Jean Baptiste André

Familie André, Nr. 6; auch Jean-Baptiste André, Jean Baptiste Andreas André, Johann Baptist André; Pseudonym A. de Saint Gilles; * 7. März 1823 in Offenbach am Main; † 9. Dezember 1882 in Frankfurt am Main. Deutscher Pianist, Komponist, Kapellmeister, Hofkapellmeister, Dirigent, Bearbeiter und Mitglied der Offenbacher Familie André.

Überblick

Jean Baptiste André, auch Jean-Baptiste André, Jean Baptiste Andreas André oder Johann Baptist André, war ein deutscher Pianist, Komponist, Kapellmeister, Hofkapellmeister, Dirigent und musikalischer Bearbeiter aus der Familie André. Er wurde am 7. März 1823 in Offenbach am Main geboren und starb am 9. Dezember 1882 in Frankfurt am Main. In der familieninternen Zählung erscheint er als Nr. 6: Sohn von Johann Anton André, Bruder von Carl August André, Peter Friedrich Julius André und Johann August André sowie Enkel des Verlagsgründers Johann André.

Jean Baptiste André gehört zu den weniger breit bekannten, aber musikkulturell wichtigen Mitgliedern der André-Familie. Während Johann André die Offenbacher Notenfabrique André gründete, Johann Anton André den Mozart-Nachlass erwarb, Carl August André die Frankfurter Musikalienhandlung und den Klavierbau ausbaute, Peter Friedrich Julius André Orgel- und Kirchenmusik schrieb und Johann August André den Offenbacher Verlag kaufmännisch konsolidierte, steht Jean Baptiste André für einen stärker künstlerisch-praktischen Zweig der Familie. Er war Pianist, Komponist, Bearbeiter, Dirigent und Hofkapellmeister; seine Laufbahn führte ihn aus dem Offenbacher Familienmilieu über Berlin an den herzoglich-bernburgischen Hof in Ballenstedt.

Sein Werk ist nur in Ausschnitten digital zugänglich. Genannt werden Lieder, Klavierstücke, eine Operette, Orgelmusik und Bearbeitungen. Nachweisbar sind unter anderem die Operette Iphigenie in Rheinsberg, auch mit dem Titelzusatz Aurora Busag, ein Trio in a für Orgel, der Marsch der Mohren op. 28 aus Shakespeares Was ihr wollt, ein Organ Piece in A minor sowie Bearbeitungen für Klavier zu vier Händen nach Opern- und Konzertwerken. Unter dem Pseudonym A. de Saint Gilles beziehungsweise A. de St Gilles wird er ebenfalls geführt.

Für das Kulturlexikon ist Jean Baptiste André vor allem deshalb wichtig, weil an seiner Person die Verflechtung von Musikverlag, musikalischer Ausbildung, Hofkapellmeisteramt, Operettenpraxis, Klavierbearbeitung, Liedkultur und regionaler Musikgeschichte sichtbar wird. Er steht nicht im Zentrum der großen Mozart-Überlieferung des Hauses André, gehört aber zu jener Generation, die das André-Erbe in praktische Berufsmusik, Bühnenarbeit, Hofmusik und Gebrauchsmusik des 19. Jahrhunderts übersetzte.

Kurzdaten

Name Jean Baptiste André; auch Jean-Baptiste André, Jean Baptiste Andreas André, Johann Baptist André und in Katalogen André, Jean Baptiste.
Pseudonym A. de Saint Gilles beziehungsweise A. de St Gilles.
Familienzuordnung Familie André, Nr. 6; Sohn von Johann Anton André, Bruder von Johann August André, Peter Friedrich Julius André und Carl August André, Enkel von Johann André.
Geburtsdatum 7. März 1823.
Geburtsort Offenbach am Main.
Sterbedatum 9. Dezember 1882. Einzelne digitale Notenportale führen abweichend 1883; für diesen Artikel wird die besser belegte Angabe 1882 verwendet.
Sterbeort Frankfurt am Main.
Beruf Pianist, Komponist, Kapellmeister, Hofkapellmeister, Dirigent, musikalischer Bearbeiter, Arrangeur, Liedkomponist, Klavierkomponist und Mitglied der Offenbacher Musikverlegerfamilie André.
Vater Johann Anton André, Musikverleger, Komponist, Herausgeber, Musiktheoretiker, Mozart-Forscher und Erwerber des handschriftlichen Mozart-Nachlasses.
Großvater Johann André, auch Jean André, Komponist, Singspielautor, Musikverleger und Gründer des Musikverlags Johann André in Offenbach.
Bruder Johann August André, Musikalienverleger und Leiter des Offenbacher Firmensitzes.
Weitere Brüder Carl August André, Musikalienhändler, Musikverleger und Klavierfabrikant in Frankfurt am Main; Peter Friedrich Julius André, Organist, Komponist, Bearbeiter und Prokurist.
Lehrer Aloys Schmitt, Siegfried Dehn und Wilhelm Taubert.
Wirkungsorte Offenbach am Main, Berlin, Ballenstedt und Frankfurt am Main.
Berliner Phase Seit etwa 1850 lebte Jean Baptiste André in Berlin als Pianist und Komponist.
Hofstellung Später Hofkapellmeister am herzoglich-bernburgischen Hof in Ballenstedt.
Hauptgattungen Lieder, Klavierstücke, Operette, Orgelmusik, Märsche, Klavierbearbeitungen, vierhändige Arrangements und Bearbeitungen von Opern- und Konzertwerken.
Bekannte Werke Iphigenie in Rheinsberg, Trio in a für Orgel, Marsch der Mohren op. 28, Organ Piece in A minor sowie Bearbeitungen nach Meyerbeer, Binder/Offenbach und Viotti.
Kulturgeschichtlicher Rang Vertreter der künstlerisch-praktischen Linie der Familie André: Pianist, Hofkapellmeister, Bearbeiter und Komponist im Übergang von Offenbacher Verlagsmilieu zu Berliner und Ballenstedter Musikpraxis.

