Aarskog-Syndrom
Das Aarskog-Syndrom, häufiger und genauer Aarskog-Scott-Syndrom, ist eine seltene angeborene Entwicklungsstörung, die durch eine charakteristische Kombination von Auffälligkeiten des Gesichts, des Skeletts, der Hände und Füße sowie des männlichen Genitales gekennzeichnet ist. Die molekular gesicherte Form wird durch pathogene Varianten im Gen FGD1 verursacht und X-chromosomal vererbt. In der medizinischen Fachsprache wird sie deshalb auch als FGD1-assoziierte faziogenitale Dysplasie, faziogenitale Dysplasie oder fazio-digito-genitales Syndrom bezeichnet. Typische Merkmale sind unter anderem Kleinwuchs, ein weiter Augenabstand, kurze und breite Hände, Fehlstellungen der Finger und bei männlichen Betroffenen ein sogenanntes Schalskrotum. Die Ausprägung ist jedoch erheblich variabel; nicht jede betroffene Person weist sämtliche Merkmale auf.
Lexikon
Das Aarskog-Syndrom gehört zur Gruppe der genetisch bedingten Dysmorphiesyndrome. Ein Dysmorphiesyndrom ist keine einzelne Fehlbildung, sondern eine wiederkehrende Kombination mehrerer körperlicher Entwicklungsmerkmale, die auf eine gemeinsame Entwicklungsursache zurückgeführt werden kann. Beim Aarskog-Scott-Syndrom betreffen die charakteristischen Veränderungen insbesondere das kraniofaziale Erscheinungsbild, Hände und Füße, Körperwachstum, Genitalentwicklung und teilweise weitere Organsysteme.
Die moderne genetische Bezeichnung FGD1-assoziierte faziogenitale Dysplasie ist insofern präziser als der historische Syndromname, als sie die molekulare Ursache unmittelbar bezeichnet. Das krankheitsverursachende Gen FGD1 liegt auf dem kurzen Arm des X-Chromosoms im Bereich Xp11.22. Pathogene Varianten dieses Gens beeinträchtigen die Funktion des FGD1-Proteins und dadurch wichtige zelluläre Signalwege während der embryonalen und postnatalen Entwicklung.
Die historische Bezeichnung Aarskog-Syndrom wurde zunächst aufgrund des klinischen Erscheinungsbildes verwendet, lange bevor das verantwortliche Gen bekannt war. Dadurch wurden in der älteren Literatur vermutlich auch Personen unter diesem Namen beschrieben, bei denen keine Veränderung von FGD1 vorlag und möglicherweise andere genetische Ursachen bestanden. Bei der heutigen molekulargenetischen Definition wird deshalb zwischen einem klinisch ähnlichen Phänotyp und der tatsächlich nachgewiesenen FGD1-assoziierten Erkrankung unterschieden.
Die Krankheit betrifft aufgrund ihrer X-chromosomalen Vererbung vor allem männliche Personen. Ein männlicher Mensch besitzt normalerweise nur ein X-Chromosom. Liegt darauf eine krankheitsverursachende Variante von FGD1 vor, gibt es keine zweite normale Genkopie auf einem weiteren X-Chromosom, welche die Funktion vollständig ausgleichen könnte. Deshalb zeigt sich die Erkrankung bei Männern im Allgemeinen deutlicher.
Frauen mit einer heterozygoten pathogenen FGD1-Variante besitzen dagegen ein zweites X-Chromosom mit einer normalerweise funktionierenden Genkopie. Viele heterozygote Frauen bleiben daher klinisch unauffällig oder weisen lediglich einzelne mildere Merkmale auf. Möglich sind beispielsweise Hypertelorismus, eine charakteristische Haarlinie, kurze oder breite Hände, leichte Fingerauffälligkeiten oder eine geringere Körpergröße.
Die unterschiedliche Ausprägung bei Frauen hängt unter anderem mit der X-Inaktivierung zusammen. In weiblichen Zellen wird früh während der Embryonalentwicklung jeweils eines der beiden X-Chromosomen weitgehend stillgelegt. Welche Genkopie in welchem Gewebe aktiv bleibt, kann variieren. Dadurch kann sich die klinische Ausprägung X-chromosomaler Erkrankungen bei heterozygoten Frauen erheblich unterscheiden.
Bei männlichen Betroffenen gehören charakteristische Gesichtsmerkmale zu den häufigsten Befunden. Typisch sind eine breite Stirn, ein sogenannter Witwenspitz beziehungsweise eine nach oben gerichtete frontale Haarlinie, ein großer Augenabstand, eine kurze Nase mit breiter Nasenwurzel und nach vorn gerichteten Nasenöffnungen sowie ein vergleichsweise breiter Mund.
