Genesis 1,28 – Seid fruchtbar, füllt die Erde und herrscht

Bibel: Genesis / 1. Mose
Kapitel: 1
Vers: 28

28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.

Hebräischer Text:

וַיְבָרֶךְ אֹתָם אֱלֹהִים וַיֹּאמֶר לָהֶם אֱלֹהִים פְּרוּ וּרְבוּ וּמִלְאוּ אֶת־הָאָרֶץ וְכִבְשֻׁהָ וּרְדוּ בִּדְגַת הַיָּם וּבְעוֹף הַשָּׁמַיִם וּבְכָל־חַיָּה הָרֹמֶשֶׂת עַל־הָאָרֶץ׃

Transliteration:

wayḇāreḵ ʾōṯām ʾĕlōhîm wayyōmer lāhem ʾĕlōhîm pərû ûrəḇû ûmilʾû ʾeṯ-hāʾāreṣ wəḵiḇšuhā ûrəḏû biḏḡaṯ hayyām ûḇəʿôp haššāmayim ûḇəḵol-ḥayyāh hārōmeśeṯ ʿal-hāʾāreṣ

Wortnahe Übersetzung: „Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch und füllt die Erde und unterwerft sie und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über jedes lebende Wesen, das sich auf der Erde bewegt.“

Einleitung

Genesis 1,28 ist die erste direkte göttliche Ansprache an die eben geschaffene Menschheit. Genesis 1,26 hatte den göttlichen Beschluss formuliert, Menschen im Bild und nach der Ähnlichkeit Gottes zu machen und ihnen Herrschaft über die nichtmenschliche Schöpfung zu übertragen. Genesis 1,27 berichtete die Ausführung: Gott schuf den Menschen in seinem Bild, und er schuf die Menschheit männlich und weiblich. Nun wendet sich Gott an diese pluralisch gedachte Menschheit selbst. Der Übergang ist grammatisch deutlich: Vers 27 endete mit בָּרָא אֹתָם, „er schuf sie“; Vers 28 beginnt mit וַיְבָרֶךְ אֹתָם, „und er segnete sie“, und fährt fort mit וַיֹּאמֶר לָהֶם, „und er sprach zu ihnen“. Die männlich und weiblich geschaffene Menschheit ist gemeinsam Empfängerin von Segen und Auftrag.

Der Vers besteht aus zwei eng aufeinander bezogenen Teilen. Zunächst steht der göttliche Segen; anschließend folgt eine Folge von fünf pluralischen Imperativen: פְּרוּ, „seid fruchtbar“, וּרְבוּ, „mehrt euch“, וּמִלְאוּ, „füllt“, וְכִבְשֻׁהָ, „unterwerft sie“, und וּרְדוּ, „herrscht“. Die ersten drei beziehen sich auf Wachstum und Ausbreitung der menschlichen Gemeinschaft, die beiden letzten auf ihr Verhältnis zur Erde und zu anderen Lebewesen. Der Satz bewegt sich damit von biologischer Fruchtbarkeit über räumliche Besiedlung zu kultureller und herrschaftlicher Weltgestaltung.

Die Übersetzung dieser beiden letzten Verben ist exegetisch besonders folgenreich. כבשׁ besitzt eine starke Bedeutung und kann „unterwerfen, bezwingen, unter Kontrolle bringen“ bedeuten. רדה bedeutet „herrschen, regieren, Herrschaft ausüben“. Der hebräische Text verwendet also keine schwache Sprache bloßer Naturbeobachtung. Eine Übersetzung, die aus וְכִבְשֻׁהָ ausschließlich „pflegt die Erde“ und aus וּרְדוּ ausschließlich „kümmert euch um die Tiere“ macht, würde die lexikalische Stärke des Verses abschwächen.

Damit ist jedoch noch nicht entschieden, welche ethische Gestalt diese Macht annehmen soll. Die beiden Verben stehen nicht isoliert. Die Herrschenden sind nach dem unmittelbar vorausgehenden Vers Bilder Gottes; die Tiere, über die sie herrschen sollen, wurden von Gott bereits geschaffen, gesegnet beziehungsweise als gut beurteilt; und die Verse Genesis 1,29 und Genesis 1,30 werden Menschen und Tieren zunächst pflanzliche Nahrung zuweisen. Deshalb muss eine theologische Ethik der Herrschaft die Stärke der Machtbegriffe und ihre Einbettung in Gottes gute Schöpfungsordnung gleichzeitig ernst nehmen.

Genesis 1,28 ist zudem ein zentraler Wirkungstext. Die Worte פְּרוּ וּרְבוּ, „seid fruchtbar und mehrt euch“, wurden in der jüdischen Halacha zu einem Grundtext der Mizwa von Fortpflanzung. Die Formulierung „macht euch die Erde untertan“ beziehungsweise „unterwerft sie“ spielte in jüdischer, christlicher und später säkularisierter europäischer Kultur eine bedeutende Rolle für Vorstellungen von Landwirtschaft, Technik, Naturbeherrschung und Zivilisation. In der neueren Umweltethik wurde derselbe Vers sowohl als Beispiel problematischer anthropozentrischer Naturbeherrschung kritisiert als auch im Zusammenhang mit der Gottesbildlichkeit als Auftrag zu verantwortlicher, begrenzter Herrschaft neu interpretiert.

Parallelstellen

Genesis 1,22 ist die erste unmittelbare Parallelstelle zum Fruchtbarkeitssegen. Gott segnet Wasserlebewesen und Vögel mit den Worten פְּרוּ וּרְבוּ, „seid fruchtbar und mehrt euch“. Menschliche Fruchtbarkeit ist daher innerhalb des Schöpfungsberichts nicht völlig einzigartig; auch tierisches Leben besitzt eine von Gott gesegnete generationenübergreifende Zukunft. Beim Menschen kommen jedoch das Füllen der ganzen Erde, ihre Unterwerfung und die Herrschaft über andere Lebewesen hinzu.

Genesis 1,26 formuliert den Herrschaftsauftrag zunächst als Bestandteil des göttlichen Schöpfungsbeschlusses: Die Menschen sollen über Fische, Vögel, Vieh, die ganze Erde und das kriechende Getier herrschen. Genesis 1,28 richtet denselben Auftrag anschließend direkt an die geschaffenen Menschen.

Genesis 1,27 bestimmt die Empfänger des Segens: Die im Bild Gottes geschaffene Menschheit wird männlich und weiblich konkretisiert. Das אֹתָם, „sie“, von Vers 27 wird in Vers 28 unmittelbar durch „er segnete sie“ und „er sprach zu ihnen“ aufgenommen.

Genesis 1,29 folgt unmittelbar auf den Herrschaftsauftrag und weist den Menschen Samenpflanzen und Baumfrüchte als Nahrung zu. Für die Auslegung menschlicher Tierherrschaft ist dieser Zusammenhang entscheidend: Im ursprünglichen Schöpfungsbild ist Herrschaft nicht unmittelbar mit einer generellen Erlaubnis zur Tötung von Tieren zur Ernährung verbunden.

Genesis 1,30 weist auch den Tieren grüne Pflanzen zur Nahrung zu. Menschen und Tiere teilen damit innerhalb der ersten Schöpfungsordnung eine pflanzlich beschriebene Ernährungsbasis.

Genesis 1,31 bewertet die Gesamtheit dieser Ordnung als טוֹב מְאֹד, „sehr gut“. Der Herrschaftsauftrag gehört damit innerhalb der Erzählung zur als sehr gut bewerteten ursprünglichen Welt und muss von späteren Formen gewaltsamer menschlicher Dominanz unterschieden werden.

Genesis 2,15 bietet eine wichtige ergänzende Perspektive auf das Verhältnis von Mensch und Erde. Der Mensch wird in den Garten Eden gesetzt, לְעָבְדָהּ וּלְשָׁמְרָהּ, „um ihn zu bearbeiten/dienen und zu bewahren/hüten“. Die Verben sind andere als כבשׁ und רדה, doch im kanonischen Zusammenhang ergänzen sich Macht- und Bewahrungssprache.

Genesis 5,1 bis Genesis 5,2 nehmen die Menschenschöpfung und den Segen erneut auf. Die als männlich und weiblich geschaffene Menschheit wird gesegnet und gemeinsam אָדָם, „Mensch“, genannt.

Genesis 9,1 wiederholt nach der Sintflut den Fruchtbarkeitssegen an Noah und seine Söhne: „Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde.“ Damit wird die nach der Flut erneuerte Menschheit in deutlicher Anlehnung an Genesis 1,28 erneut auf Zukunft und Erdbevölkerung ausgerichtet.

Genesis 9,2 verändert jedoch das Verhältnis zu den Tieren. Furcht und Schrecken vor dem Menschen werden über die Tierwelt gelegt. Die ursprüngliche Herrschaft von Genesis 1 erhält damit innerhalb der gefallenen und nach der Flut erneuerten Welt eine härtere Gestalt.

Genesis 9,3 erlaubt nun auch tierische Nahrung. Diese Veränderung zeigt, dass der biblische Text selbst zwischen der ursprünglichen Ordnung von Genesis 1 und der nachsintflutlichen Welt unterscheidet.

Genesis 9,7 wiederholt erneut „Seid fruchtbar und mehrt euch“. Die Fruchtbarkeitsbestimmung bleibt damit auch nach der Sintflut bestehen.

Genesis 35,11 verwendet zu Jakob die singularischen Formen פְּרֵה וּרְבֵה, „sei fruchtbar und mehre dich“. Diese Stelle wird in der rabbinischen Diskussion über die Verpflichtung zur Fortpflanzung herangezogen.

Numeri 32,22 verwendet die Wurzel כבשׁ für ein „Unterwerfen“ des Landes. Die Parallelstelle zeigt die Stärke des Verbs und warnt davor, Genesis 1,28 lexikalisch zu einem schwachen „betreuen“ umzudeuten.

Josua 18,1 beschreibt das Land als vor Israel „unterworfen“ und verwendet ebenfalls כבשׁ. Der Begriff gehört damit zum Wortfeld tatsächlicher Herrschaftsgewinnung.

Micha 7,19 verwendet כבשׁ metaphorisch: Gott wird die Schuld „unterwerfen“. Auch diese Verwendung bestätigt die Grundvorstellung des Niederzwingens beziehungsweise Unter-die-Kontrolle-Bringens.

Levitikus 25,43 verwendet die Wurzel רדה und verbietet, über einen israelitischen Bruder בְּפָרֶךְ, „mit Härte“, zu herrschen. Die Stelle ist für die Ethik des Verbs wichtig: רדה bezeichnet wirkliche Autorität, deren Ausübung aber moralisch qualifiziert und begrenzt werden kann.

Hesekiel 34,4 kritisiert Israels Hirten, weil sie mit Härte und Gewalt über die Herde geherrscht haben. Auch hier wird nicht Herrschaft als solche geleugnet, sondern ihre gewaltsame Form beurteilt.

Psalm 8,6 bis Psalm 8,9 entfalten die menschliche Herrschaft über Schafe, Rinder, Wildtiere, Vögel und Fische als von Gott verliehene Würde. Der Psalm ist eine der wichtigsten innerbiblischen Auslegungen von Genesis 1,26–28.

Psalm 72,8 verwendet רדה für königliche Herrschaft „von Meer zu Meer“. Dies unterstreicht den politischen und königlichen Charakter des Verbs.

