Aargau

Aargau ist der Name eines Kantons der Schweiz und zugleich ein wesentlich älterer historischer Landschaftsname. Der Kanton liegt im Norden der Schweiz zwischen Jura, Mittelland und Rhein; seine Hauptstadt ist Aarau. Der Name ist mit dem Gewässernamen Aare und dem historischen Grundwort Gau gebildet und bedeutet seinem Aufbau nach einen „Gau beziehungsweise Landschaftsraum an der Aare“. Der historische Aargau und der heutige Kanton Aargau sind jedoch nicht deckungsgleich: Der Landschaftsname ist seit dem frühen Mittelalter überliefert und bezeichnete zeitweise einen wesentlich größeren Raum, während die gegenwärtigen Kantonsgrenzen im Wesentlichen erst 1803 entstanden.

Lexikon

Der Aargau liegt im nördlichen Teil des schweizerischen Mittellandes und bildet einen Übergangsraum zwischen der Zentralschweiz, dem Raum Zürich, dem Basler Gebiet, dem bernisch-solothurnischen Mittelland und dem Hochrhein. Im Norden grenzt der Kanton über längere Abschnitte an Deutschland; der Rhein bildet dabei einen großen Teil der Staatsgrenze. Innerhalb der Schweiz grenzen die Kantone Basel-Landschaft, Solothurn, Bern, Luzern, Zug und Zürich an den Aargau.

Die geographische Lage gehört zu den wichtigsten Voraussetzungen für die historische und wirtschaftliche Entwicklung des Kantons. Der Aargau liegt zwischen mehreren großen schweizerischen Zentren, insbesondere Zürich, Basel, Bern und Luzern. Dadurch wird das Kantonsgebiet von bedeutenden Eisenbahn-, Straßen- und Autobahnverbindungen durchzogen. Der Aargau ist weniger auf eine einzige dominierende Großstadt ausgerichtet als vielmehr durch ein Netz von mittelgroßen Städten, Agglomerationen und ländlichen Gemeinden gekennzeichnet.

Die Fläche des Kantons beträgt rund 1.404 Quadratkilometer. Verwaltungsmäßig ist er in elf Bezirke gegliedert: Aarau, Baden, Bremgarten, Brugg, Kulm, Laufenburg, Lenzburg, Muri, Rheinfelden, Zofingen und Zurzach. Die Bezirke bilden administrative, gerichtliche und statistische Räume; die eigentliche kommunale Selbstverwaltung liegt bei den Gemeinden. Nach dem Stand von 2026 gehören 196 Gemeinden zum Kanton.

Mit mehr als 740.000 Einwohnern gehört der Aargau zu den bevölkerungsreichsten Kantonen der Schweiz. Die Bevölkerung verteilt sich jedoch nicht gleichmäßig. Besonders dicht besiedelt sind Gebiete im Osten des Kantons, die funktional eng mit dem Großraum Zürich verbunden sind, ferner der Raum Baden, das untere Aaretal sowie die Verkehrsachsen um Aarau, Lenzburg, Wohlen, Brugg und Zofingen. Ländlicher geprägt sind Teile des Juras, des Fricktals, des oberen Wynentals, des Suhrentals und des Freiamts.

Die Stadt Aarau ist seit 1803 Hauptstadt des Kantons. Dort befinden sich der Sitz des Regierungsrats, des Großen Rats und wesentliche Teile der kantonalen Verwaltung. Aarau ist jedoch nicht die bevölkerungsreichste Stadt des Kantons; auch Baden, Wettingen und andere Orte besitzen große regionale Bedeutung. Diese Verteilung politischer, wirtschaftlicher und demographischer Funktionen gehört zu den Besonderheiten der aargauischen Siedlungsstruktur.

Hydrographisch wird der Aargau in außergewöhnlichem Maß von Flüssen geprägt. Die wichtigsten sind Aare, Reuss, Limmat und Rhein. Im Raum Brugg, Windisch, Gebenstorf und Turgi vereinigen sich Aare, Reuss und Limmat innerhalb eines verhältnismäßig kleinen Gebietes. Diese Landschaft wird als Wasserschloss der Schweiz bezeichnet.

