Aalwurm

Lexikon

Aalwurm ist eine ältere und heute nur noch eingeschränkt gebrauchte deutsche Tierbezeichnung mit mehreren zoologisch voneinander getrennten Bedeutungen. Historisch bezeichnet das Wort vor allem sehr kleine, langgestreckte und sich schlängelnd bewegende Fadenwürmer beziehungsweise Älchen, die wegen ihrer Körperform und Bewegung mit einem Aal verglichen wurden; besonders eng steht diese Bedeutung bei den früher sogenannten Essigälchen und Kleisterälchen. Daneben wird Aalwurm im neueren und gegenwärtigen Sprachgebrauch selten als anderer Name des Tauwurms beziehungsweise Gemeinen Regenwurms Lumbricus terrestris verwendet. Beide Bedeutungen dürfen nicht miteinander vermischt werden: Das mikroskopische Älchen ist ein Nematode, der Tauwurm dagegen ein segmentierter Ringelwurm.

Die historische Hauptbedeutung ist für das Verständnis des Wortes besonders wichtig. Bereits 1793 wird in Johann August Donndorffs Handbuch der Thiergeschichte ausdrücklich „Der Aalwurm (Vibrio)“ beschrieben und als ein dem bloßen Auge unsichtbarer, einfacher, runder und länglicher Wurm charakterisiert. Das damalige Vibrio darf nicht unmittelbar mit der modernen bakteriologischen Gattung Vibrio gleichgesetzt werden. In der Zoologie des 18. Jahrhunderts wurden unter diesem Namen verschiedene mikroskopisch kleine, sich lebhaft schlängelnd bewegende Organismen zusammengefasst, von denen ein Teil später als Fadenwürmer beziehungsweise Nematoden erkannt und in andere Gattungen eingeordnet wurde. Aalwurm war demnach zunächst eine anschauliche morphologische Bezeichnung: Unter dem Mikroskop erinnerte der lange, dünne, sich windende Körper an einen winzigen Aal.

Ein weiterer sicherer Beleg stammt aus 1838. Das Bilder-Conversations-Lexikon zählt unter den damaligen sogenannten Infusionstierchen ausdrücklich „Aalwürmer (Kleisterälchen)“ auf. Der historische Begriff Infusionstierchen war sehr viel weiter und systematisch wesentlich unschärfer als moderne zoologische Gruppenbegriffe. Er umfasste verschiedenste mikroskopisch kleine Organismen, die man in Aufgüssen, gärenden Flüssigkeiten, Kleister, Essig oder anderen organischen Medien beobachten konnte. Dass der Aalwurm dort untergebracht wurde, dokumentiert deshalb die damalige Mikroskopier- und Klassifikationsgeschichte, nicht die heutige zoologische Stellung.

Besonders charakteristisch für dieses Bedeutungsfeld ist das Essigälchen Turbatrix aceti. Es handelt sich um einen frei lebenden, bakterienfressenden Fadenwurm von ungefähr ein bis zwei Millimetern Länge, der in gärenden, zucker- oder alkoholhaltigen Flüssigkeiten und insbesondere in Essigkulturen leben kann. Die Art wurde 1783 ursprünglich als Vibrio aceti beschrieben und später als Anguillula aceti geführt; heute lautet der wissenschaftliche Name Turbatrix aceti. Gerade die ältere Gattungsbezeichnung Anguillula zeigt dasselbe sprachliche Bild wie deutsch Aalwurm: lateinisch anguilla bedeutet „Aal“, und Anguillula ist sinngemäß eine verkleinernde Bildung, also ungefähr „Älchen, kleiner Aal“.

Die älteren deutschen Namen Aaltierchen, Essigaal, Kleisteraal, Essigälchen, Kleisterälchen und Aalwurm gehören deshalb zu einem gemeinsamen historischen Benennungsfeld. Sie beruhen nicht darauf, dass diese kleinen Würmer zoologisch mit Aalen verwandt wären, sondern ausschließlich auf ihrer langgestreckten Gestalt und der charakteristischen schlängelnden Bewegung. Das heutige Wort Älchen bewahrt diese Vergleichsbildung besonders deutlich: Es ist sprachgeschichtlich eine Verkleinerungsbildung zum Wort Aal und wurde anschließend zu einer Bezeichnung kleiner Fadenwürmer.

