Genesis 1,31 – Und siehe, es war sehr gut

Bibel: Genesis / 1. Mose
Kapitel: 1
Vers: 31

31 Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.

Hebräischer Text:

וַיַּרְא אֱלֹהִים אֶת־כָּל־אֲשֶׁר עָשָׂה וְהִנֵּה־טוֹב מְאֹד וַיְהִי־עֶרֶב וַיְהִי־בֹקֶר יוֹם הַשִּׁשִּׁי׃

Transliteration:

wayyarʾ ʾĕlōhîm ʾeṯ-kol-ʾăšer ʿāśāh wəhinnēh-ṭôḇ məʾōḏ wayəhî-ʿereḇ wayəhî-ḇōqer yôm haššiššî

Wortnahe Übersetzung: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe: [es war] sehr gut. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: der sechste Tag.“

Einleitung

Genesis 1,31 bildet den Höhe- und Schlusspunkt der sechs schöpferischen Arbeitstage. Der Vers blickt nicht mehr auf einen einzelnen Schöpfungsbereich, sondern auf כָּל־אֲשֶׁר עָשָׂה, „alles, was er gemacht hatte“. Die Perspektive wird damit umfassend. Licht und Finsternis, Himmel und Wasser, Land und Meer, Vegetation, Himmelslichter, Wasser- und Lufttiere, Landtiere, die im Bild Gottes geschaffene Menschheit, ihre Beauftragung und die zuletzt festgelegte Nahrungsordnung werden jetzt als ein zusammenhängendes Ganzes betrachtet. Die einzelnen Gutheißungen des Kapitels werden in einer letzten Gesamtbewertung gebündelt: וְהִנֵּה־טוֹב מְאֹד, „und siehe: sehr gut“.

Die Steigerung von טוֹב, „gut“, zu טוֹב מְאֹד, „sehr gut“, ist literarisch von großer Bedeutung. Zuvor hatte Gott einzelne Bereiche als gut beurteilt. Nun wird nicht einfach die zuletzt erschaffene Menschheit isoliert „sehr gut“ genannt. Grammatisch ist das Objekt des göttlichen Sehens ausdrücklich אֶת־כָּל־אֲשֶׁר עָשָׂה, die Gesamtheit dessen, was Gott gemacht hat. Die besondere Steigerung betrifft daher das vollendete Schöpfungsgefüge. Mensch, Tier, Pflanze, Lebensräume, Zeitordnungen und ihre gegenseitigen Beziehungen bilden zusammen die nun abgeschlossene Welt.

Genesis 1,31 ist zugleich kein eigentlicher Abschluss der ersten Schöpfungserzählung, wenn man ausschließlich der späteren Kapitelzählung folgt. Die literarische Einheit reicht über die heutige Kapitelgrenze hinweg nach Genesis 2,1 bis Genesis 2,3, wo die Vollendung des Himmels und der Erde, Gottes Beendigung seines Werkes, sein Ruhen sowie die Segnung und Heiligung des siebten Tages erzählt werden. Vers 31 schließt die sechs Tage des Werkes ab; Genesis 2,1–3 vollendet den Sieben-Tage-Rhythmus durch den Sabbat. Der Satz „sehr gut“ steht daher unmittelbar vor dem Übergang von schöpferischer Tätigkeit zu geheiligter Ruhe.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Tagesformel יוֹם הַשִּׁשִּׁי. Die vorherigen ordinalen Tagesbezeichnungen lauten ohne diesen bestimmten Artikel am Ordinal: יוֹם שֵׁנִי, יוֹם שְׁלִישִׁי, יוֹם רְבִיעִי und יוֹם חֲמִישִׁי. Beim sechsten Tag erscheint dagegen הַשִּׁשִּׁי, „der sechste“. Die jüdische Tradition machte gerade dieses zusätzliche ה zum Ausgangspunkt einer umfangreichen Auslegung, in der die Beständigkeit der Schöpfung mit der späteren Annahme der Tora am Sinai verbunden wird. Philologisch ist diese rabbinische Deutung als Midrasch von der unmittelbaren Syntax zu unterscheiden; rezeptionsgeschichtlich wurde die kleine grammatische Besonderheit jedoch außerordentlich bedeutend.

Parallelstellen

Genesis 1,4 enthält die erste göttliche Gutheißung: Gott sieht das Licht und erkennt beziehungsweise beurteilt, dass es gut ist. Das dort erstmals auftretende Muster וַיַּרְא אֱלֹהִים ... כִּי־טוֹב bildet den Anfang einer Reihe, die in Genesis 1,31 zur Gesamtbewertung gesteigert wird.

Genesis 1,10 bewertet die geordnete Trennung von trockenem Land und Meer als gut. Die Güte bezieht sich damit bereits früh nicht primär auf moralisches Verhalten, sondern auf eine funktionsfähige und geordnete Schöpfungswirklichkeit.

Genesis 1,12 bewertet die hervorgebrachte Pflanzenwelt als gut. Vegetation, Samen und Fruchtbarkeit gehören folglich zu dem Ganzen, das in Vers 31 „sehr gut“ genannt wird.

Genesis 1,18 beendet die Einrichtung der Himmelslichter mit derselben Gutheißung. Licht, Dunkelheit, Tag und Nacht werden als funktionale Bestandteile der guten Welt verstanden.

Genesis 1,21 erklärt die Wasser- und Vogelwelt für gut. Auch die großen Meerestiere, die in anderen altorientalischen und biblisch-poetischen Traditionen mit Chaosvorstellungen verbunden sein können, sind in Genesis 1 geschaffene und positiv bewertete Wesen.

Genesis 1,25 bewertet die Landtiere als gut. Damit geht die positive Schöpfungsbewertung ihrer Unterstellung unter menschliche Herrschaft voraus.

Genesis 1,27 berichtet die Erschaffung der Menschheit im Bild Gottes. Obwohl dort keine eigene Formel „und Gott sah, dass es gut war“ steht, wird die Menschenschöpfung in Genesis 1,31 ausdrücklich in die Gesamtbewertung „sehr gut“ einbezogen.

Genesis 1,29 und Genesis 1,30 regeln die ursprüngliche Nahrung von Menschen und Tieren. Da Genesis 1,31 unmittelbar danach folgt, gehört auch diese versorgende und im Text pflanzlich beschriebene Nahrungsordnung zum „sehr guten“ Gesamtzustand.

Genesis 2,1 berichtet: Himmel und Erde und ihr ganzes Heer sind vollendet. Diese Aussage ist die unmittelbare Fortsetzung von Genesis 1,31 und bestätigt, dass „alles, was er gemacht hatte“ nun als vollständige kosmische Ordnung betrachtet wird.

Genesis 2,2 und Genesis 2,3 führen vom abgeschlossenen Werk zur göttlichen Ruhe, Segnung und Heiligung des siebten Tages. Die Schöpfung erreicht ihr Ziel daher nicht allein in der Produktion weiterer Dinge, sondern in der geheiligten Vollendung.

Exodus 20,8 bis Exodus 20,11 begründen das Sabbatgebot mit Gottes sechstägigem Schöpfungswerk und seinem Ruhen am siebten Tag. Die Schöpfungswoche wird damit zum Modell menschlicher Arbeits- und Ruhezeit.

Exodus 31,16 bis Exodus 31,17 verbinden den Sabbat erneut mit der Sechs-Tage-Schöpfung. Genesis 1,31 ist deshalb nicht lediglich kosmologischer Abschluss, sondern Teil der theologischen Vorgeschichte des Sabbats.

Psalm 104,24 preist die Vielzahl der Werke Gottes und erklärt, sie seien in Weisheit geschaffen. Der Psalm entfaltet poetisch eine ähnliche Sicht auf die Welt als zusammenhängendes, geordnetes und von Gott getragenes Ganzes.

Prediger 3,11 erklärt, Gott habe alles schön beziehungsweise angemessen zu seiner Zeit gemacht. Die Aussage kann mit Genesis 1,31 verglichen werden, weil Güte beziehungsweise Angemessenheit im Zusammenhang eines größeren zeitlichen Ganzen betrachtet wird.

1. Timotheus 4,4 formuliert innerhalb des Neuen Testaments ausdrücklich: Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut. Die spätere christliche Tradition hat diesen Satz häufig im Horizont von Genesis 1 gelesen.

Römer 8,19 bis Römer 8,23 beschreiben dagegen die gegenwärtige Schöpfung als seufzend und der Vergänglichkeit unterworfen. Für christliche Theologie entstand daraus eine Spannung zwischen ursprünglicher Schöpfungsgüte und gegenwärtiger Gebrochenheit.

Wortanalyse

וַיַּרְא, wayyarʾ, ist Qal Wayyiqtol, 3. Person maskulin Singular, der Wurzel ראה, „sehen“. Das Verb bezeichnet hier nicht bloß optische Wahrnehmung, sondern führt wie bereits an früheren Stellen des Kapitels in eine göttliche Bewertung des Geschaffenen über.

אֱלֹהִים, ʾĕlōhîm, ist das Subjekt. Trotz der formal pluralischen Endung steht das Verb im Singular. Wie im gesamten Kapitel handelt der Ausdruck hier grammatisch von dem einen Gott.

אֶת, ʾeṯ, ist der Marker des bestimmten direkten Objekts. Das Objekt ist nicht ein einzelnes Geschöpf, sondern die gesamte folgende Relativkonstruktion.

כָּל, kol, bedeutet „alles, jedes, die Gesamtheit“. Gerade dieses Wort erweitert den Blick von den Einzelwerken auf das vollständig Geschaffene.

אֲשֶׁר, ʾăšer, ist das Relativpronomen „was, welches“. כָּל־אֲשֶׁר bedeutet zusammen „alles, was“.

