Aar

Lexikon

Die Aar gehört zu den kleineren, landschaftlich jedoch deutlich wirksamen Fließgewässern des Waldecker Landes. Ihr Einzugsgebiet umfasst rund 37,4 Quadratkilometer. Damit sammelt sie das Wasser eines wesentlich größeren Gebietes, als die geringe Breite des eigentlichen Bachbettes vermuten lässt. Zahlreiche Hänge, Waldflächen, Wiesen und landwirtschaftlich genutzte Flächen entwässern mittelbar oder unmittelbar zu ihr. Ihre Bedeutung erschließt sich deshalb weniger aus ihrer Länge als aus ihrer Funktion innerhalb des regionalen Gewässernetzes: Sie bündelt den Abfluss aus dem Raum westlich und südwestlich von Bad Arolsen und führt ihn der Twiste zu.

Das Quellgebiet liegt im Waldecker Wald westlich von Mengeringhausen, zwischen dem Raum Frederinghausen, der Massenhauser Höhe und den westlichen Ausläufern des Bad Arolser Stadtgebietes. Für den Oberlauf begegnet der Name Glockenbrunnen. Die amtlich orientierte hessische Gewässerdarstellung fasst diesen Quelllauf mit dem anschließenden Gewässer zu einem insgesamt 13,9 Kilometer langen System zusammen und bezeichnet den Bach nach Aufnahme der Thiele als Aar. Andere lokale Darstellungen behandeln Glockenbrunnen und Aar stärker als getrennte Gewässerabschnitte beziehungsweise sprechen davon, dass der Glockenbrunnen in die Aar münde. Die unterschiedliche Namensverwendung betrifft vor allem die hydrographische Bezeichnung des Oberlaufes; für den Unter- und Mittellauf ist Aar eindeutig etabliert.

Der Glockenbrunnen beziehungsweise obere Aar-Lauf entsteht in einem von Wald und Waldwiesen geprägten Gebiet. Mehrere kleine Quell- und Seitenrinnen führen ihm Wasser zu. Solche Oberläufe sind für Mittelgebirgsbäche charakteristisch: Der Abfluss setzt sich zunächst aus zahlreichen schwachen Quellgerinnen zusammen, die sich erst allmählich zu einem dauerhaft erkennbaren Bachlauf vereinigen. Die Wasserführung kann hier deutlich stärker auf Niederschläge reagieren als in größeren Flüssen, weil das Einzugsgebiet klein ist und Niederschlagswasser vergleichsweise rasch in das Gerinne gelangt.

Auf seinem Weg nach Osten erreicht der Bach Mengeringhausen, einen heutigen Stadtteil von Bad Arolsen. Innerhalb der Ortslage ist der natürliche Verlauf durch die Siedlungs- und Verkehrsentwicklung teilweise verändert worden. Abschnitte wurden technisch gefasst oder verrohrt; Straßen und die Bahnstrecke queren den Gewässerlauf. Gerade an solchen Stellen wird sichtbar, wie stark kleine Fließgewässer in besiedelten Räumen durch Wasserbau, Verkehrswege und Grundstücksnutzung überformt werden können.

Unterhalb von Mengeringhausen erreicht die Aar einen stärker von Wiesenflächen bestimmten Talraum. Zu ihren wichtigsten Zuflüssen gehört die von Nordwesten kommende Thiele. Sie ist selbst mehrere Kilometer lang und erweitert das Einzugsgebiet der Aar beträchtlich. In der hessischen Gewässerdarstellung markiert die Aufnahme der Thiele zugleich den Punkt, ab dem die Bezeichnung Aar eindeutig für den Hauptlauf verwendet wird. Diese Verbindung von Gewässerhierarchie und Namengebrauch ist ein typisches Problem der Hydronymie: Der physisch längste Quellast und der historisch namensgebende Hauptlauf müssen nicht in jeder Überlieferungs- oder Kartierungstradition identisch bestimmt worden sein.

Anschließend beschreibt die Aar einen gekrümmten Lauf südlich beziehungsweise südöstlich der Kernstadt Bad Arolsen. Die Stadt selbst liegt nicht unmittelbar auf dem Talboden des Flusses, ist jedoch landschaftlich eng mit dessen Einzugsgebiet verbunden. Die Aar bildet zusammen mit ihren Zuflüssen einen Teil des natürlichen Entwässerungssystems, das die Höhen und Senken um die Stadt gliedert. Der Fluss wird dabei von bewaldeten Hängen, Grünland und stärker anthropogen geprägten Bereichen begleitet.