Der große Abstand zwischen den Augen wird medizinisch als Hypertelorismus bezeichnet. Dabei handelt es sich nicht lediglich um den subjektiven Eindruck weit auseinanderstehender Augen, sondern um einen vergrößerten Abstand der knöchernen Augenhöhlen beziehungsweise bestimmter anatomischer Bezugspunkte.
Zusätzlich kann eine Ptosis, also ein Herabhängen des Oberlides, auftreten. Eine Ptosis kann rein kosmetisch auffallen, bei stärkerer Ausprägung jedoch auch die Sehachse beeinträchtigen und insbesondere bei Kindern die normale Sehentwicklung gefährden.
Weitere typische Gesichtszüge sind ein langes beziehungsweise auffälliges Philtrum, Veränderungen der Lippenform und charakteristisch verdickte Ohrläppchen. Das Gesicht kann im Kindesalter rundlich wirken und verändert sich teilweise mit zunehmendem Alter, sodass manche charakteristischen Merkmale bei Erwachsenen weniger auffällig erscheinen.
Ein weiteres wichtiges Merkmal ist der Kleinwuchs. Das Geburtsgewicht und die Geburtslänge können normal sein, bei einem Teil der Betroffenen beginnt die Wachstumsabweichung jedoch bereits vor der Geburt. Im Kindesalter weisen etwa vier Fünftel bis neun Zehntel der molekulargenetisch bestätigten männlichen Betroffenen eine geringere Körpergröße auf.
Die Wachstumskurve ist nicht bei allen Patienten gleich. Bei vielen Kindern ist die Wachstumsverlangsamung während Kindheit und früher Jugend besonders auffällig. Während der Pubertät beziehungsweise im späteren Jugendalter kann ein verstärktes Aufholwachstum auftreten, sodass der Unterschied zur durchschnittlichen Körpergröße im Erwachsenenalter geringer ausfällt.
Der Kleinwuchs ist daher weder obligat noch notwendigerweise extrem. Die Bezeichnung Kleinwuchssyndrom allein würde das Krankheitsbild unzureichend charakterisieren, weil die diagnostisch wichtige Kombination aus Gesicht, Extremitäten und Genitalmerkmalen entscheidender ist als die Körpergröße für sich genommen.
Besonders häufig sind Veränderungen der Hände. Mehr als neun Zehntel molekulargenetisch bestätigter männlicher Patienten weisen entsprechende Merkmale auf. Die Hände sind häufig kurz und breit, ebenso können die Finger verkürzt sein.
Die Verkürzung der Finger wird als Brachydaktylie bezeichnet. Häufig tritt zusätzlich eine Klinodaktylie auf, insbesondere des fünften Fingers. Dabei ist der Finger seitlich gekrümmt, weil einzelne Knochen beziehungsweise Wachstumszonen ungewöhnlich geformt sind.
Weitere mögliche Fingerveränderungen sind Camptodaktylien, also dauerhafte Beugestellungen einzelner Fingergelenke, und sogenannte Schwanenhalsdeformitäten. Dabei besteht eine charakteristische Kombination aus Überstreckung und Beugung verschiedener Fingergelenke.
Zwischen einzelnen Fingern kann eine leichte kutane Syndaktylie auftreten. Dabei sind nicht die Knochen miteinander verschmolzen, sondern die Hautfalten zwischen benachbarten Fingern reichen weiter nach vorne als üblich. Dieser Befund wird umgangssprachlich gelegentlich als partielle Schwimmhautbildung bezeichnet.
Die Gelenke können teilweise ungewöhnlich beweglich sein. Bereits Charles I. Scott hob 1971 eine ausgeprägte Gelenkhypermobilität bei den von ihm beschriebenen Patienten hervor. Besonders die Fingergelenke können überstreckbar sein; auch Knie- und andere Gelenke können betroffen sein.
Die Füße sind ebenfalls häufig kurz und breit. Eine häufige orthopädische Auffälligkeit ist der Metatarsus varus, eine nach innen gerichtete Fehlstellung des Vorfußes. Je nach Ausprägung kann sie lediglich klinisch auffallen oder eine orthopädische Behandlung erforderlich machen.
