abactus
lateinisch-deutsch
Grundbedeutung
abāctus, -a, -um – weggetrieben, fortgetrieben, vertrieben, entfernt; besonders von Vieh: weggetrieben und dadurch gegebenenfalls gestohlen beziehungsweise geraubt. Die Form ist das Partizip Perfekt Passiv von abigere „wegtreiben, vertreiben“.
Daneben besteht ein selbständiges Substantiv abāctus, -ūs m. – Wegtreiben, Forttreiben, gewaltsames Entfernen; insbesondere das Wegtreiben beziehungsweise die widerrechtliche Entwendung von Vieh, daher kontextuell Viehentwendung, Viehdiebstahl, Viehraub oder allgemeiner Plünderung.
Bei einem unbestimmten Wörterbuchbeleg abactus muss daher zuerst grammatisch entschieden werden, ob das Partizip abāctus, -a, -um oder das maskuline Substantiv abāctus, -ūs vorliegt. Beide Formen gehören zu derselben Wortfamilie, sind aber grammatisch und teilweise semantisch klar zu trennen.
Wortart
abactus besitzt zwei lexikographisch selbständige Funktionen. Als abāctus, -a, -um ist es ein Partizip, genauer das Partizip Perfekt Passiv des transitiven Verbs abigere. Es kann attributiv, prädikativ oder innerhalb zusammengesetzter Passivformen gebraucht werden und richtet sich hinsichtlich Genus, Numerus und Kasus nach seinem Bezugswort.
Als abāctus, abāctūs m. ist es dagegen ein maskulines Substantiv der vierten Deklination. Semantisch handelt es sich um ein Nomen actionis: Das Wort bezeichnet die Handlung beziehungsweise den Vorgang des Wegtreibens oder gewaltsamen Entfernens.
Die Gleichheit des Nominativs Singular abāctus darf daher nicht zu einer Vermischung beider Lemmata führen. Das Partizip besitzt feminine und neutrale Formen und wird nach der ersten und zweiten Deklination flektiert; das Substantiv ist maskulin und folgt der vierten Deklination.
Aussprache
Die wissenschaftlich quantitativ bezeichnete Form lautet bei beiden Lemmata im Nominativ Singular abāctus. In rekonstruierter klassischer lateinischer Aussprache ist ungefähr [aˈbaːk.tʊs] anzusetzen. Der Akzent liegt auf der zweiten Silbe, da deren Vokal lang ist.
Beim substantivischen Genitiv abāctūs ist zusätzlich das auslautende ū lang; die rekonstruierte Aussprache lautet ungefähr [aˈbaːk.tuːs]. Die Quantität des auslautenden Vokals unterscheidet somit beispielsweise den Nominativ Singular abāctus vom Genitiv Singular abāctūs, obwohl die gewöhnliche Schreibung ohne Makron beide als abactus erscheinen lässt.
In der italienisch geprägten kirchenlateinischen Aussprache ist ungefähr [aˈbak.tus] zu erwarten. Die antiken Vokalquantitäten werden dort nicht in derselben Weise phonologisch unterschieden wie in der rekonstruierten klassischen Aussprache.
Grammatik
Als Partizip lautet die Grundform abāctus, abācta, abāctum. Die drei Formen sind maskuliner, femininer und neutraler Nominativ Singular. Die Flexion entspricht einem Adjektiv der ersten und zweiten Deklination: beispielsweise maskulin abāctus, abāctī, abāctō, abāctum, abāctō, feminin abācta, abāctae, abāctae, abāctam, abāctā und neutrum abāctum, abāctī, abāctō, abāctum, abāctō. Im Plural stehen unter anderem abāctī, abāctae und abācta.
Als Perfektpassivpartizip drückt abactus regelmäßig eine vorzeitig abgeschlossene Handlung im Verhältnis zum übergeordneten Geschehen aus: Etwas oder jemand ist „weggetrieben worden“, „vertrieben worden“ oder wurde in einem übertragenen beziehungsweise spezialisierten Sinn entfernt. Zusammen mit einer Form von esse kann es zusammengesetzte Passivformen des Verbs abigere bilden.
Das selbständige Substantiv abāctus, -ūs m. gehört dagegen zur vierten Deklination. Im Singular lauten die Formen Nominativ abāctus, Genitiv abāctūs, Dativ abāctuī, Akkusativ abāctum, Ablativ abāctū und Vokativ abāctus. Im Plural stehen Nominativ und Akkusativ abāctūs, Genitiv abāctuum, Dativ und Ablativ abāctibus sowie Vokativ abāctūs.
Da das Substantiv äußerst selten ist, sind nicht sämtliche theoretisch regulären Flexionsformen in gleicher Dichte historisch belegt. Die paradigmatische Einordnung als maskulines Substantiv der vierten Deklination ist dennoch eindeutig.
Orthographie
Die gewöhnliche lateinische Schreibung lautet abactus. Die Form abāctus mit Makron über dem zweiten a ist eine moderne wissenschaftliche beziehungsweise didaktische Kennzeichnung der Vokalquantität. Beim substantivischen Genitiv kann abāctūs geschrieben werden, um zusätzlich die Länge des ū sichtbar zu machen.
Die identische unmarkierte Schreibung abactus kann somit mindestens zwei grammatische Analysen haben: maskuliner Nominativ Singular des Partizips abāctus, -a, -um oder Nominativ Singular des Substantivs abāctus, -ūs. Erst syntaktischer Zusammenhang und Flexionsumgebung entscheiden sicher über die jeweilige Funktion.
