Aarweihe
Die Aarweihe ist eine heute veraltete beziehungsweise historische Vogelbezeichnung für einen größeren Greifvogel, der als einer Adler beziehungsweise einem Aar ähnliche Weihe aufgefasst wurde. In jüngerer zoologischer und lexikographischer Tradition wird Aarweihe insbesondere als ältere Bezeichnung der Kornweihe (Circus cyaneus) beziehungsweise als Synonym von Blauweihe geführt. Historische Belege zeigen jedoch ein breiteres und regional schwankendes Bedeutungsspektrum: Frühneuhochdeutsch konnte das Wort einen großen adlerähnlichen Greifvogel oder Milan bezeichnen, und noch im frühen 20. Jahrhundert ist regionale Verwendung für den Mäusebussard belegt. Das Wort ist daher bei älteren Texten nicht ohne weiteres mit einer einzigen modernen biologischen Art gleichzusetzen. Vorherrschendes neuzeitliches Genus ist feminin, die Aarweihe, Plural die Aarweihen; historisch und regional begegnet daneben die maskuline Form der Aarweihe.
Lexikon
Aarweihe gehört zu einer älteren Schicht deutscher Tiernamen, deren Bedeutung vor der Entwicklung der modernen biologischen Taxonomie erheblich weniger scharf begrenzt war als heutige wissenschaftlich standardisierte Artnamen. Das Wort bezeichnete zunächst einen nach Gestalt, Flugweise oder allgemeinem Erscheinungsbild mit Aar, Adler, Weihe, Geier oder Milan in Verbindung gebrachten Greifvogel. Welche moderne Art mit einem einzelnen historischen Beleg gemeint ist, kann deshalb häufig erst aus Ort, Zeit, Beschreibung und biologischem Kontext erschlossen werden.
Diese semantische Unschärfe ist kein Sonderfall. Die volkssprachliche Benennung von Greifvögeln war über viele Jahrhunderte von regionalen Namen, funktionalen Kategorien und äußerlichen Ähnlichkeiten geprägt. Wörter wie Aar, Adler, Geier, Weih, Weihe, Bussard, Milan, Falke und Habicht waren historisch nicht überall nach denselben zoologischen Kriterien voneinander abgegrenzt. Ein Name konnte in verschiedenen Landschaften auf unterschiedliche Arten angewandt werden.
Für Aarweihe ist diese Entwicklung besonders gut zu erkennen. Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch verzeichnet die Formen arweihe und arenweih und erklärt den Ausdruck als einen dem Adler ähnlichen großen Vogel beziehungsweise als Milan. Belege stammen unter anderem aus dem schwäbischen und fränkischen Sprachraum des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts.
Eine frühe Form begegnet beispielsweise im aus dem Raum Nürnberg stammenden Schrifttum des frühen 16. Jahrhunderts als areweih. Andere Quellen schreiben araweyen oder arenwei. Die orthographische Variation ist für das Frühneuhochdeutsche selbstverständlich: Eine überregionale verbindliche Rechtschreibung bestand noch nicht, und sowohl Vokallänge als auch Wortgrenzen und Flexionsendungen konnten unterschiedlich wiedergegeben werden.
Bemerkenswert ist, dass die älteren Belege das Wort nicht notwendig als präzise ornithologische Artbezeichnung verwenden. Ein großer kreisender oder schwebender Greifvogel konnte anhand seiner allgemeinen Gestalt als arweihe bezeichnet werden. Die historische Benennung beruhte somit stärker auf wahrgenommenen Ähnlichkeiten als auf Merkmalssystemen der späteren wissenschaftlichen Systematik.
Auch die Verwendung im Zusammenhang mit Wappen und politischen Bilddarstellungen zeigt diese ältere Bedeutungsbreite. Greifvögel waren im Spätmittelalter nicht allein zoologische Gegenstände, sondern zugleich Träger symbolischer Bedeutungen. Adler und verwandte große Greifvogelgestalten konnten Herrschaft, Stärke und Rang darstellen. Wo historische Texte metaphorisch von einer Aarweihe sprechen, muss deshalb zusätzlich geprüft werden, ob überhaupt ein biologisch exakt bestimmter Vogel gemeint ist.
