Aari

Aari ist eine in Äthiopien gesprochene Sprache des südwestäthiopischen Omo-Raums. Im Deutschen wird der Sprachname als neutrales Substantiv verwendet: das Aari. Die Sprache wird hauptsächlich von den Aari gesprochen, deren traditionelles Siedlungsgebiet im Hoch- und Bergland um Jinka liegt. Seit der äthiopischen Verwaltungsneuordnung von 2023 gehört dieses Kerngebiet überwiegend zur Ari Zone der Region Südäthiopien. Sprachwissenschaftlich wird Aari gewöhnlich den südomotischen beziehungsweise aroiden Sprachen zugerechnet. Sein internationaler Sprachcode nach ISO 639-3 lautet aiw.

Lexikon

Aari ist eine indigene Sprache des südwestlichen Äthiopiens. Ihr hauptsächliches Verbreitungsgebiet liegt im weiteren Omo-Raum um Jinka, eine Stadt im südäthiopischen Hochland nördlich des unteren Omo. Das traditionelle Sprachgebiet umfasst überwiegend dicht besiedelte, landwirtschaftlich genutzte Hochland- und Bergregionen, die sich landschaftlich deutlich von den tiefer gelegenen trockeneren Gebieten des unteren Omotals unterscheiden.

Die heutige politische Zuordnung des Sprachgebietes unterscheidet sich von den Angaben vieler älterer sprachwissenschaftlicher und ethnografischer Veröffentlichungen. Bis 2023 gehörten die wichtigsten Aari-Gebiete zur South Omo Zone innerhalb der damaligen Region der südlichen Nationen, Nationalitäten und Völker. Nach einer umfassenden administrativen Neuordnung Äthiopiens entstand im August 2023 die Region Südäthiopien. Innerhalb dieser neuen Region wurde eine eigenständige Ari Zone eingerichtet, deren Verwaltungssitz Jinka ist.

Die Änderung der Verwaltungsgrenzen ist für ältere Literatur besonders zu beachten. Angaben wie „Aari wird in der South Omo Zone gesprochen“ können für den Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung korrekt gewesen sein, beschreiben aber nicht mehr vollständig die gegenwärtige Verwaltungsgliederung. Das eigentliche historische und sprachliche Gebiet der Aari hat sich dadurch selbstverständlich nicht plötzlich verlagert; verändert wurde vielmehr seine politische Zuordnung.

Der Sprachname bezeichnet im engeren Sinn die Sprache der Aari. Sprache und ethnische Bezeichnung sind daher eng miteinander verbunden. In wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Sprachdatenbanken begegnen unterschiedliche Schreibformen wie Aari, Ari, Aarai, Ara und Aro. Die international heute besonders verbreitete Sprachbezeichnung lautet Aari.

Als Eigenbezeichnung der Sprache wird unter anderem Áfan ārí wiedergegeben, in äthiopischer Schrift አፋን፡ኣሪ፡. Ethnografische Literatur verwendet daneben die Form Araf als Bezeichnung der Sprache. Unterschiedliche Umschriften dürfen nicht vorschnell als Namen verschiedener Sprachen aufgefasst werden; sie spiegeln teilweise verschiedene wissenschaftliche Transkriptions- und orthografische Traditionen wider.

Der internationale ISO-639-3-Code des Aari lautet aiw. In Glottolog wird die Sprache unter dem Glottocode aari1239 geführt. Diese Codes dienen der eindeutigen sprachwissenschaftlichen Identifikation und sind besonders wichtig, weil Bezeichnungen wie Ari oder Aari in verschiedenen Publikationen unterschiedlich geschrieben werden können.

