Aalbock

Lexikon

Aalbock ist eine historische beziehungsweise ältere schriftsprachliche Form eines schweizerischen Fischnamens für einen Felchen aus der Gattung Coregonus. Das Wort bezeichnet also keinen Aal, keinen männlichen Aal und auch keinen aalähnlichen Fisch, sondern einen Vertreter der Lachsfische aus der Unterfamilie Coregoninae. Die heute in der Schweiz gebräuchliche Form lautet überwiegend Albock. Die historische Schreibung Aalbock ist insbesondere aus naturkundlicher und lexikographischer Literatur des späten 18. und 19. Jahrhunderts überliefert.

Ein besonders klarer Beleg findet sich 1791 im Handbuch der Naturgeschichte von Johann Friedrich Blumenbach. Bei der Behandlung der damaligen Gattung Salmo beziehungsweise des Salmo lavaretus werden ausdrücklich die Felchen und der „Aalbock im Thuner-See“ genannt. Blumenbach betrachtete die betreffenden schweizerischen Fische im Zusammenhang mit der Féra des Genfersees. Der Beleg zeigt eindeutig, dass Aalbock bereits im späten 18. Jahrhundert ein Fischname aus dem Bereich der Felchen war und mit dem eigentlichen Aal nichts zu tun hatte.

Auch Pierers Universal-Lexikon erklärt das Wort 1857 äußerst knapp als „eine Art Salm“. Das historische Wort Salm wurde dabei in einer weiteren systematischen Bedeutung gebraucht als die heutige engere Bezeichnung für den Atlantischen Lachs. Die Felchen gehören tatsächlich zur Familie Salmonidae, sodass die ältere Einordnung den Aalbock zutreffend in den Bereich der Lachsfische stellt.

Der Name gehört vor allem in die Fischereisprache der Schweizer Voralpenseen, besonders des Thunersees und des Brienzersees. Die heutige schweizerische Form Albock ist dort wesentlich stärker verankert als die ältere beziehungsweise sekundäre Schreibung Aalbock. Schweizer Wörterbücher erklären Albock als lokalen Namen eines Felchens beziehungsweise in älterer, gröberer Systematik als Blaufelchen des Thuner- und Brienzersees.

Die moderne wissenschaftliche Situation ist allerdings erheblich komplizierter. Historische Namen wie Albock, Aalbock, Balchen, Felchen, Albeli, Brienzlig, Kropfer oder Gangfisch wurden in verschiedenen Schweizer Seen nicht immer für genau dieselben biologischen Arten verwendet. Gleichzeitig wurden die Coregonus-Arten der Alpenrandseen über lange Zeit taxonomisch anders abgegrenzt als heute.

Deshalb darf der historische Aalbock nicht ohne weiteres mit genau einer modernen Artgleichung versehen werden. Die Geschichte des Namens ist älter als die moderne wissenschaftliche Aufteilung der Felchen des Thuner- und Brienzersees. Derselbe beziehungsweise ein sehr ähnlicher Volksname konnte zu verschiedenen Zeiten auf morphologisch und ökologisch unterschiedliche Felchenformen bezogen werden.

Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass gerade der Thunersee und der Brienzersee eine ungewöhnlich große Vielfalt eng verwandter Felchenarten beherbergen. Diese Arten unterscheiden sich unter anderem in Körpergestalt, Größe, Wachstum, Zahl und Länge der Kiemenreusendornen, Aufenthaltsraum, Laichzeit und Laichtiefe.

Die historische Benennungspraxis konnte diese heute genetisch und morphologisch differenzierten Formen nicht in derselben Weise voneinander trennen. Ein Fischername bezeichnete häufig einen praktisch erkennbaren Fangtyp, eine Größenklasse, einen saisonal auftretenden Fisch oder eine bestimmte lokale Population, ohne notwendigerweise einer modernen zoologischen Art exakt zu entsprechen.

Dies trifft in besonderem Maß auf den Albock/Aalbock zu. Historische Dokumente aus dem Berner Oberland verwenden die Form Albock bereits lange vor der modernen zoologischen Taxonomie. Alte Urkunden, Rechnungen und Fischereivorschriften nennen größere Felchen des Thunersees, von denen ein Teil regelmäßig aus dem See in die Aare wanderte und dort in bedeutenden Mengen gefangen wurde.

Der Name ist in der regionalen Überlieferung sogar seit dem Mittelalter dokumentiert. Damit ist die regionalsprachliche Form Albock erheblich älter als der sicher belegte hochdeutsch wirkende Schriftbeleg Aalbock von 1791.

