Aartalsee
Der Aartalsee ist ein künstlich angelegter Stausee im oberen Aartal im Lahn-Dill-Kreis in Hessen. Er wird durch die Aartalsperre gebildet, die die Aar, einen linken Nebenfluss der Dill, aufstaut. Das Gewässer liegt auf dem Gebiet der Gemeinden Bischoffen und Hohenahr und besteht aus einer größeren Hauptsperre und einer vorgelagerten Vorsperre. Hauptaufgabe der Anlage ist der Hochwasserschutz; zugleich entwickelte sich der Aartalsee zu einem bedeutenden Naturschutz-, Freizeit- und Erholungsraum des mittelhessischen Lahn-Dill-Berglands. Grammatisch ist Aartalsee ein maskulines Substantiv: der Aartalsee.
Lexikon
Der Aartalsee liegt im westlichen Mittelhessen im oberen Tal der Aar. Der Fluss durchzieht das Gladenbacher Bergland weitgehend von Osten nach Westen und mündet bei Herborn-Burg in die Dill. Im Bereich des heutigen Stausees weitet sich das Tal zum Niederweidbacher Becken. Diese vergleichsweise offene Tallandschaft bot günstige Voraussetzungen für die Anlage eines größeren Hochwasserrückhalteraumes.
Unmittelbar am See liegen beziehungsweise grenzen die Orte Bischoffen, Niederweidbach, Ahrdt und Mudersbach an. Bischoffen und Niederweidbach gehören zur Gemeinde Bischoffen, Ahrdt und Mudersbach zur Gemeinde Hohenahr. Die kommunale Grenze verläuft damit durch beziehungsweise unmittelbar am Bereich der Talsperre.
Der Aartalsee darf begrifflich nicht vollständig mit der Aartalsperre gleichgesetzt werden. Mit Aartalsee wird vor allem die entstandene Wasserfläche beziehungsweise der Stausee bezeichnet. Aartalsperre bezeichnet dagegen die gesamte wasserwirtschaftliche Anlage mit Hauptdamm, Vorsperre, Stau- und Hochwasserentlastungseinrichtungen, Betriebsanlagen und den zugehörigen Rückhalteräumen. Im alltäglichen Sprachgebrauch werden beide Namen jedoch häufig synonym verwendet.
Die Anlage gliedert sich in eine Hauptsperre und eine Vorsperre. Diese Zweiteilung erfüllt unterschiedliche wasserwirtschaftliche und ökologische Aufgaben. Das Hauptbecken enthält den größten Teil des regulierbaren Speicherraumes und wird zugleich für Freizeit und Erholung genutzt. Die weiter oberhalb gelegene Vorsperre nimmt zunächst das Wasser der Aar und weiterer Zuflüsse auf und bildet heute einen besonders wertvollen Lebensraum für Wasservögel, Wiesenbrüter und andere an Feuchtgebiete gebundene Arten.
Die Wasserfläche ist nicht zu jeder Jahreszeit gleich groß. Eine Talsperre, die vor allem dem Hochwasserschutz dient, wird bewusst mit wechselnden Stauzielen betrieben. In niederschlagsreichen Jahreszeiten muss ein größerer Teil des möglichen Speicherraumes frei bleiben, damit bei Hochwasser zusätzliches Wasser aufgenommen werden kann. Im Sommer wird ein höherer Wasserstand gehalten. Der Aartalsee ist deshalb kein See mit natürlicherweise annähernd gleichbleibender Uferlinie, sondern ein technisch reguliertes Gewässer.
Beim normalen Sommerstau besitzt das Hauptbecken eine Wasserfläche von ungefähr 58 Hektar, die Vorsperre etwa 19 Hektar. Bei höheren Stauzuständen können wesentlich größere Flächen überflutet werden. Die genaue Größenangabe eines Stausees hängt daher davon ab, ob Normalstau, Sommerstau oder maximaler Hochwasserstand gemeint ist. Angaben zur „Größe des Aartalsees“ unterscheiden sich deshalb in verschiedenen Darstellungen, ohne dass sie zwangsläufig widersprüchlich sein müssen.
