Nicola Angiolini
Überblick
Nicola Angiolini, auch Niccolò Angiolini, war ein italienischer Tänzer und Choreograph aus der weit verzweigten Familie Angiolini. Er wurde 1765 in Florenz geboren und starb am 1. Januar 1815 in Wien. Seine Laufbahn ist wesentlich über Engagement-, Theater- und Familiennachweise greifbar. Besonders wichtig ist seine Wiener Tätigkeit: Von 1793 bis 1814 war er in Wien engagiert und gehörte damit zu jener italienisch geprägten Ballett- und Theaterwelt, die das Wiener Musiktheater um 1800 entscheidend mitprägte.
Nicola Angiolini steht im Schatten der bekannteren Familienmitglieder. Gaspero Angiolini, meist Gasparo Angiolini genannt, wurde als Reformchoreograph des ballet d’action und des Handlungsballetts berühmt; Pietro Angiolini ist als Tänzer, Choreograph und Ballettmeister zwischen Florenz, Venedig, Mailand, London, Wien und Cremona besser dokumentiert. Nicola gehört zu der praktisch arbeitenden Generation der Familie, deren Bedeutung weniger in theoretischen Schriften als in Aufführungspraxis, Rollenfach, choreographischer Arbeit, Theaterengagement und familiärer Vernetzung liegt.
Seine Ehe mit der Solotänzerin Fortunata Angiolini, geborene Conti, ist für seine Einordnung besonders aufschlussreich. Fortunata ist 1792 in Mailand, 1793–1803 in Wien und 1809–1814 in London nachweisbar. Damit verbindet sich Nicola Angiolini nicht nur mit der Wiener Bühne, sondern auch mit einem europäischen Tanznetz, das Mailand, Wien und London umfasste. Sein Kulturwert liegt daher nicht allein im einzelnen Namen, sondern in der Rekonstruktion einer Theaterfamilie, in der Ehe, Beruf, Engagement und künstlerische Reputation eng miteinander verbunden waren.
Kurzdaten
| Name | Nicola Angiolini. |
|---|---|
| Namensformen | Niccolò Angiolini, Nicolo Angiolini, Niccolo Angiolini, Nikolaus Angiolini. |
| Geburt | 1765 in Florenz. |
| Tod | 1. Januar 1815 in Wien. |
| Beruf | Tänzer, Choreograph, Bühnenkünstler, Theaterpraktiker und Angehöriger einer italienischen Ballett- und Theaterfamilie. |
| Familie | Angehöriger der Familie Angiolini; als Bruder beziehungsweise naher Familienangehöriger im Umfeld von Gaspero Angiolini und Pasquale Angiolini zu betrachten. |
| Ehe | Verheiratet mit Fortunata Angiolini, geborene Conti, Solotänzerin, † nach 1817. |
| Wien | 1793 bis 1814 in Wien engagiert. |
| Italienische Nachweise | Im Umfeld italienischer Libretto- und Theaterquellen der 1790er Jahre, besonders im Mailänder Scala-Kontext, als Tänzer beziehungsweise Bühnenmitglied greifbar. |
| Gattungsumfeld | Ballett, Opernballett, Pantomimenballett, ballo pantomimo, ballo comico, ballo tragico, Divertissement, Groteskfach und Wiener Theaterballett. |
| Bedeutung | Nicola Angiolini ist kulturgeschichtlich wichtig als Vertreter der praktischen Ballettberufe um 1800, als Wiener Theaterkünstler und als Bestandteil der international mobilen Angiolini-Familie. |
| GND | 1076417868. |
Namen, Varianten und Quellenlage
Nicola Angiolini erscheint in den Quellen und Normdaten unter mehreren Namensformen. Die wichtigste italienische Variante ist Niccolò Angiolini; daneben begegnen Nicolo, Niccolo und die eingedeutschte Form Nikolaus Angiolini. Diese Varianten sind für die Recherche bedeutsam, weil Theaterzettel, Libretti, Kataloge und spätere bibliographische Verzeichnisse Namen oft nicht einheitlich ansetzen. Bei Künstlern des 18. und frühen 19. Jahrhunderts ist dies besonders häufig, da sie in verschiedenen Sprachräumen, Theatern und Verwaltungszusammenhängen auftauchten.