Die Aare ist das zentrale Gewässer des historischen und modernen Aargaus. Sie tritt aus Richtung Olten und Aarburg in den Kanton ein, fließt über den Raum Aarau, Wildegg und Brugg nach Norden und nimmt dort zunächst die Reuss und wenig später die Limmat auf. Danach setzt sie ihren Lauf durch das untere Aaretal fort und mündet bei Koblenz in den Rhein. Ein beträchtlicher Teil des schweizerischen Binnenwassers wird damit durch den Aargau zum Hochrhein geführt.

Die Reuss erreicht den Kanton aus Richtung Luzern und durchzieht beziehungsweise begrenzt Teile des Freiamts. Die Limmat kommt aus dem Kanton Zürich, durchfließt den Raum Baden und mündet bei Gebenstorf in die Aare. Der Rhein bildet im Norden nicht nur eine bedeutende natürliche Landschaftsachse, sondern über weite Strecken auch die Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland.

Diese Flüsse beeinflussten seit frühester Zeit Siedlung, Landwirtschaft, Verkehr, Gewerbe und Industrie. Historische Brücken- und Fährstellen entwickelten sich zu Verkehrsknoten; Wasserkraft wurde zunächst mechanisch für Mühlen und Gewerbe, später für die Elektrizitätserzeugung genutzt. Gleichzeitig stellten Hochwasser und die Dynamik der Flussauen über Jahrhunderte erhebliche Herausforderungen dar.

Naturräumlich lässt sich der Kanton nicht als einheitliche Landschaft beschreiben. Im Nordwesten und Norden prägen Höhenzüge des Juras das Relief. Dazu gehört insbesondere der Tafeljura des Fricktals sowie der stärker gefaltete Jura im Raum Staffelegg, Bözberg und Geissflue. Zwischen den Jurahöhen verlaufen Täler, die seit Jahrhunderten bedeutende Verkehrsverbindungen zwischen Rhein, Aaretal und Mittelland ermöglichen.

Das Fricktal nimmt innerhalb des Kantons eine besondere geographische und historische Stellung ein. Es liegt zwischen Jura und Rhein und umfasst unter anderem die Räume Rheinfelden, Laufenburg und Frick. Anders als große Teile des heutigen Aargaus gehörte das Fricktal bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts über lange Zeit zu Vorderösterreich. Erst 1803 wurde es Bestandteil des neu geschaffenen Kantons Aargau.

Im zentralen und südlichen Kantonsgebiet überwiegen Landschaften des Mittellandes mit Flusstälern, Moränenzügen, bewaldeten Hügeln und landwirtschaftlich genutzten Ebenen. Eiszeitliche Gletscher und Schmelzwässer prägten das Relief stark. Täler wie das Wynental, das Suhrental oder das Seetal bilden langgestreckte Siedlungs- und Verkehrsachsen.

Zum Aargau gehören auch mehrere Seen beziehungsweise Anteile an Seen. Besonders wichtig sind der Hallwilersee im Seetal sowie der Flachsee an der Reuss, der als künstlich entstandener beziehungsweise aufgestauter Gewässer- und Naturschutzraum besondere ökologische Bedeutung besitzt. Gewässer, Feuchtgebiete und Auen zählen zu den landschaftlich wertvollsten Lebensräumen des Kantons.

Landwirtschaft und Wald prägen noch immer einen großen Teil der Fläche. Nach der jüngsten Arealstatistik werden mehr als zwei Fünftel des Kantons landwirtschaftlich genutzt, während mehr als ein Drittel bewaldet ist. Gleichzeitig weist der Aargau aufgrund seiner zentralen Lage und starken Bevölkerungsentwicklung einen hohen Anteil an Siedlungs- und Verkehrsflächen auf. Daraus ergeben sich erhebliche Spannungen zwischen Wohnungsbau, Infrastruktur, Landwirtschaft, Natur- und Landschaftsschutz.

Die Geschichte des Aargaus reicht weit vor die Entstehung des modernen Kantons zurück. Bereits in vorgeschichtlicher Zeit war das Gebiet dicht besiedelt. Flusstäler, fruchtbare Böden und günstige Verkehrsachsen boten gute Voraussetzungen für menschliche Niederlassungen. Archäologische Funde dokumentieren Besiedlung seit der Stein-, Bronze- und Eisenzeit.