Das Einzugsgebiet der Talsperre umfasst rund 60 Quadratkilometer. Neben der Aar speisen mehrere kleinere Gewässer den Stausee. Dazu gehören unter anderem Stadterbach, Wilsbach, Weidbach und Meerbach. Das Wasser dieser Bäche gelangt je nach Lage zunächst in die Vorsperre oder unmittelbar in das Hauptbecken.
Die Aar selbst ist ein rund 20 Kilometer langer Fluss des Lahn-Dill-Berglands. Ihr Einzugsgebiet setzt sich nach Westen über Bischoffen, Mittenaar und Herborn fort. Vom Aartalsee fließt das Wasser über die Aar zur Dill, weiter zur Lahn, zum Rhein und schließlich zur Nordsee. Der Aartalsee ist damit Bestandteil des Rheineinzugsgebietes.
Die Entstehung der Talsperre hängt unmittelbar mit den wiederkehrenden Hochwassern an Aar und Dill zusammen. Die verhältnismäßig kleinen Mittelgebirgsbäche können nach intensiven oder lang anhaltenden Niederschlägen sehr rasch anschwellen. Das hügelige Einzugsgebiet führt dazu, dass Wasser von Hängen und Seitentälern innerhalb kurzer Zeit in den Hauptgewässern zusammenströmt.
Im 20. Jahrhundert ereigneten sich im Dillgebiet mehrfach schwere Hochwasser. Besonders die Ereignisse von 1909, 1918, 1940, 1946 und 1984 machten die Gefährdung der tiefer gelegenen Siedlungen deutlich. Nach dem schweren Hochwasser von 1946 entstanden umfassendere Planungen für einen regionalen Hochwasserschutz im Lahn- und Dillgebiet.
1951 ließ die Wasserwirtschaftsverwaltung einen entsprechenden Generalplan ausarbeiten. Zwischen den ersten grundsätzlichen Überlegungen und dem tatsächlichen Bau der Aartalsperre lagen jedoch mehrere Jahrzehnte. Talsperrenprojekte erfordern umfangreiche Untersuchungen zu Hydrologie, Geologie, Flächennutzung, Eigentumsverhältnissen, Naturschutz und Wirtschaftlichkeit. Zugleich greifen sie tief in bestehende Landschaften ein.
Erst im Sommer 1984 begannen die eigentlichen Bauarbeiten. Bemerkenswert ist, dass gerade im Februar desselben Jahres erneut ein schweres Hochwasser im Gebiet aufgetreten war und damit die Notwendigkeit einer wirksamen Rückhaltemöglichkeit nochmals deutlich geworden war. Die Bauphase dauerte bis Anfang der 1990er Jahre.
Für die Errichtung der Anlage mussten große Mengen Erde und Gestein bewegt werden. Neben dem Hauptdamm entstanden ein Vordamm, Hochwasserentlastungsanlagen, Betriebswege, Einlauf- und Auslaufbauwerke sowie Flächen für die Vorsperre. Teile des Talbodens wurden vertieft beziehungsweise umgestaltet, andere Bereiche aufgeschüttet oder eingedeicht.
Der Hauptdamm erreicht eine Länge von rund 270 Metern. Er ist als Staudamm aus Erd- und Schüttmaterial konstruiert. Seine Aufgabe besteht darin, den Abfluss der Aar kontrolliert zurückzuhalten, ohne die natürliche Tallage durch eine massive Betonstaumauer vollständig zu versperren. Die eigentlichen Regel-, Kontroll- und Entlastungseinrichtungen sind in technische Bauwerke innerhalb beziehungsweise neben dem Damm integriert.