Die Quellenlage ist knapp, aber nicht leer. Das Österreichische Musiklexikon nennt Nicola Angiolini als Tänzer und Choreograph, gibt die Lebensdaten 1765 in Florenz und 1. Januar 1815 in Wien an und weist sein Wiener Engagement von 1793 bis 1814 aus. Die Deutsche Nationalbibliothek führt ihn in der Gemeinsamen Normdatei unter dem Datensatz 1076417868 und verzeichnet die wichtigsten Namensvarianten. Ergänzende Hinweise finden sich in Libretto- und Theaterquellen, in denen Nicola Angiolini als Bühnenmitglied oder Tänzer erscheint.
Für ein Werkverzeichnis ergibt sich daraus eine methodische Einschränkung. Anders als bei Gaspero Angiolini sind für Nicola keine theoretischen Hauptschriften, keine große Zahl sicher betitelter Ballette und keine umfangreiche eigenständige Werküberlieferung greifbar. Sein Artikel muss daher die praktischen Nachweise als Teil eines Tätigkeits- und Repertoireverzeichnisses behandeln. Das entspricht der Theaterwirklichkeit der Zeit: Viele Tänzer und Choreographen wirkten intensiv im Repertoirebetrieb, ohne dass ihre Choreographien in einer modernen, autorzentrierten Werkform erhalten blieben.
Familie und genealogische Einordnung
Nicola Angiolini gehört zur Familie Angiolini, die in der europäischen Tanz- und Theatergeschichte des 18. Jahrhunderts eine auffällige Stellung einnimmt. Die Familie wird besonders durch Gaspero Angiolini bekannt, der als Tänzer, Choreograph, Komponist, Ballettmeister und Theoretiker des Handlungsballetts hervortrat. Neben Gaspero sind Pietro Angiolini, Pasquale Angiolini, Romulo Angiolini, Fortunata Angiolini, Anna Angiolini und Giuseppina Angiolini als weitere Trägerinnen und Träger des Namens in der Theatergeschichte greifbar.
Die genaue genealogische Einordnung Nicolas ist in den knappen Fachnachweisen vorsichtig zu behandeln. Er erscheint als Angehöriger der Familie, im Umfeld Gasperos und Pasquales, und wird in der Normdatenüberlieferung über den Familienzusammenhang erfasst. Für die kulturgeschichtliche Interpretation ist weniger entscheidend, ob jede genealogische Linie vollständig gesichert ist, sondern dass Nicola als Teil einer professionellen Theaterfamilie sichtbar wird. Solche Familien waren im 18. Jahrhundert zentrale Träger der Bühnenkunst. Sie verbanden Ausbildung, Auftrittspraxis, Engagementnetzwerke, soziale Absicherung und künstlerisches Ansehen.
Seine Ehe mit Fortunata Angiolini, geborene Conti, verstärkt diese Einbindung. Fortunata war Solotänzerin und ist in Mailand, Wien und London nachweisbar. Sie gehört damit zu jenen Tänzerinnen, die nicht nur an einem lokalen Theater wirkten, sondern in einem international beweglichen Ballettsystem tätig waren. Nicola und Fortunata bilden gemeinsam ein Beispiel für die Verbindung von Ehe und Beruf in der Theaterwelt um 1800.
Laufbahn zwischen Italien und Wien
Nicola Angiolinis Herkunftsort Florenz verweist auf die italienische Theater- und Tanzkultur, aus der die Familie Angiolini insgesamt hervorging. Florenz war nicht nur ein Ort höfischer und städtischer Kultur, sondern auch ein Ausgangspunkt für Tänzer, Choreographen, Sänger, Musiker und Theaterleute, die ihre Laufbahnen in anderen italienischen und europäischen Zentren fortsetzten. Für Nicola selbst sind die frühen Jahre nicht in der gleichen Dichte überliefert wie bei Pietro Angiolini; die vorhandenen Spuren führen jedoch in die professionelle italienische Bühnenwelt.