Ein besonders aufschlussreicher Beleg stammt aus 1715. In einem Stadtratsprotokoll erscheint die Form „Allböck“ und wird unmittelbar mit Albelen in Beziehung gesetzt. Solche historischen Schreibungen zeigen, dass der Name zu einer schweizerischen Wortfamilie von Felchenbezeichnungen gehört und nicht einfach aus den heutigen Standardwörtern Aal und Bock erklärt werden kann.

Der historische Wanderalbock des Thunersees ist fischereigeschichtlich besonders interessant. Größere Felchen wanderten aus dem See in die Aare und wurden an geeigneten Fangstellen in erheblichen Mengen gefangen. Bekannt waren insbesondere die Fänge im Bereich von Unterseen beziehungsweise Interlaken.

Solche Wanderungen machten den Fisch zu einer wirtschaftlich wichtigen Ressource. Fischereirechte auf Wanderstellen konnten entsprechend wertvoll sein. Der Name Albock begegnet deshalb nicht nur in naturkundlicher Literatur, sondern bereits in Verwaltungs-, Abgaben- und Fischereikontexten.

Nach tiefgreifenden Veränderungen des Gewässersystems änderten sich die Fangverhältnisse. Die Einleitung der Kander in den Thunersee im frühen 18. Jahrhundert und später der Bau beziehungsweise Betrieb von Schleusen und anderen wasserbaulichen Einrichtungen beeinflussten die Verhältnisse zwischen See und Aare. Die traditionellen Wanderfänge gingen zurück.

Welche moderne Felchenart dem alten Wanderalbock exakt entspricht, ist nicht abschließend geklärt. Historische Museumsexemplare aus dem 19. Jahrhundert ähneln morphologisch besonders dem heute als Tiefenalbock bezeichneten Coregonus fatioi. Eine vollständige Gleichsetzung des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Albocks mit dieser Art wäre dennoch zu weitgehend, weil die historische Population selbst nicht mehr in derselben Form untersucht werden kann.

Coregonus fatioi kommt heute im Thunersee und Brienzersee vor. Im Thunersee wird die Art als Tiefenalbock bezeichnet, während sie im Brienzersee schlicht als Felchen bezeichnet werden kann. Sie ist ein mittelgroßer, vergleichsweise schlanker Felchen mit längerem Kopf und relativ zahlreichen Kiemenreusendornen.

Der wissenschaftliche Name Coregonus fatioi wurde 1997 von Maurice Kottelat eingeführt. Er ehrt den Schweizer Zoologen Victor Fatio, der die außerordentliche Vielfalt der Schweizer Felchen bereits im 19. Jahrhundert intensiv untersucht hatte.

Der heute meist einfach Albock genannte Fisch des Thunersees wird dagegen seit einer taxonomischen Revision von 2020 als eigenständige Art Coregonus acrinasus behandelt. Die Art wurde von Oliver Selz, weiteren Forschenden und Ole Seehausen wissenschaftlich beschrieben.

Damit ist für die moderne Terminologie eine wichtige Unterscheidung möglich:

Albock – Coregonus acrinasus, heutiger Artname eines Felchens des Thunersees;

Tiefenalbock – Coregonus fatioi, Felchen des Thuner- und Brienzersees;

historischer Albock/Aalbock – älterer regionaler Felchenname, dessen jeweilige biologische Referenz nicht in jedem historischen Beleg exakt mit einer heutigen Art gleichgesetzt werden kann.

Diese Differenzierung ist für einen historischen Lexikonartikel unverzichtbar. Würde man jeden älteren Aalbock automatisch mit Coregonus acrinasus identifizieren, würde eine moderne Artabgrenzung rückwirkend auf mehrere Jahrhunderte regionaler Fischereisprache übertragen.

Der heutige Albock Coregonus acrinasus kommt nach dem gegenwärtigen Forschungsstand ausschließlich im Thunersee vor. Er gehört dort zu mehreren nebeneinander vorkommenden Coregonus-Arten.

Die Art weist ein mittleres bis relativ schnelles Wachstum auf. Untersuchungen geben für dreijährige Tiere eine mittlere Gesamtlänge von ungefähr 30 Zentimetern an. Damit nimmt der moderne Albock innerhalb der verschiedenen Thunersee-Felchen auch hinsichtlich seiner Wachstumsgeschwindigkeit eine Zwischenstellung ein.