Weitere skelettale Befunde können ein Pectus excavatum, also eine Trichterbrust, eine Skoliose, Veränderungen einzelner Wirbel sowie unterschiedliche Entwicklungsvarianten der Knochen sein. Nicht jeder dieser Befunde gehört zum diagnostischen Kern; ihre Häufigkeit ist erheblich geringer als die der typischen Handmerkmale.
Ein besonders charakteristisches Merkmal männlicher Betroffener ist das sogenannte Schalskrotum. Der medizinische Begriff bezeichnet eine ungewöhnliche Anordnung der Skrotalhaut, bei der sich die Hautfalten seitlich und teilweise oberhalb um die Basis des Penis legen. Im Englischen wird der Befund als shawl scrotum bezeichnet, weil die Haut den Penis ähnlich einem Schal umgibt.
Das Schalskrotum ist diagnostisch besonders auffällig, aber auch dieser Befund fehlt bei einem Teil der Betroffenen. Zu den weiteren genitalen Auffälligkeiten gehört der Kryptorchismus, also das fehlende vollständige Herabsteigen eines oder beider Hoden in den Hodensack.
Seltener werden andere Veränderungen des Urogenitaltrakts beschrieben. Die Fertilität erwachsener Männer ist nicht grundsätzlich aufgehoben. Die Diagnose eines Aarskog-Scott-Syndroms bedeutet daher nicht automatisch eine spätere Unfruchtbarkeit.
Relativ häufig treten Leistenhernien auf. Dabei gelangen Gewebe beziehungsweise Bauchinhalt durch eine Schwachstelle in den Leistenkanal. Auch Nabelhernien können vorkommen. Klinisch relevante Hernien werden nach den üblichen chirurgischen Kriterien beurteilt und gegebenenfalls operativ behandelt.
Auch die Zahnentwicklung ist häufig betroffen. Möglich sind verzögerter Zahndurchbruch, eng stehende Zähne, Fehlstellungen des Gebisses, fehlende Zähne und ungewöhnliche Zahnformen. In der neueren molekular bestätigten Patientengruppe werden dentale Auffälligkeiten bei einem großen Teil der Betroffenen beschrieben.
Eine frühzeitige zahnmedizinische und gegebenenfalls kieferorthopädische Betreuung ist deshalb sinnvoll. Die Behandlung richtet sich nicht gegen das Syndrom als solches, sondern gegen die jeweils vorhandenen Zahn- und Kieferprobleme.
Augenärztliche Befunde sind ebenfalls häufig. Dazu gehören Hyperopie, also Weitsichtigkeit, Strabismus und Ptosis. Mehr als die Hälfte der molekulargenetisch bestätigten männlichen Patienten weist irgendeine ophthalmologische Auffälligkeit auf.
Die regelmäßige Beurteilung des Sehvermögens ist besonders im Kindesalter wichtig. Eine unbehandelte stärkere Fehlsichtigkeit, ein deutliches Schielen oder eine die Sehachse bedeckende Ptosis kann zu einer Amblyopie führen, bei der sich die Sehfähigkeit eines Auges während der kindlichen Entwicklung nicht normal ausbildet.
Die Neuroentwicklung ist variabel. Eine ältere vereinfachende Beschreibung, nach der Menschen mit Aarskog-Scott-Syndrom grundsätzlich eine normale intellektuelle Entwicklung hätten, ist ebenso ungenau wie die gegenteilige Annahme einer regelhaften geistigen Behinderung.
Nach neueren Untersuchungen treten Lernschwierigkeiten relativ häufig auf. Sprachentwicklungsverzögerungen werden bei einem Teil der Kinder beobachtet, ebenso Aufmerksamkeits- und Exekutivfunktionsprobleme. Eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung wurde bei einem Teil der Betroffenen beschrieben.
Eine eigentliche intellektuelle Behinderung ist deutlich seltener und in der Regel mild. Die individuelle Entwicklungsspanne ist breit. Deshalb sollte bei einem betroffenen Kind nicht allein aufgrund der Diagnose eine bestimmte schulische oder kognitive Entwicklung vorausgesetzt werden.
Entwicklungsdiagnostik sollte sich vielmehr am tatsächlichen Kind orientieren. Bei Sprach-, Lern-, Aufmerksamkeits- oder motorischen Schwierigkeiten können Frühförderung, Logopädie, Ergotherapie, schulische Unterstützung oder neuropsychologische Maßnahmen eingesetzt werden.
Neben den typischen Kernmerkmalen können seltenere angeborene Fehlbildungen auftreten. Dazu gehören insbesondere bestimmte Herzfehler, meist Septumdefekte, sowie in einzelnen Fällen andere kardiovaskuläre Veränderungen.
