Aare
Lexikon
Die Aare gehört zu den geographisch, hydrologisch und kulturgeschichtlich wichtigsten Fließgewässern der Schweiz. Mit einer Länge von ungefähr 288 Kilometern ist sie der längste Fluss, dessen gesamter Lauf innerhalb des schweizerischen Staatsgebietes liegt. Ihr Einzugsgebiet umfasst rund 17.600 Quadratkilometer und damit einen beträchtlichen Teil der Alpennordseite, des schweizerischen Mittellandes und der südlichen Juraregionen. Das Flusssystem sammelt Wasser aus den Berner Alpen, aus großen Teilen des Mittellandes, aus der Zentralschweiz sowie über bedeutende Zuflüsse auch aus Gebieten der Ostschweiz. Kurz vor ihrer Mündung führt die Aare im langjährigen Mittel ungefähr 550 Kubikmeter Wasser pro Sekunde und gehört damit zu den wasserreichsten Flüssen Mitteleuropas.
Das Quellgebiet der Aare liegt in den östlichen Berner Alpen im Gebiet westlich des Grimselpasses. Die obersten Wasserläufe werden wesentlich von den Gletscher- und Hochgebirgsgebieten um Oberaar und Unteraar gespeist. Namen wie Oberaargletscher, Unteraargletscher, Oberaarsee und Unteraar weisen bereits sprachlich auf die enge Beziehung dieser Hochgebirgslandschaft zum Flusssystem hin. Schnee, Gletscherschmelzwasser, Niederschläge und zahlreiche alpine Seitenbäche vereinigen sich dort zu einem Gewässer, dessen Charakter zunächst eindeutig hochalpin ist.
Der Oberlauf durchzieht das Haslital. Das stark ausgeprägte Relief der Berner Alpen führt hier zu großen Höhenunterschieden auf vergleichsweise kurzer Strecke. Die Aare nimmt zahlreiche Gebirgsbäche auf und erreicht über den Raum Innertkirchen eine der bekanntesten Flusslandschaften der Schweiz, die Aareschlucht. Zwischen Innertkirchen und Meiringen hat sich der Fluss tief in einen Kalkfelsriegel eingeschnitten. Die stellenweise sehr schmale Schlucht dokumentiert die erosive Wirkung des Wassers nach dem Rückzug der eiszeitlichen Gletscher und gehört zu den anschaulichsten Beispielen alpiner Flusserosion.
Unterhalb von Meiringen öffnet sich das Tal, und die Aare erreicht den Brienzersee. Dieser langgestreckte Alpensee ist selbst ein Produkt der glazialen Landschaftsgeschichte. Die während der Eiszeiten weit ins Mittelland vorstossenden Gletscher formten tiefe Becken, die nach dem Abschmelzen mit Wasser gefüllt wurden. Die Aare transportiert aus ihrem alpinen Einzugsgebiet erhebliche Mengen an Sediment; Ablagerungen ihrer Zuflüsse und des Hauptflusses haben die Gestalt der Talböden und Seeufer über lange Zeiträume verändert.
Am westlichen Ende des Brienzersees verlässt die Aare den See bei Interlaken. Der Ortsname Interlaken verweist selbst auf die Lage zwischen zwei Seen. Der Fluss verbindet hier Brienzersee und Thunersee. Der entsprechende Laufabschnitt ist stark reguliert und bildet einen wesentlichen Bestandteil des Wasserhaushaltes beider Seen. Wenig später tritt die Aare in den Thunersee ein, dessen großes Wasservolumen den Abfluss aus dem alpinen Einzugsgebiet ausgleicht und damit auch die Wasserführung der unterhalb gelegenen Flussabschnitte beeinflusst.
Bei Thun verlässt die Aare den Thunersee. Die Stadt entwickelte sich an einer strategisch und wirtschaftlich bedeutenden Stelle zwischen Seeausfluss, Flussübergängen und dem Zugang zum Berner Oberland. Von dort fließt die Aare durch ein breites Tal nach Nordwesten. Die Flusslandschaft zwischen Thun und Bern gehört zu den charakteristischen Auen- und Kulturlandschaften des schweizerischen Mittellandes. Neben Siedlungen und Verkehrswegen bestehen dort abschnittsweise noch naturnahe Uferbereiche, Kiesflächen und Auenwälder.
