Pasquale Angiolini
Überblick
Pasquale Angiolini war ein italienischer Tänzer und Choreograph aus der weit verzweigten Angiolini-Familie. Er wurde 1766 in Florenz geboren und starb am 21. April 1817 in Wien. Seine Laufbahn ist vor allem über fachlexikalische Familienartikel, Wiener Theaterzusammenhänge und vereinzelte Libretto- beziehungsweise Theaterzettelspuren greifbar. Der wichtigste gesicherte Befund lautet, dass er von 1794 bis 1817 in Wien wirkte. Damit gehört er zu jener Generation italienischer Bühnenkünstler, die das Wiener Ballett nach der großen Reformphase des 18. Jahrhunderts im praktischen Repertoirebetrieb weitertrugen.
Pasquale Angiolini steht neben bekannteren Familienmitgliedern. Gaspero Angiolini, meist Gasparo Angiolini genannt, wurde als Reformchoreograph des ballet d’action und des Handlungsballetts berühmt. Pietro Angiolini ist als Tänzer, Choreograph und Ballettmeister zwischen Italien, London und Wien besser dokumentiert. Nicola Angiolini beziehungsweise Niccolò Angiolini war ebenfalls Tänzer und Choreograph und von 1793 bis 1814 in Wien engagiert. Pasquale gehört zu dieser praktisch arbeitenden Familiengeneration, deren künstlerische Bedeutung weniger in theoretischen Schriften als in Bühnenarbeit, Rollenfach, Theaterpersonal, Repertoire und familiärer Mobilität liegt.
Besonders wichtig ist Pasquales Verbindung mit Anna Angiolini, geborene Bitsch. Sie war seit 1800 seine Frau, wurde 1783 in Wien geboren, starb dort am 26. Januar 1808 und war von 1801 bis 1808 als Figurantin in Wien engagiert. Das Ehepaar macht sichtbar, dass die Theatergeschichte des frühen 19. Jahrhunderts nicht nur aus großen Choreographennamen besteht, sondern aus Familien, Ensembles, Figurantinnen, Grotesktänzern, komischen Fachrollen, Theaterverträgen und kontinuierlicher Bühnenarbeit.
Kurzdaten
| Name | Pasquale Angiolini. |
|---|---|
| Geburt | 1766 in Florenz. |
| Tod | 21. April 1817 in Wien. |
| Beruf | Tänzer, Choreograph, Bühnenkünstler, Theaterpraktiker und Angehöriger einer italienischen Ballett- und Theaterfamilie. |
| Familie | Angehöriger der Familie Angiolini; im Umfeld von Gaspero Angiolini, Pietro Angiolini, Nicola Angiolini und Romulo Angiolini zu verorten. |
| Ehe | Seit 1800 verheiratet mit Anna Angiolini, geborene Bitsch, Figurantin, * 1783 in Wien, † 26. Januar 1808 in Wien. |
| Wien | 1794 bis 1817 in Wien tätig. |
| Anna Angiolinis Tätigkeit | 1801 bis 1808 in Wien engagiert; seit 1800 mit Pasquale Angiolini verheiratet. |
| Tanzfach | In Theater- und Librettozusammenhängen besonders im Bereich des komischen beziehungsweise grotesken Fachs fassbar. |
| Gattungsumfeld | Ballett, Opernballett, Divertissement, Grotesktanz, komisches Fach, Pantomimenballett, Wiener Theaterballett und gemischter Opern- und Theaterabend. |
| Bedeutung | Pasquale Angiolini ist kulturgeschichtlich wichtig als Vertreter der praktischen Wiener Ballettberufe um 1800, als Angehöriger der Angiolini-Familie und als Bühnenkünstler zwischen italienischer Tanztradition und Wiener Theaterbetrieb. |
| GND | 1076417280. |
Quellenlage und Abgrenzung
Die Quellenlage zu Pasquale Angiolini ist knapp. Die zentralen Lebensdaten und die berufliche Grundbestimmung stammen aus fachlexikalischen Familienartikeln zur Familie Angiolini. Dort wird Pasquale als Tänzer und Choreograph genannt, mit Geburt 1766 in Florenz, Tod am 21. April 1817 in Wien und Wiener Tätigkeit von 1794 bis 1817. Seine Frau Anna Angiolini, geborene Bitsch, wird als Figurantin bezeichnet und mit der Wiener Bühne von 1801 bis 1808 verbunden.