עָשָׂה, ʿāśāh, ist Qal Perfekt, 3. Person maskulin Singular, von עשה, „machen, tun, herstellen“. Das Verb fasst hier Gottes gesamtes Schöpfungswerk zusammen.

וְהִנֵּה, wəhinnēh, verbindet „und“ mit der präsentativen Partikel הִנֵּה, „siehe, siehe da, da war“. Die Partikel verleiht der nachfolgenden Bewertung Unmittelbarkeit und Nachdruck.

טוֹב, ṭôḇ, bedeutet „gut“. Je nach Kontext kann das Wort moralische Güte, Zweckmäßigkeit, Angemessenheit, Schönheit, Wohlsein oder funktionale Qualität ausdrücken. In Genesis 1 beschreibt es vor allem die positive Entsprechung des Geschaffenen zur göttlichen Ordnung.

מְאֹד, məʾōḏ, ist ein verstärkendes Adverb: „sehr, überaus, außerordentlich“. Die Wortverbindung טוֹב מְאֹד bedeutet deshalb zunächst schlicht „sehr gut“ und nicht lexikalisch „absolut vollkommen“ oder „die bestmögliche aller denkbaren Welten“.

Das erste וַיְהִי, wayəhî, ist Qal Wayyiqtol, 3. Person maskulin Singular, von היה, „sein, werden“. Die Formel bedeutet idiomatisch „und es wurde/es war Abend“.

עֶרֶב, ʿereḇ, bedeutet „Abend“. Das Wort bezeichnet den Übergang zum nächtlichen Abschnitt des Tageszyklus.

Das zweite וַיְהִי wiederholt dieselbe Verbform vor בֹּקֶר, bōqer, „Morgen“.

יוֹם, yôm, bedeutet „Tag“.

הַשִּׁשִּׁי, haššiššî, ist das bestimmte Ordinal „der sechste“. Die Form enthält den Artikel הַ und unterscheidet sich damit auffällig von den vorherigen ordinalen Tagesbezeichnungen des Kapitels.

Grammatik und Syntax

Der Vers besteht aus zwei großen Satzkomplexen. Der erste lautet וַיַּרְא אֱלֹהִים אֶת־כָּל־אֲשֶׁר עָשָׂה וְהִנֵּה־טוֹב מְאֹד. Das finite Verb „sah“ eröffnet die Konstruktion, Gott ist das Subjekt, und der gesamte Relativausdruck „alles, was er gemacht hatte“ bildet das direkte Objekt. Danach folgt mit וְהִנֵּה eine präsentative Bewertung: „und siehe, [es war] sehr gut“. Eine ausdrückliche Form des Verbs „sein“ steht vor טוֹב מְאֹד nicht; sie wird im Deutschen idiomatisch ergänzt.

Der zweite Satzkomplex reproduziert die bekannte Tagesabschlussformel: וַיְהִי־עֶרֶב וַיְהִי־בֹקֶר. Die Lutherform „Da ward aus Abend und Morgen“ ist traditionssprachlich stark geprägt, bildet die hebräische Syntax aber nicht wörtlich ab. Das Hebräische sagt zweimal „und es wurde/es war“: „Und es wurde Abend, und es wurde Morgen.“ Darauf folgt appositionsartig beziehungsweise zusammenfassend יוֹם הַשִּׁשִּׁי, „der sechste Tag“.

Besonders auffällig ist die Kombination eines formal unbestimmten יוֹם mit dem artikulierten Ordinal הַשִּׁשִּׁי. Innerhalb der Tagesreihe markiert die Form jedenfalls einen Unterschied gegenüber יוֹם שֵׁנִי, יוֹם שְׁלִישִׁי, יוֹם רְבִיעִי und יוֹם חֲמִישִׁי. Der genaue grammatische beziehungsweise stilistische Grund ist nicht mit letzter Sicherheit aus der Form allein zu bestimmen. Gerade diese Auffälligkeit wurde aber zum Ausgangspunkt rabbinischer Midraschbildung.

וַיַּרְא – „Gott sah“

Das „Sehen“ Gottes wiederholt ein Leitmotiv des Kapitels. Gott spricht, etwas entsteht, und Gott sieht dessen Güte. Das Verb bezeichnet innerhalb dieser literarischen Struktur eine evaluierende Wahrnehmung. Es vermittelt nicht den Eindruck, Gott müsse erst nachträglich und überraschend feststellen, wie sein Werk ausgefallen ist. Vielmehr beschreibt die anthropomorphe Sprache die göttliche Bestätigung des Geschaffenen in einer für menschliche Leser anschaulichen Form.

Bei Genesis 1,31 erweitert sich das Objekt dieses Sehens radikal. Nicht mehr Licht, Land, Vegetation, Tierwelt oder ein einzelner Schöpfungsbereich stehen im Blickfeld, sondern die Gesamtheit. Das göttliche Sehen fungiert damit als abschließende Inspektion des ganzen geordneten Kosmos.

אֶת־כָּל־אֲשֶׁר עָשָׂה – „alles, was er gemacht hatte“

Die Formulierung כָּל־אֲשֶׁר עָשָׂה verhindert eine zu enge Deutung des „sehr gut“. Nicht allein der Mensch ist „sehr gut“, obwohl seine Erschaffung den Höhepunkt des sechsten Tages bildet. Ebenso wenig bezieht sich die Steigerung nur auf die unmittelbar zuvor genannte Nahrung. Das Urteil betrifft die gesamte bis hierher erzählte Schöpfung.

Dieser Gesamtbezug ist für spätere jüdische und christliche Auslegung entscheidend geworden. Sforno etwa betont, dass ein aus vielen Teilen bestehendes Gesamtgefüge eine höhere Güte besitzen kann als die isolierte Betrachtung seiner Einzelteile. Thomas von Aquin entwickelt in anderer theologischer Sprache einen verwandten Gedanken: Das ganze Universum besitzt als geordnetes Ganzes eine umfassendere Vollkommenheit als ein einzelnes Geschöpf.

Damit bietet der Vers selbst eine Grundlage für eine relationale Interpretation von Güte. Ein einzelnes Geschöpf kann gut sein; das Zusammenspiel vieler verschiedener Geschöpfe wird am Abschluss als „sehr gut“ bezeichnet.

עָשָׂה – „machen“ und „schaffen“

Genesis 1,31 verwendet nicht die Wurzel ברא, die in Genesis 1,1, Genesis 1,21 und dreifach in Genesis 1,27 begegnet, sondern עשה, „machen“.

Gerade weil עָשָׂה hier das gesamte vorausgehende Schöpfungsgeschehen zusammenfassen kann, sollte zwischen ברא und עשה keine starre theologische Trennlinie gezogen werden, als bezeichnete das eine notwendig „Schöpfung aus dem Nichts“ und das andere grundsätzlich nur handwerkliche Bearbeitung vorhandenen Materials. Genesis selbst kann verschiedene Verben zur Beschreibung und Zusammenfassung göttlichen Schöpfungshandelns verwenden.

Die klassische deutsche Übersetzung „was er gemacht hatte“ bildet עָשָׂה deshalb angemessen ab. Inhaltlich umfasst das „Machen“ hier dennoch das gesamte Schöpfungswerk des Kapitels.

וְהִנֵּה – „und siehe“

Die Partikel הִנֵּה erzeugt Präsenz. Man könnte paraphrasieren: „Und siehe da: sehr gut!“ Die Bewertung wird nicht nüchtern als abstrakter Lehrsatz formuliert, sondern als unmittelbar vor Augen stehendes Resultat.

Gegenüber den vorausgehenden Formulierungen כִּי־טוֹב, „dass es gut war“, erhält der Abschluss dadurch einen eigenen rhetorischen Klang. Das vollendete Ganze steht gewissermaßen sichtbar vor dem göttlichen Betrachter.

Eine theologische Überinterpretation der Partikel sollte jedoch vermieden werden. הִנֵּה ist eine häufige hebräische Präsentationspartikel. Ihre Bedeutung liegt hier im Nachdruck und in der Anschaulichkeit, nicht in einer geheimen technischen Lehre.

טוֹב מְאֹד – „sehr gut“

מְאֹד verstärkt das vorausgehende טוֹב. Die einfachste und präziseste Übersetzung lautet „sehr gut“ beziehungsweise „überaus gut“. Das Wort bedeutet hier nicht automatisch „vollkommen“ im späteren metaphysischen Sinn und schon gar nicht „die logisch bestmögliche aller denkbaren Welten“.

Das Adjektiv טוֹב ist in Genesis 1 zudem breiter als ein rein moralischer Begriff. Licht, Land, Pflanzen, Himmelslichter und Tiere sind nicht moralische Akteure, deren Tugend beurteilt wird. „Gut“ bezeichnet ihre positive Qualität, ihre Angemessenheit innerhalb der Schöpfungsordnung und ihre Entsprechung zum göttlichen Willen.

Das abschließende „sehr gut“ ist daher eine Aussage über die Güte des vollendeten Systems. Die Welt besitzt Ordnung, Lebensräume, Zeitstrukturen, Fruchtbarkeit, Nahrung, eine vielfältige Tierwelt und eine beauftragte Menschheit. Erst die Gesamtheit ermöglicht den gesteigerten Abschluss.

Vom einzelnen „gut“ zum „sehr gut“ des Ganzen

Während des Kapitels werden einzelne Schöpfungsbereiche mehrfach als טוֹב bezeichnet. Die letzte Steigerung lässt sich deshalb als kompositorische Summierung lesen. Ein Bereich kann für sich gut sein; mehrere gute Bereiche bilden miteinander eine noch umfassendere Ordnung.