In Libretto- und Theaterquellen der 1790er Jahre begegnet Nicola Angiolini im Zusammenhang mit italienischen Aufführungen. Mailänder Nachweise zeigen ihn im Umfeld des Teatro alla Scala als Bühnenmitglied beziehungsweise Tänzer. Solche Hinweise sind kulturgeschichtlich wichtig, auch wenn sie keine vollständige Rollenbiographie ergeben. Sie zeigen, dass Nicola nicht nur eine abstrakte genealogische Figur war, sondern praktisch auf der Bühne stand und in die Personalstruktur großer Opern- und Ballettabende eingebunden war.
Der entscheidende Schwerpunkt seiner Karriere liegt jedoch in Wien. Von 1793 bis 1814 war Nicola dort engagiert. Diese lange Zeitspanne umfasst eine besonders dynamische Phase der Wiener Theatergeschichte: die Jahre nach der großen Reformphase Gaspero Angiolinis und Jean-Georges Noverres, die Zeit des späten höfischen und frühbürgerlichen Theaters, die Jahre um Beethoven, Salieri, Schikaneder, Viganò und die Entwicklung des Wiener Balletts zwischen Divertissement, Pantomimenhandlung und Opernhauspraxis.
Wiener Engagement 1793–1814
Das Wiener Engagement Nicolas von 1793 bis 1814 ist das wichtigste biographische Faktum seines Lebens. Es bedeutet, dass er mehr als zwanzig Jahre in einem der zentralen europäischen Theaterorte tätig war. Wien war für das Ballett des 18. Jahrhunderts nicht irgendeine Bühne. Hier hatten Hilverding, Gaspero Angiolini, Gluck, Calzabigi und Noverre die Verbindung von Tanz, Musik, Handlung und Pantomime grundlegend neu bestimmt. Um 1800 lebte diese Tradition in veränderter Form weiter.
Als Tänzer und Choreograph war Nicola in eine Aufführungskultur eingebunden, die Ballett nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit Oper, Singspiel, Schauspiel, Festspiel, Divertissement und Theaterverwaltung verstand. Ein Wiener Theaterabend konnte aus gesungener Handlung, gesprochenem Spiel, pantomimischem Einschub, Ballettnummer, Gruppenszene und dekorativer Bühnenwirkung bestehen. Der Tänzer musste daher flexibel arbeiten: Er konnte solistisch auftreten, im Ensemble tanzen, groteske oder komische Partien übernehmen, pantomimische Handlung ausführen oder choreographische Verantwortung tragen.
In theaterhistorischen Studien zur Wiener Bühne um 1800 wird außerdem der Name Niccolo Angiolini mit dem kleineren Divertissement Die Kohlbrenner verbunden. Dieser Hinweis zeigt, dass Nicola nicht nur als Tänzer, sondern auch als Urheber oder Einrichter choreographischer Arbeiten wahrgenommen wurde. Da die Überlieferung solcher Werke meist über Theaterzettel und Aufführungsnotizen läuft, ist eine moderne Rekonstruktion der Choreographie nicht möglich; dennoch bleibt der Titel ein wichtiger Nachweis seiner praktischen Tätigkeit.
Fortunata Angiolini und die Theaterfamilie
Fortunata Angiolini, geborene Conti, war eine Solotänzerin und die Ehefrau Nicola Angiolinis. Sie ist 1792 in Mailand, 1793–1803 in Wien und 1809–1814 in London engagiert. Ihre Laufbahn ist für Nicola Angiolinis Einordnung deshalb wichtig, weil sie die familiäre und internationale Dimension der Theaterberufe sichtbar macht. Ehepaare, Geschwister, Kinder und Schwiegerverwandte traten häufig in denselben oder verwandten Theaterzusammenhängen auf; Namen wurden dadurch zu Berufsmarken und Netzwerkknoten.