Die Form gehört nicht etymologisch zu actus im Sinne einer bloßen Zusammensetzung ab + actus. Zwar sind actus und abactus über agere historisch verwandt, unmittelbar zugrunde liegt abactus jedoch das zusammengesetzte Verb abigere.
Gebrauch
Das Partizip abactus besitzt einen wesentlich breiteren Gebrauch als das gleichlautende Substantiv. Es übernimmt grundsätzlich das Bedeutungsspektrum des Verbs abigere. Personen können fort- oder vertrieben, Tiere weggetrieben, Wasserläufe abgelenkt, Krankheiten beseitigt und abstrakte Übel vertrieben werden. In einzelnen festen oder dichterischen Verbindungen entstehen daraus weiter spezialisierte Bedeutungen.
Besonders häufig begegnet der konkrete Gebrauch im Zusammenhang mit Vieh. Lateinisches pecora abacta oder greges abacti kann zunächst schlicht „weggetriebenes Vieh“ beziehungsweise „weggetriebene Herden“ bedeuten. Da das Wegtreiben fremder Tiere zugleich eine typische Form der Entwendung war, kann dieselbe Form im kriminalrechtlichen Kontext „gestohlenes Vieh“ oder „geraubte Herden“ bedeuten.
Eine besondere öffentliche und rechtliche Verwendung zeigt abacti magistratus. Nach der bei Festus beziehungsweise Paulus Diaconus erhaltenen Erklärung wurden diejenigen römischen Magistrate so bezeichnet, die gezwungen worden waren, ihr imperium beziehungsweise ihr Amt niederzulegen. Abacti bedeutet hier nicht physisch „weggetrieben“, sondern „aus dem Amt gedrängt, zur Amtsniederlegung gezwungen“.
Dichterisch begegnen weitere Übertragungen. abacta nox bezeichnet bei Vergil die zu Ende gegangene beziehungsweise vergangene Nacht. Bei Statius können abacti oculi tief zurückliegende, eingesunkene oder gleichsam nach innen gedrängte Augen bezeichnen. Tacitus verwendet abacto amne für einen Fluss, dessen Lauf abgelenkt beziehungsweise fortgeleitet worden ist.
Im medizinischen Bedeutungsfeld von abigere kann das Partizip schließlich auf einen absichtlich herbeigeführten Schwangerschaftsabbruch bezogen werden. Tacitus spricht von abactos partus. Das Partizip bezeichnet hier Leibesfrüchte beziehungsweise Schwangerschaften, deren Abgang herbeigeführt worden sein soll.
Das substantivische abāctus, -ūs ist wesentlich seltener. Seine Hauptbedeutung ist das gewaltsame Wegtreiben beziehungsweise Fortnehmen. Der zentrale Beleg steht bei Plinius dem Jüngeren im Panegyricus, wo das Verhalten Domitians auf Reisen als eine Form der Ausplünderung beziehungsweise gewaltsamen Inanspruchnahme seiner Gastgeber beschrieben wird.
Bedeutungsbereich
Der gemeinsame semantische Kern aller Verwendungen ist die Vorstellung einer von außen verursachten Bewegung von einem Ausgangspunkt weg. Dieses räumliche Grundschema stammt aus abigere: Das Präfix ab- bezeichnet die Richtung „weg, fort“, während agere ursprünglich besonders ein Treiben oder In-Bewegung-Setzen ausdrücken kann.
Beim Partizip entstehen aus diesem Grundschema mehrere systematisch miteinander verbundene Bedeutungsfelder. Bei Menschen bedeutet abactus „vertrieben, fortgeschickt, entfernt“. Bei Vieh bedeutet es „weggetrieben“ und aufgrund des typischen kriminellen Kontextes häufig „gestohlen“. Bei einem Amtsträger entsteht die institutionelle Übertragung „aus dem Amt gedrängt“. Bei einer Nacht bedeutet das beendete Fortgehen der Zeit „vergangen“. Bei einem Wasserlauf bedeutet die verursachte Richtungsänderung „abgeleitet“. Im medizinischen Kontext bezeichnet die Form das herbeigeführte Austreiben eines partus.
Das Substantiv abstrahiert dagegen den Vorgang selbst: abāctus ist das Wegtreiben oder die dadurch erfolgende Entwendung. Besonders eng ist es mit dem Bedeutungsfeld von Viehdiebstahl und abigeatus verbunden, kann aber nach dem Plinius-Beleg allgemeiner eine gewaltsame Wegnahme beziehungsweise Ausplünderung ausdrücken.
Lexikon
abactus ist lexikographisch ein besonders instruktiver Fall, weil dieselbe sichtbare Wortform zwei verschiedene grammatische Lemmata vereinigt und zugleich ein breites Spektrum semantischer Entwicklungen der Wortfamilie von abigere erkennen lässt. Für eine präzise lateinisch-deutsche Erschließung muss deshalb zuerst zwischen abāctus, -a, -um und abāctus, -ūs m. unterschieden werden.
Das Partizip ist unmittelbar Bestandteil des Paradigmas von abigere. Das Verb besitzt die Stammformen abigō, abigere, abēgī, abāctum und bedeutet allgemein „wegtreiben, vertreiben, fortschaffen“. Bereits im klassischen Latein ist es häufig. Plautus und andere Autoren verwenden es für das Vertreiben von Personen; Cicero, Livius und weitere Schriftsteller gebrauchen es für das Wegtreiben von Vieh; in medizinischen Texten kann es Krankheiten beseitigen oder einen partus austreiben; übertragen können Sorgen, Müdigkeit, Armut oder andere unerwünschte Zustände „vertrieben“ werden.