1991 war die Talsperre im Wesentlichen betriebsbereit; im März 1992 erfolgte die wasserrechtliche Abnahme durch das zuständige Regierungspräsidium. Seitdem erfüllt die Anlage ihre Hauptfunktion als Hochwasserrückhaltebecken. Bei einem starken Zufluss kann Wasser im Stauraum festgehalten werden, sodass die Abflussspitze unterhalb der Talsperre abgeschwächt wird.
Das Grundprinzip besteht darin, den zeitlichen Verlauf eines Hochwassers zu verändern. Ohne Rückhaltebecken würden große Wassermengen innerhalb kurzer Zeit talabwärts gelangen. Die Talsperre nimmt einen Teil dieser Wassermenge zunächst auf und gibt ihn anschließend kontrolliert und über einen längeren Zeitraum wieder ab. Dadurch sinkt die maximale Abflussmenge in den unterhalb gelegenen Ortslagen.
Besonders geschützt werden damit Siedlungen entlang der Aar und mittelbar auch an der Dill. Der Nutzen beschränkt sich daher nicht auf die unmittelbare Umgebung des Sees. Das Bauwerk ist Bestandteil eines größeren Systems regionaler Hochwasservorsorge.
Die Talsperre kann Hochwassergefahren jedoch nicht vollständig beseitigen. Auch ein großes Rückhaltebecken besitzt einen begrenzten Speicherraum. Bei außergewöhnlich starken oder lang anhaltenden Niederschlagsereignissen müssen deshalb zusätzlich Hochwasserentlastungseinrichtungen funktionieren. Moderne Hochwasserschutzplanung verbindet technische Bauwerke mit Flächenvorsorge, Warnsystemen und der Freihaltung natürlicher beziehungsweise künstlicher Überschwemmungsräume.
Der Aartalsee besitzt außerdem eine kleine Anlage zur Wasserkraftnutzung. Das kontrolliert abgegebene Wasser kann durch eine Turbine geführt werden und elektrische Energie erzeugen. Die installierte Leistung ist im Vergleich zu großen Wasserkraftwerken gering; dennoch werden jährlich mehrere hunderttausend Kilowattstunden Strom erzeugt. Die Energiegewinnung ist eine zusätzliche Nutzung der ohnehin erforderlichen Wasserabgabe und nicht der ursprüngliche Hauptzweck der Talsperre.
Eine besonders interessante Eigenschaft des Aartalsees ist die bewusste Trennung von intensiverer Freizeitnutzung und Naturschutz. Während sich die Freizeitangebote überwiegend an der Hauptsperre konzentrieren, ist die Vorsperre weitgehend dem Schutz von Lebensräumen vorbehalten. Diese räumliche Differenzierung soll Nutzungskonflikte begrenzen.
Das Naturschutzgebiet Aartalsperre bei Mudersbach wurde bereits 1990 ausgewiesen und umfasst die Vorsperre sowie angrenzende Ufer- und Grünlandflächen. Damit wurde der ökologische Wert des neu entstehenden Gewässers schon während der Bauphase berücksichtigt. Die Schutzkonzeption verbindet künstlich geschaffene Wasserflächen mit extensiv gepflegten Wiesen, Röhrichten, Inseln und flachen Uferbereichen.
Die Vorsperre enthält zahlreiche kleinere künstlich angelegte Inseln. Sie bieten Vögeln Brut-, Ruhe- und Rastplätze, die von Landraubtieren und menschlichen Störungen vergleichsweise gut abgeschirmt sind. Gerade während des Vogelzuges können solche Inseln und flachen Uferzonen für Wat- und Wasservögel eine wichtige Funktion übernehmen.
Die ökologische Entwicklung war bemerkenswert erfolgreich. Im Bereich des Naturschutzgebietes wurden inzwischen mehrere hundert Vogelarten nachgewiesen. Neben häufigeren Enten-, Gänse- und Möwenarten treten auch seltene Wiesen- und Wasservögel auf. Zu den charakteristischen beziehungsweise besonders geschützten Arten gehören unter anderem Kiebitz, Braunkehlchen, Schwarzkehlchen, Eisvogel und verschiedene durchziehende Limikolen.