Ein weiterer bedeutender Zufluss ist die Bicke, die auch unter der Form Biek bekannt ist. Wie die Thiele erreicht sie die Aar von links. Durch diese Zuflüsse nimmt die Wasserführung des Hauptgewässers zum Unterlauf hin merklich zu. Hydrologisch zeigt sich darin das für verzweigte Flusssysteme typische Prinzip: Kleine Quellgerinne vereinigen sich zu Bächen, diese nehmen weitere Seitengewässer auf und bilden schrittweise ein immer größeres Abflussnetz.

Die Aar fließt danach in Richtung Wetterburg. Der Ort liegt in einer bemerkenswerten topographischen Situation zwischen Aar und Twiste. Auch die historische Wetterburg wurde auf einem Geländesporn zwischen beiden Gewässern angelegt. Die Landschaftsform hatte damit unmittelbare Bedeutung für die mittelalterliche Befestigungstopographie: Flüsse und steilere Talhänge konnten die Zugänglichkeit einer Burg begrenzen und damit ihre natürliche Schutzlage verstärken. Die Verbindung zwischen Gewässer und Siedlungsgeschichte ist in Wetterburg deshalb besonders deutlich erkennbar.

Nördlich beziehungsweise nordöstlich von Wetterburg nähert sich die Aar der Twiste. Ihre Mündung liegt etwa 1,2 Kilometer unterhalb der Twistetalsperre. Die Twiste hat dort den Twistesee bereits verlassen. Die Aar fließt ihr aus westlicher Richtung zu und vergrößert damit den Abfluss der Twiste auf deren weiterem Weg nach Norden und Osten. Über die Twiste erreicht das Wasser später die Diemel, die ihrerseits ein linker Nebenfluss der Weser ist.

Der hydrologische Abflussweg lautet somit Aar – Twiste – Diemel – Weser – Nordsee. Dadurch gehört die Aar zum großen Weser-Einzugsgebiet und nicht, wie die gleichnamigen Flüsse zur Dill und zur Lahn, zum Rhein-Einzugsgebiet. Diese Unterscheidung ist geographisch besonders wichtig. Die drei hessischen beziehungsweise hessisch-rheinland-pfälzischen Gewässer namens Aar liegen zwar nicht extrem weit voneinander entfernt, gehören aber teilweise verschiedenen übergeordneten Flusssystemen an.

Die Aar zur Twiste ist deshalb von der Aar zur Dill und der Aar zur Lahn streng zu unterscheiden. Die Aar zur Dill entwässert über Dill und Lahn zum Rhein, die Aar zur Lahn unmittelbar über die Lahn zum Rhein. Die hier behandelte Aar dagegen gehört über Twiste und Diemel zur Weser. Der Zusatz (Twiste) ist kein historischer Bestandteil des Flussnamens, sondern ein modernes geographisches beziehungsweise lexikographisches Unterscheidungsmerkmal.

Gewässerkundlich wird die Aar als feinmaterialreicher, silikatischer Mittelgebirgsbach eingeordnet. Diese Klassifizierung beschreibt charakteristische Eigenschaften des natürlichen Gewässertyps. Der geologische Untergrund liefert überwiegend silikatisches Material; in der Gewässersohle treten neben gröberem Gestein auch feinere mineralische Sedimente auf. Strömung, Gefälle, Korngrößen des Gewässerbettes und die Temperaturverhältnisse bestimmen gemeinsam die ökologischen Lebensbedingungen.

Die Aar gehört zur oberen und unteren Forellenregion. Dieser Begriff bezeichnet in der Fließgewässerökologie keine administrative Zone, sondern einen ökologischen Gewässerabschnitt. Typisch sind relativ kühles, sauerstoffreiches Wasser, eine erkennbare Strömung und Substrate, die je nach Abschnitt aus Steinen, Kies, Sand und feinerem Material bestehen können. Für Fische und zahlreiche wirbellose Wasserorganismen ist dabei nicht nur die chemische Wasserqualität entscheidend, sondern auch die Struktur des Bachbettes und der Ufer.

Ein naturnaher Mittelgebirgsbach verändert sein Bett fortlaufend. Strömendes Wasser trägt Material ab, transportiert es und lagert es an strömungsärmeren Stellen wieder ab. Dadurch entstehen kleinräumig unterschiedliche Lebensräume: flache und tiefere Abschnitte, schnell und langsam durchströmte Bereiche, Kiesbänke, unterspülte Ufer, Wurzelräume und ruhige Randzonen. Diese Gewässerdynamik ist ein wesentlicher Bestandteil ökologisch funktionsfähiger Fließgewässer.

