Giovanni Apolloni

Giovanni Apolloni, auch Giovanni Appolloni oder Giovanni Apolloni Aretino, * 1. Oktober 1556 in Arezzo, † 22. Februar 1625 ebenda, war ein italienischer Madrigalist, Komponist und zeitweiliger Leiter der Domkapelle von Arezzo. Sein sicher greifbares Hauptwerk ist das 1600 in Venedig bei Ricciardo Amadino erschienene Primo libro de madrigali a quattro voci.

Überblick

Giovanni Apolloni gehört zu den kleineren, aber kulturgeschichtlich aufschlussreichen Gestalten des italienischen Madrigals um 1600. Sein Name ist vor allem durch einen venezianischen Musikdruck greifbar, der ihn ausdrücklich als Aretiner ausweist: Di Giovanni Appolloni aretino il primo libro de madrigali a quattro voci. Damit steht Apolloni nicht im Zentrum der großen Madrigalgeschichte, wie sie mit Luca Marenzio, Claudio Monteverdi, Carlo Gesualdo, Giaches de Wert oder Luzzasco Luzzaschi verbunden wird. Gerade deshalb ist er für ein Kulturlexikon interessant: An ihm zeigt sich, wie weit die Madrigalkultur in die lokalen Musikzentren Italiens hineinreichte und wie stark auch kleinere Städte, Kathedralen und regionale Musiker an der gedruckten Musikkultur beteiligt waren.

Apolloni war mit Arezzo verbunden, einer Stadt, deren Musikgeschichte durch die Erinnerung an Guido von Arezzo, durch kirchliche Institutionen, durch humanistische Bildung und durch die toskanische Nähe zu Florenz geprägt war. Die Quellenlage deutet darauf, dass Apolloni im Umfeld von Orazio Tigrini stand, einem wichtigen aretinischen Musiker, Theoretiker und Kapellmeister. Nach Tigrinis Tod beziehungsweise im Übergang der Jahre 1591/1592 erscheint Apolloni kurzzeitig als Leiter der Kapelle des Doms von Arezzo. Diese Station macht ihn nicht nur als Madrigalisten, sondern auch als Kirchenmusiker und musikalischen Amtsträger greifbar.

Sein erhaltenes Hauptwerk, das Primo libro de madrigali a quattro voci, erschien 1600 bei Ricciardo Amadino in Venedig. Der Druckort ist bedeutsam. Venedig war um 1600 weiterhin eines der wichtigsten europäischen Zentren des Musikdrucks. Ein lokaler Aretiner Madrigalist konnte seine Musik also über einen überregional arbeitenden Verlag in einen größeren italienischen und europäischen Musikmarkt einspeisen. Apolloni steht damit an einer Schnittstelle von lokaler Kapellpraxis, höfisch-bürgerlicher Geselligkeit, literarischer Madrigalkultur und venezianischer Druckökonomie.

Kurzdaten

Name Giovanni Apolloni.
Namensformen Giovanni Apolloni, Giovanni Appolloni, Gio. Apolloni, Gio. Appolloni, Giovanni Apolloni Aretino.
Geboren 1. Oktober 1556 in Arezzo.
Gestorben 22. Februar 1625 in Arezzo.
Beruf Madrigalist, Komponist, Kirchenmusiker und zeitweiliger Leiter der Kapelle des Doms von Arezzo.
Herkunft Aretiner Musiker aus dem toskanischen Kulturraum.
Wirkungsort Arezzo, besonders im Umfeld des Domes und der dortigen Kapellpraxis.
Musikalisches Umfeld Wahrscheinlich Schüler oder enger Nachfolger Orazio Tigrinis; verbunden mit der aretinischen Kirchen- und Madrigalkultur um 1600.
Amt Von November 1591 bis April 1592 als Leiter der Kapelle des Doms von Arezzo nachweisbar beziehungsweise in der Forschung genannt.
Gattungsschwerpunkt Vierstimmiges weltliches Madrigal.
Hauptwerk Di Giovanni Appolloni aretino il primo libro de madrigali a quattro voci, Venedig, Ricciardo Amadino, 1600.
Quellenlage Sehr schmal; Apolloni ist vor allem über den venezianischen Madrigaldruck und über lexikalisch-bibliographische Nachweise greifbar.

