Aartalsperre
Die Aartalsperre ist eine Talsperre und ein Hochwasserrückhaltebecken im Lahn-Dill-Kreis in Hessen. Sie staut die Aar, einen linken Nebenfluss der Dill, und bildet den Aartalsee. Die Anlage liegt im oberen Aartal auf dem Gebiet der Gemeinden Bischoffen und Hohenahr. Ihr vorrangiger Zweck ist der Hochwasserschutz für die unterhalb gelegenen Orte an Aar und Dill; daneben erfüllt sie Funktionen für Naturschutz, Naherholung und in begrenztem Umfang die energetische Nutzung des Wassers. Die Anlage besteht aus einer Hauptsperre und einer oberhalb gelegenen Vorsperre.
Lexikon
Die Aartalsperre liegt im westlichen Mittelhessen im Lahn-Dill-Bergland. Der aufgestaute Talabschnitt gehört zum oberen Lauf der Aar zur Dill und befindet sich zwischen den Ortschaften Mudersbach, Ahrdt, Niederweidbach und Bischoffen. Die weiträumigere Tallandschaft wird als Niederweidbacher Becken bezeichnet und unterscheidet sich durch ihren vergleichsweise offenen Talboden von den enger eingeschnittenen Abschnitten des weiter westlich gelegenen Aartals.
Die Talsperre wurde in erster Linie errichtet, um Hochwasser zurückzuhalten. Die Aar besitzt zwar nur ein verhältnismäßig kleines Einzugsgebiet, kann aber nach intensiven oder lang anhaltenden Niederschlägen sehr rasch anschwellen. Zahlreiche kleinere Bäche entwässern die umliegenden Höhen und führen ihr Wasser innerhalb kurzer Zeit dem Hauptfluss zu. Dadurch können sich in der Aar ausgeprägte Abflussspitzen bilden.
Unterhalb des heutigen Stausees folgen die Ortslagen von Bischoffen, Mittenaar und schließlich der Raum Herborn. Bei Herborn-Burg mündet die Aar in die Dill. Hochwasser der Aar kann deshalb nicht nur die unmittelbar am Fluss gelegenen Siedlungen betreffen, sondern zusätzlich zur Hochwasserbelastung im Dilltal beitragen.
Die wasserwirtschaftliche Grundidee der Aartalsperre besteht darin, einen Teil einer Hochwasserwelle zeitweilig im Stauraum festzuhalten. Ohne Rückhaltung würde ein starker Zufluss weitgehend unmittelbar flussabwärts weitergegeben. Die Talsperre begrenzt dagegen die Abgabe und speichert überschüssiges Wasser vorübergehend. Erst nachdem die Hochwasserspitze abgeklungen ist, wird das zurückgehaltene Wasser kontrolliert abgegeben.
Dadurch wird die maximale Abflussmenge unterhalb der Sperre vermindert und zeitlich gestreckt. Dieser Vorgang wird als Hochwasserrückhaltung bezeichnet. Eine Talsperre verhindert dabei nicht jedes Hochwasser, sondern verändert dessen Verlauf und verringert innerhalb ihrer Speicherkapazität die gefährlichsten Abflussspitzen.
Das Einzugsgebiet der Aartalsperre umfasst rund 60,5 Quadratkilometer. Neben der Aar tragen mehrere kleinere Gewässer zum Zufluss bei. Dazu gehören unter anderem Stadterbach, Wilsbach, Weidbach, Meerbach und weitere Bäche beziehungsweise Quellarme.
Die wasserwirtschaftliche Anlage besteht aus zwei deutlich getrennten Becken: dem Vorbecken beziehungsweise der Vorsperre und dem größeren Hauptbecken. Zwischen beiden liegt ein Vordamm. Diese Gliederung verbessert die Steuerbarkeit des Gewässers und schafft zugleich unterschiedliche ökologische und landschaftliche Räume.
Die Vorsperre besitzt bei regulärem Stau eine Wasserfläche von etwa 19,2 Hektar und einen Inhalt von rund 0,15 Millionen Kubikmetern. Sie liegt im östlichen Teil der Anlage nahe Mudersbach. Ihr Wasserstand wird wesentlich gleichmäßiger gehalten als derjenige des Hauptbeckens.