Name und Familienkontext

Die Hauptform des Namens lautet Jean Baptiste André. Daneben begegnen die Schreibungen Jean-Baptiste André, Jean Baptiste Andreas André, Johann Baptist André und in bibliographischen Sortierungen André, Jean Baptiste. IMSLP nennt außerdem das Pseudonym A. de Saint Gilles. Diese Namensvarianten sind für Recherche und Normdatenarbeit wichtig, weil Kompositionen, Bearbeitungen, Theaterstücke und Katalogeinträge des 19. Jahrhunderts unterschiedliche Sprach- und Abkürzungsformen verwenden.

Der Dateiname folgt der Personenregel des Kulturlexikons und lautet andre-jean-baptiste.shtml. Die sichtbare Namensform bleibt im Artikel Jean Baptiste André. Für interne Querverweise können zusätzlich die Formen Johann Baptist André und Jean Baptiste Andreas André berücksichtigt werden, weil sie in deutschsprachigen und internationalen Datenbeständen auftreten.

Der Familienzusammenhang ist bei Jean Baptiste André unverzichtbar. Sein Vater Johann Anton André hatte 1799 den handschriftlichen Mozart-Nachlass erworben, das Offenbacher Verlagshaus ausgebaut und eine bedeutende Editions- und Verlagsgeschichte begründet. Seine Brüder übernahmen unterschiedliche Funktionen im Familiengefüge: Carl August André leitete die Frankfurter Filiale und betrieb Klavierbau, Peter Friedrich Julius André wirkte als Organist, Komponist und Bearbeiter, Johann August André führte den Offenbacher Verlag kaufmännisch weiter. Jean Baptiste André unterscheidet sich innerhalb dieser Konstellation durch eine stärker kapellmeisterliche und pianistische Laufbahn.

Der Hinweis „Bruder des vorigen“ bezieht sich im unmittelbaren Familienzählzusammenhang auf Johann August André. Beide waren Söhne Johann Anton Andrés. Während Johann August André am Offenbacher Firmensitz als Musikalienverleger hervortrat, bewegte sich Jean Baptiste André stärker im künstlerisch-praktischen Feld von Klavier, Bühne, Hofkapelle und Bearbeitung. Dadurch ergänzt er das Bild der Familie André um die Laufbahn eines Musikers, der aus der Verlagsfamilie hervorging, aber nicht vor allem als Verlagsleiter, sondern als ausübender und schaffender Musiker sichtbar wurde.

Leben

Jean Baptiste André wurde am 7. März 1823 in Offenbach am Main geboren. Er kam in eine Familie hinein, deren Name in der deutschen Musikverlagsgeschichte bereits hohes Gewicht besaß. Sein Großvater Johann André hatte 1774 die „Notenfabrique André“ gegründet; sein Vater Johann Anton André hatte den Mozart-Nachlass erworben, die Lithographie für den Notendruck genutzt, Mozart-Erstdrucke ermöglicht, ein Lehrbuch der Tonsetzkunst verfasst und das Verlagshaus zu einer Institution der klassischen Musiküberlieferung gemacht. Jean Baptiste wuchs daher in einer Umgebung auf, in der Musik, Verlag, Druck, Autographe, Unterricht, Repertoire und internationale Kontakte miteinander verbunden waren.