Wortanalyse

וַיְבָרֶךְ, wayḇāreḵ, ist Piel Wayyiqtol, 3. Person maskulin Singular, der Wurzel ברך, „segnen“. Im Piel bezeichnet die Wurzel regelmäßig das Aussprechen beziehungsweise Verleihen von Segen. Das Subjekt folgt: אֱלֹהִים.

אֹתָם, ʾōṯām, ist der Marker des bestimmten direkten Objekts mit Suffix der 3. Person maskulin Plural: „sie“. Es nimmt das letzte Wort von Genesis 1,27 unmittelbar wieder auf und macht die textliche Kontinuität zwischen Schöpfung und Segnung besonders deutlich.

וַיֹּאמֶר, wayyōmer, ist Qal Wayyiqtol, 3. Person maskulin Singular, von אמר, „sprechen, sagen“.

לָהֶם, lāhem, besteht aus der Präposition לְ und dem Suffix der 3. Person maskulin Plural: „zu ihnen“. Die männliche Pluralform dient im Hebräischen auch für gemischte Gruppen. Im unmittelbaren Kontext bezeichnet sie die in Vers 27 als männlich und weiblich geschaffene Menschheit.

פְּרוּ, pərû, ist Qal Imperativ, 2. Person maskulin Plural, der Wurzel פרה, „fruchtbar sein, Frucht bringen“. Im Kontext menschlicher und tierischer Lebewesen bezeichnet die Wurzel reproduktive Fruchtbarkeit.

וּרְבוּ, ûrəḇû, ist Qal Imperativ, 2. Person maskulin Plural, von רבה, „zahlreich sein, sich vermehren, zahlreich werden“. Die Verbindung פְּרוּ וּרְבוּ bildet eine feste biblische Wortpaarung von Fruchtbarkeit und zahlenmäßiger Vermehrung.

וּמִלְאוּ, ûmilʾû, ist Qal Imperativ, 2. Person maskulin Plural, von מלא, „voll sein, füllen“. Hier bedeutet es transitiv im Qal „füllt die Erde“. Die Menschheit soll sich räumlich über den terrestrischen Lebensbereich ausbreiten.

אֶת־הָאָרֶץ, ʾeṯ-hāʾāreṣ, ist das bestimmte direkte Objekt: „die Erde“. Das Verb bedeutet nicht „füllt euch mit Erde“, sondern eindeutig „füllt die Erde“.

וְכִבְשֻׁהָ, wəḵiḇšuhā, ist Qal Imperativ, 2. Person maskulin Plural, der Wurzel כבשׁ, mit dem Objektssuffix der 3. Person feminin Singular: „und unterwerft sie“. Das Suffix ־הָ bezieht sich auf die feminine הָאָרֶץ, „Erde“. Die Form bedeutet daher wörtlich nicht „unterwerft euch“, sondern „unterwerft sie“, nämlich die Erde.

וּרְדוּ, ûrəḏû, ist Qal Imperativ, 2. Person maskulin Plural, der Wurzel רדה, „herrschen, regieren, dominieren“. Die dazugehörigen Herrschaftsbereiche werden mit der Präposition בְּ angeschlossen.

בִּדְגַת הַיָּם, biḏḡaṯ hayyām, bedeutet „über die Fische beziehungsweise den Fischbestand des Meeres“. דְּגַת ist eine kollektive Constructus-Form.

וּבְעוֹף הַשָּׁמַיִם, ûḇəʿôp haššāmayim, bedeutet „und über das Fluggetier/die Vögel des Himmels“. Auch עוֹף ist kollektiv.

וּבְכָל־חַיָּה, ûḇəḵol-ḥayyāh, bedeutet „und über jedes lebende Wesen/Tier“. Auffällig ist, dass der masoretische Text hier nicht dieselbe genaue Tierliste wie Genesis 1,26 wiederholt.

הָרֹמֶשֶׂת, hārōmeśeṯ, ist Qal Partizip feminin Singular mit Artikel von רמשׂ, „kriechen, gleiten, sich bewegen“. Es stimmt mit dem femininen חַיָּה überein: „das sich bewegende lebende Wesen“.

עַל־הָאָרֶץ, ʿal-hāʾāreṣ, bedeutet „auf der Erde“. Der Satz schließt damit bei demselben Lebensbereich, der zuvor gefüllt und unterworfen werden sollte.

Grammatik und Syntax

Der Vers besitzt eine klare zweistufige Syntax. Der narrative Rahmen besteht aus zwei Wayyiqtolformen: וַיְבָרֶךְ ... אֱלֹהִים, „und Gott segnete“, und וַיֹּאמֶר ... אֱלֹהִים, „und Gott sprach“. In diese narrative Rahmung ist die direkte göttliche Rede eingebettet. Sie besteht aus einer Kette von fünf Imperativen in der 2. Person Plural. Gerade diese konsequente Pluralität zeigt, dass die Ansprache an die in Vers 27 genannte menschliche Mehrzahl gerichtet ist.

Die Imperative bilden keine zufällige Aufzählung. Die ersten drei können als Steigerungsfolge gelesen werden: fruchtbar werden – zahlreich werden – die Erde füllen. Die nächsten beiden verändern die semantische Ebene: Erde unterwerfen – über andere Lebewesen herrschen. Damit wird aus bloßer biologischer Vermehrung eine raumgestaltende menschliche Existenz. Menschen sollen nicht nur zahlreicher werden, sondern als kulturell handelnde Wesen die Erde in Besitz nehmen, bearbeiten und ordnen.

Grammatisch wichtig ist וְכִבְשֻׁהָ. Die Form ist trotz der defektiven Orthographie ein pluralischer Imperativ mit femininem Singularobjekt: „unterwerft sie“. Rabbinische Exegese hat gerade die ungewöhnliche Schreibung ohne erwartetes Waw homiletisch ausgenutzt und teilweise eine singularische Lesemöglichkeit konstruiert. Der einfache grammatische Satzbau bleibt jedoch pluralisch: Dieselbe angeredete Menschheit erhält alle fünf Imperative.

Der abschließende Herrschaftsteil besitzt drei ausdrücklich genannte Bereiche: Fische, Vögel und „jedes lebende Wesen, das sich auf der Erde bewegt“. Dies unterscheidet sich leicht von Vers 26, wo Vieh, ganze Erde und alles Kriechgetier separat aufgeführt wurden. Die Unterschiede zwischen den beiden Listen sind textkritisch und übersetzungsgeschichtlich bedeutsam, weil die Septuaginta Vers 28 stärker an Vers 26 angleicht.

וַיְבָרֶךְ אֹתָם – „Gott segnete sie“

Der Vers beginnt nicht mit einem Befehl, sondern mit einem Segen. Diese Reihenfolge ist theologisch wichtig. Bevor Menschen aufgefordert werden, fruchtbar zu sein, die Erde zu füllen und Herrschaft auszuüben, werden sie von Gott gesegnet. Die Aufgabe steht somit innerhalb einer vorausgehenden göttlichen Befähigung.

Genesis 1 kennt bereits den Tiersegen in Genesis 1,22. Auch dort folgen die Worte „Seid fruchtbar und mehrt euch“. Der Mensch ist also hinsichtlich biologischer Fruchtbarkeit nicht vollständig von der Tierwelt getrennt. Die besondere menschliche Dimension entsteht durch die zusätzliche Beziehung zur ganzen Erde und die Herrschaft über andere Geschöpfe.

Ramban unterscheidet in seiner Kommentierung den menschlichen Segen von der Formulierung bei den Tieren und versteht Genesis 1,28 als eigentliche Segenshandlung, der eine direkte göttliche Ansprache folgt. Unabhängig von dieser traditionellen Differenzierung zeigt die Erzählstruktur deutlich: Auftrag und Segen sind nicht voneinander zu trennen.

לָהֶם – „zu ihnen“

Das Pronomen לָהֶם ist für die Auslegung von Genesis 1,27–28 von großer Bedeutung. Unmittelbar zuvor hatte der Text erklärt: „männlich und weiblich schuf er sie“. Nun segnet Gott „sie“ und spricht „zu ihnen“.

Der unmittelbare literarische Sinn ist deshalb gemeinschaftlich. Die geschaffene menschliche Mehrzahl steht gemeinsam vor Gott und empfängt Segen und Auftrag. Der Text formuliert an dieser Stelle keine gesonderte Ansprache an den männlichen Menschen und keine zweite, eingeschränkte Ansprache an den weiblichen.

Die spätere rabbinische Halacha diskutiert dennoch, wer rechtlich zur Mizwa der Fortpflanzung verpflichtet ist. Diese Diskussion ist eine eigene rezeptionsgeschichtliche Ebene und darf nicht mit der einfachen grammatischen Tatsache verwechselt werden, dass Genesis 1,28 seine unmittelbaren Adressaten pluralisch bezeichnet.

Die Folge der fünf Imperative

Die fünf Imperative bilden eine der dichtesten programmatischen Aussagen über menschliche Existenz im Alten Testament: פְּרוּ, וּרְבוּ, וּמִלְאוּ, וְכִבְשֻׁהָ, וּרְדוּ. Die ersten beiden betreffen Fortpflanzung, der dritte räumliche Präsenz, der vierte die Aneignung und Beherrschung des terrestrischen Lebensraumes, der fünfte die Herrschaft über andere Lebewesen.

Die syntaktische Gleichordnung bedeutet nicht, dass alle fünf Verben in jeder späteren geschichtlichen Situation identisch anzuwenden wären. Genesis beschreibt hier die anfängliche Menschheitsbestimmung in einer weitgehend unbesiedelten Welt. Eine moderne Erde mit Milliarden Menschen, komplexen Staaten und tiefgreifenden ökologischen Belastungen ist nicht die unmittelbar erzählte Situation des Verses. Die Übertragung auf spätere ethische Fragen erfordert deshalb Auslegung und kann nicht in einer bloßen Wiederholung der Imperative bestehen.

פְּרוּ – „seid fruchtbar“

פְּרוּ bezeichnet die Fähigkeit, Nachkommen hervorzubringen. Das Bildfeld ist mit dem hebräischen Wort für Frucht verwandt und verbindet menschliche Fortpflanzung sprachlich mit dem größeren Schöpfungsmotiv der Fruchtbarkeit.

Die Form steht unmittelbar nach der Erschaffung als männlich und weiblich und führt daher die Geschlechterdifferenz narrativ in die Generationenfolge weiter. Menschheit soll nicht auf das erste geschaffene Paar begrenzt bleiben, sondern geschichtliche Zukunft gewinnen.

Weil der Ausdruck als Teil des Segens ausgesprochen wird, ist Fortpflanzung zunächst Gabe und Befähigung, bevor sie in späterer jüdischer Tradition rechtlich als Mizwa systematisiert wird. Diese Unterscheidung zwischen literarischem Schöpfungssegen und späterer normativer Auslegung ist methodisch wichtig.

וּרְבוּ – „mehrt euch“

רבה bezeichnet zahlenmäßige Zunahme. Die Verbindung mit פרה ist im Genesisbuch besonders charakteristisch und begegnet später bei Noah und den Erzvätern wieder.

