Salvatore Apolloni

Salvatore Apolloni, auch Appoloni, Appolloni, Appolini oder Salvadore Apolloni, * um 1700 beziehungsweise um 1704 in Venedig, † nach 1759 vermutlich ebenda, war ein italienischer Violinist und Komponist. Er wirkte im venezianischen Theatermilieu des frühen 18. Jahrhunderts, besonders im Umfeld des Teatro San Samuele, der Compagnia Imer, der commedia dell’arte, des Intermezzos und der frühen opera buffa.

Überblick

Salvatore Apolloni gehört zu den nur schmal dokumentierten, aber kulturgeschichtlich aufschlussreichen Musikern des venezianischen Theaters im frühen 18. Jahrhundert. Er war kein Komponist der großen opera seria im Sinn eines Antonio Vivaldi, Johann Adolf Hasse oder Nicola Porpora, sondern erscheint vor allem in jener beweglichen Zone zwischen commedia dell’arte, Intermezzo, venezianischer Farce, parodistischem dramma per musica, musica bernesca und früher opera buffa, aus der sich im 18. Jahrhundert neue Formen des komischen Musiktheaters entwickelten.

Apolloni wird in der Forschung als Violinist und Komponist bezeichnet; RILM überliefert zusätzlich die bemerkenswerte Nachricht, er sei ursprünglich Barbier gewesen. Diese soziale Herkunft ist für die Theatergeschichte des 18. Jahrhunderts nicht nebensächlich. Sie erinnert daran, dass das venezianische Musikleben nicht nur aus berühmten Maestri, aristokratischen Auftraggebern und virtuosen Sängerinnen bestand, sondern auch aus Instrumentalisten, Theatermusikern, Barbieren, Kopisten, Schauspielern, Impresari und Komödianten, die zwischen Gewerbe, Bühne, Musikpraxis und städtischer Unterhaltungskultur wechselten.

Sein sicherster Kontext ist das Teatro San Samuele in Venedig. Dort ist Apolloni als erster Violinist des berühmten Theaters greifbar und dort erklangen mehrere seiner komisch-parodistischen Musiktheaterwerke oder ihm zugeschriebene Stücke. Sein Name verbindet sich besonders mit La fama dell’onore, della virtù, dell’innocenza in carro trionfante, Le metamorfosi odiamorose in birba trionfale nelle gare delle terre amanti, La Pelarina und Il pastor fido ridicolo. Diese Titel zeigen bereits die spezifische Welt, in der er arbeitete: lange, satirisch überladene, parodistische und bewusst burleske Titel, in denen venezianische Ortsnamen, Masken, Mode, Theaterwitz und Opernkonventionen spielerisch ineinandergreifen.

Kurzdaten

Name Salvatore Apolloni.
Namensformen Salvatore Apolloni, Salvatore Appoloni, Salvatore Appolloni, Salvatore Appolini, Salvadore Apolloni.
Geboren Um 1700 beziehungsweise in mehreren Katalogen um 1704 in Venedig.
Gestorben Nach 1759, wahrscheinlich in Venedig; exaktes Todesdatum nicht gesichert.
Beruf Violinist, Theatermusiker, Komponist, ursprünglich vermutlich Barbier, sowie Vertreter des venezianischen komischen Musiktheaters im frühen 18. Jahrhundert.
Wirkungsort Venedig, besonders das Teatro San Samuele; außerdem indirekt Wien, Warschau und weitere Aufführungsorte durch Wanderung und Bearbeitung seiner Bühnenstoffe.
Institutioneller Kontext Teatro Grimani di San Samuele, Compagnia Imer, venezianische commedia dell’arte, komische Intermezzo-Praxis und frühe opera buffa.
Instrument Violine; Apolloni wird in der Forschung als erster Violinist des Teatro San Samuele bezeichnet.
Gattungen Musica bernesca, dramma per musica, opera comica, intermezzo, scherzo comico, parodistische Oper und möglicherweise Barcarole.
Wichtige Librettisten Marco Miani, Antonio Gori, Antonio Sacco und im Umfeld der Zuschreibungen auch Carlo Goldoni.
Wichtige Werke La fama dell’onore, della virtù, dell’innocenza in carro trionfante; Le metamorfosi odiamorose in birba trionfale nelle gare delle terre amanti; La Pelarina; Il pastor fido ridicolo; Il contrasto delle regine Malghera e Mestre per il trono.
Quellenlage Sehr schmal und teilweise unsicher; mehrere Werke sind nur über Libretti, spätere Kataloge, Wiederaufführungsnachweise oder Zuschreibungen greifbar.