Name, Herkunft und Abgrenzung

Der Name Giovanni Apolloni wird in Katalogen und frühen Drucknachweisen auch als Giovanni Appolloni geschrieben. Die Form aretino auf dem Titel des Madrigalbuchs ist besonders wichtig, weil sie Apolloni eindeutig mit Arezzo verbindet. Solche Herkunftsangaben waren im Musikdruck der Frühen Neuzeit nicht bloß beiläufig. Sie dienten der Identifikation, der sozialen Verortung und der Autoritätsbildung. Wer als aretino bezeichnet wurde, trat in eine städtische und kulturelle Genealogie ein, die durch die gelehrte, kirchliche und musikalische Tradition Arezzos bestimmt war.

Zu unterscheiden ist Giovanni Apolloni, der Madrigalist des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts, von Giovanni Filippo Apolloni, dem späteren aretinischen Dichter und Librettisten des 17. Jahrhunderts. Diese Verwechslung liegt nahe, weil beide aus Arezzo stammen, beide mit Musikgeschichte verbunden sind und beide in Katalogen gelegentlich unter ähnlichen Namensformen begegnen. Für die kulturlexikalische Ordnung ist die Trennung jedoch wesentlich: Giovanni Apolloni war Madrigalist und Kirchenmusiker um 1600; Giovanni Filippo Apolloni war Librettist und Dichter des Opern- und Oratorienzeitalters, besonders im Umfeld von Antonio Cesti, Alessandro Stradella und Bernardo Pasquini.

Biographische Grundlinien

Giovanni Apolloni wurde am 1. Oktober 1556 in Arezzo geboren. Die Stadt war musikalisch nicht nur durch ihre mittelalterliche Erinnerung an Guido von Arezzo bedeutsam, sondern auch durch ihre Kathedralpraxis, ihre Schulen, ihre geistlichen Institutionen und ihre Einbindung in die toskanische Kultur. Über Apollonis Familie, Ausbildung und frühe Lebensjahre ist nur wenig Sicheres überliefert. Die Forschung nimmt jedoch eine Verbindung zu Orazio Tigrini an, der in Arezzo als Kapellmeister, Theoretiker und Madrigalist wirkte. Wenn Apolloni tatsächlich in Tigrinis Schüler- oder Nachfolgerumfeld stand, erklärt dies seine doppelte Orientierung auf kirchliches Amt und weltliches Madrigal.

Von November 1591 bis April 1592 erscheint Apolloni als Leiter der Kapelle des Doms von Arezzo beziehungsweise als Nachfolger Tigrinis in dieser Funktion. Auch wenn diese Amtszeit kurz war, ist sie für sein Profil entscheidend. Sie zeigt, dass Apolloni nicht nur ein gelegentlicher Madrigalkomponist war, sondern im institutionellen Musikleben seiner Heimatstadt eine Stellung besaß. Die Domkapelle war ein Ort liturgischer Musik, städtischer Repräsentation, musikalischer Ausbildung und praktischer Ensemblearbeit. Ein Musiker, der dort leitend tätig war, musste mit Gesang, Mehrstimmigkeit, Repertoirepflege und kirchlichem Kalender vertraut sein.

Der sicher greifbare Höhepunkt seiner publizistischen Sichtbarkeit ist der Druck des Primo libro de madrigali a quattro voci im Jahr 1600. Dass dieses Werk in Venedig bei Ricciardo Amadino erschien, spricht für einen gewissen überregionalen Anspruch. Apolloni veröffentlichte nicht bei einem rein lokalen Drucker, sondern bei einem Musikverleger, der im italienischen Madrigaldruck gut vernetzt war. Die Veröffentlichung eines primo libro deutet zugleich auf eine übliche Gattungskonvention: Viele Madrigalisten eröffneten ihre gedruckte Präsenz mit einem ersten Buch, das entweder eine weitere Serie vorbereiten konnte oder als selbständiger Werkblock stehen blieb. Bei Apolloni ist nach heutigem Quellenstand kein zweites eigenes Madrigalbuch sicher greifbar.