Im ausgehenden 18. Jahrhundert beschreibt Johann Christoph Adelung die Aarweihe als eine Art von Weihe oder Geier, die dem Aar beziehungsweise Adler ähnlich sei. Zugleich bezeichnet er das Wort als besonders im niederdeutschen beziehungsweise niedersächsischen Gebiet verbreitet. Damit war Aarweihe bereits zu seiner Zeit offenbar kein überall gleich geläufiger gemeindeutscher Vogelname.
Adelung dokumentiert außerdem eine bemerkenswerte Schwankung des Genus. Sein Haupteintrag lautet die Aarweihe, doch erwähnt er ausdrücklich, dass das Wort in einigen Gegenden nach dem Muster von Weih beziehungsweise älteren Greifvogelnamen auch maskulin als der Aarweihe gebraucht werde. Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch setzt für die älteren Belege ebenfalls den maskulinen Gebrauch an.
Die heute naheliegende feminine Form erklärt sich aus dem Grundwort Weihe. Im modernen Standarddeutschen heißt es die Weihe und entsprechend die Aarweihe. Der reguläre Plural lautet Aarweihen. Historische Texte können jedoch aufgrund der älteren Genusvariation andere Flexionsformen aufweisen.
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde der Ausdruck in Teilen der lexikographischen Literatur enger gefasst. Pierers Universal-Lexikon setzt Aarweihe ausdrücklich mit der Kornweihe gleich. Von dieser Tradition aus gelangte die Gleichsetzung Aarweihe = Kornweihe = Circus cyaneus in jüngere Wörterbücher und elektronische lexikographische Sammlungen.
Diese engere Bedeutung ist als neuere Wörterbuchbedeutung legitim, darf aber nicht rückwirkend auf sämtliche historischen Belege übertragen werden. Die ältere Bezeichnung hatte offenbar nie überall dieselbe taxonomische Reichweite. Das zeigt besonders deutlich ein ornithologischer Beleg aus dem Jahr 1915, in dem der Verfasser berichtet, dass der Mäusebussard in einer bestimmten Gegend allgemein Aarweihe genannt werde.
Der Mäusebussard (Buteo buteo) und die Kornweihe (Circus cyaneus) sind nach moderner zoologischer Systematik deutlich verschiedene Arten. Beide gehören zwar innerhalb der Ordnung der Greifvögel zur Familie der Habichtartigen, unterscheiden sich jedoch in Gattung, Körperbau, Flugweise, Lebensraum und zahlreichen weiteren Merkmalen. Dass derselbe historische Volksname auf beide angewandt werden konnte, demonstriert die begrenzte taxonomische Eindeutigkeit traditioneller Tiernamen.
Für die moderne Ornithologie ist Aarweihe daher kein benötigter standardisierter deutscher Artname. Die betreffende Art Circus cyaneus heißt heute Kornweihe. Wer einen aktuellen ornithologischen Text verfasst, sollte diese Bezeichnung verwenden und Aarweihe allenfalls als historische oder lexikographische Nebenform erwähnen.
Die Kornweihe ist ein mittelgroßer, vergleichsweise schlanker Greifvogel der Gattung Circus. Charakteristisch sind lange Flügel, ein langer Schwanz und ein niedriger, suchender Jagdflug über offenem Gelände. Gerade diese Flugweise unterscheidet moderne Weihen deutlich von den gedrungener wirkenden Bussarden und vielen eigentlichen Adlern.
Bei der Kornweihe besteht ein auffälliger Geschlechtsdimorphismus. Erwachsene Männchen sind überwiegend hell- bis blaugrau gefärbt und besitzen markant schwarze Flügelspitzen. Weibchen und Jungvögel sind dagegen überwiegend braun, mit gebänderter beziehungsweise gestrichelter Zeichnung. Beide Geschlechter zeigen einen auffälligen hellen beziehungsweise weißen Bürzel.