Die historische Verwendung von Aalwurm war dabei nicht auf das Essigälchen im engsten modernen taxonomischen Sinn beschränkt. Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnten auch pflanzenbewohnende beziehungsweise pflanzenschädigende Nematoden in diesem Wortfeld als Aalwürmer bezeichnet werden. Ein Gartenbaubericht von 1901 spricht beispielsweise vom Auftreten des „Aalwurms“ in Zusammenhang mit geschädigten Pflanzen. Solche Belege gehören zur älteren landwirtschaftlichen und gärtnerischen Terminologie, in der englisch eelworm und verwandte europäische Bildungen für verschiedene Pflanzenälchen außerordentlich produktiv waren.

Zu den bekannten pflanzenparasitischen Älchen gehören etwa das Weizenälchen, das Rübenälchen, das Stängelälchen, Kartoffelzystennematoden und verschiedene Wurzelälchen. Diese Organismen gehören nicht alle derselben Gattung an und besitzen unterschiedliche Lebenszyklen. Der ältere Oberbegriff Aalwurm konnte aufgrund der gemeinsamen fadenförmigen Gestalt dennoch auf solche Nematoden übertragen werden. Moderne Fachsprache bevorzugt präzisere Bezeichnungen wie Nematode, Fadenwurm oder den jeweiligen Art- beziehungsweise Gruppennamen.

Das Weizenälchen etwa gehört heute zu Anguina tritici, das Stängelälchen zu Ditylenchus dipsaci, der Rübennematode zu Heterodera schachtii. Historische Bezeichnungen mit Aal- oder Älchen sind daher morphologische Sammelnamen, keine Aussage darüber, dass alle bezeichneten Tiere besonders eng miteinander verwandt wären.

Für das Essigälchen ist die aalartige Fortbewegung besonders auffällig. Die Tiere sind extrem schmal, besitzen keine Gliedmaßen und bewegen sich durch seitliche beziehungsweise wellenartige Körperkrümmungen. Unter dem Mikroskop entsteht dadurch tatsächlich der Eindruck eines stark verkleinerten, sich schlängelnden Aals. Die Bezeichnung ist damit ein typisches Beispiel für eine vergleichende Tierbenennung, bei der ein bekanntes größeres Tier als Gestaltmodell für einen mikroskopischen Organismus dient.

Diese Bedeutung ist von der zweiten heute belegten Verwendung des Wortes deutlich zu trennen. Aalwurm wird auch als seltener anderer Name des Tauwurms beziehungsweise Gemeinen Regenwurms Lumbricus terrestris geführt. Diese Art gehört zum Stamm der Ringelwürmer (Annelida), zur Klasse Clitellata und zur Familie der Regenwürmer (Lumbricidae). Sie ist damit stammesgeschichtlich von den Fadenwürmern der ersten Bedeutung sehr weit entfernt.

Lumbricus terrestris ist einer der bekanntesten und größten europäischen Regenwürmer. Erwachsene Tiere erreichen gewöhnlich ungefähr zehn bis dreißig Zentimeter Länge, in Ausnahmefällen noch mehr. Der Körper besteht aus zahlreichen äußerlich sichtbaren Segmenten, ist im Vorderabschnitt rötlich bis braunviolett gefärbt und wird nach hinten meist blasser. Bei geschlechtsreifen Tieren ist das verdickte Clitellum, der sogenannte Gürtel, deutlich zu erkennen. Diese segmentierte Anatomie unterscheidet einen Regenwurm grundlegend von einem glatten, unsegmentierten Nematoden.

Der Tauwurm gehört ökologisch zu den anözischen, also vertikal und tief grabenden Regenwürmern. Er legt dauerhafte Wohnröhren im Boden an, die bis in beträchtliche Tiefen reichen können, und zieht abgestorbenes Pflanzenmaterial von der Bodenoberfläche in diese Gänge. Durch Graben, Nahrungsaufnahme und Ausscheidungen beeinflusst er Bodenstruktur, Belüftung, Wasserführung und Stoffumsatz. Lumbricus terrestris ist deshalb zugleich ein wichtiger Bodenorganismus und ein häufig untersuchter Bioindikator.