Apolloni starb am 22. Februar 1625 in Arezzo. Seine Lebensdaten umfassen damit eine Zeit, in der sich die italienische Musik tiefgreifend wandelte: von der Hochblüte des polyphonen Madrigals über die expressive Zuspitzung der Jahrhundertwende bis zur Entstehung von Monodie, Generalbass, früher Oper und konzertierender Kirchenmusik. Apolloni gehört nicht zu den Hauptakteuren dieser Umbrüche, aber sein schmales Œuvre steht genau an jener Schwelle, an der der ältere madrigalische Satz noch lebendig war und zugleich die neuen Ausdrucksformen des frühen 17. Jahrhunderts bereits in Sicht kamen.

Ausführlicher Kulturüberblick

Apollonis Werk gehört in die Spätphase des italienischen Madrigals. Das Madrigal war im 16. Jahrhundert eine der wichtigsten Gattungen weltlicher Kunstmusik. Es verband anspruchsvolle italienische Dichtung mit kunstvoller Mehrstimmigkeit, subtiler Textausdeutung und sozialer Aufführungspraxis. Madrigale wurden in höfischen, akademischen, bürgerlichen und gelehrten Kreisen gesungen. Sie waren zugleich Kunstmusik, literarische Mode, geselliges Repertoire und Medium musikalischer Konkurrenz.

Um 1600 befand sich die Gattung in einer besonders spannungsreichen Lage. Einerseits bestand die Tradition der mehrstimmigen, oft imitatorisch gearbeiteten Madrigalkomposition fort. Andererseits drängten neue Ausdrucksweisen hervor: schärfere Dissonanzen, freiere Textdeklamation, stärker affektgebundene Harmonik, monodische Tendenzen, theatralische Zuspitzung und der Übergang zu basso-continuo-gestützten Formen. In dieser Übergangszeit wurden die Grenzen zwischen Madrigal, Monodie, Canzonetta, Dialog, Konzert und früher Oper beweglicher. Apollonis vierstimmiges Madrigalbuch von 1600 steht damit an einem historischen Punkt, an dem das klassische Madrigal noch präsent ist, aber bereits von neuen ästhetischen Kräften umgeben wird.

Die toskanische Umgebung ist für diese Einordnung wichtig. Florenz war in den Jahrzehnten um 1600 ein Zentrum der höfischen und theoretischen Debatten über Musik, Dichtung und Affekt. Die Florentiner Camerata, die Experimente mit Monodie, die Entstehung früher Opern und die Aufmerksamkeit für antike Dichtungstheorien prägten das Klima. Arezzo war nicht Florenz, aber als toskanische Stadt in dessen kulturelles Kraftfeld eingebunden. Apollonis Madrigalkomposition ist daher nicht isoliert zu betrachten, sondern als regionale Ausprägung einer breiteren toskanisch-italienischen Musikkultur.

Hinzu kommt die besondere aretinische Tradition. Arezzo konnte sich auf Guido von Arezzo berufen, dessen Name mit der mittelalterlichen Solmisation, der Lehre von den Tonsilben und der didaktischen Ordnung des musikalischen Lernens verbunden ist. Diese Erinnerung prägte das Selbstbild der Stadt als musikalischer Ort. Im 16. Jahrhundert lebte diese Tradition nicht als bloßes Denkmal, sondern in Kathedrale, Schule, Kapelle und lokaler Musikerbiographie fort. Apolloni steht in dieser städtischen Linie, auch wenn sein erhaltenes Werk weltlich-madrigalisch ist.

Kulturgeschichtlich aufschlussreich ist außerdem die Verbindung von lokaler Musikpraxis und venezianischem Druck. Der Musikdruck machte es möglich, dass ein Aretiner Komponist seine Werke über den lokalen Raum hinaus verbreiten konnte. Zugleich war der Druck nicht einfach ein neutrales Medium. Er ordnete Musik in Stimmbücher, gab ihr eine Titelform, verband sie mit Widmung, Druckort, Verlag und Markt, und machte aus einer lokalen Kompositionspraxis ein transportables kulturelles Objekt. Apollonis Werk ist daher auch ein Zeugnis dafür, wie die gedruckte Musik um 1600 regionale Komponisten in größere Kommunikationsräume einband.