Fortunata erscheint in italienischen und englischsprachig erschlossenen Librettoquellen als Tänzerin. Ihre Verbindung mit Nicola macht deutlich, dass die Angiolini-Familie nicht nur durch männliche Choreographen geprägt war. Tänzerinnen waren für den Ruhm und die Funktion solcher Familien ebenso wichtig. Sie trugen Solopartien, repräsentierten das Fach, verbanden Engagementorte und erzeugten jene öffentliche Sichtbarkeit, von der eine Theaterfamilie lebte.
Für die Kulturgeschichte des Balletts ist dies wesentlich. Die historische Überlieferung bevorzugt häufig Choreographen, Komponisten und Theaterdirektoren. Die eigentliche Wirkung eines Balletts wurde jedoch von Tänzerinnen und Tänzern auf der Bühne hergestellt. Fortunata Angiolini erinnert daran, dass Nicola Angiolinis Welt eine gemeinsame Berufs- und Familienwelt war, in der tänzerische Praxis, Ehe, Reisen, Engagementverträge und künstlerische Reputation untrennbar verbunden waren.
Bühnenprofil, Tanzfach und Choreographie
Nicola Angiolinis genauer Rollenbestand ist nur fragmentarisch rekonstruierbar. Die erhaltenen Hinweise deuten jedoch auf ein breites Bühnenprofil hin. In Librettoquellen erscheint er unter Tänzern, teilweise im Umfeld der sogenannten grotteschi. Das Groteskfach darf dabei nicht vorschnell modern als bloße Karikatur verstanden werden. Im historischen Ballett bezeichnete es einen bewegungsstarken, oft komischen, akrobatisch oder charakteristisch geprägten Bereich, der neben dem seriösen und dem mezzo carattere-Fach stand.
Als Choreograph steht Nicola im Übergang zwischen dem älteren Pantomimenballett und dem Wiener Repertoirebetrieb um 1800. Seine Tätigkeit ist nicht durch große theoretische Schriften, sondern durch Aufführungszusammenhänge fassbar. Solche Theaterkünstler arbeiteten häufig an kleineren Divertissements, Einlagen, Szenen, Wiederaufnahmen und choreographischen Einrichtungen. Die Kunst bestand darin, vorhandene Ensembles, Musik, Räume und Theaterbedingungen zu einer wirksamen Aufführung zu ordnen.
Gerade diese praktische Dimension ist für ein Kulturlexikon wichtig. Nicola Angiolini steht für die Berufsgruppe der Tänzer-Choreographen, die nicht notwendigerweise einen kanonischen Werkbestand hinterließen, aber den Alltag der europäischen Bühnen prägten. Sie waren Vermittler zwischen Reformästhetik und Repertoirepraxis, zwischen italienischer Körpertechnik und Wiener Theaterorganisation, zwischen familiärer Ausbildung und institutionellem Engagement.
Kulturgeschichtlicher Überblick
Nicola Angiolini gehört in die europäische Theaterkultur um 1800, eine Epoche, in der Ballett, Oper, Singspiel, Pantomime und Divertissement eng miteinander verschränkt waren. Die Vorstellung eines autonomen Ballettabends war nur eine Möglichkeit; sehr häufig erschien Tanz als Teil eines gemischten Theaterabends. Solche Abende verbanden Gesang, Orchester, Schauspiel, Tanz, Bühnenbild, Kostüm, Maschinerie und gesellschaftliche Repräsentation.
Die Angiolini-Familie ist für diese Kultur besonders aufschlussreich. Gaspero Angiolini hatte in der Mitte des 18. Jahrhunderts das dramatische Ballett theoretisch und praktisch erneuert. Pietro Angiolini setzte die italienisch-europäische Choreographenlaufbahn zwischen Scala, Fenice, London und Wien fort. Nicola Angiolini vertritt stärker die praktische Wiener Theaterseite. Er zeigt, wie eine berühmte Familien- und Reformtradition im täglichen Bühnenbetrieb weiterwirkte, ohne immer in großen Manifesten oder berühmten Werktiteln sichtbar zu werden.
