Angiolini
Überblick
Die Familie Angiolini gehört zu den wichtigen italienischen Theater- und Tanzfamilien des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Ihr kulturgeschichtliches Gewicht liegt vor allem in der Verbindung von Tanz, Choreographie, Ballett, Pantomime, Oper, Theater und europäischer Wanderpraxis. Der berühmteste Träger des Namens ist Gasparo Angiolini, der gemeinsam mit Jean-Georges Noverre und im Umfeld von Franz Anton Hilverding zu den prägenden Gestalten des Handlungsballetts beziehungsweise des ballet d’action zählt. Daneben ist Pietro Angiolini als Tänzer, Choreograph und Ballettmeister nachweisbar, dessen Laufbahn ihn von italienischen Bühnen über London, Venedig, Mailand und Wien in ein weit verzweigtes europäisches Ballettsystem führte.
Der Familienname bezeichnet keine geschlossene Künstlerdynastie im modernen Sinn, sondern ein Geflecht von Tänzern, Choreographen, Ballettmeistern, Solotänzerinnen und Theaterpraktikern, deren Verwandtschaftsverhältnisse in der Forschung zum Teil unsicher bleiben. Gerade diese Unsicherheit ist für die Theatergeschichte des 18. Jahrhunderts aufschlussreich. Künstlerische Familien lebten von Mobilität, Engagementwechseln, Saisonverträgen, Heiratsverbindungen, Gastspielen und internationaler Vermittlung. Die Angiolini erscheinen deshalb nicht nur als einzelne Namen in Theaterzetteln, sondern als Teil einer europaweiten Berufskultur des Tanzes.
Der vorliegende Artikel behandelt die Familie Angiolini als kulturlexikalischen Zusammenhang. Er stellt Gasparo Angiolini als Reformfigur des dramatischen Balletts vor, ordnet Pietro Angiolini als späteren Tänzer und Choreographen ein und berücksichtigt weitere Familienmitglieder wie Nicola oder Niccolò Angiolini, Pasquale Angiolini, Fortunata Angiolini, Anna Angiolini und Giuseppina Angiolini. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich aus einer italienischen Tanzfamilie ein Netzwerk entwickelte, das Wien, Florenz, Venedig, Mailand, London, St. Petersburg, Cremona und die großen Opernhäuser der Zeit miteinander verband.
Kurzdaten
| Lemma | Angiolini. |
|---|---|
| Art des Eintrags | Familieneintrag zu einer italienischen Tänzer-, Choreographen- und Ballettmeisterfamilie. |
| Zeitlicher Schwerpunkt | 18. Jahrhundert und frühes 19. Jahrhundert. |
| Kulturelles Zentrum | Italienische und europäische Theater- und Ballettkultur, besonders Florenz, Wien, Venedig, Mailand, London und St. Petersburg. |
| Wichtigste Person | Gasparo Angiolini, * 9. Februar 1731 in Florenz, † 6. Februar 1803 in Mailand; Tänzer, Choreograph, Komponist, Ballettmeister und Balletttheoretiker. |
| Weiteres Hauptmitglied | Pietro Angiolini, * um 1760 in Florenz, † nach 1834; Tänzer, Choreograph und Ballettmeister. |
| Pietros frühe Laufbahn | Ab 1776 als Tänzer in Siena und Lucca nachweisbar; ab 1777 als ballerino di mezzo carattere in Florenz; ab 1780 als primo ballerino serio in Venedig; 1781 in Mailand an der Scala. |
| Gattungen | Ballet d’action, Handlungsballett, Pantomimenballett, ballo eroico, ballo serio, ballo di mezzo carattere, ballo comico pantomimo und Theaterballett. |
| Beruf | Tänzer, Choreographen, Ballettmeister, Solotänzerinnen, Theaterpraktiker und in Gasparos Fall auch Komponist und Balletttheoretiker. |
| Besondere Bedeutung | Die Familie steht für die Professionalisierung und Internationalisierung des italienisch-europäischen Balletts zwischen höfischer Oper, öffentlichem Theater, pantomimischem Drama und frühromantischer Bühnentradition. |
| Quellenlage | Die Quellenlage ist durch Theaterzettel, Libretti, Ballettszenarien, Lexikonartikel und verstreute Archivnachweise geprägt; insbesondere bei Pietro Angiolini und den Nebenlinien der Familie bleiben Datierungen und Verwandtschaftsverhältnisse teilweise unsicher. |
Familie und genealogische Einordnung
Die Familie Angiolini ist in der Theatergeschichte zunächst über Gasparo Angiolini sichtbar. Gasparo war Sohn des Theatermanns Francesco Angiolini und wurde in Florenz geboren. Die frühesten Angaben verweisen damit auf ein Milieu, in dem Theater, Tanz, Wanderbühne und höfische beziehungsweise städtische Aufführungspraxis eng verbunden waren. Ein solcher Hintergrund ist für Tänzerfamilien des 18. Jahrhunderts typisch: Ausbildung, Bühnenpraxis, Engagementvermittlung und künstlerische Weitergabe erfolgten häufig innerhalb familiärer oder halbprofessioneller Netzwerke.