Arezzo, Domkapelle und lokales Musikleben

Die Domkapelle von Arezzo war ein zentraler Ort der musikalischen Praxis. Wie andere italienische Kathedralen unterhielt sie Sänger, Organisten, Kapellmeister und Repertoirebestände, die der Liturgie, den Festen und der städtischen Repräsentation dienten. Die Musik einer solchen Kapelle war nicht auf ein einziges Genre beschränkt. Sie umfasste Choral, mehrstimmige Messen, Motetten, Psalmvertonungen, Hymnen, Prozessionsmusik und gegebenenfalls auch musikalische Ausbildung. Wer in diesem Umfeld leitend tätig war, besaß praktische Erfahrung mit vokaler Mehrstimmigkeit und mit der Organisation musikalischer Dienste.

Orazio Tigrini bildet den wichtigsten Bezugspunkt für Apollonis aretinische Einordnung. Tigrini war Musiker, Theoretiker und Kapellmeister; sein Compendio della musica wurde zu einem weit verbreiteten musiktheoretischen Handbuch. Die Annahme, dass Apolloni Tigrinis Schüler gewesen sein könnte, ist plausibel, weil beide aus Arezzo stammen, beide mit der Domkapelle verbunden sind und beide Madrigale veröffentlichten. Selbst wenn man diese Schülerbeziehung vorsichtig formuliert, bleibt das Tigrini-Umfeld für Apollonis Verständnis wesentlich.

Die kurze Nachfolge Apollonis in der Leitung der Domkapelle von November 1591 bis April 1592 fällt in eine sensible Übergangsphase. Der Tod oder Wegfall eines prägenden Kapellmeisters verlangte Kontinuität, und ein Nachfolger musste nicht nur musikalisch, sondern auch institutionell akzeptabel sein. Dass Apolloni in diesem Zusammenhang genannt wird, zeigt, dass er innerhalb der lokalen Musikkultur als kompetenter Musiker galt. Seine spätere Druckpublikation von 1600 ergänzt dieses Bild um eine weltliche, literarisch-musikalische Dimension.

Madrigal, Textkultur und Vierstimmigkeit

Das vierstimmige Madrigal war im 16. Jahrhundert eine besonders verbreitete und flexible Besetzung. Während fünf- und sechsstimmige Madrigale oft größere Fülle, dichteres kontrapunktisches Gewebe und repräsentativen Anspruch boten, erlaubte die Vierstimmigkeit eine transparentere Satzweise. Vier Stimmen genügten, um imitatorische Einsätze, akkordische Deklamation, madrigalische Textausdeutung und klangliche Kontraste auszuarbeiten. Zugleich war eine vierstimmige Besetzung in häuslichen, akademischen und kleineren höfischen Zusammenhängen leichter aufführbar.

Apollonis Entscheidung für ein erstes Buch vierstimmiger Madrigale stellt ihn in eine breite Tradition. Diese Besetzung war weder bescheiden noch anspruchslos; sie verlangte vielmehr eine präzise Balance zwischen Textverständlichkeit und polyphoner Kunst. Der Madrigalist musste die poetische Vorlage so behandeln, dass rhetorische Schlüsselwörter, Affekte, Gegensätze, Bewegungsbilder und emotionale Wendungen musikalisch erfahrbar wurden. Typische Verfahren waren Imitation, homophone Verdichtung, plötzliche Pausen, Dissonanzen auf Schmerz- oder Liebeswörtern, Chromatik, Echoeffekte und kontrastierende Bewegungen.

Für Apolloni ist die genaue innere Textauswahl des Madrigalbuchs nur anhand der erhaltenen Stimmbücher und Spezialkataloge vollständig zu erschließen. Kulturgeschichtlich genügt jedoch bereits der Titel, um die gattungsgeschichtliche Position zu erkennen: Ein Aretiner Komponist bringt um 1600 in Venedig ein Buch vierstimmiger Madrigale heraus. Diese Konstellation zeigt die Fortdauer der polyphonen Madrigaltradition in einer Zeit, in der die neueren monodischen und dramatischen Verfahren bereits stärker hervortreten. Apolloni steht damit nicht an der Spitze einer revolutionären Entwicklung, sondern in der breiten, handwerklich anspruchsvollen Kultur des späten Madrigals.