In Bern besitzt die Aare eine außergewöhnliche stadtgestaltende Bedeutung. Der Fluss beschreibt mehrere enge Bögen und umfließt den erhöht liegenden historischen Stadtkern auf drei Seiten. Diese topographische Situation war eine wesentliche Voraussetzung für die mittelalterliche Stadtgründung und Befestigung. Die steilen Aarehänge boten natürlichen Schutz, während Brücken die Verbindung mit dem Umland ermöglichten. Die Lage der Berner Altstadt ist deshalb ohne den Fluss kaum verständlich.
Die charakteristische Flussschleife von Bern ist zugleich zu einem der bekanntesten Landschaftsbilder der Schweiz geworden. Die Aare liegt deutlich tiefer als die mittelalterliche Stadt und bildet einen starken topographischen Kontrast zwischen Flussraum und bebautem Plateau. Brücken, Uferwege, historische Gewerbeanlagen und später öffentliche Badeanlagen dokumentieren die jahrhundertelange Wechselwirkung zwischen Stadt und Gewässer. Bis heute besitzt das Schwimmen in der Aare eine besondere Stellung in der lokalen Alltags- und Freizeitkultur, wobei die starke Strömung des Flusses entsprechende Erfahrung und Vorsicht erfordert.
Unterhalb von Bern wird die Aare im Wohlensee aufgestaut. Der langgestreckte Stausee entstand durch den Bau des Kraftwerks Mühleberg im frühen 20. Jahrhundert. Er zeigt exemplarisch die große Bedeutung der Aare für die schweizerische Wasserkraftnutzung. Entlang des Flusses befinden sich zahlreiche Kraftwerke und Stauanlagen, sodass die natürliche Abflussdynamik in vielen Abschnitten mit technischen Regulierungen verbunden ist.
Nach dem Wohlensee erreicht die Aare den Raum Aarberg. Dieser Abschnitt ist für das Verständnis des heutigen Flusslaufes besonders wichtig, denn die Aare floss hier ursprünglich nicht durch den Bielersee. Vor dem 19. Jahrhundert wandte sich der Hauptfluss bei Aarberg nach Norden und verlief östlich am See vorbei. Das flache Seeland war dadurch immer wieder von großflächigen Überschwemmungen betroffen. Versumpfung, schwankende Wasserstände und unzureichender Abfluss beeinträchtigten Landwirtschaft und Siedlungen erheblich.
Die grundlegende Umgestaltung erfolgte mit der ersten Juragewässerkorrektion von 1868 bis 1891. Eines ihrer wichtigsten Bauwerke war der Hagneckkanal, durch den die Aare von Aarberg aus künstlich in den Bielersee geleitet wurde. Gleichzeitig entstand mit dem Nidau-Büren-Kanal ein leistungsfähiger neuer Abfluss aus dem See. Die Gewässer zwischen Bieler-, Neuenburger- und Murtensee wurden ebenfalls ausgebaut und reguliert.
Damit wurde der Bielersee funktional zu einem großen Ausgleichsbecken der Aare. Bei hohen Zuflüssen kann Wasser zurückgehalten, bei günstigeren Bedingungen kontrolliert abgeführt werden. Zugleich wurden die Wasserstände der drei großen Jurarandseen miteinander gekoppelt. Die Juragewässerkorrektion gehört damit zu den bedeutendsten wasserbaulichen Eingriffen der Schweizer Geschichte und veränderte eine ganze Landschaft dauerhaft.
Für das Seeland waren die Folgen tiefgreifend. Große vormals sumpfige oder regelmäßig überschwemmte Flächen konnten entwässert und intensiver landwirtschaftlich genutzt werden. Das sogenannte Große Moos entwickelte sich zu einem bedeutenden Agrarraum. Gleichzeitig führten Entwässerung und Torfabbau zu Bodenabsenkungen, sodass im 20. Jahrhundert weitere wasserbauliche Maßnahmen erforderlich wurden. Die zweite Juragewässerkorrektion von 1962 bis 1973 verbesserte deshalb Regulierung und Abflusskapazität erneut.