Die spätere Forschung unterscheidet innerhalb der Familie mehrere Personen, deren Verhältnis zu Gasparo nicht immer eindeutig zu bestimmen ist. Bei Pietro, Nicola oder Niccolò und Pasquale Angiolini wird ein Verwandtschaftsverhältnis zu Gasparo angenommen, doch bleibt in einzelnen Nachweisen offen, ob es sich um Neffen, weitere Seitenverwandte oder anders verbundene Familienmitglieder handelt. Für Pietro wird Romulo Angiolini als Vater genannt; Romulo erscheint als Tänzer und Theaterinspektor. Damit steht Pietro innerhalb einer eigenen Theaterlinie, die gleichwohl deutlich mit dem Namen und dem künstlerischen Renommee der Angiolini verbunden ist.
Zu den Frauen der Familie gehören Maria Teresa Rosina Fogliazzi, Gasparos Ehefrau und Solotänzerin, Carolina Pitrot, die mit Pietro Angiolini verheiratet war, Fortunata Angiolini, geborene Conti, die als Solotänzerin mit Nicola oder Niccolò Angiolini verbunden war, Anna Angiolini, geborene Bitsch, die in Wien als Figurantin wirkte, sowie Giuseppina Angiolini, später verheiratete Cortesi, die als Primaballerina an der Mailänder Scala nachweisbar ist. Dadurch zeigt sich, dass die Familie nicht nur über männliche Choreographen, sondern auch über Tänzerinnen, Eheverbindungen und Bühnenpräsenz wirkte.
Gasparo Angiolini
Gasparo Angiolini, eigentlich Domenico Maria Gasparo Angiolini, wurde am 9. Februar 1731 in Florenz geboren und starb am 6. Februar 1803 in Mailand. Er war Tänzer, Choreograph, Komponist, Ballettmeister und Theoretiker. Seine besondere Stellung ergibt sich aus der Reform des dramatischen Balletts. Angiolini vertrat eine Auffassung, nach der Tanz nicht bloß dekorativer Einschub, höfische Zierform oder virtuose Körperkunst sein sollte, sondern dramatische Handlung tragen konnte. Damit wurde er zu einer Schlüsselfigur des ballet d’action.
In Wien arbeitete Gasparo Angiolini im Umfeld des kaiserlichen Hoftheaters. Dort traf er auf eine Situation, in der Oper, Tanz, höfische Repräsentation, Theaterreform und musikalisches Drama eng miteinander verbunden waren. Besonders wichtig wurde seine Zusammenarbeit mit Christoph Willibald Gluck und Ranieri de’ Calzabigi. Das berühmte Ballett Don Juan, ou le festin de pierre gehört in diesen Zusammenhang. Es zeigt, dass Tanz eine moralische, dramatische und affektive Handlung entfalten konnte, ohne bloß als unterhaltender Einschub zwischen den Akten einer Oper zu funktionieren.
Gasparo Angiolini stand zugleich in Konkurrenz und Korrespondenz zu Jean-Georges Noverre. Beide werden häufig als Reformfiguren des Balletts beschrieben, doch unterschieden sich ihre theoretischen und praktischen Akzente. Während Noverres Lettres sur la danse et sur les ballets zu einem kanonischen Text der Tanztheorie wurden, ist Angiolinis theoretischer Rang lange weniger präsent gewesen. Für die Geschichte der Tanztheorie ist er dennoch wesentlich, weil er die Verbindung von Handlung, Musik, Gebärde, Ausdruck, Szene und moralischer Wirkung ausdrücklich reflektierte.
Nach seiner Wiener Tätigkeit wirkte Angiolini auch in Russland und Italien. Seine Laufbahn zeigt die Internationalität des 18. Jahrhunderts: Ballettmeister, Sänger, Komponisten, Bühnenbildner und Tänzerinnen wechselten zwischen Höfen und Theatern, und ästhetische Reformideen verbreiteten sich über Gastspiele, Engagements, Drucke, Libretti und persönliche Netzwerke. Gasparo Angiolini steht deshalb nicht nur für eine einzelne Werkgruppe, sondern für die europäische Reform des Balletts als dramatische Kunstform.