Venedig, Ricciardo Amadino und der Musikdruck

Der Druck bei Ricciardo Amadino in Venedig ist für Apollonis Werküberlieferung zentral. Venedig war seit dem frühen 16. Jahrhundert einer der wichtigsten Orte des europäischen Musikdrucks. Von Ottaviano Petrucci bis zu Gardano, Scotto, Amadino und ihren Konkurrenten entwickelte sich dort eine hochspezialisierte Druck- und Verlagskultur, die geistliche und weltliche Musik in großer Menge verbreitete. Madrigale, Motetten, Messen, Canzonetten, Instrumentalstücke und Lehrwerke wurden in Stimmbüchern oder Partiturformen gedruckt und überregional verkauft.

Ricciardo Amadino war einer der wichtigen venezianischen Musikdrucker der Jahrzehnte um 1600. Seine Offizin publizierte Werke zahlreicher Komponisten und war in der Verbreitung von weltlicher und geistlicher Musik aktiv. Dass Apolloni gerade dort drucken ließ, zeigt, dass sein Madrigalbuch nicht nur für einen engen lokalen Kreis gedacht war. Der venezianische Druck machte es auffindbar, sammelbar und handelbar. Er brachte den Aretiner Komponisten in einen Katalog, der neben prominenteren Namen auch viele regionale Musiker enthielt.

Der Druck als vierteiliger Stimmbuchsatz ist aufführungspraktisch bedeutsam. Bei einem Madrigalbuch zu vier Stimmen wurden die einzelnen Stimmhefte getrennt gedruckt, etwa für Canto, Alto, Tenore und Basso. Sängerinnen und Sänger beziehungsweise Knaben- und Männerstimmen konnten daraus gemeinsam musizieren. Die Musik existierte also nicht primär als moderne Partitur, sondern als kooperative Lesesituation. Diese Form der Überlieferung erklärt, weshalb viele Madrigaldrucke fragmentarisch erhalten sind: Geht ein Stimmheft verloren, ist das Werk zwar bibliographisch greifbar, aber aufführungspraktisch beschädigt.

Stilistische Einordnung

Da Apollonis erhaltenes Werk schmal und nicht in modernen Standardausgaben breit verbreitet ist, muss seine stilistische Einordnung vorsichtig erfolgen. Sicher ist, dass er zur spätrenaissancezeitlichen Madrigalkultur gehört und mit einem vierstimmigen weltlichen Druck von 1600 in Erscheinung tritt. Die Gattung, der Druckort und das aretinisch-toskanische Umfeld deuten auf eine Musik, die zwischen kontrapunktischer Tradition und stärker textbezogener Ausdruckskunst steht.

Die Nähe zu Orazio Tigrini ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich. Tigrini war nicht nur Theoretiker, sondern selbst Madrigalist. Seine Musiktheorie verband praktisches Komponieren mit der systematischen Vermittlung von Regeln. Wenn Apolloni tatsächlich aus diesem Umfeld hervorging, darf man bei ihm eine solide satztechnische Ausbildung erwarten: kontrollierte Stimmführung, Kenntnis der Modi, sichere Kadenzbildung, rhetorische Textbehandlung und Verständnis für die Balance von Imitation und homophoner Deklamation.

Apollonis historische Stellung ist weniger die des Neuerers als die des regional verwurzelten Fachkomponisten. Er repräsentiert jene große mittlere Schicht italienischer Musiker, ohne die die berühmten Hauptwerke des Madrigalzeitalters nicht angemessen zu verstehen sind. Die Musikgeschichte besteht nicht nur aus den wenigen kanonischen Namen, sondern auch aus Kapellmeistern, Lehrern, Organisten, Madrigalisten und lokalen Komponisten, die die Gattung praktisch trugen, sangbar machten, in städtische Kontexte einfügten und durch Drucke verbreiteten.