Während der römischen Zeit besaß das Gebiet außerordentliche strategische Bedeutung. Besonders wichtig war Vindonissa beim heutigen Windisch. Dort befand sich im 1. Jahrhundert n. Chr. das einzige dauerhaft eingerichtete römische Legionslager auf dem Gebiet der heutigen Schweiz. Seine Lage am Zusammenfluss wichtiger Verkehrswege und nahe dem Wasserschloss machte Vindonissa zu einem militärischen und logistischen Zentrum.

Zum römischen Erbe des Kantons gehören darüber hinaus zahlreiche Gutshöfe, Straßen, Siedlungen und Befestigungen. Am Rhein entstanden Anlagen zur Sicherung der Reichsgrenze. Im Raum Kaiseraugst schloss das heutige Kantonsgebiet an die bedeutende römische Stadt Augusta Raurica an. Das spätantike Castrum Rauracense in Kaiseraugst entwickelte sich zu einem wichtigen befestigten Zentrum.

Nach dem Ende der römischen Herrschaft veränderten sich politische und sprachliche Strukturen tiefgreifend. Alamannische Siedlungstätigkeit und fränkische Herrschaft prägten die frühmittelalterliche Entwicklung. In diesem Zusammenhang wird auch der Name Aargau erstmals in Schriftquellen greifbar.

Der frühmittelalterliche Aargau war keineswegs mit dem heutigen Kanton identisch. Der Name bezeichnete zunächst einen weitläufigen Landschaftsraum im Einzugsgebiet der Aare. Eine zweifelsfrei gesicherte Quelle von 795 nennt in pago Argue. Im 9. Jahrhundert begegnen bereits Differenzierungen wie Oberaargau, wodurch deutlich wird, dass der Name räumlich weiter gefasst wurde als der spätere Kantonsname.

Der historische Aargau bildete zudem keine kontinuierliche politische Einheit. Die Vorstellung eines fest abgegrenzten frühmittelalterlichen „Kantons Aargau“ wäre anachronistisch. Der Begriff bezeichnete zunächst vor allem eine geographische Landschaft; unterschiedliche Grafen, geistliche Institutionen und später Dynastien übten in einzelnen Teilen Herrschaft aus.

Im Hochmittelalter entwickelten sich mehrere bedeutende Adelsgeschlechter und Herrschaftszentren. Zu den wichtigsten gehörten die Grafen von Lenzburg, die Kyburger und besonders die Habsburger. Die namensgebende Habsburg liegt oberhalb der Aare bei Brugg und wurde zum Stammsitz eines Geschlechts, das sich später zu einer der mächtigsten Dynastien Europas entwickelte.

Damit besitzt der Aargau für die europäische Dynastiegeschichte eine Bedeutung, die weit über seine heutige Größe hinausgeht. Die frühen Habsburger verfügten im Aare- und Reussgebiet über zahlreiche Güter, Rechte und Herrschaften. Erst mit der Ausweitung ihrer Macht verlagerte sich der politische Schwerpunkt des Hauses zunehmend nach Österreich und in andere Teile Europas.

Auch Schloss Lenzburg dokumentiert die mittelalterliche Herrschaftsgeschichte. Die auf einem markanten Hügel gelegene Anlage gehörte verschiedenen bedeutenden Adelsgeschlechtern und wurde später unter bernischer Herrschaft als Landvogteisitz genutzt. Zusammen mit Habsburg, Wildegg und weiteren Burgen gehört sie zu der ungewöhnlich dichten Burgen- und Schlosslandschaft des Kantons.

Ein entscheidender Einschnitt erfolgte 1415. In diesem Jahr eroberten eidgenössische Orte große Teile des habsburgischen Aargaus. Der Anlass lag in einem reichspolitischen Konflikt mit Herzog Friedrich IV. von Österreich, doch die Eroberung führte dauerhaft zu einer grundlegenden Neuordnung des Gebietes.

Der westliche Unteraargau kam überwiegend unter die alleinige Herrschaft Berns. Andere Gebiete wurden dagegen von mehreren eidgenössischen Orten gemeinsam regiert. Dazu gehörten die Grafschaft Baden und die Freien Ämter. Das Fricktal blieb weiterhin habsburgisch beziehungsweise vorderösterreichisch.

Das Gebiet des heutigen Kantons war somit zwischen 1415 und dem Ende des 18. Jahrhunderts politisch stark zersplittert. Der bernische Aargau war von Bern verwaltet und überwiegend reformiert. Die Freien Ämter und die Grafschaft Baden standen als Gemeine Herrschaften unter wechselnden eidgenössischen Landvögten und besaßen andere konfessionelle und rechtliche Entwicklungen. Das Fricktal blieb katholisch und unter österreichischer Herrschaft.