Die Bezeichnung Aalwurm für den Tauwurm ist im heutigen allgemeinen Sprachgebrauch deutlich seltener als Regenwurm und Tauwurm. Sie begegnet besonders in Wörterbüchern, naturkundlichen Zusammenstellungen und im Umfeld der Angelei. In modernen Angeltexten wird der Name häufig damit erklärt, dass der große Tauwurm ein besonders bekannter Aalköder ist. Für das Aalangeln eignet er sich aufgrund seiner Größe, seiner kräftigen Bewegung am Haken und seines intensiven Geruchs sehr gut. Aus dieser Sicht kann Aalwurm also auch semantisch als „Wurm zum Aalfang“ verstanden werden.

Ob gerade diese Köderfunktion historisch tatsächlich die ursprüngliche Ursache der Regenwurmbedeutung war, lässt sich aus den hier sicher nachgewiesenen älteren Belegen jedoch nicht eindeutig feststellen. Ebenso denkbar ist eine sekundäre Beeinflussung durch die schon wesentlich ältere Bedeutung „aalartig geformter Wurm“. Für die mikroskopische Bedeutung ist die Formähnlichkeit bereits 1793 eindeutig dokumentiert; für die Benennung von Lumbricus terrestris ist eine ebenso frühe sichere Motivationsquelle bisher nicht nachgewiesen. Eine saubere Etymologie muss deshalb zwischen gesicherter Wortgeschichte und später plausibler Anglerdeutung unterscheiden.

Als Angelköder ist der Tauwurm keineswegs ausschließlich für Aale geeignet. Auch Quappen, Welse, Barsche, Karpfen und zahlreiche andere Süßwasserfische können Regenwürmer fressen. Aalwurm darf deshalb auch in dieser Bedeutung nicht als zoologische Eigenschaft des Wurms verstanden werden. Der Name beschreibt allenfalls seine besondere traditionelle Verbindung mit dem Aalfang.

Die zwei Hauptbedeutungen unterscheiden sich somit grundlegend:

Aalwurm als Älchen: winziger, meist fadenförmiger Nematode, historisch besonders Essig- und Kleisterälchen beziehungsweise verwandte mikroskopische Würmer;

Aalwurm als Tauwurm: seltener Name für den Gemeinen Regenwurm Lumbricus terrestris, insbesondere auch im Zusammenhang mit seiner Verwendung als Angelköder.

Beide Bedeutungen beruhen letztlich auf unterschiedlichen Arten der semantischen Verbindung mit Aal. Beim historischen Älchen ist der Aal sicher ein Gestalt- und Bewegungsvergleich. Beim Tauwurm können Gestaltähnlichkeit und fischereiliche Zweckbeziehung nebeneinander beziehungsweise sekundär zusammengewirkt haben.

Eine weitere naheliegende, aber sachlich falsche Interpretation muss ausdrücklich ausgeschlossen werden: Aalwurm ist nicht der reguläre deutsche Name des in Aalen parasitierenden Schwimmblasenwurms. Der bekannte invasive Aalparasit heißt Aal-Schwimmblasenwurm beziehungsweise Schwimmblasenwurm und wird wissenschaftlich als Anguillicola crassus beziehungsweise in einer verbreiteten alternativen Gattungsauffassung als Anguillicoloides crassus bezeichnet.

Dieser parasitische Nematode lebt im adulten Stadium in der Schwimmblase von Aalen und ernährt sich von Blut. Ursprünglich stammt er aus Ostasien und parasitierte dort insbesondere den Japanischen Aal Anguilla japonica. Durch den internationalen Aalhandel wurde er Anfang der 1980er Jahre nach Europa eingeschleppt; der erste europäische Nachweis erfolgte 1982 im Weser-Ems-Gebiet. Anschließend breitete sich der Parasit rasch in europäischen Aalbeständen aus.

Ein Befall kann die Wand der Schwimmblase entzünden, verdicken und vernarben lassen und dadurch ihre Funktion beeinträchtigen. Dies ist besonders im Zusammenhang mit der weiten ozeanischen Laichwanderung des Europäischen Aals biologisch bedeutsam. Dennoch sollte dieser Parasit nicht einfach Aalwurm genannt werden, weil dadurch zwei ältere, bereits anders belegte Bedeutungen des deutschen Wortes mit einer modernen parasitologischen Bezeichnung vermischt würden.