Überlieferung, Quellenlage und Verwechslungen

Die Überlieferung zu Giovanni Apolloni ist auffallend schmal. Während manche Madrigalisten des späten 16. Jahrhunderts mehrere Bücher, geistliche Werke, Anthologiebeiträge und archivalische Amtszeugnisse hinterließen, ist bei Apolloni vor allem ein einzelnes eigenes Madrigalbuch sicher greifbar. Hinzu kommen lexikalische Angaben zur Domkapelle von Arezzo und bibliographische Nachweise in Musikdruckkatalogen. Diese Schmalheit bedeutet nicht, dass Apolloni bedeutungslos war; sie zeigt vielmehr, wie lückenhaft die Überlieferung vieler regionaler Musiker des 16. und frühen 17. Jahrhunderts ist.

Besonders vorsichtig ist mit der Verwechslung mit Giovanni Filippo Apolloni umzugehen. Der spätere Librettist Giovanni Filippo Apolloni gehört in die Opern- und Kantatenkultur des mittleren 17. Jahrhunderts. Er schrieb Texte für Antonio Cesti und andere Komponisten. Der Madrigalist Giovanni Apolloni dagegen gehört in die Generation um 1600 und ist mit dem vierstimmigen Madrigaldruck verbunden. Die gemeinsame Stadt Arezzo und der gleiche Familienname können leicht zu einer falschen Verschmelzung führen.

Für die weitere Forschung wären drei Bereiche besonders wichtig: eine vollständige Autopsie der erhaltenen Stimmbücher des Madrigaldrucks von 1600, eine genaue Prüfung der aretinischen Dom- und Kapellarchive für Apollonis Amtszeit sowie eine Konkordanzrecherche in Sammeldrucken und RISM-Nachweisen. Erst dann ließe sich sicherer entscheiden, ob Apolloni über das bekannte Madrigalbuch hinaus in Anthologien vertreten ist, ob einzelne Madrigale mehrfach gedruckt wurden und welche dichterischen Vorlagen er bevorzugte.

Werkverzeichnis

Das Werkverzeichnis ist bei Giovanni Apolloni bewusst quellenkritisch zu lesen. Gesichert ist vor allem der eigene Madrigaldruck von 1600. Weitere Nachweise in Sammeldruck- und RISM-Zusammenhängen zeigen eine mögliche oder tatsächliche Zirkulation seines Namens in gedruckten Repertoires, ersetzen aber keine vollständige moderne Werkmonographie. Die folgende Übersicht trennt daher zwischen sicherem Eigendruck, bibliographischen Überlieferungsnachweisen und quellenkritisch zu prüfenden Sammeldruckbezügen.

Di Giovanni Appolloni aretino il primo libro de madrigali a quattro voci Venedig, Ricciardo Amadino, 1600; vier Stimmbücher im Quartformat; sicher greifbares Hauptwerk und zentrale Quelle für Apolloni als Madrigalisten. Der Titel weist ihn ausdrücklich als Aretiner aus und ordnet das Werk in die verbreitete Praxis gedruckter vierstimmiger Madrigalbücher ein.
Il primo libro de Madrigali a quattro voci, novamente composti et dati in luce Alternierende beziehungsweise modernisierte Titelform desselben Druckes von 1600, im Gaspari-Katalog und in bibliographischen Nachweisen als selbständige Druckeinheit erfasst. Der Zusatz novamente composti et dati in luce betont den Anspruch neuer Kompositionen und öffentlicher Veröffentlichung.
Madrigalnachweise in gedruckten Sammelrepertoires Der RISM-B/I-Komponistenindex nennt Apolloni in mehreren Sammeldruckzusammenhängen, unter anderem mit Nachweisen zu 1591/24, 1614/3, 1615/1, 1616/1, 1616/2, 1616/6, 1618/3, 1619/16, 1620/1, 1621/1, 1621/2, 1622/1, 1624/7, 1628/3, 1634/1 und 1639/2. Diese Angaben zeigen die bibliographische Präsenz seines Namens in übergeordneten Repertorien; die genaue Identifikation der einzelnen Stücke ist anhand der jeweiligen Drucke zu prüfen.
Mögliche verlorene oder nicht gesondert nachweisbare weitere Madrigale Ein zweites eigenes Madrigalbuch oder eine größere geistliche Sammlung ist nach der hier ausgewerteten Onlinequellenlage nicht sicher nachweisbar. Da viele Stimmbücher des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts fragmentarisch überliefert sind, bleibt der Verlust einzelner Werke oder ungedruckter Handschriften möglich, aber nicht belegbar.
Kompositionen aus der Aretiner Domkapellpraxis Für die kurze Amtszeit Apollonis an der Domkapelle von Arezzo sind nach der hier ausgewerteten Quellenlage keine gesicherten liturgischen Drucke oder Handschriften eindeutig als Werkgruppe benennbar. Der institutionelle Nachweis bleibt dennoch wichtig, weil er seine praktische Tätigkeit als Kirchenmusiker belegt.