Diese unterschiedlichen politischen und konfessionellen Traditionen wirkten nach der späteren Vereinigung zum Kanton noch lange fort. Der moderne Aargau musste seit 1803 Regionen miteinander verbinden, die über Jahrhunderte verschiedenen Staaten und Herrschaftssystemen angehört hatten. Die innere Vielfalt des Kantons ist deshalb nicht lediglich geographisch, sondern auch historisch begründet.

Die Reformation verstärkte diese Unterschiede. Bern führte 1528 in seinem Herrschaftsgebiet den reformierten Glauben ein. Andere Teile des späteren Kantons blieben überwiegend katholisch. Das Nebeneinander beider Konfessionen wurde im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Faktor der politischen Auseinandersetzungen.

Mit dem Einmarsch französischer Truppen und dem Zusammenbruch der alten Eidgenossenschaft 1798 endeten die bisherigen Untertanenverhältnisse. Im ehemals bernischen Unteraargau entstand der helvetische Kanton Aargau. Die Stadt Aarau wurde sein Hauptort und war von Mai bis September 1798 sogar für kurze Zeit Hauptstadt der gesamten Helvetischen Republik.

Aus der ehemaligen Grafschaft Baden und den Freien Ämtern entstand dagegen der Kanton Baden. Das Fricktal blieb zunächst außerhalb dieser beiden Kantone und wurde erst nach dem Ende der österreichischen Herrschaft kurzfristig zu einem eigenen helvetischen Kanton Fricktal. Unmittelbar vor 1803 bestanden auf dem Gebiet des späteren Kantons Aargau daher mehrere politische Einheiten nebeneinander.

Die entscheidende Neuordnung erfolgte durch die von Napoleon Bonaparte vermittelte Mediationsakte von 1803. Der helvetische Kanton Aargau, der Kanton Baden und das Fricktal wurden zu einem neuen Kanton Aargau vereinigt. Hinzu kamen beziehungsweise wechselten einzelne kleinere Gebiete im Rahmen der Grenzbereinigung. In dieser Form entstand der Kanton, dessen territoriale Grundstruktur bis heute fortbesteht.

Die Vereinigung war politisch anspruchsvoll. Reformierte Gebiete des ehemaligen Berner Aargaus, katholische Regionen der Freien Ämter, die konfessionell gemischte Grafschaft Baden und das zuvor österreichische Fricktal unterschieden sich hinsichtlich Verwaltung, Recht, politischer Erfahrung, Wirtschaftsstruktur und religiöser Zugehörigkeit. Der neue Kanton musste aus diesen Teilen eine gemeinsame staatliche Ordnung aufbauen.

Die Einteilung in elf Bezirke geht im Wesentlichen ebenfalls auf 1803 zurück. Obwohl sich Gemeindegrenzen seitdem vielfach verändert haben, blieb diese Bezirksstruktur bemerkenswert beständig. Die Bezirke tragen meist die Namen ihrer historischen Hauptorte und bilden bis heute eine wichtige räumliche Gliederung des Kantons.

Das 19. Jahrhundert war durch den Ausbau eines eigenständigen kantonalen Staatswesens geprägt. Schulen, Verwaltung, Justiz, Straßenwesen und öffentliche Institutionen wurden vereinheitlicht. Gleichzeitig entwickelte sich der Aargau zu einem wichtigen Schauplatz des schweizerischen Liberalismus. Politische Konflikte entstanden insbesondere um das Verhältnis zwischen Kirche und Staat sowie zwischen konservativen und liberalen Kräften.

Zu den bekanntesten Ereignissen gehört der Aargauer Klosterstreit. Nach politischen Unruhen beschloss der Große Rat 1841 die Aufhebung der aargauischen Klöster. Die Maßnahme führte zu einem schweren eidgenössischen Konflikt und wurde teilweise wieder rückgängig gemacht. Die Auseinandersetzung gehörte zur konfessionspolitischen Vorgeschichte jener Spannungen, die schließlich im Sonderbundskrieg von 1847 kulminierten.