Name, Datierung und Quellenlage

Die Namensformen Apolloni, Appoloni, Appolloni und Appolini sind für Salvatore Apolloni quellenpraktisch wichtig. Librettodrucke, Kataloge und spätere Nachschlagewerke normalisieren den Namen nicht einheitlich. Für die sichtbare Lemmaform ist Salvatore Apolloni die zweckmäßigste Form; in Suchfeldern, Registereinträgen und Weiterverweisen sollten jedoch die Varianten Appoloni und Appolloni mitgeführt werden, damit ältere oder abweichend katalogisierte Nachweise auffindbar bleiben.

Die Lebensdaten sind unsicher. Die ältere lexikalische Tradition setzt ihn um 1700 in Venedig an; mehrere moderne Kataloge führen ihn als n. 1704, also geboren 1704. Das Todesdatum ist noch weniger präzise. Die Formulierung nach 1759 ist vorsichtig und sinnvoll, weil sie die späteste greifbare Lebens- oder Wirkungsgrenze offenhält, ohne einen ungesicherten Sterbetag zu erfinden. Einzelne sekundäre Datenbanken führen 1759 als Todesjahr; für eine quellenkritische Kulturlexikon-Seite ist jedoch die Form † nach 1759 vorzuziehen.

Die Quellenlage ist für Apolloni geradezu exemplarisch für kleinere Theatermusiker des 18. Jahrhunderts. Sein Name begegnet in Librettokatalogen, in Hinweisen der Theater- und Goldoni-Forschung, in Corago-Datensätzen, in der RILM- und MGG-Umgebung, in Braidense- und SBN-Katalogen, in IMSLP-Verweisen und in Studien zum Teatro San Samuele. Eine kontinuierliche Biographie, ein vollständiges Autographenverzeichnis oder eine gesicherte Liste aller Kompositionen liegt dagegen nicht vor. Das Werkverzeichnis muss deshalb zwischen gesicherten, wahrscheinlichen und zweifelhaften Zuschreibungen unterscheiden.

Biographische Grundlinien

Salvatore Apolloni wurde um 1700 beziehungsweise nach mehreren Katalogangaben um 1704 in Venedig geboren. Über seine Familie, Ausbildung und frühen Jahre ist kaum Sicheres bekannt. Die Nachricht, er sei ursprünglich Barbier gewesen, verweist auf einen Berufsraum, der im italienischen 18. Jahrhundert mit Musik stärker verbunden sein konnte, als es aus moderner Perspektive zunächst scheint. Barbiere konnten singen, Instrumente spielen, in städtischen Dienstleistungsnetzwerken stehen und als praktische Musiker in kleineren Besetzungen auftreten. Apollonis spätere Tätigkeit als Violinist und Theaterkomponist deutet auf eine berufliche Durchlässigkeit zwischen städtischem Gewerbe und professioneller Bühnenmusik.

Der wichtigste biographische Fixpunkt ist das Teatro San Samuele. Apolloni wird als erster Violinist dieses Theaters bezeichnet. Das ist nicht nur eine Orchesternotiz, sondern ein sozialer und ästhetischer Hinweis. Der erste Violinist war für die musikalische Leitung, die Ensemblepraxis, den Kontakt zwischen Bühne und Orchester sowie für den praktischen Ablauf der Aufführung von Bedeutung. In einem Theater, in dem commedia dell’arte, komische Musiknummern, Intermezzi, Tanz, Farce und parodistische Formen zusammenkamen, musste ein solcher Musiker außerordentlich flexibel sein.

Die erste größere Werkspur führt zu La fama dell’onore, della virtù, dell’innocenza in carro trionfante, das 1727 am Teatro Grimani di San Samuele in Venedig mit Musik Apollonis aufgeführt wurde. Der Titel, die parodistische Widmung und die Kennzeichnung als musica bernesca zeigen eine Welt, in der die ernste Oper, der akademische Ton, die Mode, die Masken der commedia dell’arte und der venezianische Spott miteinander verschmelzen. Das Werk wurde später auch im Wiener Kärntnertortheater-Kontext aufgegriffen, was die Wanderungsfähigkeit solcher komischen und parodistischen Stoffe belegt.

1732 folgte Le metamorfosi odiamorose in birba trionfale nelle gare delle terre amanti, ein in Padua gedrucktes und in Venedig gespieltes dramma per musica mit Musik von Salvatore Apolloni und Text von Antonio Gori, der unter dem akademisch-komischen Namen Goanto Rinio auftrat. Das Werk gehört in die satirische Theaterwelt von Mestre und Malghera und wurde später in bearbeiteter Form unter Titeln wie Il contrasto delle regine Malghera e Mestre per il trono weitergeführt. Damit wird Apolloni Teil einer mobilen, auch über Venedig hinausgreifenden komischen Opern- und Parodietradition.