Pietro Angiolini
Pietro Angiolini wurde wahrscheinlich um 1760 in Florenz geboren und starb nach 1834. Er war Tänzer, Choreograph und Ballettmeister. Der überlieferte Lebenslauf beginnt mit frühen Nachweisen als Tänzer in Italien. Ab 1776 ist er in Siena und Lucca greifbar; ab 1777 erscheint er in Florenz als ballerino di mezzo carattere. Diese Bezeichnung verweist auf einen Bühnentypus zwischen heroisch-seriöser und komisch-grotesker Tanzrolle. Ab 1780 ist Pietro als primo ballerino serio in Venedig tätig, im folgenden Jahr an der Mailänder Scala.
Die frühen Stationen zeigen einen raschen Aufstieg innerhalb der italienischen Theaterhierarchie. Der Wechsel vom mezzo carattere zum primo ballerino serio bedeutet mehr als eine technische Rangsteigerung. Er verweist auf die Fähigkeit, tragende Rollen des ernsten und heroischen Balletts zu übernehmen. In der Ballettpraxis des späten 18. Jahrhunderts waren solche Rollen nicht nur tänzerisch anspruchsvoll, sondern auch pantomimisch und dramatisch bedeutsam. Der Tänzer musste Affekt, Handlung, Würde, Konflikt und Charakter durch Bewegung, Haltung und Gebärde vermitteln.
1782 ist Pietro Angiolini in der Truppe Jean-Georges Noverres in London nachweisbar, 1785 in der Truppe von Charles Le Picq. Diese Stationen verbinden ihn unmittelbar mit der internationalen Reformtradition des Balletts. Seit 1789 trat er mit eigenen Choreographien hervor. Die Forschung nennt ungefähr sechzig eigene Ballette. Von 1808 bis 1810 war Pietro Angiolini als Ballettmeister in Wien tätig; um 1830 wird er in Cremona fassbar. Seine Karriere führt damit von italienischen Regional- und Hauptstadttheatern über London und Wien zurück in die norditalienische Theaterlandschaft.
Pietro war mit Carolina Pitrot verheiratet, einer berühmten Tänzerin. Die Primaballerina Giuseppina Angiolini, später verheiratete Cortesi, wird als seine Tochter genannt und wirkte zwischen 1815 und 1824 an der Scala in Mailand. Damit bildet Pietro Angiolini eine wichtige Brücke zwischen der Reformgeneration des 18. Jahrhunderts und der frühromantischen Ballett- und Opernbühne des 19. Jahrhunderts.
Weitere Mitglieder der Familie
Nicola oder Niccolò Angiolini wurde 1765 in Florenz geboren und starb am 1. Januar 1815 in Wien. Er war Tänzer und Choreograph und ist besonders durch seine Wiener Tätigkeit von 1793 bis 1814 greifbar. Seine Ehefrau Fortunata Angiolini, geborene Conti, war Solotänzerin und ist in Mailand, Wien und London nachweisbar. Diese Laufbahn zeigt erneut die Mobilität der Familie und die Verbindung zwischen italienischer, österreichischer und englischer Bühnenkultur.
Pasquale Angiolini wurde 1766 in Florenz geboren und starb am 21. April 1817 in Wien. Auch er war Tänzer und Choreograph und wirkte von 1794 bis 1817 in Wien. Seine Ehefrau Anna Angiolini, geborene Bitsch, wurde 1783 in Wien geboren und starb dort am 26. Januar 1808; sie war seit 1800 als Figurantin mit der Wiener Bühne verbunden. Der Begriff Figurantin bezeichnet in dieser Zeit keine nebensächliche Existenz, sondern eine wichtige Position innerhalb des choreographischen Apparats, in dem Gruppentanz, szenische Bewegung und dekorative Ballettformen eine tragende Rolle spielten.
Giuseppina Angiolini, später verheiratete Cortesi, gehört zur folgenden Generation. Als Primaballerina der Mailänder Scala zwischen 1815 und 1824 steht sie für die Weiterführung des Familiennamens in der großen italienischen Theaterinstitution des frühen 19. Jahrhunderts. Ihre Präsenz ist besonders deshalb wichtig, weil sie die Angiolini nicht nur als Choreographenfamilie, sondern auch als Familie herausragender Tänzerinnen sichtbar macht.