Sein Körper ist leicht hochrückig. Der Kopf ist im Verhältnis zur Körperlänge vergleichsweise lang, das Maul liegt unterständig, und die Schnauzenspitze ist auffällig beziehungsweise zugespitzt. Gerade diese spitze Schnauze wurde zum Motiv des wissenschaftlichen Artnamens acrinasus.

Die Augen sind im Verhältnis zur Kopf- beziehungsweise Körpergröße eher klein. Oberhalb der Seitenlinie erscheint der Fisch dunkel blaugrün; Körper und Flossen sind vergleichsweise kräftig pigmentiert.

Ein wichtiges Merkmal bei der Unterscheidung der Felchenarten ist die Zahl der Kiemenreusendornen. Beim modernen Albock Coregonus acrinasus wurden ungefähr 30 bis 40 solcher Reusendornen festgestellt, mit einem typischen Wert im mittleren Dreißigerbereich.

Kiemenreusendornen sitzen an den Kiemenbögen und unterstützen bei Felchen unter anderem die Aufnahme beziehungsweise Zurückhaltung kleiner Nahrungsorganismen. Zahl und Länge dieser Strukturen unterscheiden sich zwischen verschiedenen Coregonus-Arten und stehen häufig mit ihrer jeweiligen Ernährungsökologie in Verbindung.

Der heutige Albock hält sich zumindest während standardisierter Herbstbefischungen besonders in den oberen ungefähr 30 Metern des freien Wasserkörpers auf. Er ist damit wesentlich mit dem Pelagial verbunden, kann jedoch auch in flacheren bodennahen Habitaten auftreten.

Über das genaue Nahrungsspektrum dieser modernen Art liegen vergleichsweise wenige belastbare artspezifische Daten vor. Es wäre deshalb falsch, aus älterer Literatur oder literarischen Darstellungen eine einfache Ernährungsregel abzuleiten.

Besonders bekannt wurde der Name durch Friedrich Dürrenmatt. In seinem Kriminalroman Das Versprechen von 1958 erklärt ein Junge beim Gespräch über das Angeln, ein Aalbock sei im Gegensatz zu einer räuberischen Forelle ein „Vegetarier“ und könne beispielsweise mit einer Kirsche gefangen werden.

Diese Stelle ist für die neuere Wortgeschichte ausgesprochen wichtig, weil sie den regionalen Fischnamen in die deutschsprachige Literatur trägt. Biologisch sollte die Aussage über den Aalbock als reinen Pflanzenfresser jedoch nicht als zoologische Definition übernommen werden. Felchen nutzen je nach Art und Lebensraum besonders Zooplankton, kleine bodenlebende Wirbellose und andere geeignete Nahrungsorganismen.

Bei Dürrenmatt erfüllt die Information über Fisch und Köder vor allem eine erzählerische Funktion. Das Gespräch führt die Figur auf den Gedanken, dass zur Jagd auf einen bestimmten „Raubfisch“ der passende lebende Köder erforderlich sei. Die Fischkunde wird damit Teil der metaphorischen Konstruktion des Kriminalromans.

Die Form Aalbock in diesem Text ist zugleich auffällig, weil schweizerische Wörterbücher sonst überwiegend Albock ansetzen. Die Schreibvariante mit Aal- war aber aufgrund der älteren naturkundlichen Tradition bereits etabliert und konnte daher auch im 20. Jahrhundert erscheinen.

Das Wort ist damit ein interessantes Beispiel dafür, dass historische Schreibform und moderne regionale Standardform auseinandergehen können. Wer nur die gegenwärtige Schweizer Bezeichnung Albock kennt, könnte Aalbock für einen Druckfehler halten; die historischen Belege zeigen jedoch eindeutig, dass die Form real verwendet wurde.

Umgekehrt wäre es falsch, aus der Schreibung Aal-bock unmittelbar zu schließen, der Name müsse etwas mit Aalen zu tun haben. Die Wortgeschichte spricht gerade gegen eine solche rein synchrone Interpretation.

Der Aalbock besitzt weder die typische Aalform noch den langen schlangenartigen Körper eines Europäischen Aals. Felchen haben einen seitlich abgeflachten, vergleichsweise gewöhnlichen salmonidenartigen Fischkörper. Die Bezeichnung kann daher nicht plausibel als morphologischer Vergleich mit einem Aal erklärt werden, wie es beispielsweise bei Aalbarsch oder Aaldorsch möglich ist.