Die Ausbildung Jean Baptiste Andrés verweist auf eine anspruchsvolle musikalische Prägung. Als Lehrer werden Aloys Schmitt, Siegfried Dehn und Wilhelm Taubert genannt. Aloys Schmitt steht für die pianistische und klavierpädagogische Tradition des frühen 19. Jahrhunderts; Siegfried Dehn war ein bedeutender Theoretiker, Lehrer und Kenner kontrapunktischer Satzkunst; Wilhelm Taubert gehörte zum Berliner Musikleben und zur Opern- und Liedkultur. Diese Lehrernamen zeigen, dass André nicht nur familiär-musikalisch, sondern auch professionell ausgebildet wurde.

Seit etwa 1850 lebte Jean Baptiste André in Berlin. Diese Berliner Phase war für sein künstlerisches Profil wichtig, denn Berlin bot ein reiches Musikleben aus Oper, Theater, Konzert, Unterricht, Verlagen, Salons und Kapellmeisterstellen. In der Überlieferung erscheint André dort als Pianist und Komponist. Seine Werke aus dieser Umgebung zeigen eine Nähe zu Operette, Lied, Klavierstück und Bearbeitung, also zu genau jenen Gattungen, die im mittleren 19. Jahrhundert zwischen öffentlicher Bühne und privatem Musizieren zirkulierten.

1853 wird die Operette Iphigenie in Rheinsberg, auch mit dem Titelzusatz Aurora Busag, in Berlin greifbar. Das Werk verweist auf eine parodistische, literarisch gebildete und theaternahe Musikkultur. Der Titel verbindet den antikisierenden Namen Iphigenie mit Rheinsberg, einem Ort preußisch-kultureller Erinnerung, und dem komischen Zusatz Aurora Busag. Für Jean Baptiste André ist diese Operette wichtig, weil sie ihn nicht nur als Klavier- oder Liedkomponisten, sondern als Bühnenmusiker zeigt.

Später wurde Jean Baptiste André Hofkapellmeister am herzoglich-bernburgischen Hof in Ballenstedt. Ballenstedt gehörte zur anhaltischen Hof- und Residenzlandschaft und besaß ein höfisches Musikleben, das Kapellmeister, Sänger, Instrumentalisten, Theater- und Konzertpraxis erforderte. Die Stellung als Hofkapellmeister zeigt, dass André im professionellen Musikbetrieb eine verantwortliche leitende Funktion innehatte. Er war nicht nur Komponist im privaten oder verlegerischen Sinn, sondern Dirigent und organisatorischer Musiker.

Sein Sterbeort Frankfurt am Main verbindet ihn wieder mit dem größeren Wirkungskreis der Familie André. Frankfurt war im 19. Jahrhundert eng mit der Frankfurter André-Filiale, dem Musikalienhandel, dem Klavierbau, dem Mozart-Museum Carl August Andrés und der bürgerlichen Musikkultur verbunden. Jean Baptiste André starb dort am 9. Dezember 1882. Sein Leben führt also von Offenbach über Berlin und Ballenstedt nach Frankfurt und bildet damit eine geografische Linie, die Familienherkunft, Metropole, Hofdienst und städtische Musikpraxis miteinander verbindet.

Kulturüberblick

Jean Baptiste André gehört zur Musikkultur des mittleren und späteren 19. Jahrhunderts. Diese Kultur war von einer starken Differenzierung musikalischer Berufe geprägt. Neben den großen Komponisten standen Pianisten, Kapellmeister, Arrangeure, Liedkomponisten, Operettenmusiker, Theaterkapellmeister, Hofmusiker und Verlagsbearbeiter. André verkörpert mehrere dieser Rollen zugleich. Gerade deshalb ist er für ein Kulturlexikon interessant: Er zeigt die musikalische Berufspraxis jenseits des engen Kanons.

Die Herkunft aus der Familie André machte ihn mit dem Musikmarkt vertraut. Der Musikverlag Johann André hatte seit 1774 Musik nicht nur komponiert und gesammelt, sondern verbreitet, gedruckt, katalogisiert und verkauft. Diese Umgebung prägte auch Jean Baptiste André. Seine Bearbeitungen für Klavier zu vier Händen, seine Operetten- und Klavierstücke und seine Liedproduktion sind nicht von der Verlagskultur zu trennen. Sie zeigen, wie Musik für Bühne, Salon, Hausmusik und Unterricht eingerichtet wurde.

Das 19. Jahrhundert war ein Zeitalter der Bearbeitung. Große Opern, Operetten, Konzertwerke und virtuose Fantasien wurden für Klavier, für Klavier zu vier Händen, für kleinere Ensembles oder für Unterrichtszwecke eingerichtet. Diese Bearbeitungen machten Musik mobil. Sie erlaubten es, Opernmelodien aus Paris, Wien oder Berlin im häuslichen Raum zu spielen; sie verbreiteten neue Werke schneller als vollständige Aufführungen; sie machten Repertoire verkäuflich. Jean Baptiste Andrés Arrangements nach Meyerbeer, Binder/Offenbach und Viotti gehören in diese Praxis.