Das Gebiet ist zugleich Bestandteil des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000. Das Vogelschutzgebiet Wiesentäler um Hohenahr und die Aartalsperre umfasst neben den eigentlichen Wasserflächen auch umliegende Grünlandbereiche. Damit wird berücksichtigt, dass viele Vogelarten nicht ausschließlich das offene Wasser benötigen, sondern ein Mosaik aus Feuchtwiesen, Röhrichten, Inseln, Ufern und angrenzenden Nahrungsflächen.
Die Wasserstände besitzen dabei erhebliche ökologische Bedeutung. Eine Absenkung während der Brutzeit könnte Nester leichter zugänglich machen oder Brutplätze trockenfallen lassen. Andererseits können spätsommerliche Absenkungen neue Schlamm- und Flachwasserflächen schaffen, die ziehenden Watvögeln als Nahrungsraum dienen. Wasserwirtschaft und Naturschutz müssen deshalb sorgfältig aufeinander abgestimmt werden.
Auch die Grünlandpflege im Schutzgebiet ist gezielt geregelt. Eine angepasste Beweidung verhindert einerseits die vollständige Verbuschung, erhält andererseits offene Wiesenstrukturen für spezialisierte Pflanzen und Tiere. Der heutige ökologische Wert des Gebietes ist somit nicht das Ergebnis eines vollständig sich selbst überlassenen Naturraumes, sondern einer Kombination aus technischer Wasserhaltung und naturschutzorientierter Pflege.
Das Beispiel zeigt allgemein, dass künstliche Stauseen ambivalente Auswirkungen auf Natur und Landschaft besitzen. Durch ihren Bau werden ursprüngliche Talböden, Bachläufe und Nutzflächen überflutet beziehungsweise verändert. Gleichzeitig können neu entstehende Flachwasserzonen, Inseln und Feuchtgebiete für bestimmte Arten hochwertige Ersatzlebensräume schaffen. Eine ökologische Bewertung muss deshalb sowohl Verluste als auch neu entstandene Strukturen berücksichtigen.
Die Hauptsperre entwickelte sich seit den 1990er Jahren zu einem bedeutenden regionalen Naherholungsgebiet. Am Ufer befinden sich ein Badebereich mit Sandstrand und Liegewiesen sowie Einrichtungen für Segel-, Ruder-, Surf- und Angelsport. Damit besitzt der Aartalsee heute eine zweite, in der öffentlichen Wahrnehmung sehr sichtbare Funktion neben dem Hochwasserschutz.
Ein Rundweg von ungefähr 7,5 Kilometern führt um Haupt- und Vorsperre. Er wird zum Wandern, Spazierengehen, Joggen und Radfahren genutzt. Da große Teile vergleichsweise eben verlaufen, unterscheidet sich dieser unmittelbar am See gelegene Weg von den deutlich steigungsreicheren Wanderwegen des umgebenden Lahn-Dill-Berglands.
Darüber hinaus erschließt der Aartalsee-Panoramaweg die umliegenden Höhen. Er verlässt den unmittelbaren Uferbereich und führt durch Wald- und Wiesenlandschaften oberhalb des Sees. Dadurch wird der Aartalsee nicht nur als Wasserfläche, sondern als Teil einer größeren Mittelgebirgslandschaft wahrnehmbar.
Die Nutzung des Sees für Wassersport ist reglementiert. Nicht motorisierte Wasserfahrzeuge wie Segel-, Ruder- oder Paddelboote können unter den jeweils geltenden Voraussetzungen zugelassen werden. Bestimmte Bereiche, insbesondere Badezonen, Dammnähe, Schutzflächen und technische Anlagen, dürfen nicht befahren werden. Diese Regelungen dienen sowohl der Sicherheit als auch dem Natur- und Gewässerschutz.