Weitere Zuschreibungen betreffen La Pelarina und Il pastor fido ridicolo. Beide Fälle zeigen, wie schwierig die Autorschaft in der komischen Theaterpraxis der 1730er Jahre zu fassen ist. Texte konnten von Antonio Gori, Carlo Goldoni, Giuseppe Imer oder anderen bearbeitet, eingerichtet, übernommen oder beansprucht werden; Musik konnte anonym bleiben, später zugeschrieben oder aus bekannten Arien und neuen Stücken zusammengesetzt sein. Apolloni erscheint hier als Theaterpraktiker in einer Werkstattkultur, in der moderne Vorstellungen von eindeutiger Autorschaft nur begrenzt passen.

Ausführlicher Kulturüberblick

Apollonis Bedeutung erschließt sich erst, wenn man ihn nicht mit der großen opera-seria-Tradition, sondern mit der komischen Theaterkultur Venedigs verbindet. Venedig war im frühen 18. Jahrhundert eine der wichtigsten europäischen Theaterstädte. Öffentliche Opernhäuser, Adelsfamilien wie die Grimani, wandernde Truppen, Masken, Karneval, commedia dell’arte, Musikdruck, Librettodruck, Tourismus, städtisches Vergnügen und politische Selbstdarstellung bildeten ein dichtes System. Dieses System erzeugte nicht nur ernste Opern, sondern auch ein reiches Repertoire komischer, parodistischer, halb improvisierter und musikalisch beweglicher Formen.

Die opera buffa entsteht nicht aus dem Nichts. Sie wächst aus Intermezzi, Dialektszenen, commedia-dell’arte-Figuren, Farcen, neapolitanischen und venezianischen Traditionen, komischen Dienerfiguren, Musikparodien und einer zunehmend bürgerlich-komischen Theaterwahrnehmung hervor. Apolloni steht in genau diesem Vorfeld. Seine überlieferten Titel sind nicht die großen kanonischen buffe der späteren Mitte des Jahrhunderts, sondern experimentelle, satirische und theatrale Mischformen, die zeigen, wie stark das komische Musiktheater schon vor den berühmten Reform- und Repertoiretexten Carlo Goldonis in Bewegung war.

Der Begriff musica bernesca ist für Apolloni besonders wichtig. Er verweist auf eine burleske, parodistische und oft grotesk-gelehrte Ausdrucksweise, die ernste Formen absichtlich ins Komische kippen lässt. Titel wie La fama dell’onore, della virtù, dell’innocenza in carro trionfante übertreiben den pathetischen Ton schon im Titel. Sie imitieren die Sprache des hohen dramma per musica, des akademischen Lobes und der moralischen Allegorie, wenden sie aber auf absurde, lokale oder komisch entstellte Situationen an. Die Musik musste diese Doppelbödigkeit tragen: Sie musste Oper sein und zugleich Oper verspotten.

Apollonis Werke stehen auch in enger Beziehung zur venezianischen Orts- und Maskenkultur. Mestre und Malghera, San Samuele, Pantalone, Brighella, Arlecchino, Tascadoro, Pelarina, Volpiciona und andere Figuren oder sprechende Namen markieren eine Theaterwelt, in der lokale Topographie und komische Typisierung ineinandergreifen. Diese Welt unterscheidet sich deutlich von der heroischen Antike der opera seria. Sie ist niedrig, laut, beweglich, sprachlich gemischt, gestisch, körperlich und publikumsnah.

Kulturgeschichtlich ist Apolloni daher weniger als isolierter Komponist denn als Knotenpunkt einer Theaterpraxis zu betrachten. Er steht zwischen Orchesterdienst, Komposition, Schauspieltruppe, Librettodruck, parodistischer Oper, Karneval und reisender Rezeption. Seine Musik ist nur teilweise erhalten oder eindeutig identifizierbar, doch die Nachweise zeigen, dass er zu jener mittleren Berufsschicht gehörte, die den Theaterbetrieb tatsächlich trug. Ohne solche Musiker wäre die Entwicklung der opera buffa und des musikalischen Intermezzos nicht zu verstehen.

Teatro San Samuele, Compagnia Imer und komisches Musiktheater

Das Teatro San Samuele war eines der wichtigsten venezianischen Theater des 18. Jahrhunderts. Es gehörte zum Grimani-Umfeld und war nicht nur für ernste Oper, sondern auch für komische und gemischte Formen bedeutsam. In den 1730er Jahren gewann dort die Compagnia Imer besondere Bedeutung. Giuseppe Imer war Schauspieler, Truppenleiter und Theaterorganisator; sein Ensemble verband commedia-dell’arte-Praxis mit neuen musikalischen Formen, Intermezzi, gesungenen Einlagen und parodistischen Experimenten.