Mit der Gründung des modernen schweizerischen Bundesstaates von 1848 wurde der Aargau Teil der neuen föderalen Ordnung. Der Kanton behielt seine politische Eigenständigkeit in den durch die Bundesverfassung vorgesehenen Bereichen, während zentrale Kompetenzen an den Bund übergingen. Das Verhältnis zwischen Gemeinde, Kanton und Bund bildet seither die Grundlage der staatlichen Organisation.

Wirtschaftlich wandelte sich der Aargau im 19. Jahrhundert tiefgreifend. Neben Landwirtschaft und traditionellem Handwerk entwickelte sich eine vielfältige Industrie. Textilproduktion, Maschinenbau, Metallverarbeitung, Chemie, Elektroindustrie und später weitere spezialisierte Branchen entstanden in verschiedenen Regionen. Die Nähe zu Zürich und Basel sowie die gute Verkehrslage förderten diese Entwicklung.

Eine besondere Rolle spielte die Wasserkraft. Aare, Reuss, Limmat und Rhein boten günstige Voraussetzungen für industrielle Energiegewinnung. Mit der Elektrifizierung entstanden zahlreiche Kraftwerke, und der Kanton wurde zu einem bedeutenden Standort der schweizerischen Energieproduktion und Elektroindustrie.

Der Raum Baden entwickelte sich dabei zu einem der wichtigsten schweizerischen Industriestandorte. Unternehmen des Maschinen- und Elektrobereichs prägten Wirtschaft, Siedlungsentwicklung und Arbeitsmigration. Die Industrialisierung führte zu starkem Bevölkerungswachstum und verwandelte ehemalige Kleinstädte und Dörfer in dicht miteinander verflochtene Agglomerationsräume.

Auch die Eisenbahn veränderte den Kanton nachhaltig. Der Aargau liegt zwischen mehreren wichtigen nationalen Verkehrszentren und wurde früh in das schweizerische Bahnnetz integriert. Knoten wie Brugg, Lenzburg, Aarau und Baden gewannen an Bedeutung. Heute verlaufen zahlreiche nationale und internationale Eisenbahnverbindungen durch den Kanton.

Diese zentrale Lage fördert bis heute eine ausgeprägte Pendelmobilität. Viele Aargauerinnen und Aargauer arbeiten in Zürich, Basel oder anderen Zentren, während gleichzeitig zahlreiche Beschäftigte aus Nachbarkantonen in den Aargau pendeln. Gemeinde- und Kantonsgrenzen stimmen deshalb immer weniger mit den tatsächlichen wirtschaftlichen und sozialen Verflechtungsräumen überein.

Der Aargau besitzt jedoch keine ausschließlich industrielle oder suburbane Struktur. Landwirtschaft bleibt besonders außerhalb der Agglomerationen landschaftsprägend. Ackerbau, Viehhaltung, Obstbau und in geeigneten Lagen auch Weinbau spielen eine wichtige Rolle. Besonders das Fricktal, das untere Aaretal und verschiedene Jurahänge besitzen eine ausgeprägte Weinbautradition.

Die kulturelle Landschaft ist durch eine ungewöhnlich große Zahl historischer Städte, Burgen, Schlösser, Klöster und ehemaliger Herrschaftszentren gekennzeichnet. Neben Aarau gehören Baden, Bremgarten, Brugg, Lenzburg, Rheinfelden, Zofingen und weitere historische Stadtkerne zu den bedeutenden Kulturorten.

Burgen und Schlösser wie Habsburg, Lenzburg, Wildegg und Hallwyl dokumentieren unterschiedliche Phasen adeliger und staatlicher Herrschaft. Ihre Dichte hängt mit der politischen Zersplitterung und der verkehrsgeographischen Bedeutung des Gebietes im Mittelalter zusammen.

Auch Klöster besitzen große kulturgeschichtliche Bedeutung. Muri war eng mit der frühen Geschichte der Habsburger verbunden, während Wettingen zu den bedeutenden Zisterzienserklöstern der Schweiz gehörte. Weitere geistliche Institutionen prägten Bildung, Landwirtschaft, Grundbesitz, Architektur und Kunstgeschichte des Kantons.

Eine besondere Stellung nimmt die Geschichte des Judentums ein. Über lange Zeit durften sich Juden in der alten Eidgenossenschaft nur an wenigen Orten dauerhaft niederlassen. Im Gebiet des heutigen Aargaus wurden insbesondere Endingen und Lengnau zu bedeutenden Zentren jüdischen Lebens. Synagogen, Friedhof und historische Häuser dokumentieren diese einzigartige Geschichte.