Besonders deutlich wird dieser Gedanke, wenn man die Beziehungen betrachtet: Licht ermöglicht Tagesordnung; Land und Wasser bilden Lebensräume; Pflanzen versorgen spätere Lebewesen; Himmelslichter strukturieren Zeiten; Tiere bevölkern Meer, Himmel und Erde; Menschen erhalten eine besondere repräsentative Stellung; Nahrung bewahrt menschliches und tierisches Leben. Die Güte des Ganzen liegt nicht bloß in der Addition unabhängiger Bestandteile, sondern in ihrer gegenseitigen Zuordnung.

Gerade Sforno hebt in seiner Auslegung hervor, dass die Vollendung eines aus vielen Teilen bestehenden Projekts als Ganzes größer ist als die einzelnen Teilvollendungen. Diese traditionelle Deutung trifft eine reale literarische Bewegung des Verses: Erst nachdem alles vorliegt, heißt es „sehr gut“.

„Sehr gut“ und das Problem des Bösen

Genesis 1,31 steht am Ende der Schöpfungserzählung, aber unmittelbar vor einer Urgeschichte, in der Verbot, Übertretung, Scham, Fluch, Brudermord, Gewalt und schließlich Sintflut folgen. Die Aussage „sehr gut“ darf deshalb nicht so gelesen werden, als kenne das Genesisbuch keine Erfahrung von Bösem, Leiden oder Tod. Sie beschreibt den geschaffenen Ursprung innerhalb dieser Erzählung und bildet gerade dadurch einen Kontrast zu späterer Störung.

Der Text selbst entwickelt in Vers 31 noch keine philosophische Theodizee. Er erklärt nicht, wie jedes spätere Übel mit Gottes Güte vereinbar ist. Er behauptet zunächst positiv, dass die von Gott vollendete Schöpfung als Ganzes gut ist. Die späteren Kapitel werden Probleme des menschlichen Ungehorsams, der Gewalt und der Sterblichkeit narrativ entfalten.

Die jüdische und christliche Rezeptionsgeschichte hat diese Spannung unterschiedlich bearbeitet. Bereschit Rabbah provoziert mit der midraschischen Deutung, selbst Tod beziehungsweise der böse Trieb könnten innerhalb eines größeren Zusammenhangs eine Funktion besitzen. Augustinus und später Johannes von Damaskus entwickeln dagegen die christliche Lehre, das Böse sei keine von Gott geschaffene positive Substanz, sondern eine Verderbung beziehungsweise Privation des Guten. Diese theologischen Systeme gehen über den unmittelbaren Satz hinaus, entstehen aber gerade aus der Spannung zwischen Genesis 1,31 und der Erfahrung einer gebrochenen Welt.

Abend und Morgen

וַיְהִי־עֶרֶב וַיְהִי־בֹקֶר wiederholt zum sechsten Mal den charakteristischen Tagesabschluss. Die Formel verbindet zyklische und lineare Zeit: Abend und Morgen wiederholen sich, während die Ordnungszahl fortschreitet.

Dadurch erhält der Schöpfungsbericht einen rhythmischen Aufbau. Die kosmischen Ereignisse stehen nicht in ungeordneter Folge, sondern werden in eine strukturierte Wochenzeit eingeordnet.

Die traditionelle Lutherform „Da ward aus Abend und Morgen“ vermittelt im Deutschen den Abschluss eines Tages, ist aber keine wörtliche Wiedergabe des hebräischen Satzbaus. Wortnäher lautet die Formel: „Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: der sechste Tag.“

יוֹם הַשִּׁשִּׁי – „der sechste Tag“

Mit יוֹם הַשִּׁשִּׁי erreicht die Arbeitsphase der Schöpfungswoche ihren Abschluss. Der sechste Tag ist zugleich der Tag der Landtiere, der Menschenschöpfung, des menschlichen Segens und Herrschaftsauftrags, der Nahrungszuweisung und der abschließenden Gesamtbewertung.

Er besitzt dadurch innerhalb der Sechs-Tage-Struktur besonderes Gewicht. Dennoch ist er nicht der endgültige Zielpunkt der ganzen Schöpfungserzählung. Erst der siebte Tag wird gesegnet und geheiligt. Die Bewegung des Textes führt von einem vollendeten „sehr guten“ Werk zur geheiligten Ruhe.

Gerade deshalb sollte die Bedeutung des sechsten Tages nicht so anthropozentrisch verengt werden, dass alles ausschließlich im Menschen gipfelt. Der Mensch ist zweifellos der hervorgehobene letzte lebendige Schöpfungsbereich; das literarische Ziel der Gesamtkomposition liegt jedoch im Übergang zum siebten Tag.

Die auffällige ה-Bestimmung bei הַשִּׁשִּׁי

Die ersten ordinalen Tagesbezeichnungen nach dem ersten Tag lauten ohne Artikel am Ordinal: „zweiter Tag“, „dritter Tag“, „vierter Tag“, „fünfter Tag“. Genesis 1,31 hat dagegen הַשִּׁשִּׁי, „der sechste“.

Diese kleine formale Besonderheit fiel der jüdischen Auslegung früh auf. Raschi interpretiert das zusätzliche ה zunächst über seinen Zahlenwert fünf und verbindet es mit den fünf Büchern der Tora. Eine zweite Erklärung identifiziert „den sechsten Tag“ midraschisch mit dem sechsten Tag des Monats Siwan, dem traditionellen Datum der Sinaioffenbarung.

Diese Deutungen sind keine grammatische Übersetzung des Artikels. Sie gehören zur jüdischen Midrasch-Tradition, in der orthographische und grammatische Besonderheiten des Textes theologisch produktiv gelesen werden. Im einfachen Satzsinn bleibt יוֹם הַשִּׁשִּׁי die Abschlussbezeichnung des sechsten Schöpfungstages.

Ibn Esra diskutiert die ungewöhnliche Form ebenfalls grammatisch und überliefert unter anderem eine ältere Auffassung, die יוֹם konstruktionsartig mit dem folgenden Ausdruck verbinden wollte. Seine Diskussion zeigt, dass die Form auch mittelalterlichen Philologen erklärungsbedürftig erschien.

Vom sechsten zum siebten Tag

Genesis 1,31 kann nur innerhalb des Sieben-Tage-Schemas vollständig verstanden werden. Die sechs Tage führen nicht einfach zum Ende der materiellen Produktion. Sie schaffen die Voraussetzung für den siebten Tag, an dem Gott von seinem Werk aufhört, diesen Tag segnet und heiligt.

Das „sehr gut“ bedeutet daher: Das Werk ist so geordnet und vollständig, dass es in die Ruhe eintreten kann. Vollendung zeigt sich nicht in endloser Produktion, sondern in einem Rhythmus, der Arbeit begrenzt.

Spätere Sabbattexte übernehmen gerade diese Struktur. Menschliche Arbeit soll nicht ununterbrochen stattfinden. Die Schöpfungsordnung selbst wird zum Vorbild einer Zeit, in der Tätigkeit und Ruhe unterschieden werden.

Die spätere Kapitelgrenze zwischen Genesis 1 und 2

Die moderne Kapitelzählung trennt Genesis 1,31 von Genesis 2,1–3. Literarisch ist diese Trennung irreführend, wenn sie als Ende der ersten Schöpfungserzählung verstanden wird. Die Sieben-Tage-Komposition reicht eindeutig in Kapitel 2 hinein.

Genesis 2,1 fasst die Vollendung von Himmel, Erde und ihrem Heer zusammen; Genesis 2,2 beschreibt das Ende des Werkes und die göttliche Ruhe; Genesis 2,3 segnet und heiligt den siebten Tag. Erst danach folgt mit Genesis 2,4 eine neue Übergangsformel.

Für die Exegese von Genesis 1,31 bedeutet dies: „sehr gut“ ist der Abschluss des sechsten Tages, nicht der letzte Gedanke der gesamten ersten Schöpfungskomposition.

Literarische Funktion

Literarisch erfüllt Genesis 1,31 mehrere Funktionen gleichzeitig. Der Vers schließt den sechsten Tag, summiert alle Einzelgutheißungen, blickt auf das gesamte Werk zurück und bereitet den Übergang zur Vollendung des siebten Tages vor. Dadurch besitzt er sowohl retrospektive als auch vorausweisende Funktion.

Retrospektiv sammelt כָּל־אֲשֶׁר עָשָׂה das ganze Kapitel. Vorausweisend schafft יוֹם הַשִּׁשִּׁי die Schwelle zu Genesis 2,1–3. Der Text endet also nicht abrupt, sondern führt von Beurteilung zu Vollendung und Ruhe.

Die ungewöhnliche Intensivierung „sehr gut“ bildet zugleich einen Kontrast zur folgenden Urgeschichte. Der Leser kennt nun den normativen Ausgangspunkt: Die von Gott geordnete Welt ist gut. Spätere Entfremdung und Gewalt können deshalb als Störung einer ursprünglichen Ordnung erzählt werden und nicht als ursprünglicher Wesenskern der Schöpfung.

Subtext

Ein erster Subtext besteht in der Ganzheitsperspektive. Gott bewertet nicht nur isolierte Geschöpfe, sondern Beziehungen zwischen ihnen. Der Vers legt dadurch nahe, dass Ganzheit mehr sein kann als die bloße Summe einzelner Bestandteile. Licht ist gut, Pflanzen sind gut, Tiere sind gut und Menschen stehen in besonderer Würde; „sehr gut“ wird die vollendete Verbindung des Ganzen genannt.

Ein zweiter Subtext liegt in der positiven Grundbestimmung der Materie. Himmel, Erde, Wasser, Körper, Pflanzen, Tiere, menschliche Leiblichkeit und Nahrung werden nicht als minderwertige Gegenwelt zu einem eigentlich guten rein geistigen Bereich behandelt. Das Sichtbare selbst gehört zum „sehr guten“ Werk. Diese Beobachtung wurde für spätere jüdische und christliche Abgrenzungen gegen radikal dualistische Weltbilder bedeutsam.