Die Zahl der Sprecher lässt sich für die Gegenwart nicht mit derselben Genauigkeit angeben wie ein Sprachcode. Der äthiopische Zensus von 2007, auf den zahlreiche internationale Sprachdatenbanken zurückgreifen, verzeichnete ungefähr 285.000 Menschen mit Aari als Erstsprache. Neuere demografische Schätzungen liegen teilweise deutlich höher, sind aber methodisch nicht unmittelbar mit den Daten des letzten umfassenden äthiopischen Bevölkerungszensus vergleichbar. Für lexikografische Angaben ist daher eine datierte Sprecherzahl einer scheinbar exakten, aber methodisch unklaren aktuellen Zahl vorzuziehen.

Aari ist trotz des intensiven Kontakts mit größeren äthiopischen Verkehrssprachen keine ausschließlich häuslich verwendete Rest- oder Kleinstsprache. Es wird in Familien, lokalen Gemeinschaften und auf regionalen Märkten gebraucht und besitzt eine entwickelte schriftliche Verwendung. Internationale Sprachdatenbanken bewerten es gegenwärtig nicht als akut gefährdete Sprache.

Gleichzeitig ist Amharisch im Aari-Gebiet von großer Bedeutung. Viele Aari-Sprecher sind mehrsprachig und verwenden Amharisch zusätzlich für überregionale Kommunikation, staatliche Einrichtungen, Bildung, Medien oder Kontakte mit Bevölkerungsgruppen außerhalb des eigenen Sprachgebietes. Die tatsächliche sprachliche Situation ist daher wesentlich durch Mehrsprachigkeit geprägt.

Diese Mehrsprachigkeit besitzt eine historische Dimension. Im späten 19. Jahrhundert wurde das Gebiet der Aari während der Expansion des äthiopischen Kaiserreiches unter Menelik II. in den zentraläthiopischen Staat eingegliedert. Mit der politischen und wirtschaftlichen Neuordnung nahm auch der Einfluss des Amharischen erheblich zu.

Der Sprachkontakt führte nicht zum Verschwinden des Aari. Vielmehr entstand eine Situation, in der Aari für lokale Kommunikation und kulturelle Identität fortbesteht, während Amharisch in zahlreichen überregionalen Kommunikationsbereichen verwendet wird. Sprachwechsel und Zweisprachigkeit sind dabei nicht als identische Prozesse zu verstehen: Ein Sprecher kann Amharisch sehr gut beherrschen und dennoch Aari als erste und alltägliche Gemeinschaftssprache verwenden.

Die Sprache besitzt deshalb auch eine ausgeprägte identitätsstiftende Funktion. Ethnografische Untersuchungen beschreiben Aari nicht lediglich als Kommunikationsmittel, sondern als wesentliches Merkmal der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft. Sprache, Namengebung, mündliche Überlieferung und soziale Erinnerung sind eng miteinander verbunden.

Sprachwissenschaftlich gehört Aari zu einer kleinen Gruppe südwestäthiopischer Sprachen, die häufig als südomotisch, englisch South Omotic, oder als aroid bezeichnet wird. Zu dieser Gruppe werden neben Aari unter anderem Gayil, Hamer, Karo und Dime beziehungsweise entsprechende enger oder weiter gefasste Untergruppen gerechnet.

Innerhalb dieser Gruppe steht Aari besonders eng mit Gayil in Verbindung. Moderne genealogische Klassifikationen können deshalb eine Untergruppe Aari–Gayil ansetzen. Die einzelnen Klassifikationssysteme unterscheiden sich jedoch in ihrer Terminologie und in der genauen Gliederung der südomotischen beziehungsweise aroiden Sprachgruppe.

Traditionell werden die omotischen Sprachen als ein Hauptzweig der afroasiatischen Sprachen eingeordnet. Nach dieser weit verbreiteten Klassifikation ergibt sich für Aari eine genealogische Folge wie Afroasiatisch – Omotisch – Südomotisch – Aari.

Diese übergeordnete Einordnung ist allerdings nicht vollständig unumstritten. Insbesondere die Frage, ob das Omotische insgesamt tatsächlich einen gesicherten Zweig des Afroasiatischen bildet, wird in der historisch-vergleichenden Linguistik diskutiert. Glottolog behandelt die südomotische beziehungsweise aroide Gruppe daher als eigenständig gesicherte Familie, ohne ihre Zugehörigkeit zum Afroasiatischen als erwiesen vorauszusetzen.