Nach dem Austritt aus dem Bielersee fließt die Aare durch den Nidau-Büren-Kanal nach Nordosten und erreicht bei Büren an der Aare wieder den Bereich ihres älteren Laufes. Von dort zieht sie am südlichen Rand des Juras weiter. Der Fluss bildet über lange Strecken eine natürliche Leitlinie zwischen Mittelland und Jurafuß. Seine Tal- und Niederungsräume beeinflussten seit vorgeschichtlicher Zeit Siedlungen, Verkehrswege und politische Grenzziehungen.
Mit Solothurn erreicht die Aare eine weitere historisch bedeutende Stadt. Wie Bern und Aarau verdankt auch Solothurn einen wesentlichen Teil seiner Lagegunst dem Fluss. Brücken, Schifffahrt, Handel und die Möglichkeit, Verkehrswege an einem günstig gelegenen Übergang zu bündeln, förderten die Stadtentwicklung. Das Verhältnis zwischen Fluss und Stadt ist dort bis heute im historischen Zentrum unmittelbar sichtbar.
Weiter flussabwärts erreicht die Aare Olten. Die Stadt liegt an einem der wichtigsten schweizerischen Verkehrsknoten. Bereits vor der Eisenbahnzeit stellte der Aareübergang einen bedeutenden Verbindungspunkt dar; im 19. Jahrhundert wurde die Lage zwischen Mittelland, Jura und wichtigen Nord-Süd- beziehungsweise Ost-West-Verbindungen durch das Eisenbahnnetz zusätzlich aufgewertet. Die Aare bildet damit auch hier eine geographische Grundstruktur, an der sich die Entwicklung des Verkehrsraumes orientierte.
Zwischen Olten und Aarau durchquert der Fluss den Übergangsraum zum heutigen Kanton Aargau. Die Stadt Aarau trägt die Beziehung zum Gewässer bereits in ihrem Namen. Der Ortsname geht auf eine historische Bildung im Sinne von „Au beziehungsweise Land an der Aare“ zurück. Auch der Name Aargau enthält den Flussnamen und bezeichnete historisch eine Landschaft beziehungsweise einen Gau an der Aare. Der Gewässername ist somit Grundlage mehrerer bedeutender schweizerischer Toponyme.
Unterhalb von Aarau nimmt die Wasserführung des Flusses durch zahlreiche Zuflüsse weiter zu. Besonders bedeutend ist der Raum von Brugg und Wasserschloss. Hier vereinigen sich innerhalb eines vergleichsweise kleinen Gebietes drei der großen Flusssysteme der Schweiz: Aare, Reuss und Limmat. Die Reuss führt Wasser aus großen Teilen der Zentralschweiz heran, während die Limmat den Zürichsee und damit Gebiete der Ost- und Zentralschweiz entwässert.
Durch die Aufnahme von Reuss und Limmat wächst das Einzugsgebiet der Aare unmittelbar vor ihrer Mündung erheblich an. Das Gebiet wird als schweizerisches Wasserschloss bezeichnet. Der Begriff verweist auf die außergewöhnliche Konzentration großer Flüsse. Hydrologisch entsteht dort ein Hauptstrom, der einen erheblichen Teil der nördlichen Schweiz entwässert.
Von Brugg aus fließt die Aare weiter nach Norden und erreicht bei Koblenz den Rhein. Ihre Mündung liegt gegenüber dem deutschen Waldshut beziehungsweise in unmittelbarer Nähe der deutsch-schweizerischen Grenze. Mit diesem Zusammenfluss endet der eigenständige Lauf der Aare. Ihr Wasser setzt seinen Weg im Rhein über Basel und den Oberrhein schließlich zur Nordsee fort.