Die mögliche Verwechslung ist sprachlich verständlich. Ein „Wurm des Aals“ könnte spontan als Aalwurm bezeichnet werden, genauso wie Darmwurm einen Wurm im Darm bezeichnet. Historisch ist das Kompositum Aalwurm jedoch gerade nicht primär als Wirtsbezeichnung dokumentiert. Der Aal fungiert in der ältesten sicheren Bedeutung als Vergleichsobjekt, nicht als Wirt.

Auch die moderne internationale Terminologie zeigt diesen Unterschied. Englisch eelworm bezeichnet historisch und landwirtschaftlich gerade verschiedene Nematoden, besonders Pflanzenälchen, weil sie kleinen Aalen ähneln. Für den Parasiten der Aalschwimmblase verwendet man dagegen spezifischere Bezeichnungen wie swimbladder nematode.

Im Niederländischen finden sich entsprechend Bildungen mit aal beziehungsweise Verkleinerungsformen in der Bezeichnung von Nematoden; auch französische ältere Namen wie anguille du vinaigre „Essigaal“ zeigen dieselbe Bildlichkeit. Die Vorstellung des kleinen, sich schlängelnden Aals war damit keineswegs auf das Deutsche beschränkt.

Der historische Aalwurm gehört wissenschaftsgeschichtlich zu den Organismen, deren Beobachtung durch die frühe Mikroskopie möglich wurde. Essigälchen waren besonders geeignet, weil sie sich in verdorbenem beziehungsweise gärendem Essig massenhaft vermehren konnten und aufgrund ihrer lebhaften Bewegungen unter einfachen Mikroskopen gut erkennbar waren. Auch in sauer gewordenem Mehlkleister wurden entsprechende Würmer gefunden, woraus Namen wie Kleisteraal und Kleisterälchen entstanden.

Dasselbe Tier beziehungsweise eng verwandte Formen konnten dadurch je nach Fundmedium unterschiedlich benannt werden. Essigaal hebt den Lebensraum Essig hervor, Kleisteraal den Fund in Kleister, Aaltierchen und Aalwurm dagegen vor allem die aalartige Gestalt. Historische Namensvielfalt bedeutet deshalb nicht notwendig, dass stets verschiedene biologische Arten gemeint waren.

Umgekehrt kann derselbe historische Name durchaus mehrere biologisch verschiedene Arten einschließen. Gerade Aalwurm wurde aufgrund seines anschaulichen Formvergleichs auf unterschiedliche fadenförmige Nematoden ausgeweitet. Moderne Taxonomie kann solche volkssprachlichen Sammelnamen deshalb nicht eins zu eins als wissenschaftliche Taxa übernehmen.

Ein besonders wichtiger begrifflicher Unterschied besteht zwischen Fadenwurm und Regenwurm. Fadenwürmer beziehungsweise Nematoden besitzen einen ungegliederten, meist spindel- oder fadenförmigen Körper mit einer widerstandsfähigen Kutikula. Regenwürmer gehören dagegen zu den Ringelwürmern und bestehen aus einer deutlich segmentierten Folge von Körperabschnitten. Dass beide unter dem Namen Aalwurm erscheinen können, zeigt deshalb besonders deutlich, dass es sich um eine sprachliche Mehrdeutigkeit und nicht um einen einheitlichen zoologischen Begriff handelt.

Auch hinsichtlich ihrer Größe liegen die Bedeutungen weit auseinander. Das Essigälchen erreicht nur ungefähr ein bis zwei Millimeter Länge und wird erst bei genauer Betrachtung beziehungsweise mit Vergrößerung deutlich sichtbar. Der Tauwurm kann dagegen mehrere Dezimeter lang werden und gehört zu den größten europäischen Regenwürmern. Der gemeinsame Name beruht somit weder auf gleicher Größe noch auf enger Abstammung.

Ökologisch sind die Unterschiede noch größer. Turbatrix aceti lebt in gärenden Flüssigkeiten und ernährt sich vor allem von Mikroorganismen wie Bakterien. Pflanzenparasitäre Nematoden leben in oder an Pflanzengeweben. Lumbricus terrestris lebt dagegen im Boden, zieht abgestorbenes Pflanzenmaterial in seine Röhren und ist als Destruent an der Zersetzung organischen Materials beteiligt.