Auch biologisch sind Aal und Aalbock weit voneinander entfernt. Der Europäische Aal gehört zur Ordnung Anguilliformes; die Felchen gehören zur Ordnung Salmoniformes und zur Familie Salmonidae.

Die vereinfachte moderne Einordnung des heutigen Albocks lautet:

Knochenfische → Lachsartige → Lachsfische → Coregoninae → Coregonus → Coregonus acrinasus.

Die Einordnung des historischen Aalbocks kann nicht in jedem Beleg bis zur letzten modernen Artstufe fortgeführt werden. Sicher ist jedoch, dass es sich um einen Felchen beziehungsweise Coregonus-Fisch handelt.

Die Vielfalt der Felchen in alpinen Seen beruht auf einer evolutionär bemerkenswerten adaptiven Radiation. Nach der letzten Eiszeit konnten Felchen verschiedene ökologische Nischen innerhalb derselben Seen besetzen. Unterschiede in Nahrung, Wassertiefe, Laichzeit und Laichplatz ermöglichten die Entstehung mehrerer eng verwandter Arten innerhalb eines Gewässers.

Der Thuner- und Brienzersee gehören zu den besonders artenreichen Beispielen. Mehrere Felchenarten leben dort teilweise im selben See, unterscheiden sich aber hinsichtlich ökologischer Nutzung und Fortpflanzung. Historische Fischer entwickelten für solche erkennbaren Formen eigene Namen, lange bevor ihre genetischen Beziehungen untersucht werden konnten.

Gerade deshalb besitzt der Name Albock/Aalbock einen erheblichen kulturgeschichtlichen Wert. Er ist nicht bloß eine alternative moderne Artbezeichnung, sondern Teil eines regionalen Wissenssystems der Fischerei.

Fischer unterschieden Felchen beispielsweise nach Körpergröße, Gestalt, Aufenthaltsgebiet, Fangzeit oder Laichwanderung. Namen konnten sich dadurch regional ändern oder mehrere biologische Formen einschließen. Umgekehrt konnte eine moderne Art in unterschiedlichen Seen verschiedene traditionelle Namen tragen.

Die Geschichte des Albocks zeigt zudem, dass selbst ein traditioneller Name über Jahrhunderte nicht zwingend denselben genetisch definierten Bestand bezeichnet. Gewässerveränderungen, Besatzmaßnahmen und Hybridisierung können die biologische Zusammensetzung einer Population verändern, während ein alter Fischername weiterverwendet wird.

Dies ist beim heutigen Coregonus acrinasus besonders relevant. Genetische Untersuchungen zeigen eine Beziehung sowohl zu Thunersee-Felchen als auch zu Felchen aus dem Bodensee. Im 20. Jahrhundert wurden verschiedene Bodensee-Felchen in die Berner Oberländer Seen eingesetzt.

Die heutige Art weist deshalb eine komplizierte populationsgeschichtliche Situation auf. Diskutiert wird, ob sie eine ursprünglich einheimische Thunersee-Linie mit später eingemischten genetischen Anteilen fremder Felchen darstellt oder ob ihre heutige Form stärker aus einer Hybridisierung zwischen eingesetzten Bodensee-Felchen und einheimischen Thunersee-Felchen hervorgegangen ist.

Diese Unsicherheit betrifft nicht die Gültigkeit des wissenschaftlichen Namens Coregonus acrinasus, sondern die genaue Entstehungsgeschichte der Population beziehungsweise Art.

Für das historische Lemma Aalbock ergibt sich daraus eine wichtige methodische Folgerung: Der alte Fischname ist stabiler als die biologische Entität, auf die er zu verschiedenen Zeiten angewandt wurde.

Der mittelalterliche Wanderalbock, der Aalbock bei Blumenbach 1791, verschiedene als Albock bezeichnete Felchen des 19. und 20. Jahrhunderts und der heutige Coregonus acrinasus dürfen daher nicht ohne Prüfung als dieselbe unveränderte Population behandelt werden.

Historische naturkundliche Autoren standen vor diesem Problem bereits, ohne über moderne Genetik zu verfügen. Victor Fatio wies im späten 19. Jahrhundert darauf hin, wie schwierig die schweizerischen Felchen aufgrund lokaler Namen, variabler Formen und teilweise ineinander übergehender Merkmale zu ordnen waren.

Ein Name wie Albock konnte in einer Region eine bestimmte Form bezeichnen, während in einem anderen See eine ähnlich aussehende oder ökologisch vergleichbare Form einen anderen Namen trug. Umgekehrt konnten gleichlautende Namen in verschiedenen Seen auf nicht völlig identische Populationen angewandt werden.