Hydrologisch ist die Mündung bemerkenswert, weil die Aare zu den wasserreichsten Zuflüssen des gesamten Rheins gehört. Nach der Aufnahme von Reuss und Limmat führt sie im langjährigen Mittel eine sehr große Wassermenge. Damit besitzt sie innerhalb des Rheinsystems eine wesentlich größere Bedeutung, als ihre im europäischen Vergleich relativ geringe Länge zunächst vermuten lässt. Die Größe eines Flusses lässt sich deshalb nicht allein durch seine Länge beurteilen; ebenso entscheidend sind Einzugsgebiet, Niederschlagsverhältnisse, Schneeschmelze, Gletscherzufluss, Seen und Nebenflüsse.
Das Abflussregime der Aare verändert sich entlang ihres Laufes erheblich. Im alpinen Oberlauf wirken Schneeschmelze und Gletscherschmelzwasser stark auf die saisonale Wasserführung ein. Brienzer- und Thunersee besitzen dagegen eine ausgleichende Speicherwirkung. Weiter flussabwärts treten die Einflüsse der zahlreichen Nebenflüsse und der künstlichen Regulierung hinzu. Im unteren Flussabschnitt tragen insbesondere Reuss und Limmat große zusätzliche Wassermengen bei.
Auch die Seen haben eine wichtige Funktion für den Hochwasserschutz. Natürliche Seen können Hochwasserspitzen verzögern, indem einströmendes Wasser zunächst gespeichert wird. Beim Bielersee wurde diese Funktion durch die Juragewässerkorrektion gezielt erweitert und mit Neuenburger- und Murtensee zu einem regulierbaren System verbunden. Der heutige Wasserhaushalt der mittleren und unteren Aare ist deshalb das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels natürlicher Seen, künstlicher Kanäle, Wehre und Abflussregulierungen.
Die Aare besitzt zugleich eine große Bedeutung für die Energiegewinnung. Ihr Gefälle und ihre hohe Wasserführung werden an zahlreichen Stellen zur Produktion von Elektrizität genutzt. Wasserkraftwerke entstanden sowohl im alpinen Oberlauf als auch im Mittelland und am Unterlauf. Dadurch wurde der Fluss zu einem wichtigen Bestandteil der schweizerischen Energieinfrastruktur. Gleichzeitig verändern Stauwehre und Kraftwerksanlagen die natürliche Fließgeschwindigkeit, den Sedimenttransport und die Wanderungsmöglichkeiten von Wasserorganismen.
Aus ökologischer Sicht ist die Aare daher kein einheitlicher Lebensraum. Alpine Wildflussabschnitte, Schluchten, Seen, regulierte Stadtstrecken, Stauseen, kanalisierte Abschnitte und breitere Flussauen unterscheiden sich stark voneinander. Entsprechend vielfältig sind die dort vorkommenden Lebensgemeinschaften. Naturnahe Kiesufer und Auen gehören zu den ökologisch besonders wertvollen Bereichen, weil sie dynamische Übergangszonen zwischen Wasser und Land darstellen.
Eine natürliche Flussaue wird durch wechselnde Wasserstände, Überschwemmungen, Erosion und Sedimentablagerungen geprägt. Dadurch entstehen Kiesbänke, Altarme, Feuchtflächen und unterschiedliche Sukzessionsstadien der Vegetation. Viele dieser Lebensräume wurden in den vergangenen Jahrhunderten durch Flusskorrektionen, Siedlungsbau und landwirtschaftliche Nutzung stark reduziert. Moderne Renaturierungsmaßnahmen versuchen deshalb an verschiedenen Abschnitten, dem Fluss wieder mehr Raum und strukturelle Vielfalt zu geben.
Die Aare ist nicht nur ein Naturraum, sondern seit Jahrtausenden auch ein Kulturraum. Bereits in ur- und frühgeschichtlicher Zeit konzentrierten sich Siedlungen an ihren Ufern. Flüsse boten Wasser, Nahrung, Verkehrswege und Orientierung; zugleich bildeten sie natürliche Grenzen. Der untere Aareraum gehörte deshalb schon früh zu den wichtigen Siedlungsgebieten des schweizerischen Mittellandes.