Die Bezeichnung Aalwurm kann deshalb ohne Kontext missverständlich sein. In einer naturhistorischen Quelle aus dem späten 18. oder 19. Jahrhundert ist zunächst an ein Älchen beziehungsweise einen mikroskopischen Fadenwurm zu denken. In einer modernen naturkundlichen oder anglerischen Quelle kann dagegen Lumbricus terrestris gemeint sein. Bei einem Text über Erkrankungen des Aals sollte nicht automatisch angenommen werden, dass Aalwurm der fachgerechte Name von Anguillicola crassus sei.

Auch der grammatische Gebrauch ist eindeutig. Das Substantiv ist maskulin: der Aalwurm. Der Genitiv lautet des Aalwurms beziehungsweise seltener des Aalwurmes, der Plural die Aalwürmer. Historische Texte verwenden entsprechend Formen wie Aalwürmer.

Lexikographisch empfiehlt sich deshalb eine zweigliedrige Grunddefinition: Aalwurm bezeichnet historisch ein aalartig schlängelndes Älchen beziehungsweise einen Fadenwurm, besonders ein Essig- oder Kleisterälchen; außerdem ist das Wort ein seltener Name für den Gemeinen Regenwurm beziehungsweise Tauwurm (Lumbricus terrestris).

Etymologie

Lemma Aalwurm
Wortbildung Aal + Wurm
Wortart Substantiv
Genus Maskulinum
Singular der Aalwurm
Genitiv des Aalwurms, des Aalwurmes
Plural die Aalwürmer
Bestimmungswort Aal
Grundwort Wurm
Fugenelement kein Fugenelement
Bildungstyp substantivisches Determinativkompositum
Älteste sichere Bedeutungsrelation Gestalt- und Bewegungsvergleich: aalartig geformter beziehungsweise sich aalartig windender Wurm
Historische Hauptbedeutung Älchen, mikroskopischer Fadenwurm
Weitere Bedeutung Tauwurm, Lumbricus terrestris
Frühester hier sicher nachgewiesener Beleg 1793

Die formale Wortstruktur lautet eindeutig:

Aal + Wurm → Aalwurm.

Das Grundwort Wurm bestimmt Wortart, Genus und Flexion; das Bestimmungswort Aal präzisiert, um welche Art beziehungsweise welche auffällige Eigenschaft des Wurms es sich handelt. In der ältesten sicher dokumentierten Bedeutung ist diese Relation eindeutig vergleichend: Der Aal liefert das Gestalt- und Bewegungsmodell für einen langen, dünnen, sich schlängelnd bewegenden Wurm.

Die semantische Struktur lässt sich deshalb für den historischen Mikrowurm paraphrasieren als:

Aalwurm = aalartig geformter beziehungsweise aalartig sich bewegender Wurm.

Damit gehört das Wort zu derselben großen Gruppe von Bildungen wie aalförmig, Aalbarsch, Aaldorsch, Aalwels und Aalschleiche. Das Element Aal- bezeichnet in diesen Fällen nicht Herkunft oder zoologische Verwandtschaft, sondern eine äußere Formähnlichkeit.

Zwischen beiden Bestandteilen steht kein Fugenelement:

Aal + Wurm → Aalwurm.

Formen wie *Aalswurm, *Aalenwurm oder *Aaleswurm gehören nicht zur etablierten Wortbildung.

Das Vorderglied Aal gehört zum alten germanischen Fischwortschatz. Althochdeutsch und mittelhochdeutsch ist āl belegt; verwandte Formen finden sich unter anderem in niederländisch aal, englisch eel sowie dänisch und schwedisch ål. Die weiter zurückreichende Herkunft des Fischnamens ist nicht abschließend geklärt.

Für Aalwurm ist entscheidend, dass das Tierwort Aal sekundär eine allgemeine Gestaltbezeichnung liefern kann. Der Aal fungiert im Deutschen als besonders prägnanter Prototyp eines langen, schlanken, glatten und sich windenden Körpers. Schon bevor moderne Zoologie exakte Körpermaße und Verwandtschaftsverhältnisse bestimmte, konnte ein sehr kleines oder völlig andersartiges Tier deshalb als „aalartig“ bezeichnet werden.