Für die Beschreibung von Aari ist diese Kontroverse wichtig, weil zwischen einer gut begründeten engeren Verwandtschaft und einer umstritteneren entfernten Familienzuordnung unterschieden werden muss. Die Zugehörigkeit von Aari zum süd- beziehungsweise aroid-omotischen Zusammenhang ist deutlich besser abgesichert als die weiterreichende Rekonstruktion eines gemeinsamen afroasiatischen Ursprungs aller traditionell als omotisch bezeichneten Sprachen.

Aari selbst ist keine vollkommen einheitliche Sprechform. Innerhalb seines Verbreitungsgebietes bestehen mehrere regionale Dialekte beziehungsweise Varietäten. In sprachwissenschaftlichen und ethnologischen Verzeichnissen begegnen Namen wie Bako, Biyo beziehungsweise Biya, Laydo, Seyki, Shangama, Sido, Wubahamer und Zeddo.

Die genaue Abgrenzung dieser Varietäten ist nicht in allen Quellen identisch. Dialektnamen können zugleich regionale, soziale oder ältere administrative Bezeichnungen widerspiegeln. Hinzu kommt, dass eng benachbarte Sprachen in älteren Beschreibungen gelegentlich anders abgegrenzt wurden als in heutigen sprachwissenschaftlichen Klassifikationen.

Besondere Bedeutung besitzt die Frage nach Gayil, das in älterer Literatur teilweise als Galila beziehungsweise als eine Varietät des Aari behandelt wurde. Neuere Klassifikationen führen Gayil dagegen als eigenständige, mit Aari eng verwandte Sprache. Dieser Fall zeigt, dass die Grenze zwischen „Dialekt“ und „Sprache“ nicht allein durch gegenseitige Ähnlichkeit bestimmt wird, sondern eine genaue historische und strukturelle Untersuchung erfordert.

Typologisch weist Aari zahlreiche Merkmale auf, die für Sprachen des südwestlichen Äthiopiens charakteristisch sind. Die grundlegende Wortstellung ist Subjekt–Objekt–Verb, kurz SOV. Das finite Verb steht somit typischerweise am Ende eines einfachen Aussagesatzes, während das Objekt ihm vorausgeht.

Die Stellung des Verbs ist nicht nur eine oberflächliche Besonderheit einzelner Beispielsätze, sondern Teil einer breiteren syntaktischen Struktur. Der World Atlas of Language Structures klassifiziert Aari ausdrücklich als Sprache mit der Reihenfolge Objekt–Verb. Auch andere Satzbestandteile ordnen sich entsprechend den für eine verbfinale Sprache typischen Mustern an.

Innerhalb der Nominalgruppe zeigt Aari jedoch nicht einfach sämtliche Eigenschaften eines einzigen idealtypischen SOV-Musters. Beispielsweise können Demonstrativa und Numeralia nach dem Substantiv stehen. Sprachtypologische Kategorien sind daher keine starren Gesamtpakete, sondern beschreiben jeweils einzelne strukturelle Eigenschaften.

Die Morphologie des Aari ist stark durch Suffixe geprägt. Besonders das Verb kann eine Reihe grammatischer Informationen durch nachgestellte Morpheme ausdrücken. Dazu gehören unter anderem Person, Tempus, Negation und verschiedene Formen der Ableitung.

Verbalwurzeln sind häufig relativ kurz. Durch Flexions- und Ableitungselemente können daraus komplexere Wortformen entstehen. Ein wichtiges Beispiel ist die Kausativbildung: Ein entsprechendes Suffix kann anzeigen, dass jemand eine andere Person oder Sache dazu bringt, eine Handlung auszuführen beziehungsweise einen Zustand herbeizuführen.