Das Hauptbecken unterliegt dagegen bewusst jahreszeitlich unterschiedlichen Stauzielen. Beim Winterstau liegt der Wasserspiegel niedriger als im Sommer. Dadurch bleibt während der niederschlagsreicheren Jahreszeit zusätzlicher Speicherraum für mögliche Hochwasser frei.
Beim Sommerstau erreicht das Hauptbecken eine Wasserfläche von ungefähr 57,7 Hektar und enthält rund 1,84 Millionen Kubikmeter Wasser. Beim niedrigeren Winterstau beträgt die Wasserfläche etwa 49 Hektar und der Inhalt rund 1,33 Millionen Kubikmeter. Das reguläre höchste Stauziel ermöglicht einen Inhalt von ungefähr 3,14 Millionen Kubikmetern im Hauptbecken.
Bei außergewöhnlichen Hochwassersituationen kann der Wasserspiegel noch weiter ansteigen. Dafür existiert ein gesondertes außergewöhnliches Stauziel. Der maximal nutzbare Raum oberhalb des normalen Betriebswasserstandes gehört zum sicherheitstechnischen Konzept der Talsperre und darf nicht dauerhaft mit Wasser gefüllt werden.
Der für den Hochwasserschutz verfügbare Rückhalteraum beträgt rund 1,81 Millionen Kubikmeter. Diese Größenordnung verdeutlicht, dass die Aartalsperre nicht lediglich ein Freizeitsee ist, sondern in erster Linie ein technisches Wasserbauwerk zur Regulierung extremer Abflüsse.
Die maximale reguläre Wasserabgabe aus der Anlage liegt bei etwa vier Kubikmetern pro Sekunde. Für außergewöhnliche Ereignisse besitzt die Talsperre zusätzlich eine Hochwasserentlastungsanlage. Sie ist für wesentlich größere Abflüsse ausgelegt und verhindert, dass ein extremes Hochwasser den Damm unkontrolliert überströmt.
Die Bemessung solcher Anlagen folgt hydrologischen Wahrscheinlichkeiten. Dabei werden Niederschlagsmengen, Größe und Form des Einzugsgebietes, Bodenfeuchtigkeit, Geländeneigung, Abflussverhalten und historische Hochwasser untersucht. Aus diesen Daten werden mögliche Extremabflüsse berechnet, denen das Bauwerk mit ausreichender Sicherheit standhalten muss.
Die eigentliche Sperrstelle liegt westlich des Hauptbeckens bei Bischoffen. Dort quert ein Staudamm den ehemaligen Talboden. Das Bauwerk ist überwiegend als Erd- beziehungsweise Schüttdamm ausgeführt und enthält Dichtungs-, Entlastungs- und Regelungseinrichtungen.
Für den Hauptdamm wurden rund 82.000 Kubikmeter Schüttmaterial eingebaut. Hinzu kamen umfangreiche Dichtungselemente und eine aus mehreren tausend Kubikmetern Beton bestehende Entlastungsanlage. Unterhalb des Dammes liegt ein Tosbecken, das die Energie des ausströmenden Wassers reduziert und dadurch Erosion im anschließenden Flussbett verhindert.
Noch größere Erdbewegungen waren für Vordamm und Eindeichungen erforderlich. Für deren Dammkörper wurden mehrere hunderttausend Kubikmeter Material bewegt. Zusätzlich wurde der Talboden an verschiedenen Stellen vertieft oder aufgehöht, um die gewünschte Form des Stauraumes und sichere Uferverhältnisse herzustellen.
Von der Achse des Einlaufbauwerks bis zum Ende des Tosbeckens erstreckt sich die wasserwirtschaftlich gestaltete Anlage über mehr als drei Kilometer. Die Aartalsperre besteht deshalb nicht lediglich aus dem sichtbaren Hauptdamm. Zum technischen Gesamtsystem gehören Stauraum, Vorsperre, Vordamm, Einlauf- und Auslaufbauwerke, Hochwasserentlastung, Betriebswege, Messanlagen und weitere Einrichtungen.
Die Planungen für einen wirksamen Hochwasserschutz im Gebiet reichen deutlich weiter zurück als die eigentliche Bauzeit. Wiederkehrende Überschwemmungen an Aar und Dill hatten im 20. Jahrhundert erhebliche Schäden verursacht. Besonders Hochwasserereignisse in der ersten Hälfte des Jahrhunderts führten zu Überlegungen, den Abfluss in den Oberläufen technisch zu regulieren.