Der Aargau besitzt damit eine religiöse und kulturelle Vielfalt, die mit seiner politischen Entstehungsgeschichte eng verbunden ist. Reformierte, katholische und jüdische Traditionen entwickelten sich in verschiedenen Teilräumen unter unterschiedlichen rechtlichen Bedingungen. Die moderne kantonale Identität entstand erst durch die allmähliche Integration dieser historisch voneinander verschiedenen Regionen.

Sprachlich gehört der Aargau zum alemannischen Raum. Im Alltag werden unterschiedliche schweizerdeutsche Dialekte gesprochen. Der Kanton liegt dabei in einem Übergangsgebiet zwischen verschiedenen alemannischen Dialekträumen, sodass Aussprache, Wortschatz und grammatische Einzelheiten regional variieren.

In Verwaltung, Schule, Medien und formeller Schriftlichkeit wird überwiegend Schweizerhochdeutsch verwendet. Der Gegensatz zwischen gesprochenem Dialekt und geschriebener Standardsprache ist für den Aargau ebenso charakteristisch wie für große Teile der Deutschschweiz.

Als Toponym bezeichnet Aargau heute in erster Linie den Kanton. Im Deutschen steht der Name gewöhnlich mit bestimmtem Artikel: der Aargau. Entsprechend heißt es „im Aargau“, „aus dem Aargau“ und „des Aargaus“. Das grammatische Genus ist maskulin, weil das Grundwort Gau männlich ist.

Die Einwohnerbezeichnung lautet Aargauer beziehungsweise Aargauerin, im Plural Aargauer und Aargauerinnen. Das entsprechende Adjektiv beziehungsweise relationale Herkunftswort lautet ebenfalls Aargauer, etwa in „Aargauer Geschichte“, „Aargauer Jura“ oder „Aargauer Bevölkerung“.

In anderen schweizerischen Landessprachen besitzt der Kanton eigene traditionelle Namensformen. Französisch heißt er Argovie, italienisch und rätoromanisch Argovia. Diese Formen gehen letztlich ebenfalls auf den historischen Landschaftsnamen zurück und dokumentieren dessen lange sprachliche Überlieferung.

Vom Namen der Hauptstadt Aarau ist Aargau deutlich zu unterscheiden. Beide Namen enthalten zwar den Flussnamen Aare, ihre zweiten Bestandteile sind jedoch verschieden. Aarau enthält Au aus althochdeutsch ouwa „wassergeprägtes Land“, während Aargau mit dem Wort Gau gebildet ist.

Auch Aarberg und Aarburg gehören zu eigenständigen Namenbildungen. Ihre Gemeinsamkeit besteht darin, dass der Flussname Aare als Bestimmungswort dient. Die Grundwörter Au, Gau, Berg und Burg besitzen jedoch jeweils unterschiedliche Herkunft und Bedeutung.

Der heutige Kanton ist deshalb weder mit dem mittelalterlichen Landschaftsraum gleichen Namens noch mit einem einzelnen historischen Herrschaftsgebiet gleichzusetzen. Der moderne Aargau ist das Ergebnis der politischen Neuordnung von 1803; sein Name greift jedoch auf einen Landschaftsnamen zurück, der mehr als tausend Jahre älter ist. Diese Verbindung von sehr altem Namen und vergleichsweise jungem Staatsgebiet gehört zu den wichtigsten Besonderheiten des Lemmas.

Etymologie

Der Name Aargau ist eine alte Zusammensetzung aus dem Gewässernamen Aare und dem Substantiv Gau. In seiner ursprünglichen Struktur bezeichnet der Name somit einen „Gau an der Aare“ beziehungsweise einen nach der Aare benannten Landschaftsraum. Die heutige Form ist das Ergebnis einer langen schriftlichen und lautlichen Entwicklung.

Der Name ist bereits im Frühmittelalter belegt. Das Historische Lexikon der Schweiz bezeichnet die Form in pago Argue aus dem Jahr 795 als ersten zweifelsfrei gesicherten Nachweis. Andere Quelleneditionen führen darüber hinaus bereits für das 8. Jahrhundert Formen wie Argowe an. Unabhängig von der Frage nach dem absolut frühesten Einzelbeleg steht fest, dass der Landschaftsname spätestens in karolingischer Zeit fest etabliert war.