Solche Bildungen verändern die Valenz eines Verbs. Aus einem intransitiven Verb kann dadurch ein transitives werden; aus einem bereits transitiven Verb kann eine Konstruktion entstehen, die zusätzlich einen Verursacher und einen Handelnden unterscheidet. Aari bietet deshalb interessantes Material für die allgemeine Untersuchung von Kausativität und Argumentstruktur.

Auch die Negation wird morphologisch am Verb ausgedrückt. WALS klassifiziert Aari als Sprache mit einem negativen Affix. Die Negation ist damit nicht ausschließlich ein selbständiges Wort wie deutsches nicht, sondern eng in die grammatische Struktur des Prädikats eingebunden.

Das Nominalsystem unterscheidet grammatische Kategorien wie Genus, Numerus beziehungsweise Singulativ- und Kollektivbezüge sowie verschiedene syntaktische Formen. Besonders charakteristisch ist, dass die morphologische Markierung nicht einfach dem deutschen Gegensatz Singular–Plural entspricht. Zahl und Individualisierung können durch unterschiedliche Suffixe beziehungsweise Formen ausgedrückt werden.

Auch die Personalpronomina bilden ein ausdifferenziertes System. Je nach syntaktischer Funktion können unterschiedliche selbständige und gebundene beziehungsweise abhängige Formen verwendet werden. In der dritten Person Singular wird zwischen maskulinen und femininen Formen unterschieden.

Phonologisch gehört Aari zu den Tonsprachen. Die Tonhöhe kann damit zur Unterscheidung sprachlicher Formen beitragen und ist nicht lediglich Ausdruck von Satzmelodie oder emotionaler Betonung. Beschreibungen unterscheiden insbesondere hohen und tiefen Ton.

In der älteren grammatischen Analyse wurde hervorgehoben, dass die Position eines Hochtons bei Nomina lexikalische Bedeutung besitzen kann, während Tonmuster im Verb stärker grammatisch bestimmt sein können. Damit verbindet Aari segmentale Morpheme und Ton zu einem komplexen grammatischen System.

Das Konsonantensystem enthält neben im Deutschen vertrauten Lauttypen auch implosive und andere glottalisierte beziehungsweise laryngal beeinflusste Konsonanten. Solche Laute sind für viele Sprachen des Horns von Afrika und benachbarter Regionen typologisch bedeutsam, ihre genaue phonetische Realisierung unterscheidet sich jedoch von Sprache zu Sprache.

Aari wurde lange überwiegend mündlich tradiert. Die Verschriftlichung ist deshalb wesentlich jünger als die Sprache selbst. Heute begegnen sowohl eine auf der äthiopischen Schrift beruhende Orthografie als auch Formen der Lateinschrift.

Die äthiopische Schrift, international häufig als Geʽez-Schrift bezeichnet, wurde ursprünglich für Altäthiopisch entwickelt und später für zahlreiche moderne äthiopische Sprachen angepasst. Für Aari müssen zusätzliche lautliche Unterschiede berücksichtigt werden, die in den klassischen semitischen Sprachen Äthiopiens nicht in derselben Weise vorhanden sind.

Daneben werden lateinschriftliche Systeme insbesondere in sprachwissenschaftlichen Arbeiten, Wörterbüchern und bestimmten Bildungs- oder Übersetzungszusammenhängen verwendet. Die Umschrift kann Tonzeichen, Sonderbuchstaben und Apostrophzeichen für bestimmte Konsonanten einsetzen. Eine wissenschaftliche Transliteration ist dabei nicht automatisch mit der Orthografie des Schulunterrichts identisch.

Die Entwicklung einer geschriebenen Form veränderte die gesellschaftliche Stellung der Sprache. Aari kann heute nicht nur in mündlicher Alltagskommunikation, sondern auch als Gegenstand schulischer Bildung, in Wörterbüchern, Übersetzungen und sprachwissenschaftlichen Beschreibungen verwendet werden. Glottolog beziehungsweise die dort herangezogenen Vitalitätsdaten führen die Sprache entsprechend mit dem Status Educational.