Die beiden Verben beschreiben verwandte, aber nicht vollkommen identische Aspekte: Fruchtbarkeit ist die Fähigkeit beziehungsweise der Vorgang des Hervorbringens von Nachkommen; Vermehrung bezeichnet das Ergebnis in Form einer wachsenden Population.

Genesis versteht menschliche Zukunft damit generationell. Die Herrschaft über die Erde soll nicht durch ein einziges ursprüngliches Paar ausgeübt werden, sondern durch eine sich ausbreitende Menschheit.

וּמִלְאוּ – „füllt die Erde“

Mit וּמִלְאוּ wechselt der Fokus von Fortpflanzung zu Raum. Die Menschen sollen nicht nur zahlreich werden, sondern die Erde füllen. Der Vers setzt damit eine Bewegung vom Ursprungsort der Menschheit in die Weite des terrestrischen Lebensraumes voraus.

Das Motiv kehrt in Genesis 9 nach der Sintflut wieder. Dort ist die Erde nach der Katastrophe erneut menschenarm, und Noahs Familie erhält denselben Auftrag. Die Parallele bestätigt, dass „füllt die Erde“ innerhalb der Urgeschichte besonders den Aufbau beziehungsweise Wiederaufbau menschlicher Weltbevölkerung bezeichnet.

Der Vers formuliert jedoch kein abstraktes Prinzip, nach dem eine möglichst hohe Bevölkerungszahl unter allen geschichtlichen Bedingungen immer besser wäre. Das Ziel im erzählten Kontext ist die Füllung einer noch nicht von Menschen bewohnten Welt. Moderne demographische, soziale und ökologische Fragen können nicht allein aus diesem Satz entschieden werden.

וְכִבְשֻׁהָ – „unterwerft sie“

כבשׁ ist eines der stärksten Verben des Verses. Sein Bedeutungsfeld umfasst „unterwerfen“, „bezwingen“, „unter Kontrolle bringen“ und in anderen Kontexten auch militärische oder soziale Unterwerfung. Die traditionelle Lutherformulierung „macht sie euch untertan“ gibt diese Machtkomponente deutlicher wieder als manche modern weichere Paraphrase.

Das direkte Objekt ist die Erde. Die Vorstellung geht deshalb über Tierherrschaft hinaus. Menschliche Aktivität soll den terrestrischen Raum so gestalten, dass er zum menschlichen Lebens-, Kultur- und Arbeitsraum wird. Landwirtschaft, Siedlungsbau, Gewinnung von Rohstoffen und technische Veränderung lassen sich innerhalb dieser grundlegenden semantischen Richtung verstehen.

Ramban liest den Ausdruck genau in diesem Sinn weit. Gott gebe Menschen Macht über die Erde: Sie können bauen, Pflanzen ausreißen beziehungsweise neu gestalten und Metalle aus Bergen gewinnen. Seine Beispiele spiegeln mittelalterliche Lebenswelt, erfassen aber die im Verb liegende aktive Weltgestaltung.

Eine sachgerechte heutige Auslegung sollte die Gewaltkomponente des Verbs nicht leugnen. Die entscheidende ethische Frage ist vielmehr, ob und wie eine starke menschliche Gestaltungsmacht innerhalb der übrigen Schöpfungstheologie begrenzt wird. Die Antwort kann nicht dadurch gewonnen werden, dass man כבשׁ einfach in „bewahren“ umübersetzt.

וּרְדוּ – „herrscht“

רדה gehört zum Wortfeld politischer und sozialer Herrschaft. Psalm 72 verwendet die Wurzel für die weiträumige Regierung eines Königs. Levitikus 25 und Hesekiel 34 zeigen zugleich, dass diese Herrschaft in grausamer Form ausgeübt werden kann und dann ausdrücklich kritisiert wird.

Gerade diese Vergleichstexte sind für Genesis 1,28 aufschlussreich. Das Verb selbst bedeutet Herrschaft; die moralische Qualität der Herrschaft wird nicht durch eine andere Wörterbuchbedeutung gelöst. Biblische Ethik kann zwischen gerechter und brutaler Herrschaft unterscheiden, ohne das Herrschaftsverhältnis zu leugnen.

Genesis 1,26 hatte die menschliche Herrschaft unmittelbar mit dem Bild Gottes verbunden. Daraus ergibt sich eine theologisch starke Interpretation: Die Menschheit erhält königliche Funktion innerhalb der Schöpfung, aber gerade als Repräsentantin einer höheren göttlichen Herrschaft. Menschliche Macht ist deshalb abgeleitet und nicht absolut.

Fische, Vögel und bewegtes Leben

Die Herrschaft erstreckt sich zunächst auf דְּגַת הַיָּם, die Fische beziehungsweise den Fischbestand des Meeres. Damit reicht menschliche Herrschaft in einen Lebensraum hinein, den Menschen selbst nicht dauerhaft bewohnen. Die Aussage ist daher nicht einfach territoriale Koexistenz, sondern eine umfassende Vorrangstellung.

Als zweite Gruppe folgen die Vögel des Himmels, wiederum Bewohner eines Lebensraumes, den Menschen nicht auf dieselbe Weise besiedeln. Schließlich nennt der masoretische Text כָל־חַיָּה הָרֹמֶשֶׂת עַל־הָאָרֶץ, „jedes lebende Wesen, das sich auf der Erde bewegt“. Diese breite Formulierung umfasst die terrestrische Tierwelt zusammenfassend.

Die traditionelle deutsche Form „alles Getier, das auf Erden kriecht“ kann zu eng wirken, weil חַיָּה allgemein „lebendes Tier/Wesen“ bedeutet und das Partizip רֹמֶשֶׂת Bewegung auf beziehungsweise nahe der Erde ausdrückt. „Jedes lebende Wesen, das sich auf der Erde bewegt“ ist daher semantisch breiter.

Genesis 1,26–28 als Einheit

Die drei Verse bilden eine sorgfältige Abfolge aus Plan, Schöpfung und Beauftragung. Genesis 1,26 formuliert Gottes Absicht, Menschen im göttlichen Bild zu machen und ihnen Herrschaft zu geben. Genesis 1,27 berichtet dreifach die tatsächliche Schöpfung im Bild Gottes und konkretisiert die Menschheit als männlich und weiblich. Genesis 1,28 segnet diese Mehrzahl und überträgt ihr unmittelbar den bereits angekündigten Auftrag.

Dadurch lässt sich der Herrschaftsbefehl nicht isoliert vom Gottesbild verstehen. Die Menschen erhalten nicht einfach deshalb Macht, weil sie körperlich überlegen oder technisch geschickt wären. Herrschaft ist Teil ihrer repräsentativen Stellung innerhalb der Schöpfungsordnung.

Ebenso wenig lässt sich die Imago Dei vollständig von menschlicher Weltverantwortung trennen. Im unmittelbaren literarischen Kontext führt die Gottesbildaussage direkt zu Fruchtbarkeit, Erdbevölkerung, Unterwerfung und Herrschaft. Identität und Funktion gehören eng zusammen.

Segen oder Befehl?

Die Imperativformen sind grammatisch echte Aufforderungsformen. Gleichzeitig stehen sie unter der Einleitung „Gott segnete sie“. Dadurch ist eine scharfe Alternative zwischen Segen und Gebot unzureichend. Die Sprache verbindet beides: Was Gott von der Menschheit verlangt, wird zugleich durch seinen Segen ermöglicht.

Diese Doppelstruktur wird besonders bei „seid fruchtbar“ deutlich. Biologische Fruchtbarkeit lässt sich nicht ausschließlich durch menschlichen Willensentschluss herstellen. Der Imperativ ist daher zugleich performativer Segen: Gott spricht eine Zukunftsfähigkeit zu, die Menschen anschließend verwirklichen sollen.

In der jüdischen Halacha konnte daraus dennoch eine konkrete Mizwa entstehen. Das ist eine legitime Form religiöser Rezeption, aber eine weitere normative Systematisierung der ursprünglichen Schöpfungsaussage.

Fruchtbarkeit und Generationenfolge

Genesis 1,28 macht die Zukunft der Menschheit zu einem Bestandteil der ursprünglichen Schöpfung. Gott erschafft nicht bloß zwei Menschen, die als statische Endgestalten bestehen bleiben sollen. Der Segen öffnet menschliches Leben in die Zeit hinein.

Diese Generationenperspektive wird das gesamte Genesisbuch prägen. Genealogien, Nachkommenschaft, Unfruchtbarkeit, Geburtsverheißungen und das Motiv des Samens werden zu zentralen Trägern der Erzählung. Schon Genesis 1,28 legt damit einen Grundstein für die spätere Abrahamsverheißung und die Bedeutung von Nachkommenschaft im Pentateuch.

Gleichzeitig ist Fruchtbarkeit im Schöpfungsbericht nicht ausschließlich menschlich. Tiere wurden bereits gesegnet. Dadurch ist Reproduktion Teil der allgemeinen Lebensordnung, während ihre rechtliche, familiäre und bundesgeschichtliche Bedeutung beim Menschen weiter entfaltet wird.

Die Erde füllen

Die Bewegung von „mehrt euch“ zu „füllt die Erde“ überführt biologische Fortpflanzung in Geographie und Geschichte. Menschliche Existenz soll sich nicht an einem einzigen Ursprungsort konzentrieren. Die Erde wird zum umfassenden menschlichen Lebensraum.

Spätere Teile der Urgeschichte werden dieses Motiv problematisieren. Die Erzählung vom Turmbau in Babel beschreibt eine Menschheit, die gerade nicht zerstreut werden möchte, sondern sich an einem Ort sammelt und einen Namen machen will. Gottes anschließende Zerstreuung über die Erde kann deshalb auch im Horizont des ursprünglichen Auftrags gelesen werden, die Erde zu füllen.

Genesis 1,28 begründet damit grundsätzlich menschliche Ausbreitung und Kulturbildung, nicht jedoch automatisch jede konkrete Form von Expansion, Kolonisierung oder Landnahme. Spätere politische Aneignungen des Verses müssen von seiner urgeschichtlichen Aussage unterschieden werden.

„Unterwerfen“ – die Stärke von כבש

Die Wurzel כבשׁ bezeichnet in verschiedenen biblischen Texten tatsächliche Unterwerfung. Im Zusammenhang der Landnahme kann ein Gebiet „unterworfen“ werden; metaphorisch können Schuld oder feindliche Kräfte bezwungen werden. Die Grundvorstellung ist daher ein Überwinden von Widerstand und das Herstellen von Kontrolle.

In Genesis 1,28 steht die Erde als Objekt. Der Vers setzt damit voraus, dass menschlicher Lebensraum nicht ohne Gestaltung entsteht. Boden muss kultiviert, Raum organisiert, natürliche Kräfte müssen genutzt oder begrenzt werden. Menschliche Kultur ist kein Gegensatz zur Schöpfung, sondern innerhalb des Textes eine Möglichkeit, die der Schöpfung selbst eingeschrieben ist.

Diese Aussage besitzt zugleich ein erhebliches Gefährdungspotential. Dieselbe Fähigkeit, Wälder zu roden, Flüsse umzuleiten, Rohstoffe abzubauen und Landschaften technisch zu transformieren, kann Lebensräume zerstören. Genesis 1,28 beschreibt die Ermächtigung; moderne Ethik muss zusätzlich nach Maß, Grenze und Folgen dieser Macht fragen.