Im Verlauf der Aar sind solche natürlichen Prozesse teilweise durch menschliche Eingriffe eingeschränkt. Querbauwerke, Durchlässe, Verrohrungen, Uferbefestigungen und andere technische Einrichtungen können die natürliche Entwicklung eines Baches verändern. Besonders problematisch sind Hindernisse, die die ökologische Durchgängigkeit unterbrechen. Fische und andere wassergebundene Organismen müssen sich innerhalb eines Flusssystems bewegen können, etwa um geeignete Nahrungs-, Ruhe- oder Fortpflanzungsräume zu erreichen.

Als wesentliche Defizite der Aar gelten daher mehrere Wanderhindernisse sowie abschnittsweise unzureichend ausgeprägte natürliche Gewässerrandstreifen. Ein ausreichend breiter Randstreifen besitzt mehrere Funktionen gleichzeitig. Er vermindert direkte Stoffeinträge aus angrenzenden Nutzflächen, ermöglicht die Entwicklung von Ufervegetation, beschattet den Bach, bietet Lebensraum und gibt dem Gewässer Raum für eine begrenzte eigendynamische Verlagerung seines Bettes.

Die Ufervegetation wird in naturnäheren Bereichen vor allem durch bachbegleitende Gehölze geprägt. Erlen und Weiden gehören zu den charakteristischen Gehölzen feuchter Uferstandorte. Ihre Wurzeln stabilisieren Teile des Ufers, ohne die für natürliche Fließgewässer typische Strukturvielfalt vollständig zu verhindern. Gleichzeitig erzeugt Beschattung niedrigere Wassertemperaturen und beeinflusst damit den Sauerstoffhaushalt und die Zusammensetzung der Lebensgemeinschaften.

Der Unterlauf der Aar besitzt stellenweise noch mäandrierende beziehungsweise gewundene Abschnitte. Ein Mäander entsteht, wenn seitliche Erosion und Ablagerung den Gewässerlauf allmählich verlagern. Auch bei kleinen Bächen können solche Windungen eine erhebliche ökologische Bedeutung besitzen, weil sie unterschiedliche Strömungsgeschwindigkeiten und Wassertiefen hervorbringen. Ein vollständig begradigtes Gewässer weist demgegenüber gewöhnlich eine geringere strukturelle Vielfalt auf.

Die Aar ist außerdem in den europäischen Naturschutz eingebunden. Ihr Mündungsbereich gehört zum FFH-Gebiet Twiste mit Wilde, Watter und Aar. FFH-Gebiete sind Bestandteile des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000 und dienen der Sicherung bestimmter Lebensraumtypen sowie gefährdeter Tier- und Pflanzenarten. Die Einbeziehung der Aar macht deutlich, dass auch vergleichsweise kleine Bäche als Bestandteile eines zusammenhängenden ökologischen Gewässernetzes von überörtlicher Bedeutung sein können.

Von besonderer Bedeutung ist dabei die Verbindung der einzelnen Fließgewässer. Die Aar lässt sich ökologisch nicht isoliert betrachten. Ihre Seitenbäche, ihr eigener Hauptlauf, die Twiste und schließlich die Diemel bilden miteinander verbundene Lebensräume. Veränderungen an einem Abschnitt können Auswirkungen auf andere Teile dieses Systems haben. Die Wiederherstellung der Durchgängigkeit eines Baches ist deshalb nicht bloß eine lokale Maßnahme, sondern kann die Vernetzung eines wesentlich größeren Gewässerraumes verbessern.

Auch die landwirtschaftliche Nutzung der Umgebung beeinflusst das Gewässer. Wiesen und Äcker reichen in verschiedenen Abschnitten vergleichsweise nahe an den Bach heran. Oberflächenabfluss kann dabei Bodenmaterial und Nährstoffe in das Gewässer transportieren. Umgekehrt gehören regelmäßig überflutete oder grundwassernahe Talflächen zu den natürlichen Übergangsräumen zwischen Land und Wasser. In einer weitgehend natürlichen Aue sind Überschwemmungen keine Störung von außen, sondern Teil der landschaftlichen Dynamik.

Das Relief des Aartals zeigt die langfristige Wirkung der Erosion. Zwischen Quellgebiet und Mündung verliert das Gewässer deutlich an Höhe. Dieser Höhenunterschied liefert die potentielle Energie für den Abfluss und damit für Abtragung und Sedimenttransport. Über lange Zeiträume formen solche Prozesse Täler, verändern Hänge und transportieren verwittertes Gesteinsmaterial aus höheren in tiefere Landschaftsteile.