Wien war dabei ein zentraler Ort. Die Stadt besaß ein vielschichtiges Theaterleben, in dem Hofbühnen, öffentliche Bühnen, deutschsprachiges Schauspiel, italienische Oper, französische Traditionen und internationale Tänzer miteinander konkurrierten und kooperierten. Für einen italienischen Tänzer und Choreographen wie Nicola bot Wien einen Raum, in dem sich professionelle Spezialisierung und kulturelle Mobilität verbanden. Seine lange Tätigkeit von 1793 bis 1814 zeigt, dass italienische Ballettpraxis in Wien nicht nur importiert, sondern dauerhaft integriert wurde.
Auch das Verhältnis von Name und Nachweis ist kulturgeschichtlich lehrreich. Nicola Angiolini ist kein Autor im modernen literarischen Sinn. Seine Spuren liegen in Personalverzeichnissen, Theaterzetteln, Librettoangaben und Normdaten. Gerade deshalb eröffnet er einen Blick auf die unsichtbareren Schichten der Kulturgeschichte: auf Tänzer, Choreographen, Grotesktänzer, Solotänzerinnen, Ehepaare, Ensembles und Theaterangestellte. Ohne sie wäre die berühmte Opern- und Ballettkultur des 18. und frühen 19. Jahrhunderts nicht denkbar.
Werk- und Tätigkeitsverzeichnis
Für Nicola Angiolini ist kein geschlossenes Werkverzeichnis im Sinne vollständig erhaltener Choreographien, selbständiger Ballettdrucke oder theoretischer Schriften überliefert. Das folgende Verzeichnis versteht sich daher als Werk-, Repertoire- und Tätigkeitsverzeichnis nach den greifbaren Nachweisen. Es unterscheidet zwischen gesicherten biographischen Tätigkeiten, möglichen beziehungsweise belegten choreographischen Arbeiten und bloßen Personalspuren in Libretto- und Theaterquellen.
Gesicherte biographische Tätigkeiten
- 1765: Geburt in Florenz.
- 1793–1814: Engagement in Wien als Tänzer und Choreograph.
- 1. Januar 1815: Tod in Wien.
- Ehe: Verheiratet mit der Solotänzerin Fortunata Angiolini, geborene Conti.
Choreographische und aufführungspraktische Nachweise
- Die Kohlbrenner, kleineres Divertissement beziehungsweise Tanzstück, im Wiener Theaterkontext um 1801 mit Niccolò Angiolini verbunden. Die genaue musikalische, szenische und choreographische Überlieferung ist nicht vollständig rekonstruierbar.
- Wiener Ballett- und Divertissementpraxis 1793–1814: Nicola Angiolinis langes Engagement belegt eine kontinuierliche Beteiligung am Wiener Theaterbetrieb. Einzelne Rollen, Wiederaufnahmen und kleinere choreographische Einrichtungen sind nur über Theaterzettel- und Archivarbeit genauer zu bestimmen.
Personal- und Repertoirehinweise in Libretto- und Theaterquellen
- Adriano in Siria, Mailand, Teatro alla Scala, Karneval 1790; Nicola Angiolini erscheint in den Libretto- beziehungsweise Katalognachweisen als Tänzer im Ballettpersonal.
- Gli Sciti, ballo tragico pantomimo in fünf Akten, Mailand, Teatro alla Scala, Karneval 1793; Nicola Angiolini erscheint in einem Libretto- beziehungsweise Ballettnachweis unter den beteiligten Tänzern.
- Lo sposo di tre, e marito di nessuna, Libretto- und Theaterkontext mit Nennung Nicola Angiolinis und Fortunata Corti Angiolini im Ballettpersonal.
- Trame spiritose, italienisches Libretto mit Nennung Nicola Angiolinis und Fortunata Corti Angiolini im Bereich der Tänzer beziehungsweise grotteschi; wichtig als Nachweis der gemeinsamen Bühnenpräsenz.
