geschöpfe besitzen unterschiedliche Formen und Lebensweisen, bleiben aber Teil einer gemeinsamen Schöpfung.

Achtens relativiert Genesis 1,24 menschlichen Anthropozentrismus. Der Mensch ist noch nicht geschaffen, während Vieh, Wildtiere und andere Landbewohner bereits ihren Platz erhalten. Ihr Ursprung und Wert hängen nicht erst von menschlicher Nutzung ab.

Neuntens bereitet der Vers gerade dadurch die menschliche Herrschaftsaufgabe vor. Menschen werden über bereits von Gott gewollte Tiere gestellt. Herrschaft kann theologisch deshalb nicht bedeuten, dass Tiere erst durch menschlichen Gebrauch Bedeutung erhalten.

Zehntens besteht eine fundamentale Kontinuität zwischen Mensch und Tier. Beide gehören zum sechsten Schöpfungstag, beide zur Erde und beide können als נֶפֶשׁ חַיָּה bezeichnet werden. Genesis betont menschliche Besonderheit innerhalb dieser gemeinsamen Geschöpflichkeit.

Elftens liegt die Besonderheit des Menschen deshalb nicht in einer einfachen Gegenüberstellung „Tier besitzt Körper, Mensch besitzt Seele“. Die biblische Sprache ist komplexer. Tiere sind ebenfalls נֶפֶשׁ חַיָּה; menschliche Besonderheit wird durch das Bild Gottes und den besonderen Auftrag formuliert.

Zwölftens zeigt וַיְהִי־כֵן die Wirksamkeit des göttlichen Wortes. Zwischen Gottes Wille und der Entstehung der Landtierwelt steht im Erzählverlauf kein Widerstand. Die Schöpfung antwortet dem Befehl.

Dreizehntens macht der folgende Vers deutlich, dass geschöpfliche Produktivität und göttliches Machen gleichzeitig gelten können. Die Erde bringt hervor; Gott macht. Eine theologische Beschreibung muss daher nicht zwischen „Gott wirkt“ und „Natur wirkt“ als sich ausschließenden Alternativen wählen.

Vierzehntens eröffnet dies eine wichtige Perspektive auf Naturordnung. Regelmäßige biologische Prozesse können innerhalb einer Schöpfungstheologie gerade als geschaffene Wirksamkeit verstanden werden. Naturgesetzlichkeit wäre dann nicht Konkurrenz zur Schöpfung, sondern eine Weise, wie geschaffene Ordnung dauerhaft besteht.

Fünfzehntens zeigt der Vers eine Welt, deren Leben körperlich und räumlich situiert ist. Landtiere gehören zur Erde, Wasserlebewesen zum Wasser, Vögel bewegen sich zwischen Himmel und Erde. Leben existiert in Beziehungen zu Lebensräumen.

Sechzehntens entsteht daraus eine ökologische Grundperspektive. Der Text entwickelt keine moderne Ökologie, denkt Lebewesen aber konsequent zusammen mit den Bereichen, die ihnen Raum geben. Erde ist nicht bloß Rohstoff, sondern Lebensgrund.

Siebzehntens bewahrt der Vers auch kleinen und wenig beachteten Geschöpfen einen Platz. רֶמֶשׂ umfasst gerade solche Tiere, die aus menschlicher Perspektive leicht übersehen, gefürchtet oder geringgeschätzt werden. Auch sie gehören in die Schöpfungsliste.

Achtzehntens relativiert die Kategorien zugleich jede Vorstellung, dass biblische Schöpfung nur das majestätische oder schöne Tier meint. Vieh, Wildtier und Kriechendes stehen nebeneinander. Die ganze terrestrische Lebenswelt wird einbezogen.

Neunzehntens bereitet Genesis 1,24 die Aussage von Genesis 1,31 vor, dass die gesamte vollendete Schöpfung „sehr gut“ ist. Der Mensch wird nicht an die Stelle der Tierwelt treten, sondern mit ihr zusammen Teil dieser Gesamtbewertung werden.