Apolloni erscheint in diesem Zusammenhang als erster Violinist und Komponist. Diese Doppelrolle ist bezeichnend. Der Theatermusiker musste nicht nur fertige Partituren liefern, sondern auf Proben, Schauspieler, Sänger, Bühnenaktionen, Tänze und praktische Bedürfnisse reagieren. Die komischen Stücke der Compagnia Imer verlangten Musik, die Geste, Sprache, Maske und Bewegung unterstützte. Es ging nicht allein um gesungene Schönheit, sondern um Timing, Pointe, rasche Charakterisierung, Parodie und theatralische Energie.

In Le metamorfosi odiamorose wird diese Theaterpraxis besonders sichtbar. Der Stoff behandelt in burlesker Form die Konkurrenz zwischen Mestre und Malghera, also zwischen venezianischen Festlandorten. Der lokale Witz wird in die Sprache der Oper übersetzt. Aus geographischen Namen werden allegorische oder quasi-herrschaftliche Figuren; aus komischen Streitigkeiten wird ein parodistisches Bühnenereignis. Apollonis Musik musste diese Überhöhung ins Lächerliche tragen. Genau hier liegt der Reiz der musica bernesca: Sie gebraucht die Mittel des hohen Theaters, um das Niedrige und Lokale komisch zu adeln.

Antonio Gori, Carlo Goldoni und die Intermezzo-Kultur

Antonio Gori ist für Apolloni der wichtigste Textpartner. Er erscheint als Librettist von Le metamorfosi odiamorose und ist im Umfeld der komischen Produktionen des San Samuele eine zentrale Gestalt. Gori arbeitete mit sprechenden Namen, akademischen Pseudonymen, satirischen Widmungen und parodistischer Übertreibung. Seine Texte zeigen, wie stark die frühe opera buffa aus der literarischen und theatralischen Spielfreude kleinerer Bühnenformen hervorging.

Der Zusammenhang mit Carlo Goldoni ist besonders heikel und besonders interessant. Goldoni erhob später in seinen Memoiren Ansprüche auf die Priorität bestimmter komischer Formen und sah manche Arbeiten oder Stoffe im Umfeld von Gori und Imer kritisch. Bei La Pelarina ist die Autorschaftsgeschichte komplex: Der Text steht im Goldoni-Umfeld, doch die Musik wird in der Tradition und in späteren Nachweisen Salvatore Apolloni zugeschrieben. Für die Kulturgeschichte ist diese Unsicherheit produktiv. Sie zeigt, dass das frühe musikalische Intermezzo nicht nach dem Modell eines einzelnen Autors entstand, sondern aus einer Konkurrenz- und Austauschpraxis von Schauspielern, Dichtern, Komponisten und Theaterleitern.

Goldonis spätere Reform der Komödie und sein Beitrag zur opera buffa erscheinen vor diesem Hintergrund weniger als isolierter Neubeginn, sondern als Verdichtung einer bereits vorhandenen Theaterpraxis. Apolloni, Gori, Imer, Maccari, Pescetti und andere gehörten zu jener Umgebung, in der komische Typen, musikalische Intermezzi, venezianische Sprache, karnevaleske Übertreibung und soziale Beobachtung bereits vor der klassischen Goldoni-Phase erprobt wurden.

Stilistische Einordnung

Eine genaue stilistische Analyse Apollonis ist wegen der fragmentarischen und schwer zugänglichen musikalischen Überlieferung nur begrenzt möglich. Die Gattungskontexte erlauben jedoch eine vorsichtige Einordnung. Seine Musik dürfte weniger auf kontrapunktische Gelehrsamkeit oder großangelegte Affektdramatik gerichtet gewesen sein als auf theatralische Funktion, sangbare Kürze, pointierte Rhythmik, tänzerische Beweglichkeit, vokale Charakterisierung und komische Überzeichnung.

Als erster Violinist des San Samuele war Apolloni mit der praktischen Orchesterarbeit vertraut. Die musikalische Sprache solcher Theaterstücke musste flexibel, aufführbar und unmittelbar wirksam sein. Sie hatte Schauspielerinnen, Schauspieler und Sänger zu stützen, die nicht immer im gleichen Sinn wie opera-seria-Stars ausgebildet waren. Das erklärt den Wert einfacher, einprägsamer melodischer Formeln, klarer Begleitmuster, rascher Tempi und gut greifbarer Arienformen.

Die parodistische Ebene verlangte zudem Stilkenntnis. Wer die opera seria verspotten will, muss ihre Gesten kennen: pathetische Eingänge, triumphale Rhythmen, heroische Metaphorik, moralische Allegorie, empfindsame Kantilene und große Schlussformeln. Apollonis komische Musik steht daher vermutlich nicht außerhalb der ernsten Oper, sondern in ihrem Schatten. Sie übernimmt ihre Muster, verkleinert sie, verschiebt sie und stellt sie in absurde Zusammenhänge.