Ein dritter Subtext besteht in der Begrenzung menschlicher Zentralität. Der Mensch ist zwar im Bild Gottes geschaffen und mit Herrschaft beauftragt, doch der Text sagt nicht: „Der Mensch war sehr gut.“ Gott sieht alles, was er gemacht hat. Menschliche Güte ist in die Güte eines größeren Schöpfungszusammenhangs eingebettet.

Ein vierter Subtext liegt in der Bewertung menschlicher Macht. Auch der Herrschaftsauftrag aus Genesis 1,28 gehört zum Gesamtgefüge, das als sehr gut beurteilt wird. Damit ist Macht nicht von vornherein schlecht. Ihre ursprüngliche Stellung liegt jedoch innerhalb einer Welt, in der auch Tiere gut sind, Nahrung geordnet ist und der Mensch nicht absoluter Eigentümer der Schöpfung ist.

Ein fünfter Subtext besteht in der positiven Würdigung von Differenz. Genesis 1 schafft durch Trennungen: Licht und Finsternis, Wasser oben und unten, Meer und Land, verschiedene Lebensbereiche und Arten, männlich und weiblich. Das Schlussurteil erklärt nicht Unterschiedslosigkeit, sondern eine differenzierte Ordnung für sehr gut.

Ein sechster Subtext liegt in der Verbindung von Vielfalt und Einheit. Die Welt ist nicht gut, weil alles gleich wäre, sondern weil Unterschiedliches in einem geordneten Gesamtgefüge existiert.

Ein siebter Subtext besteht in der positiven Bewertung der Zeitlichkeit. Abend und Morgen wiederholen sich; die Schöpfung wird nicht außerhalb von Zeit vollendet. Zeit gehört zur guten Welt.

Ein achter Subtext liegt in der Begrenzung der Arbeit. Gerade nachdem das Werk „sehr gut“ genannt wurde, führt der Text zur Ruhe. Vollkommenes Schaffen bedeutet nicht endloses Produzieren.

Ein neunter Subtext besteht in der Möglichkeit, spätere Störung überhaupt als Störung zu benennen. Ohne einen positiven Ausgangspunkt könnte Gewalt lediglich als normaler Grundzustand erscheinen. Genesis 1 setzt dagegen eine ursprüngliche Güte voraus.

Ein zehnter Subtext liegt in der nicht-dualistischen Erklärung des Bösen. Der Text erschafft keinen zweiten bösen Urgott und keinen ursprünglich bösen Stoff. Alles ausdrücklich auf Gott zurückgeführte Werk wird am Ende positiv bewertet.

Ein elfter Subtext besteht darin, dass „gut“ nicht mit „statisch“ identisch ist. Die geschaffene Welt enthält Fruchtbarkeit, Fortpflanzung und zukünftige Geschichte. Ihre Güte umfasst Entwicklungsmöglichkeiten.

Ein zwölfter Subtext liegt deshalb in der Offenheit der Schöpfung auf menschliche Freiheit. Der Mensch ist als handlungsfähiges Wesen Teil des sehr guten Ganzen, obwohl die nachfolgenden Kapitel zeigen werden, dass diese Handlungsfähigkeit auch missbraucht werden kann.

Ein dreizehnter Subtext besteht in der Spannung zwischen ursprünglicher Güte und späterer Sterblichkeit. Bereschit Rabbah reagiert gerade auf diese Spannung, indem es sogar Tod und problematische Triebe in das größere Ordnungsgefüge einzudenken versucht.

Ein vierzehnter Subtext liegt in der Bedeutung des Blickwinkels. Einzelne Phänomene können isoliert schwierig erscheinen; die Gesamtperspektive lautet dennoch „sehr gut“. Diese Beobachtung wird später bei Ramban und Sforno theologisch ausgearbeitet.

Ein fünfzehnter Subtext besteht schließlich im Übergang zum Heiligen. Das Ende des sechsten Tages ist nicht das Ende der Schöpfungstheologie. Die sehr gute Welt führt unmittelbar zu einem geheiligten siebten Tag. Güte und Heiligkeit sind miteinander verbunden, aber nicht identisch.

Historische Einordnung

Genesis 1,1–2,4a wird in der historisch-kritischen Forschung überwiegend als priesterlich geprägte beziehungsweise der Priesterschrift nahestehende Schöpfungskomposition verstanden. Kennzeichnend sind die systematische Ordnung, wiederkehrende Formeln, scharfe Unterscheidungen von Lebensbereichen, die Bedeutung von Fruchtbarkeit und die Ausrichtung auf den siebten Tag. Die genaue Entstehungsgeschichte und Datierung einzelner Schichten bleiben Gegenstand der Forschung; häufig wird für die entscheidende Gestalt des Textes ein exilisches oder nachexilisches Umfeld angenommen.

Genesis 1,31 ist innerhalb dieser Komposition keine naturwissenschaftliche Qualitätsprüfung des Universums. Der Vers formuliert eine theologische Aussage über die geschaffene Ordnung. Moderne Kategorien wie biologische Evolution, thermodynamische Zustände, geologische Katastrophen oder die mathematische Frage nach einer „bestmöglichen Welt“ gehören nicht zum ursprünglichen Aussagehorizont.

Historisch wichtig ist außerdem, dass die Kapitelgrenze nach Genesis 1,31 nicht zur antiken literarischen Komposition gehört. Die siebentägige Struktur selbst zeigt, dass Genesis 2,1–3 zum ersten Schöpfungsbericht gehört. Wer Genesis 1,31 isoliert als endgültigen Endpunkt liest, verfehlt deshalb einen wesentlichen Teil der priesterlichen Komposition.

Priesterliche Ordnung und Sabbat

Die priesterlich geprägte Schöpfungserzählung ist stark an Ordnung interessiert. Bereiche werden voneinander unterschieden, Lebensformen erhalten Räume und Fortpflanzungsfähigkeit, Zeiten werden durch Himmelslichter strukturiert, und der Mensch erhält eine besondere Funktion. Die abschließende Güte ist daher eng mit Ordnung verbunden.

Das Ziel dieser Ordnung liegt im siebten Tag. Der Schöpfer selbst tritt in einen Rhythmus von Werk und Ruhe ein. Später wird dieser Rhythmus im Sabbatgebot sozial wirksam: Menschen, Dienende, Fremde und sogar Tiere werden in die Ruhe einbezogen.

Genesis 1,31 ist daher die Schwelle zwischen Kosmologie und Liturgie. Das sehr gute Universum mündet in geheiligte Zeit.

Altorientalischer Kontext

Genesis 1 steht in einer altorientalischen Welt, in der verschiedene Schöpfungserzählungen kosmische Ordnung auf unterschiedliche Weise erklärten. Manche Traditionen schildern göttliche Konflikte, kosmische Kämpfe oder die Erschaffung des Menschen für die Arbeitsentlastung der Götter.

Genesis 1 setzt dem eine stark entdramatisierte Souveränität entgegen. Gott spricht und ordnet; Sonne, Mond, Meerestiere und Mensch sind Geschöpfe, keine rivalisierenden Gottheiten. Am Ende steht keine Feier eines siegreichen Götterkampfes, sondern eine Bewertung der geordneten Gesamtschöpfung als sehr gut.

Diese Beobachtung erlaubt einen kulturgeschichtlichen Vergleich, ohne Genesis 1 zwingend als direkte Widerlegung eines einzigen bestimmten Mythos zu behandeln. Die entscheidende Differenz liegt in der theologischen Gesamtstruktur: Der eine Gott steht souverän über der geschaffenen Ordnung und bestätigt ihre Güte.

Septuaginta

Die Septuaginta gibt Genesis 1,31 wieder:

καὶ εἶδεν ὁ θεὸς τὰ πάντα, ὅσα ἐποίησεν, καὶ ἰδοὺ καλὰ λίαν. καὶ ἐγένετο ἑσπέρα καὶ ἐγένετο πρωί, ἡμέρα ἕκτη.

καὶ εἶδεν ὁ θεός bedeutet „und Gott sah“ und entspricht unmittelbar וַיַּרְא אֱלֹהִים.

τὰ πάντα, ὅσα ἐποίησεν bedeutet „alles, was er gemacht hatte“. Das griechische ποιεῖν, „machen“, entspricht hier dem hebräischen עשה.

καὶ ἰδού gibt וְהִנֵּה sehr direkt mit „und siehe“ wieder.

Besonders bemerkenswert ist καλὰ λίαν. καλά ist Neutrum Plural von καλός, „gut, schön, edel, trefflich“, und bezieht sich auf die Gesamtheit τὰ πάντα. Während der hebräische Ausdruck formal singularisch beziehungsweise prädikativ knapp „sehr gut“ lautet, macht das Griechische die pluralische Beziehung auf „alle Dinge“ deutlich: „sehr gut/schön“.

λίαν bedeutet „sehr, überaus“ und entspricht מְאֹד.

Die Tagesformel lautet ἡμέρα ἕκτη, „ein/sechster Tag“ beziehungsweise idiomatisch „der sechste Tag“. Die Septuaginta bildet die auffällige hebräische Artikelform von הַשִּׁשִּׁי nicht mit einem griechischen bestimmten Artikel nach.

Vulgata / Nova Vulgata

Die Nova Vulgata lautet:

Viditque Deus cuncta, quae fecit, et ecce erant valde bona. Et factum est vespere et mane, dies sextus.

Viditque Deus bedeutet „und Gott sah“. cuncta, quae fecit entspricht „alles, was er gemacht hatte“.

et ecce bewahrt das präsentative „und siehe“.

erant valde bona lautet wörtlich „sie waren sehr gut“. Wie die Septuaginta bezieht die lateinische Form das Gutsein grammatisch auf die Gesamtheit der geschaffenen Dinge. valde ist die Verstärkung „sehr“, bona der neutrale Plural von bonus.