Für einzelne Aufführungen, Rollen oder choreographische Arbeiten ist die Überlieferung schwieriger. Pasquale erscheint in Libretto- und Theaterzettelspuren gelegentlich im Ballettpersonal, insbesondere im Umfeld der grotteschi oder des komischen Fachs. Solche Angaben sind wertvoll, aber sie bilden kein geschlossenes Werkverzeichnis im modernen Sinn. Sie belegen Bühnenpräsenz und Fachzugehörigkeit, nicht immer eine selbständige Autorschaft.
Wichtig ist außerdem die Abgrenzung gegenüber anderen Angehörigen der Familie Angiolini. Gaspero Angiolini war der berühmte Reformchoreograph und Theoretiker des Handlungsballetts; Pietro Angiolini verfasste zahlreiche Ballette und war als Ballettmeister tätig; Nicola Angiolini war ebenfalls in Wien engagiert. Pasquale darf nicht mit diesen Personen verschmolzen werden. Gerade bei einer Theaterfamilie mit wiederkehrenden Vornamen, italienischen und deutschen Namensformen sowie wechselnden Bühnenorten ist eine präzise Zuordnung notwendig.
Familie und genealogische Einordnung
Pasquale Angiolini gehört zur italienischen Familie Angiolini, die in der europäischen Tanz- und Theatergeschichte des 18. und frühen 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielte. Die Familie war durch Tänzer, Choreographen, Ballettmeister, Theaterinspektoren, Solotänzerinnen und Figurantinnen vertreten. Ihre Geschichte zeigt, wie eng Tanzberufe mit familiären Netzwerken verbunden waren. Ausbildung, Engagement, Bühnenwissen, künstlerisches Renommee und berufliche Weitergabe vollzogen sich häufig innerhalb solcher Familienzusammenhänge.
Der berühmteste Vertreter der Familie war Gaspero Angiolini, der in Wien mit Christoph Willibald Gluck und Ranieri de’ Calzabigi das dramatische Ballett prägte. Pasquale gehört einer späteren Generation an, die diese Reformtradition nicht primär theoretisch fortschrieb, sondern in der täglichen Theaterpraxis um 1800 weiterführte. Gerade darin liegt seine kulturgeschichtliche Bedeutung: Er steht für die Normalisierung und Institutionalisierung des Balletts im Wiener Theaterbetrieb.
Seine Ehe mit Anna Bitsch, später Anna Angiolini, ist ein wichtiger Hinweis auf die Sozialstruktur des Theaters. Anna war nicht bloß eine private Begleitperson, sondern selbst Bühnenkünstlerin. Als Figurantin gehörte sie zum choreographischen Apparat des Theaters. Die Ehe zwischen Pasquale und Anna zeigt daher die Verbindung von Familienbildung und Theaterberuf, wie sie für viele Bühnenfamilien um 1800 charakteristisch war.
Laufbahn zwischen Florenz, Italien und Wien
Pasquale Angiolini wurde 1766 in Florenz geboren. Florenz war für die Familie Angiolini ein zentraler Herkunftsort und zugleich Teil einer italienischen Theaterlandschaft, in der sich Tänzer, Sänger, Komponisten und Choreographen zwischen städtischen Bühnen, höfischen Räumen und reisenden Engagements bewegten. Über Pasquales frühe Ausbildung und erste Engagements liegen keine dichten, einzeln datierten Nachweise vor. Aus seiner familiären Einbindung lässt sich jedoch erschließen, dass er aus einem professionellen Bühnenmilieu kam.