Zwanzigstens liegt schließlich in „Die Erde bringe hervor“ eine Theologie des von Gott freigesetzten Potentials. Der Schöpfer schafft eine Welt, die nicht vollkommen passiv auf ständige Einzelintervention angewiesen erscheint, sondern mit von ihm verliehenen Fähigkeiten ausgestattet ist. Die Erde wird zum tragenden Raum einer fortdauernden Lebensgeschichte.

Grenzen der Aussage

Genesis 1,24 ist keine moderne zoologische Klassifikation. בְּהֵמָה, רֶמֶשׂ und חַיָּה entsprechen nicht exakt heutigen biologischen Klassen.

„Gewürm“ ist eine traditionelle deutsche Übersetzung und sollte nicht ausschließlich als „Würmer“ verstanden werden. Der hebräische Ausdruck umfasst breiter bodennah sich bewegende Geschöpfe.

„Vieh“ ist ebenfalls keine vollständig präzise Entsprechung einer modernen Kategorie domestizierter Tiere. בְּהֵמָה besitzt ein breiteres und kontextabhängiges Bedeutungsfeld.

נֶפֶשׁ חַיָּה bedeutet hier nicht „unsterbliche körperlose Seele“. Der Ausdruck bezeichnet das lebende Geschöpf.

מִין darf nicht unmittelbar mit einer modernen genetisch definierten Spezies gleichgesetzt werden.

Die Formulierung „Die Erde bringe hervor“ liefert keine moderne naturwissenschaftliche Theorie darüber, wie Tierarten entstanden sind. Sie ist Bestandteil einer antiken theologischen Schöpfungserzählung.

Ebenso formuliert Genesis 1,24 weder eine moderne Evolutionstheorie noch eine naturwissenschaftliche Widerlegung derselben. Solche Fragestellungen liegen außerhalb der begrifflichen Ebene des Verses.

Raschis Vorstellung, alle Dinge seien grundsätzlich schon am ersten Tag geschaffen worden und später nur hervorgetreten, gehört zur traditionellen jüdischen Harmonisierung des Kapitels und steht nicht ausdrücklich im Vers.

Rambans Elementen- und Materielehre ist mittelalterliche Naturphilosophie. Sie ist rezeptionsgeschichtlich wichtig, aber keine moderne physikalische oder biologische Beschreibung.

Shadals Vergleich mit antiken Vorstellungen spontaner Erzeugung ist eine exegetische Interpretation des 19. Jahrhunderts und nicht automatisch die ursprüngliche polemische Absicht des biblischen Autors.

Die midraschischen Deutungen von Bereschit Rabbah über Adams Lebensprinzip oder unvollendete dämonische Wesen sind kreative rabbinische Wirkungsgeschichte und nicht Peschat.

Basilius' Vorstellung eines fortwirkenden Schöpfungsbefehls ist theologisch bedeutsam, seine konkrete spätantike Biologie jedoch historisch bedingt.

Augustins rationes seminales sind ein metaphysisches Modell geschöpflicher Möglichkeiten und sollten nicht mit moderner Evolutionsbiologie gleichgesetzt werden.

Thomas von Aquins Tierklassifikation und Naturphilosophie spiegeln mittelalterliche aristotelische Wissenschaft. Seine theologischen Ordnungsfragen können davon unterschieden werden.

Gesamtinterpretation

Genesis 1,24 eröffnet den sechsten Schöpfungstag mit dem Befehl תּוֹצֵא הָאָרֶץ: „Die Erde soll hervorbringen.“ Damit tritt der terrestrische Lebensbereich nach dem fünften Tag in den Mittelpunkt.

תּוֹצֵא ist Hifil Jussiv beziehungsweise jussivisch verwendetes Imperfekt der Wurzel יצא. Die Grundvorstellung lautet nicht bloß „erscheinen“, sondern „herausbringen, hervorbringen“. Die Erde wird grammatisch zum produktiven Subjekt.

Diese Produktivität steht jedoch vollständig unter Gottes Wort. Der Satz beginnt mit וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים. Die Erde ist daher keine selbstständige Schöpfermacht. Ihre Fähigkeit, Leben hervorzubringen, gehört selbst zur geschaffenen Ordnung.