Auch Veränderungen des zentralen Nervensystems beziehungsweise des Gehirns sind beschrieben worden, gehören aber nicht zu den obligaten Merkmalen. In neueren molekular bestätigten Serien wurden unter anderem Veränderungen des Corpus callosum, der Hirnventrikel oder der kortikalen Faltung dokumentiert.
Eine Lippen- und/oder Gaumenspalte kann vorkommen, ist jedoch mit einer Häufigkeit von nur wenigen Prozent wesentlich seltener als die charakteristischen Gesichts-, Hand- und Genitalmerkmale. Ihr Fehlen spricht deshalb keineswegs gegen die Diagnose.
Die breite klinische Variabilität ist ein wesentliches Merkmal des Syndroms. Selbst Angehörige derselben Familie mit derselben krankheitsverursachenden Variante können unterschiedlich stark betroffen sein. Eine zuverlässig nutzbare einfache Beziehung zwischen einer bestimmten FGD1-Variante und einem exakt vorhersehbaren klinischen Verlauf ist bislang nicht bekannt.
Das Gen FGD1 kodiert das Protein FGD1, ausgeschrieben FYVE, RhoGEF and PH domain-containing protein 1. Dieses Protein gehört zu den Guaninnukleotid-Austauschfaktoren und reguliert insbesondere das kleine Signalprotein CDC42.
CDC42 gehört zur Familie der Rho-GTPasen. Diese Proteine wirken als molekulare Schalter und beeinflussen unter anderem das Zytoskelett, Zellform, Zellbewegung, Zellpolarität, Membranorganisation und verschiedene Entwicklungsvorgänge.
FGD1 aktiviert CDC42, indem es den Austausch von GDP gegen GTP fördert. Wird FGD1 durch eine pathogene Variante in seiner Funktion beeinträchtigt, verändert sich die reguläre CDC42-Signalübertragung. Dies beeinflusst insbesondere Entwicklungsprozesse in Knochen, Bindegewebe und anderen Geweben.
Die sichtbaren körperlichen Merkmale des Syndroms sind daher nicht als voneinander unabhängige Fehlbildungen zu verstehen. Sie entstehen aus einer gemeinsamen Störung zellulärer Entwicklungs- und Signalprozesse, die während verschiedener Phasen der Embryonalentwicklung und des späteren Wachstums wirksam sind.
Das FGD1-Gen wurde 1994 molekular als das für die klassische faziogenitale Dysplasie verantwortliche Gen identifiziert. Diese Entdeckung veränderte das Verständnis des zuvor ausschließlich klinisch definierten Syndroms grundlegend. Seither kann eine klinische Verdachtsdiagnose durch den Nachweis einer pathogenen beziehungsweise wahrscheinlich pathogenen FGD1-Variante molekulargenetisch bestätigt werden.
Nach dem heutigen Stand wird die Diagnose der FGD1-assoziierten faziogenitalen Dysplasie bei einem männlichen Patienten mit passenden klinischen Merkmalen durch den Nachweis einer hemizygoten pathogenen FGD1-Variante gestellt. Bei einer weiblichen Patientin wird entsprechend eine heterozygote pathogene Variante zusammen mit einem passenden klinischen Phänotyp berücksichtigt.
Eine Variante unklarer Signifikanz genügt dagegen nicht zum sicheren Nachweis der Erkrankung. Eine solche genetische Veränderung kann zum Zeitpunkt der Untersuchung weder zuverlässig als krankheitsverursachend noch als harmlos eingeordnet werden.
Für die genetische Untersuchung stehen verschiedene Verfahren zur Verfügung. Eine gezielte Sequenzanalyse des FGD1-Gens erkennt den überwiegenden Teil der bekannten krankheitsverursachenden Varianten. Ergänzend können Analysen auf größere Deletionen oder Duplikationen durchgeführt werden.
Wenn das klinische Erscheinungsbild nicht eindeutig ist, können auch Multigen-Panels, Exomsequenzierung oder Genomsequenzierung sinnvoll sein. Dies ist besonders deshalb relevant, weil mehrere genetische Syndrome ähnliche Kombinationen aus Kleinwuchs, charakteristischen Gesichtszügen und genitalen oder skelettalen Auffälligkeiten verursachen können.
Zu den wichtigen Differentialdiagnosen gehört das Noonan-Syndrom. Auch dort können Kleinwuchs, Ptosis, charakteristische Gesichtszüge und Kryptorchismus auftreten. Die zugrunde liegenden Gene und Entwicklungsmechanismen sind jedoch andere.