Auch die Hofkapellmeisterstellung in Ballenstedt gehört zu einer Musiklandschaft, die häufig unterschätzt wird. Kleinere Höfe waren im 19. Jahrhundert weiterhin wichtige Arbeitgeber für Musiker. Sie verlangten praktische Vielseitigkeit: Probenleitung, Repertoirekenntnis, Bearbeitung, Komposition, Begleitung, Organisation und musikalische Disziplin. André war als Hofkapellmeister Teil dieser höfisch-regionalen Musikkultur, die nicht so sichtbar ist wie die großen Opernhäuser, aber für die Verbreitung von Musik entscheidend war.

Jean Baptiste André ist daher weder nur Familienanhang noch bloßer Kleinmeister. Er steht für eine Übergangsform zwischen Verlagsmilieu, professioneller Ausbildung, Berliner Musikleben, Operettenproduktion, Hofkapelle und bürgerlichem Notenmarkt. Seine Biographie ergänzt das Bild der Familie André um eine kapellmeisterliche und pianistische Linie.

Berlin und Ballenstedt

Die Berliner Jahre seit etwa 1850 sind für Jean Baptiste André zentral. Berlin war um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Ort intensiver musikalischer Konkurrenz. Theater, Oper, Konzerte, Klavierunterricht, Musikverlage und Salons boten Möglichkeiten, verlangten aber auch Anpassungsfähigkeit. Ein Pianist und Komponist konnte dort als Lehrer, Begleiter, Arrangeur, Salonmusiker, Theaterautor oder Bearbeiter tätig sein. Jean Baptiste André fügte sich in diese offene Berufswelt ein.

Die Operette Iphigenie in Rheinsberg verweist besonders auf den Berliner Bühnenkontext. Sie wurde 1853 in Berlin greifbar und zeigt den leichten, literarisch-spielerischen Ton, der in der Operette und musikalischen Posse des 19. Jahrhunderts wichtig wurde. Der Titel arbeitet mit kulturellen Anspielungen und ironischer Verschiebung: Iphigenie, Rheinsberg und der Zusatz Aurora Busag erzeugen ein Gemisch aus Bildung, Theaterparodie und Unterhaltung.

Später wurde André Hofkapellmeister am herzoglich-bernburgischen Hof in Ballenstedt. Diese Stellung war nicht nur ein Ehrentitel. Ein Hofkapellmeister musste musikalische Abläufe leiten, Sänger und Instrumentalisten koordinieren, Proben führen, Repertoire einrichten und gegebenenfalls selbst komponieren oder arrangieren. In kleineren Hofzusammenhängen war Vielseitigkeit noch wichtiger als Spezialisierung.

Ballenstedt verbindet Jean Baptiste André mit der anhaltischen Hofmusik. Die Stadt war Residenzort und kultureller Mittelpunkt innerhalb des herzoglichen Umfelds. In einer solchen Position konnte André seine pianistische, kompositorische, dirigentische und organisatorische Ausbildung bündeln. Der Wechsel von Berlin nach Ballenstedt zeigt damit keine Verkleinerung, sondern eine andere Form professioneller Stabilisierung: vom offenen Metropolenmarkt zur Hofkapellmeisterfunktion.

Pianist, Komponist und Bearbeiter

Jean Baptiste Andrés Profil lässt sich nicht auf eine einzige Gattung reduzieren. Als Pianist gehörte er zum Instrument, das im 19. Jahrhundert die bürgerliche Musikpraxis prägte. Das Klavier war Unterrichtsinstrument, Saloninstrument, Opernersatz, Begleitinstrument, Kompositionswerkzeug und Medium der Repertoireverbreitung. Wer als Pianist ausgebildet war, konnte als Lehrer, Begleiter, Bearbeiter und Komponist in zahlreichen Kontexten arbeiten.

Als Komponist schrieb André nach der Überlieferung Lieder und Klavierstücke. Lieder gehörten zur privaten, geselligen und konzertanten Vokalkultur des 19. Jahrhunderts. Klavierstücke dienten Unterricht, Salon, Hausmusik und virtuoser Selbstdarstellung. Dass der Hauptkatalog des Verlags um 1900 auf Lieder und Klavierstücke verweist, passt zur Werkstruktur eines Musikers, der stärker im Gebrauchskanon als im großen Konzertkanon stand.