Ballettgeschichtliche Bedeutung
Die ballettgeschichtliche Bedeutung der Angiolini liegt vor allem in der Entwicklung des Handlungsballetts. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde der Tanz zunehmend als dramatische Kunstform verstanden. Statt bloßer divertissementartiger Einschübe sollte Ballett eine Handlung entfalten, Affekte darstellen und moralische oder mythologische Konflikte körperlich sichtbar machen. Gasparo Angiolini gehört zu denjenigen Künstlern, die diesen Wandel entscheidend vorantrieben.
Pietro Angiolini gehört einer späteren Phase an, in der die Formen des ballo eroico, des ballo pantomimo, des ballo serio und des ballo di mezzo carattere an großen italienischen Theatern fest etabliert waren. Seine Tätigkeit als Tänzer und Choreograph zeigt, wie die Reformideen des 18. Jahrhunderts in die Theaterpraxis des frühen 19. Jahrhunderts übergingen. Die in Libretto- und Theaterzetteln nachweisbaren Ballettszenarien zeigen eine Kunstform, die Text, Handlung, Rollenverzeichnis, Szene, Musik, Kostüm, Pantomime und Tanz eng miteinander verband.
Die Angiolini stehen damit an einer kulturgeschichtlichen Schwelle. Einerseits gehören sie noch zur Welt der höfischen und halb höfischen Theaterkultur, andererseits bereits zur modernen öffentlichen Theaterlandschaft, in der große Häuser wie die Mailänder Scala, La Fenice in Venedig oder die Wiener Bühnen ein internationales Publikum erreichten. Ihr Wirken macht sichtbar, dass die Geschichte des Balletts nicht nur über einzelne Werke, sondern über Familien, Truppen, Theater, Drucke, Saisonverträge und grenzüberschreitende Laufbahnen geschrieben werden muss.
Kulturgeschichtlicher Überblick
Die Familie Angiolini gehört in eine europäische Kultur, in der Tanz, Musik und Theater nicht getrennte Künste waren. Im 18. Jahrhundert erschienen Opernaufführungen häufig mit Balletten, Zwischenspielen oder eigenständigen Tanzszenarien. Ein Theaterabend konnte Gesang, Orchester, Schauspiel, Dekoration, Maschinerie, Kostüm, Pantomime und choreographische Handlung zu einem komplexen Ereignis verbinden. Die Angiolini bewegten sich genau in diesem Zwischenbereich: Sie waren weder ausschließlich Tänzer noch ausschließlich Komponisten oder Dramaturgen, sondern Theaterkünstler einer umfassenden Bühnenpraxis.
Die italienische Theaterwelt war für diese Entwicklung besonders wichtig. Städte wie Florenz, Venedig, Mailand, Lucca, Siena und Cremona bildeten ein dichtes Netz von Opern- und Theaterorten. Zugleich war Italien nicht abgeschlossen. Künstlerinnen und Künstler wechselten nach Wien, London, Paris, Madrid, Lissabon oder St. Petersburg. Dadurch entstand eine europäische Zirkulation von Stilen, Personal, Choreographien, Libretti und Bühnenformen. Die Familie Angiolini ist ein exemplarischer Fall für diese Mobilität.
Gasparo Angiolini steht für die theoretische und ästhetische Reform des Balletts, Pietro Angiolini für deren praktische Fortsetzung auf der Bühne. Während Gasparo mit Gluck, Calzabigi, Hilverding und Noverre in eine Reformdebatte eingebunden war, begegnet Pietro in Theaterprogrammen, in Rollenlisten, in Szenarien und als Erfinder beziehungsweise Direktor von Balletten. Diese unterschiedliche Quellenlage verweist auf zwei Seiten derselben Kultur: auf der einen Seite die formulierte Kunsttheorie, auf der anderen Seite die konkrete Aufführungspraxis.
Für die Kulturgeschichte der Musik ist die Familie auch deshalb wichtig, weil das Ballett die Grenzen der Operngeschichte erweitert. Wer die italienische und österreichische Oper des 18. und frühen 19. Jahrhunderts verstehen will, muss auch die Tänzer, Ballettmeister, Choreographen und Szenographen berücksichtigen. Sie gestalteten jene Teile des Theaterabends, die in Partituren und Operngeschichten häufig nur am Rand erscheinen, für das historische Publikum aber zentral waren.