Das Perfektpassivpartizip abactus übernimmt diese Bedeutungsbreite, wobei sich in bestimmten Fügungen eigenständige semantische Profile herausgebildet haben. Am unmittelbarsten ist „weggetrieben“. Wird beispielsweise eine Herde als abacta bezeichnet, ist zunächst gesagt, dass sie von ihrem bisherigen Ort fortgetrieben wurde. Im gesellschaftlichen und rechtlichen Kontext der antiken Viehwirtschaft war ein solches Wegtreiben jedoch häufig gerade die technische Form des Diebstahls. Das Partizip kann deshalb ohne Bedeutungsbruch auch „gestohlen, geraubt“ bedeuten.
Dieser Zusammenhang erklärt die Nähe zu den juristischen Wörtern abactor, abigeus und abigeatus. Der abactor beziehungsweise abigeus ist der Täter, der Vieh forttreibt; der abigeatus ist der entsprechende Viehdiebstahl; pecora abacta sind die weggetriebenen beziehungsweise gestohlenen Tiere. Die verschiedenen Bildungen beschreiben damit Täter, Handlung beziehungsweise Delikt und betroffene Objekte aus unterschiedlichen grammatischen Perspektiven.
Daneben zeigt das Partizip bereits früh eine produktive metaphorische und institutionelle Erweiterung. Die bei Festus bewahrte Erklärung der abacti magistratus ist hierfür besonders wichtig. Gemeint sind Magistrate, die nicht freiwillig bis zum regulären Ende ihrer Amtszeit im Amt blieben, sondern gezwungen wurden, ihre Amtsgewalt niederzulegen. Das räumliche „Wegtreiben“ wird auf die Entfernung aus einer politischen Funktion übertragen. Die Person wird gewissermaßen aus ihrer institutionellen Stellung gedrängt.
Auch abacta nox zeigt, dass die Bedeutung nicht auf physisches Vertreiben begrenzt ist. Die Nacht ist „weggeführt“, das heißt sie ist vergangen oder zu Ende gebracht. Dieser dichterische Gebrauch beruht auf einer verbreiteten Konzeptualisierung von Zeit als Bewegung: Was vergangen ist, ist vom gegenwärtigen Zeitpunkt fortgerückt. Das Partizip besitzt in diesem Zusammenhang annähernd die Bedeutung von exactus oder finitus.
Bei Tacitus erscheint eine weitere konkrete Übertragung auf die Hydrologie. In den Historiae beschreibt velut abacto amne den Rhein beziehungsweise einen Wasserlauf nach baulicher Veränderung seiner Flussführung. Abactus bedeutet hier „abgeleitet, weggeführt“. Das Objekt ist keine Person und keine Herde mehr, doch die Kausalstruktur bleibt dieselbe: Eine Kraft oder Maßnahme führt etwas aus seiner bisherigen Richtung fort.
Das medizinische Bedeutungsfeld beruht ebenfalls unmittelbar auf dem Verb. Abigere partum ist bereits bei Cicero als Ausdruck für die absichtlich herbeigeführte Beendigung einer Schwangerschaft belegt. Tacitus verwendet später abactos partus. Das Partizip bedeutet in diesem Zusammenhang „abgetrieben, ausgetrieben“. Für die historische Terminologie des Schwangerschaftsabbruchs ist diese Verwendung wichtig, darf aber nicht auf das gesamte Bedeutungsspektrum von abactus übertragen werden.
Statius zeigt schließlich eine besonders poetische Verwendung mit abactis oculis. Die Augen der Furie Tisiphone werden als tief zurückliegend beziehungsweise nach innen gedrängt vorgestellt. Der Ausdruck macht deutlich, wie stark die Grundvorstellung des Zurück- oder Forttreibens auch visuelle und körperliche Beschreibungen prägen konnte. Es handelt sich um eine dichterische Spezialbedeutung und nicht um die gewöhnliche Prosaübersetzung des Partizips.
Das selbständige Substantiv abāctus, -ūs ist gegenüber dem Partizip außerordentlich selten. Lewis & Short definieren es als „driving away, robbing“, besonders im Zusammenhang mit Vieh oder anderem weggenommenem Besitz. Gaffiot gibt „détournement des troupeaux, enlèvement du butin“ wieder. Das moderne historisch ausgerichtete Linguae Latinae Historicum Lexicon stellt es in unmittelbare Nähe zu abigeatus und wertet es als seltenes, eher gelehrtes Wort für das Wegtreiben beziehungsweise den Viehraub.
Der zentrale substantivische Beleg steht im Panegyricus des Plinius des Jüngeren. Plinius kontrastiert die maßvolle Reise Trajans mit dem Verhalten Domitians. Domitians Durchreise habe eher einer populatio, also einer Verwüstung oder Plünderung, geglichen; in diesem Kontext erscheint abactus hospitum. Der Ausdruck meint die gewaltsame Ausbeutung beziehungsweise Wegnahme von Besitz der Gastgeber oder Untertanen. Obwohl das Substantiv aufgrund seiner Wortfamilie besonders eng mit Viehentwendung verbunden ist, sollte dieser konkrete Plinius-Beleg nicht zu eng ausschließlich als „Viehdiebstahl“ übersetzt werden.
Damit ist die semantische Gewichtung für ein deutsch-lateinisches beziehungsweise lateinisch-deutsches Lexikon klar. Beim Partizip steht als Grundübersetzung „weggetrieben, vertrieben“ an erster Stelle, ergänzt durch kontextspezifisches „gestohlen“, „aus dem Amt gedrängt“, „vergangen“, „abgeleitet“ oder „abgetrieben“. Beim Substantiv steht „Wegtreiben, gewaltsame Entwendung“ im Zentrum; „Viehdiebstahl“ ist eine wichtige Spezialisierung, aber nicht die einzig mögliche Wiedergabe.