Barcarole, Zuschreibung und venezianisches Klangbild

RILM überliefert die Nachricht, Apolloni sei als Autor berühmter Barcarolen genannt worden, doch sei diese Zuschreibung offenbar unsicher. Gerade diese Unsicherheit ist kulturgeschichtlich wichtig. Die Barcarole gehört zu den wirkmächtigsten musikalischen Venedig-Bildern: ein wiegender Rhythmus, Gondel, Wasser, Abend, Gesang, Volksnähe und Theaterkolorit verbinden sich zu einer Gattung, die im 18. und 19. Jahrhundert immer stärker zum musikalischen Topos wurde.

Apolloni als venezianischer Theatermusiker wäre ein plausibler Träger solcher Formen. Dennoch darf man aus der bloßen Zuschreibung kein gesichertes Werkcorpus machen. Gerade in Venedig konnten populäre Lieder, Gondellieder, Theaterarien und mündlich verbreitete Melodien leicht zwischen anonymer Tradition und namentlicher Zuschreibung wechseln. Ein Komponist, der am Theater tätig war, konnte solche Melodien schreiben, arrangieren oder verbreiten, ohne dass ein stabiler Autographen- oder Drucknachweis erhalten blieb.

Für das Kulturlexikon sollte Apolloni daher als möglicher, aber nicht sicher belegter Barcarolen-Autor geführt werden. Entscheidend bleibt sein greifbarer Beitrag zum komischen Musiktheater. Die Barcarolen-Notiz ergänzt sein venezianisches Profil, ersetzt aber nicht die quellenkritisch nachweisbaren Bühnenwerke.

Überlieferung, Zuschreibungsprobleme und Forschung

Die Überlieferung Apollonis ist durch drei Schwierigkeiten geprägt. Erstens sind viele Werke nur über Libretti, Kataloge und spätere Zuschreibungen nachweisbar, nicht über vollständig erhaltene Partituren. Zweitens war die komische Theaterpraxis des frühen 18. Jahrhunderts stark kollaborativ. Texte konnten bearbeitet, Musiknummern ersetzt, Arien übernommen, Prologe hinzugefügt und Titel geändert werden. Drittens wanderten die Werke. Ein venezianischer Stoff konnte in Wien, Warschau oder in gedruckten Nachfassungen erscheinen, ohne dass die musikalische Identität immer eindeutig blieb.

Diese Lage verlangt ein vorsichtiges Werkverzeichnis. La fama dell’onore und Le metamorfosi odiamorose sind stärker gesichert. La Pelarina und Il pastor fido ridicolo sind als Apolloni-Zuschreibungen zu behandeln. Il contrasto delle regine Malghera e Mestre per il trono ist weniger als völlig neues Werk denn als Bearbeitungs- und Wanderungsform des Mestre-Malghera-Stoffs zu verstehen. Weitere Intermezzo-Zuschreibungen, etwa im Goldoni- und San-Samuele-Umfeld, sollten nur mit ausdrücklichem Fragezeichen aufgenommen werden.

Die neuere Forschung zu Carlo Goldoni, Antonio Gori, Giuseppe Imer und dem Teatro San Samuele hat Apolloni indirekt wieder sichtbar gemacht. Sie betrachtet ihn nicht mehr als isolierten Kleinkomponisten, sondern als Teil einer Produktionsgemeinschaft. Sein historischer Wert liegt gerade darin, dass er die Werkstatt des venezianischen komischen Musiktheaters sichtbar macht: eine Werkstatt aus Schauspieltruppe, Violinist, Librettist, Theaterleitung, Drucker, Tänzer, Szenograph und Publikum.

Werkverzeichnis

Das folgende Werkverzeichnis unterscheidet zwischen sicher nachweisbaren Werken, Titelvarianten, Wiederaufnahmen, Bearbeitungen und zweifelhaften Zuschreibungen. Da Salvatore Apollonis musikalische Überlieferung sehr schmal ist und viele Nachweise auf Libretti, späteren Katalogisierungen oder Forschungsliteratur beruhen, ist die Kategorie „komplett“ hier quellenkritisch zu verstehen: Aufgeführt werden alle derzeit einschlägigen, öffentlich nachweisbaren Werk- und Zuschreibungskomplexe, nicht jedoch hypothetische verlorene Arien oder Barcarolen ohne belastbaren Einzeltitel.