- Pastori d’Arcadia, ballo comico im Mailänder Kontext von 1793; in Libretto- und Bildkatalogzusammenhängen mit Nicola Angiolini und Fortunata Angiolini verbunden.
Nicht gesicherte oder nicht überlieferte Werkbereiche
- Theoretische Schriften: Es sind keine tanztheoretischen Schriften Nicola Angiolinis bekannt.
- Kompositionen: Eine musikalische Autorschaft ist nicht gesichert nachweisbar; Nicola ist als Tänzer und Choreograph, nicht als Komponist anzusetzen.
- Vollständige Choreographien: Erhalten sind keine vollständigen choreographischen Notationen, aus denen Schrittfolgen oder Bewegungsabläufe zuverlässig rekonstruiert werden könnten.
- Eigenständige Ballettdrucke: Im öffentlich leicht zugänglichen Quellenstand sind keine selbständigen, Nicola Angiolini eindeutig als Autor zuweisbaren Ballettdrucke in größerer Zahl greifbar.
- Verwechslungen: Werke und Schriften Gaspero Angiolinis, Pietro Angiolinis oder anderer Angiolini-Mitglieder dürfen nicht Nicola Angiolini zugeschrieben werden.
Wirkung und Rezeption
Nicola Angiolini besitzt keine ausgeprägte Einzelrezeption. Er wird nicht wie Gaspero Angiolini als Theoretiker des Handlungsballetts und nicht wie Pietro Angiolini als Schöpfer zahlreicher ausdrücklich betitelter Ballette wahrgenommen. Seine Rezeption vollzieht sich vielmehr über den Familienartikel, über Normdaten, über Librettohinweise und über theatergeschichtliche Studien zur Wiener Bühne um 1800.
Gerade diese indirekte Rezeption ist für die Kulturgeschichte aussagekräftig. Nicola Angiolini steht für jene Bühnenkünstler, die im täglichen Repertoirebetrieb wirkten und doch nur fragmentarisch überliefert sind. Die Theatergeschichte braucht solche Figuren, weil sie die Zwischenräume zwischen den großen Namen füllen. Ohne Tänzer, Grotesktänzer, Figuren, Solotänzerinnen, Choreographen kleinerer Divertissements und langjährig engagierte Ensemblemitglieder wäre das große Ballett- und Opernhaus des 18. und frühen 19. Jahrhunderts nicht funktionsfähig gewesen.
Seine Bedeutung liegt daher vor allem in drei Bereichen. Erstens dokumentiert er die Präsenz italienischer Tänzer in Wien. Zweitens zeigt er die Fortdauer der Angiolini-Familie nach der berühmten Reformgeneration Gasperos. Drittens macht er durch seine Verbindung mit Fortunata Angiolini sichtbar, dass Ballettgeschichte auch Familien-, Ehe- und Mobilitätsgeschichte ist.
Sekundärliteratur
- Albrecht, Cathryn Paulson: Viennese Theatrical Ballet, 1790–1820. Dissertation, Kent State University, 2008. Die Arbeit behandelt die Wiener Ballettpraxis um 1800 und nennt Niccolò Angiolini im Zusammenhang mit kleineren Divertissements.
- Brown, Bruce Alan: Gluck and the French Theatre in Vienna. Oxford: Clarendon Press, 1991. Grundlegende Studie zur Wiener Theater- und Ballettreform, wichtig für den älteren Angiolini-Kontext.
- Dahms, Sibylle: Choreographische Aspekte im Werk J. G. Noverres und G. Angiolinis. In: Tanzforschung 2, Wilhelmshaven 1991, S. 93–110. Beitrag zur Reformtradition, in deren Nachgeschichte Nicola Angiolini steht.
- Dahms, Sibylle: Das Repertoire des „Ballet en action“. Noverre – Angiolini – Lauchery. In: Wolfgang Gratzer und Andrea Lindmayr: De editione musices. Festschrift Gerhard Croll zum 65. Geburtstag. Laaber 1992, S. 125–142. Repertoiregeschichtliche Untersuchung des Handlungsballetts.