In römischer Zeit bildeten Aare, Zihl und die Jurarandseen eine bedeutende Wasserverkehrsachse. Sie verbanden unter anderem den Raum von Aventicum mit Vindonissa und ermöglichten weiterführende Verbindungen zwischen der Westschweiz und dem Hochrhein. Wasserwege waren für den Transport schwerer Güter besonders wichtig, da der Landtransport wesentlich aufwendiger war.
Im Übergang von der Spätantike zum frühen Mittelalter erhielt die Aare zeitweise die Funktion eines kulturellen und politischen Grenzflusses. Westlich des Flusses waren romanisch-burgundische Traditionen stärker ausgeprägt, während sich östlich alemannische Siedlungs- und Sprachräume entwickelten. Diese Grenze war weder absolut noch dauerhaft, beeinflusste jedoch die historische Sprach- und Kulturlandschaft der Schweiz erheblich.
Auch kirchliche und politische Grenzen orientierten sich über lange Zeiträume am Fluss. Die Aare bildete unter anderem Abschnitte von Diözesangrenzen und wurde nach dem Vertrag von Verdun 843 teilweise zu einer Grenzlinie zwischen politischen Herrschaftsräumen. Im Hoch- und Spätmittelalter entstanden entlang ihres Laufes zahlreiche Städte und befestigte Plätze. Die Aare war damit zugleich verbindendes Verkehrsband und trennende territoriale Linie.
Besonders Bern entwickelte im Spätmittelalter eine umfassende Territorialherrschaft entlang großer Teile des Aarelaufs. Dadurch wurden zuvor unterschiedliche regionale Räume politisch enger miteinander verbunden. Die Städte Thun, Bern, Aarberg und später große Teile des heutigen Aargaus standen in verschiedenen Phasen unter bernischem Einfluss oder bernischer Herrschaft, während andere Aarestädte wie Solothurn eigene politische Entwicklungen nahmen.
Der Fluss wurde über Jahrhunderte für Schifffahrt, Flößerei und Warentransport genutzt. Die Schiffbarkeit war jedoch wegen Stromschnellen, wechselnder Wasserstände, Kiesbänke und anderer Hindernisse nicht überall gleich. Auf geeigneten Abschnitten entwickelte sich dennoch ein bedeutender regionaler Verkehr. Straßen und später Eisenbahnlinien übernahmen im 19. Jahrhundert einen großen Teil dieser Transportfunktion.
Heute ist die Aare auch ein bedeutender Freizeitraum. Uferwege, Radwege, Badeplätze, Wassersport und Ausflugsgebiete verbinden den Fluss eng mit der Lebensqualität zahlreicher Städte und Gemeinden. Besonders in Bern ist das Aareschwimmen ein weithin bekanntes Element der lokalen Kultur. Seen und Stauseen innerhalb des Aaresystems werden ebenfalls für Erholung und Wassersport genutzt.
Der Name des Flusses wirkt in zahlreichen geographischen Bezeichnungen fort. Neben Aarau und Aargau gehören dazu Namen wie Aarberg, Büren an der Aare, Wangen an der Aare, Oberaargau sowie zahlreiche lokale Flur-, Verkehrs- und Institutionsnamen. Der alte Gewässername wurde damit zu einem außerordentlich produktiven Element der schweizerischen Toponymie.
Vom Wort Aar in der dichterisch-veralteten Bedeutung „Adler“ ist Aare etymologisch zu unterscheiden. Auch die verschiedenen kleineren Flüsse mit dem Namen Aar, Aar oder Aar dürfen allein aufgrund der modernen Lautähnlichkeit nicht ohne weiteres mit der schweizerischen Aare gleichgesetzt werden. Bei alten Gewässernamen ist jeweils die historische Formenreihe entscheidend.
Ebenso besteht kein etymologischer Zusammenhang mit dem Familiennamen Aall. Namensträger wie Jakob Aall gehören einer eigenständigen skandinavischen Namenüberlieferung an. Die graphische Nähe der Formen Aall, Aar und Aare ist für sich kein Hinweis auf sprachgeschichtliche Verwandtschaft.