Weitere Differentialdiagnosen umfassen unter anderem das Robinow-Syndrom, das SHORT-Syndrom, bestimmte Formen des Pseudohypoparathyreoidismus sowie andere genetische Dysmorphiesyndrome.
Das sogenannte Aarskog-ähnliche Syndrom beziehungsweise autosomal-rezessive fazio-digito-genitale Syndrom muss ebenfalls unterschieden werden. Ein ähnliches äußeres Erscheinungsbild allein beweist deshalb nicht, dass tatsächlich eine FGD1-bedingte Erkrankung vorliegt.
Die klassische FGD1-assoziierte Erkrankung wird X-chromosomal vererbt. Ist eine Mutter heterozygot für eine pathogene FGD1-Variante, beträgt die Wahrscheinlichkeit ihrer Weitergabe bei jeder Schwangerschaft 50 Prozent. Ein Sohn, der die veränderte Genkopie erbt, ist typischerweise betroffen; eine Tochter, die sie erbt, ist heterozygot und kann asymptomatisch oder milder betroffen sein.
Ein betroffener Mann gibt sein X-Chromosom an sämtliche Töchter und sein Y-Chromosom an sämtliche Söhne weiter. Deshalb erhalten alle Töchter seine FGD1-Variante, während kein Sohn sie unmittelbar vom Vater erben kann. Eine direkte männlich-männliche Übertragung ist bei einer X-chromosomalen Erkrankung somit ausgeschlossen.
Nicht jedes betroffene Kind hat die Variante von einem Elternteil geerbt. Nach der aktuellen molekular bestätigten Datenlage entsteht bei ungefähr einem Zehntel der betroffenen Männer die krankheitsverursachende Variante de novo, also neu beim Betroffenen beziehungsweise in einer elterlichen Keimzelle.
Eine genetische Beratung kann Familien dabei unterstützen, einen molekulargenetischen Befund, das individuelle Wiederholungsrisiko und die Bedeutung für weitere Familienmitglieder zu verstehen. Dabei handelt es sich nicht um eine Vorgabe für persönliche Entscheidungen, sondern um die Vermittlung medizinisch-genetischer Informationen.
Ist die konkrete pathogene Variante einer Familie bekannt, kann grundsätzlich auch eine gezielte Untersuchung gefährdeter Familienmitglieder erfolgen. Ebenso sind technisch eine Pränataldiagnostik und eine genetische Untersuchung im Rahmen bestimmter reproduktionsmedizinischer Verfahren möglich.
Die Häufigkeit des Aarskog-Scott-Syndroms ist nicht zuverlässig bestimmt. Ältere Schätzungen nennen Größenordnungen um einen Betroffenen auf einige Zehntausend Menschen; diese Werte sind jedoch mit erheblicher Unsicherheit verbunden. Mild ausgeprägte Fälle können unerkannt bleiben, während ältere klinische Diagnosen nicht immer molekulargenetisch bestätigt wurden.
Nach dem Stand von 2026 sind weniger als 200 Personen mit einer publizierten pathogenen FGD1-Variante beschrieben worden. Diese Zahl entspricht jedoch nicht der tatsächlichen weltweiten Zahl der Betroffenen. Nicht jede diagnostizierte Person wird wissenschaftlich publiziert, und der Zugang zu genetischer Diagnostik ist international sehr unterschiedlich.
Eine ursächliche Therapie, die die FGD1-Variante in allen betroffenen Zellen korrigiert, steht gegenwärtig nicht zur Verfügung. Die medizinische Betreuung ist deshalb symptomorientiert und richtet sich nach den tatsächlich vorhandenen Merkmalen.
Das Wachstum wird während Kindheit und Jugend regelmäßig kontrolliert. Eine Behandlung mit Wachstumshormon ist nicht automatisch bei jedem Kind mit Aarskog-Scott-Syndrom angezeigt. Sie kann insbesondere bei nachgewiesenem Wachstumshormonmangel oder bestimmten Formen einer anhaltenden Wachstumsstörung erwogen werden.
Orthopädische Maßnahmen richten sich beispielsweise gegen relevante Fingerkontrakturen, Fußfehlstellungen oder andere funktionell bedeutsame Skelettveränderungen. Leichte anatomische Varianten benötigen dagegen nicht zwingend eine Behandlung.