Die Spannweite liegt ungefähr zwischen 100 und 120 Zentimetern. Damit ist die Kornweihe deutlich kleiner als die großen europäischen Adler und auch etwas kleiner beziehungsweise leichter gebaut als ein durchschnittlicher Mäusebussard. Die historische Beschreibung als einem Aar ähnlicher Vogel bezieht sich daher nicht auf taxonomische Nähe und auch nicht auf annähernd gleiche Körpergröße, sondern auf die allgemeine Wahrnehmung als größerer kreisender oder gleitender Greifvogel.
Weihen unterscheiden sich durch ihren charakteristischen Suchflug. Sie bewegen sich häufig niedrig über Offenland, wobei die langen Flügel in flacher V-Stellung gehalten werden. Durch langsames Gleiten, Schaukeln und abrupte Richtungsänderungen durchsuchen sie den Boden nach Beutetieren.
Die Kornweihe ernährt sich vor allem von kleinen Säugetieren und Vögeln. Insbesondere Wühlmäuse können einen großen Anteil der Nahrung bilden. Je nach Lebensraum und Jahreszeit werden außerdem andere Kleinsäuger, junge Vögel und gelegentlich weitere kleine Wirbeltiere erbeutet.
Typische Lebensräume sind großflächige offene Landschaften wie Moore, Heiden, Feuchtgebiete, Dünenlandschaften, offene Grasländer und Agrarflächen. In Mitteleuropa erscheint die Art vielerorts häufiger als Durchzügler und Wintergast als als Brutvogel.
In Deutschland ist die Kornweihe als Brutvogel außerordentlich selten. Der Brutbestand liegt nur noch bei wenigen Paaren. In der deutschen Roten Liste wird die Art deshalb als vom Aussterben bedroht geführt. Während des Winterhalbjahres können jedoch zusätzliche Vögel aus nördlicheren europäischen Brutgebieten beobachtet werden.
Die moderne Artbeschreibung der Kornweihe sollte dennoch nicht mit der Bedeutungsgeschichte des Wortes Aarweihe verwechselt werden. Ein frühneuhochdeutscher Autor, der von einem areweih schrieb, besaß weder den modernen Gattungsbegriff Circus noch die heute verwendeten Artkriterien. Die nachträgliche Bestimmung solcher Belege als Circus cyaneus wäre nur dann zulässig, wenn zusätzliche Merkmale eine solche Identifizierung ermöglichen.
Dieser Unterschied zwischen historischem Volksnamen und modernem Artnamen ist für historische Lexikographie grundlegend. Vor der biologischen Nomenklatur wurden Tiere nach Farbe, Größe, Stimme, Beute, Lebensraum, Flugweise, Nutzen, Schaden oder Ähnlichkeit mit bekannteren Arten benannt. Dieselbe Bezeichnung konnte dadurch verschiedene biologische Arten einschließen.
Umgekehrt konnte dieselbe Art zahlreiche Namen tragen. Der moderne Mäusebussard ist historisch regional unter Bezeichnungen wie Weihe, Mäuseweihe, Mäuseaar, Gänseaar, Geier und weiteren Dialektnamen belegt. Die Vielfalt solcher Namen zeigt, dass volkssprachliche Greifvogelkategorien andere Grenzen besaßen als die heutige Systematik.
Auch das Grundwort Weihe hatte nicht zu allen Zeiten exakt den heutigen zoologischen Umfang. Heute bezeichnet Weihe im engeren ornithologischen Sinn insbesondere Greifvögel der Gattung Circus. Historisch konnten verwandte Formen des Wortes jedoch breiter für verschiedene Greifvögel gebraucht werden.
Zur heutigen Gattung Circus gehören neben der Kornweihe beispielsweise Rohrweihe, Wiesenweihe und Steppenweihe. Diese Arten besitzen gemeinsame morphologische und verhaltensbiologische Merkmale, die ihre wissenschaftliche Zusammenfassung als Weihen rechtfertigen.
Ein charakteristisches Merkmal der Weihen ist der teilweise ausgeprägte Gesichtsschleier. Die Federn um das Gesicht können die Aufnahme von Geräuschen unterstützen und erinnern oberflächlich an die Gesichtsschleier von Eulen. Zusammen mit dem niedrigen Suchflug ermöglicht dies eine spezialisierte Jagd auf Kleintiere in dichter Vegetation.