- Fabbricatore, Arianna Béatrice: La Querelle des Pantomimes. Danse, culture et société dans l’Europe des Lumières. Rennes: Presses universitaires de Rennes, 2017. Umfassende kulturgeschichtliche Studie zum europäischen Pantomimenballett.
- Huschka, Sabine: Die Darstellungsästhetik des „ballet en action“. Anmerkungen zum Disput zwischen Gasparo Angiolini und Jean-Georges Noverre. In: Uwe Schlottermüller, Howard Weiner und Maria Richter: Vom Schäferidyll zur Revolution. Europäische Tanzkultur im 18. Jahrhundert. Freiburg im Breisgau 2008, S. 93–106. Beitrag zur ästhetischen Einordnung der Angiolini-Tradition.
- Mansfeld, Herbert A.: Theaterleute in den Akten der k. k. Obersten Hoftheaterverwaltung von 1792 bis 1867. In: Jahrbuch der Gesellschaft für Wiener Theaterforschung 13, Wien 1961, S. 72–125. Quellenorientierter Beitrag zur Wiener Theaterpersonalgeschichte.
- MGG Online: Angiolini. Fachlexikalischer Artikel zur Familie Angiolini und ihren Mitgliedern.
- Österreichisches Musiklexikon online: Angiolini, Familie. Grundlegender deutschsprachiger Fachartikel zu Gaspero, Pietro, Nicola, Pasquale und weiteren Mitgliedern der Familie.
- Tozzi, Lorenzo: Il balletto pantomimo del Settecento. Gaspare Angiolini. L’Aquila 1972. Spezialstudie zum Pantomimenballett und zum ästhetischen Hintergrund der Angiolini-Familie.
Ausgewählte Onlinequellen
- Deutsche Nationalbibliothek: Angiolini, Nicola Normdatensatz mit Namensvarianten wie Niccolò, Nicolo, Niccolo und Nikolaus Angiolini.
- Library of Congress: Adriano in Siria Libretto- und Digitalisatnachweis mit Nicola Angiolini im Umfeld des Mailänder Scala-Personals von 1790.
- Library of Congress: Lo sposo di tre, e marito di nessuna Digitalisatnachweis mit Nennung Nicola Angiolinis und Fortunata Corti Angiolinis im Ballettpersonal.
- MGG Online: Angiolini Fachlexikalischer Artikel zur Angiolini-Familie und ihren theatergeschichtlich wichtigen Mitgliedern.
- Österreichisches Musiklexikon: Angiolini, Familie Grundlegender deutschsprachiger Onlineartikel mit Lebensdaten, Wiener Engagement und Familienangaben zu Nicola Angiolini.
- PICRYL: Trame spiritose Libretto- und Bildkatalogseite mit Nennung Nicola Angiolinis und Fortunata Corti Angiolinis im Bereich der Tänzer.
- The Newberry Library: Howard Mayer Brown Libretti Collection, Part 2 Umfangreicher Libretto-Katalog mit Nachweisen zu italienischen Opern- und Ballettaufführungen, darunter Nennungen Nicola Angiolinis im Scala-Kontext.
- OhioLINK: Viennese Theatrical Ballet, 1790–1820 Dissertation zur Wiener Ballettpraxis um 1800 mit Hinweis auf Niccolò Angiolini und das Divertissement Die Kohlbrenner.
Weiterführende Einträge
- Angiolini Italienische Tänzer-, Choreographen- und Ballettmeisterfamilie des 18. und frühen 19. Jahrhunderts.
- Fortunata Angiolini Solotänzerin, geborene Conti, Ehefrau Nicola Angiolinis und international tätige Bühnenkünstlerin.
- Gaspero Angiolini Tänzer, Choreograph, Komponist, Ballettmeister und Theoretiker des Handlungsballetts.
- Pasquale Angiolini Tänzer und Choreograph aus der Angiolini-Familie, in Wien von 1794 bis 1817 tätig.