Etymologie
abactus gehört zur Wortfamilie des Verbs abigere. Dieses Verb setzt sich aus dem präverbalen Element ab- „von … weg, fort“ und agere „treiben, führen, in Bewegung setzen; tun, handeln“ zusammen. Die räumliche Ausgangsbedeutung von abigere ist daher „von einem Ort wegtreiben“.
Das Verb weist den für agere und seine Zusammensetzungen charakteristischen Stammwechsel auf. Zum Präsensstamm abig- treten der Perfektstamm abēg- und der Supin- beziehungsweise Partizipialstamm abāct-. Aus diesem Stamm wird das Partizip abāctus, -a, -um gebildet.
Das substantivische abāctus, -ūs verwendet denselben Stamm und das substantivbildende Suffix -tus. Lateinische Substantive auf -tus der vierten Deklination können Handlungen, Vorgänge oder deren Ergebnis bezeichnen. abāctus bedeutet morphologisch somit „das Wegtreiben“ beziehungsweise „der Vorgang des Weggetriebenwerdens oder Forttreibens“.
Das Partizip und das Substantiv sind daher keine zufälligen Homographe völlig verschiedener Herkunft. Beide gehen auf denselben Verbalstamm zurück. Ihre grammatische Verselbständigung führt jedoch dazu, dass sie lexikographisch als getrennte Einträge behandelt werden müssen.
Wortgeschichte
Die Wortgeschichte beginnt mit dem alten und bereits klassisch produktiven Verb abigere. Sein Bedeutungszentrum liegt im Wegtreiben. Bereits die frühe lateinische Literatur kennt die allgemeine Verwendung für Personen, während Viehtexte und historische Prosa die Verbindung mit Herdentieren ausbilden. Daraus entwickelt sich früh eine enge Verbindung zwischen physischem Forttreiben und widerrechtlicher Entwendung.
Das Partizip abactus ist als Bestandteil des Verbalparadigmas grundsätzlich ebenso alt wie die entsprechende Verwendung des Verbs. Seine besondere lexikalische Geschichte zeigt sich jedoch in wiederkehrenden festen Kontexten. So bezeichnete abacti magistratus nach der antiquarischen Überlieferung zur Amtsniederlegung gezwungene römische Magistrate. Die Form war damit bereits in einer politisch-rechtlichen Terminologie etabliert.
In der augusteischen Dichtung erweitert sich das Partizip poetisch. Vergils abacta nox steht für eine beendete oder vergangene Nacht. Später verwenden Autoren die Form für fortgetriebene Herden, verdrängte oder abgeleitete Naturerscheinungen und körperliche Merkmale. Das Partizip bleibt dadurch über seine gesamte Geschichte semantisch flexibel.
Das selbständige Substantiv abāctus, -ūs ist dagegen nur äußerst schwach belegt. Plinius der Jüngere liefert den wichtigsten sicheren literarischen Beleg. Die seltene Wortbildung blieb gegenüber dem häufigeren abigeatus und später auch gegenüber abactio randständig.
Die historische Lexikographie führte abactus dennoch kontinuierlich weiter. Renaissance- und frühneuzeitliche Wörterbücher erklären das Substantiv mit Ausdrücken für gewaltsames Wegtreiben, Fortnehmen oder Viehdiebstahl. Dadurch blieb das seltene antike Lexem in der gelehrten lateinischen Tradition präsent, obwohl es zu keiner Zeit zum häufigen Alltagswortschatz gehörte.
Historische Einordnung
Das Partizip gehört zum klassischen und nachklassischen Latein und ist durch zahlreiche Autoren und unterschiedliche Textsorten bezeugt. Seine Bedeutungsentwicklung spiegelt dabei verschiedene Bereiche römischer Lebenswelt: Viehwirtschaft, Eigentumsrecht, politische Amtsgewalt, Medizin, Dichtung und Naturbeschreibung.
Für die römische Viehwirtschaft ist die Verbindung von abigere und Viehdiebstahl besonders bedeutsam. Herdentiere konnten anders als unbewegliche Güter gerade dadurch entwendet werden, dass man sie aus ihrem bisherigen Bestand forttrieb. Deshalb entwickelte das ursprünglich räumliche Verb eine kriminalrechtliche Nebenbedeutung, die in abactor, abigeus und abigeatus weiter lexikalisiert wurde.
Die Wendung abacti magistratus gehört dagegen zur politischen Verfassungsgeschichte der römischen Republik. Sie bezeichnet Amtsträger, deren Amtsführung vor Ablauf der regulären Amtszeit durch erzwungene Niederlegung beendet wurde. Das Partizip erhält hier eine technisch-politische Bedeutung, ohne zu einem völlig selbständigen juristischen Lexem zu werden.
Die medizinische Verwendung von abactus steht im Zusammenhang mit der antiken Terminologie des abortus und des verursachten Schwangerschaftsabbruchs. Entscheidend ist der kausative Charakter von abigere: Nicht ein spontaner Abgang steht im Vordergrund, sondern ein von außen herbeigeführtes Austreiben.
Das substantivische abāctus gehört stärker zur gehobenen beziehungsweise gelehrten literarischen Sprache. Seine geringe Belegzahl und die Konkurrenz durch andere Wörter verhindern eine breitere fachsprachliche Standardisierung.