Das Baden konzentriert sich auf einen ausgewiesenen Bereich an der Hauptsperre. Die Wasserqualität wird während der Badesaison überwacht. Wie bei anderen nährstoffreichen Binnengewässern können unter bestimmten sommerlichen Bedingungen Algen beziehungsweise Cyanobakterien auftreten. Solche zeitweiligen Erscheinungen gehören zur ökologischen Dynamik eines Stausees und werden durch Temperatur, Nährstoffangebot, Wind und Wasserstand beeinflusst.
Die Freizeitfunktion des Sees hat auch die wirtschaftliche Entwicklung der unmittelbaren Umgebung verändert. Gastronomie, Übernachtungsmöglichkeiten, Vereinsanlagen, Parkplätze und weitere touristische Einrichtungen entstanden beziehungsweise wurden ausgebaut. Der Stausee wurde dadurch zu einem wichtigen Ziel des Tages- und Wochenendtourismus im Lahn-Dill-Kreis.
Diese Entwicklung war beim ursprünglichen Bau zwar nicht die Hauptaufgabe, wurde aber früh als zusätzliche Nutzung berücksichtigt. Der Aartalsee ist deshalb heute ein Beispiel für eine Mehrzwecktalsperre: Hochwasserschutz besitzt Vorrang, daneben bestehen Naturschutz, Energiegewinnung, Erholung und Wassersport.
Das Verhältnis dieser Funktionen ist nicht immer spannungsfrei. Ein für den Hochwasserschutz notwendiges Absenken des Wasserstandes kann Freizeitnutzungen einschränken; intensive Besucherströme können empfindliche Tierarten stören; Naturschutzauflagen wiederum begrenzen die freie Nutzung einzelner Ufer- und Wasserflächen. Das Betriebskonzept muss deshalb verschiedene öffentliche Interessen miteinander verbinden.
Landschaftlich liegt der Aartalsee im Naturpark Lahn-Dill-Bergland. Die Umgebung besteht aus einem Wechsel von bewaldeten Höhen, offenen landwirtschaftlichen Flächen, Dörfern, Bachtälern und dem breiten Niederweidbacher Becken. Der langgestreckte Wasserkörper bildet innerhalb dieser Mittelgebirgslandschaft einen auffälligen, erst seit dem späten 20. Jahrhundert bestehenden neuen Landschaftsbestandteil.
Vor Errichtung der Talsperre bestand an derselben Stelle kein natürlicher großer See. Die heutige Wasserfläche überdeckt beziehungsweise ersetzt Teile des früheren Talbodens der Aar und angrenzender Zuflüsse. Die Bezeichnung See beschreibt daher die gegenwärtige Erscheinungsform, während die Entstehungsweise technisch ist.
Diese Unterscheidung ist auch geomorphologisch wichtig. Natürliche Seen können etwa durch Gletscher, tektonische Prozesse, Erdrutsche oder Flussverlagerungen entstehen. Der Aartalsee entstand dagegen durch die künstliche Unterbrechung des natürlichen Abflusses der Aar. Er gehört damit eindeutig zur Kategorie der Stauseen.
Der Name darf außerdem nicht mit dem Gewässersystem der anderen hessischen Aar zur Lahn verwechselt werden. Diese wesentlich längere Aar entspringt im Taunus und mündet bei Diez in die Lahn. Der Aartalsee liegt dagegen an der Aar zur Dill im Lahn-Dill-Kreis. Beide Flüsse tragen heute denselben Namen, gehören jedoch unterschiedlichen direkten Flusssystemen und Landschaftsräumen an.
Die Aar des Aartalsees fließt nach Westen über Bischoffen und Mittenaar nach Herborn. Dort erreicht sie die Dill und damit erst über diese die Lahn. Die Taunus-Aar mündet dagegen unmittelbar in die Lahn. Die Zusätze „Aar (Dill)“ und „Aar (Lahn)“ sind deshalb wichtige lexikographische Unterscheidungen.
Mit der Gemeinde Aarbergen besteht ebenfalls kein geographischer Zusammenhang. Aarbergen liegt im Untertaunus an der Aar zur Lahn, während der Aartalsee im oberen Tal der Aar zur Dill liegt. Dass beide Landschaften als Aartal bezeichnet werden können, ist eine unmittelbare Folge der gleichlautenden Flussnamen.