Die nachweisbaren Orgelwerke zeigen eine weitere Seite. Ein Trio in a für Orgel und ein Organ Piece in A minor machen deutlich, dass Jean Baptiste André nicht nur pianistisch dachte. Auch die Orgel gehörte zum weiteren musikalischen Arbeitsfeld der André-Familie; sein Bruder Peter Friedrich Julius André war sogar besonders als Organist und Orgelschulautor bekannt. Bei Jean Baptiste André erscheint die Orgel weniger als Hauptfach, aber als Teil des kompositorischen Horizonts.

Als Bearbeiter war Jean Baptiste André besonders im Bereich der vierhändigen Klavierfassung tätig. Nachweisbar sind Arrangements nach Charles Voss’ Fantaisie brillante sur Les Huguenots, nach Carl Binders Ouvertüre zu Offenbachs Orphée aux enfers und nach Viottis Violinkonzert Nr. 22 in a-Moll. Diese Bearbeitungen zeigen, wie André zwischen Opernmode, Konzertrepertoire und häuslicher Klavierpraxis vermittelte. Das vierhändige Klavier war ein besonders wichtiges Medium, weil zwei Spieler am selben Instrument größere Klangfülle, orchestrale Wirkung und gemeinsames Musizieren verbinden konnten.

Werkverzeichnis

Das Werk Jean Baptiste Andrés ist in den frei zugänglichen digitalen Quellen nicht vollständig erschlossen. Der Hauptkatalog des Verlags Johann André von 1900 wird in der regionalgeschichtlichen Literatur als Hinweis auf Lieder und Klavierstücke genannt; IMSLP weist zwei eigene Kompositionen und drei Bearbeitungen nach; zusätzliche Kurzverzeichnisse nennen die Operette Iphigenie in Rheinsberg und ein Orgeltrio. Das folgende Verzeichnis fasst deshalb die online nachweisbaren Titel, Werkgruppen und Bearbeitungsbereiche zusammen und kennzeichnet die übergeordneten Werkkomplexe quellenkritisch.