Die italienische Ballettpraxis des späten 18. Jahrhunderts war stark fachlich gegliedert. Es gab seriöse Tänzer, Tänzerinnen des mezzo carattere, Grotesktänzer, komische Rollen, Figurantinnen, Ensemblemitglieder und Ballettmeister. Pasquale erscheint in diesem System vor allem als Tänzer und Choreograph. Libretto- und Theaterquellen deuten darauf hin, dass er besonders im komischen oder grotesken Bereich sichtbar wurde. Dieses Fach war bewegungsstark, oft charakteristisch oder komisch akzentuiert und stellte hohe Anforderungen an Timing, Körperbeherrschung und szenische Wirkung.
Der Schwerpunkt seiner überlieferten Laufbahn liegt jedoch eindeutig in Wien. Ab 1794 war er dort tätig und blieb bis zu seinem Tod 1817 mit der Stadt verbunden. Damit verbrachte er mehr als zwei Jahrzehnte in einem Theatermilieu, das durch italienische, französische, deutsche und österreichische Traditionen geprägt war. Pasquales Laufbahn ist daher ein Beispiel für die Internationalisierung des Wiener Balletts.
Wiener Tätigkeit 1794–1817
Die Wiener Tätigkeit Pasquale Angiolinis fällt in eine wichtige Übergangszeit. Die große Reformphase des 18. Jahrhunderts lag noch nahe: Hilverding, Gaspero Angiolini, Gluck, Calzabigi und Noverre hatten das Wiener Ballett als dramatische Kunstform geprägt. Um 1800 ging es nicht mehr nur um Reformprogramme, sondern um deren Einbau in den laufenden Theaterbetrieb. Das Ballett musste Abend für Abend in Opern, Singspielen, Divertissements und gemischten Theaterformen funktionieren.
Pasquale Angiolini wirkte in diesem Zusammenhang als Tänzer und Choreograph. Er gehörte nicht zu jenen Figuren, deren ästhetisches Programm in großen Schriften überliefert ist. Seine Bedeutung liegt vielmehr in der praktischen Kontinuität. Er war Teil eines Ensemblesystems, in dem Rollen, Fachzuständigkeiten, Wiederaufnahmen, Einlagen und Repertoirepflege entscheidend waren. Das Wiener Publikum nahm Ballett nicht nur in großen selbständigen Werken wahr, sondern auch als lebendigen Bestandteil des gesamten Theaterabends.
Seine lange Wiener Tätigkeit bis 1817 zeigt, dass italienische Tanzkünstler in Wien nicht bloß kurzfristige Gäste waren. Sie wurden in den lokalen Betrieb integriert und prägten dort Fach, Stil und Personalstruktur. Dass Pasquales Frau Anna ebenfalls in Wien engagiert war, verstärkt diesen Befund. Die Angiolini waren in Wien nicht nur einzelne Künstler, sondern Teil einer familiär organisierten Theaterpräsenz.
Anna Angiolini, geborene Bitsch
Anna Angiolini, geborene Bitsch, wurde 1783 in Wien geboren und starb dort am 26. Januar 1808. Seit 1800 war sie die Frau Pasquale Angiolinis. Von 1801 bis 1808 war sie in Wien als Figurantin engagiert. Ihre kurze Lebenszeit und die knappen Nachweise dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Figurantinnen für das historische Theater eine wichtige Rolle spielten. Sie gehörten zum sichtbaren Bühnenkörper, der Gruppenszenen, Ballettbilder, szenische Aufzüge und dekorative beziehungsweise dramatische Bewegungsordnungen trug.
Der Begriff Figurantin bezeichnet im historischen Theater nicht einfach eine beliebige Statistin. Figurantinnen mussten szenische Präsenz, rhythmische Sicherheit, Gruppendisziplin, körperliche Koordination und Theatererfahrung besitzen. Sie waren an der Wirkung des Balletts ebenso beteiligt wie Solotänzerinnen und Solotänzer, auch wenn ihre Namen in der späteren Erinnerung seltener hervorgehoben wurden.
Für Pasquale Angiolinis Artikel ist Anna deshalb mehr als eine biographische Nebenfigur. Sie macht die familiäre, geschlechtsspezifische und institutionelle Dimension des Ballettbetriebs sichtbar. Das Ehepaar Pasquale und Anna Angiolini steht für eine Theaterwelt, in der künstlerische Arbeit oft im Familienverband geleistet wurde und in der Frauen als Figurantinnen, Solotänzerinnen, Grotesktänzerinnen oder Primaballerinen unverzichtbar waren.