Das Grundwort Wurm ist ebenfalls sehr alt. Althochdeutsch und mittelhochdeutsch lautet die Form wurm. In älteren Sprachstufen bezeichnete das Wort nicht nur jene Tiere, die moderne Zoologie als Würmer einordnet, sondern allgemein verschiedenartige kriechende, windende oder fußlose Tiere, darunter auch Schlangen, Insektenlarven und andere Kleintiere. Die alte Bedeutung war somit erheblich weiter als der heutige naturwissenschaftliche Gebrauch.

Das Wort steht in einer alten indogermanischen Wortfamilie; verwandt ist beispielsweise lateinisch vermis „Wurm“. Die etymologische Grundvorstellung wird mit dem Winden, Drehen beziehungsweise Sichkrümmen eines langgestreckten Tieres verbunden. Gerade für Aalwurm entsteht dadurch eine semantisch besonders anschauliche Kombination: Sowohl Aal als auch Wurm rufen die Vorstellung eines sich windenden langgestreckten Körpers hervor.

Die Zusammensetzung ist damit in ihrer historischen Mikrowurmbedeutung beinahe verstärkend:

Aal – langgestrecktes, sich schlängelnd bewegendes Vergleichstier;

Wurm – langgestrecktes, kriechendes beziehungsweise sich windendes Kleintier;

Aalwurm – Wurm von besonders auffällig aalartiger Gestalt und Bewegung.

Der früheste hier sicher nachgewiesene Beleg stammt aus 1793. Johann August Donndorff führt ausdrücklich „Der Aalwurm (Vibrio)“ an und beschreibt einen mikroskopisch kleinen, runden und länglichen Wurm. Dieser Beleg ist für die Etymologie besonders wertvoll, weil Form und Bedeutung eindeutig zusammengehören.

Das historische Vibrio beruhte selbst auf einer Bewegungsbezeichnung. Lateinisch vibrare bedeutet „schwingen, zittern, sich hin und her bewegen“. Der damalige Gattungsname konzentrierte sich also ebenso wie das deutsche Aalwurm auf die auffällige Bewegungsweise der winzigen Organismen.

Für das Essigälchen ist diese Namensgeschichte besonders deutlich. Die Art wurde 1783 als Vibrio aceti benannt, später als Anguillula aceti geführt und heißt heute Turbatrix aceti. Innerhalb dieser wissenschaftlichen Namensfolge wechseln also verschiedene Klassifikationen, während die Vorstellung eines sich windenden oder aalartigen Kleinwurms erhalten bleibt.

Anguillula ist eine lateinische Verkleinerungsbildung zu anguilla „Aal“. Die Parallele zum deutschen Wort ist unmittelbar:

deutsch: Aal + Wurm → Aalwurm;

neulateinisch: anguilla „Aal“ → Anguillula „kleiner Aal, Älchen“.

Auch Älchen beziehungsweise Aaltierchen folgen demselben Benennungsmuster. Älchen ist formal eine Verkleinerung von Aal und bezeichnet aufgrund der winzigen aalartigen Gestalt einen Nematoden. Damit ist die Wortfamilie:

Aal → Älchen;

Aal → Aaltierchen;

Aal → Aalwurm;

Essig → Essigälchen/Essigaal;

Kleister → Kleisterälchen/Kleisteraal

historisch eng miteinander verflochten.

Der Beleg von 1838 mit „Aalwürmer (Kleisterälchen)“ macht diese Gleichsetzung ausdrücklich. Das Wort Aalwurm war zu diesem Zeitpunkt nicht bloß eine gelegentliche beschreibende Metapher, sondern eine etablierte naturkundliche Benennung.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde die ältere Sammelvorstellung der Aaltierchen wissenschaftlich immer stärker differenziert. Die moderne Klasse beziehungsweise der Stamm der Nematoda umfasst eine außerordentlich artenreiche Gruppe, in der frei lebende, pflanzenparasitäre und tierparasitäre Formen vorkommen. Das ältere Wort Aalwurm konnte diese taxonomische Präzision nicht leisten und verlor deshalb als wissenschaftlicher Gruppenname an Bedeutung.

Der Ausdruck hielt sich jedoch in einzelnen praktischen und volkssprachlichen Bereichen. In der Landwirtschaft war englisch eelworm lange eine gewöhnliche Bezeichnung für pflanzenparasitäre Nematoden; vergleichbare Aal- und Älchenbildungen blieben auch im Deutschen produktiv. Deshalb begegnet Aalwurm noch um 1901 in gärtnerischem Zusammenhang bei Pflanzenschäden.