Ein Kryptorchismus wird nach den allgemeinen kinderurologischen beziehungsweise kinderchirurgischen Standards behandelt. Eine rechtzeitige Beurteilung ist wichtig, weil ein dauerhaft nicht abgestiegener Hoden unabhängig vom Aarskog-Scott-Syndrom mit späteren gesundheitlichen Risiken verbunden ist.
Leisten- oder Nabelhernien werden chirurgisch beurteilt und bei entsprechender Indikation korrigiert. Zahn- und Kieferfehlstellungen werden zahnärztlich beziehungsweise kieferorthopädisch behandelt.
Bei einer Ptosis, die die Sehachse beeinträchtigt, kann eine operative Korrektur erforderlich sein. Fehlsichtigkeit und Strabismus werden nach den üblichen augenärztlichen Verfahren behandelt. Im Kindes- und Jugendalter sind regelmäßige augenärztliche Untersuchungen sinnvoll.
Für Kinder mit Entwicklungs-, Sprach- oder Lernschwierigkeiten ist eine möglichst frühe individuelle Förderung wichtig. Je nach Befund können Logopädie, Ergotherapie, pädagogische Unterstützung und eine Behandlung von Aufmerksamkeitsproblemen eingesetzt werden.
Bei bekannten Herzfehlbildungen erfolgt eine kardiologische Betreuung. Eine systematische medizinische Beurteilung nach Diagnosestellung dient deshalb nicht nur der Bestätigung äußerlich sichtbarer Merkmale, sondern auch dem Erkennen seltenerer Organbeteiligungen.
Die Prognose hängt im Allgemeinen weniger von der Diagnose selbst als von den individuell vorhandenen Begleiterkrankungen ab. Viele Menschen mit FGD1-assoziiertem Aarskog-Scott-Syndrom erreichen das Erwachsenenalter ohne schwerwiegende organische Einschränkungen.
Die Lebenserwartung ist bei einem unkomplizierten Verlauf nicht grundsätzlich verkürzt. Seltener auftretende schwere Herzfehler oder andere relevante Fehlbildungen können die medizinische Situation jedoch wesentlich beeinflussen und müssen individuell beurteilt werden.
Das Syndrom darf daher nicht anhand einzelner auffälliger Merkmale stereotypisiert werden. Zwei Menschen mit derselben molekulargenetischen Diagnose können sich hinsichtlich Körpergröße, Lernentwicklung, Gesichtszügen, Handbefunden und Begleitfehlbildungen deutlich unterscheiden.
Auch die historischen Beschreibungen müssen im Licht moderner Genetik gelesen werden. Dagfinn Aarskog beschrieb 1970 sieben männliche Mitglieder einer Familie mit Kleinwuchs, charakteristischen Gesichtszügen und genitalen Auffälligkeiten. Er erkannte bereits anhand des Stammbaums, dass eine X-chromosomale Vererbung wahrscheinlich war.
Nur wenige Monate später veröffentlichte der amerikanische Arzt Charles I. Scott 1971 eine unabhängige Beschreibung von drei Brüdern mit sehr ähnlichen Merkmalen. Scott hob zusätzlich die Gelenküberbeweglichkeit, kurzen Finger, Fußveränderungen und die charakteristische penoskrotale Anatomie hervor.
Aufgrund dieser beiden unabhängig voneinander entstandenen Beschreibungen wurde die Erkrankung später als Aarskog-Scott-Syndrom bezeichnet. Die verkürzte Form Aarskog-Syndrom blieb jedoch weit verbreitet.
Weitere historische Bezeichnungen sind faziogenitale Dysplasie, englisch faciogenital dysplasia, und fazio-digito-genitales Syndrom. Diese beschreibenden Namen beziehen sich unmittelbar auf die drei besonders charakteristischen anatomischen Bereiche: Gesicht, Finger beziehungsweise Extremitäten und Genitalien.
Das Wort Dysplasie bezeichnet in der Medizin eine von der normalen Entwicklung abweichende Ausbildung eines Gewebes, Organs oder Körperbereiches. Bei der faziogenitalen Dysplasie handelt es sich nicht um eine einzelne lokale Dysplasie, sondern um eine genetisch bedingte Entwicklungsstörung mehrerer Körperregionen.
Der Name darf nicht mit dem FG-Syndrom verwechselt werden. Obwohl das Aarskog-Scott-Syndrom historisch auch mit der Abkürzung FGD für faciogenital dysplasia bezeichnet wurde, ist das FG-Syndrom eine eigenständige genetische Erkrankung, die unter anderem mit Varianten des Gens MED12 verbunden sein kann.