Antonyme
Ein fest lexikalisiertes Antonym zu abactus existiert nicht. Die Gegenbegriffe ergeben sich jeweils aus dem konkreten Bedeutungsbereich.
adductus – herangeführt, herbeigeführt; kann räumlich den Gegensatz zu „weggetrieben“ bilden, ist jedoch kein festes Antonym.
inductus – hineingeführt, eingeführt; bildet in bestimmten räumlichen Zusammenhängen einen Gegenpol zum Forttreiben.
retentus – zurückgehalten, festgehalten; kann dort antonymisch wirken, wo abactus das Entfernen oder Forttreiben bezeichnet.
conservatus – bewahrt, erhalten; sachlicher Gegenbegriff in Kontexten, in denen abactus Verlust oder Entfernung bezeichnet.
Zum substantivischen abāctus gibt es ebenfalls kein allgemein etabliertes Gegenwort. Je nach Zusammenhang können adductio, retentio oder conservatio funktionale Gegenbegriffe darstellen.
Synonyme und bedeutungsverwandte Ausdrücke
depulsus – weggedrängt, vertrieben, abgewehrt; dem partizipialen abactus in bestimmten räumlichen Kontexten nahe.
expulsus – hinausgetrieben, vertrieben; besonders bei Personen ein häufigerer bedeutungsverwandter Ausdruck.
eiectus – hinausgeworfen, ausgestoßen, vertrieben; betont stärker das Herauswerfen oder Ausstoßen.
remotus – entfernt, weggebracht; semantisch allgemeiner und ohne die spezifische Vorstellung des Treibens.
ablatus – weggenommen, fortgetragen, entfernt; bei Besitzentziehung bedeutungsverwandt, aber von auferre gebildet.
raptus – geraubt, gewaltsam fortgerissen; besonders bei gewaltsamer Entwendung bedeutungsnah.
abactio – Wegtreiben, Forttreiben; spätere beziehungsweise alternative abstrakte Handlungsbezeichnung derselben Wortfamilie.
abigeatus – Viehdiebstahl, Viehraub; juristisch stärker spezialisierte Bezeichnung für das widerrechtliche Wegtreiben von Herdentieren.
furtum – Diebstahl; allgemeiner juristischer Begriff, zu dem Viehdiebstahl als besondere Erscheinungsform gehören kann.
populatio – Verwüstung, Plünderung; im Kontext des substantivischen abactus bei Plinius bedeutungsverwandt.
Abgrenzung
Von abactio unterscheidet sich das substantivische abāctus zunächst morphologisch. Beide sind Handlungsbezeichnungen zur Wortfamilie von abigere, doch abāctus gehört zur vierten Deklination, abactio zur dritten. Abactio ist insbesondere spätlateinisch und mittelalterlich gut als „Wegtreiben“ beziehungsweise „Viehentwendung“ verständlich; abāctus ist erheblich seltener.
Von abigeatus unterscheidet sich abāctus durch den geringeren Grad juristischer Spezialisierung. Abigeatus ist die charakteristische Bezeichnung des Viehdiebstahls als Delikt. Abāctus kann zwar denselben Sachbereich berühren, bezeichnet seiner Bildung nach aber allgemeiner das Wegtreiben beziehungsweise gewaltsame Fortnehmen.
abactor und abigeus sind Täterbezeichnungen. Sie benennen die Person, die Vieh wegtreibt oder stiehlt. Das Substantiv abāctus bezeichnet demgegenüber die Handlung selbst.
Vom selbständigen Substantiv actus ist abāctus ebenfalls zu unterscheiden. Beide gehen letztlich auf agere zurück, doch abāctus wird über abigere gebildet und enthält die semantische Richtungsangabe „weg, fort“.
Beim Partizip ist zudem die Abgrenzung zu rein adjektivisch lexikalisierten Wörtern wichtig. abactus bleibt grundsätzlich als Partizip des Verbs analysierbar, selbst wenn einzelne Verbindungen wie abacti magistratus oder abacta nox semantisch weit vom konkreten „Wegtreiben“ entfernt erscheinen.
Kontext
Im Kontext von Vieh, Herde, Weide oder Diebstahl ist abactus gewöhnlich mit „weggetrieben“ oder „gestohlen“ wiederzugeben. Ein Ausdruck wie pecora abacta verlangt daher eine Übersetzung, die den wirtschaftlichen und gegebenenfalls kriminalrechtlichen Zusammenhang berücksichtigt.
Bei Amtsträgern bezeichnet abactus dagegen erzwungene Entfernung aus einer Funktion. Bei Zeitangaben wie nox abacta liegt eine poetische Übertragung „vergangen, beendet“ vor. Bei Gewässern kann die Form „abgeleitet“ bedeuten, bei Augen „zurückliegend, eingesunken“ und bei partus „abgetrieben“.
Das substantivische abāctus ist vor allem in literarisch-rhetorischer Darstellung von gewaltsamer Wegnahme, Ausbeutung oder Viehentwendung zu erwarten. Wegen seiner Seltenheit sollte die genaue Übersetzung besonders eng am jeweiligen Beleg entwickelt werden.