Iphigenie in Rheinsberg Operette, Berlin 1853, auch mit dem Titelzusatz Aurora Busag überliefert. Das Werk zeigt Jean Baptiste André als Bühnenkomponisten im Berliner Umfeld und verbindet klassische Anspielung, komischen Titelton und Operettenpraxis.
Aurora Busag Titelzusatz beziehungsweise alternative Bezeichnung im Zusammenhang der Operette Iphigenie in Rheinsberg. Die genaue Titelgestalt sollte bei einer späteren archivalischen Prüfung mit historischen Druck- oder Theaterzetteln abgeglichen werden.
Trio in a Orgeltrio, um oder vor 1864 nach modernen Kurzverzeichnissen genannt. Das Werk verweist auf Andrés Tätigkeit im Bereich kleinerer Orgel- beziehungsweise Tastensätze.
Organ Piece in A minor Orgelstück in a-Moll. Die moderne digitale Ausgabe nennt als Quelle ein Autograph beziehungsweise eine Handschrift in Berlin mit der Signatur Mus.ms.autogr. Andre, J. B. 1 N. Das Stück ist ein wichtiges Zeugnis für Andrés Orgelkomposition.
Marsch der Mohren op. 28 Klavierstück beziehungsweise Marsch aus Was ihr wollt von Shakespeare. Der Druck erschien im Verlag Johann André in Offenbach, in IMSLP mit dem Hinweis auf eine Ausgabe von 1866 und der Plattennummer 9483. Die Verbindung zu Shakespeare zeigt einen theaterliterarischen Werkhintergrund.
Marsch der Mohren op. 28, Fassung für Klavier zu vier Händen Bearbeitung beziehungsweise vierhändige Fassung des Marsches. Die Besetzung passt zur bürgerlichen Hausmusik und zur salonhaften Verbreitung von Bühnen- oder Charakterstücken.
Lieder Werkgruppe, die in der regionalgeschichtlichen Literatur mit Verweis auf den Hauptkatalog des Verlags Johann André von 1900 genannt wird. Einzelne Liedtitel sind in den frei zugänglichen Basisquellen nicht vollständig erschlossen.
Klavierstücke Werkgruppe eigener Klaviermusik. Sie entspricht dem Profil Jean Baptiste Andrés als Pianist und Komponist und gehört zur bürgerlichen Klavier- und Salonmusik des 19. Jahrhunderts.
Vokal- und Liedüberlieferung bei LiederNet LiederNet führt Jean Baptiste beziehungsweise Johann Baptiste André als Komponisten von Kunstliedern und Chorwerken. Der Befund stützt die Einordnung in die vokale Gebrauchskultur, ersetzt aber kein vollständiges historisches Werkverzeichnis.
Fantaisie brillante sur Les Huguenots op. 66 von Charles Voss Bearbeitung für Klavier zu vier Händen von Jean Baptiste André. Das Werk basiert auf Meyerbeers Oper Les Huguenots und zeigt die Praxis, Opernstoffe und virtuose Fantasien für das häusliche vierhändige Klavierspiel einzurichten.
Bearbeitung nach Meyerbeers Les Huguenots Übergeordneter Bearbeitungskomplex im Umfeld der Voss-Fantasie. Die Oper Les Huguenots war im 19. Jahrhundert ein besonders stark rezipierter Stoff; Andrés Bearbeitung gehört zur breiten Verbreitung dieses Repertoires.
Ouvertüre zu Orphée aux enfers von Carl Binder nach Jacques Offenbach Bearbeitung für Klavier zu vier Händen. Jean Baptiste André wird als Arrangeur einer vierhändigen Fassung der Ouvertüre zu Binders Bearbeitung von Offenbachs Orphée aux enfers geführt. Das Werk zeigt die Verbreitung aktueller Operettenmusik im Klavierauszug und in vierhändigen Fassungen.
Bearbeitung nach Offenbachs Orphée aux enfers Übergeordneter Bearbeitungszusammenhang. Offenbachs Operette wurde im 19. Jahrhundert europaweit populär; vierhändige Fassungen ermöglichten ihre Rezeption außerhalb des Theaters.
Violin Concerto No. 22 in A minor von Giovanni Battista Viotti Bearbeitung beziehungsweise Einrichtung im Zusammenhang einer Ausgabe des Violinkonzerts Nr. 22 in a-Moll. IMSLP führt Jean Baptiste André als Arrangeur; die Ausgabe steht im Kontext der Aufführungs- und Editionsgeschichte dieses klassischen Violinrepertoires.
Bearbeitung von Viotti-Repertoire Werkbereich, der Andrés Vermittlung zwischen klassischem Konzertrepertoire und späterer Aufführungspraxis zeigt. Viottis Violinkonzerte waren für die romantische Violintradition weiterhin wichtig.
Klavierbearbeitungen zu vier Händen Übergreifender Bearbeitungsbereich. Jean Baptiste André ist besonders als Arrangeur für Klavier zu vier Händen nachweisbar; diese Besetzung diente der häuslichen, pädagogischen und salonhaften Repertoireverbreitung.
Operetten- und Opernbearbeitungen Werkbereich, der Andrés Nähe zu Bühnenmusik und populärer Theaterkultur zeigt. Die Bearbeitungen nach Meyerbeer und Offenbach/Binder gehören in diesen Zusammenhang.
Pianistische Gebrauchsmusik Werkbereich aus Klavierstücken, Märschen, Salonstücken und vierhändigen Fassungen. Er entspricht Andrés Profil als Pianist und Komponist im bürgerlichen Musikmarkt.
Hofkapellmeisterliche Praxis in Ballenstedt Kein einzelnes Werk, aber ein zentraler beruflicher Werkkomplex. Als Hofkapellmeister musste André Repertoire leiten, gegebenenfalls einrichten und auf die verfügbare Hofkapelle abstimmen.
Dirigentische Tätigkeit Beruflicher Werkbereich, der mit der Kapellmeisterstellung verbunden ist. Die Deutsche Nationalbibliothek führt ihn auch als Dirigenten; WeGA nennt ihn Kapellmeister.
Pseudonyme Arbeiten als A. de Saint Gilles IMSLP nennt A. de Saint Gilles als Pseudonym. Einzelne Arbeiten unter diesem Namen sollten bei einer vertieften Recherche gesondert geprüft werden, weil Pseudonyme die Zuordnung von Drucken erschweren können.
Handschriftliche Überlieferung Das Organ Piece in A minor verweist auf eine Berliner Autographen- beziehungsweise Handschriftensignatur. Diese Überlieferung zeigt, dass Andrés Werk nicht nur in Drucken, sondern auch archivalisch greifbar ist.
Porträtüberlieferung Die Porträtsammlung Manskopf der Universitätsbibliothek Frankfurt weist mehrere Porträts Jean Baptiste Andrés nach. Diese Überlieferung ist ikonographisch bedeutsam, wird auf der vorliegenden Seite aber nicht als Bild eingebunden.

Rezeption und Bedeutung

Jean Baptiste André steht nicht im Vordergrund der allgemeinen Musikgeschichtsschreibung. Seine Bedeutung ist stärker in Spezialfeldern greifbar: Familiengeschichte, regionale Musikgeschichte, Hofkapellmeisterpraxis, Klavierbearbeitung, Operettenüberlieferung, Orgelstück und Notendruck. Gerade diese Lage macht ihn für das Kulturlexikon interessant. Er zeigt, wie eine große Musikverlegerfamilie nicht nur durch Verlagsleiter und Quellenbesitzer, sondern auch durch Pianisten, Kapellmeister und Bearbeiter wirkte.