„Herrschen“ – die Stärke von רדה

רדה ist königliche Sprache. Der Mensch wird innerhalb der Schöpfung zu einer Art königlichem Repräsentanten. Psalm 8 wird diese Stellung mit den Begriffen Herrlichkeit und Ehre beschreiben und die Tiere „unter seine Füße“ setzen.

Die königliche Analogie enthält sowohl Ermächtigung als auch Norm. Im Alten Testament wird ein guter König daran gemessen, ob er Recht schafft, Schwache schützt und Gewalt begrenzt. Ein Herrscher kann seine Macht missbrauchen. Dasselbe Verb kann daher reale Dominanz bezeichnen, ohne jede Form dieser Dominanz moralisch zu rechtfertigen.

Für Genesis 1,28 bedeutet dies: Die lexikalische Härte von „herrschen“ darf bestehen bleiben, während die ethische Auslegung fragt, was Herrschaft im Bild des Schöpfers bedeuten muss.

Kulturauftrag und technische Weltgestaltung

In der christlichen und jüdischen Wirkungsgeschichte wurde Genesis 1,28 häufig als grundlegender Kulturauftrag verstanden. Die Menschheit soll aus der gegebenen Natur menschliche Lebensräume entwickeln: Felder, Siedlungen, Gebäude, Verkehrswege, Werkzeuge, gesellschaftliche Institutionen und technische Verfahren.

Rambans Auslegung ist ein frühes Beispiel. Er verbindet „unterwerft sie“ mit Bauen, Roden beziehungsweise Umgestalten und dem Abbau von Metallen. Der mittelalterliche Kommentar erkennt damit, dass der Auftrag nicht nur unmittelbare Tierherrschaft, sondern eine umfassende Transformation der materiellen Umwelt einschließt.

Der Begriff „Kulturauftrag“ steht nicht im hebräischen Text. Er ist eine systematische Zusammenfassung. Dennoch trifft er einen realen Aspekt: Der Mensch soll die Erde nicht lediglich unverändert betrachten, sondern aktiv gestalten.

Die heutige Frage lautet daher nicht sinnvoll, ob Menschen Natur überhaupt verändern dürfen. Genesis setzt Veränderung voraus. Die entscheidende Frage ist vielmehr, wie menschliche Gestaltung so erfolgen kann, dass sie die geschöpflichen Grundlagen ihrer eigenen Existenz und die Güte anderer Lebensformen nicht zerstört.

Herrschaft über Tiere

Die Tierherrschaft aus Genesis 1,28 ist umfassend, aber sie steht innerhalb eines bereits etablierten theologischen Rahmens. Wasserlebewesen und Vögel wurden in Genesis 1,22 von Gott gesegnet; Landtiere wurden in Genesis 1,25 als gut beurteilt. Menschen erhalten daher Macht über Geschöpfe, deren eigene positive Beziehung zum Schöpfer der menschlichen Herrschaft vorausgeht.

Diese Reihenfolge bedeutet, dass Tiere nicht erst durch ihren Nutzen für Menschen Wert erhalten. Der Mensch trifft auf eine Welt, die bereits Gottes Welt ist.

Auch spätere biblische Texte begrenzen eine rein instrumentelle Sicht. Die Sabbatgebote beziehen Arbeitstiere ein, das Gesetz kennt Vorschriften zum Umgang mit Tieren, Hiob 38–39 beschreibt Gottes Fürsorge für Wildtiere außerhalb menschlicher Nutzung, und Psalm 104 besingt eine Welt, in der zahlreiche Tiere eigene Lebensräume besitzen.

Die Herrschaft von Genesis 1,28 sollte deshalb als reale asymmetrische Machtbeziehung verstanden werden, die innerhalb eines größeren biblischen Netzes von Geschöpflichkeit, Begrenzung und Fürsorge steht.

Herrschaft und die Nahrungsordnung von Genesis 1,29–30

Eine besonders wichtige Grenze jeder Interpretation ist die unmittelbare Fortsetzung. Direkt nach „herrscht über“ sagt Gott nicht: „Ich gebe euch die Tiere zur Nahrung.“ Stattdessen folgen Pflanzen und Baumfrüchte als menschliche Nahrung.

Auch den Tieren wird grüne Vegetation zugewiesen. Innerhalb des literarischen Idealbildes von Genesis 1 herrscht daher eine Nahrungssituation ohne ausdrücklich erzählte Tötung von Tieren.

Erst Genesis 9,3 wird nach der Sintflut tierische Nahrung ausdrücklich erlauben. Diese kanonische Entwicklung ist wichtig: Herrschaft und Fleischverzehr sind im ursprünglichen Schöpfungsauftrag nicht identisch.

Daraus folgt nicht automatisch eine unmittelbar für alle Zeiten formulierte vegetarische Gesetzgebung. Es folgt jedoch, dass eine Interpretation von Genesis 1,28 als ursprüngliche Tötungs- oder Ausbeutungsvollmacht textlich zu weit geht.

Genesis 2,15 als ergänzende Perspektive

Genesis 2,15 verwendet für den Garten andere Verben: עבד, „arbeiten, dienen, bearbeiten“, und שמר, „bewahren, hüten“. Diese Wörter sind keine Übersetzungen von כבשׁ und רדה, bilden aber innerhalb des kanonischen Gesamtbildes eine wichtige Ergänzung.

Genesis 1 betont menschliche Macht und Ausbreitung; Genesis 2 betont ortsgebundene Bearbeitung und Bewahrung. Zusammen erzeugen die beiden Schöpfungstraditionen ein komplexeres Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt, als es eine isolierte Lektüre eines einzelnen Verbs bieten würde.

Genesis 9 und die erneuerte Menschheit

Nach der Sintflut erhält Noahs Familie einen nahezu wörtlich wiederholten Fruchtbarkeitssegen. Dadurch erscheint Genesis 9 als eine Art erneuerte Schöpfung. Doch die Beziehung zur Tierwelt hat sich verändert: Furcht und Schrecken werden erwähnt, und Tiere dürfen nun zur Nahrung dienen.

Diese Veränderung zeigt, dass Genesis selbst zwischen idealer Ursprungsordnung und späterer geschichtlicher Welt unterscheidet. Der Herrschaftsauftrag bleibt, aber seine konkreten Rahmenbedingungen verändern sich.

Genesis 9 setzt zugleich Grenzen. Blut darf nicht gegessen werden, und menschliches Blut wird aufgrund des Bildes Gottes unter besonderen Schutz gestellt. Macht und Leben werden also auch nach der Flut nicht schrankenlos menschlicher Verfügung überlassen.

Psalm 8

Psalm 8 ist die wichtigste poetische innerbiblische Rezeption des Herrschaftsauftrags. Der Psalm beginnt nicht mit menschlicher Selbstüberhöhung, sondern mit der Majestät Gottes und der Größe des Himmels. Gerade angesichts dieser kosmischen Weite fragt der Beter erstaunt, was der Mensch überhaupt sei, dass Gott seiner gedenkt.

Erst danach folgt die Erhöhung: Der Mensch wird mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt und über Gottes Werke gesetzt. Schafe, Rinder, Tiere des Feldes, Vögel und Fische erscheinen unter seiner Herrschaft.

Psalm 8 verbindet daher Macht mit Staunen und Empfang. Der Mensch besitzt Herrschaft, weil Gott sie verleiht. Dieser Gedanke entspricht der Grundstruktur von Genesis 1,28 und verhindert eine Vorstellung autonomer menschlicher Welteigentümerschaft.

Literarische Funktion

Genesis 1,28 bildet den Übergang von der Schöpfung menschlicher Identität zur menschlichen Geschichte. In Vers 27 existiert die Menschheit; in Vers 28 erhält sie Zukunft und Aufgabe. Die Schöpfung des Menschen wäre erzählerisch unvollständig, wenn sie bei der bloßen Existenz des ersten Menschenpaares endete.

Der Vers verbindet biologischen, geographischen und politischen Horizont. Menschen sollen Nachkommen haben, sich über die Erde verbreiten und dort Herrschaft ausüben. So entsteht aus einem Schöpfungsakt eine potenzielle Weltgeschichte.

Gleichzeitig bereitet der Vers die folgenden Nahrungsbestimmungen vor. Die Herrschaftsordnung wird nicht isoliert, sondern unmittelbar in eine Ordnung materieller Versorgung eingebettet.

Subtext

Ein erster Subtext besteht darin, dass menschliche Zukunft Segen voraussetzt. Menschen sollen handeln, doch ihre Handlungsmöglichkeit wird zunächst von Gott eröffnet. Die Anthropologie von Genesis verbindet Auftrag mit Empfang.

Ein zweiter Subtext liegt in der gemeinsamen Adressierung der Menschheit. Der Text segnet „sie“ und spricht „zu ihnen“. Die in Vers 27 genannte männlich-weibliche Menschheit wird gemeinsam in die Zukunft geschickt.

Ein dritter Subtext besteht in der Verbindung von Sexualität und Geschichte. Geschlechtliche Differenz wird nicht als Selbstzweck erzählt, sondern eröffnet Generationenfolge und Weltbevölkerung.

Ein vierter Subtext liegt in der aktiven Natur des Menschseins. Menschen sollen die Welt nicht lediglich betrachten. Sie sollen sich vermehren, ausbreiten, Erde gestalten und Macht ausüben. Kultur ist damit nicht einfach Entfremdung von Schöpfung, sondern eine im Schöpfungsauftrag angelegte Möglichkeit.

Ein fünfter Subtext besteht in der Gefährlichkeit dieser Ermächtigung. Die verwendeten Verben sind stark. Eine mit technischer und sozialer Macht ausgestattete Menschheit besitzt die Fähigkeit, ihre Umwelt tiefgreifend zu verändern. Der Vers eröffnet damit zugleich die Möglichkeit verantwortlicher Gestaltung und zerstörerischen Missbrauchs.

Ein sechster Subtext liegt in der Abhängigkeit menschlicher Macht. Die Menschen, die herrschen sollen, sind selbst gerade geschaffen und gesegnet worden. Sie sind keine autonomen Götter.

Ein siebter Subtext besteht in der vorausgehenden Güte der Tiere. Herrschaft richtet sich auf Geschöpfe, die bereits eine eigene Beziehung zu Gott besitzen. Der Mensch erhält Macht über etwas, das nicht ursprünglich ihm gehört.

Ein achter Subtext liegt darin, dass die Erde nicht leerer Rohstoff ist. Schon vor dem Menschen besitzt sie Pflanzen, Tiere, Gewässer, Himmelsordnung und eigene Schöpfungsgüte. „Unterwerft sie“ bedeutet daher Herrschaft über eine bereits wertvolle Welt.

Ein neunter Subtext besteht in der Verbindung von königlicher Würde und Arbeit. Der Mensch ist Bild Gottes, soll aber die Erde füllen und unterwerfen. Königliche Repräsentation bedeutet aktive Weltgestaltung, nicht bloß statischen Ehrenstatus.

Ein zehnter Subtext liegt im Unterschied zwischen Segen und Besitz. Menschen werden gesegnet, aber die Erde wird nirgends als ihr absoluter Ursprungseigentumstitel beschrieben. Der Schöpfer bleibt derjenige, der sie hervorbringt und ordnet.