Kollokationen und Kookkurrenzen
pecora abacta – weggetriebenes beziehungsweise gestohlenes Vieh.
greges abacti – fortgetriebene oder geraubte Herden.
abacti magistratus – zur Aufgabe ihres Amtes beziehungsweise ihrer Amtsgewalt gezwungene Magistrate.
abacta nox – vergangene, zu Ende gegangene Nacht; dichterischer Gebrauch.
abacti oculi – zurückliegende, eingesunkene Augen; poetische Körperbeschreibung.
abacto amne – bei abgeleitetem beziehungsweise aus seiner bisherigen Richtung fortgeleitetem Fluss.
abactos partus – abgetriebene Leibesfrüchte beziehungsweise herbeigeführte Abgänge; medizinisch-politischer Kontext bei Tacitus.
abactus hospitum – bei Plinius Ausdruck für gewaltsame Wegnahme beziehungsweise Ausplünderung im Zusammenhang mit den Gastgebern oder Untertanen eines reisenden Herrschers.
pecora abigere – Vieh wegtreiben, kontextuell Vieh stehlen; zentrale verbale Grundlage des Bedeutungsfeldes.
Oberbegriff
Für das Partizip: Verbform → Partizip → Partizip Perfekt Passiv → abāctus, -a, -um.
Semantisch: Bewegung → Entfernung → Forttreiben → abactus.
Für das Substantiv: Nomen → Abstraktum → Nomen actionis → Wegtreiben → abāctus.
Im deliktischen Bedeutungsfeld: Eigentumsdelikt → Diebstahl → Viehdiebstahl → substantivisch verstandener abāctus.
Unterbegriffe
Das Partizip besitzt keine Unterbegriffe im streng taxonomischen Sinn. Seine Bedeutungsvarianten lassen sich jedoch nach dem jeweiligen Objekt unterscheiden.
Viehentwendung – Bedeutungsbereich von pecora abacta beziehungsweise dem substantivischen abāctus.
Amtsenthebung – sachlicher Bedeutungsbereich von abacti magistratus.
Ableitung – räumlich-hydrologischer Bedeutungsbereich von abacto amne.
Schwangerschaftsabbruch – medizinischer Bedeutungsbereich von abactus in Verbindung mit partus.
Beim Substantiv kann Viehdiebstahl als wichtigste sachliche Spezialisierung des allgemeineren „Wegtreibens, gewaltsamen Entfernens“ behandelt werden.
Wortfamilie
agere – treiben, führen, in Bewegung setzen, tun, handeln; etymologische Grundbasis.
abigere – wegtreiben, forttreiben, vertreiben; Vieh wegtreiben beziehungsweise stehlen; Krankheiten beseitigen; einen partus austreiben.
abactio – Wegtreiben, Forttreiben; besonders Wegtreiben von Vieh, in abactio partus auch Abtreibung.
abactor – Viehdieb, widerrechtlicher Wegtreiber von Vieh.
abactrix – weibliche Täterbezeichnung zu abactor.
abigeus – Viehdieb; wichtige juristische Täterbezeichnung.
abigeator – Viehdieb, Viehräuber; weitere Täterbildung.
abigeatus – Viehdiebstahl, Viehraub als Handlung beziehungsweise Delikt.
actus – Treiben, Bewegung, Handlung; ebenfalls zur großen Wortfamilie von agere gehörig.
Wortbildung
Das Partizip abāctus, -a, -um wird aus dem Supin- beziehungsweise Partizipialstamm abāct- von abigere gebildet. Der Stamm selbst zeigt den historischen Wechsel innerhalb der Wortfamilie von agere: ag- im Präsens, ēg- im Perfekt und āct- im Supin- und Partizipialsystem.
Das Substantiv abāctus, -ūs beruht auf demselben Stamm und dem deverbalen Suffix -tus. Dieses Bildungsmuster erzeugt im Lateinischen häufig maskuline Substantive der vierten Deklination, die eine Handlung oder einen Vorgang ausdrücken.
Das Verhältnis lässt sich daher vereinfacht darstellen: agere → abigere → abāct- → abāctus, -a, -um beziehungsweise substantivisch abāctus, -ūs.
Eine Analyse als bloße Verbindung aus ab und dem selbständigen Substantiv actus wäre synchron verführerisch, historisch jedoch unzureichend. Beide Bildungen stehen zwar im selben etymologischen Netz, doch abactus ist unmittelbar aus der Wortfamilie des Verbs abigere zu erklären.
Polysemie
Beim Partizip ist eine ausgeprägte, aber systematisch motivierte Polysemie vorhanden. Sämtliche Hauptbedeutungen lassen sich auf das Schema „von einem Zustand, Ort oder Zusammenhang fortbewegen beziehungsweise fortbringen“ zurückführen.
Die konkrete räumliche Bedeutung lautet „weggetrieben“. Daraus entsteht bei Menschen „vertrieben“, bei Vieh kontextuell „gestohlen“, bei Amtsträgern „aus dem Amt gedrängt“, bei Wasserläufen „abgeleitet“, bei Zeit „vergangen“, bei Augen „zurückliegend“ und im medizinischen Bereich „abgetrieben“.
Die Bedeutungen sind damit nicht zufällig nebeneinandergestellt. Sie zeigen vielmehr verschiedene Metaphorisierungen und Spezialisierungen eines stabilen räumlich-kausativen Grundschemas.
Beim Substantiv ist die Polysemie geringer. Die Grundbedeutung „Wegtreiben“ kann sich zu „gewaltsame Wegnahme“, „Plünderung“ und insbesondere „Viehdiebstahl“ spezialisieren. Diese Bedeutungen gehen ineinander über, weil das Forttreiben fremden Besitzes zugleich dessen Entziehung darstellen kann.
Homonyme und Homographe
abactus ist ein wichtiger Fall grammatischer Homographie. Die sichtbare Form abactus kann einerseits das Partizip abāctus, -a, -um, andererseits das Substantiv abāctus, -ūs m. repräsentieren.