La fama dell’onore, della virtù, dell’innocenza in carro trionfante 1727; dramma per musica beziehungsweise musica bernesca; Libretto von Marco Miani oder im Miani-Umfeld; Musik von Salvatore Apolloni; Venedig, Teatro Grimani di San Samuele, Karneval beziehungsweise Mai 1727. Das Werk ist eines der sichersten frühen Zeugnisse für Apolloni als Komponisten komisch-parodistischer Bühnenmusik.
La fama dell’onore, della virtù, dell’innocenza Kurz- beziehungsweise Katalogtitel desselben Werkkomplexes; in Corago als erste Aufführung in Venedig 1727 und als späterer Neuaufbau beziehungsweise neue Einrichtung nachweisbar. Die gekürzte Form sollte nicht als eigenes Werk neben dem vollständigen Titel gezählt werden.
La fama dell’onore e dell’innocenza in carro trionfante 1730; Wiener Bearbeitungs- beziehungsweise Aufführungskontext am Kärntnertortheater; basiert auf der venezianischen Apolloni-Musik beziehungsweise auf dem Werkkomplex von 1727. Der veränderte Titel zeigt die Wanderung der venezianischen musica bernesca in ein habsburgisches Theaterumfeld.
Le metamorfosi odiamorose in birba trionfale nelle gare delle terre amanti 1732; dramma per musica; Libretto von Antonio Gori unter dem Namen Goanto Rinio; Musik von Salvatore Apolloni; erste Aufführung nach Corago am 21. Februar 1732 in Venedig, Teatro San Samuele; Druck Padua, Giovanni Battista Conzatti, 1732. Das Werk ist der wichtigste erhaltene Komplex aus Apollonis Zusammenarbeit mit der Gori-Imer-San-Samuele-Welt.
Le metamorfosi odiamorose in birba trionfale nelle agre delle terre amanti Abweichende Titel- beziehungsweise Katalogform desselben Werkes, in Corago als Operndatensatz geführt. Die Form mit „agre“ ist quellen- oder katalogbedingt zu prüfen und wird hier als Variante des Mestre-Malghera-Stoffs behandelt.
Le metamorfosi odiamorose in birba trionfale nelle gare delle terre amanti, venezianischer Druck 1744; venezianischer Druck bei Homobon Bettanino; im Polo SBN Venezia mit Apolloni, Salvatore <n.1704> als Komponist und mit Figuren wie Malghera, Mestre, Carpeneo, Bottenigo, Ballotta und Stricheroch nachgewiesen. Dieser Druck zeigt die spätere Druck- und Repertoirezirkulation des Stoffes.
Il contrasto delle regine Malghera e Mestre per il trono 1748; Bearbeitungs- beziehungsweise Wanderungsform des Mestre-Malghera-Stoffs; in Warschau im Umfeld italienischer Schauspiel- und Musiktheatertruppen nachweisbar. Der Stoff beruht auf Le metamorfosi odiamorose und verbindet venezianische Lokalparodie mit internationaler Theaterzirkulation.
Le contese di Mestre e Malghera per il trono Titelvariante beziehungsweise beschreibender Titel im Zusammenhang der Warschauer Aufführung von 1748. Diese Form ist als Bearbeitungs- und Aufführungsvariante, nicht als unabhängig gesicherte neue Oper Apollonis zu behandeln.
La Pelarina 1734; intermezzo in drei Teilen; Text im Goldoni- und Gori-Umfeld, später stark mit Carlo Goldoni verbunden; Musik in Grove-, Libretto- und Spezialnachweisen Salvatore Apolloni zugeschrieben. Die Zuschreibung ist plausibel, aber quellenkritisch vorsichtig zu behandeln, weil die Druck- und Autorschaftslage komplex ist.
La Pelerina Schreibvariante von La Pelarina, in mehreren Katalogen und älteren Nachweisen greifbar. Die Form ist nicht als neues Werk, sondern als orthographische Variante desselben Intermezzos zu behandeln.
Il pastor fido ridicolo 1739; scherzo comico in musica; Libretto Venedig, Teatro Grimani di San Samuele; Komponist in Corago als anonym beziehungsweise mit Zuschreibung „Apolloni, Salvatore?“ geführt; Antonio Sacco als Librettist oder Textbezug genannt. Das Werk parodiert bereits im Titel die pastorale Hochtradition um Guarinis Pastor fido.
Il pastor fido ridicolo, moderne Edition 2013; moderne Ausgabe beziehungsweise Erschließung durch Andrea Fabiano, Venedig, Lineadacqua. Diese Edition ist für die heutige Beschäftigung mit Apolloni und der San-Samuele-Praxis besonders wichtig, weil sie ein schwer zugängliches komisches Bühnenwerk wieder greifbar macht.
Monsieur Petiton Zuschreibungskomplex im Goldoni- beziehungsweise Zatta-Kontext; in Corago erscheint in einer Sammelausgabe der Hinweis auf Giacomo Maccari? und Salvatore Apolloni? als mögliche Komponisten. Das Werk sollte nur mit Fragezeichen in Apollonis Werkumfeld geführt werden.
Barcarolen RILM überliefert, Apolloni sei als Autor berühmter Barcarolen genannt worden, weist aber zugleich auf die unsichere Beleglage hin. Ohne gesicherte Einzeltitel, Drucke oder Handschriften ist dieser Bereich als Zuschreibungstradition und nicht als festes Werkcorpus zu behandeln.
Einzelarien aus La fama dell’onore Corago-Ariennachweise führen einzelne Arien aus La fama dell’onore, della virtù, dell’innocenza. Diese Einzelarien sind als Bestandteile des Werkkomplexes von 1727 zu verstehen, nicht als selbständige Werke.
Theatermusik als erster Violinist des San Samuele Die Funktion als erster Violinist legt nahe, dass Apolloni an weiteren Aufführungen, Einlagen, Tänzen oder Arrangements beteiligt war. Ohne konkrete Titel und Quellen dürfen daraus jedoch keine zusätzlichen Werke konstruiert werden.
Verlorene oder nicht identifizierte Intermezzi Die Theaterpraxis der Compagnia Imer und des San Samuele lässt verlorene oder nicht eindeutig zuweisbare Apolloni-Musik möglich erscheinen. Für ein wissenschaftlich sauberes Werkverzeichnis bleiben diese Stücke jedoch unbenannt, solange keine belastbaren Einzelnachweise vorliegen.