Sekundärliteratur

  • Bianconi, Lorenzo: Il Seicento. Turin 1982. Grundlegender Überblick zur italienischen Musik um 1600 und zum Übergang von Renaissance-Madrigal, Monodie, Oper und barocker Ausdruckskultur.
  • Brown, Howard Mayer: Music in the Renaissance. Englewood Cliffs 1976. Standarddarstellung zur europäischen Renaissance-Musik, nützlich für Apollonis Einordnung in die Gattungsgeschichte des Madrigals.
  • Carter, Tim: Music in Late Renaissance and Early Baroque Italy. London 1992. Kontextwerk zur italienischen Musik um 1600, besonders zum Verhältnis von Madrigal, Monodie, höfischer Kultur und frühem Barock.
  • Einstein, Alfred: The Italian Madrigal. Princeton 1949. Klassische Großdarstellung zur Geschichte des italienischen Madrigals, als breiter Hintergrund zu Apollonis Gattungskontext weiterhin wichtig.
  • Fenlon, Iain: Studien zum italienischen Musikdruck und zur Musikkultur der Renaissance. Wichtig für die kulturgeschichtliche Einordnung venezianischer Musikdrucke und ihrer Verbreitungsräume.
  • Haar, James: Essays on Italian Poetry and Music in the Renaissance, 1350–1600. Berkeley 1986. Grundlegend für das Verhältnis von italienischer Dichtung, musikalischer Textbehandlung und Madrigalkultur.
  • Harrán, Don: Arbeiten zu Madrigal, Textausdeutung und musikalischer Rhetorik. Nützlich für die Analyse spätrenaissancezeitlicher Madrigale als Verbindung von Sprache, Affekt und Satztechnik.
  • Lewis, Mary S.: Antonio Gardano, Venetian Music Printer. New York und London 1988–2005. Zentrale Studie zum venezianischen Musikdruck, als Vergleichskontext für Amadino und die Druckumgebung Apollonis wichtig.
  • Owens, Jessie Ann: Composers at Work: The Craft of Musical Composition 1450–1600. New York 1997. Hilfreich für das Verständnis kompositorischer Werkstattpraxis, Stimmführung und schriftlicher Arbeitsformen in der Spätrenaissance.
  • Roche, Jerome und Elizabeth Roche: A Dictionary of Early Music. London 1981. Lexikalischer Hintergrund zu Madrigal, Stimmbuch, Musikdruck, Kapellpraxis und Gattungsbegriffen.
  • RISM: Recueils imprimés XVIe–XVIIe siècles. München 1960 ff. Zentrale bibliographische Grundlage für gedruckte Sammelrepertoires des 16. und 17. Jahrhunderts; für Apollonis Sammeldrucknachweise besonders relevant.
  • Roche, Jerome: The Madrigal. London 1972. Kompakte gattungsgeschichtliche Einführung in Struktur, Stil, Textbehandlung und soziale Funktion des Madrigals.
  • Schrade, Leo: Studien zur italienischen Musik um 1600. Älterer, aber wichtiger Kontext zur Stilwende zwischen Renaissance und Barock.
  • Whenham, John und Richard Wistreich (Hg.): The Cambridge Companion to Monteverdi. Cambridge 2007. Nicht auf Apolloni spezialisiert, aber hilfreich zur Einordnung der Madrigalkultur um 1600 und der Umbrüche in der italienischen Vokalmusik.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Ricciardo Amadino Venezianischer Musikdrucker, bei dem Apollonis erstes Buch vierstimmiger Madrigale 1600 erschien.
  • Arezzo Geburts-, Wirkungs- und Sterbeort Giovanni Apollonis sowie wichtiger Ort der toskanischen Musikgeschichte.
  • Camerata fiorentina Florentiner Gesprächskreis, dessen monodische und dramatische Experimente den musikalischen Umbruch um 1600 mitprägten.
  • Canzonetta Leichtere weltliche Vokalgattung, die neben dem Madrigal im späten 16. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielte.