Insgesamt verbindet die Aare nahezu exemplarisch die wichtigsten Landschaftsräume der nördlichen Schweiz. Ihr Wasser stammt aus hochalpinen Gletscher- und Schneeregionen, durchfließt große Alpenseen, erreicht die Bundesstadt Bern, prägt das Mittelland und den Jurafuß, verbindet sich mit den Flusssystemen von Reuss und Limmat und mündet schließlich in den Rhein. Naturgeschichte, Siedlungsgeschichte, Verkehr, Wasserbau, Energiegewinnung und politische Raumbildung sind entlang dieses Flusses ungewöhnlich eng miteinander verflochten.
Etymologie
Der Name Aare gehört zu den ältesten überlieferten Gewässernamen der Schweiz. Er reicht deutlich hinter die deutsche beziehungsweise alemannische Besiedlung des Mittellandes zurück und wird von der Namenforschung einer sehr alten, voreinzelsprachlichen oder sogenannten alteuropäischen Hydronymie zugerechnet. Damit gehört er zu einer Namenschicht, deren wesentliche Bestandteile bereits bestanden, bevor sich die heute in der Schweiz gesprochenen germanischen und romanischen Sprachen in ihrer mittelalterlichen Form herausgebildet hatten.
Die antike Überlieferung zeigt einen deutlich längeren Namen als die heutige Form. Bezeugt ist ein Stamm Arur-, der unter anderem in lateinischen beziehungsweise latinisierten Bildungen begegnet. In der Forschung werden Formen wie Arura angesetzt; daneben entwickelten sich romanische Varianten wie Arula und Arola. Solche Formen sind für die Rekonstruktion wesentlich, weil die heutige zweisilbige Form Aare allein die ursprüngliche Struktur des Namens nicht mehr erkennen lässt.
Eine traditionelle namenkundliche Rekonstruktion geht von einer sehr alten Form etwa *Orurā aus, aus der über keltische beziehungsweise keltisch vermittelte und anschließend romanische Entwicklungsstufen *Arura, Arura, Arula oder Arola entstanden sein können. Im germanisch-alemannischen Sprachraum wurde der Name anschließend an die dortigen Lautverhältnisse angepasst. Als Zwischenstufe wird unter anderem eine Form *Arra beziehungsweise Ara angenommen.
Die genaue sprachliche Zugehörigkeit und ursprüngliche lexikalische Bedeutung der ältesten Form lässt sich jedoch nicht mit derselben Sicherheit bestimmen wie die spätere Lautentwicklung. Ältere Forschung hat verschiedene indogermanische, keltische oder sogenannte alteuropäische Erklärungen vorgeschlagen. Die moderne Namenkunde behandelt solche sehr alten Hydronyme vorsichtig, weil die zeitliche Tiefe der Überlieferung groß ist und die Ausgangssprache häufig nicht mehr unmittelbar greifbar ist. Eine scheinbar einfache Übersetzung des Namens sollte daher nicht als gesicherte Tatsache angegeben werden.
Für eine alteuropäische Einordnung spricht vor allem, dass vergleichbare sehr alte Flussnamen zur ältesten erhaltenen Namenschicht Mitteleuropas gehören. Große Gewässer bewahren ihre Namen häufig über mehrere Sprachwechsel hinweg. Neue Bevölkerungsgruppen übernehmen den bereits vorhandenen Namen, passen ihn jedoch an ihre eigene Lautstruktur und später an ihre Schreibgewohnheiten an. Dadurch kann ein Flussname über Jahrtausende fortbestehen, obwohl seine ursprüngliche Bedeutung für spätere Sprecher nicht mehr verständlich ist.
Bei der Entwicklung von Arura zu den späteren Formen spielten Lautvereinfachung und Anpassung eine wesentliche Rolle. Die Folge zweier r-Laute konnte in romanischen Varianten durch Dissimilation verändert werden, sodass Formen wie Arula oder Arola entstanden. Parallel dazu konnte im germanischen Sprachraum eine stärkere Verkürzung erfolgen. Solche nebeneinander bestehenden Formen sind bei alten Eigennamen nicht ungewöhnlich, weil dieselbe geographische Bezeichnung gleichzeitig von unterschiedlichen Sprachgemeinschaften übernommen werden konnte.