Der Aartalsee besitzt zugleich eine Bedeutung für die lokale Identität der Gemeinden Hohenahr und Bischoffen. Obwohl das Gewässer erst seit wenigen Jahrzehnten besteht, ist es zu einem weithin sichtbaren Symbol der Region geworden. Vereinsnamen, touristische Einrichtungen, Wanderwege und Veranstaltungen verwenden den Namen Aartalsee und tragen dadurch zu seiner festen Verankerung im regionalen Wortschatz bei.
Die vergleichsweise junge Entstehung des Sees unterscheidet ihn von traditionellen Landschaftsnamen der Region. Orte wie Erda, Ahrdt, Bischoffen und Niederweidbach besitzen mittelalterliche oder sogar frühmittelalterliche Namenüberlieferungen. Aartalsee ist dagegen eine moderne Bezeichnung für ein erst durch den Talsperrenbau entstandenes Gewässer.
Gerade dieser Gegensatz macht den Namen sprachgeschichtlich interessant. Sein erstes Element führt letztlich auf einen sehr alten Gewässernamen zurück, während der bezeichnete See selbst erst am Ende des 20. Jahrhunderts entstand. Ein alter Flussname wurde damit über die Zwischenbildung Aartal Bestandteil eines modernen Gewässernamens.
Als Toponym wird Aartalsee mit bestimmtem Artikel verwendet: der Aartalsee. Typische Verbindungen lauten „am Aartalsee“, „zum Aartalsee“, „rund um den Aartalsee“ und „das Wasser des Aartalsees“. Das Genus richtet sich nach dem Grundwort See, das in der Bedeutung „Binnengewässer“ maskulin ist.
Der Name bezeichnet im engeren Sinn das Gewässer. In touristischer oder alltagssprachlicher Verwendung kann Aartalsee jedoch metonymisch auch den gesamten Freizeit- und Landschaftsraum um die Talsperre bezeichnen. Eine Aussage wie „ein Wochenende am Aartalsee“ umfasst daher gewöhnlich nicht nur die Wasserfläche selbst, sondern Uferwege, Strand, Gastronomie und umliegende Landschaft.
Insgesamt ist der Aartalsee ein charakteristisches Beispiel moderner Landschaftsumgestaltung durch Wasserbau. Seine Entstehung wurde durch die Notwendigkeit des Hochwasserschutzes ausgelöst; der technische Eingriff schuf jedoch zugleich ein neues Gewässer, neue Lebensräume und einen regional bedeutenden Freizeitbereich. Hochwasserschutz, Naturschutz, Wasserkraft und Erholung sind dadurch an einem einzigen Ort eng miteinander verbunden.
Etymologie
Der Name Aartalsee ist eine transparente neuhochdeutsche Zusammensetzung. Er besteht unmittelbar aus dem Landschaftsnamen Aartal und dem Grundwort See. Die Bedeutung lautet daher schlicht „See im Aartal“. Da das bezeichnete Gewässer erst durch den Bau der Aartalsperre im späten 20. Jahrhundert entstand, ist auch der Gewässername in seiner heutigen Bedeutung jung.
Morphologisch lässt sich das Wort zunächst in Aartal + See gliedern. Das zweite Element See ist das Grundwort und bestimmt Wortart, Bedeutungsklasse und Genus. Ein Aartalsee ist grammatisch ein See; deshalb lautet der Artikel der. Der erste Bestandteil bezeichnet den Landschaftsraum, in dem der See liegt.
Das Bestimmungswort Aartal ist selbst wiederum eine Zusammensetzung aus dem Gewässernamen Aar und dem Substantiv Tal. Es bedeutet entsprechend „Tal der Aar“. Der vollständige moderne Name besitzt somit eine hierarchische Struktur: Aar + Tal → Aartal; Aartal + See → Aartalsee.