Zu den bedeutenden sprachwissenschaftlichen Beschreibungen gehört Richard J. Haywards 1990 erschienene Studie Notes on the Aari Language. Sie behandelt unter anderem Phonologie, Morphologie und Syntax und bildet eine wichtige Grundlage für typologische Datenbanken wie den World Atlas of Language Structures.

Eine weitere wichtige Darstellung ist Fekede Menutas Aari Language: A Comparative Grammar von 2011. Solche Arbeiten sind besonders wichtig, weil viele kleinere und mittelgroße afrikanische Sprachen wesentlich weniger umfassend dokumentiert sind als europäische Nationalsprachen.

Die Erforschung des Aari ist zugleich für die historische Sprachvergleichung von Bedeutung. Da die Stellung der südomotischen beziehungsweise aroiden Sprachen innerhalb der größeren Sprachfamilien umstritten ist, liefern genaue Beschreibungen des Grundwortschatzes, der Pronomen, der Verbmorphologie und anderer konservativer grammatischer Strukturen wichtige Daten für genealogische Hypothesen.

Sprachvergleich darf dabei nicht allein auf ähnlich klingenden Einzelwörtern beruhen. Um eine genetische Verwandtschaft nachzuweisen, müssen regelmäßige Lautentsprechungen, gemeinsame grammatische Innovationen und systematische Übereinstimmungen im Grundwortschatz untersucht werden. Gerade beim Omotischen ist diese methodische Unterscheidung zwischen genetischer Verwandtschaft und jahrhundertelangem Sprachkontakt besonders wichtig.

Südwestäthiopien gehört zu den sprachlich vielfältigsten Regionen Afrikas. Auf relativ engem Raum begegnen omotische beziehungsweise aroide, kuschitische, nilosaharanische und andere Sprachgruppen. Intensive Mehrsprachigkeit kann daher zu Lehnwörtern, strukturellen Annäherungen und gemeinsamen arealen Eigenschaften führen, ohne dass daraus automatisch eine engere genealogische Verwandtschaft folgt.

Auch Aari enthält sprachliche Spuren solcher Kontakte. Besonders das Amharische besitzt aufgrund seiner historischen Rolle als Verwaltungs-, Bildungs- und Verkehrssprache großen Einfluss. Daneben bestehen Kontakte mit unmittelbar benachbarten Sprachen des südwestäthiopischen Hochlandes und Omogebietes.

Die Geschichte des Sprachgebrauchs ist eng mit der Sozialgeschichte der Aari verbunden. Traditionelle Gemeinschaften waren überwiegend landwirtschaftlich geprägt. Innerhalb der Gesellschaft bestanden zugleich spezialisierte Handwerksgruppen, unter anderem für Töpferei, Metallverarbeitung und Lederhandwerk. Sprachliche Bezeichnungen für soziale Rollen, materielle Kultur und landwirtschaftliche Tätigkeiten spiegeln diese Lebensformen.

Die moderne sprachliche Situation wird von mehreren teilweise gegensätzlichen Prozessen beeinflusst. Schulbildung, Mobilität und staatliche Kommunikation fördern den Gebrauch überregionaler Sprachen; zugleich schaffen lokale Bildung, schriftliche Materialien und institutionelle Anerkennung neue Möglichkeiten für die Verwendung des Aari in Bereichen, in denen es früher überwiegend mündlich gebraucht wurde.

Aari ist daher weder als unveränderte „traditionelle Sprache“ noch als zwangsläufig vom Verschwinden bedrohte Minderheitensprache angemessen beschrieben. Es handelt sich um eine lebendige Sprache, deren Gebrauch sich unter den Bedingungen von Mehrsprachigkeit, staatlicher Neuordnung, Bildungsentwicklung und gesellschaftlichem Wandel verändert.

Im Deutschen bezeichnet Aari in diesem Lemma ausschließlich die Sprache. Grammatisch ist der Sprachname Neutrum: „das Aari“, „im Aari“, „die Grammatik des Aari“. Wie viele Sprachbezeichnungen wird das Wort in dieser Bedeutung normalerweise ohne Plural gebraucht.