Sekundärliteratur

  • Allacci, Leone: Drammaturgia di Lione Allacci accresciuta e continuata fino all’anno 1755. Venedig 1755. Frühes dramatisch-bibliographisches Nachschlagewerk, das für die Erschließung italienischer Libretti und Bühnenwerke des 17. und 18. Jahrhunderts grundlegend bleibt.
  • Chiarelli, Alessandra und Angelo Pompilio: “Or vaghi or fieri”. Cenni di poetica nei libretti veneziani circa 1640–1740. Bologna 2004. Wichtige Studie zur poetologischen Sprache venezianischer Libretti und damit zum Umfeld der San-Samuele-Werke Apollonis.
  • Fabiano, Andrea: Il pastor fido ridicolo. Scherzo comico in musica. Venedig 2013. Moderne Ausgabe und Kontextualisierung eines Apolloni zugeschriebenen San-Samuele-Werks aus dem Jahr 1739.
  • Galletti, Lorenzo: Lo spettacolo senza riforma. La compagnia del San Samuele e le commedie di Carlo Goldoni, 1726–1749. Florenz 2021. Umfangreiche Studie zur Compagnia Imer, zum Teatro San Samuele und zur komisch-musikalischen Theaterpraxis, in deren Umfeld Apolloni als erster Violinist und Komponist sichtbar wird.
  • Goldoni, Carlo: Mémoires. Verschiedene Ausgaben. Autobiographische Quelle zur venezianischen Theaterwelt, zur frühen Intermezzo-Praxis und zu den Autorschaftskonflikten um Stücke wie La Pelarina.
  • Miggiani, Maria Giovanna und Piermario Vescovo: Edition und Studie zu Le metamorfosi odiamorose in birba trionfale nelle gare delle terre amanti. In: Problemi di critica goldoniana, 10–11, 2003/2004. Zentrale moderne Erschließung des Mestre-Malghera-Stoffs von Antonio Gori und Salvatore Apolloni.
  • Muraro, Maria Teresa: Studien zum venezianischen Theater des 18. Jahrhunderts. Kontextliteratur zu Theaterhäusern, Gesellschaft, Publikum und Aufführungspraxis in Venedig.
  • Sartori, Claudio: I libretti italiani a stampa dalle origini al 1800. Cuneo 1990–1994. Unentbehrliches Standardverzeichnis italienischer Librettodrucke, wichtig für sämtliche Apolloni-Zuschreibungen und Titelvarianten.
  • Selfridge-Field, Eleanor: A New Chronology of Venetian Opera and Related Genres, 1660–1760. Stanford 2007. Grundlegende Chronologie venezianischer Opern- und verwandter Gattungen, besonders wichtig für Datierung, Theaterorte und Aufführungskontexte.
  • Tavazzi, Valeria G. A.: Carlo Goldoni dal San Samuele al Teatro comico. Turin 2014. Wichtige Studie zum Übergang von der San-Samuele-Praxis zu Goldonis reformierter Komödie und zur Rolle von Antonio Gori und Giuseppe Imer.
  • Weiss, Piero: Venetian Commedia dell’Arte “Operas” in the Age of Vivaldi. In: The Musical Quarterly, 1984. Grundlegender Aufsatz zu venezianischen commedia-dell’arte-Opern, in dem Apollonis Le metamorfosi odiamorose und verwandte Formen kulturgeschichtlich eingeordnet werden.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Giovanni Apolloni Aretiner Madrigalist um 1600, deutlich vom venezianischen Theaterkomponisten Salvatore Apolloni zu unterscheiden.
  • Giovanni Filippo Apolloni Aretiner Librettist des 17. Jahrhunderts, dessen Namensähnlichkeit mit Salvatore Apolloni zu bibliographischer Vorsicht zwingt.
  • Giuseppe Apolloni Vicentinischer Opernkomponist des 19. Jahrhunderts und späterer Vertreter derselben Namensgruppe.
  • Barcarole Venezianisch konnotierte Lied- und Instrumentalform, deren Zuschreibung an Apolloni quellenkritisch unsicher bleibt.