Auch ältere Sammelbezeichnungen wie Blaufelchen sind deshalb nicht ohne weiteres mit heutigen Artgrenzen gleichzusetzen. Die traditionelle europäische Felchensystematik fasste zahlreiche lokale Formen unter weit gefassten Arten beziehungsweise Unterarten zusammen, die moderne Forschung teilweise aufgetrennt hat.

Die ältere Zuordnung des Aalbocks zu Salmo lavaretus beziehungsweise später zu einem weit gefassten Coregonus lavaretus ist ein Beispiel hierfür. Historisch wurde lavaretus als Sammelbecken für zahlreiche europäische Felchenformen verwendet. Heute werden viele davon als eigenständige Arten behandelt.

Die Bezeichnung „eine Art Salm“ bei Pierer darf daher ebenfalls nur historisch verstanden werden. Sie bedeutet nicht, der Aalbock sei eine Form des heutigen Atlantischen Lachses Salmo salar. Gemeint ist seine Zugehörigkeit zu dem damals weiter verstandenen Bereich der lachsartigen Fische.

Von Aalbarsch ist der Aalbock besonders deutlich abzugrenzen. Beim Aalbarsch beruht das Erstglied tatsächlich auf einer auffälligen aalartigen Körpergestalt. Der Aalbock ist dagegen ein normal gebauter Felchen, dessen Name historisch aus einer anderen regionalen Worttradition hervorgegangen ist.

Auch von Aalbutt, Aaldorsch und Aaleidechse unterscheidet sich die Wortgeschichte deshalb grundlegend. Bei solchen Bildungen lässt sich Aal- semantisch häufig unmittelbar als Vergleichs- oder Tierbezeichnung verstehen. Beim Aalbock ist gerade diese scheinbar naheliegende Zerlegung historisch problematisch.

Auch die zweite Worthälfte -bock sollte nicht unkritisch als Bock „männliches Tier“ interpretiert werden. Ein Aalbock ist weder ausschließlich ein männlicher Felchen noch eine Bezeichnung des Felchenmännchens.

Männliche und weibliche Tiere können unter den regionalen Namen Albock beziehungsweise Aalbock fallen. Der Name bezeichnet eine Fischform beziehungsweise Felchenpopulation und keine Geschlechtsklasse.

Die mögliche Assoziation mit Bock als männlichem Tier ist für moderne Sprecher zwar naheliegend, liefert aber keine sachliche Erklärung der Fischbezeichnung. Gerade deshalb ist bei der etymologischen Analyse Zurückhaltung erforderlich.

Die moderne Form Albock macht die historische Eigenständigkeit des Namens deutlicher. Schweizer Wörterbücher führen beispielsweise:

Albock, der; Plural Alböcke – Felchen beziehungsweise traditionell Blaufelchen des Thuner- und Brienzersees.

Das historische Aalbock kann als ältere beziehungsweise volksetymologisch oder orthographisch umgestaltete Form dieses regionalen Fischnamens behandelt werden.

Der Begriff gehört damit auch zum Bereich der Helvetismen beziehungsweise der schweizerischen regionalen Fischereiterminologie. Außerhalb der Schweiz ist er heute kaum allgemeinsprachlich bekannt. Selbst innerhalb der Schweiz ist seine Verwendung regional konzentriert.

Das erklärt zugleich, weshalb Friedrich Dürrenmatt den Namen selbstverständlich in einen Schweizer Handlungskontext einbauen konnte, während Leser außerhalb der Schweiz seine Bedeutung häufig nicht kennen.

Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass Albock heute nicht nur als historischer Name weiterlebt, sondern durch Coregonus acrinasus erneut eine präzise moderne wissenschaftliche Referenz erhalten hat. Ein sehr alter Fischername wurde damit im 21. Jahrhundert als deutscher Trivialname einer neu beschriebenen Art verwendet.

Dies darf jedoch nicht als Beweis verstanden werden, dass alle mittelalterlichen und neuzeitlichen Alböcke genetisch Coregonus acrinasus waren. Die moderne Namensgebung bewahrt den regionalen Traditionsnamen, während die zoologische Artabgrenzung neu ist.

Der Fall ist damit ein besonders anschauliches Beispiel für die unterschiedliche Arbeitsweise von Volksnamen und wissenschaftlichen Namen. Ein Volksname kann über Jahrhunderte fortbestehen, obwohl sich die wissenschaftliche Definition des damit bezeichneten Organismus mehrfach verändert.