Bühnenprofil, Tanzfach und choreographische Praxis
Pasquale Angiolinis genaues Rollenverzeichnis ist nicht vollständig rekonstruierbar. Aus den vorhandenen Nachweisen ergibt sich jedoch ein Bühnenprofil, das ihn als praktischen Tänzer und Choreographen im Repertoirebetrieb zeigt. Er war nicht primär Autor theoretischer Programme, sondern ein Künstler der Bühne. Seine Arbeit bestand in körperlicher Darstellung, rhythmischer Präzision, szenischer Reaktionsfähigkeit und der Organisation choreographischer Abläufe.
Die Verbindung mit dem komischen beziehungsweise grotesken Fach ist besonders aussagekräftig. In italienischen Theaterquellen des späten 18. Jahrhunderts erscheinen die grotteschi als besondere Gruppe von Tänzern, deren Aufgaben nicht mit dem heroisch-seriösen Fach identisch waren. Sie arbeiteten mit pointierter Bewegung, komischer Charakterisierung, akrobatischer Beweglichkeit, Übertreibung, Kontrast und scharfem Timing. Dieses Fach verlangte eine andere Kunst als das würdevolle heroische Ballett, aber keineswegs weniger Können.
Als Choreograph dürfte Pasquale vor allem in jener praktischen Bedeutung des Begriffs zu verstehen sein, die um 1800 üblich war. Choreographische Arbeit konnte die Erfindung eines neuen Tanzstücks, die Einrichtung eines Divertissements, die Anpassung älterer Szenen, die Leitung von Proben, die Arbeit mit dem Ensemble und die Ordnung von Gruppenbewegungen umfassen. Eine solche Tätigkeit hinterließ selten ein geschlossenes Werk, war aber für die Aufführungspraxis unverzichtbar.
Komisches Fach und Grotesktanz
Das komische Fach war im historischen Ballett um 1800 ein hochentwickelter Bereich. Es stand nicht einfach unterhalb des seriösen Balletts, sondern erfüllte eigene dramaturgische Funktionen. Komische und groteske Tänzer konnten Spannung lösen, soziale Typen karikieren, bäuerliche oder städtische Figuren darstellen, Verwechslungssituationen zuspitzen oder dem Opernabend eine körperlich unmittelbare Lebendigkeit geben. Gerade im Wiener Theater, das auch durch Posse, Singspiel, Pantomime und Volkstheater geprägt war, war dieses Fach besonders anschlussfähig.
Pasquale Angiolinis Nennung im komischen beziehungsweise grotesken Zusammenhang erlaubt daher einen präziseren Blick auf seine künstlerische Bedeutung. Er gehörte nicht nur zum anonymen Ensemble, sondern zu einem spezialisierten Fachbereich. Der Grotesktanz verband Virtuosität und Komik, Körperkontrolle und Überzeichnung, musikalische Genauigkeit und szenische Pointierung. Er war ein Bindeglied zwischen Ballettkunst und breiter Theaterunterhaltung.
In kulturgeschichtlicher Perspektive ist diese Stellung wichtig, weil sie die Hierarchien der späteren Erinnerung korrigiert. Die Tanzgeschichte hat lange die Reformchoreographen, Primaballerinen und großen heroischen Ballette bevorzugt. Doch das Theaterpublikum um 1800 erlebte eine viel reichere Mischung: seriöse Tänze, komische Figuren, Grotesken, Divertissements, Pantomimen, Opernchöre, Aufzüge und Schlusstableaus. Pasquale Angiolini gehört zu dieser lebendigen Mischkultur des historischen Theaters.