Seine Laufbahn ergänzt die Geschichte der Familie André um eine künstlerische Bewegung aus Offenbach hinaus. Berlin bot ihm ein metropolitanes Musikleben, Ballenstedt eine höfische Leitungsfunktion, Frankfurt den späteren Lebens- und Sterbeort im Umfeld des erweiterten André-Netzes. Diese Orte zeigen, dass die André-Familie nicht nur lokal-offenbachisch war, sondern in mehreren deutschen Musikräumen präsent blieb.

Die heute nachweisbaren Werke und Bearbeitungen dokumentieren eine Musikpraxis, die für das 19. Jahrhundert typisch ist. Ein Marsch der Mohren aus Shakespeare, ein Orgelstück, eine Operette, Lieder, Klavierstücke und vierhändige Arrangements nach Opern- und Konzertwerken ergeben kein geschlossenes Monumentalœuvre, sondern ein praktisches Repertoire. Es war für Bühne, Salon, Hausmusik, Unterricht, Hofmusik und Verlag geeignet.

Besonders aufschlussreich ist die Bearbeitungspraxis. Jean Baptiste André vermittelte populäre oder kanonische Werke in spielbare Fassungen. Meyerbeers Les Huguenots, Offenbachs Orphée aux enfers und Viottis Violinkonzert Nr. 22 stehen für unterschiedliche Repertoires: große französische Oper, Operette und klassisch-virtuoses Konzert. André machte sie durch Bearbeitung zugänglich und beteiligte sich damit an der musikalischen Zirkulation des 19. Jahrhunderts.

Die heutige Rezeption ist durch digitale Kataloge, IMSLP-Nachweise, RISM-Daten, WeGA-Biographie, MMM2-Familienartikel und ikonographische Sammlungen möglich. Diese verstreute Quellenlage entspricht seinem historischen Rang: Jean Baptiste André ist keine überragende Kanonfigur, aber ein präzise lokalisierbarer Musiker im Netzwerk von Familie, Verlag, Hofmusik, Operette und Klavierpraxis.