Es handelt sich jedoch nicht um echte etymologisch unabhängige Homonyme. Beide Wörter stammen aus derselben Wortfamilie und gehen unmittelbar auf abigere zurück. Die Homographie ist somit das Ergebnis unterschiedlicher grammatischer Ableitungen aus demselben Stamm.
Zusätzliche formale Mehrdeutigkeit entsteht innerhalb des substantivischen Paradigmas selbst. Ohne Quantitätszeichen kann abactus je nach Kontext Nominativ Singular, Genitiv Singular oder eine Pluralform darstellen. Die klassische Quantität unterscheidet beispielsweise Nominativ abāctus und Genitiv abāctūs, doch gewöhnliche Schrift macht diesen Unterschied nicht sichtbar.
Davon zu unterscheiden ist actus. Es ist kein Homonym von abactus, sondern ein verwandtes Wort derselben weiteren Wortfamilie.
Redewendungen und Sprichwörter
Eigentliche Sprichwörter mit abactus sind nicht als fester Bestandteil der lateinischen Phraseologie überliefert. Dies gilt besonders für das seltene Substantiv.
Einige Verbindungen haben jedoch einen annähernd phraseologischen oder terminologischen Charakter. Dazu gehören abacti magistratus für zur Amtsniederlegung gezwungene Magistrate und die dichterische Verbindung abacta nox für die vergangene Nacht.
Auch pecora abacta beziehungsweise verwandte Verbindungen mit Herden gehören zum konventionellen Ausdrucksfeld des Viehdiebstahls, ohne deshalb im engeren Sinn Redewendungen zu sein.
Metaphern
Die metaphorische Produktivität des Partizips beruht auf dem räumlichen Ausgangsschema des Wegtreibens. Besonders deutlich ist dies bei abacti magistratus: Ein Amtsträger wird nicht notwendigerweise körperlich fortgetrieben, sondern aus seiner institutionellen Stellung „hinausgedrängt“.
Auch abacta nox ist metaphorisch. Zeit wird als etwas vorgestellt, das voranschreitet und schließlich fortgetrieben beziehungsweise vollendet ist. Die vergangene Nacht ist damit gleichsam aus der Gegenwart entfernt.
Bei abacti oculi wird die räumliche Bewegung auf die Anatomie übertragen. Die Augen erscheinen, als seien sie nach innen oder nach hinten gedrängt worden. Daraus entsteht die Bedeutung „eingesunken, tief liegend“.
Bei abacto amne ist die Verwendung dagegen weniger metaphorisch als konkret-kausativ: Ein Wasserlauf wird tatsächlich in eine andere Richtung gelenkt.
Metonymie
Eine besonders wichtige Metonymie liegt im Bedeutungsfeld des Viehdiebstahls vor. Das Wegtreiben ist die charakteristische physische Handlung, durch welche fremdes Vieh entwendet wird. Deshalb kann die Bezeichnung dieser Handlung zugleich die gesamte widerrechtliche Aneignung repräsentieren.
So kann pecora abacta nicht nur „weggetriebene Tiere“, sondern im passenden Kontext unmittelbar „gestohlenes Vieh“ bedeuten. Beim Substantiv abāctus kann entsprechend aus „Wegtreiben“ die Bedeutung „Viehdiebstahl“ entstehen.
Die Handlung steht damit für das durch sie verwirklichte Delikt. Dieselbe metonymische Entwicklung erklärt die juristische Bedeutung von abigeatus und die Täterbezeichnungen abactor und abigeus.
Register und Sprachstufe
Das Partizip abactus gehört grundsätzlich zur normalen gehobenen lateinischen Schriftsprache und ist von der klassischen bis in die nachklassische Epoche belegt. Einzelne Spezialverwendungen sind jedoch registergebunden. Abacti magistratus gehört zur antiquarisch-politischen Terminologie, abacti oculi zur dichterischen Sprache und abactos partus zu einem medizinisch beziehungsweise politisch aufgeladenen Kontext.
Das substantivische abāctus, -ūs ist dagegen ausgesprochen selten und stärker gelehrt beziehungsweise literarisch markiert. Für den gewöhnlichen juristischen Begriff des Viehdiebstahls ist abigeatus wesentlich charakteristischer.
In modernen lateinischen Wörterbüchern sollte diese unterschiedliche Frequenz sichtbar gemacht werden: Das Partizip gehört zum regulären Paradigma eines häufigeren Verbs, das Substantiv ist ein seltenes eigenständiges Lexem.
Regionale Varianten
Für abactus lassen sich keine stabilen antiken Regionalvarianten im engeren dialektologischen Sinn feststellen. Die Bedeutungsunterschiede hängen vor allem von Epoche, Textsorte und Sachgebiet ab, nicht von einer eindeutig bestimmbaren geographischen Varietät.
Im römischen Reich war die Wortfamilie des Viehwegtreibens naturgemäß besonders relevant in Regionen intensiver Viehhaltung. Daraus lässt sich jedoch keine regionale Sonderbedeutung des Lexems selbst ableiten.
Spätere lateinische Wörterbücher verschiedener europäischer Traditionen geben das substantivische abactus
Wortbildung als Erstglied
abactus ist weder als Partizip noch als Substantiv ein produktives Erstglied lateinischer Komposita. Bedeutungspräzisierungen erfolgen gewöhnlich syntaktisch durch das Bezugswort oder eine Genitivverbindung.
Beim Partizip bestimmt das Substantiv den konkreten Bedeutungsbereich: magistratus abactus, nox abacta, oculi abacti, amnis abactus, partus abactus. Diese Fügungen sind keine Zusammensetzungen, sondern reguläre syntaktische Verbindungen.