  • Commedia dell’arte Italienische Theaterform mit Masken, Typen und Improvisation, aus deren Umfeld Apollonis komische Musiktheaterwerke hervorgingen.
  • Compagnia Imer Venezianische Schauspieltruppe um Giuseppe Imer, deren San-Samuele-Praxis für Apollonis Werkumfeld entscheidend ist.
  • Dramma per musica Gattungsbegriff der italienischen Oper, der in Apollonis komischem Werk parodistisch gebrochen wird.
  • Carlo Goldoni Dramatiker und Librettist, dessen frühe Theaterwelt mit Apollonis San-Samuele-Kontext verbunden ist.
  • Antonio Gori Librettist von Le metamorfosi odiamorose und wichtiger Textautor im komischen San-Samuele-Umfeld.
  • Giuseppe Imer Schauspieler und Truppenleiter, dessen Compagnia am Teatro San Samuele Apollonis Theatermusik-Kontext bildet.
  • Intermezzo Kurze komische Musiktheaterform, die für La Pelarina und die frühe opera-buffa-Entwicklung zentral ist.
  • Kärntnertortheater Wiener Theater, in dem eine Bearbeitung von La fama dell’onore im frühen 18. Jahrhundert nachweisbar ist.
  • La fama dell’onore Komisch-parodistischer Werkkomplex Apollonis von 1727 mit späterer Wiener Bearbeitung.
  • La Pelarina Intermezzo im Goldoni- und Gori-Umfeld, dessen Musik Salvatore Apolloni zugeschrieben wird.
  • Le metamorfosi odiamorose Dramma per musica von Antonio Gori und Salvatore Apolloni, das Mestre und Malghera burlesk gegeneinander ausspielt.
  • Libretto Gedruckter Opern- und Theatertext, über den Apollonis Werk heute vor allem greifbar ist.
  • Giacomo Maccari Theaterkomponist aus dem San-Samuele- und Intermezzo-Umfeld, dessen Name mit Apolloni in Zuschreibungszusammenhängen begegnet.
  • Malghera Venezianischer Festlandort, der in Apollonis Mestre-Malghera-Parodie zur komischen Bühnenfigur wird.
  • Mestre Venezianischer Festlandort und komischer Gegenspieler Malgheras im Werkkomplex Le metamorfosi odiamorose.
  • Musica bernesca Burlesk-parodistische Musiktheaterform, die für Apollonis La fama dell’onore besonders wichtig ist.
  • Opera buffa Komische italienische Operngattung, deren frühe venezianische Vorformen Apollonis Werk berühren.
  • Opera seria Ernste italienische Oper, deren Pathos und Konventionen in Apollonis komischen Werken parodiert werden.
  • Pasticcio Aufführungsform aus vorhandenen, neu kombinierten und bearbeiteten Musiknummern, wichtig für Zuschreibungsprobleme im komischen Theater.
  • Giovanni Battista Pescetti Venezianischer Komponist im Umfeld der komischen Theater- und San-Samuele-Kultur der 1730er Jahre.
  • Antonio Sacco Schauspieler und Theaterautor, der im Zusammenhang mit Il pastor fido ridicolo und der commedia dell’arte-Praxis begegnet.
  • San Samuele Venezianischer Theaterort, an dem Apolloni als erster Violinist und Komponist greifbar wird.
  • Teatro Grimani Theater- und Familienkontext, zu dem das Teatro San Samuele als wichtiger Aufführungsort gehörte.
  • Teatro San Samuele Venezianisches Theater, in dem Apollonis wichtigste greifbare komisch-musikalische Werke entstanden oder aufgeführt wurden.
  • Venedig Geburts-, Wirkungs- und vermutlicher Sterbeort Salvatore Apollonis sowie Zentrum seiner Theaterwelt.
  • Antonio Vivaldi Zeitgenössischer venezianischer Opern- und Instrumentalkomponist, dessen große Theaterwelt den Hintergrund von Apollonis kleineren komischen Formen bildet.
  • Warschau Aufführungsort einer späteren Bearbeitung des Mestre-Malghera-Stoffs im internationalen Theaterverkehr des 18. Jahrhunderts.