Ebenso wenig bedeutet die Bezeichnung FGD1, dass es sich um die „erste Form“ einer beliebig nummerierten klinischen Krankheit handelt. FGD1 ist der offizielle Name eines bestimmten Gens und seines Proteins und leitet sich historisch aus der Bezeichnung faciogenital dysplasia ab.
Lexikographisch ist das Lemma als das Aarskog-Syndrom zu behandeln. Das grammatische Genus richtet sich nach dem Grundwort Syndrom, das im Deutschen Neutrum ist. Entsprechend lauten die Formen „das Aarskog-Syndrom“, „des Aarskog-Syndroms“, „beim Aarskog-Syndrom“ und „mit einem Aarskog-Syndrom“.
Die vollständige Doppelbezeichnung wird mit Bindestrichen als Aarskog-Scott-Syndrom geschrieben. Da zwei Personennamen gemeinsam das erste Glied einer deutschen Zusammensetzung bilden, verbindet die Orthografie Aarskog, Scott und Syndrom durch Bindestriche.
Medizinisch sollte die Bezeichnung heute nach Möglichkeit mit der genetischen Präzisierung verbunden werden. Wenn eine pathogene FGD1-Variante nachgewiesen ist, bezeichnet FGD1-assoziierte faziogenitale Dysplasie die molekulare Diagnose eindeutig. Bei einem lediglich ähnlichen klinischen Erscheinungsbild ohne molekulare Bestätigung muss dagegen eine breitere differentialdiagnostische Abklärung berücksichtigt werden.
Etymologie
Der Name Aarskog-Syndrom ist ein medizinisches Eponym. Das Bestimmungswort Aarskog bezeichnet nicht ein Krankheitsmerkmal, ein Organ oder einen biologischen Mechanismus, sondern den norwegischen Kinderarzt und Humangenetiker Dagfinn Aarskog, der das Krankheitsbild 1970 erstmals als eigenständiges erbliches Syndrom beschrieb.
Dagfinn Aarskog wurde 1928 in Ålesund in Norwegen geboren und wirkte später als Professor für Pädiatrie an der Universität Bergen sowie als Leiter der Kinderklinik des Haukeland-Krankenhauses. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehörten Wachstumsstörungen, Endokrinologie, Zytogenetik und medizinische Genetik.
Seine Erstbeschreibung erschien 1970 unter dem Titel A familial syndrome of short stature associated with facial dysplasia and genital anomalies. Bereits diese Formulierung enthält die drei klinischen Elemente, die den Namen des Krankheitsbildes lange bestimmten: familiärer Kleinwuchs, Gesichtsdysmorphie und Genitalanomalien.
Aarskog untersuchte sieben männliche Angehörige derselben Familie. Die familiäre Verteilung ließ ihn eine wahrscheinlich X-chromosomal-rezessive Vererbung vermuten. Diese klinische Schlussfolgerung wurde Jahrzehnte später durch die Identifizierung des verantwortlichen X-chromosomalen Gens FGD1 grundsätzlich bestätigt.
1971 beschrieb Charles I. Scott unabhängig davon drei Brüder mit einem nahezu gleichen Fehlbildungsmuster. Seine Publikation trug den Titel Unusual facies, joint hypermobility, genital anomaly and short stature: a new dysmorphic syndrome.
Scott betonte neben Kleinwuchs und charakteristischen Gesichtszügen insbesondere Gelenkhypermobilität, kurze Finger, Fußveränderungen und eine charakteristische penoskrotale Fehlbildung. Wegen der weitgehenden Übereinstimmung mit Aarskogs Beschreibung erkannte man, dass beide Autoren dasselbe Syndrom beschrieben hatten.
Daraus entstand die Doppelbezeichnung Aarskog-Scott-Syndrom. Medizinische Doppel-Eponyme dieser Art würdigen zwei voneinander unabhängige beziehungsweise für die Erstbeschreibung besonders wichtige Forscher.
Die kürzere Bezeichnung Aarskog-Syndrom bleibt dennoch gebräuchlich. Beide Formen bezeichnen im heutigen medizinischen Sprachgebrauch dasselbe Krankheitsbild, sofern nicht ausdrücklich zwischen einer historischen klinischen Diagnose und der molekulargenetisch gesicherten FGD1-assoziierten Form unterschieden wird.
Der zweite Bestandteil Syndrom geht über lateinisch syndroma auf griechisch syndromḗ zurück. Das griechische Wort bezeichnete ursprünglich ein „Zusammenlaufen“ oder „Zusammentreffen“ und ist aus syn- „zusammen“ und einem zur Wortfamilie von drómos „Lauf“ gehörenden Element gebildet.