  • Domkapelle Kirchenmusikalische Institution, in der Sänger, Kapellmeister und Organisten den liturgischen Mehrstimmigkeitsbetrieb organisierten.
  • Florenz Toskanisches Zentrum von Kunst, Hofkultur und musikalischer Innovation, dessen Umfeld für Apollonis Zeit wichtig ist.
  • Angelo Gardano Venezianischer Musikdrucker aus dem Umfeld des internationalen Madrigal- und Motettendrucks.
  • Generalbass Neues Satz- und Begleitprinzip des frühen 17. Jahrhunderts, das die ältere Madrigalkultur zunehmend ergänzte und veränderte.
  • Carlo Gesualdo Madrigalist der extremen Chromatik und expressive Vergleichsfigur für die Gattung um 1600.
  • Guido von Arezzo Mittelalterlicher Musiktheoretiker, dessen Name die musikalische Erinnerung der Stadt Arezzo dauerhaft prägte.
  • Italienische Renaissance Kultureller und musikalischer Rahmen für die Blüte des Madrigals und der gelehrten Vokalmusik.
  • Kapellmeister Leitungsfunktion in kirchlichen und höfischen Musikinstitutionen, zu der Apollonis Domkapellamt gehört.
  • Luzzasco Luzzaschi Ferrareser Madrigalist und Vergleichsfigur für die höfische Vokalvirtuosität des späten 16. Jahrhunderts.
  • Madrigal Zentrale weltliche Vokalgattung der italienischen Renaissance und Hauptfeld Giovanni Apollonis.
  • Madrigalist Komponist von Madrigalen, insbesondere im italienischen 16. und frühen 17. Jahrhundert.
  • Luca Marenzio Einer der bedeutendsten italienischen Madrigalisten und wichtiger Bezugspunkt für die Gattungskultur vor und um 1600.
  • Monodie Neue solistische Ausdrucksform um 1600, die mit dem älteren mehrstimmigen Madrigal konkurrierte und es transformierte.
  • Claudio Monteverdi Zentrale Figur des Übergangs vom Renaissance-Madrigal zum barocken Ausdrucksstil.
  • Musikdruck Medientechnik der gedruckten Musik, die Apollonis Madrigale über den lokalen Aretiner Raum hinaus verbreitete.
  • Notendruck Technische und buchgeschichtliche Grundlage der Überlieferung von Madrigalen, Motetten und Stimmbüchern.
  • Orazio Tigrini Aretiner Musiker, Theoretiker und Kapellmeister, in dessen Schüler- beziehungsweise Nachfolgerumfeld Apolloni eingeordnet wird.
  • Ottaviano Petrucci Früher Pionier des Musikdrucks, dessen venezianische Tradition für spätere Drucker wie Amadino grundlegend wurde.
  • Polyphonie Mehrstimmige Satzweise, die dem Madrigal und der Domkapellpraxis Apollonis zugrunde liegt.
  • Ricciardo Amadino Venezianischer Drucker und Verleger des Apolloni-Madrigalbuchs von 1600.
  • RISM Internationales Quellenlexikon, dessen Sammeldruck- und Komponistenindizes für Apollonis Überlieferung wichtig sind.
  • Stimmbuch Typische Druckform mehrstimmiger Musik, bei der jede Stimme in einem eigenen Heft erscheint.
  • Textausdeutung Madrigalisches Verfahren, bei dem poetische Wörter, Affekte und Bilder musikalisch hervorgehoben werden.
  • Toskana Kulturraum, in dem Arezzo, Florenz und die musikalischen Umbrüche um 1600 miteinander verbunden sind.
  • Venedig Europäisches Zentrum des Musikdrucks, in dem Apollonis Madrigalbuch veröffentlicht wurde.
  • Vierstimmigkeit Satztechnische Grundform des Apolloni-Madrigalbuchs und vieler weltlicher Vokalwerke der Renaissance.
  • Giaches de Wert Madrigalist der späten Renaissance und wichtiger Bezugspunkt für die expressive Entwicklung der Gattung.