Gleichzeitig ist das Tal eine Kulturlandschaft. Straßen, Brücken, landwirtschaftliche Flächen, Siedlungen und technische Gewässerbauten überlagern die natürliche Talentwicklung. Das heutige Erscheinungsbild der Aar ist deshalb weder ausschließlich natürlich noch ausschließlich künstlich. Es ist das Ergebnis einer langen Wechselwirkung zwischen Relief, Wasserhaushalt, Vegetation und menschlicher Nutzung.

Die Lage zwischen Mengeringhausen, Bad Arolsen, Wetterburg und dem Twistesee verleiht der Aar außerdem eine räumliche Bedeutung für die Umgebung der ehemaligen waldeckischen Residenzstadt. Obwohl sie kein großer Fluss ist und nie als bedeutender Wasserverkehrsweg dienen konnte, gehört sie zu den landschaftlichen Grundstrukturen, an denen sich Wege, Nutzflächen und historische Siedlungsräume orientierten.

Besonders anschaulich wird dies bei Wetterburg. Die historische Befestigung liegt auf einem Sporn zwischen Aar und Twiste. Die beiden Täler begrenzen dort einen erhöhten Geländebereich und beeinflussten damit die Wahl des Burgplatzes. Flüsse konnten im Mittelalter unabhängig von ihrer Größe militärisch und siedlungsgeographisch bedeutsam sein, weil tiefere Talzüge, steilere Hänge und feuchte Niederungen natürliche Hindernisse bildeten.

Auch die Nähe zum Twistesee prägt die heutige Wahrnehmung des Unterlaufs. Der große Stausee gehört zwar zur Twiste und nicht zur Aar, doch beide Gewässer treffen unmittelbar unterhalb der Talsperre aufeinander. Dadurch liegt die Aarmündung in einem Raum, dessen heutiges Landschaftsbild stark durch den Wasserbau des 20. Jahrhunderts verändert worden ist. Natürlicher Bachlauf, historischer Siedlungsraum und moderner Stausee begegnen hier auf engem Raum.

Lexikographisch ist die Aar zur Twiste auch wegen der Häufung gleichlautender Hydronyme bemerkenswert. Aar bezeichnet nicht nur dieses Gewässer. Neben der Aar zur Dill und der Aar zur Lahn existieren weitere ähnliche Gewässernamen wie Ahr, Aare, Aa und Ache. Solche lautlichen Ähnlichkeiten können auf alte wasserbezeichnende Wörter oder auf unterschiedliche historische Gewässernamen zurückgehen. Sie dürfen jedoch nicht allein aufgrund der modernen Schreibweise als etymologisch identisch behandelt werden.

Für die digitale Gliederung eines Lexikons ist deshalb die Dateibezeichnung aar-twiste.shtml sachgerecht. Sie verbindet den eigentlichen Namen des Gewässers mit seinem unmittelbaren Vorfluter und ermöglicht zugleich eine klare Trennung von Aar (Dill) und Aar (Lahn). Dieselbe Unterscheidung ist auch für interne Verlinkungen notwendig, da andernfalls drei geographisch und hydrologisch verschiedene Flüsse unter demselben Lemma vermischt würden.

Etymologie

Der Gewässername Aar gehört zu einer Gruppe sehr alter und teilweise schwer voneinander zu trennender Gewässernamen. Für den Raum des heutigen Bad Arolsen wird in der lokalen historischen Überlieferung bereits für das Jahr 1030 eine Form Aare genannt. Damit reicht die schriftliche Tradition des Namens weit in das Mittelalter zurück. Die heutige Form Aar ist daher nicht als neuzeitliche Benennung anzusehen.

Bei der etymologischen Erklärung ist jedoch Vorsicht erforderlich. Ähnlich lautende Namen wie Aa, Aar, Ahr, Aare und Ache können unterschiedlichen historischen Bildungen angehören. Eine gleiche oder ähnliche moderne Lautgestalt genügt in der Namenkunde nicht, um gemeinsame Herkunft zu beweisen. Entscheidend sind möglichst alte schriftliche Belege und die Frage, ob sich die späteren Formen nach den Regeln der historischen Lautentwicklung aus ihnen erklären lassen.