Der Gattungsname Circus geht auf einen bereits in der Antike verwendeten griechischen beziehungsweise latinisierten Vogelnamen zurück. Die moderne wissenschaftliche Zuordnung entstand jedoch erst innerhalb der zoologischen Systematik der Neuzeit und ist unabhängig von der wesentlich älteren deutschen Bildung Aarweihe.
Die Bezeichnung Blauweihe, die in älteren deutschen Quellen ebenfalls für die Kornweihe verwendet wurde, nimmt vor allem auf die blaugraue Färbung des erwachsenen Männchens Bezug. Sie ist heute ebenfalls weitgehend historisch; die standardisierte deutsche Bezeichnung lautet Kornweihe.
Der Name Kornweihe verweist dagegen auf das häufige Auftreten beziehungsweise Jagen über offenen landwirtschaftlichen Flächen und Getreidelandschaften. Solche Namen beschreiben nicht notwendig die bevorzugte Nahrung: Eine Kornweihe ernährt sich nicht von Korn, sondern jagt in entsprechenden Landschaften tierische Beute.
Aarweihe gehört dagegen zum Typ der vergleichenden Tiernamen. Das Bestimmungswort Aar signalisiert eine wahrgenommene Ähnlichkeit mit einem Adler beziehungsweise einem größeren mächtigen Greifvogel. Das Grundwort Weihe ordnet das Tier einer anderen Greifvogelgruppe zu.
Solche Komposita ermöglichen es, eine unbekanntere Erscheinung mit einer bekannteren zu charakterisieren. Die Bedeutung lässt sich ungefähr als „adlerartige Weihe“ oder „dem Aar ähnliche Weihe“ paraphrasieren. Adelungs historische Definition entspricht genau diesem Verständnis.
Allerdings war auch Aar historisch semantisch weiter als das moderne Wort Adler. Das mittelhochdeutsche ar beziehungsweise are und verwandte ältere Formen konnten nicht in jedem Beleg auf eine zoologisch eindeutig bestimmte Adlerart beschränkt werden. Historische Wörterbücher weisen darauf hin, dass entsprechende Wörter teilweise auch größere Greifvögel allgemeiner bezeichneten.
Gerade deshalb ist das Kompositum semantisch nicht als wissenschaftliche Aussage „eine Weihe, die taxonomisch einem Adler besonders nahesteht“ zu verstehen. Weihen und Adler gehören zwar beide zu den Habichtartigen, doch das historische Wort beschreibt einen Erscheinungseindruck und keine phylogenetische Beziehung.
Die Form Aarweihe kann außerdem mit dem einfachen historischen Weih verglichen werden. Weih ist eine maskuline alte beziehungsweise regionale Form für bestimmte Greifvögel und lebt etwa in älteren Vogelbezeichnungen fort. Neben die Weihe bestand deshalb über lange Zeit ein maskuliner Formenbereich, der die historische Schwankung zwischen die Aarweihe und der Aarweihe mit erklärt.
Davon vollständig verschieden ist das Substantiv Weihe in der Bedeutung „feierliche Weihung, Konsekration, Heiligung“. Obwohl beide Wörter heute gleich geschrieben werden, besitzen sie unterschiedliche Wortgeschichten. Die religiöse Weihe gehört zur Wortfamilie von weihen und älteren Wörtern für „heilig“.
Der Vogelname Weihe geht dagegen auf mittelhochdeutsch wīe und althochdeutsch wīo zurück. Seine weitere Herkunft ist nicht abschließend geklärt. Eine in der Etymologie diskutierte Verbindung mit Weide würde den Namen etwa als Bezeichnung eines jagenden beziehungsweise Beute suchenden Vogels verstehen; diese Erklärung ist jedoch nicht sicher.
Für die moderne Lexikographie ist Aarweihe deshalb in erster Linie als veralteter Vogelname zu markieren. Eine Definition ausschließlich als „Kornweihe“ ist für jüngere zoologische Wörterbuchtradition möglich, aber historisch zu eng. Präziser ist eine gestufte Bedeutungsbeschreibung: ursprünglich beziehungsweise historisch ein adlerähnlicher größerer Greifvogel oder eine entsprechende Weihe; später insbesondere eine ältere Bezeichnung für die Kornweihe.