Die engste sprachliche Parallele liegt am dritten Schöpfungstag. In Genesis 1,11 wird die Erde zur Hervorbringung von Vegetation aufgefordert, und Genesis 1,12 berichtet mit derselben Wurzel, dass die Erde Pflanzen hervorbringt. Der sechste Tag greift diese produktive Erdrolle auf und erweitert sie auf Tiere.

Das hervorgebrachte Tierleben wird mit נֶפֶשׁ חַיָּה bezeichnet. Die korrekte Grundbedeutung ist „lebendes Wesen“, nicht eine vom Körper getrennte „Seele“. Dasselbe Ausdrucksfeld umfasst Wasserlebewesen, Landtiere und später den Menschen.

Diese gemeinsame Bezeichnung ist anthropologisch bedeutsam. Mensch und Tier stehen in Genesis nicht als „beseelt“ und „unbeseelt“ einander gegenüber. Beide gehören zur Kategorie lebender Geschöpfe. Die besondere Stellung des Menschen wird anschließend durch das Bild Gottes und den besonderen Herrschaftsauftrag formuliert.

Die Landtierwelt wird in drei große Kategorien gegliedert. בְּהֵמָה bezeichnet besonders größere menschennahe beziehungsweise domestizierte Tiere; רֶמֶשׂ umfasst bodennah kriechendes oder sich bewegendes Getier; חַיְתוֹ־אֶרֶץ bezeichnet die frei lebenden Tiere beziehungsweise Wildtiere der Erde.

Die traditionelle Übersetzung „Vieh, Gewürm und Tiere auf Erden“ gibt diese antike Dreiteilung grundsätzlich wieder, muss aber erklärt werden. Besonders „Gewürm“ ist heute zu eng und sprachlich belastet. Das hebräische רֶמֶשׂ ist eine viel breitere Kategorie bewegter Bodenfauna.

Auch die Tierklassifikation insgesamt ist nicht modern-zoologisch. Sie beschreibt die Tierwelt nach sichtbarer Lebensweise, Nähe zum Menschen und Bewegungsraum. Genesis entwickelt keine biologische Systematik im heutigen Sinn.

Die doppelte Formel לְמִינָהּ, „nach ihrer Art“, stellt diese Vielfalt jedoch unter ein Ordnungsprinzip. Die Schöpfung ist reich differenziert, ohne chaotisch zu sein.

מִין darf dabei nicht mit dem modernen Begriff einer genetisch definierten Spezies gleichgesetzt werden. Es bezeichnet allgemein eine unterscheidbare Art, Sorte oder Gruppe.

Der Abschluss וַיְהִי־כֵן, „Und es geschah so“, bestätigt die Wirksamkeit des göttlichen Wortes. Gottes Befehl bleibt nicht Absicht, sondern wird Wirklichkeit.

Der folgende Vers schafft dabei eine theologisch wichtige Doppelperspektive. Genesis 1,24 sagt: Die Erde bringe hervor. Genesis 1,25 sagt: Gott machte die Tiere. Geschöpfliche und göttliche Wirksamkeit werden nicht als Alternativen behandelt.

Diese Struktur wurde in jüdischer und christlicher Theologie immer wieder zum Ausgangspunkt für Modelle geschöpflicher Kausalität. Natur kann wirken, weil Gott ihr Wirksamkeit gegeben hat.

Raschi versteht „Die Erde bringe hervor“ innerhalb seiner Vorstellung, dass die später sichtbar werdenden Schöpfungsformen grundsätzlich schon am ersten Tag angelegt waren. Die Erde müsse sie nun lediglich hervorbringen. Dies ist eine traditionelle harmonisierende Deutung des gesamten Kapitels.

Raschi erklärt נֶפֶשׁ חַיָּה als Wesen mit Lebenskraft und רֶמֶשׂ über die besondere bodennahe Fortbewegung kleiner Tiere.

Ibn Esra beschreibt בְּהֵמָה besonders als menschennahe Nutztiere, רֶמֶשׂ als kleinere sich auf dem Boden bewegende Wesen und חַיְתוֹ־אֶרֶץ als Tiere freier, nicht besiedelter Landschaft.