Eine wichtige germanische Gewässerbezeichnung ist althochdeutsch und altsächsisch aha „Wasserlauf, fließendes Wasser“. Sie geht auf germanisch *ahwō zurück und ist mit lateinisch aqua „Wasser“ urverwandt. Aus dieser Wortfamilie entstanden beziehungsweise erhielten sich zahlreiche Gewässerbezeichnungen vom Typ Aa, Aach und Ache. In vielen Regionen wurde das ursprünglich selbständige Wort schließlich fast ausschließlich in Eigennamen bewahrt.

Daneben existiert für andere Gewässer namens Aar eine andere Erklärung. Für die Aar zur Lahn sind historische Formen wie Arda, Aarda, Arida und Arde belegt. Das Deutsche Gewässernamenbuch rekonstruiert dafür eine alte Form *Arda und verbindet sie mit einer indogermanischen Wurzel *h₂erd- im Bedeutungsbereich „(zer)fließen“. Auch die Aar zur Dill gehört aufgrund ihrer historischen Formen Ardaha und Ardehe in diesen Zusammenhang.

Diese Deutung darf jedoch nicht automatisch auf die Aar zur Twiste übertragen werden. Für eine sichere Gleichsetzung wäre eine eigene historische Belegreihe erforderlich, die Zwischenformen erkennen ließe und eine Entwicklung aus *Arda lautgeschichtlich absicherte. Der Umstand, dass verschiedene Flüsse heute Aar heißen, beweist für sich allein keine identische Herkunft. Gerade bei sehr alten Gewässernamen können unterschiedliche Ausgangsformen im Laufe der Jahrhunderte zu derselben modernen Schreibweise zusammenfallen.

Für den Bad Arolser Raum besitzt die frühe Form Aare deshalb besonderes Gewicht. Ein historischer Stadtführer von Bad Arolsen verweist auf eine Urkunde von 1030, in der ein Besitz „an der Aare“ genannt wird, und erklärt Aar als Bezeichnung für ein fließendes Gewässer. Diese lokale Überlieferung spricht jedenfalls dafür, dass ein Name dieses Lauttyps im Gebiet bereits im Hochmittelalter vorhanden war. Sie ermöglicht jedoch ohne zusätzliche ältere und jüngere Zwischenbelege noch keine abschließende Rekonstruktion der sprachlichen Grundform.

Von dieser Frage zu unterscheiden ist die gelegentlich vertretene Ableitung des Ortsnamens Arolsen vom Gewässernamen. Ältere lokalhistorische Darstellungen haben zwischen Aar und Arolsen einen unmittelbaren Zusammenhang hergestellt. Die neuere wissenschaftliche Ortsnamenforschung erklärt dagegen Formen wie Aroldessen und Haroldessen aus einem Personennamen Arold beziehungsweise Harold und einer Siedlungsbezeichnung. Eine etymologische Ableitung des Stadtnamens unmittelbar aus Aar sollte daher nicht als gesicherte Erklärung übernommen werden.

Ebenfalls vollständig zu trennen ist der Gewässername vom deutschen Wort Aar „Adler“. Das dichterisch und heute veraltete Substantiv Aar geht auf mittelhochdeutsch ar(e) und althochdeutsch aro zurück und gehört zu einer anderen Wortfamilie. Zwischen dem Vogelnamen und dem nordhessischen Gewässernamen besteht trotz identischer moderner Schreibung kein sachlich begründbarer etymologischer Zusammenhang.

Ebenso wenig besteht aufgrund der bloßen Schriftähnlichkeit ein Zusammenhang mit dem Familiennamen Aall. Ein Personenname wie Jakob Aall gehört einer eigenständigen skandinavischen Namenüberlieferung an. Alphabetische Nachbarschaft und ähnliche Buchstabenfolgen sind keine Kriterien für etymologische Verwandtschaft.

Für die Aar zur Twiste lässt sich damit sicher festhalten: Der Name besitzt eine mittelalterliche Überlieferung im Bad Arolser Raum und gehört semantisch in den Bereich alter Gewässerbenennungen. Ob er etymologisch unmittelbar mit der germanischen Wasserwortfamilie um aha zusammenhängt oder eine Entwicklung vergleichbar den auf *Arda zurückgeführten Aar-Namen zur Lahn und Dill voraussetzt, sollte ohne eine vollständig belegte historische Formenreihe nicht entschieden werden. Eine solche Zurückhaltung entspricht dem methodischen Grundsatz der Hydronymie, gleichlautende moderne Gewässernamen nicht ohne historische Belege auf dieselbe Grundform zurückzuführen.