Die zweite Bedeutung „Gemeiner Regenwurm, Tauwurm“ ist semantisch anders zu beurteilen. Hier kann die äußere Langgestrecktheit des Wurms ebenfalls einen Aalvergleich ermöglichen; im heutigen Anglerjargon wird Aalwurm aber insbesondere als Bezeichnung eines für den Aalfang geeigneten großen Regenwurms verstanden.

Die mögliche Bedeutungsrelation wäre in diesem Fall:

Aal + Wurm = Wurm für den Aal beziehungsweise Wurm zum Aalangeln.

Eine solche Zweckrelation ist im Deutschen wortbildungsmäßig vollkommen möglich. Vergleichbare Komposita können das Grundwort danach spezifizieren, wofür es verwendet wird.

Für diese spezielle historische Entstehung fehlt jedoch bislang ein ebenso früher und eindeutiger Beleg wie für die mikroskopische Bedeutung. Deshalb sollte die Aussage „Aalwurm heißt der Tauwurm, weil er als Aalköder dient“ nicht ohne Einschränkung als gesicherte ursprüngliche Etymologie des gesamten Wortes formuliert werden.

Vielmehr liegen mindestens zwei semantische Analysen nebeneinander:

historisch sicher: Aal als Gestalt- und Bewegungsvergleich eines mikroskopischen Wurms;

für den Tauwurm plausibel und heute verbreitet: Aal als Zielfisch, für den der Wurm als Köder verwendet wird; daneben möglicherweise erneute Formassoziation.

Die Mehrdeutigkeit des Wortes beruht damit nicht notwendig auf einer einzigen linearen Bedeutungsentwicklung. Möglich ist vielmehr, dass dieselbe transparente Zusammensetzung Aal + Wurm zu verschiedenen Zeiten aufgrund unterschiedlicher semantischer Beziehungen neu interpretiert beziehungsweise erneut gebildet wurde.

Solche Fälle sind in der deutschen Komposition häufig. Die bloße Wortform sagt nicht formal aus, welche Beziehung zwischen Bestimmungs- und Grundwort besteht. Bei Aalfresser ist der Aal das gefressene Objekt; bei Aalhändler die Handelsware; bei Aalpastete die Zutat; bei Aalbarsch das Formmodell; bei Aalwurm kann er je nach Bedeutung Formmodell oder Zielfisch sein.

Eine dritte theoretisch naheliegende Relation – „Wurm, der im Aal lebt“ – ist für das historische Lemma gerade nicht maßgeblich. Der moderne Parasit Anguillicola crassus wird genauer als Aal-Schwimmblasenwurm beziehungsweise Schwimmblasenwurm bezeichnet. Das einfache Wort Aalwurm war bereits lange vor der Einschleppung dieses Parasiten nach Europa in anderen Bedeutungen etabliert.

Die heutige Polysemie lässt sich somit sprachgeschichtlich zusammenfassen:

18. Jahrhundert: sicher belegt als Name eines winzigen, aalartig sich windenden Wurms beziehungsweise Vibrio;

19. Jahrhundert: Aalwürmer als Kleisterälchen und verwandte mikroskopische Formen; Erweiterung auf verschiedene Älchen beziehungsweise Nematoden;

um 1900: auch gärtnerischer Gebrauch für pflanzenschädigende Nematoden;

neuere Sprache: außerdem seltener Name von Lumbricus terrestris, besonders im anglerischen Zusammenhang;

nicht als Hauptbedeutung: Parasit der Aalschwimmblase, der präziser Schwimmblasenwurm beziehungsweise Aal-Schwimmblasenwurm heißt.

Die etymologische Gesamtentwicklung lässt sich damit vorsichtig formulieren:

Aal, althochdeutsch und mittelhochdeutsch āl + Wurm, althochdeutsch und mittelhochdeutsch wurm, ursprünglich weit gefasste Bezeichnung eines kriechenden beziehungsweise sich windenden Tieres → Aalwurm, zuerst sicher 1793 als Bezeichnung eines winzigen, langen und sich aalartig bewegenden Wurms belegt; im 19. Jahrhundert besonders für Älchen beziehungsweise Fadenwürmer, später daneben als seltener Name des Tauwurms Lumbricus terrestris.