Bei der Edition historischer Texte sollte das Wort nach Möglichkeit in seiner ursprünglichen Form erhalten und nicht stillschweigend durch Kornweihe ersetzt werden. Eine erläuternde Anmerkung kann darauf hinweisen, dass jüngere Wörterbücher den Namen mit Circus cyaneus identifizieren, während der konkrete historische Beleg eine genauere Artbestimmung möglicherweise nicht erlaubt.
Eine solche Vorgehensweise vermeidet Anachronismen. Moderne biologische Kategorien werden sonst in Texte zurückgetragen, deren Autoren andere Benennungssysteme verwendeten. Besonders bei Tiernamen können dadurch scheinbar exakte, tatsächlich aber unbegründete Artbestimmungen entstehen.
Die Entwicklung des Wortes illustriert zugleich den Wandel von der volkssprachlichen Naturkunde zur wissenschaftlichen Zoologie. In älteren Gesellschaften genügte für viele kommunikative Zwecke eine ungefährere Unterscheidung nach Verhalten und Erscheinung. Mit naturwissenschaftlichen Sammlungen, vergleichender Anatomie und schließlich der systematischen zoologischen Nomenklatur entstand dagegen der Bedarf an reproduzierbar voneinander abgegrenzten Arten.
Seit Carl von Linné und der Durchsetzung der binären zoologischen Nomenklatur erhielt jede wissenschaftlich anerkannte Art einen zweiteiligen lateinischen beziehungsweise latinisierten Namen. Für die Kornweihe ist dies Circus cyaneus. Solche wissenschaftlichen Namen ermöglichen eine internationale eindeutige Zuordnung unabhängig davon, wie viele regionale Volksnamen eine Art besitzt.
Der historische Name Aarweihe blieb deshalb vor allem in Wörterbüchern, älteren naturkundlichen Büchern und regionaler Überlieferung erhalten. Im gegenwärtigen ornithologischen Standardwortschatz spielt er praktisch keine Rolle mehr.
Lexikographisch interessant bleibt das Wort gerade wegen dieser Geschichte. Es verbindet einen heute selbst veralteten Vogelnamen Aar mit einem noch gebräuchlichen, historisch aber ebenfalls semantisch veränderlichen Vogelnamen Weihe. Das Kompositum konserviert damit zwei verschiedene Schichten älterer deutscher Greifvogelnomenklatur.
Vom schweizerischen Gewässernamen Aare ist das Bestimmungswort ausdrücklich zu unterscheiden. Die Aarweihe ist keine „Weihe von der Aare“ und kein nach dem Schweizer Fluss benannter Vogel. Aar- gehört hier zum deutschen Vogelwort Aar „Adler“, nicht zum Hydronym Aare.
Ebenso besteht kein Zusammenhang mit geografischen Namen wie Aarau, Aarberg, Aarburg, Aargau oder Aarwangen. Deren Aar- bezieht sich auf die schweizerische Aare beziehungsweise historische Formen ihres Gewässernamens.
Auch mit dem Familiennamen Aall und Eigennamen wie Jakob Aall besteht kein sprachgeschichtlicher Zusammenhang. Die alphabetische Nachbarschaft ist rein äußerlich.
Für den gegenwärtigen Gebrauch lässt sich die Bedeutung daher in drei Ebenen ordnen: historisch bezeichnete Aarweihe einen großen beziehungsweise adlerähnlich wahrgenommenen Greifvogel; in jüngerer älterer zoologischer Lexikographie wurde der Name insbesondere auf die Kornweihe festgelegt; im heutigen ornithologischen Standard ist die Bezeichnung veraltet und durch eindeutige moderne Artnamen ersetzt.
Etymologie
Aarweihe ist ein deutsches Determinativkompositum aus Aar und Weihe. Das Grundwort Weihe bestimmt die allgemeine Bedeutungsgruppe, während Aar- die betreffende Weihe beziehungsweise den Greifvogel durch die wahrgenommene Ähnlichkeit mit einem Aar näher charakterisiert. Die ursprüngliche Gesamtbedeutung lässt sich daher ungefähr als „aar- oder adlerähnliche Weihe“ wiedergeben.