Ein elfter Subtext besteht in der Offenheit auf Generationen. Der Auftrag ist größer als die Lebensspanne einzelner Menschen. Er richtet sich an Menschheit als fortdauernde geschichtliche Gemeinschaft.

Ein zwölfter Subtext liegt in der späteren Ambivalenz von Kultur. Schon die Urgeschichte wird Stadtbau, Viehzucht, Musik und Metalltechnik erzählen, zugleich aber auch Gewalt, Hybris und Babel. Die in Genesis 1,28 eröffnete Kulturfähigkeit ist daher mächtig, aber nicht automatisch moralisch gut.

Ein dreizehnter Subtext besteht in der ethischen Spannung zwischen כבשׁ und Gottesbildlichkeit. Der Mensch soll bezwingen, ist aber Bild eines Gottes, dessen Schöpfungshandeln im Kapitel wiederholt Leben ermöglicht und als gut beurteilt. Macht wird damit an Repräsentation zurückgebunden.

Ein vierzehnter Subtext liegt im Verhältnis von Fülle und Grenze. „Füllt die Erde“ ist eine Zielaussage, keine ausdrückliche Forderung nach grenzenloser Vermehrung über jede ökologische Tragfähigkeit hinaus. Eine gefüllte Erde ist nicht dasselbe wie eine grenzenlos überfüllte Erde.

Ein fünfzehnter Subtext besteht schließlich darin, dass der erste an Menschen gerichtete Gotteszuspruch nicht mit Verbot beginnt. Er beginnt mit Segen, Leben, Fruchtbarkeit, Raum und Aufgabe. Das negative Gebot des Gartens erscheint erst später in Genesis 2.

Historische Einordnung

Genesis 1,1–2,4a wird in der historisch-kritischen Forschung überwiegend einer priesterlich geprägten Schöpfungstradition zugerechnet. Ihre genaue Entstehungsgeschichte ist umstritten; häufig wird die entscheidende literarische Ausprägung in exilischer oder früher nachexilischer Zeit gesucht. Für Genesis 1,28 ist besonders auffällig, wie eng menschliche Herrschaft mit der kosmischen Ordnung und der Gottesbildlichkeit verbunden wird.

In agrarischen Gesellschaften bedeutete die Beherrschung des Landes konkret die Sicherung von Nahrung, Bewässerung, Landwirtschaft, Tierhaltung, Siedlungsbau und Schutz vor gefährlichen Tieren. Die starken Verben des Verses müssen deshalb zunächst in einer Lebenswelt verstanden werden, in der menschliche Existenz ständig mit schwer kontrollierbaren Naturbedingungen konfrontiert war. „Die Erde unterwerfen“ klang für eine vormoderne Gesellschaft nicht primär nach industrieller Übermacht über einen weitgehend kontrollierten Planeten, sondern nach mühsamer Herstellung menschlich bewohnbarer Räume.

Diese historische Differenz ist für moderne ökologische Anwendung entscheidend. Eine technisierte Menschheit besitzt heute Eingriffsmöglichkeiten, die der antike Text nicht voraussetzt. Derselbe Herrschaftsbegriff kann deshalb unter veränderten Machtbedingungen neue ethische Grenzen erfordern.

Altorientalischer Hintergrund

Genesis 1,26–28 verwendet eine Sprache, die im weiteren altorientalischen Umfeld königliche Züge trägt. Könige konnten als Repräsentanten göttlicher Ordnung gelten und Herrschaft über Land, Menschen und Tiere beanspruchen. Die Verbindung von Bild Gottes und Herrschaft lässt sich deshalb als Übertragung königlicher Repräsentationssprache auf die Menschheit verstehen.

Genesis 1,28 konkretisiert diese königliche Funktion. Menschen sollen nicht nur Gottes Bild sein, sondern den terrestrischen Raum tatsächlich regieren und gestalten. Die königliche Metaphorik wird funktional.

Bemerkenswert bleibt, dass diese Stellung nicht ausdrücklich einer einzelnen Dynastie vorbehalten ist. Die Menschheit als männlich und weiblich geschaffene Gemeinschaft erhält den Auftrag. Der Text universalisiert damit eine sonst häufig exklusive Herrschaftsvorstellung.

Septuaginta

Die Septuaginta gibt Genesis 1,28 wieder:

καὶ ηὐλόγησεν αὐτοὺς ὁ θεὸς λέγων· Αὐξάνεσθε καὶ πληθύνεσθε καὶ πληρώσατε τὴν γῆν καὶ κατακυριεύσατε αὐτῆς καὶ ἄρχετε τῶν ἰχθύων τῆς θαλάσσης καὶ τῶν πετεινῶν τοῦ οὐρανοῦ καὶ πάντων τῶν κτηνῶν καὶ πάσης τῆς γῆς καὶ πάντων τῶν ἑρπετῶν τῶν ἑρπόντων ἐπὶ τῆς γῆς.

ηὐλόγησεν αὐτοὺς ὁ θεός bedeutet „Gott segnete sie“. Die Septuaginta bewahrt damit die enge Verbindung von Segnung und nachfolgender Ansprache.

Αὐξάνεσθε gibt „seid fruchtbar/wachst“ wieder; πληθύνεσθε bedeutet „mehrt euch“; πληρώσατε τὴν γῆν „füllt die Erde“. Die dreistufige Bewegung von Fruchtbarkeit über Vermehrung zur Füllung bleibt erhalten.

κατακυριεύσατε αὐτῆς gibt וְכִבְשֻׁהָ mit einem starken griechischen Herrschaftsverb wieder: „bringt sie unter eure Herrschaft, bemächtigt euch ihrer“. Die Septuaginta mildert die Unterwerfungssprache also nicht.

ἄρχετε bedeutet „herrscht, regiert“. Auch hier bleibt die politische Machtsemantik des hebräischen רדה erhalten.

Die Erweiterung der Septuaginta

Die griechische Fassung weist gegenüber dem masoretischen Text eine wichtige Erweiterung auf. Der masoretische Vers nennt nach „herrscht“ Fische, Vögel und jedes lebende Wesen, das sich auf der Erde bewegt. Die Septuaginta fügt dagegen ausdrücklich πάντων τῶν κτηνῶν, „alles Vieh“, und πάσης τῆς γῆς, „die ganze Erde“, hinzu und nennt danach die kriechenden Tiere.

Damit entspricht die griechische Liste weit stärker der Herrschaftsaufzählung aus Genesis 1,26. Die Septuaginta hat an dieser Stelle entweder eine abweichende hebräische Vorlage bewahrt oder eine harmonisierende Textgestalt, die Vers 28 an den unmittelbar vorausgehenden göttlichen Plan angleicht.

Für die Interpretation ist der Unterschied wichtig. Im masoretischen Text wird die Erde bereits direkt durch וְכִבְשֻׁהָ, „unterwerft sie“, erfasst und muss daher in der Tierherrschaftsliste nicht noch einmal genannt werden. Die Septuaginta wiederholt sie trotzdem.

Vulgata / Nova Vulgata

Die Nova Vulgata lautet:

Benedixitque illis Deus et ait illis Deus: “Crescite et multiplicamini et replete terram et subicite eam et dominamini piscibus maris et volatilibus caeli et universis animantibus, quae moventur super terram”.

Benedixitque illis Deus bedeutet „Und Gott segnete sie“. Crescite et multiplicamini gibt „seid fruchtbar/wachst und mehrt euch“ wieder; replete terram bedeutet „füllt die Erde“.

subicite eam ist eine starke Wiedergabe von וְכִבְשֻׁהָ: „unterwerft sie“. Das lateinische subicere bezeichnet Unterordnung beziehungsweise das Unterstellen unter Herrschaft.

dominimini beziehungsweise in der Nova-Vulgata-Form dominamini gehört zur Wortfamilie von dominus, „Herr“, und bewahrt die Herrschaftssemantik sehr deutlich. Die lateinische Übersetzung wurde dadurch für die westliche Vorstellung eines menschlichen dominium über die Schöpfung außerordentlich einflussreich.

universis animantibus, quae moventur super terram entspricht „allen Lebewesen, die sich auf der Erde bewegen“ und steht damit in diesem Punkt näher beim masoretischen Text als die erweiterte griechische Liste.

Luther 1912

Die Lutherbibel 1912 lautet:

Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.

Der von dieser Seite verwendete Haupttext modernisiert die älteren Imperativformen „mehret“, „füllet“, „machet“ und „herrschet“ zu „mehrt“, „füllt“, „macht“ und „herrscht“. Inhaltlich bleibt die Übersetzung eng an Luther 1912 orientiert.

„Machet sie euch untertan“ ist eine interpretierende, aber semantisch starke Wiedergabe von וְכִבְשֻׁהָ. Das zusätzliche „euch“ steht nicht als selbstständiges Pronomen im hebräischen Wortlaut, macht im Deutschen aber die Vorstellung der Unterordnung unter menschliche Verfügung deutlich.

„Herrschet“ gibt וּרְדוּ sehr direkt wieder. Luther vermeidet damit eine Abschwächung zur bloßen Verwaltung.

Die Form „über alles Getier, das auf Erden kriecht“ ist gegenüber dem masoretischen כָּל־חַיָּה הָרֹמֶשֶׂת etwas enger. „Über jedes lebende Wesen, das sich auf der Erde bewegt“ bildet den hebräischen Ausdruck umfassender ab.

Jüdische Rezeption

Genesis 1,28 besitzt in der jüdischen Tradition eine außerordentlich starke Wirkungsgeschichte. Die Formel פְּרוּ וּרְבוּ wurde zu einem Grundtext der Mizwa der Fortpflanzung, während וְכִבְשֻׁהָ und וּרְדוּ Fragen nach menschlicher Herrschaft, Geschlechterrollen und dem Verhältnis zur Natur aufwarfen.

Die jüdischen Kommentare zeigen dabei eine große Spannweite. Raschi verbindet die defektive Schreibung von וְכִבְשֻׁהָ mit einer rabbinisch-halachischen Geschlechterdeutung. Ramban entfaltet das Verb als umfassende menschliche Macht über Natur, Technik und Rohstoffe. Sforno versteht menschliche Unterwerfung stärker als eine durch Vernunft vermittelte Überlegenheit über gefährliche Tiere. Bereschit Rabbah verbindet Herrschaft mit moralischer Würdigkeit.

Raschi

Raschi konzentriert sich besonders auf וְכִבְשֻׁהָ. Das Wort ist im masoretischen Konsonantentext defektiv geschrieben, ohne ein erwartbares Waw innerhalb der Pluralform. Im Anschluss an Jevamot 65b liest Raschi diese Besonderheit homiletisch so, dass das Wort auch in Richtung eines singularischen „er soll sie unterwerfen“ gedeutet werden könne.

Daraus entwickelt die rabbinische Tradition eine geschlechterbezogene Auslegung, nach der der Mann in besonderer Weise zur Fortpflanzungsmizwa verpflichtet sei. Raschis Kommentar verbindet dies zusätzlich mit einer traditionellen Vorstellung männlicher Haushaltsautorität.

Für die philologische Analyse muss diese Deutung klar als Derasch beziehungsweise halachisch-homiletische Rezeption gekennzeichnet werden. Die vokalisierte Form des masoretischen Textes ist grammatisch ein pluralischer Imperativ mit femininem Singularobjekt. Auch die vorausgehenden und nachfolgenden Imperative stehen sämtlich im Plural.