Sekundärliteratur

  • André, A.: Zur Geschichte der Familie André, Offenbach am Main 1962.
  • Beer, Axel: André, Familie, in: Musik und Musiker am Mittelrhein 2 online, mit genealogischer und musikgeschichtlicher Einordnung Jean Baptiste Andrés als Sohn Johann Anton Andrés, Pianist und Komponist.
  • Constapel, Britta: Der Musikverlag Johann André in Offenbach am Main. Studien zur Verlagstätigkeit von Johann Anton André und Verzeichnis der Musikalien von 1800 bis 1840, Tutzing 1998.
  • Deutsche Nationalbibliothek: Normdatensatz André, Jean Baptiste Andreas, mit Lebensdaten, Berufsangaben und GND-Identifikation.
  • IMSLP / Petrucci Music Library: Komponisten- und Werkseite Jean Baptiste André, mit Namensvarianten, eigenen Kompositionen, Bearbeitungen und digitalen Notennachweisen.
  • Matthäus, Wolfgang: Johann André. Musikverlag zu Offenbach am Main. Verlagsgeschichte und Bibliographie 1772–1800, Tutzing 1973.
  • RISM: Personendaten und Quellenbezüge zu Jean Baptiste André sowie zum Verlag Johann André.
  • Schumann-Briefedition / Schumann-Portal: Personendatensatz zu Jean Baptiste André mit Lebensdaten, GND-Nummer und Schumann-bezogenem Kontext.
  • Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt am Main: Porträtsammlung Manskopf, ikonographische Nachweise zu Jean Baptiste André.
  • Weber-Gesamtausgabe: Biographischer Datensatz zu Jean Baptiste André mit Lebensdaten, Berufen, Ballenstedt-Bezug und Familienhinweis.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Aloys Schmitt Pianist, Komponist und Klavierpädagoge, der als Lehrer Jean Baptiste Andrés genannt wird.
  • Carl August André Bruder Jean Baptiste Andrés, Frankfurter Musikalienhändler, Musikverleger, Klavierfabrikant und Mozartflügel-Unternehmer.
  • Johann André Großvater Jean Baptiste Andrés, Komponist, Singspielautor und Gründer des Musikverlags Johann André.
  • Johann Anton André Vater Jean Baptiste Andrés, Musikverleger, Komponist, Musiktheoretiker, Herausgeber und Erwerber des Mozart-Nachlasses.
  • Johann August André Bruder Jean Baptiste Andrés, Offenbacher Musikalienverleger und kaufmännischer Konsolidierer des André-Verlags.
  • Peter Friedrich Julius André Bruder Jean Baptiste Andrés, Organist, Pianist, Komponist, Bearbeiter und Prokurist im Frankfurter André-Geschäft.
  • Arrangement Musikalische Einrichtung eines Werkes für andere Besetzung, bei Jean Baptiste André besonders im Bereich vierhändiger Klavierbearbeitungen wichtig.
  • Ballenstedt Anhaltischer Hof- und Residenzort, an dem Jean Baptiste André als Hofkapellmeister wirkte.
  • Berlin Musikmetropole, in der Jean Baptiste André seit etwa 1850 als Pianist und Komponist lebte.
  • Carl Binder Komponist der Wiener Ouvertüre zu Offenbachs Orphée aux enfers, die Jean Baptiste André für Klavier zu vier Händen bearbeitete.
  • Familie André Offenbacher Musikverleger-, Musiker-, Instrumentenbauer- und Unternehmerfamilie vom 18. bis ins 20. Jahrhundert.
  • Frankfurt am Main Sterbeort Jean Baptiste Andrés und wichtiger Standort der Frankfurter André-Filiale sowie des bürgerlichen Musiklebens.
  • Hofkapellmeister Musikalische Leitungsfunktion an einem Hof, die Jean Baptiste André in Ballenstedt ausübte.
  • Iphigenie in Rheinsberg Operette Jean Baptiste Andrés, 1853 in Berlin nachweisbar und mit dem Titelzusatz Aurora Busag überliefert.
  • Kapellmeister Berufsprofil Jean Baptiste Andrés zwischen Dirigat, Repertoireleitung, Komposition und Hofmusik.
  • Klavier zu vier Händen Besetzung, in der Jean Baptiste André mehrere Opern- und Konzertwerke für den häuslichen Musikgebrauch bearbeitete.
  • Klavierbearbeitung Praxis der Übertragung von Opern-, Orchester- und Konzertwerken auf das Klavier, bei André besonders vierhändig ausgeprägt.
  • Klaviermusik Werk- und Gebrauchsfeld Jean Baptiste Andrés als Pianist und Komponist.
  • Les Huguenots Oper Giacomo Meyerbeers, deren Motive über Charles Voss und Jean Baptiste Andrés Bearbeitung in die vierhändige Klavierpraxis gelangten.
  • Lied Vokale Gattung, zu der Jean Baptiste André nach der Verlagsüberlieferung Beiträge schuf.
  • Giacomo Meyerbeer Opernkomponist, dessen Les Huguenots einen wichtigen Hintergrund für eine Bearbeitung Jean Baptiste Andrés bildet.
  • Mozart-Nachlass Von Johann Anton André erworbener handschriftlicher Bestand, der die Familiengeschichte Jean Baptiste Andrés prägte.
  • Musikverlag Johann André 1774 gegründeter Offenbacher Verlag, aus dessen Familien- und Berufsmilieu Jean Baptiste André hervorging.
  • Offenbach am Main Geburtsort Jean Baptiste Andrés und historisches Zentrum des Musikverlags André.
  • Jacques Offenbach Komponist von Orphée aux enfers, dessen Musik über Binder und André in vierhändiger Klavierbearbeitung weiterverbreitet wurde.
  • Operette Bühnenmusikalische Gattung, in deren Umfeld Jean Baptiste Andrés Iphigenie in Rheinsberg steht.
  • Orphée aux enfers Operette von Jacques Offenbach, deren Ouvertüre Jean Baptiste André in einer Bearbeitungstradition für Klavier zu vier Händen begegnet.
  • Pianist Zentrales Berufsprofil Jean Baptiste Andrés und Ausgangspunkt seiner Klavierstücke und Bearbeitungen.
  • Siegfried Dehn Musiktheoretiker und Lehrer, der zu den Ausbildungsfiguren Jean Baptiste Andrés zählt.
  • Wilhelm Taubert Berliner Komponist, Dirigent und Lehrer, der in der Ausbildung Jean Baptiste Andrés genannt wird.
  • Giovanni Battista Viotti Violinvirtuose und Komponist, dessen Violinkonzert Nr. 22 in a-Moll im Zusammenhang einer Bearbeitung Jean Baptiste Andrés steht.
  • Charles Voss Komponist einer Fantaisie brillante über Les Huguenots, die Jean Baptiste André für Klavier zu vier Händen bearbeitete.
  • Was ihr wollt Shakespeares Komödie, aus deren Kontext Jean Baptiste Andrés Marsch der Mohren op. 28 stammt.