Nach schweren Überschwemmungen wurden überregionale Konzepte für die Flüsse des Lahn-Dill-Gebiets entwickelt. Dabei wurde deutlich, dass örtliche Schutzmauern und Flussausbauten allein nicht ausreichen würden. Ein Teil des Hochwassers sollte deshalb bereits im Oberlauf zurückgehalten werden, bevor es dichter besiedelte Gebiete erreicht.
Die Umsetzung eines solchen Projektes erforderte jedoch umfangreiche Vorarbeiten. Neben der Hydrologie mussten Geologie, Baugrund, Eigentumsverhältnisse, Landwirtschaft, Straßen, Gewässerökologie und später zunehmend auch Naturschutzbelange untersucht werden. Zwischen ersten grundsätzlichen Planungen und dem tatsächlichen Baubeginn lagen daher mehrere Jahrzehnte.
Die reguläre Bauzeit der Aartalsperre erstreckte sich von 1984 bis 1991. In diesen Jahren wurde der Talraum grundlegend umgestaltet. Dämme und wasserwirtschaftliche Bauwerke entstanden, große Erdmassen wurden bewegt und der künftige Stauraum vorbereitet. Mit Abschluss der Bauarbeiten konnte die Anlage schrittweise eingestaut und in Betrieb genommen werden.
Der Bau der Talsperre veränderte die Kulturlandschaft dauerhaft. Vorher verlief die Aar durch Wiesen, Äcker und einen vergleichsweise breiten Talboden. Nach dem Aufstau entstand der heutige Aartalsee als mehrere Kilometer langer Wasserkörper. Frühere landwirtschaftlich genutzte Flächen wurden überflutet oder in Ufer-, Schutz- und Betriebsflächen umgewandelt.
Die Bezeichnung Aartalsperre umfasst dabei streng genommen mehr als den sichtbaren Aartalsee. Der See ist die durch das Aufstauen entstandene Wasserfläche. Die Talsperre bezeichnet dagegen das gesamte technische System, das den natürlichen Abfluss sperrt, Wasser zurückhält und kontrolliert wieder abgibt.
Im alltäglichen Sprachgebrauch werden Aartalsperre und Aartalsee dennoch häufig austauschbar verwendet. Wer „an die Aartalsperre“ fährt, meint gewöhnlich den gesamten Landschafts- und Freizeitbereich des Stausees. In wasserwirtschaftlichen Zusammenhängen ist eine genauere Trennung jedoch sinnvoll.
Bereits während der Entstehung wurde die Anlage nicht ausschließlich unter technischen Gesichtspunkten betrachtet. Besonders die Vorsperre wurde als ökologisch wertvoller Raum gestaltet. Flache Ufer, Grünland und zahlreiche kleine Inseln boten günstige Bedingungen für Wasservögel und andere an Feuchtgebiete gebundene Arten.
1990 wurde das Naturschutzgebiet Aartalsperre bei Mudersbach ausgewiesen. Es umfasst rund 49 Hektar und schließt die Wasserfläche der Vorsperre sowie angrenzende Ufer- und Grünlandbereiche ein. Die Unterschutzstellung erfolgte damit bereits während der Bauphase der Gesamtanlage.
Das Gebiet entwickelte sich zu einem der bedeutenderen Vogellebensräume Mittelhessens. Seit der Ausweisung wurden dort ungefähr 240 Vogelarten nachgewiesen. Neben Brutvögeln nutzen zahlreiche Zugvögel das Gebiet im Frühjahr und Herbst als Rast- und Nahrungsplatz.
Von besonderer Bedeutung sind die Kombination aus offenem Wasser, Flachwasserzonen, Inseln, Röhrichten und extensiv genutztem Grünland. Unterschiedliche Arten benötigen jeweils andere Strukturen: Schwimmvögel nutzen offene Wasserflächen, Watvögel flache Ufer und Schlickbereiche, während Wiesenbrüter auf offene Grasflächen angewiesen sind.
Zu den charakteristischen beziehungsweise seltenen Arten des Schutzgebietes gehören Kiebitz, Braunkehlchen, Schwarzkehlchen, Moorente, Eisvogel und weitere Arten. Die angrenzenden Wiesen werden gezielt gepflegt beziehungsweise angepasst beweidet, damit offene Lebensräume erhalten bleiben.