Das Substantiv kann ebenfalls durch abhängige Genitive oder Kontextangaben näher bestimmt werden, ohne zum Erstglied produktiver lateinischer Komposita zu werden.
Wortbildung als Letztglied
abactus fungiert nicht als produktives Letztglied lateinischer Zusammensetzungen. Insbesondere sollte das Wort nicht synchron in ab- und ein selbständiges Letztglied actus zerlegt werden.
Die etymologisch und morphologisch sachgerechte Analyse führt über das Verb abigere und seinen Stamm abāct-. Beim Partizip tritt die reguläre Partizipialflexion hinzu; beim Substantiv bildet das Handlungssuffix -tus ein Maskulinum der vierten Deklination.
Übersetzungen
Deutsch, Partizip: weggetrieben, fortgetrieben, vertrieben, entfernt; von Vieh kontextuell gestohlen, geraubt; von einem Magistrat „aus dem Amt gedrängt, zur Amtsniederlegung gezwungen“; von einer Nacht „vergangen, beendet“; von einem Wasserlauf „abgeleitet“; von einem partus „abgetrieben“.
Deutsch, Substantiv: Wegtreiben, gewaltsames Forttreiben, gewaltsame Wegnahme; besonders Viehentwendung, Viehdiebstahl, Viehraub; nach Kontext auch Plünderung oder gewaltsame Entziehung.
Englisch, Partizip: driven away, driven off, expelled; of cattle stolen or rustled; forced to resign; passed or finished; diverted; aborted.
Englisch, Substantiv: driving away, driving off, forcible removal, robbery; especially cattle theft or rustling.
Französisch, Partizip: chassé, éloigné, expulsé, détourné; bei Vieh auch volé; von einer Nacht écoulé.
Französisch, Substantiv: action de chasser, éloignement forcé, détournement, enlèvement; particulièrement vol beziehungsweise enlèvement de bétail.
Italienisch, Partizip: cacciato, allontanato, respinto, sottratto; bei Vieh rubato beziehungsweise portato via.
Italienisch, Substantiv: allontanamento, sottrazione, asportazione; insbesondere furto beziehungsweise sottrazione di bestiame.
Spanisch, Partizip: alejado, expulsado, ahuyentado, sustraído; bei Vieh robado.
Spanisch, Substantiv: alejamiento, sustracción, robo de ganado, abigeato je nach juristischem Kontext.
Für den knappen Wörterbuchansatz empfiehlt sich daher: abāctus, -a, -um – weggetrieben, vertrieben; abāctus, -ūs m. – Wegtreiben, gewaltsame Entwendung, besonders Viehdiebstahl.
externe links
Scaife ATLAS – Lewis and Short: abactus, a, um – gesonderter Wörterbucheintrag zum Partizip Perfekt Passiv von abigere.
Scaife ATLAS – Lewis and Short: abactus, us – Eintrag zum selbständigen maskulinen Substantiv mit der Bedeutung Wegtreiben beziehungsweise Raub.
Scaife ATLAS – Lewis and Short: abigo – ausführliche Darstellung des zugrunde liegenden Verbs abigere, seiner konkreten, medizinischen und übertragenen Bedeutungen sowie der besonderen Verwendungen des Partizips abactus.
Lewis & Short – abactor, abactus und abigo – historisches Wörterbuch mit den beiden getrennten Lemmata abactus sowie den Belegen abacti magistratus, abacta nox und abacti oculi.
Félix Gaffiot – Dictionnaire illustré latin-français: abactus – unterscheidet das Partizip von dem Substantiv und gibt für letzteres das Wegtreiben von Herden beziehungsweise das Fortnehmen von Beute an.
Linguae Latinae Historicum Lexicon – abactus, us – historisch-semantische Untersuchung des seltenen Substantivs, seiner Beziehung zu abigeatus und seiner Stellung im Bedeutungsfeld des Viehdiebstahls.
Wikisource – Plinius der Jüngere, Panegyricus – lateinischer Primärtext mit dem substantivischen Beleg abactus hospitum im Vergleich zwischen der maßvollen Reise Trajans und dem als Plünderung charakterisierten Verhalten Domitians.
Warburg Institute – Festus, De verborum significatione – Edition mit der Erklärung Abacti magistratus dicebantur, qui coacti deposuerant imperium zur politisch-rechtlichen Sonderverwendung des Partizips.
Daremberg & Saglio – Abacti Magistratus – rechtshistorische Erläuterung der zur Amtsniederlegung gezwungenen römischen Magistrate und des institutionellen Hintergrunds des Ausdrucks.
Packard Humanities Institute – Tacitus, Historiae 5,19 – lateinischer Primärtext mit velut abacto amne für einen abgeleiteten beziehungsweise aus seinem bisherigen Lauf fortgeführten Fluss.
Perseus – Tacitus, Annales XIV – Primärtext mit abactos partus im Zusammenhang mit dem gegen Octavia erhobenen Vorwurf eines herbeigeführten Schwangerschaftsabbruchs.
The Latin Library – Statius, Thebaid I – lateinischer Primärtext mit der dichterischen Verbindung abactis oculis bei der Beschreibung Tisiphones.
Langenscheidt Latein–Deutsch – abactus – moderner deutscher Wörterbucheintrag zum substantivischen abāctus als „gewaltsames Wegtreiben“ und zum gleichlautenden Partizip.
Dizionario Latino Olivetti – abactus – vollständige Flexionsübersicht des Partizips abactus, abacta, abactum.
Wiktionary – Latin abactus – Übersicht zu Aussprache, partizipialer und substantivischer Funktion, Etymologie und Deklination.