Kulturgeschichtlicher Überblick
Pasquale Angiolini steht an der Schnittstelle von italienischer Balletttradition und Wiener Theaterpraxis. Seine Lebenszeit fällt in eine Epoche, in der das Ballett von der höfisch-repräsentativen Form über das dramatische Handlungsballett in den institutionellen Repertoirebetrieb der großen Theater überging. Die Reformen des 18. Jahrhunderts hatten gezeigt, dass Tanz Handlung, Affekt und Charakter tragen konnte. Um 1800 musste diese Einsicht in wechselnden Opern- und Theaterprogrammen praktisch umgesetzt werden.
Wien war dafür ein besonders wichtiger Ort. Die Stadt verband höfische Tradition, öffentliches Theater, deutsche Spielkultur, italienische Oper, französische Tanzsprache und internationale Künstlerwanderung. Das Wiener Ballett war nicht isoliert, sondern Teil einer Theaterlandschaft, in der Oper, Singspiel, Pantomime, Divertissement und Volkstheater einander berührten. Pasquale Angiolinis lange Tätigkeit in Wien macht diese Verbindung konkret.
Die Angiolini-Familie zeigt zugleich, wie europäisch die Tanzwelt organisiert war. Gaspero Angiolini wirkte in Florenz, Wien, Russland und Italien; Pietro Angiolini war in Siena, Lucca, Florenz, Venedig, Mailand, London, Wien und Cremona greifbar; Nicola Angiolini und Pasquale Angiolini waren lange in Wien tätig. Diese Bewegungen waren kein äußerlicher Zufall, sondern strukturell. Der Tanzberuf lebte von Engagementwechseln, Theaternetzwerken, Familienverbindungen und internationaler Stilvermittlung.
Pasquale ist deshalb kulturgeschichtlich gerade als scheinbar kleinere Figur relevant. Er zeigt, wie die großen Reformideen des 18. Jahrhunderts im Alltag eines Theaters weiterlebten. Während Gaspero Angiolini das Handlungsballett theoretisch und künstlerisch profilierte, verkörpern Nicola und Pasquale stärker die Arbeitsrealität: Engagement, Rollenfach, Choreographie, komisches Ballett, Figurantinnen, Eheverbindungen und Theaterpersonal. Diese Ebene ist für ein umfassendes Kulturlexikon unverzichtbar.
Werk- und Tätigkeitsverzeichnis
Für Pasquale Angiolini ist kein abgeschlossenes Werkverzeichnis im Sinne vollständig überlieferter eigenständiger Choreographien, Ballettdrucke, Partituren oder theoretischer Schriften bekannt. Das folgende Verzeichnis ist daher als Werk-, Repertoire- und Tätigkeitsverzeichnis zu verstehen. Es unterscheidet zwischen gesicherten biographischen Stationen, fachlich relevanten Personalspuren und nicht gesicherten Zuschreibungsbereichen.
Gesicherte biographische und berufliche Tätigkeiten
- 1766: Geburt in Florenz.
- 1794–1817: Tätigkeit in Wien als Tänzer und Choreograph.
- 1800: Eheschließung beziehungsweise Eheverbindung mit Anna Angiolini, geborene Bitsch.
- 1801–1808: Anna Angiolini ist als Figurantin in Wien engagiert.
- 21. April 1817: Tod Pasquale Angiolinis in Wien.
Personal- und Repertoirehinweise
- Komisches Fach: In biographischen und theatergeschichtlichen Zusammenhängen wird Pasquale Angiolini mit dem komischen Fach verbunden; ein späterer Tänzer trat an seine Stelle, als Pasquale erkrankte.
- Grotesktanz: Libretto- und Theaterquellen nennen Pasquale im Bereich der grotteschi beziehungsweise der ersten grotesken Tänzer, wodurch seine fachliche Spezialisierung im komischen und charakteristischen Tanzbereich sichtbar wird.
- Wiener Theaterbetrieb: Die lange Wiener Tätigkeit von 1794 bis 1817 belegt eine kontinuierliche Beteiligung am dortigen Ballett- und Theaterbetrieb.
- Italienische Libretto-Spuren: Einzelne italienische Libretto- und Katalognachweise nennen Pasquale Angiolini im Ballettpersonal, besonders in Zusammenhang mit Opern- und Ballettabenden, in denen Pietro Angiolini oder andere Choreographen die Ballette erfanden beziehungsweise leiteten.