Werk- und Repertoireverzeichnis
Die Werküberlieferung der Familie Angiolini ist ungleichmäßig. Für Gasparo Angiolini werden ungefähr 110 Ballette genannt; für Pietro Angiolini nennt die Forschung ungefähr sechzig eigene Ballette. Ein vollständig geschlossenes Werkverzeichnis lässt sich im Rahmen der öffentlich zugänglichen Nachweise nicht endgültig herstellen, weil viele Ballettszenarien nur in Theaterzetteln, Librettoanhängen, Aufführungsdrucken oder archivalischen Einzelstücken überliefert sind. Das folgende Verzeichnis fasst daher die gesichert benennbaren und kulturgeschichtlich einschlägigen Werke, Schriften, Funktionen und Nachweise zusammen.
Gasparo Angiolini: Ballette, Schriften und Wirkungsfelder
- Don Juan, ou le festin de pierre, Ballett beziehungsweise ballet d’action, Wien 1761, Musik von Christoph Willibald Gluck; eines der zentralen Werke der Ballettreform.
- Orfeo ed Euridice, choreographische Beteiligung an den Ballettszenen der Gluck-Oper, Wien 1762; wichtig für die Verbindung von Opernreform und Tanz.
- La rencontre imprévue ou Les pèlerins de la Mecque, Ballettzusammenhang im Umfeld der Wiener Gluck-Praxis, 1764.
- Sémiramis, tragisches Pantomimenballett, 1765, mit programmatischer Schrift zur Theorie des antiken und modernen Pantomimenballetts.
- Iphigénie, Ballett, in den Werkübersichten als eines der wichtigen Angiolini-Ballette genannt.
- Le départ d’Énée, ou Didon abandonnée, Ballett nach einem Stoff aus dem Umkreis Vergils und Metastasios, St. Petersburg 1766.
- Attila, balletto-pantomima, an der Mailänder Scala im frühen Aufführungskontext des Hauses nachweisbar.
- Solimano beziehungsweise Solimano II, Ballett, im frühen Scala-Repertoire nachweisbar.
- Alzira o Gli americani, Ballett, im frühen Scala-Repertoire nachweisbar.
- Teseo in Creta, ballo eroico pantomimo, im frühen Scala-Repertoire nachweisbar.
- Izerbek e Zaikinda, Ballett, mit Gasparo Angiolini als Choreograph beziehungsweise Sujetgeber im späteren Scala-Kontext verbunden.
- Dissertation sur les ballets pantomimes des anciens, pour servir de programme au ballet pantomime tragique de Semiramis, Wien 1765; theoretische Schrift zur pantomimischen Ballettkunst.
Pietro Angiolini: Laufbahn, Choreographien und gesicherte Ballettnachweise
- 1776: Nachweis als Tänzer in Siena und Lucca.
- 1777: Tätigkeit in Florenz als ballerino di mezzo carattere.
- 1780: Tätigkeit in Venedig als primo ballerino serio.
- 1781: Tätigkeit in Mailand an der Scala.
- 1782: Nachweis in London in der Truppe Jean-Georges Noverres.
- 1785: Nachweis in der Truppe von Charles Le Picq.
- 1789: Beginn eigener choreographischer Tätigkeit mit eigenen Balletten.
- 1790: Idante ed Asseli ossia La sposa fedele, Sujet beziehungsweise Choreographie an der Scala genannt.
- 1790: Argent fait tout, Sujet beziehungsweise Choreographie an der Scala genannt.
- 1808–1810: Tätigkeit als Ballettmeister in Wien.
- 1808: Der Triumph des Vitellius Maximinus und die Zerstoerung von Pompejanum beziehungsweise Il trionfo de Vitellio Massimino e la distrunzione di Pompejano, heroisches Ballett in fünf Akten, in Katalogzusammenhängen Pietro Angiolini zugeschrieben.
- 1815: Gilles ed Aliz, ballo pantomimo beziehungsweise erster Ballo; an der Mailänder Scala als von Pietro Angiolini erfunden und geleitet nachweisbar.
- 1815: Lilla e Lubino, zweiter Ballo; gemeinsam mit Gilles ed Aliz in Scala-Programmen als von Pietro Angiolini erfunden und geleitet nachweisbar.
- 1816: Emma ed Igildo, ballo eroico, für das Regio Teatro alla Scala im Herbst 1816 von Pietro Angiolini erfunden und komponiert.
- 1816: L’Amore fuor di stagione, ballo di mezzo carattere in vier Akten, als zweiter Ballo im Umfeld des Scala-Librettos Elena nachweisbar.
- 1816: Pico e Canente, ballo mitologico, von Pietro Angiolini komponiert und geleitet, für das Regio Teatro alla Scala im Herbst 1816 gedruckt.