Daneben kann Aari international auch die ethnische Gemeinschaft bezeichnen. Im Deutschen ist zur Vermeidung von Mehrdeutigkeit eine Formulierung wie Aari beziehungsweise „Volk der Aari“ zweckmäßig. Sprachname, Ethnonym und Verwaltungsname der heutigen Ari Zone sind historisch miteinander verbunden, bezeichnen aber unterschiedliche Sachkategorien.

Etymologie

Der Sprachname Aari geht auf das Ethnonym der Aari zurück. Die Sprache ist somit grundsätzlich nach der Gemeinschaft benannt, die sie traditionell spricht. In der internationalen sprachwissenschaftlichen Literatur begegnen neben Aari insbesondere die Form Ari sowie Varianten wie Aarai, Ara und Aro.

Die Eigenbezeichnung der Sprache wird unter anderem als Áfan ārí geschrieben und in äthiopischer Schrift als አፋን፡ኣሪ፡ wiedergegeben. Dabei bezeichnet Ārí die ethnisch-sprachliche Zugehörigkeit; Áfan fungiert in dieser Verbindung als Bezeichnung für Sprache beziehungsweise Rede. Die gesamte Verbindung entspricht damit funktional einer Benennung wie „Sprache der Aari“ beziehungsweise „Aari-Sprache“.

In ethnografischen Arbeiten findet sich daneben die Bezeichnung Araf für die Sprache. Diese Form zeigt, dass die interne Namenbildung nicht vollständig mit dem international standardisierten Glottonym Aari identisch sein muss. Ein Glottonym, also ein Sprachname, kann in wissenschaftlichen Verzeichnissen aus dem Namen der Sprechergruppe gebildet sein, während die Sprecher selbst für ihre Sprache eine morphologisch komplexere Eigenbezeichnung verwenden.

Die Schreibung Aari mit Doppel-a ist heute in internationalen Sprachdatenbanken weit verbreitet. Ältere oder abweichende Literatur verwendet häufig Ari. Dieser Unterschied allein bezeichnet keine sprachgeschichtliche Trennung und auch keine zwei verschiedenen Sprachen.

Bei der Wiedergabe äthiopischer Namen in lateinischer Schrift treten grundsätzlich erhebliche Variationen auf. Unterschiede können aus der Transliteration, aus der jeweiligen Ausgangssprache, aus wissenschaftlichen Transkriptionssystemen und aus der Anpassung an englische, französische oder deutsche Schreibgewohnheiten entstehen. Bei einem Namen wie Aari/Ari ist deshalb die historische Quellenlage wichtiger als eine vermeintlich etymologische Interpretation einzelner Buchstaben.

Eine sichere lexikalische Etymologie des eigentlichen Ethnonyms Aari im Sinn einer nachweisbaren ursprünglichen Bedeutung wie „Menschen von …“, „Bauern“, „Bewohner des Landes …“ oder einer vergleichbaren Übersetzung ist in den grundlegenden sprachwissenschaftlichen Nachschlagewerken nicht allgemein etabliert. Eine solche Bedeutung sollte deshalb ohne spezifischen historischen Nachweis nicht erfunden oder aus ähnlich klingenden Wörtern anderer Sprachen abgeleitet werden.

Für die lexikografische Darstellung ist vielmehr zwischen der Herkunft des Sprachnamens und der weiter zurückliegenden Herkunft des Ethnonyms zu unterscheiden. Die erste Frage lässt sich klar beantworten: Der Sprachname Aari beruht auf dem Namen der Aari. Die ursprüngliche innersprachliche Entstehung des Namens Aari selbst ist dagegen nicht in gleicher Weise gesichert.