Et factum est vespere et mane bedeutet „und es wurde Abend und Morgen“. dies sextus entspricht „der sechste Tag“.

Die lateinische Tradition bewahrt damit den Gesamtbezug besonders deutlich: Nicht ein einzelnes zuletzt geschaffenes Wesen, sondern cuncta, „alles“, wird als valde bona bezeichnet.

Luther 1912

Die Lutherbibel 1912 lautet:

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.

Der Haupttext dieser Seite verwendet die stilistisch etwas natürlichere Wortstellung „Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte“, bewahrt aber den traditionellen Wortschatz.

„alles, was er gemacht hatte“ gibt כָּל־אֲשֶׁר עָשָׂה sachgerecht wieder.

„und siehe da“ entspricht der präsentativen Kraft von וְהִנֵּה.

„es war sehr gut“ ist eine treffende Wiedergabe von טוֹב מְאֹד. Das deutsche Pronomen „es“ fasst die zuvor genannte Gesamtheit zusammen.

„Da ward aus Abend und Morgen“ ist gegenüber dem Hebräischen idiomatisch frei und typisch für die historische Luthertradition. Der Ausgangstext sagt wörtlicher: „Und es wurde Abend, und es wurde Morgen.“

Der Vers enthält kein historisches „daß“, sodass an dieser Stelle keine orthographische Ersetzung zu „dass“ erforderlich ist. Die moderne Rechtschreibung betrifft lediglich andere Luther-1912-Stellen, wenn sie auf dieser Seite zitiert werden.

Jüdische Rezeption

Genesis 1,31 wurde in der jüdischen Tradition besonders intensiv an zwei Punkten ausgelegt: an der Steigerung טוֹב מְאֹד und an der auffälligen Form יוֹם הַשִּׁשִּׁי. Die Midraschtradition fragte, wie gerade eine Welt, in der Tod, Trieb, Gericht und andere problematisch erscheinende Wirklichkeiten vorkommen, insgesamt „sehr gut“ genannt werden könne. Andere Kommentatoren betonten stärker die Güte des geordneten Gesamtgefüges.

Die Antworten sind nicht als eine einzige einheitliche jüdische Lehre zu behandeln. Bereschit Rabbah arbeitet mit provokativen Wortspielen; Raschi verbindet den sechsten Tag mit der späteren Toragabe; Ramban integriert auch scheinbar negative Teilphänomene in eine umfassendere Ordnung; Sforno betont die Vollkommenheit des Gesamtprojekts. Gemeinsam zeigen diese Auslegungen, wie stark das Wort „alles“ und die Steigerung „sehr“ zur theologischen Reflexion über die Welt als Ganzes einladen.

Bereschit Rabbah: „sehr gut“ und der Tod

Bereschit Rabbah 9,5 überliefert eine berühmte Tradition im Namen Rabbi Meirs. In seiner Tora sei bei וְהִנֵּה טוֹב מְאֹד, „und siehe, sehr gut“, eine Form beziehungsweise Deutung gefunden worden, die auf מוֹת, „Tod“, bezogen wird: sinngemäß „und siehe, der Tod ist gut“.

Die Nähe zwischen מְאֹד, məʾōḏ, „sehr“, und מוֹת, māweṯ/mot, „Tod“, wird midraschisch produktiv gemacht. Diese Tradition darf nicht als gewöhnliche lexikalische Übersetzung des masoretischen מְאֹד ausgegeben werden. Der masoretische Text bedeutet eindeutig „sehr“.

Die theologische Pointe des Midrasch liegt vielmehr in der provokativen Frage, ob selbst Sterblichkeit innerhalb einer größeren Schöpfungsordnung eine Funktion besitzen kann. Der Midrasch entwickelt verschiedene Antworten und versucht damit, die Erfahrung des Todes mit der umfassenden Aussage „sehr gut“ zusammenzudenken.

Bereschit Rabbah: der böse Trieb als „sehr gut“

Bereschit Rabbah 9,7 bietet eine weitere überraschende Deutung: „gut“ werde auf den guten Trieb bezogen, „sehr gut“ auf den sogenannten יֵצֶר הָרָע, den bösen beziehungsweise selbstbezogenen Trieb.

Der Midrasch stellt selbst die naheliegende Frage, wie ein „böser Trieb“ sehr gut sein könne. Die Antwort lautet sinngemäß: Ohne dieses Begehren würde der Mensch kein Haus bauen, keine Ehe eingehen, keine Kinder zeugen und keinen Handel treiben.

Gemeint ist nicht, moralisches Böses werde einfach gut genannt. Die midraschische Pointe unterscheidet vielmehr zwischen einer menschlichen Antriebskraft und ihrer möglichen moralischen Entgleisung. Begehren, Ehrgeiz und Selbsterhalt können zerstörerisch werden, sind aber zugleich Kräfte, durch die Kultur, Familie und wirtschaftliches Handeln entstehen.

Auch diese Deutung gehört zum Midrasch und nicht zum unmittelbaren Wortsinn von Genesis 1,31. Sie zeigt jedoch eine charakteristische jüdische Bereitschaft, die Aussage „sehr gut“ nicht durch die Eliminierung aller Spannungen, sondern durch ihre Integration in eine größere Ordnung zu verstehen.

Raschi: „der sechste Tag“ und die Tora

Raschi konzentriert seinen Kommentar zu Genesis 1,31 auf יוֹם הַשִּׁשִּׁי. Das zusätzliche ה am Ordinal wird von ihm zunächst nach seinem Zahlenwert fünf gedeutet: Die Schöpfung bestehe unter der Voraussetzung, dass Israel die fünf Bücher der Tora annehmen werde.

Eine zweite von Raschi angeführte Deutung verbindet „den sechsten Tag“ mit dem sechsten Siwan, dem traditionellen Datum der Gabe der Tora am Sinai. Die Schöpfung habe gewissermaßen in einer Schwebe gestanden, bis Israel die Tora annahm.

Diese Auslegung beruht unter anderem auf einer talmudischen Tradition in Schabbat 88a. Dort wird das zusätzliche ה ebenfalls so gedeutet, dass Gott die Schöpfung unter die Bedingung der späteren Toraannahme gestellt habe.

Im Peschat bedeutet der Ausdruck weiterhin „der sechste Tag“. Raschis Deutung ist ein theologischer Midrasch, der Schöpfung und Sinai miteinander verbindet und der Tora eine kosmische Bedeutung zuschreibt.

Ramban: das Ganze und seine schwierigen Teile

Ramban interpretiert וְהִנֵּה טוֹב מְאֹד ausdrücklich im Blick auf die gesamte Schöpfungsordnung. Er knüpft an seine frühere Auslegung des göttlichen „Sehens“ an, das für ihn mit der Bestätigung beziehungsweise Beständigkeit des Geschaffenen zusammenhängt.

Das Wort מְאֹד erhält bei ihm besonderes Gewicht, weil die Welt als Ganzes auch Erscheinungen enthält, die isoliert betrachtet als negativ erfahren werden können. Ramban verweist auf die Midraschtraditionen über Tod, bösen Trieb und Strafgericht und versteht sie als Hinweis darauf, dass auch schwierige Teilphänomene innerhalb der Ordnung eine Funktion besitzen können.

Er verweist außerdem auf Onkelos, dessen aramäische Wiedergabe die Schöpfung als außerordentlich wohlgeordnet beziehungsweise gut eingerichtet versteht. Die Gesamtperspektive ist damit wichtiger als die isolierte Bewertung jedes einzelnen Ereignisses.

Diese Position ist eine theologische Interpretation der Weltordnung und keine Behauptung, menschliches Leiden müsse aus der Perspektive des Leidenden einfach als „gut“ bezeichnet werden. Rambans Argument betrifft die Frage nach dem Gesamtgefüge.

Sforno: die Güte des Gesamtgefüges

Sforno bringt den Gesamtcharakter von Genesis 1,31 besonders prägnant zum Ausdruck. Die Vollendung eines Projekts, das aus vielen verschiedenen Teilen besteht, besitzt für ihn eine umfassendere Güte als die isolierte Zweckmäßigkeit seiner Einzelbestandteile.

Diese Interpretation passt eng zum Wortlaut אֶת־כָּל־אֲשֶׁר עָשָׂה. Gott betrachtet nun nicht mehr Stück für Stück, sondern das fertige Ganze.

Damit lässt sich das „sehr“ als Aussage über Integration verstehen: Viele unterschiedliche gute Dinge ergeben in ihrer abgestimmten Beziehung eine noch umfassendere Güte.

Christliche Rezeption

In der christlichen Tradition wurde Genesis 1,31 zu einem Grundtext der Lehre von der Güte der Schöpfung. Der Vers spielte besonders in Auseinandersetzungen mit Weltbildern eine Rolle, die Materie oder Körperlichkeit als von Natur aus böse betrachteten. Wenn Gott alles, was er geschaffen hat, als sehr gut beurteilt, kann materielle Existenz nicht als ursprünglich böse Substanz aus einem gegengöttlichen Prinzip erklärt werden.

Augustinus verwendet den Vers gegen die Vorstellung, die sichtbare Welt sei lediglich als Gefängnis bereits gefallener Seelen geschaffen worden. Thomas von Aquin entwickelt aus der Gesamtbewertung eine Lehre von der größeren Güte des geordneten Universums gegenüber einzelnen Geschöpfen. Johannes von Damaskus verbindet Genesis 1,31 mit der Auffassung, das Böse sei keine ursprünglich geschaffene Natur, sondern eine Abweichung vom Guten.