Jevamot 65b und die Mizwa von פריה ורביה

Die Mischna beziehungsweise talmudische Diskussion in Jevamot 65b macht Genesis 1,28 zum zentralen Beleg einer Debatte darüber, wer zur Mizwa von פריה ורביה, Fruchtbarkeit und Vermehrung, verpflichtet ist.

Die Mehrheitsposition der überlieferten Mischna formuliert eine Verpflichtung des Mannes, nicht der Frau. Rabbi Jochanan ben Beroka widerspricht ausdrücklich und argumentiert gerade mit dem Plural des Verses: Von beiden heißt es, Gott habe „sie“ gesegnet und „zu ihnen“ gesagt: „Seid fruchtbar und mehrt euch.“

Die anschließende Gemara diskutiert unter anderem die defektive Schreibung von וְכִבְשֻׁהָ sowie Genesis 35,11. Die halachische Entwicklung zeigt eindrücklich, wie ein urgeschichtlicher Schöpfungssegen in spätere konkrete Rechtsdiskussion überführt wurde.

Methodisch muss dabei unterschieden werden: Die grammatische Oberfläche von Genesis 1,28 spricht pluralisch zu der in Vers 27 als männlich und weiblich geschaffenen Menschheit; die Frage, welche konkreten halachischen Verpflichtungen daraus für einzelne Personen folgen, gehört zur späteren rabbinischen Normbildung.

Ramban

Ramban versteht den einleitenden Segen als wirklichen göttlichen Segen und nicht bloß als neutrale Einleitung zu einem Befehl. Die Menschheit erhält eine von Gott verliehene Fähigkeit zur Fortpflanzung und zur Erfüllung ihrer Schöpfungsaufgabe.

Besonders ausführlich interpretiert Ramban וְכִבְשֻׁהָ. Gott verleihe Menschen „Kraft und Herrschaft“ über die Erde. Dazu gehören nach seinem Kommentar der Umgang mit Tieren und Kriechtieren, das Bauen, das Entfernen beziehungsweise Bearbeiten von Pflanzen und das Gewinnen von Metallen wie Kupfer aus den Bergen.

Rambans Auslegung ist deshalb ein bedeutendes vormodernes Beispiel für eine umfassende technologische Interpretation des Verses. Menschliche Herrschaft richtet sich nicht nur auf Tiere, sondern auf die stofflichen Möglichkeiten der Erde.

Seine Beschreibung ist normativ weit und setzt eine starke menschliche Verfügungsgewalt voraus. Moderne ökologische Begrenzungen sind nicht sein primärer Horizont. Gerade deshalb ist der Kommentar wichtig für die Wirkungsgeschichte der Vorstellung menschlicher Naturbeherrschung.

Sforno

Sforno deutet וְכִבְשֻׁהָ stärker über die besondere menschliche Vernunft. Der Mensch soll durch seinen Intellekt die Tierwelt kontrollieren und verhindern, dass gefährliche Tiere in seinen Lebensbereich eindringen. Menschliche Überlegenheit zeigt sich damit nicht primär durch körperliche Stärke, sondern durch planendes Denken.

וּרְדוּ verbindet Sforno mit praktischer Tierkontrolle, etwa durch Fallen, Netze und die Unterordnung von Tieren unter menschliche Nutzung. Auch seine Interpretation bewahrt also die reale Herrschaftssemantik, verbindet sie aber mit geistiger Überlegenheit und Technik.

Bereschit Rabbah

Bereschit Rabbah greift das in Genesis 1,26 und 1,28 verwendete Herrschaftsverb in einem bekannten Wortspiel auf. Wenn der Mensch seiner Bestimmung beziehungsweise dem „Bild und der Ähnlichkeit“ entspricht, wird er רודה, Herrschender; wenn nicht, wird er ירוד, erniedrigt beziehungsweise herabgesetzt.

Diese Deutung ist sprachlich midraschisch und nicht die Grundbedeutung des Verbs. Theologisch erzeugt sie jedoch eine bemerkenswerte Einschränkung menschlicher Überlegenheit: Herrschaft ist nicht einfach automatische moralische Legitimation. Wer seine Gottesbildbestimmung verfehlt, kann selbst unter die Herrschaft jener Kräfte geraten, über die er herrschen sollte.

Die rabbinische Rezeption verwandelt den Herrschaftsauftrag damit in eine ethische Prüfung menschlicher Würdigkeit.

Christliche Rezeption

In der christlichen Tradition wurde Genesis 1,28 besonders in drei großen Zusammenhängen gelesen: als Segen von Ehe und Fortpflanzung, als Grundlage menschlicher Herrschaft über die Schöpfung und als Teil der Imago-Dei-Anthropologie. Patristische Autoren verbanden den Vers häufig unmittelbar mit Genesis 1,27 und sahen in der Fruchtbarkeit der als männlich und weiblich geschaffenen Menschheit eine ursprünglich gute Schöpfungsordnung.

Daneben erhielt der Herrschaftsauftrag in der europäischen Theologie, Naturphilosophie und späteren Technikgeschichte große Bedeutung. In der Neuzeit wurde er sowohl als Legitimation aktiver Naturbeherrschung gelesen als auch zunehmend ethisch begrenzt und im Sinne verantwortlicher Verwaltung interpretiert.

Augustinus

Augustinus behandelt Genesis 1,28 an mehreren Stellen ausführlich. In Confessiones XIII fragt er, warum Gott ausgerechnet Fische, Vögel und Menschen ausdrücklich mit Fruchtbarkeit segne, während Pflanzen und Landtiere keine gleichlautende Segensformel erhalten. Seine Antwort entfaltet neben dem historischen Sinn auch eine allegorische geistliche Deutung.

Für die christliche Ehetheologie ist wichtiger, dass Augustinus den Fruchtbarkeitssegen ausdrücklich vor dem Sündenfall verortet. In De civitate Dei XIV argumentiert er gegen die Vorstellung, Fortpflanzung sei erst als Folge der Sünde entstanden. „Seid fruchtbar und mehrt euch“ ist für ihn ein ursprünglicher Segen der guten Schöpfung.

Damit verteidigt Augustinus sowohl die Geschlechterdifferenz als auch Ehe und Fortpflanzungsfähigkeit als Bestandteile der paradiesischen Ordnung. Die spätere ungeordnete Begierde unterscheidet er von der ursprünglichen guten Fähigkeit, Nachkommen hervorzubringen.

Diese augustinische Unterscheidung wurde für die westliche christliche Sexual- und Ehetheologie außerordentlich einflussreich.

Theophilus von Antiochien

Theophilus von Antiochien zitiert Genesis 1,26–28 im Zusammenhang seiner Darstellung der Schöpfung nahezu vollständig. Für ihn gehören Bild Gottes, männlich-weibliche Menschenschöpfung, Segen, Fruchtbarkeit und Herrschaft unmittelbar zusammen.

Seine frühe christliche Rezeption zeigt, dass der Vers bereits im 2. Jahrhundert nicht lediglich als biologische Fortpflanzungsaussage verstanden wurde, sondern als Teil einer umfassenden Anthropologie des von Gott eingesetzten Menschen.

Neuere christliche Rezeption

In der neueren christlichen Theologie wurde besonders die Frage nach der Reichweite des menschlichen Dominium neu bewertet. Der lateinische Begriff besitzt eine lange Geschichte als Bezeichnung von Herrschaft, Eigentum und Verfügungsgewalt. Genesis 1,28 spielte dabei als biblischer Bezugspunkt immer wieder eine Rolle.

Neuere kirchliche Umwelt- und Soziallehren betonen dagegen stärker, dass menschliche Herrschaft über die Welt eine an Gott zurückgebundene Verantwortung ist. Ein Beispiel bietet die katholische Enzyklika Evangelium vitae, die Genesis 1,28 ausdrücklich zitiert und menschliche Herrschaft als anvertraute Verantwortung beschreibt, die in Heiligkeit und Gerechtigkeit auszuüben sei.

Diese moderne Interpretation ist keine alternative Wörterbuchbedeutung von רדה. Sie ist eine ethische Systematisierung des Herrschaftsbegriffs innerhalb einer umfassenderen Schöpfungstheologie.

Ökologische Auslegung

Genesis 1,28 wurde in modernen Umweltdebatten zu einem besonders umstrittenen Text. Kritische Lesarten sehen in „unterwerft die Erde“ und „herrscht“ eine religiöse Legitimierung anthropozentrischer Naturausbeutung. Diese Kritik kann sich zu Recht darauf berufen, dass die hebräischen Verben starke Machtbegriffe sind.

Eine vollständig ausbeuterische Interpretation greift dennoch zu kurz, weil sie die literarische Umgebung ignoriert. Der Mensch ist nicht Schöpfer der Welt, sondern Geschöpf; die Tiere besitzen bereits eine eigene Schöpfungsgüte; die Erde gehört in der Genesis zunächst Gott; Menschen und Tiere erhalten im ursprünglichen Ideal pflanzliche Nahrung; und Genesis 2,15 ergänzt die Weltgestaltung um Bearbeitung und Bewahrung.

Eine sachlich präzise ökologische Auslegung muss daher zwei Extreme vermeiden. Sie sollte die starken Verben nicht in harmlose Pflegebegriffe umdeuten. Sie sollte aber ebenso wenig aus realer Herrschaft eine unbegrenzte Vernichtungsvollmacht ableiten. Der Text verleiht große Macht innerhalb einer von Gott begründeten Ordnung.

Unter heutigen Bedingungen bedeutet genau diese große Macht eine entsprechend große Verantwortung. Eine vormoderne Bevölkerung konnte globale Klimasysteme, Artenvielfalt und planetare Stoffkreisläufe nicht in derselben Weise verändern wie industrialisierte Gesellschaften. Die ethische Reichweite des Auftrags muss deshalb im Verhältnis zur tatsächlich gewachsenen menschlichen Macht neu durchdacht werden.

Theologische Interpretation

Genesis 1,28 verbindet erstens Segen und Auftrag. Gott verlangt nicht von der Menschheit, aus eigener Kraft eine ihr völlig fremde Aufgabe zu erfüllen. Er segnet sie zunächst und spricht dann die Imperative. Menschliche Wirksamkeit steht unter vorausgehender göttlicher Ermöglichung.

Zweitens ist Fruchtbarkeit eine positive Schöpfungsgabe. Die Generationenfolge gehört zur Welt vor dem Sündenfall und wird nicht als Folge menschlicher Schuld dargestellt. Menschliche Leiblichkeit und Fortpflanzungsfähigkeit sind Bestandteil der guten Schöpfung.

Drittens verbindet der Vers die in Genesis 1,27 genannte Geschlechterdifferenz unmittelbar mit gemeinsamem Segen. Der Text segnet „sie“ und spricht „zu ihnen“. Die Menschheitsbestimmung ist gemeinschaftlich.

Viertens besitzt פְּרוּ וּרְבוּ zugleich eine soziale Dimension. Kinder entstehen nicht bloß als biologische Produkte, sondern erweitern die menschliche Gemeinschaft über Generationen hinweg. Die Schöpfung wird zur Geschichte.

Fünftens zielt diese Geschichte auf die ganze Erde. Menschheit ist im Urbericht nicht auf einen einzelnen Stamm, eine Nation oder Region beschränkt. „Füllt die Erde“ besitzt einen universalistischen Horizont.