Im 9. Jahrhundert erscheinen Formen wie Arageuvi, Aregava, Aragowe und verwandte Schreibungen. Die große graphische Variation ist für frühmittelalterliche Namenüberlieferung normal. Es bestand keine einheitliche Orthographie, und lateinisch schreibende Urkundenschreiber passten germanische Namen an unterschiedliche lateinische Kasus- und Schreibtraditionen an.

Für 861 ist die Form in superiori pago Aragauginse überliefert. Sie bezeichnet einen Oberaargau und zeigt, dass der ältere Landschaftsname zu diesem Zeitpunkt bereits weiter differenziert wurde. Der Name bezeichnete also nicht einen einzelnen kompakten Verwaltungsbezirk mit den Grenzen des heutigen Kantons, sondern einen größeren geographischen Raum, innerhalb dessen sich Teilbezeichnungen herausbildeten.

Das erste Namenglied geht auf die Aare zurück. Der Flussname selbst ist erheblich älter als die frühmittelalterliche Zusammensetzung Aargau. Antike Zeugnisse überliefern Formen mit dem Stamm Arur-; in der Namenforschung wird die Aare einer sehr alten europäischen Gewässernamenschicht zugerechnet.

Für den Flussnamen wird traditionell eine Entwicklung von einer voreinzelsprachlichen beziehungsweise alteuropäischen Form über keltisch und romanisch vermittelte Formen wie Arura, Arula oder Arola zu einer althochdeutschen Form Ara beziehungsweise einer ähnlichen Lautgestalt angenommen. Die exakte ursprüngliche Bedeutung des ältesten Hydronyms ist jedoch weniger sicher als seine Funktion im Namen Aargau.

Für die Erklärung des Kantons- und Landschaftsnamens genügt deshalb die gesicherte Feststellung, dass das Bestimmungswort den bereits bestehenden Flussnamen bezeichnet. Aargau bedeutet nicht „Adlergau“ und besitzt keine etymologische Beziehung zum dichterisch-veralteten deutschen Substantiv Aar „Adler“.

Das zweite Element Gau geht auf althochdeutsche Formen wie gewi, gawi beziehungsweise gouwi zurück. Das Wort bezeichnete einen größeren Landschafts-, Siedlungs- oder Herrschaftsraum. Seine genaue institutionelle Bedeutung konnte je nach Zeit und Region erheblich schwanken.

Für das Frühmittelalter ist daher Vorsicht mit der verbreiteten Vorstellung geboten, ein Gau sei grundsätzlich ein fest abgegrenzter staatlicher Verwaltungsbezirk gewesen. Historische Quellen verwenden entsprechende Namen auch als geographische Raumbezeichnungen. Gerade beim Aargau betont die historische Forschung, dass der frühmittelalterliche Name nicht ohne weiteres als Bezeichnung eines einheitlich organisierten fränkischen Verwaltungsgebietes verstanden werden darf.

Die ursprüngliche Zusammensetzung lässt sich sprachgeschichtlich ungefähr als althochdeutsch *Ara-gawi beziehungsweise in überlieferten Schreibformen als Aragowe rekonstruieren. Durch lautliche Veränderungen, Kürzungen und die Entwicklung des Grundwortes entstanden mittelalterliche und frühneuhochdeutsche Formen, aus denen schließlich die moderne Schreibung Aargau hervorging.

Die Verdoppelung des a im modernen Erstglied Aar- entspricht der späteren graphischen Kennzeichnung des langen Vokals und der etablierten Schreibung des Flussnamens Aare. Sie darf nicht als Hinweis auf eine ursprüngliche Form mit doppeltem a interpretiert werden. Frühmittelalterliche Schreibungen verwenden regelmäßig nur einen Vokalbuchstaben.

Auch die Gestalt des zweiten Elements wandelte sich. Formen wie -gowe, -gouwe, -gewe und lateinisierte Varianten stehen neben späterem -gau. Die moderne Form ist Ergebnis der neuhochdeutschen Standardisierung eines wesentlich älteren germanischen Wortes.

Semantisch gehört Aargau zu einer großen Gruppe alter Landschaftsnamen auf -gau. Der erste Bestandteil kann dabei ein Gewässer, eine Siedlung, eine Himmelsrichtung oder ein anderes geografisches Merkmal bezeichnen. Beim Aargau fungiert die Aare als das landschaftlich prägende Orientierungselement.