Ramban entwickelt daraus eine umfassendere Schöpfungsmetaphysik. Die Grundelemente seien durch Gott geschaffen; anschließend erhielten Wasser und Erde die Fähigkeit, konkrete Lebensformen hervorzubringen. Beim Menschen werde die Erzählweise verändert, weil dieser sowohl mit der Erde als auch in besonderer Weise mit Gott verbunden sei.

Shadal betont ebenfalls die materielle Verbindung tierischer Körper mit der Erde. Zugleich liest er den Vers gegen die Vorstellung, die Erde habe Leben zufällig oder autonom hervorgebracht: Nach Genesis geschieht dies auf Gottes Befehl.

Bereschit Rabbah entwickelt aus sprachlichen Besonderheiten weiterführende Midraschim über Adams Lebensdimension und andere geschaffene Wesen. Diese Deutungen dokumentieren die kreative rabbinische Rezeption, sind aber nicht mit dem einfachen Wortsinn gleichzusetzen.

Die Septuaginta bewahrt „Die Erde soll hervorbringen“ mit Ἐξαγαγέτω ἡ γῆ. Sie übersetzt בְּהֵמָה als τετράποδα, „Vierfüßer“, und interpretiert diese Tiergruppe dadurch etwas anders als der masoretische Text.

Die Vulgata formuliert Producat terra animam viventem. Gerade diese lateinische Fassung wurde für die westliche christliche Diskussion darüber wichtig, wie die Erde als geschaffene Natur Leben hervorbringen könne.

Basilius von Caesarea weist ausdrücklich die Vorstellung zurück, die Erde sei deshalb selbst beseelt. Gottes Befehl verleihe ihr vielmehr Kraft zum Hervorbringen. Die regelmäßige Fortsetzung von Tiergenerationen versteht er als fortwirkende Ordnung des ursprünglichen Schöpfungswortes.

Augustinus entwickelt eine komplexere Vorstellung in der Form ursächlicher beziehungsweise keimhafter Möglichkeiten, die Gott der Schöpfung eingeprägt habe. Diese rationes seminales sind ein spätantikes metaphysisches Modell und keine moderne Evolutionstheorie.

Thomas von Aquin behandelt Genesis 1,24 als Beginn des Werkes des sechsten Tages und ordnet die Landtierwelt in die Ausstattung der bereits vorbereiteten Erde ein. Dabei hält er fest, dass auch Tiere, deren Zweck Menschen nicht erkennen, zur Vollkommenheit des Kosmos gehören können.

Literarisch bildet Genesis 1,24 die terrestrische Entsprechung des fünften Tages. Wasser und Luft besitzen bereits ihre Bewohner; nun wird auch das trockene Land mit bewegtem Leben erfüllt.

Zugleich bildet der Vers die unmittelbare Schwelle zur Menschenschöpfung. Landtier und Mensch teilen den sechsten Tag, die Erde als Lebensbereich und den Grundbegriff des lebenden Wesens. Doch nur beim Menschen wird anschließend ausdrücklich vom Bild Gottes gesprochen.

Diese Kombination verhindert sowohl eine völlige Gleichsetzung als auch eine vollständige Trennung von Mensch und Tier. Der Mensch ist innerhalb der Schöpfung einzigartig beauftragt und zugleich selbst Teil der lebendigen terrestrischen Welt.

Theologisch zeigt Genesis 1,24 deshalb eine Schöpfung, die von Gott nicht nur hergestellt, sondern mit geschöpflicher Wirksamkeit ausgestattet wird. Erde, Wasser und Lebewesen können innerhalb der ihnen gegebenen Ordnung tätig sein.

Der Vers beschreibt somit keine passive Welt, sondern eine von Gott ermächtigte Natur. Gerade darin liegt seine zentrale Aussage: Gottes Souveränität muss geschöpfliche Eigenwirksamkeit nicht verdrängen. Sie begründet sie.

„Die Erde bringe hervor“ ist daher zugleich eine Aussage über Gott und über die Welt: über Gott als Ursprung aller schöpferischen Ordnung und über die Erde als von ihm befähigten Lebensraum, aus dem die vielfältige terrestrische Tierwelt hervortritt.