Der wissenschaftliche Name Coregonus acrinasus ist dagegen ausdrücklich an eine taxonomisch beschriebene Art gebunden. Sein Artepitheton verweist auf die charakteristische Schnauze: Der Bestandteil acri- wird mit „spitz“ erklärt, nasus bedeutet lateinisch „Nase“.

Coregonus ist der wissenschaftliche Gattungsname der Felchen. Die Gattung umfasst zahlreiche Arten der nördlichen Hemisphäre, darunter sehr viele lokal endemische Formen in europäischen Alpenseen.

Die Vielfalt dieser Arten macht Felchen zu einem wichtigen Forschungsobjekt für Artbildung, adaptive Radiation, ökologische Spezialisierung und die Folgen menschlicher Fischbesatzmaßnahmen.

Gerade beim Thunersee lässt sich beobachten, wie natürliche postglaziale Artbildung und menschliche Eingriffe ineinandergreifen können. Historische Besatzmaßnahmen mit Felchen aus anderen Seen eröffneten Möglichkeiten für genetische Vermischung mit lokalen Populationen.

Solche Vorgänge verändern zugleich die Bedeutung lokaler Fischernamen. Ein Name kann weiterbestehen, obwohl die unter ihm gefangenen Tiere im Verlauf der Zeit einen anderen genetischen Hintergrund erhalten.

Aus diesem Grund sollte ein historischer Satz wie „Im Thunersee wurde der Aalbock gefangen“ zunächst als Aussage über einen regional so bezeichneten Felchentyp verstanden werden. Erst wenn Zeit, Fangort, biologische Beschreibung oder Museumsmaterial bekannt sind, kann versucht werden, den Fisch einer heutigen Art zuzuordnen.

Dies gilt besonders für Texte des 18. und 19. Jahrhunderts. Eine automatische Übersetzung von Aalbock mit Coregonus acrinasus wäre für diese Quellen methodisch zu grob.

Der sichere begriffliche Kern lautet dagegen über die gesamte Überlieferung hinweg:

Aalbock = historische beziehungsweise ältere Form von Albock, einem schweizerischen Namen für einen Felchen, besonders aus dem Thuner- beziehungsweise Berner Oberländer Seengebiet.

Etymologie

Lemma Aalbock
Wortart Substantiv
Genus Maskulinum
Singular der Aalbock
Genitiv des Aalbocks
Plural die Aalböcke
Heutige Hauptvariante Albock
Bedeutung schweizerischer Felchenname
Historische zoologische Einordnung eine Art Salm beziehungsweise Felchen
Moderner enger Bezug Albock: Coregonus acrinasus; Tiefenalbock: Coregonus fatioi
Historische Wortanalyse nicht sicher als Aal + Bock zu deuten
Sicherer Beleg der Form Aalbock spätestens 1791
Ältere regionale Wortfamilie Albock/Allböck und verwandte Felchennamen bereits erheblich früher belegt

Die Schreibung Aalbock legt für einen heutigen Sprecher zunächst die Analyse

Aal + Bock → Aalbock

nahe. Gerade bei diesem Wort ist diese scheinbar transparente Zerlegung jedoch etymologisch problematisch. Die Sachbedeutung passt zu keinem der beiden Bestandteile in ihrer modernen Standardbedeutung: Der Aalbock ist weder ein Aal noch ein „Bock“ im Sinn eines männlichen Tieres.

Die historische Überlieferung weist vielmehr auf den schweizerischen Fischnamen Albock als Ausgangspunkt. Die Form Albock ist regional sehr alt und bereits aus mittelalterlichen beziehungsweise frühneuzeitlichen Fischerei-, Abgaben- und Verwaltungsquellen bekannt.

Ein Beleg von 1715 bietet die Schreibung Allböck und setzt sie ausdrücklich mit Albelen in Beziehung. Dies ist sprachgeschichtlich besonders wichtig, weil es zeigt, dass der Name in ein größeres schweizerisches Wortfeld von Felchenbezeichnungen gehört.

Zu diesem Wortfeld gehören Formen wie Albe, Albel, Albeli, Albich, Albuli und Albock. Sie wurden regional für verschiedene Coregonus-Fische verwendet.

Die historische schweizerische Fischereiterminologie verbindet diese Namengruppe mit einem sehr alten Wortstamm aus dem Bedeutungsfeld „weiß, hell“. Vergleichend wird hierfür eine indogermanische Wurzel *albh- „weiß“ herangezogen.