Zwischen Aartal und See steht kein besonderes Fugenelement. Das Wort wird unmittelbar zusammengeschrieben. Auch innerhalb von Aartal ist das zweite t beziehungsweise die Folge -tal Teil des Grundwortes Tal. Orthographisch entsteht daher die Form Aartalsee.
Die eigentliche sprachgeschichtliche Tiefe des Namens liegt nicht in Tal oder See, sondern im Gewässernamen Aar. Die hier gemeinte Aar ist die Aar zur Dill und darf nicht mit der Aar zur Lahn oder mit der schweizerischen Aare gleichgesetzt werden.
Für die Aar zur Dill sind sehr alte Namensformen überliefert. Im Umfeld des oberen Flusses begegnen im frühen Mittelalter Formen wie Ardaha, Ardehe beziehungsweise verwandte Schreibungen. Der Lorscher Codex überliefert entsprechende Namen bereits für das 8. und 9. Jahrhundert. Auch der Ortsname Erda und historische Landschaftsbezeichnungen stehen mit diesem alten Namenskomplex in Zusammenhang.
Der ältere Flussname wird als Bildung mit dem althochdeutschen Grundwort -aha erklärt. Althochdeutsch aha bedeutete „Wasser, Fließgewässer, Bach, Fluss“ und begegnet in zahlreichen sehr alten mitteleuropäischen Gewässer- und Ortsnamen. In späteren Sprachstufen konnte dieses Grundwort stark abgeschliffen oder vollständig undurchsichtig werden.
Als vorausgehendes Element wird eine Form *Arda beziehungsweise ein entsprechender alter Gewässername rekonstruiert. Die Forschung hat diesen Namen mit einer sehr alten indogermanischen Wurzel aus dem Bedeutungsbereich „fließen, zerfließen“ in Verbindung gebracht. Die genaue voreinzelsprachliche Herleitung ist jedoch nicht in allen Einzelheiten sicher und sollte deshalb nicht als einfache wörtliche Übersetzung behandelt werden.
Für die historische Entwicklung ist wichtiger, dass aus den älteren Formen vom Typ Ardaha beziehungsweise Ardehe durch Lautwandel, Silbenschwund und Abschleifung schließlich der kurze moderne Name Aar entstand. Sehr alte Gewässernamen können sich über Jahrhunderte erheblich verkürzen und dennoch dieselbe geographische Referenz bewahren.
Bemerkenswert ist außerdem die historische Schreibschwankung zwischen Aar und Ahr. Im oberen Gebiet des heutigen Flusses war über längere Zeit auch die Schreibung Ahr gebräuchlich. Diese unterschiedliche Orthographie stand teilweise mit älteren territorialen Grenzen und Verwaltungstraditionen in Verbindung. Noch heute bewahrt beispielsweise der Ortsname Ahrdt eine graphische Form mit h.
Die moderne Bezeichnung Aartal verwendet dagegen die heute standardisierte Flussform Aar. Aus ihr wurde wiederum der moderne Stauseename Aartalsee gebildet. Die Namensgeschichte verläuft deshalb über mehrere zeitliche Schichten: einen sehr alten Gewässernamen, einen daraus gebildeten Landschaftsnamen und schließlich einen modernen Namen für einen künstlich geschaffenen See.
Das zweite Element des Landschaftsnamens, Tal, geht auf althochdeutsch tal und mittelhochdeutsch tal zurück. Das Wort bezeichnet eine längliche Geländevertiefung zwischen höheren Bereichen, häufig mit einem Fluss oder Bach als natürlicher Entwässerungsachse. Die Verbindung eines Flussnamens mit -tal gehört zu den produktivsten geographischen Benennungsmustern des Deutschen.
Das Grundwort des Gesamtlemmas, See, geht auf althochdeutsch sēo und mittelhochdeutsch sē zurück. Das deutsche Wort besitzt historisch sowohl Bezüge zu Binnengewässern als auch zum Meer. Im modernen Standarddeutschen besteht eine grammatische Unterscheidung zwischen der See für ein größeres Binnengewässer und die See in der Bedeutung „Meer“ beziehungsweise in entsprechenden festen Verwendungen.