In der medizinischen Terminologie bezeichnet Syndrom eine charakteristische Kombination von Zeichen, Symptomen oder Befunden, die wiederholt gemeinsam auftreten und dadurch als zusammengehöriges Krankheitsbild erkannt werden können.
Historisch war dieser Ausdruck für das Aarskog-Scott-Syndrom besonders passend, weil seine Ursache 1970 noch unbekannt war. Die Ärzte erkannten zunächst die wiederkehrende Kombination aus Kleinwuchs, Gesichtsmerkmalen, Hand- und Genitalveränderungen. Erst später konnte aus dem klinisch beschriebenen Syndrom eine molekulargenetisch definierte Erkrankung werden.
Der beschreibende Ausdruck faziogenitale Dysplasie setzt sich aus fazio- beziehungsweise lateinisch facies „Gesicht“, genital und Dysplasie zusammen. Er bedeutet sinngemäß eine Entwicklungsstörung, die besonders Gesicht und Genitalbereich betrifft.
Die erweiterte Bezeichnung fazio-digito-genitales Syndrom nimmt zusätzlich lateinisch digitus „Finger, Zehe“ auf. Damit werden die typischen Veränderungen der Hände und Finger ausdrücklich in die Benennung einbezogen.
Auch der Genname FGD1 ist historisch mit dieser Krankheitsbezeichnung verbunden. Die Buchstaben FGD gehen auf englisch faciogenital dysplasia zurück. Das 1994 identifizierte Gen erhielt entsprechend den Namen FGD1; seine heutige ausgeschriebene Proteinbezeichnung lautet FYVE, RhoGEF and PH domain-containing protein 1.
Die begriffliche Entwicklung lässt sich daher in mehreren Stufen verfolgen. Zunächst bestand 1970 die klinische Beschreibung eines neuartigen familiären Fehlbildungssyndroms. Danach etablierten sich die Eponyme Aarskog-Syndrom und Aarskog-Scott-Syndrom sowie die beschreibende Bezeichnung faziogenitale Dysplasie. 1994 wurde schließlich FGD1 als verantwortliches Gen identifiziert.
Die moderne Bezeichnung FGD1-assoziierte faziogenitale Dysplasie verbindet damit die morphologische Beschreibung mit der molekularen Ursache. Sie vermeidet zugleich ein grundsätzliches Problem medizinischer Eponyme: Aus einem Namen wie Aarskog-Scott lässt sich weder erkennen, welche Organsysteme betroffen sind, noch welcher biologische Mechanismus zugrunde liegt.
Der Personenname Aarskog ist im Krankheitsnamen ausschließlich als Familienname Dagfinn Aarskogs zu verstehen. Für die medizinische Etymologie ist eine weitere Zerlegung des norwegischen Familiennamens nicht erforderlich; der Krankheitsname entstand unmittelbar aus dem Namen des Erstbeschreibers.
Insbesondere besteht kein etymologischer Zusammenhang zwischen Aarskog und dem deutschen Substantiv Aar „Adler“, der schweizerischen Aare, dem Aargau oder geographischen Namen wie Aarwangen. Die Übereinstimmung der Anfangsbuchstaben ist für die Wortgeschichte des medizinischen Fachbegriffs bedeutungslos.
Ebenso besteht keine Verbindung mit dem skandinavischen Familiennamen Aall oder mit Eigennamen wie Jakob Aall. Aarskog-Syndrom ist ein unmittelbar nach einem bestimmten Mediziner gebildetes Eponym.
Der Bestandteil Scott der vollständigen Bezeichnung verweist entsprechend auf Charles I. Scott. Auch hier bezeichnet der Familienname keine medizinische Eigenschaft. Die Form Aarskog-Scott-Syndrom ist damit semantisch als „nach Aarskog und Scott benanntes Syndrom“ zu verstehen.
Die Etymologie des Lemmas lässt sich somit präzise zusammenfassen: Aarskog-Syndrom ist ein medizinisches Eponym nach dem norwegischen Pädiater und Humangenetiker Dagfinn Aarskog, der das Krankheitsbild 1970 beschrieb. Die vollständige Form Aarskog-Scott-Syndrom berücksichtigt zusätzlich die unabhängige Beschreibung durch Charles I. Scott im Jahr 1971. Das Grundwort Syndrom bezeichnet die charakteristische Verbindung mehrerer gemeinsam auftretender klinischer Merkmale.