- Pietro Angiolini Tänzer, Choreograph und Ballettmeister, dessen Laufbahn zwischen Italien, London und Wien greifbar ist.
- Ballo comico Komische Ballettform, die in italienischen Opern- und Theaterabenden um 1800 häufig erscheint.
- Ballo pantomimo Italienische Form des erzählenden Pantomimenballetts.
- Ballet d’action Dramatische Ballettform, deren Nachwirkung die europäische Ballettpraxis um 1800 prägte.
- Ballett Bühnentanzform zwischen Körpertechnik, Szene, Musik, Pantomime und dramatischer Handlung.
- Ballettmeister Theaterberuf zwischen Choreographie, Einstudierung, Ensembleleitung und Aufführungsorganisation.
- Choreographie Künstlerische Ordnung von Bewegung, Körper, Raum, Szene und dramatischer Handlung.
- Divertissement Tänzerische oder musikalisch-szenische Einlage im Theater- und Opernabend.
- Florenz Geburtsort Nicola Angiolinis und wichtiger Herkunftsort der Angiolini-Familie.
- Grotesktanz Historisches Tanzfach mit komischen, charakteristischen und bewegungsstarken Elementen.
- Handlungsballett Ballettform, in der eine fortlaufende dramatische Handlung durch Tanz und Pantomime dargestellt wird.
- Libretto Text- und Szenarienform, die für die Rekonstruktion historischer Opern- und Ballettaufführungen wichtig ist.
- London Europäischer Theaterort, an dem Fortunata Angiolini zwischen 1809 und 1814 engagiert war.
- Mailand Wichtiger italienischer Theaterort mit Scala-Nachweisen im Umfeld Nicola und Fortunata Angiolinis.
- Oper Musiktheaterform, in deren Aufführungskontext Ballett und Tanz um 1800 regelmäßig eingebunden waren.
- Pantomime Körper- und Gebärdensprache ohne gesprochenen Text, zentral für das erzählende Ballett.
- Pantomimenballett Ballettform, die Handlung und Affekt durch Bewegung, Gestik und Szene vermittelt.
- Teatro alla Scala Mailänder Opernhaus, dessen Librettoquellen auch Spuren Nicola Angiolinis enthalten.
- Singspiel Deutschsprachige Musiktheaterform, die im Wiener Theaterleben um 1800 mit Tanz- und Ballettpraxis koexistierte.
- Solotänzerin Hervorgehobene Tänzerinnenrolle, für Fortunata Angiolini und die Angiolini-Familie besonders wichtig.
- Szenario Handlungs- und Ablaufbeschreibung eines Balletts oder Bühnenwerks.
- Tänzer Bühnenberuf zwischen Körpertechnik, Rollenverkörperung, Pantomime und musikalischer Aufführungspraxis.
- Tanz Künstlerische Bewegungspraxis zwischen sozialer Form, Bühne, Virtuosität und dramatischem Ausdruck.
- Tanzgeschichte Historische Erforschung von Tanzformen, Choreographie, Körpertechnik und Aufführungskultur.
- Theaterfamilie Familiale Berufsform, in der Bühnenwissen, Engagement und künstlerische Praxis weitergegeben wurden.
- Theatergeschichte Historische Erforschung von Bühnenformen, Institutionen, Aufführungspraktiken und Theaterberufen.
- Theaterpersonal Sammelbegriff für die künstlerischen, technischen und organisatorischen Berufsgruppen eines Theaters.
- Theaterzettel Aufführungsdokument, das für die Rekonstruktion historischer Theater- und Ballettabende wichtig ist.
- Wien Zentraler Wirkungs- und Sterbeort Nicola Angiolinis.
- Wiener Ballett Balletttradition der Wiener Bühnen zwischen höfischer Theaterkultur, Reformballett und Repertoirebetrieb.
- Wiener Hoftheater Institutioneller Kontext der älteren Angiolini-Tradition und der Wiener Ballettgeschichte.