- 1817: La fontana della gioventù, fiaba mimica beziehungsweise ballo comico pantomimo, für Venedig und das Teatro La Fenice im Karneval 1817 nachweisbar.
- 1820: Ino e Atamante, ballo eroico, von Pietro Angiolini komponiert und als Ballettszenario im Zusammenhang mit La gioventù di Enrico Quinto an der Mailänder Scala überliefert.
- 1823: Haroum-al-Rachid, ballo pantomimico in fünf Akten, in späteren tänzerbiographischen Zusammenhängen mit Pietro Angiolini verbunden.
- um 1830: Nachweis in Cremona.
- nach 1834: Letzte Lebensgrenze nach den lexikalischen Nachweisen.
Weitere Familienmitglieder: nachweisbare Tätigkeiten
- Maria Teresa Rosina Fogliazzi Angiolini: Solotänzerin, Ehefrau Gasparo Angiolinis, * 1733 in Borgo San Donnino, † 31. Oktober 1792 in Cormano.
- Nicola oder Niccolò Angiolini: Tänzer und Choreograph, * 1765 in Florenz, † 1. Januar 1815 in Wien; 1793 bis 1814 in Wien engagiert.
- Fortunata Angiolini, geborene Conti: Solotänzerin, in Mailand, Wien und London nachweisbar; Ehefrau Nicola oder Niccolò Angiolinis.
- Pasquale Angiolini: Tänzer und Choreograph, * 1766 in Florenz, † 21. April 1817 in Wien; 1794 bis 1817 in Wien tätig.
- Anna Angiolini, geborene Bitsch: Figurantin, * 1783 in Wien, † 26. Januar 1808 in Wien; seit 1800 mit der Wiener Bühne verbunden, Ehefrau Pasquale Angiolinis.
- Giuseppina Angiolini, verheiratete Cortesi: Primaballerina, Tochter Pietro Angiolinis; 1815 bis 1824 an der Mailänder Scala nachweisbar.
Wirkung und Rezeption
Die Rezeption der Familie Angiolini ist zweigeteilt. Gasparo Angiolini besitzt einen festen Platz in der Geschichte der Ballettreform. Er wird neben Jean-Georges Noverre und Franz Anton Hilverding als eine der entscheidenden Figuren genannt, die das Ballett aus der bloß dekorativen Funktion herausführten und als dramatische Kunstform verstanden. Seine Zusammenarbeit mit Gluck und seine theoretische Schrift zu den Pantomimenballetten machten ihn zu einem wichtigen Vertreter einer Kunst, in der Musik, Handlung, Szene und Gebärde als Einheit begriffen werden.
Pietro Angiolini ist in der Forschung weniger als Theoretiker, aber deutlich als Theaterpraktiker sichtbar. Seine Nachweise in italienischen und europäischen Theaterquellen zeigen eine lange Karriere, die vom Tänzer zum Choreographen und Ballettmeister führte. Die in Katalogen und Librettoüberlieferungen genannten Ballette machen ihn zu einer wichtigen Figur der Übergangszeit zwischen dem späten aufklärerischen Handlungsballett und dem frühen 19. Jahrhundert, in dem das Ballett an Häusern wie der Scala eine immer stärker institutionalisierte Form annahm.
Die weitere Familie ist vor allem für die Sozialgeschichte des Theaters bedeutsam. Ihre Mitglieder zeigen, wie stark Tanzkarrieren von Verwandtschaft, Heirat, Engagementnetzwerken und Mobilität abhängig waren. Die Angiolini stehen deshalb nicht nur für einzelne Werke, sondern für eine ganze Berufsform: die wandernde, international vernetzte Theaterfamilie, in der Kunst, Beruf, Familie und europäische Kulturvermittlung untrennbar verbunden waren.
Sekundärliteratur
- Brown, Bruce Alan: Gluck and the French Theatre in Vienna. Oxford: Clarendon Press, 1991. Grundlegende Studie zum Wiener Reformtheater, zu Gluck und zum Zusammenhang von Oper, Tanz und französischem Theater.
- Dahms, Sibylle: Choreographische Aspekte im Werk J. G. Noverres und G. Angiolinis. In: Tanzforschung 2, Wilhelmshaven 1991, S. 93–110. Vergleichende Studie zu zwei zentralen Reformfiguren des 18. Jahrhunderts.
- Dahms, Sibylle: Das Repertoire des „Ballet en action“. Noverre – Angiolini – Lauchery. In: Wolfgang Gratzer und Andrea Lindmayr: De editione musices. Festschrift Gerhard Croll zum 65. Geburtstag. Laaber 1992, S. 125–142. Repertoiregeschichtliche Untersuchung des Handlungsballetts.