Da der Aartalsee ein Binnengewässer ist, lautet das Genus maskulin: der Aartalsee. Der Name folgt damit derselben grammatischen Struktur wie der Bodensee, der Edersee oder der Starnberger See.
Semantisch ist Aartalsee eine unmittelbar motivierte Benennung. Anders als ein alter und heute undurchsichtiger Ortsname erklärt sich das Gesamtwort aus der gegenwärtigen geographischen Lage: Der See befindet sich im Tal der Aar. Die Benennung beschreibt damit zunächst schlicht die räumliche Zuordnung.
Die Bezeichnung entstand im Zusammenhang mit Planung und Bau der Aartalsperre. Noch vor der Aufstauung existierte selbstverständlich das Aartal, aber kein Aartalsee im heutigen Sinn. Mit dem Bau des Rückhaltebeckens wurde eine neue Landschaftsform geschaffen, die einen eigenen Namen benötigte.
Parallel dazu steht die Bezeichnung Aartalsperre. Auch sie ist aus Aartal und Talsperre gebildet. Dabei bezeichnen Aartalsee und Aartalsperre unterschiedliche, eng zusammenhängende Sachverhalte: Der erste Name bezeichnet primär das Wasser beziehungsweise den Stausee, der zweite die technische Anlage zur Aufstauung und Regulierung.
Der Unterschied lässt sich mit anderen Talsperren vergleichen. Eine Talsperre ist ein wasserwirtschaftliches Gesamtsystem aus Sperrbauwerk und Stauraum; der daraus entstehende Stausee kann einen eigenen Landschaftsnamen erhalten. Im alltäglichen Sprachgebrauch werden beide Ebenen häufig nicht streng getrennt.
Die Namensbildung steht außerdem in keinem Zusammenhang mit dem deutschen Wort Aar in der dichterisch-veralteten Bedeutung „Adler“. Die erste Silbe des Aartalsees geht auf den alten Namen des Flusses zurück. Eine Deutung als „Adlertal-See“ oder ähnliche Verbindung wäre etymologisch falsch.
Ebenso besteht keine unmittelbare Beziehung zur schweizerischen Aare, obwohl beide Namen äußerlich sehr ähnlich sind und möglicherweise sehr alte hydronymische Bildungselemente besitzen. Für eine konkrete etymologische Gleichsetzung müssen jeweils die eigenen historischen Formenfolgen berücksichtigt werden.
Von Aartal an der anderen Aar im Taunus ist der Name ebenfalls zu unterscheiden. Im deutschen Sprachraum können zwei verschiedene Täler aufgrund gleichlautender Flussnamen beide als Aartal bezeichnet werden. Der Aartalsee bezeichnet jedoch ausschließlich den Stausee im oberen Tal der Aar zur Dill bei Bischoffen und Hohenahr.
Auch mit dem Familiennamen Aall oder mit Eigennamen wie Jakob Aall besteht kein etymologischer Zusammenhang. Die alphabetische Nähe von Aall, Aar, Aartal und Aartalsee ist für die Wortgeschichte nicht maßgeblich.
Die Etymologie des Namens lässt sich daher auf zwei Ebenen zusammenfassen. Das Gesamtwort Aartalsee ist eine junge, vollständig verständliche deutsche Zusammensetzung mit der Bedeutung „See im Aartal“. Sein landschaftliches Bestimmungswort Aartal enthält jedoch den sehr viel älteren Gewässernamen Aar, dessen frühmittelalterliche Vorformen bis in das 8. und 9. Jahrhundert zurückreichen. Damit verbindet der Name eines erst im späten 20. Jahrhundert entstandenen Stausees eine moderne wasserbauliche Landschaft mit einer mehr als tausend Jahre alten Namenüberlieferung.