Sechstens wird der Mensch als kulturfähiges Wesen beschrieben. וְכִבְשֻׁהָ setzt voraus, dass Menschen ihre Umwelt aktiv verändern. Landwirtschaft, Technik und Siedlungsentwicklung stehen damit grundsätzlich nicht außerhalb menschlicher Schöpfungsbestimmung.

Siebtens ist diese Kulturfähigkeit mit erheblicher Macht verbunden. Das Verb כבשׁ ist nicht idyllisch. Menschen können Widerstände überwinden, Ressourcen verfügbar machen und natürliche Räume ihren Zwecken unterordnen.

Achtens liegt genau darin eine mögliche Gefährdung. Eine geschaffene Fähigkeit ist nicht automatisch in jeder ihrer Anwendungen moralisch gerechtfertigt. Die weitere biblische Geschichte zeigt wiederholt, dass Menschen gute Gaben missbrauchen können.

Neuntens besitzt auch רדה eine reale Machtbedeutung. Der Mensch ist innerhalb der sichtbaren Schöpfung nicht lediglich ein Tier unter anderen, sondern erhält eine besondere Herrschaftsrolle.

Zehntens wird diese Herrschaft durch die Imago Dei bestimmt. Genesis 1,26 stellt „Bild und Ähnlichkeit“ unmittelbar vor den Herrschaftsauftrag. Menschliche Herrschaft soll deshalb repräsentative und nicht autonome Herrschaft sein.

Elftens bedeutet Repräsentation, dass die Macht des Menschen nicht ursprünglich ihm selbst gehört. Ein königlicher Repräsentant handelt unter der Autorität eines höheren Herrschers. Die Erde bleibt Schöpfung Gottes.

Zwölftens begrenzt die bereits ausgesprochene Güte der Tiere menschliche Verfügungslogik. Der Mensch herrscht über Wesen, die nicht erst durch menschlichen Nutzen einen Wert erhalten.

Dreizehntens besitzt der Herrschaftsauftrag deshalb eine relationale Struktur. Mensch, Tier und Erde stehen nicht als isolierte Einheiten nebeneinander. Sie sind durch die gemeinsame Beziehung zum Schöpfer miteinander verbunden.

Vierzehntens kann aus dieser Struktur eine theologische Verantwortung abgeleitet werden. Wer über ein Geschöpf herrscht, dessen eigentlicher Schöpfer ein anderer ist, übt keine absolute Eigentümermacht aus.

Fünfzehntens darf Verantwortung dennoch nicht als falsche Übersetzung von Herrschaft verwendet werden. Verantwortung ist die ethische Konsequenz von Herrschaft unter Gott, nicht der lexikalische Ersatz für רדה.

Sechzehntens besitzt Genesis 1,28 eine starke Anthropozentrik: Der Mensch erhält innerhalb der terrestrischen Schöpfung eine einzigartige Machtstellung. Dies sollte nicht geleugnet werden.

Siebzehntens ist diese Anthropozentrik jedoch theozentrisch eingerahmt. Der Mensch steht im Zentrum einer bestimmten irdischen Verantwortungsstruktur, aber Gott bleibt Ursprung, Maß und Eigentümer der Welt.

Achtzehntens steht Herrschaft im ursprünglichen Schöpfungsbild neben einer nicht ausdrücklich gewaltsamen Nahrungsordnung. Menschen erhalten Pflanzen, nicht Tiere, zur Nahrung. Damit ist Herrschaft nicht von Anfang an synonym mit Töten.

Neunzehntens gewinnt der Unterschied zu Genesis 9 dadurch theologisches Gewicht. Nach der Sintflut wird tierische Nahrung erlaubt und das Verhältnis von Mensch und Tier von Furcht geprägt. Genesis selbst unterscheidet also mehrere Stufen menschlicher Tierbeziehung.

Zwanzigstens kann die ursprüngliche Ordnung deshalb als kritischer Maßstab für spätere Gewaltverhältnisse dienen. Sie zeigt zumindest, dass Gewalt gegen Tiere nicht notwendiger Bestandteil des ursprünglichen Herrschaftsbegriffs sein muss.

Einundzwanzigstens besitzt „füllt die Erde“ eine missionarisch klingende räumliche Dynamik, ist aber zunächst kein religiöser Missionsbefehl. Gemeint ist menschliche Besiedlung und Ausbreitung.

Zweiundzwanzigstens lässt sich der Vers deshalb nicht ohne Weiteres zur Rechtfertigung von Kolonialismus verwenden. Dass Menschheit die Erde füllen soll, sagt nichts darüber, dass ein bestimmtes Volk bereits bewohnte Gebiete anderer Menschen gewaltsam beanspruchen dürfe.

Dreiundzwanzigstens richtet sich die Herrschaftsliste des Verses auf nichtmenschliche Schöpfung. Genesis 1,28 sagt nicht, eine Menschengruppe solle über eine andere Menschengruppe herrschen.

Vierundzwanzigstens relativiert die universale Imago-Dei-Aussage aus Vers 27 vielmehr innerhumane Überlegenheitsansprüche. Die Menschen, denen Herrschaft über Tiere gegeben wird, besitzen untereinander denselben grundlegenden Schöpfungsstatus.

Fünfundzwanzigstens kann וְכִבְשֻׁהָ als Grundlage menschlicher Wissenschafts- und Technikfähigkeit verstanden werden, sofern damit die planvolle Erschließung der Natur gemeint ist. Diese Anwendung ist systematisch, nicht wörtlich im Vers ausformuliert.

Sechsundzwanzigstens muss technische Befähigung ethisch von technischer Grenzenlosigkeit unterschieden werden. Dass Menschen etwas können, beweist nicht, dass sie es unter allen Umständen tun sollen.

Siebenundzwanzigstens ergibt sich aus der gegenwärtig wesentlich größeren technischen Macht eine entsprechend größere Verantwortungsdichte. Herrschaft über globale Ökosysteme kann nicht mit denselben konkreten Folgen ausgeübt werden wie die Landbewirtschaftung einer kleinen antiken Bevölkerung.

Achtundzwanzigstens besitzt der Vers eine Theologie menschlicher Produktivität. Menschen sollen nicht bloß konsumieren, was vorhanden ist; sie sollen Lebensräume gestalten und neue kulturelle Möglichkeiten hervorbringen.

Neunundzwanzigstens steht diese Produktivität in Kontinuität mit der produktiven Erde aus Genesis 1,11 und 1,24. Die Erde bringt unter Gottes Wort Pflanzen und Tiere hervor; die Menschen erhalten anschließend Macht, dieselbe Erde weiter zu gestalten.

Dreißigstens wird die Menschheit dadurch zu einer geschöpflichen Mitgestalterin, nicht zu einer zweiten Schöpfergottheit. Die Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf bleibt bestehen.

Einunddreißigstens besitzt der Vers eine deutliche Generationenethik. Der Segen öffnet auf Nachkommen hin; die Aufgabe betrifft deshalb nicht nur das gegenwärtige Paar, sondern zukünftige Menschheit. Eine theologische Umweltethik kann daraus fragen, wie die Erde so gestaltet werden muss, dass nachfolgende Generationen ihren Lebensraum ebenfalls empfangen können.

Zweiunddreißigstens ist diese generationenethische Folgerung nicht als ausdrücklicher moderner Nachhaltigkeitsbegriff im Vers vorhanden. Sie ergibt sich systematisch aus dem Zusammenspiel von Fortpflanzungssegen, Erdraum und langfristiger Herrschaft.

Dreiunddreißigstens bleibt die menschliche Herrschaft von Gottes eigener Herrschaft unterschieden. Psalm 24 wird später erklären: „Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt.“ Ein menschlicher Herrschaftsauftrag hebt göttliches Eigentum nicht auf.

Vierunddreißigstens besitzt Genesis 1,28 damit eine doppelte Bewegung von Erhöhung und Begrenzung. Der Mensch wird über andere irdische Lebewesen erhoben und zugleich durch seine Geschöpflichkeit unter Gott gestellt.

Fünfunddreißigstens liegt die theologische Mitte des Verses deshalb nicht in schrankenloser Dominanz und ebenso wenig in völliger menschlicher Passivität. Sie liegt in einer gesegneten, weitreichenden, aber abgeleiteten Macht innerhalb einer Welt, deren Ursprung und letztgültiger Herr Gott bleibt.

Grenzen der Aussage

Genesis 1,28 sagt nicht, dass jede maximal mögliche Vermehrung der menschlichen Bevölkerung unter allen geschichtlichen Bedingungen geboten wäre. Die ursprüngliche Situation ist eine noch nicht von Menschen gefüllte Erde.

Der Vers beantwortet daher nicht allein moderne Fragen zu Familienplanung, Unfruchtbarkeit, Kinderlosigkeit, Bevölkerungsentwicklung oder reproduktiver Medizin. Die jüdische und christliche Tradition hat solche Fragen später wesentlich differenzierter behandelt.

פְּרוּ וּרְבוּ ist grammatisch pluralisch an die geschaffene Menschheit gerichtet. Die konkrete halachische Frage, welche Individuen rechtlich verpflichtet sind, gehört zur rabbinischen Rechtsauslegung und darf nicht mit der einfachen Grammatik verwechselt werden.

Raschis Auslegung der defektiven Schreibung von וְכִבְשֻׁהָ ist midraschisch-halachisch. Sie ändert nicht die masoretische Vokalisation als pluralischen Imperativ mit femininem Objektssuffix.

כבשׁ bedeutet nicht wörtlich „die Erde nachhaltig pflegen“. Eine solche Formulierung wäre eine moderne ethische Interpretation, keine genaue Übersetzung.

Umgekehrt bedeutet das starke „unterwerfen“ nicht automatisch „zerstören“. Unterwerfung bezeichnet Kontrolle und Verfügbarmachung; die moralische Art ihrer Ausübung muss aus dem Kontext und weiterführender Ethik bestimmt werden.

רדה bedeutet Herrschaft und darf nicht in „betreuen“ umübersetzt werden. Ebenso wenig folgt daraus, dass jede brutale Herrschaft moralisch legitim wäre. Andere biblische Texte kritisieren ausdrücklich harte Formen des Herrschens.

Der moderne Begriff „Stewardship“ beziehungsweise Verwalterschaft steht nicht in Genesis 1,28. Er kann eine theologische Synthese von abgeleiteter Herrschaft und Verantwortung ausdrücken, sollte aber nicht als wörtliche Übersetzung ausgegeben werden.

Der Vers legitimiert keine Herrschaft bestimmter Menschen über andere ethnische, soziale oder geschlechtliche Gruppen. Seine ausdrücklichen Herrschaftsobjekte sind Erde und nichtmenschliche Lebewesen.

Ebenso wenig begründet „füllt die Erde“ unmittelbar Kolonialismus oder die gewaltsame Aneignung bereits bewohnter Gebiete. Die Urgeschichte spricht von Menschheit als Ganzem.

Die Septuaginta besitzt in der Herrschaftsliste eine gegenüber dem masoretischen Text erweiterte Fassung. Beide Textformen sollten nicht unbemerkt miteinander vermischt werden.