Die heutige deutsche Form Aare gehört zur alemannisch-deutschen Überlieferung des Namens. In schweizerdeutschen Mundarten kann die Aussprache gegenüber der standarddeutschen Lautung variieren. Die moderne Schreibform mit aa kennzeichnet den langen Anfangsvokal und ist das Ergebnis einer späteren orthographischen Stabilisierung; sie bildet nicht unmittelbar die antike Lautgestalt ab.
Der Gewässername wurde seinerseits zum Ausgangspunkt zahlreicher jüngerer Ortsnamen und Landschaftsnamen. Besonders deutlich ist dies bei Aarau. Dieser Name wird auf eine althochdeutsche Verbindung des Aarenamens mit Au beziehungsweise althochdeutsch ouwa „wassergeprägtes Land, Flussniederung“ zurückgeführt und bedeutet sinngemäß „Au oder Land an der Aare“.
Auch Aargau enthält den Gewässernamen als ersten Bestandteil. Das Grundwort Gau bezeichnet hier einen historischen Landschafts- beziehungsweise Herrschaftsraum. Aargau ist somit sprachgeschichtlich nicht dasselbe Wort wie Aarau: Beide Namen beziehen sich auf die Aare, enthalten jedoch unterschiedliche zweite Bestandteile. Diese Unterscheidung erklärt zugleich die auffällige Nähe der modernen Schreibformen.
Weitere Namen wie Aarberg, Oberaargau und zahlreiche lokale Zusammensetzungen zeigen die außerordentliche Produktivität des Flussnamens. Ein ursprünglich selbständiges Hydronym wird dabei zum Bestimmungswort neuer Toponyme. Diese jüngeren Bildungen dürfen etymologisch nicht mit dem Alter des Flussnamens selbst gleichgesetzt werden: Der Name Aare ist wesentlich älter als die mittelalterlichen Städte und Landschaftsbezeichnungen, die aus ihm gebildet wurden.
Vom deutschen Substantiv Aar „Adler“ ist der Gewässername ausdrücklich zu unterscheiden. Aar in der Bedeutung „Adler“ gehört zu einer germanischen Wortfamilie, die unter anderem auf althochdeutsch aro zurückgeht. Die Ähnlichkeit mit Aare ist daher kein Beleg für gemeinsame Herkunft; eine Deutung des Flussnamens als „Adlerfluss“ wäre sprachgeschichtlich unbegründet.
Dasselbe gilt für den Familiennamen Aall und für Eigennamen wie Jakob Aall. Sie gehören einer anderen Namenüberlieferung an. Alphabetische Nähe ist von Etymologie grundsätzlich zu unterscheiden: Erst historische Belegformen, Lautentwicklung und sprachliche Struktur erlauben eine Aussage über tatsächliche Verwandtschaft.
Auch kleinere Flüsse namens Aar, Aar oder Aar müssen jeweils anhand ihrer eigenen historischen Überlieferung beurteilt werden. Moderne Gleich- oder Ähnlichlautung kann sowohl auf gemeinsame alte Benennungsmuster als auch auf verschiedene Entwicklungen zurückgehen. Für die schweizerische Aare ist durch die antiken Formen mit Arur- jedenfalls eine eigenständige, weit zurückreichende Namenüberlieferung fassbar.
Die Etymologie der Aare ist damit ein besonders anschauliches Beispiel für die Dauerhaftigkeit von Gewässernamen. Während politische Grenzen, Sprachen und Siedlungsformen im Aaregebiet mehrfach wechselten, blieb der Flussname in jeweils angepasster Lautgestalt erhalten. Die heutige Form Aare bildet den jüngsten Abschnitt einer Namenentwicklung, die bis in die vor- und frühgeschichtliche Sprachlandschaft Mitteleuropas zurückreicht.