- Dahms, Sibylle: Gluck und das „Ballet en action“ in Wien. In: Kongreßbericht Gluck in Wien. Wien, 12.–16. November 1987. Kassel 1989. Studie zur Verbindung von Gluck, Wiener Theater und Ballettreform.
- Fabbricatore, Arianna Béatrice: La Querelle des Pantomimes. Danse, culture et société dans l’Europe des Lumières. Rennes: Presses universitaires de Rennes, 2017. Neuere kultur- und diskursgeschichtliche Studie zur europäischen Debatte um das Pantomimenballett.
- Huschka, Sabine: Die Darstellungsästhetik des „ballet en action“. Anmerkungen zum Disput zwischen Gasparo Angiolini und Jean-Georges Noverre. In: Uwe Schlottermüller, Howard Weiner und Maria Richter: Vom Schäferidyll zur Revolution. Europäische Tanzkultur im 18. Jahrhundert. Freiburg im Breisgau 2008, S. 93–106. Beitrag zur ästhetischen und theoretischen Einordnung des Reformballetts.
- Mansfeld, Herbert A.: Theaterleute in den Akten der k. k. Obersten Hoftheaterverwaltung von 1792 bis 1867. In: Jahrbuch der Gesellschaft für Wiener Theaterforschung 13, Wien 1961, S. 72–125. Quellenorientierter Beitrag zur Wiener Theaterpersonalgeschichte.
- MGG Online: Angiolini. Fachlexikalischer Artikel zur Familie Angiolini, zu Gasparo und zu den weiteren nachweisbaren Familienmitgliedern.
- Österreichisches Musiklexikon online: Angiolini, Familie. Fachlexikalischer Überblick zu Gasparo, Pietro, Nicola, Pasquale und weiteren Familienmitgliedern.
- Tozzi, Lorenzo: Il balletto pantomimo del Settecento. Gaspare Angiolini. L’Aquila 1972. Ältere, für die Angiolini-Forschung wichtige Spezialstudie zum Pantomimenballett des 18. Jahrhunderts.
Ausgewählte Onlinequellen
- Britannica: Gasparo Angiolini Kompakter englischsprachiger Artikel zu Gasparo Angiolini als Choreograph, Komponist und Reformfigur des dramatischen Balletts.
- Calisphere: La gioventù di Enrico Quinto Katalognachweis mit Hinweis auf das Ballettszenario Ino e Atamante von Pietro Angiolini.
- Composers Classical Music: Angiolini, Pietro Kurzprofil zu Pietro Angiolini mit Datierungsangaben, Laufbahnstationen, Verwechslungshinweis und Nennung eigener Ballettproduktionen.
- Corago / Universität Bologna: La fontana della gioventù Libretto- und Aufführungsnachweis zu Pietro Angiolinis La fontana della gioventù am Teatro La Fenice in Venedig.
- Deutsche Nationalbibliothek: Pietro Angiolini Normdatensatz zu Pietro Angiolini mit bibliothekarischer Identifikation.
- Deutsche Nationalbibliothek: Gasparo Angiolini Normdatensatz zu Gasparo Angiolini mit bibliothekarischer Identifikation.
- HathiTrust: Elena Katalogeintrag zu einem Scala-Druck von 1816 mit Nachweisen zu Emma ed Igildo und L’Amore fuor di stagione von Pietro Angiolini.
- HathiTrust: L’impostore Katalogeintrag zu einem Mailänder Scala-Libretto von 1815 mit Gilles ed Aliz und Lilla e Lubino als von Pietro Angiolini erfundenen und geleiteten Balletten.
- HathiTrust: La gioventù di Enrico Quinto Katalogeintrag zu einem Scala-Libretto von 1820 mit dem Ballettszenario Ino e Atamante von Pietro Angiolini.
- IMSLP: Angiolini, Gasparo Werk- und Quellenübersicht zu digital verfügbaren Materialien im Umfeld Gasparo Angiolinis.
- LeviDigiLab / Fondazione Ugo e Olga Levi: Angiolini, Pietro Normdatenähnlicher Personeneintrag zu Pietro Angiolini mit Lebensdatenansatz und VIAF-Verknüpfung.
- Library of Congress: La vedova delirante Digitalisat- und Katalognachweis mit La fontana della gioventù als von Pietro Angiolini komponiertem und geleitetem Ballett.