Das Bestimmungswort Aar ist eine alte deutsche Bezeichnung für den Adler. Mittelhochdeutsch begegnen Formen wie ar und are, althochdeutsch aro; daneben bestanden ältere Formen mit -n, etwa althochdeutsch und mittelhochdeutsch arn.
Das Wort gehört zum alten germanischen Vogelnamenschatz und besitzt Entsprechungen in anderen indogermanischen Sprachen. Als weiter verwandte Form wird beispielsweise griechisch órnis „Vogel“ herangezogen. Die genaue voreinzelsprachliche Entwicklung ist wesentlich älter als das Kompositum Aarweihe.
Historisch war Aar nicht immer so eng auf jene Vögel beschränkt, die die moderne Zoologie als eigentliche Adler bezeichnet. Mittelalterliche Belege können einen breiteren Bedeutungsbereich „großer beziehungsweise mächtiger Greifvogel“ erkennen lassen. Auch Adler selbst war ursprünglich eine Zusammensetzung: mittelhochdeutsch adelar bedeutet sinngemäß „Edelaar“.
Die Entstehung von Adler zeigt indirekt, dass Aar früher eine allgemeinere Greifvogelbezeichnung gewesen sein konnte. Das Bestimmungselement adel- unterschied den als besonders edel aufgefassten Adler von anderen Vögeln derselben älteren Benennungssphäre.
Das selbständige Wort Aar wurde später zunehmend von Adler verdrängt. In der neueren deutschen Standardsprache überlebte es vor allem als dichterisches und feierlich-archaisches Wort. Heute gilt es als dichterisch und veraltet.
In älteren Zusammensetzungen und regionalen Vogelnamen konnte Aar jedoch länger produktiv bleiben. Bildungen wie Mäuseaar, Gänseaar und Aarweihe zeigen, dass das Wort nicht ausschließlich in erhabener dichterischer Sprache verwendet wurde, sondern Bestandteil konkreter volkssprachlicher Tierbenennungen sein konnte.
Das Grundwort Weihe ist seinerseits ein alter deutscher Vogelname. Mittelhochdeutsch lautet die entsprechende Form wīe, althochdeutsch wīo. Die moderne Laut- und Schriftform Weihe entwickelte sich aus dieser historischen Wortfamilie.
Die tiefere Herkunft des Vogelnamens Weihe ist nicht sicher geklärt. In etymologischen Wörterbüchern wird unter anderem eine mögliche Beziehung zu Weide erwogen, wobei eine ursprüngliche Vorstellung wie „Jäger“ oder „Fänger“ zugrunde liegen könnte. Diese Erklärung ist jedoch als Hypothese und nicht als gesicherte Etymologie zu behandeln.
Der Vogelname Weihe ist etymologisch von Weihe im Sinn von „Heiligung, Konsekration“ zu trennen. Die religiöse Bezeichnung gehört zu weihen und geht auf althochdeutsch wīh beziehungsweise verwandte Wörter mit der Bedeutung „heilig“ zurück.
Dass beide Substantive im heutigen Deutschen identisch geschrieben und ausgesprochen werden, ist damit ein Fall von Homonymie. Eine Aarweihe enthält sprachgeschichtlich ausschließlich den Vogelnamen Weihe; mit einem religiösen Weihakt besteht keinerlei Bedeutungszusammenhang.
Die älteren Schreibungen des Gesamtwortes spiegeln seine lange Geschichte wider. Belegt sind Formen wie arweihe, areweih, arenweih und araweyen. Solche Unterschiede betreffen sowohl die Wiedergabe des ersten Gliedes als auch Flexion und Schreibweise des zweiten.
Die Form arenweih enthält eine ältere flektierte beziehungsweise erweiterte Form des ersten Bestandteils. Sie ist nicht als Hinweis auf einen grundsätzlich anderen Wortstamm zu verstehen. Historische Zusammensetzungen konnten andere Kasus- oder Stammformen bewahren als die spätere standardsprachliche Form.