Augustinus

Augustinus zitiert Genesis 1,31 im elften Buch von De civitate Dei ausdrücklich gegen eine von ihm Origenes zugeschriebene Vorstellung, nach der die körperliche Welt hauptsächlich als Folge eines vorweltlichen Sündenfalls geistiger Wesen entstanden sei. Für Augustinus widerspricht dem die wiederholte Aussage „Gott sah, dass es gut war“ und besonders das Schlussurteil „sehr gut“.

Seine theologische Schlussfolgerung lautet: Ein guter Gott schafft gute Naturen. Das Böse besitzt deshalb nicht denselben ontologischen Status wie die geschaffenen Dinge. Es ist für Augustinus eine Störung, Verkehrung oder Privation einer an sich guten Natur.

Damit wird Genesis 1,31 zu einem Fundament christlicher Schöpfungsgüte. Körper, Materie, Tiere, menschliche Leiblichkeit und die sichtbare Welt sind nicht an sich böse.

Augustinus geht zugleich über den unmittelbaren Genesistext hinaus, wenn er daraus eine umfassende Metaphysik des Bösen entwickelt. Der Vers selbst sagt „sehr gut“; die Theorie der privatio boni ist seine philosophisch-theologische Weiterentwicklung.

Thomas von Aquin

Thomas von Aquin greift Genesis 1,31 mehrfach auf. Besonders wichtig ist seine Aussage in der Summa theologiae, dass das gesamte Universum in seiner Güte vollkommener sei als ein einzelnes Geschöpf. Er verweist dafür darauf, dass einzelne Schöpfungswerke als „gut“, alle Dinge zusammen dagegen als „sehr gut“ bezeichnet werden.

Diese scholastische Auslegung entspricht strukturell der schon bei Sforno sichtbaren Ganzheitsperspektive: Die Vielfalt verschiedener Geschöpfe ermöglicht eine umfassendere Darstellung göttlicher Güte, als ein einziges Wesen dies könnte.

Thomas versteht „sehr gut“ dabei nicht im Sinne der später mit Leibniz verbundenen These, Gott müsse notwendig die absolut beste aller logisch möglichen Welten geschaffen haben. In der thomanischen Tradition bleibt Gott frei, eine anders beziehungsweise noch vollkommener ausgestattete geschaffene Welt hervorzubringen. Genesis 1,31 bezeichnet die geschaffene Ordnung als sehr gut, nicht als Grenze göttlicher Schöpfungsmöglichkeit.

Johannes von Damaskus

Johannes von Damaskus verwendet Genesis 1,31 in seiner Expositio fidei zur Begründung der ursprünglichen Güte aller geschaffenen Naturen. Wenn alles von Gott Geschaffene sehr gut ist, kann das Böse für ihn keine eigenständige ursprünglich geschaffene Natur sein.

Er beschreibt das Böse vielmehr als Abweichen vom Naturgemäßen beziehungsweise als Mangel des Guten. Damit steht er in derselben großen christlichen Tradition wie Augustinus, auch wenn seine philosophische Begrifflichkeit eigene Akzente setzt.

Genesis 1,31 wird so zu einem wichtigen anti-dualistischen Text: Die Schöpfung stammt nicht teilweise von einem guten und teilweise von einem bösen Urprinzip.

Schöpfungsgüte und Geschöpflichkeit

Die Aussage „sehr gut“ bedeutet nicht, dass Geschöpfe göttlich wären. Ihre Güte ist geschaffene Güte. Gerade weil Gott sie betrachtet und beurteilt, bleibt die Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf bestehen.

Die Welt ist gut, aber sie ist nicht Gott. Der Mensch ist Bild Gottes, aber nicht Gott. Diese Unterscheidung erlaubt Genesis zugleich eine hohe Würdigung der Welt und eine klare Grenze gegenüber ihrer Vergöttlichung.

Schöpfungsgüte begründet deshalb sowohl Wertschätzung als auch Relativierung. Natur darf nicht als wertlos behandelt werden, sie ist aber auch nicht die höchste göttliche Wirklichkeit selbst.

Theologische Interpretation

Genesis 1,31 formuliert erstens eine umfassende positive Grundthese über die Schöpfung. Die Welt entsteht nicht aus einem bösen Prinzip und wird nicht als Fehlprodukt bezeichnet. Gottes abschließendes Urteil ist „sehr gut“.

Zweitens richtet sich dieses Urteil auf die Gesamtheit. Der Text sagt nicht nur, dass einzelne Bestandteile jeweils nützlich oder angenehm sind. Er bewertet כָּל־אֲשֶׁר עָשָׂה.

Drittens besitzt die Güte daher eine relationale Dimension. Unterschiedliche Geschöpfe bilden eine Ordnung, in der Lebensräume, Nahrung, Zeit und Fortpflanzung aufeinander bezogen sind.

Viertens ist die Welt gerade in ihrer Vielfalt gut. Genesis 1 erreicht Ordnung nicht durch Abschaffung von Differenzen, sondern durch ihre angemessene Unterscheidung.

Fünftens gehört materielle Wirklichkeit ausdrücklich zur sehr guten Schöpfung. Körperlichkeit, Erde, Wasser, Pflanzen, Tiere und menschliche Sexualität werden nicht als ontologisch minderwertige Überreste einer bösen Materie behandelt.

Sechstens ist auch der Mensch Teil dieses Ganzen. Seine besondere Gottesbildlichkeit erhöht ihn innerhalb der Schöpfung, löst ihn aber nicht aus ihr heraus.

Siebtens bedeutet die Formulierung „alles“ deshalb eine Grenze menschlicher Selbstabsolutierung. Die Schöpfung ist nicht nur deshalb gut, weil Menschen existieren.

Achtens besitzt auch die nichtmenschliche Welt eine von Gott bestätigte Güte. Tiere und Pflanzen sind bereits als Schöpfung wertvoll, bevor ihr Nutzen für Menschen berücksichtigt wird.

Neuntens ist menschliche Herrschaft in dieses sehr gute Ganze eingebettet. Sie kann deshalb theologisch nicht sinnvoll als Vollmacht zur Zerstörung derjenigen Ordnung verstanden werden, deren Güte Gott selbst bestätigt.

Zehntens gehört auch die ursprüngliche Nahrungsordnung aus Genesis 1,29–30 zum unmittelbar vorausgehenden Kontext des Gesamturteils.

Elftens entsteht daraus ein Friedensaspekt. Die zuletzt beschriebene Ernährung von Mensch und Tier ist pflanzlich geordnet und steht unmittelbar vor „sehr gut“.

Zwölftens bedeutet dies nicht, dass Genesis 1,31 ein ewiges vegetarisches Gesetz formuliert. Genesis 9 wird eine veränderte Erlaubnis kennen. Es zeigt jedoch, dass eine pflanzlich beschriebene Nahrungswelt innerhalb der Genesis positiv zum Urzustand gehört.

Dreizehntens lässt „sehr gut“ die spätere Existenz von Bösem besonders erklärungsbedürftig werden. Das Böse kann innerhalb der Gesamtgeschichte nicht einfach als ursprüngliches von Gott geschaffenes Gegenprinzip eingeführt werden.

Vierzehntens entwickelt Genesis selbst die Antwort zunächst narrativ statt philosophisch. Die folgenden Kapitel erzählen menschliche Übertretung und Gewalt.

Fünfzehntens kann die Aussage deshalb als Ursprungsnorm funktionieren: Gewalt und Entfremdung sind nicht dasjenige, was Genesis 1 als ursprüngliche Vollendung feiert.

Sechzehntens bedeutet „sehr gut“ aber nicht, dass die Welt statisch abgeschlossen wäre. Menschen und Tiere sollen sich vermehren; die Erde soll gefüllt werden; menschliche Geschichte beginnt erst.

Siebzehntens gehört Freiheit somit zum guten Anfang. Dass freie Geschöpfe später falsch handeln können, hebt ihre ursprüngliche Geschöpflichkeit nicht rückwirkend auf.

Achtzehntens ist טוֹב מְאֹד keine Aussage über moralische Sündlosigkeit jedes zukünftigen menschlichen Handelns. Es bewertet die Schöpfung in ihrem geschaffenen Zustand.

Neunzehntens ist die Schöpfung zugleich endlich. „Gut“ bedeutet nicht „Gott gleich“. Geschöpfe bleiben begrenzt, zeitlich und abhängig.

Zwanzigstens darf Endlichkeit deshalb nicht automatisch mit Bösem identifiziert werden. Eine endliche Welt kann nach Genesis sehr gut sein.

Einundzwanzigstens gilt dies auch für die zeitliche Struktur. Abend und Morgen sind keine Defekte, sondern Bestandteile der geschaffenen Ordnung.

Zweiundzwanzigstens führt die Zeitordnung zur Ruhe. Der sechste Tag endet und gibt Raum für den siebten.

Dreiundzwanzigstens erhält dadurch die Begrenzung von Arbeit theologischen Rang. Selbst Gottes erzählte Schöpfungstätigkeit wird nicht als grenzenlose ununterbrochene Produktion dargestellt.

Vierundzwanzigstens kann daraus eine Kritik an menschlicher Produktionsabsolutierung entstehen. Wenn das sehr gute Werk in Ruhe mündet, ist ständige Produktivität nicht das höchste Schöpfungsideal.

Fünfundzwanzigstens verbindet Genesis Güte und Sabbat, ohne sie gleichzusetzen. Das Werk ist sehr gut; der siebte Tag wird anschließend zusätzlich gesegnet und geheiligt.

Sechsundzwanzigstens führt der Text damit von Güte zu Heiligkeit. Die materielle Ordnung ist gut; die Zeit der Ruhe erhält eine besondere sakrale Qualität.

Siebenundzwanzigstens zeigt dies, dass das Ziel der Schöpfung nicht allein in vorhandenen Dingen besteht, sondern auch in einer richtigen Ordnung der Zeit.