- MGG Online: Angiolini Fachlexikalischer Artikel zur Familie Angiolini und zur theatergeschichtlichen Einordnung ihrer Mitglieder.
- Österreichisches Musiklexikon: Angiolini, Familie Grundlegender deutschsprachiger Onlineartikel zu Gasparo Angiolini, Pietro Angiolini und weiteren Familienmitgliedern.
- Treccani: Gasparo Angiolini Italienischer biographischer Fachartikel zu Gasparo Angiolini, seiner Herkunft, Ausbildung, Laufbahn und Bedeutung für das Ballett.
- VIAF: Pietro Angiolini Internationaler Normdatenverbund mit bibliothekarischen Identifikatoren zu Pietro Angiolini.
Weiterführende Einträge
- Ballet d’action Reformtypus des 18. Jahrhunderts, in dem Tanz, Pantomime und Handlung zu einer dramatischen Einheit verbunden werden.
- Ballett Bühnentanzform, deren Entwicklung von der höfischen Repräsentation zum dramatischen Handlungsballett für die Angiolini zentral ist.
- Ballettmeister Theaterberuf zwischen Choreographie, Training, Einstudierung, Personalführung und szenischer Organisation.
- Ranieri de’ Calzabigi Librettist und Reformdenker im Umfeld Glucks und des Wiener Reformtheaters.
- Choreographie Künstlerische Gestaltung von Bewegung, Szene, Körperordnung und tänzerischer Handlung.
- Commedia dell’arte Italienische Theatertradition, deren Körper-, Masken- und Typenpraxis für europäische Bühnenformen wichtig blieb.
- Figurin Tänzerische Bühnenfunktion im Ensemble- und Gruppentanz, besonders in Opern- und Ballettaufführungen des 18. und 19. Jahrhunderts.
- Florenz Herkunftsort Gasparo und Pietro Angiolinis sowie wichtiger Ort italienischer Theater- und Tanzkultur.
- Gasparo Angiolini Tänzer, Choreograph, Komponist und Theoretiker des Handlungsballetts.
- Christoph Willibald Gluck Komponist der Opern- und Ballettreform, mit dessen Musik Gasparo Angiolini eng verbunden war.
- Handlungsballett Ballettform, in der eine zusammenhängende dramatische Handlung durch Tanz und Pantomime dargestellt wird.
- Franz Anton Hilverding Ballettmeister und Reformfigur, dessen Arbeit für Gasparo Angiolini und das Wiener Ballett wichtig war.
- Teatro La Fenice Venezianisches Opernhaus, an dem Pietro Angiolinis Ballett La fontana della gioventù nachweisbar ist.
- Libretto Gedruckte Text- und Szenarienform, die für die Rekonstruktion historischer Opern- und Ballettaufführungen wichtig ist.
- Mailand Zentraler italienischer Theaterort und Sterbeort Gasparo Angiolinis.
- Jean-Georges Noverre Ballettreformer des 18. Jahrhunderts und wichtiger Vergleichspunkt für Gasparo Angiolini.
- Oper Musiktheaterform, in deren Aufführungskontext Ballette und Ballettszenarien eine zentrale Rolle spielten.
- Pantomime Körper- und Gebärdensprache ohne gesprochene Worte, wesentlich für das dramatische Ballett des 18. Jahrhunderts.
- Pietro Angiolini Tänzer, Choreograph und Ballettmeister, dessen Karriere von Italien über London und Wien bis zu Scala- und Fenice-Nachweisen reicht.
- Teatro alla Scala Mailänder Opernhaus, an dem Pietro Angiolini als Tänzer, Choreograph und Ballettschöpfer mehrfach nachweisbar ist.
- Szenario Handlungs- und Ablaufbeschreibung eines Balletts oder Bühnenwerks, oft zentrale Quelle für verlorene Choreographien.
- Tanz Körperkunst und Bühnenpraxis, die im 18. Jahrhundert zwischen höfischer Repräsentation, Virtuosität und dramatischer Handlung stand.
- Tanztheorie Reflexion über Ausdruck, Gebärde, Körper, Handlung und ästhetische Funktion des Tanzes.
- Theaterfamilie Sozial- und Berufstypus wandernder Künstlerfamilien, in denen Ausbildung, Engagement und Bühnenpraxis familiär organisiert wurden.
- Venedig Wichtiger italienischer Opern- und Ballettort mit frühen Nachweisen Pietro Angiolinis.
- Wiener Hoftheater Zentraler Ort der Opern- und Ballettreform im 18. Jahrhundert und wichtiger Wirkungsraum der Angiolini.