Dass gerade Felchen einen solchen Namen erhalten konnten, ist semantisch plausibel. Viele Coregonus-Arten besitzen silbrig-helle Flanken und wurden auch mit Namen aus dem Bedeutungsfeld Weißfisch bezeichnet.

Die Namen Albel beziehungsweise Albeli lassen diese ältere Wortfamilie deutlicher erkennen als die Form Aalbock. In historischen und regionalen Quellen können beispielsweise Albelen als Felchenbezeichnung auftreten.

Die etymologische Verbindung bedeutet jedoch nicht, dass sich jede Einzelheit von Albock vollständig und zweifelsfrei aus einer einzigen rekonstruierten Urform ableiten lässt. Gerade regionale Tiernamen können durch Lautentwicklung, Analogie, Volksetymologie und wechselnde Schreibtraditionen stark umgestaltet werden.

Für das Lemma ist deshalb zwischen synchroner Scheintransparenz und historischer Herkunft zu unterscheiden.

Synchron erscheint:

Aal + Bock → Aalbock.

Historisch wahrscheinlicher ist dagegen:

ältere schweizerische Felchennamen aus der Alb-/Albel-Wortfamilie → Albock → daneben beziehungsweise sekundär Aalbock.

Die Form Aalbock kann somit als eine schriftsprachliche beziehungsweise volksetymologisch verständlicher gemachte Variante eines regionalen Albock aufgefasst werden. Das bekannte Standardwort Aal bot dabei eine naheliegende orthographische und lautliche Anschlussmöglichkeit.

Eine solche Umdeutung ist in der Sprachgeschichte häufig. Wenn ein regionales, altes oder nicht mehr verstandenes Wort einem bekannten Wort ähnelt, kann seine Laut- oder Schriftform nach dem vertrauten Wort umgestaltet werden. Dieser Vorgang wird als Volksetymologie beziehungsweise sekundäre etymologische Umdeutung bezeichnet.

Für Aalbock ist deshalb besondere Vorsicht geboten: Die heutige Schreibung darf nicht automatisch als Beweis dafür gelten, dass das Wort ursprünglich auf den Fisch Aal zurückgeht.

Dass der bezeichnete Felchen äußerlich gerade nicht aalartig ist, unterstützt diese sprachgeschichtliche Vorsicht. Anders als beim Aalbarsch besteht kein überzeugendes morphologisches Benennungsmotiv „aalförmiger Fisch“.

Auch das zweite scheinbare Element Bock ist etymologisch nicht ohne weiteres mit dem gewöhnlichen deutschen Tiernamen Bock gleichzusetzen. Der Aalbock ist keine Bezeichnung ausschließlich für männliche Felchen.

Der gewöhnliche deutsche Bock bezeichnet insbesondere das männliche Tier verschiedener Säugetierarten, etwa Ziegen- oder Rehbock. Diese Geschlechtsbedeutung spielt beim schweizerischen Fischnamen keine erkennbare sachliche Rolle.

Eine Erklärung wie

*Aalbock = männlicher Aal

ist daher falsch.

Ebenso falsch wäre:

*Aalbock = männlicher Felchen, der wegen seiner Form an einen Aal erinnert.

Weder Geschlecht noch Aalform definieren den historischen Fisch.

Für die lexikographische Analyse ist deshalb sinnvoller, Aalbock als historische Gesamtform zu behandeln und auf die ältere Variante Albock zu verweisen, statt eine rein neuhochdeutsche Kompositionsanalyse zu erzwingen.

Die Flexion verhält sich dennoch im heutigen Sprachgefühl wie diejenige eines auf -bock endenden Maskulinums:

der Aalbock;

des Aalbocks;

die Aalböcke.

Bei der heutigen Hauptform gilt entsprechend:

der Albock;

des Albocks;

die Alböcke.

Die Umlautung im Plural folgt dem synchronen deutschen Muster von Bock – Böcke. Eine solche moderne Flexion beweist jedoch wiederum nicht, dass das zweite historische Wortelement etymologisch mit dem gewöhnlichen Bock identisch sein muss. Flexionsmuster können nachträglich an bekannte Wörter angeglichen werden.

Der früheste hier sicher nachgewiesene Beleg der genauen Form Aalbock stammt aus 1791. Johann Friedrich Blumenbach schreibt in seinem Handbuch der Naturgeschichte vom „Aalbock im Thuner-See“.