Die Lutherbibel 1912 gibt den Vers in historischer deutscher Sprachgestalt wieder. Ihre Formulierungen sind für die Wirkungsgeschichte wichtig, stellen aber keine wortwörtliche Abbildung jeder hebräischen Konstruktion dar.

Rambans technologische Auslegung ist ein bedeutendes mittelalterliches Modell menschlicher Naturherrschaft. Sie ist nicht automatisch eine heutige ökologische Ethik.

Sfornos Betonung menschlicher Vernunft ist ebenfalls eine traditionelle Interpretation und keine vollständige lexikalische Definition von כבשׁ.

Augustins Ehe- und Fortpflanzungstheologie gehört zur christlichen Rezeptionsgeschichte. Der hebräische Vers selbst entwickelt keine ausgearbeitete Theorie von Ehe, Sexualtrieb und Sündenfall.

Moderne ökologische Auslegungen dürfen den Vers kritisch weiterdenken, sollten aber klar zwischen ursprünglicher Textbedeutung und gegenwärtiger ethischer Anwendung unterscheiden.

Gesamtinterpretation

Genesis 1,28 ist die erste direkte Ansprache Gottes an die geschaffene Menschheit und verbindet Segen, Fruchtbarkeit, räumliche Ausbreitung und Herrschaft zu einer einzigen Schöpfungsbestimmung.

Der Vers knüpft grammatisch unmittelbar an Genesis 1,27 an. Dort hatte Gott die Menschheit männlich und weiblich geschaffen und mit dem pluralischen אֹתָם, „sie“, bezeichnet. Nun „segnete er sie“ und „sprach zu ihnen“. Die geschaffene Mehrzahl ist gemeinsam Adressatin.

וַיְבָרֶךְ ist Piel Wayyiqtol von ברך, „segnen“. Die menschliche Aufgabe beginnt deshalb nicht mit Leistung, sondern mit göttlicher Zuwendung und Befähigung.

Die direkte Rede enthält fünf Imperative: פְּרוּ, seid fruchtbar; וּרְבוּ, mehrt euch; וּמִלְאוּ, füllt; וְכִבְשֻׁהָ, unterwerft sie; וּרְדוּ, herrscht.

Diese Folge bewegt sich von biologischer Fruchtbarkeit über demographisches Wachstum zur räumlichen Besiedlung und schließlich zu kultureller und politischer Herrschaft.

פְּרוּ וּרְבוּ verbindet Genesis 1,28 mit dem Tiersegen von Genesis 1,22. Mensch und Tier teilen damit die Grundgabe fruchtbaren Lebens.

Der Mensch unterscheidet sich nicht dadurch, dass nur er sich fortpflanzen kann, sondern durch die zusätzliche Gottesbild- und Herrschaftsbestimmung.

„Füllt die Erde“ öffnet die Menschenschöpfung auf Weltgeschichte. Das erste Menschenpaar ist nicht als endgültig abgeschlossene Menschheit gedacht. Generationen sollen folgen und den terrestrischen Lebensraum bewohnen.

Die Formulierung darf jedoch nicht in ein zeitloses Gebot unbegrenzten Bevölkerungswachstums umgewandelt werden. Ihr unmittelbarer narrativer Horizont ist eine noch ungefüllte Erde.

Mit וְכִבְשֻׁהָ beginnt die besonders kontroverse Herrschaftssprache. Die Wurzel כבשׁ ist stark und bezeichnet Unterwerfung beziehungsweise Bezwingung.

Die Erde soll menschlicher Gestaltungsmacht unterstellt werden. Darin liegt eine Grundlage für Landwirtschaft, Siedlungsbau, Rohstoffnutzung, Technik und Kultur.

Ramban hat diese Dimension ausdrücklich entfaltet: Menschen erhalten Macht zu bauen, Pflanzenbestände umzugestalten und Metalle aus Bergen zu gewinnen. Seine Auslegung macht die technologische Reichweite des Verses sichtbar.

Auch וּרְדוּ darf nicht abgeschwächt werden. רדה bedeutet reale Herrschaft und besitzt königliche Konnotationen.

Psalm 72 verwendet dieselbe Wurzel für königliche Regierung. Levitikus 25 und Hesekiel 34 zeigen zugleich, dass Herrschaft missbräuchlich „mit Härte“ ausgeübt werden kann. Das Verb selbst bezeichnet Macht; die Ethik entscheidet über ihre Gestalt.

Genesis 1,26 hat diese Herrschaft unmittelbar mit der Gottesbildlichkeit verbunden. Der Mensch herrscht nicht als unabhängiger Gott, sondern als Bild Gottes.

Daraus ergibt sich eine entscheidende Begrenzung: Repräsentative Herrschaft ist abgeleitete Herrschaft. Das Bild besitzt Autorität, weil es auf den eigentlichen Herrscher verweist.

Die Erde wird damit nicht zum absoluten Eigentum des Menschen. Menschen erhalten Verfügungsmacht innerhalb einer Welt, deren Schöpfer ein anderer ist.

Ebenso besitzen die Tiere bereits vor menschlicher Herrschaft einen eigenen geschöpflichen Wert. Wasserlebewesen und Vögel wurden gesegnet, Landtiere als gut beurteilt.

Die menschliche Herrschaft macht sie daher nicht erst wertvoll oder wertlos. Sie setzt eine bereits bestehende Schöpfungsbeziehung zwischen Gott und Tierwelt voraus.

Besonders wichtig sind Genesis 1,29–30. Unmittelbar nach dem Herrschaftsbefehl werden den Menschen Pflanzen und Baumfrüchte als Nahrung zugewiesen, den Tieren grüne Pflanzen.

Innerhalb des ursprünglichen Schöpfungsbildes bedeutet Tierherrschaft deshalb nicht automatisch die Erlaubnis, Tiere zur Nahrung zu töten. Diese Erlaubnis erscheint ausdrücklich erst in Genesis 9 nach der Sintflut.

Genesis 2,15 ergänzt die Herrschaftssprache mit עבד und שמר, Bearbeiten/Dienen und Bewahren/Hüten. Diese Verben sind nicht identisch mit „unterwerfen“ und „herrschen“, erweitern aber das kanonische Gesamtbild menschlicher Erdbeziehung.

Der masoretische Text nennt nach dem Herrschaftsverb Fische, Vögel und jedes lebende Wesen, das sich auf der Erde bewegt. Er sagt also nicht wörtlich nur „Gewürm“.

Die Septuaginta besitzt eine erweiterte Herrschaftsliste. Sie nennt zusätzlich ausdrücklich Vieh und die ganze Erde und gleicht Genesis 1,28 dadurch stärker an Genesis 1,26 an.

Auch die griechischen Verben sind stark. κατακυριεύσατε bezeichnet das Unter-die-Herrschaft-Bringen der Erde; ἄρχετε bedeutet herrschen beziehungsweise regieren.

Die Nova Vulgata formuliert subicite eam und dominamini. Die lateinische Tradition bewahrte damit die kräftige Herrschaftssprache und prägte die westliche Vorstellung des menschlichen dominium.

Die Lutherbibel 1912 gibt dieselbe Stärke mit „machet sie euch untertan“ und „herrschet“ wieder. Die hier verwendete Hauptfassung modernisiert die Verbformen zu „macht“ und „herrscht“, ohne ihre Semantik abzuschwächen.

In der jüdischen Tradition wurde פְּרוּ וּרְבוּ zu einem Grundtext der Fortpflanzungsmizwa. Jevamot 65b diskutiert ausdrücklich, ob diese Verpflichtung Männer allein oder Männer und Frauen betrifft.

Rabbi Jochanan ben Beroka argumentiert für die gemeinsame Verpflichtung mit dem Wortlaut des Verses selbst: Gott segnete „sie“ und sagte „zu ihnen“: Seid fruchtbar und mehrt euch.

Die Mehrheitsposition der rabbinischen Halacha entwickelte dagegen eine Verpflichtung des Mannes und zog dafür unter anderem die defektive Schreibung von וְכִבְשֻׁהָ heran.

Diese Diskussion ist Wirkungsgeschichte. Grammatisch bleiben die Imperative von Genesis 1,28 pluralisch.

Ramban versteht „unterwerft sie“ als umfassende menschliche Verfügungs- und Gestaltungsmacht über Tiere, Pflanzen, Boden und Rohstoffe.

Sforno betont stärker die menschliche Vernunft: Menschen unterwerfen die Erde und Tiere nicht primär durch körperliche Stärke, sondern durch Intelligenz, Planung, Werkzeuge und technische Überlegenheit.

Bereschit Rabbah verbindet die Herrschaft mit moralischer Würde. Wer dem Bild Gottes entspricht, herrscht; wer seine Bestimmung verfehlt, kann selbst herabsinken. Diese midraschische Interpretation verwandelt Macht in ethische Bewährungsprobe.

In der christlichen Tradition wurde Genesis 1,28 zu einem Grundtext der Ehe- und Fortpflanzungstheologie. Augustinus betont, dass der Fruchtbarkeitssegen vor dem Sündenfall ausgesprochen wird und deshalb zur ursprünglich guten Schöpfung gehört.

Für Augustinus sind Geschlechtlichkeit, Ehe und Fähigkeit zur Fortpflanzung nicht als solche Folgen der Sünde. Die Sünde verändert die menschliche Begierde, nicht die ursprüngliche Güte des Fruchtbarkeitssegens.

Die christliche Wirkungsgeschichte entwickelte zugleich eine weitreichende Lehre menschlicher Naturherrschaft. In neueren Umweltdebatten wurde diese Tradition zunehmend kritisch überprüft.

Eine historisch redliche ökologische Exegese sollte weder behaupten, Genesis 1,28 bedeute eigentlich nur „bewahrt die Natur“, noch behaupten, der Vers erlaube unbegrenzte Zerstörung.

Der hebräische Text verleiht starke menschliche Macht. Seine theologische Einbettung stellt diese Macht jedoch unter Gottes Schöpferherrschaft und in Beziehung zur vorausgehenden Güte anderer Geschöpfe.

Unter vormodernen Bedingungen bedeutete die Beherrschung der Erde häufig, überhaupt erst menschlich sichere Lebensräume gegen Hunger, Wildtiere, unberechenbare Gewässer und karge Böden herzustellen.

Unter modernen technischen Bedingungen kann dieselbe Menschheit globale Ökosysteme verändern. Dadurch verschiebt sich die praktische Verantwortung, auch wenn der antike Wortlaut derselbe bleibt.

Der Vers begründet deshalb weder ökologische Passivität noch technologische Grenzenlosigkeit. Er beschreibt den Menschen als mächtiges, fruchtbares, raumgestaltendes Geschöpf unter Gott.

Sein theologischer Kern liegt in der Verbindung von Segen und Macht: Die Menschheit erhält Leben, Zukunft, Erde und Herrschaft als Gabe und Aufgabe.

Diese Macht ist königlich, aber nicht göttlich; umfassend, aber nicht ursprünglich; schöpfungsgestaltend, aber selbst geschöpflich.

Genesis 1,28 ist damit einer der stärksten Texte biblischer Anthropologie: Der Mensch soll nicht aus der Welt fliehen, sondern sie bevölkern und gestalten. Gerade weil er so weitreichende Macht erhält, stellt sich aber die bleibende Frage, ob seine Herrschaft tatsächlich demjenigen entspricht, dessen Bild er nach Genesis 1,26–27 sein soll.