Achtundzwanzigstens erhält der Sabbat dadurch kosmologische Tiefe. Er ist nicht bloß spätere soziale Gesetzgebung, sondern wird in die Struktur der Schöpfung zurückprojiziert.

Neunundzwanzigstens ist die rabbinische Verbindung des sechsten Tages mit der Tora eine weitere Form dieser kosmischen Ethik. Schöpfung soll nicht unabhängig von göttlicher Weisung gedacht werden.

Dreißigstens ist diese Sinaideutung Midrasch und nicht der historische Wortsinn des Artikels. Gerade die Unterscheidung zwischen Peschat und späterer theologischer Entfaltung ermöglicht eine präzise Rezeptionsgeschichte.

Einunddreißigstens zeigen die Midraschim über Tod und bösen Trieb eine andere theologische Strategie. Sie versuchen, scheinbar negative Wirklichkeiten nicht außerhalb der Schöpfungsordnung zu stellen, sondern nach ihrer möglichen Funktion im Ganzen zu fragen.

Zweiunddreißigstens darf daraus nicht folgen, konkretes moralisches Böse oder menschliches Leid müsse bagatellisiert werden. Die Midraschim arbeiten paradox und funktional, nicht als einfache Gleichsetzung „Böses = gut“.

Dreiunddreißigstens liefert Rambans Ganzheitsperspektive einen wichtigen hermeneutischen Schlüssel: Einzelteile können isoliert problematisch erscheinen, während das Gesamtgefüge anders bewertet wird.

Vierunddreißigstens findet sich eine strukturell verwandte Idee bei Sforno und Thomas von Aquin: Das geordnete Ganze besitzt eine umfassendere Güte als jedes einzelne Teil.

Fünfunddreißigstens sollte diese Ganzheitstheologie dennoch nicht zum Argument werden, vermeidbares Leiden gleichgültig hinzunehmen. Der Vers ist eine Schöpfungsbewertung, keine pauschale Rechtfertigung jedes späteren Zustands.

Sechsunddreißigstens ergibt sich aus der Schöpfungsgüte eine ethische Achtung vor Geschaffenem. Was Gott als gut beurteilt, kann nicht ohne weiteres als grundsätzlich wertlos behandelt werden.

Siebenunddreißigstens gilt dies auch für menschlichen Körper und menschliche Leiblichkeit. Die spätere christliche Tradition konnte Genesis 1,31 deshalb gegen radikale Materieverachtung einsetzen.

Achtunddreißigstens gilt es ebenso für Tiere, Pflanzen und Lebensräume. Ihre Güte wird nicht ausschließlich aus menschlicher Verwertbarkeit abgeleitet.

Neununddreißigstens eröffnet der Vers dadurch eine Grundlage moderner Schöpfungsethik, auch wenn ökologische Fachbegriffe dem antiken Text fremd sind.

Vierzigstens besitzt das Wort מְאֹד schließlich eine rhetorische Abschlusskraft. Nach sechs Tagen vieler einzelner Gutheißungen reicht „gut“ allein nicht mehr; das vollendete Ganze wird gesteigert bewertet.

Einundvierzigstens ist gerade diese Steigerung unmittelbar vor Genesis 2 theologisch programmatisch. Die Ruhe des siebten Tages ist keine Flucht aus einer misslungenen Welt, sondern Ruhe nach einem sehr guten Werk.

Zweiundvierzigstens wird der Sabbat deshalb nicht als Verachtung des Geschaffenen begründet, sondern als Feier seiner Vollendung.

Dreiundvierzigstens verbindet Genesis damit Arbeit, Güte und Ruhe. Schöpferisches Handeln ist gut, sein Ergebnis sehr gut, und dennoch folgt ein Ende der Arbeit.

Vierundvierzigstens besitzt der Vers eine bleibende Spannung zur Erfahrungswelt. Menschen erleben Leid, Tod, Naturgewalt und moralisches Böses, während der Text den Ursprung sehr gut nennt.

Fünfundvierzigstens darf diese Spannung nicht vorschnell aufgelöst werden. Sie gehört zu den grundlegenden theologischen Fragen, die die weitere Bibel und ihre Rezeptionsgeschichte bearbeiten.

Sechsundvierzigstens ist Genesis 1,31 deshalb weniger eine triviale Behauptung, alles fühle sich jederzeit gut an, als eine fundamentale Behauptung über Herkunft: Was von Gott als Schöpfung hervorgeht, besitzt eine positive Grundbestimmung.

Siebenundvierzigstens bildet diese Grundbestimmung einen Maßstab für Kritik. Wenn eine spätere Wirklichkeit von Gewalt, Zerstörung und Entfremdung geprägt ist, kann sie gerade im Vergleich zum „sehr guten“ Anfang als gebrochen erkannt werden.

Achtundvierzigstens begründet der Vers damit zugleich Hoffnung. Was als gut gedacht und erzählt wird, kann zum Bezugspunkt für Wiederherstellung, Versöhnung und künftigen Frieden werden.

Neunundvierzigstens lässt sich die prophetische Hoffnung auf erneuerten Schöpfungsfrieden in diesem Sinn als kanonische Resonanz auf den guten Anfang lesen, ohne dass Genesis 1 selbst bereits eine ausgearbeitete Eschatologie enthält.

Fünfzigstens liegt die theologische Mitte des Verses schließlich in der doppelten Aussage von Ganzheit und Vollendung: Gott sieht alles, und dieses Ganze ist sehr gut. Die sechs Tage sind beendet; die Welt ist geordnet; nun kann die Schöpfung in die Ruhe des siebten Tages eintreten.

Grenzen der Aussage

Genesis 1,31 bedeutet nicht, dass jede spätere geschichtliche Situation als „sehr gut“ bewertet werden müsse. Der Satz steht an einem bestimmten Punkt der Erzählung vor den Konflikten von Genesis 3–11.

טוֹב מְאֹד bedeutet lexikalisch „sehr gut“ und nicht automatisch „metaphysisch absolut vollkommen“, „fehlerlos in jedem denkbaren Sinn“ oder „beste aller möglichen Welten“.

Die Aussage ist keine naturwissenschaftliche Behauptung darüber, dass jede biologische, geologische oder kosmische Erscheinung für menschliche Beobachter angenehm oder ungefährlich sein müsse.

„Gut“ darf ebenso wenig ausschließlich moralisch verstanden werden. Pflanzen, Licht und Meer besitzen keine moralische Tugend; die Wortbedeutung umfasst Ordnung, Angemessenheit und positive Beschaffenheit.

Der Vers sagt nicht ausdrücklich, dass jedes einzelne Element isoliert „sehr gut“ sei. Die Grammatik richtet die gesteigerte Bewertung auf die Gesamtheit.

Die jüdische Auslegung „sehr gut = Tod“ ist Midrasch und keine alternative Wörterbuchbedeutung von מְאֹד.

Ebenso ist die Deutung „sehr gut = böser Trieb“ eine rabbinische theologische Auslegung, keine unmittelbare Übersetzung des Verses.

Raschis Verbindung des Artikels in הַשִּׁשִּׁי mit den fünf Büchern der Tora beziehungsweise dem sechsten Siwan gehört zur Midraschtradition und nicht zum grammatischen Peschat.

Die christliche Lehre vom Bösen als privatio boni ist eine philosophisch-theologische Weiterentwicklung bei Augustinus und anderen Autoren. Genesis 1,31 formuliert diese Theorie nicht selbst.

Thomas von Aquins Lehre von der Vollkommenheit des Gesamtuniversums ist ebenfalls systematische Theologie, wenn auch eng an der literarischen Gesamtbewertung orientiert.

Genesis 1,31 darf nicht vom siebten Tag isoliert werden. Die erste Schöpfungserzählung endet literarisch nicht mit der modernen Kapitelgrenze, sondern führt in Genesis 2,1–3 weiter.

„Der sechste Tag“ ist außerdem keine ausdrückliche Aussage über die naturwissenschaftliche Dauer kosmischer Entstehungsprozesse. Die Tagesstruktur besitzt innerhalb der Erzählung eine literarische und sabbatheologische Funktion.

Die Aussage „sehr gut“ schließt menschliche Freiheit nicht aus. Dass spätere Menschen moralisch falsch handeln, widerspricht nicht grammatisch der Bewertung ihres geschaffenen Ausgangszustandes.

Schließlich sollte der Vers weder zu einem naiven Optimismus noch zu einer Rechtfertigung konkreten Leidens verkürzt werden. Er formuliert die positive Grundbestimmung der Schöpfung und eröffnet gerade dadurch die spätere Frage, wie Störung, Tod und Böses in einer solchen Welt verstanden werden können.

Gesamtinterpretation

Genesis 1,31 ist die abschließende Gesamtbewertung der sechs schöpferischen Arbeitstage. Während zuvor einzelne Bereiche als gut bezeichnet wurden, betrachtet Gott nun אֶת־כָּל־אֲשֶׁר עָשָׂה, „alles, was er gemacht hatte“.

Der entscheidende Perspektivwechsel führt vom Teil zum Ganzen. Nicht nur Licht, Land, Pflanzen oder Tiere werden betrachtet, sondern die vollständige Schöpfungsordnung.

וַיַּרְא wiederholt das leitmotivische göttliche „Sehen“ des Kapitels. Dieses Sehen führt in eine Bewertung des Geschaffenen.

Die Formulierung כָּל־אֲשֶׁר עָשָׂה verhindert, das „sehr gut“ ausschließlich auf den Menschen zu beziehen.

Auch wenn die Menschenschöpfung den Höhepunkt des sechsten Tages bildet, lautet der Satz nicht „Gott sah den Menschen, und er war sehr gut“, sondern „Gott sah alles“.

Damit besitzt die nichtmenschliche Welt einen eigenen Anteil an der abschließenden Schöpfungsgüte.