Nicht gesicherte oder nicht überlieferte Werkbereiche
- Theoretische Schriften: Es sind keine tanztheoretischen Schriften Pasquale Angiolinis bekannt.
- Eigenständige Ballettdrucke: Im zugänglichen Quellenstand sind keine selbständigen, eindeutig von Pasquale Angiolini verfassten Ballettdrucke in größerer Zahl nachweisbar.
- Musikalische Kompositionen: Pasquale Angiolini ist als Tänzer und Choreograph, nicht als Komponist anzusetzen; musikalische Werke sind ihm nicht belastbar zuzuschreiben.
- Vollständige Choreographien: Schrittfolgen oder vollständige choreographische Notationen sind nicht überliefert.
- Verwechslungsgefahr: Werke Gaspero, Pietro oder Nicola Angiolinis dürfen nicht Pasquale Angiolini zugeschrieben werden.
Wirkung und Rezeption
Pasquale Angiolini besitzt keine ausgeprägte Einzelrezeption. Er wird nicht wie Gaspero Angiolini als Reformtheoretiker des Handlungsballetts und nicht wie Pietro Angiolini als Schöpfer zahlreicher ausdrücklich betitelter Ballette behandelt. Seine Rezeption vollzieht sich vor allem über den Familienartikel, über Normdaten, über Wiener Theaterpersonalgeschichte und über verstreute Libretto- beziehungsweise Theaterzettelspuren.
Gerade diese Randstellung ist für die Kulturgeschichte aufschlussreich. Pasquale Angiolini steht für eine Schicht von Bühnenkünstlern, die den Theaterbetrieb trugen, aber selten in großen kunsthistorischen Narrativen erscheinen. Seine Tätigkeit als Tänzer und Choreograph, seine Verbindung mit dem komischen Fach, seine lange Wiener Präsenz und die Ehe mit einer Figurantin zeigen, wie stark Ballettgeschichte aus Ensemblearbeit, Personalrollen und Familiennetzwerken besteht.
Die heutige Bedeutung Pasquale Angiolinis liegt daher in der Präzisierung des Angiolini-Netzwerks und der Wiener Ballettpraxis um 1800. Er hilft, die Geschichte des Balletts weniger ausschließlich von kanonischen Reformwerken aus zu erzählen und stärker von den tatsächlichen Berufen, Körpern, Rollenfächern und Theaterinstitutionen her zu verstehen.
Sekundärliteratur
- Albrecht, Cathryn Paulson: Viennese Theatrical Ballet, 1790–1820. Dissertation, Kent State University, 2008. Studie zur Wiener Ballettpraxis in der Zeit, in der Pasquale Angiolini dort tätig war.
- Brown, Bruce Alan: Gluck and the French Theatre in Vienna. Oxford: Clarendon Press, 1991. Grundlegende Studie zur älteren Wiener Ballett- und Theaterreform, die den ästhetischen Hintergrund der Angiolini-Familie erklärt.
- Dahms, Sibylle: Choreographische Aspekte im Werk J. G. Noverres und G. Angiolinis. In: Tanzforschung 2, Wilhelmshaven 1991, S. 93–110. Beitrag zur Reformtradition, in deren Nachgeschichte Pasquale Angiolini steht.
- Dahms, Sibylle: Das Repertoire des „Ballet en action“. Noverre – Angiolini – Lauchery. In: Wolfgang Gratzer und Andrea Lindmayr: De editione musices. Festschrift Gerhard Croll zum 65. Geburtstag. Laaber 1992, S. 125–142. Repertoiregeschichtliche Untersuchung zum Handlungsballett.
- Fabbricatore, Arianna Béatrice: La Querelle des Pantomimes. Danse, culture et société dans l’Europe des Lumières. Rennes: Presses universitaires de Rennes, 2017. Kulturgeschichtliche Studie zur europäischen Debatte um Pantomime und Ballettreform.