Das Naturschutzgebiet gehört außerdem zum europäischen Schutzgebietsnetz Natura 2000 und ist Bestandteil des Vogelschutzgebietes Wiesentäler um Hohenahr und die Aartalsperre. Damit besitzt die wasserwirtschaftliche Anlage zugleich eine überregionale Bedeutung für den europäischen Vogelschutz.
Die Hauptsperre wird dagegen stärker für Naherholung genutzt. Dort befinden sich Bade- und Liegebereiche, Möglichkeiten für Segel-, Surf-, Ruder- und Angelsport sowie Wege für Spaziergänger und Radfahrer. Ein Rundweg erschließt Haupt- und Vorsperre und macht die unterschiedlichen Landschaftsteile unmittelbar erlebbar.
Diese räumliche Aufteilung ist ein wesentliches Element des Nutzungskonzeptes. Intensive Freizeitnutzungen konzentrieren sich auf bestimmte Bereiche der Hauptsperre, während die Vorsperre und empfindliche Uferflächen stärker geschützt werden. Damit soll verhindert werden, dass Naturschutz und Erholung überall unmittelbar miteinander konkurrieren.
Die verschiedenen Funktionen können dennoch miteinander in Konflikt geraten. Der für den Hochwasserschutz erforderliche Wasserstand entspricht nicht immer den Interessen des Wassersports. Eine Absenkung kann Uferflächen trockenfallen lassen, während hohe Wasserstände bestimmte Brutplätze beeinflussen können. Umgekehrt können Besucher, Wassersport und Hunde empfindliche Tierarten stören.
Der Betrieb einer solchen Mehrzwecktalsperre erfordert deshalb fortlaufende Abwägungen. Vorrang besitzt die Sicherheit und der Hochwasserschutz. Daneben müssen Naturschutz, Freizeitnutzung, Gewässerökologie und technische Unterhaltung berücksichtigt werden.
Ein weiteres Nutzungselement ist die Wasserkraft. Das ohnehin kontrolliert aus dem Speicher abgegebene Wasser kann technisch zur Stromerzeugung genutzt werden. Wegen der vergleichsweise geringen Fallhöhe und Abflussmenge handelt es sich allerdings nicht um ein großes Wasserkraftwerk, sondern um eine ergänzende energetische Nutzung.
Die Talsperre muss regelmäßig technisch überwacht werden. Dabei werden unter anderem Dammkörper, Dichtung, Wasserstände, Sickerwasser, Bauwerke und Regelanlagen kontrolliert. Talsperren zählen zu den sicherheitsrelevanten wasserbaulichen Anlagen, weil ein Versagen des Sperrbauwerks erhebliche Folgen für die unterhalb liegenden Siedlungen haben könnte.
Zum Betrieb gehören deshalb regelmäßige Unterhaltungs- und Sanierungsmaßnahmen. Alternde technische Einrichtungen müssen ersetzt, Beton- und Dichtungsbauteile überprüft und die Betriebsfähigkeit der Hochwasserentlastung dauerhaft gewährleistet werden. Auch die langfristige Entwicklung des Baugrundes und des Dammes wird durch Messungen beobachtet.
Seit den 2020er Jahren wird eine umfassende Sicherheitsüberprüfung vorbereitet, die mit der langfristigen Fortführung beziehungsweise sogenannten Entfristung des Anlagenbetriebs verbunden ist. Dazu gehören fachtechnische Gutachten und geplante Sanierungsmaßnahmen.
Für einzelne Untersuchungen und Baumaßnahmen muss der Wasserstand zeitweise erheblich abgesenkt beziehungsweise das Becken entleert werden. Ein solcher Vorgang verändert das Erscheinungsbild des Aartalsees vorübergehend stark. Der freigelegte Beckenboden gehört jedoch zur technischen Betriebsfläche der Talsperre und bedeutet nicht die dauerhafte Aufgabe des Gewässers.
Der Hochwasserschutz kann auch während bestimmter Absenkungsphasen in erheblichem Umfang erhalten bleiben, weil ein leeres oder teilweise geleertes Rückhaltebecken grundsätzlich besonders viel Speicherraum besitzt. Entscheidend ist allerdings die Funktionsfähigkeit der Dämme, Ablaufbauwerke und übrigen technischen Einrichtungen.