Auch die Schreibung mit einfachem a in arweihe oder areweih widerspricht der heutigen Schreibung Aarweihe nicht. Die Verdoppelung des Vokals als Kennzeichnung der Länge war im mittelalterlichen und frühneuhochdeutschen Schriftgebrauch keineswegs nach modernen Regeln normiert.
Semantisch lässt sich bereits in den frühen Belegen die Verbindung mit dem Adler erkennen. Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch erklärt arweihe ausdrücklich als einen dem Adler ähnlichen großen Vogel und verbindet die Bezeichnung mit dem Milan.
Im 18. Jahrhundert bleibt dieselbe Grundstruktur durchsichtig. Adelung paraphrasiert die Aarweihe als eine Weihe oder einen Geier, die beziehungsweise der dem Aar oder Adler ähnlich sei. Das Kompositum war also für damalige Sprecher noch als beschreibende Bildung verständlich.
Die spätere Gleichsetzung mit der Kornweihe stellt eine Bedeutungsverengung dar. Aus einer breiteren beziehungsweise regional variierenden Bezeichnung für einen bestimmten Typ von Greifvogel wurde in Teilen der zoologischen Lexikographie ein Name für eine konkret bestimmte Art.
Diese Entwicklung ist ein typisches Beispiel für die Terminologisierung volkssprachlicher Tiernamen. Ein vorhandenes Wort wird in einer wissenschaftlich oder lexikographisch geordneten Nomenklatur auf eine enger definierte Referenz festgelegt. Eine solche Festlegung muss nicht exakt mit allen älteren Verwendungsweisen übereinstimmen.
Dass Aarweihe regional noch für den Mäusebussard verwendet wurde, zeigt, dass diese terminologische Verengung die gesprochene Sprache nicht überall erfasste. Volksnamen können neben wissenschaftlich normierten Namen über lange Zeit mit älteren Bedeutungen fortbestehen.
Auch die Genusgeschichte erklärt sich aus den beiden Namenschichten. Frühneuhochdeutsch wird arweihe als maskulin belegt. Adelung führt hauptsächlich die Aarweihe, kennt jedoch ausdrücklich auch der Aarweihe. Die heutige feminine Interpretation folgt der modernen Form die Weihe.
Die moderne morphologische Analyse ist entsprechend eindeutig: Aar- ist das Bestimmungswort, -weihe das Grundwort. Das Grundwort legt bei synchroner Betrachtung auch das Genus fest: die Aarweihe.
Vom Gewässernamen Aare ist Aar- etymologisch vollständig zu unterscheiden. Während Aar der alte deutsche Vogelname „Adler“ ist, gehört Aare zu einer alten europäischen Schicht von Hydronymen. Die moderne Ähnlichkeit der Schreibungen hat keinen unmittelbaren sprachgeschichtlichen Zusammenhang.
Daher bestehen auch keine entsprechenden etymologischen Beziehungen zu Aarau, Aargau, Aarberg, Aarburg oder Aarwangen. Diese Namen sind unmittelbar oder mittelbar von der schweizerischen Aare abgeleitet.
Mit dem skandinavischen Familiennamen Aall und Eigennamen wie Jakob Aall besteht ebenfalls kein etymologischer Zusammenhang. Eine ähnliche Stellung im Alphabet erlaubt keinerlei Schluss auf gemeinsame Herkunft.
Die Wortgeschichte von Aarweihe lässt sich somit in einem ungewöhnlich anschaulichen Wandel zusammenfassen: Aus den alten deutschen Greifvogelnamen Aar und Weihe entstand spätestens im Spätmittelalter beziehungsweise Frühneuhochdeutschen eine Bezeichnung für einen großen, adlerähnlich wahrgenommenen Greifvogel. Ihre zoologische Referenz blieb regional beweglich. Im 19. Jahrhundert wurde das Wort in Teilen der Lexikographie enger auf die Kornweihe bezogen. Mit der Durchsetzung moderner ornithologischer Standardnamen verlor Aarweihe schließlich seine praktische Funktion und blieb als historisches und lexikographisches Wort erhalten.