Diese methodische Unterscheidung ist besonders wichtig, weil kurze Namen leicht zu zufälligen Ähnlichkeiten führen. Das äthiopische Aari darf beispielsweise nicht aus dem deutschen Wort Aar „Adler“ erklärt werden. Das deutsche Wort gehört zu einer germanischen Wortfamilie und besitzt keinerlei nachgewiesenen historischen Zusammenhang mit dem südäthiopischen Ethnonym.

Ebenso besteht kein etymologischer Zusammenhang mit der schweizerischen Aare. Der Name dieses mitteleuropäischen Flusses gehört zu einer sehr alten europäischen Gewässernamenschicht. Die bloße lautliche Ähnlichkeit von Aare und Aari stellt keinen sprachgeschichtlichen Zusammenhang her.

Auch Namen wie Aarau, Aarberg, Aarburg, Aargau oder Aarwangen gehören einer vollständig anderen europäischen Namenüberlieferung an. Bei diesen schweizerischen Toponymen bildet die Aare beziehungsweise eine historische Form ihres Flussnamens das Bestimmungswort.

Mit dem skandinavischen Familiennamen Aall und Eigennamen wie Jakob Aall besteht ebenfalls kein etymologischer Zusammenhang. Die alphabetische Nachbarschaft von Aall, Aar und Aari ist für die historische Sprachwissenschaft ohne Beweiswert.

Auch das international häufige Ari als Personenname in anderen Sprachgemeinschaften muss getrennt werden. Gleichlautende Namen können im Hebräischen, in nordgermanischen Sprachen, im Armenischen oder anderen Sprachen völlig unterschiedliche Ursprünge besitzen. Homonymie beziehungsweise zufällige Lautgleichheit ist keine genealogische Verwandtschaft.

Der Wechsel zwischen den Formen Aari und Ari ist zudem von der sprachwissenschaftlichen Familienbezeichnung Aroid beziehungsweise Ari-Banna zu unterscheiden. Diese Termini wurden geschaffen, um eine Gruppe eng miteinander verwandter südäthiopischer Sprachen zu bezeichnen, zu der Aari gehört. Sie sind klassifikatorische Fachausdrücke und nicht automatisch historische Selbstbezeichnungen sämtlicher Sprecher dieser Sprachen.

Die ältere Bezeichnung Ari-Banna verbindet den Namen Aari/Ari mit Banna, einer eng mit Hamer verbundenen Bevölkerungs- beziehungsweise Sprachbezeichnung. In jüngerer typologischer Literatur wird dafür häufig Aroid oder weiterhin South Omotic verwendet. Diese terminologische Entwicklung betrifft die wissenschaftliche Klassifikation und verändert nicht den eigentlichen Sprachnamen Aari.

Auch der Begriff omotisch besitzt eine andere Entstehungsgeschichte. Er ist nach dem äthiopischen Omo benannt und wurde als sprachwissenschaftliche Familienbezeichnung geprägt. Die Aussage „Aari ist eine omotische Sprache“ bedeutet daher nicht, dass Aari und Omo etymologisch miteinander verwandt wären.

Die Namensgeschichte kann somit auf mehreren Ebenen beschrieben werden: Aari ist zunächst der Name einer ethnischen Gemeinschaft; daraus wurde die international gebräuchliche Bezeichnung ihrer Sprache. Innerhalb der Sprache begegnet eine Eigenbezeichnung wie Áfan ārí, während ethnografische Literatur auch Araf verwendet. Varianten wie Ari, Ara, Aro und Aarai beruhen auf unterschiedlichen Wiedergabe- und Überlieferungstraditionen.

Eine weitergehende angebliche Grundbedeutung des Ethnonyms sollte dagegen nur dann angesetzt werden, wenn historische oder sprachvergleichende Quellen sie ausdrücklich belegen. Für einen wissenschaftlich vorsichtigen Lexikoneintrag ist daher die gesicherte Aussage vorzuziehen: Der Sprachname Aari ist vom Namen des Volkes der Aari abgeleitet; die ursprüngliche lexikalische Bedeutung dieses Ethnonyms ist nicht hinreichend gesichert.