Die ursprüngliche räumliche Bedeutung unterschied sich deutlich von der heutigen. Frühmittelalterliche Quellen verwendeten Aargau für einen weiträumigen Bereich des Aare-Einzugsgebietes. Dazu konnten Landschaften gehören, die heute in den Kantonen Bern, Luzern, Solothurn oder anderen politischen Einheiten liegen. Umgekehrt gehörten Teile des heutigen Kantons Aargau ursprünglich nicht zu dem so bezeichneten Raum.

Besonders deutlich wird dies am Fricktal. Dieses lag historisch außerhalb des ursprünglichen Aargaus und gehörte bis zur napoleonischen Neuordnung zu Vorderösterreich. Erst seine Eingliederung in den neuen Kanton von 1803 machte es zu einem Teil des politischen Aargaus.

Auch die Gebiete östlich der Reuss, insbesondere der Raum der späteren Grafschaft Baden, gehörten im frühen Mittelalter teilweise anderen Landschaftsbezeichnungen wie dem Zürichgau an. Der moderne Kantonsname übertrug somit einen alten Landschaftsnamen auf ein Gebiet, dessen Grenzen aus mehreren historisch verschiedenen Räumen zusammengesetzt wurden.

Die Bezeichnungen Oberaargau und Unteraargau dokumentieren die historische Ausdehnung besonders anschaulich. Der Oberaargau liegt heute überwiegend im Kanton Bern und trägt den alten Namen bis heute weiter. Unteraargau bezeichnete dagegen in wechselnder Bedeutung weiter flussabwärts gelegene Gebiete und wurde später besonders mit dem bernisch beherrschten Teil des heutigen Kantons verbunden.

Die heutige Verwendung von Aargau für einen Schweizer Kanton ist deshalb eine Bedeutungsverengung beziehungsweise territoriale Neufestlegung eines viel älteren Landschaftsnamens. Der Name blieb erhalten, während sich sein geographischer Bezug im Laufe von mehr als einem Jahrtausend erheblich veränderte.

Der Name der Hauptstadt Aarau ist etymologisch eng verwandt, aber nicht identisch gebildet. Beide Namen enthalten den Flussnamen Aare. Bei Aarau lautet das Grundwort jedoch althochdeutsch ouwa „Au, wassergeprägtes Land“, sodass der Name ungefähr „Land an der Aare“ bedeutet. Aargau enthält dagegen Gau und bezeichnet einen größeren Landschaftsraum.

Auch Aarberg und Aarburg weisen denselben Gewässerbezug auf. Bei Aarburg ist die Bedeutung „Burg an der Aare“ unmittelbar belegt; bei Aarberg gehört das Grundwort zu einer mittelalterlichen Burg- und Ortsnamenbildung. Diese Namen bilden daher eine Gruppe von Toponymen, deren erster Bestandteil auf den alten Flussnamen zurückgeht.

Kein Zusammenhang besteht dagegen mit dem Familiennamen Aall und Eigennamen wie Jakob Aall. Auch das deutsche Wort Aar „Adler“ gehört einer anderen Wortfamilie an. Ähnliche moderne Schreibformen dürfen in der Etymologie nicht ohne historische Laut- und Schriftbelege miteinander verbunden werden.

Sprachgeschichtlich lässt sich Aargau somit als besonders langlebiger Landschaftsname charakterisieren. Seine beiden Bestandteile sind unterschiedlich alt: Der Flussname Aare reicht in eine voreinzelsprachliche Namenschicht zurück, während das germanische Grundwort Gau die frühmittelalterliche Benennung des Landschaftsraumes formte. Spätestens im 8. Jahrhundert ist die Zusammensetzung schriftlich greifbar.

Die bemerkenswerteste Entwicklung betrifft jedoch nicht die Lautform, sondern den Bedeutungsumfang. Aus einer weit gefassten frühmittelalterlichen Landschaft an der Aare wurde über zahlreiche politische Veränderungen hinweg der Name eines 1803 neu zusammengesetzten Schweizer Kantons. Der heutige Aargau bewahrt damit im Namen eine geographische Ordnung, die erheblich älter ist als seine gegenwärtigen Grenzen und seine staatliche Existenz.