- Huschka, Sabine: Die Darstellungsästhetik des „ballet en action“. Anmerkungen zum Disput zwischen Gasparo Angiolini und Jean-Georges Noverre. In: Uwe Schlottermüller, Howard Weiner und Maria Richter: Vom Schäferidyll zur Revolution. Europäische Tanzkultur im 18. Jahrhundert. Freiburg im Breisgau 2008, S. 93–106. Beitrag zur ästhetischen Einordnung der Angiolini-Tradition.
- Mansfeld, Herbert A.: Theaterleute in den Akten der k. k. Obersten Hoftheaterverwaltung von 1792 bis 1867. In: Jahrbuch der Gesellschaft für Wiener Theaterforschung 13, Wien 1961, S. 72–125. Quellenorientierter Beitrag zur Wiener Theaterpersonalgeschichte.
- MGG Online: Angiolini. Fachlexikalischer Artikel zur Familie Angiolini und ihren theatergeschichtlich wichtigen Mitgliedern.
- Österreichisches Musiklexikon online: Angiolini, Familie. Grundlegender deutschsprachiger Fachartikel zu Gaspero, Pietro, Nicola, Pasquale und weiteren Mitgliedern der Familie.
- Tozzi, Lorenzo: Il balletto pantomimo del Settecento. Gaspare Angiolini. L’Aquila 1972. Spezialstudie zum Pantomimenballett und zum ästhetischen Hintergrund der Angiolini-Familie.
Ausgewählte Onlinequellen
- Austria-Forum / AEIOU: Ballett Überblick zur österreichischen Ballettgeschichte mit Einordnung des Wiener Handlungsballetts und der Reformtradition um Noverre, Gluck und Angiolini.
- Deutsche Nationalbibliothek: Angiolini, Pasquale Normdatensatz zu Pasquale Angiolini mit GND-Kennung.
- Deutsche Nationalbibliothek: Angiolini, Anna Normdatensatz zu Anna Angiolini, geborene Bitsch, mit Beziehungshinweis zu Pasquale Angiolini.
- Library of Congress: Dorval, e Virginia Libretto-Digitalisat aus der Albert-Schatz-Sammlung mit Ballettpersonal und Nennung Pasquale Angiolinis im Aufführungskontext.
- MGG Online: Angiolini Fachlexikalischer Artikel zur Angiolini-Familie und zu ihren theatergeschichtlich wichtigen Mitgliedern.
- Österreichisches Musiklexikon: Angiolini, Familie Grundlegender deutschsprachiger Onlineartikel mit Lebensdaten, Wiener Tätigkeit und Familienangaben zu Pasquale Angiolini und Anna Angiolini.
- PICRYL / GetArchive: Locanda Libretto- und Katalogseite mit Nennung Pasquale Angiolinis im Bereich der ersten Grotesktänzer.
- PICRYL / GetArchive: Fiera Libretto- und Katalogseite mit Nennung Pasquale Angiolinis im Bereich der primi grotteschi.
- Wikisource: BLKÖ – Rainoldi, Paul Biographischer Lexikonartikel, der Pasquale Angiolini im Zusammenhang mit dem komischen Fach am Kärntnertor-Theater erwähnt.
Weiterführende Einträge
- Angiolini Italienische Tänzer-, Choreographen- und Ballettmeisterfamilie des 18. und frühen 19. Jahrhunderts.
- Anna Angiolini Figurantin, geborene Bitsch, Ehefrau Pasquale Angiolinis und 1801–1808 in Wien engagiert.
- Gaspero Angiolini Tänzer, Choreograph, Komponist, Ballettmeister und Theoretiker des Handlungsballetts.
- Nicola Angiolini Tänzer und Choreograph aus der Angiolini-Familie, 1793–1814 in Wien engagiert.
- Pietro Angiolini Tänzer, Choreograph und Ballettmeister aus der Angiolini-Familie, tätig zwischen Italien, London und Wien.
- Ballo comico Komische Ballettform, die im italienischen Opern- und Theaterabend um 1800 eine wichtige Rolle spielte.
- Ballo pantomimo Italienische Form des erzählenden Pantomimenballetts.
- Ballet d’action Dramatische Ballettform, in der Tanz, Pantomime und Handlung zu einer Bühnenerzählung verbunden werden.