Die Aartalsperre zeigt damit exemplarisch, dass ein Stausee kein statisches Landschaftselement ist. Wasserstände, technische Betriebszustände und Nutzungsbedingungen können sich ändern. Das Gewässer ist Teil eines aktiv bewirtschafteten wasserwirtschaftlichen Systems.
Der Name darf nicht mit dem Aartal der Aar zur Lahn im Taunus verwechselt werden. Dort liegen unter anderem Bad Schwalbach, Aarbergen und die Aartalbahn. Die Aartalsperre des Lahn-Dill-Kreises befindet sich dagegen an der wesentlich kürzeren Aar zur Dill.
Damit gehören Aartalsperre und Aartalbahn trotz ihres gleichen Wortanfangs zu zwei verschiedenen Aartälern. Die Aartalbahn verläuft im Tal der Aar, die bei Diez unmittelbar in die Lahn mündet. Die Aartalsperre staut dagegen jene Aar, die bei Herborn-Burg zunächst in die Dill und erst über diese in die Lahn gelangt.
Auch die Gemeinde Aarbergen steht nicht in unmittelbarer Beziehung zur Aartalsperre. Aarbergen liegt im Untertaunus an der Aar zur Lahn. Die Gemeinden der Aartalsperre heißen dagegen Bischoffen und Hohenahr.
Als geographische und technische Bezeichnung ist Aartalsperre ein feminines Substantiv: die Aartalsperre. Typische Verbindungen lauten „an der Aartalsperre“, „der Bau der Aartalsperre“, „die Vorsperre der Aartalsperre“ und „der Betrieb der Aartalsperre“.
Die feminine Form wird durch das Grundwort Talsperre beziehungsweise Sperre bestimmt. Obwohl mit dem Namen ein sehr großer Landschafts- und Gewässerraum bezeichnet werden kann, bleibt das grammatische Geschlecht an das letzte Glied der Zusammensetzung gebunden.
Insgesamt ist die Aartalsperre ein Beispiel dafür, wie moderner Wasserbau eine bestehende Kulturlandschaft grundlegend verändern kann. Ausgangspunkt war der Schutz vor Hochwasser. Aus dem technischen Eingriff entstand zugleich der Aartalsee, ein neuer regionaler Landschaftsraum mit bedeutenden Funktionen für Naturschutz und Freizeit.
Etymologie
Aartalsperre ist eine transparente neuhochdeutsche Zusammensetzung aus dem Landschaftsnamen Aartal und dem Substantiv Sperre. Die unmittelbare Bedeutung lautet „Talsperre im Aartal“ beziehungsweise genauer „Sperranlage im Tal der Aar“.
Wortbildungstypologisch handelt es sich um ein Determinativkompositum. Das Grundwort Sperre bestimmt, welcher Sachklasse die bezeichnete Anlage angehört; das Bestimmungswort Aartal- legt ihre geographische Zuordnung fest.
Das grammatische Genus richtet sich nach dem Grundwort. Da Sperre feminin ist, heißt es die Aartalsperre. Der Genitiv lautet der Aartalsperre, ebenso der Dativ.
Der Bestandteil Aartal ist seinerseits aus dem Gewässernamen Aar und dem Grundwort Tal gebildet. Die Wortstruktur lässt sich daher hierarchisch als Aar + Tal → Aartal; Aartal + Sperre → Aartalsperre darstellen.
Das Wort Sperre gehört zur Wortfamilie des Verbs sperren. Dessen ältere deutsche Formen bezeichneten das Verschließen, Versperren oder Hemmen eines Weges beziehungsweise einer Bewegung. Das Substantiv Sperre kann entsprechend ein Hindernis, eine Absperrung oder eine Vorrichtung zum Zurückhalten bezeichnen.
In der Wasserwirtschaft erhielt Sperre eine spezialisierte Bedeutung. Eine Talsperre sperrt einen Talquerschnitt mit einem Damm oder einer Mauer ab und hält dadurch Wasser zurück. Das Wasser wird dabei nicht vollständig gestoppt, sondern kontrolliert gespeichert und über technische Einrichtungen wieder abgegeben.
Das Erstglied Aar bezeichnet bei der Aartalsperre ausschließlich die Aar zur Dill. Dieser Gewässername besitzt eine wesentlich ältere Überlieferung als die moderne Talsperre. Für das frühe Mittelalter sind Formen wie Ardha, Ardehe und verwandte Schreibungen belegt.