Dieser Beleg ist inhaltlich eindeutig, weil der Aalbock unmittelbar neben den Felchen steht und im Zusammenhang mit Salmo lavaretus beziehungsweise der Féra behandelt wird.

Für 1857 nimmt Pierers Universal-Lexikon das Wort als eigenes Stichwort auf:

Aalbock – eine Art Salm.

Spätestens damit war die Schreibung auch außerhalb der rein lokalen schweizerischen Fischereisprache lexikographisch verbreitet.

Im 20. Jahrhundert erscheint Aalbock unter anderem 1958 bei Friedrich Dürrenmatt in Das Versprechen. Der Fischname blieb damit literarisch verständlich, obwohl Schweizer Wörterbücher zunehmend die regional authentischere beziehungsweise standardisierte Form Albock ansetzen.

Die heutige Schweizer Standardsprache bevorzugt Albock. Ein schweizerisches Wörterbuch gibt beispielsweise den Plural Alböcke und erklärt das Wort als lokalen Felchennamen des Thuner- und Brienzersees.

Die Form Aalbock ist deshalb heute vor allem historisch, lexikographisch oder literaturgeschichtlich relevant. Sie sollte bei der Wiedergabe historischer Quellen nicht stillschweigend zu Albock korrigiert werden, weil sie als eigenständige belegte Schreibform Teil der Wortgeschichte ist.

Umgekehrt sollte ein modernes zoologisches Lemma zu Coregonus acrinasus vorzugsweise die Form Albock verwenden. Aalbock eignet sich besonders als eigener historischer Verweisartikel.

Die wissenschaftliche Namensgeschichte ist von dieser deutschen Wortgeschichte getrennt. Der heute als Albock bezeichnete Coregonus acrinasus erhielt seinen wissenschaftlichen Namen erst 2020.

Coregonus ist eine aus dem Griechischen gebildete wissenschaftliche Gattungsbezeichnung. Das Artepitheton acrinasus verweist auf die zugespitzte Schnauze des Fisches: der erste Bestandteil steht im Bedeutungsfeld „spitz“, lateinisch nasus bedeutet „Nase“.

Der wissenschaftliche Name bedeutet damit sinngemäß einen Coregonus mit markant zugespitzter Nase. Er hat etymologisch keinen Zusammenhang mit Aalbock oder Albock.

Auch Coregonus fatioi, der heutige Tiefenalbock, besitzt eine eigenständige Namensgeschichte. Das Artepitheton fatioi ehrt Victor Fatio.

Damit bestehen bei der historischen Bezeichnung mindestens drei getrennte Namensebenen:

Aalbock – historische hochdeutsch wirkende Schreibform;

Albock – alter schweizerischer Fischereiname und heutiger deutscher Artname von Coregonus acrinasus;

Coregonus acrinasus – moderner wissenschaftlicher Artname.

Daneben steht:

Tiefenalbock – Coregonus fatioi.

Die Ebenen dürfen weder etymologisch noch taxonomisch miteinander gleichgesetzt werden.

Die historische Entwicklung lässt sich daher vorsichtig folgendermaßen zusammenfassen:

alte schweizerische Felchenbezeichnungen aus der Alb-/Albel-Wortfamilie → regional Albock/ältere Schreibvarianten wie Allböck → schriftsprachlich daneben Aalbock → moderne Schweizer Hauptform Albock.

Die ältere Wortfamilie wird sprachgeschichtlich mit dem Bedeutungsfeld „weiß, hell“ und der rekonstruierten Wurzel *albh- verbunden. Die genaue innere Bildung von Albock ist jedoch nicht so transparent, dass jedes seiner heutigen Lautsegmente zweifelsfrei als selbständiges neuhochdeutsches Wort erklärt werden könnte.

Gerade deshalb wäre eine scheinbar einfache Etymologie

Aal + Bock

für das historische Lemma irreführend. Sie beschreibt allenfalls, wie ein moderner Sprecher die Form spontan zerlegen könnte, nicht zuverlässig ihre tatsächliche Entstehung.

Die etymologisch und sachlich angemessene Gesamtbeschreibung lautet daher:

Aalbock – historische Schreibvariante des schweizerischen Felchennamens Albock; die ältere Namensfamilie steht wahrscheinlich mit schweizerischen Felchenbezeichnungen wie Albe, Albel, Albeli und einem alten Wortstamm für „weiß, hell“ in Zusammenhang. Die Form Aalbock ist spätestens 1791 sicher belegt; sie bezeichnet keinen Aal und keinen männlichen „Bock“, sondern einen Felchen.