- Ballett Bühnentanzform zwischen Körpertechnik, Szene, Musik, Pantomime und dramatischer Handlung.
- Ballettmeister Theaterberuf zwischen Choreographie, Einstudierung, Ensembleleitung und Aufführungsorganisation.
- Ranieri de’ Calzabigi Librettist und Reformdenker im Umfeld von Gluck, Gaspero Angiolini und dem Wiener Reformtheater.
- Choreographie Künstlerische Ordnung von Bewegung, Körper, Raum, Szene und dramatischer Handlung.
- Divertissement Tänzerische, musikalische oder szenische Einlage im Opern- und Theaterabend.
- Figurin Tänzerische Ensemble- und Bewegungsfunktion im historischen Theater- und Ballettbetrieb.
- Florenz Geburtsort Pasquale Angiolinis und wichtiger Herkunftsort der Angiolini-Familie.
- Christoph Willibald Gluck Komponist der Opernreform und zentraler Bezugspunkt der älteren Wiener Angiolini-Tradition.
- Grotesktanz Historisches Tanzfach mit komischen, charakteristischen und bewegungsstarken Elementen.
- Handlungsballett Ballettform, in der eine fortlaufende dramatische Handlung durch Tanz und Pantomime dargestellt wird.
- Kärntnertor-Theater Wiener Theaterinstitution, deren Ballett- und komisches Fach für Pasquales Umfeld einschlägig ist.
- Komisches Fach Theater- und Tanzfach, das charakteristische, groteske, komische und pointierte Bühnenwirkung bündelt.
- Libretto Text- und Szenarienform, die für die Rekonstruktion historischer Opern- und Ballettaufführungen wichtig ist.
- Jean-Georges Noverre Ballettreformer und zentraler Bezugspunkt für das europäische Handlungsballett.
- Oper Musiktheaterform, in deren Aufführungskontext Ballett und Tanz um 1800 regelmäßig eingebunden waren.
- Pantomime Körper- und Gebärdensprache ohne gesprochenen Text, zentral für das erzählende Ballett.
- Pantomimenballett Ballettform, die Handlung und Affekt durch Bewegung, Gestik und Szene vermittelt.
- Paul Rainoldi Tänzer und Ballettmeister, dessen Laufbahn eine Nachfolge im komischen Fach nach Pasquale Angiolini erkennen lässt.
- Singspiel Deutschsprachige Musiktheaterform, die im Wiener Theaterleben um 1800 mit Tanz- und Ballettpraxis koexistierte.
- Szenario Handlungs- und Ablaufbeschreibung eines Balletts oder Bühnenwerks.
- Tänzer Bühnenberuf zwischen Körpertechnik, Rollenverkörperung, Pantomime und musikalischer Aufführungspraxis.
- Tanz Künstlerische Bewegungspraxis zwischen sozialer Form, Bühne, Virtuosität und dramatischem Ausdruck.
- Tanzgeschichte Historische Erforschung von Tanzformen, Choreographie, Körpertechnik und Aufführungskultur.
- Theaterfamilie Familiale Berufsform, in der Bühnenwissen, Engagement und künstlerische Praxis weitergegeben wurden.
- Theatergeschichte Historische Erforschung von Bühnenformen, Institutionen, Aufführungspraktiken und Theaterberufen.
- Theaterpersonal Sammelbegriff für die künstlerischen, technischen und organisatorischen Berufsgruppen eines Theaters.
- Theaterzettel Aufführungsdokument, das für die Rekonstruktion historischer Theater- und Ballettabende wichtig ist.
- Volkstheater Theaterform, die im Wiener Raum mit Pantomime, Komik, Singspiel und Tanz in Berührung stand.
- Wien Zentraler Wirkungs- und Sterbeort Pasquale Angiolinis.
- Wiener Ballett Balletttradition der Wiener Bühnen zwischen höfischer Theaterkultur, Reformballett und Repertoirebetrieb.
- Wiener Hoftheater Institutioneller Kontext der älteren Angiolini-Tradition und der Wiener Ballettgeschichte.