In Formen wie Ardehe ist das althochdeutsche Element -aha erkennbar, das „Wasser, Bach, Fließgewässer“ bedeutete. Dieses alte Grundwort begegnet in zahlreichen mitteleuropäischen Gewässernamen und wurde im Laufe der Sprachgeschichte häufig stark abgeschliffen.
Das vorausgehende Element Ard- beziehungsweise eine verwandte Grundform wird mit sehr alten hydronymischen Wortbildungen aus dem Bedeutungsbereich „fließen“ in Verbindung gebracht. Die genaue voreinzelsprachliche Bedeutung ist nicht völlig sicher rekonstruierbar. Eine scheinbar präzise moderne Übersetzung sollte daher vermieden werden.
Durch Lautwandel, den Verlust unbetonter Silben und spätere orthographische Vereinheitlichung entwickelte sich aus älteren Namenformen schließlich Aar. Zeitweise begegnete regional auch die Schreibung Ahr. Noch der Ortsname Ahrdt bewahrt eine entsprechende Form mit h.
Aus dem modernen Gewässernamen wurde die Landschaftsbezeichnung Aartal gebildet. Sie bedeutet unmittelbar „Tal der Aar“. Das Wort Tal geht auf althochdeutsch und mittelhochdeutsch tal zurück und bezeichnet eine längliche Geländevertiefung zwischen höheren Landschaftsteilen.
Die Bezeichnung Aartalsperre entstand erst im Zusammenhang mit Planung und Bau des modernen Wasserbauwerks. Sie ist daher wesentlich jünger als Aar und Aartal. Während der Gewässername eine mehr als tausendjährige schriftliche Überlieferung besitzt, gehört der Name der Talsperre zum technischen und administrativen Wortschatz des 20. Jahrhunderts.
Nahe verwandt in der modernen Wortbildung ist Aartalsee. Beide Bezeichnungen besitzen dasselbe Bestimmungswort Aartal-, unterscheiden sich aber durch ihre Grundwörter. Aartalsperre bezeichnet die wasserbauliche Anlage, Aartalsee primär das dadurch entstandene Gewässer.
Diese Unterscheidung ist auch sprachlich bedeutsam. Eine Sperre ist eine technische Konstruktion beziehungsweise ein funktionales System; ein See ist eine Wasserfläche. Dass im alltäglichen Gebrauch beide Bezeichnungen teilweise für denselben Erholungsraum verwendet werden, ändert nichts an ihrer unterschiedlichen lexikalischen Grundbedeutung.
Von der Aartalbahn ist die Aartalsperre ebenfalls zu unterscheiden. Beide Wörter enthalten Aartal, beziehen sich jedoch auf verschiedene gleichnamige Täler. Die Aartalbahn folgt der Aar zur Lahn im Taunus; die Aartalsperre liegt an der Aar zur Dill im Lahn-Dill-Kreis.
Auch mit dem deutschen Wort Aar „Adler“ besteht kein etymologischer Zusammenhang. Das Aar- in Aartalsperre ist ein Hydronym, also ein Gewässername. Eine Deutung des Namens aus der Vogelbezeichnung wäre sprachgeschichtlich falsch.
Ebenso darf der Name nicht unmittelbar aus der schweizerischen Aare hergeleitet werden. Ähnliche Gewässernamen können sehr alte sprachgeschichtliche Parallelen besitzen, müssen aber anhand ihrer jeweiligen historischen Belegformen eigenständig untersucht werden.
Mit dem Familiennamen Aall und Eigennamen wie Jakob Aall besteht ebenfalls keine etymologische Verbindung. Die alphabetische Nähe von Aall, Aar, Aartal, Aartalsee und Aartalsperre ist kein Hinweis auf gemeinsame Herkunft.
Die Namensgeschichte lässt sich damit auf drei zeitliche Ebenen verteilen: Der alte Gewässername Aar bezeichnet den Fluss; daraus entstand die transparente Landschaftsbezeichnung Aartal; und mit dem modernen Hochwasserschutzbau des 20. Jahrhunderts entstand daraus die technische Bezeichnung Aartalsperre. Der heutige Name verbindet somit einen sehr alten Flussnamen mit einem modernen Begriff der Wasserbautechnik.