Das Verb עָשָׂה, „machen“, fasst dabei das gesamte Werk zusammen.

Dies zeigt, dass Genesis die Verben ברא und עשה nicht nach einer absolut starren theologischen Trennung verwendet.

Der Ausdruck וְהִנֵּה, „und siehe“, verleiht der Schlussbewertung Anschaulichkeit und Nachdruck.

Das Ergebnis lautet טוֹב מְאֹד, „sehr gut“.

מְאֹד ist eine Intensivierung, keine technische philosophische Kategorie absoluter Perfektion.

Das Gutsein in Genesis 1 ist außerdem nicht ausschließlich moralisch. Licht, Erde, Pflanzen und Tiere werden in ihrer geschaffenen Angemessenheit als gut bewertet.

Die Steigerung „sehr gut“ betrifft das vollendete Zusammenspiel.

Lebensräume und Bewohner, Pflanzen und Nahrung, Zeit und Himmelslichter, Mensch und Tier sind aufeinander bezogen.

Gerade darin liegt eine starke Ganzheitsperspektive: Das geordnete Ganze besitzt eine Güte, die über die isolierte Betrachtung einzelner Teile hinausgeht.

Sforno hat diesen Gedanken in der jüdischen Exegese ausdrücklich entwickelt.

Thomas von Aquin formuliert innerhalb der christlichen Scholastik strukturell ähnlich, das Universum als Ganzes besitze eine umfassendere Güte als das einzelne Geschöpf.

Der Vers ist deshalb ein wichtiger Grundtext für eine relationale Schöpfungstheologie.

Die Welt ist nicht nur Sammlung einzelner Gegenstände, sondern Ordnung von Beziehungen.

Auch menschliche Herrschaft gehört in diese Ordnung.

Sie kann deshalb nicht sinnvoll als Vollmacht zur Zerstörung desjenigen Ganzen verstanden werden, das Gott gerade als sehr gut bezeichnet.

Genesis 1,29–30 stehen unmittelbar vor der Gesamtbewertung und gehören ebenfalls zu ihr.

Die pflanzlich beschriebene ursprüngliche Nahrung von Mensch und Tier ist damit Teil des sehr guten Anfangszustands.

Der Vers erzeugt dadurch einen starken Kontrast zu späterer Gewalt.

Genesis 3 wird Übertretung und Entfremdung erzählen, Genesis 4 Brudermord, Genesis 6 eine von Gewalt erfüllte Erde.

Der Ausgangspunkt dieser Entwicklung lautet aber nicht „die Welt war von Anfang an böse“, sondern „sie war sehr gut“.

Diese Grundentscheidung ist für die gesamte spätere Theologie des Bösen bedeutend.

Genesis 1 führt kein zweites böses Schöpfungsprinzip ein.

Alles ausdrücklich von Gott gemachte Werk steht zunächst unter einer positiven Gesamtbewertung.

Die jüdische Midraschtradition reagiert auf die dadurch entstehende Spannung auf überraschende Weise.

Bereschit Rabbah 9,5 verbindet מְאֹד midraschisch mit מוֹת, dem Tod.

Die Deutung bedeutet nicht, dass מְאֹד lexikalisch „Tod“ hieße.

Sie stellt vielmehr die theologische Frage, ob selbst Sterblichkeit innerhalb einer größeren Weltordnung eine Funktion besitzen kann.

Bereschit Rabbah 9,7 geht noch weiter und deutet „sehr gut“ auf den bösen Trieb.

Ohne menschliches Begehren, so der Midrasch, würden Menschen keine Häuser bauen, keine Familien gründen und keinen Handel treiben.

Der Midrasch erklärt moralisches Böses damit nicht einfach für gut.

Er unterscheidet vielmehr die menschliche Antriebskraft von ihrer möglichen Fehlrichtung.

Ramban übernimmt die Ganzheitsperspektive und versucht auch schwer verständliche Teilphänomene innerhalb einer umfassenderen Ordnung zu denken.

Sforno betont dagegen besonders die Vollendung des Gesamtprojekts.

Raschi konzentriert sich auf das Ende des Verses: יוֹם הַשִּׁשִּׁי.

Das zusätzliche ה wird von ihm mit den fünf Büchern der Tora verbunden.

In einer zweiten Auslegung deutet er „den sechsten Tag“ auf den sechsten Siwan, den Tag der Toragabe.

Die Welt erhält dadurch in der rabbinischen Theologie eine Beziehung zur späteren Offenbarung am Sinai.

Diese Interpretation ist Midrasch und nicht der einfache grammatische Sinn des Artikels.

Philologisch bleibt dennoch auffällig, dass die Tagesreihe hier anders formuliert ist als bei den vorherigen ordinalen Tagen.

Der sechste Tag besitzt auch literarisch eine besondere Abschlussfunktion.

Landtiere und Menschen werden geschaffen, Menschen gesegnet und beauftragt, Nahrung wird Menschen und Tieren zugeteilt, und schließlich wird das Ganze beurteilt.

Die Tagesformel וַיְהִי־עֶרֶב וַיְהִי־בֹקֶר wiederholt den rhythmischen Abschluss der vorherigen Tage.

Die traditionelle Form „Da ward aus Abend und Morgen“ ist idiomatisch, während der hebräische Satz wörtlicher „Und es wurde Abend, und es wurde Morgen“ lautet.

Mit dem Ende des sechsten Tages ist das Werk abgeschlossen, aber die erste Schöpfungserzählung noch nicht beendet.

Genesis 2,1–3 gehört strukturell zwingend zum Sieben-Tage-Bericht.

Der moderne Kapitelwechsel darf deshalb nicht zur theologischen Zäsur gemacht werden.

Das sehr gute Werk führt in die Ruhe des siebten Tages.

Damit erhält Genesis 1,31 eine wichtige Grenze menschlicher Produktivitätsvorstellungen.

Schöpfungsgüte zeigt sich nicht in endlosem Arbeiten.

Nach der Vollendung folgt Ruhe.

Der siebte Tag wird sogar besonders gesegnet und geheiligt.

Das literarische Ziel der ersten Schöpfungserzählung ist daher nicht nur der Mensch, sondern eine geordnete Welt in geheiligter Zeit.

Die Septuaginta bewahrt den Gesamtbezug mit τὰ πάντα, ὅσα ἐποίησεν, „alle Dinge, die er gemacht hatte“.

Ihr καλὰ λίαν bedeutet „sehr gut“ beziehungsweise „überaus schön/gut“.

Der griechische Plural macht besonders deutlich, dass die Bewertung auf die Gesamtheit bezogen ist.

Die Nova Vulgata formuliert entsprechend cuncta, quae fecit und valde bona.

Auch dort sind „alle Dinge“ sehr gut.

Luther 1912 lautet: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut.“

Der von dieser Seite verwendete Haupttext stellt lediglich die deutsche Wortfolge natürlicher um: „Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte.“

Augustinus macht Genesis 1,31 zu einem Grundtext seiner christlichen Schöpfungstheologie.

Gegen dualistische beziehungsweise von ihm als origenistisch kritisierte Modelle betont er, dass ein guter Gott gute Naturen geschaffen hat.

Das Böse wird dadurch nicht als zweite geschaffene Substanz verstanden.

In der augustinischen Tradition entsteht daraus die Lehre vom Bösen als Mangel oder Verderbung des Guten.

Johannes von Damaskus entwickelt eine verwandte Argumentation: Alles Geschaffene ist seinem Ursprung nach gut; Böses ist Abweichen von dieser naturgemäßen Güte.

Thomas von Aquin betont die besondere Güte des Gesamtuniversums.

Diese christlichen Systeme sind weiterführende theologische Interpretationen und dürfen nicht mit dem unmittelbaren hebräischen Wortsinn gleichgesetzt werden.

Der hebräische Wortsinn bleibt zugleich fundamental: Gott betrachtet das gesamte vollendete Werk und erklärt es für sehr gut.

Diese positive Grundbestimmung schließt Endlichkeit nicht aus.

Geschöpfe sind begrenzt, zeitlich, bedürftig und dennoch gut.

Genesis verlangt daher nicht, Güte mit göttlicher Unendlichkeit gleichzusetzen.

Auch Unterschiedlichkeit ist kein Defekt.

Die Welt ist gerade als vielfältig geordnetes Ganzes sehr gut.

Die Aussage eröffnet damit eine Theologie der geschaffenen Differenz: Licht und Dunkel, Land und Wasser, Pflanzen und Tiere, Mensch und Tier, männlich und weiblich besitzen unterschiedliche Funktionen innerhalb eines Ganzen.

Die Güte des Ganzen bedeutet allerdings nicht, dass jedes spätere Ereignis moralisch gut wäre.

Genesis 1,31 ist kein pauschaler Freibrief für spätere Gewalt, Krankheit oder Unrecht.

Gerade weil der Anfang als sehr gut beschrieben wird, kann spätere Zerstörung als Abweichung und Verlust wahrgenommen werden.

Der Vers ist deshalb zugleich Schöpfungsbekenntnis und kritischer Maßstab.

Er erklärt die Welt nicht für wertlos, sondern für ursprünglich wertvoll.

Er vergöttlicht sie nicht, sondern stellt sie unter den Blick ihres Schöpfers.

Er erhebt den Menschen, ohne die nichtmenschliche Welt aus der Güte auszuschließen.

Er feiert das Werk, ohne Arbeit zum höchsten Ziel zu machen.

Und er beendet die sechs Schöpfungstage nicht mit einem neuen menschlichen Triumph, sondern mit Gottes Urteil über das Ganze und dem unmittelbar bevorstehenden Übergang zur Ruhe.

Genesis 1,31 ist damit der abschließende Akkord der schöpferischen Tätigkeit: וְהִנֵּה־טוֹב מְאֹד – „und siehe: sehr gut“.