abactio
lateinisch-deutsch
Grundbedeutung
abāctiō, abāctiōnis f. – Wegtreiben, Forttreiben, das Treiben von etwas oder jemandem von einem Ort fort; besonders das Wegtreiben von Vieh. In einem rechtlichen Zusammenhang kann das Wort das widerrechtliche Wegtreiben beziehungsweise die Entwendung von Vieh und damit einen Viehdiebstahl bezeichnen oder sich diesem Bedeutungsbereich annähern.
Eine besondere medizinisch-rechtliche Verwendung begegnet in der Verbindung abactio partus, wörtlich etwa „Wegtreiben/Austreiben der Leibesfrucht“. Sie bezeichnet die absichtlich herbeigeführte Abtreibung beziehungsweise den provozierten Schwangerschaftsabbruch. Diese Spezialbedeutung ist jedoch von der allgemeinen Grundbedeutung „Wegtreiben“ zu unterscheiden: Für das alleinstehende abactio darf „Abtreibung“ nicht unterschiedslos als einzige oder ursprüngliche deutsche Übersetzung angesetzt werden.
Wortart
abāctiō ist ein feminines Substantiv der dritten lateinischen Deklination. Die lexikographische Zitierform lautet abāctiō, -ōnis f. beziehungsweise ausführlich abāctiō, abāctiōnis, f.. Das Wort gehört zu den lateinischen Verbalabstrakta auf -tiō, die eine Handlung, einen Vorgang oder das Ergebnis einer Handlung bezeichnen können.
Semantisch handelt es sich primär um ein Nomen actionis: Bezeichnet wird zunächst der Vorgang des Wegtreibens. In juristischen Kontexten kann sich diese Handlungsbezeichnung auf den konkreten widerrechtlichen Vorgang und damit auf einen Deliktstyp verengen.
Aussprache
Die quantitativ bezeichnete Form lautet abāctiō. Bei Anwendung der rekonstruierten klassischen lateinischen Aussprache ergibt sich ungefähr [aˈbaːk.ti.oː]. Der Akzent liegt auf der Silbe bāc. Da das Substantiv selbst vor allem für die Spätantike bezeugt ist, bezeichnet „klassische Aussprache“ hier die Anwendung der rekonstruierten klassischen lateinischen Lautregeln auf die überlieferte Wortform und nicht die Behauptung, dass gerade diese Substantivform bereits zum verbreiteten Wortschatz der klassischen Epoche gehört habe.
In der kirchenlateinischen, italienisch geprägten Aussprache ist ungefähr [aˈbak.t͡si.o] zu erwarten. Die unterschiedliche Aussprache des Abschnitts -tiō ergibt sich aus der späteren Entwicklung der lateinischen Aussprachetradition.
Grammatik
Das Substantiv gehört zur dritten Deklination und besitzt den Stamm abāctiōn-. Im Singular lauten die Formen: Nominativ abāctiō, Genitiv abāctiōnis, Dativ abāctiōnī, Akkusativ abāctiōnem, Ablativ abāctiōne; der Vokativ stimmt mit dem Nominativ überein. Im Plural stehen Nominativ und Akkusativ abāctiōnēs, Genitiv abāctiōnum, Dativ und Ablativ abāctiōnibus.
Das grammatische Geschlecht ist feminin. Die Flexion entspricht damit dem regulären Muster zahlreicher lateinischer abstrakter Feminina auf -tiō, -tiōnis, etwa actiō, abductiō, abstractiō oder expulsiō.
Die häufigsten sachlich relevanten Genitivverbindungen sind abactio pecorum „Wegtreiben von Vieh“ und abactio partus „Austreibung der Leibesfrucht, Abtreibung“. Der Genitiv spezifiziert dabei, worauf sich der durch abactio bezeichnete Vorgang richtet.
Orthographie
Die gewöhnliche lateinische Schreibweise lautet abactio. Die Form abāctiō mit Makronen ist eine wissenschaftliche beziehungsweise didaktische Schreibung zur Kennzeichnung der Vokalquantität; antike und mittelalterliche Texte setzen solche Quantitätszeichen grundsätzlich nicht in der modernen lexikographischen Weise.
Für mittelalterliches Latein ist daneben die Schreibvariante abaccio dokumentiert. Sie ist keine selbständige Vokabel mit eigener Bedeutung, sondern eine historische Schreibvariante von abactio. Für den lexikographischen Haupteintrag ist deshalb abactio beizubehalten.
Die Buchstabenfolge -actio darf etymologisch nicht zu der vereinfachenden Annahme verleiten, das Wort sei unmittelbar aus der Präposition ab und dem selbständigen Substantiv actio zusammengesetzt. Seine morphologische Grundlage ist vielmehr die Wortfamilie des Verbs abigere mit dem Supinstamm abāct-.
Gebrauch
abactio gehört nicht zum häufigen Grundwortschatz des klassischen Lateins. Das Substantiv ist insbesondere in spätlateinischen, mittelalterlichen, juristischen, lexikographischen und später medizinisch-neulateinischen Zusammenhängen relevant. Wer klassische lateinische Prosa übersetzt, wird deshalb wesentlich häufiger dem zugrunde liegenden Verb abigere, dem Substantiv abactus oder im juristischen Bereich abigeatus begegnen.
Ein eindeutiger spätantiker Beleg findet sich bei Hieronymus in seinem Jeremiaskommentar. Dort erscheint abactionem pecorum innerhalb einer Schilderung von Verwüstung, Tötung, Viehwegtreiben und der Zerstörung von Städten und Mauern. Die Bedeutung ist hier konkret: Vieh wird fortgetrieben und den bisherigen Besitzern entzogen.
Im mittelalterlichen Rechts- und Verwaltungslatein konnte das Wort weiterhin auf das Wegtreiben beziehungsweise die Entwendung von Vieh bezogen werden. Belege aus den Jahren 1408 und 1532 zeigen abactio beziehungsweise entsprechende flektierte Formen ausdrücklich in Verbindung mit pecora. Damit bleibt der konkrete landwirtschaftlich-rechtliche Bedeutungsbereich über die Spätantike hinaus lebendig.
Eine andere Fachtradition bildet abactio partus. Hier ist das Element des „Forttreibens“ auf die absichtlich herbeigeführte Beendigung einer Schwangerschaft übertragen. In historischen medizinischen Wörterbüchern und im neuzeitlichen Fachlatein erscheint die Verbindung als Bezeichnung der künstlich herbeigeführten Abtreibung. Für die Beschreibung moderner medizinischer Sachverhalte ist die Wendung heute vor allem sprach- und medizinhistorisch von Bedeutung.
Bedeutungsbereich
Der Bedeutungsbereich von abactio beruht auf dem semantischen Schema „etwas durch Treiben von seinem bisherigen Ort entfernen“. Dieses Schema verbindet die unterschiedlichen historischen Verwendungen. Die allgemeinste Bedeutung ist daher Wegtreiben beziehungsweise Forttreiben. Sie impliziert eine gerichtete Bewegung vom Ausgangspunkt weg und häufig einen Verursacher, der diese Bewegung bewirkt.
Bei Vieh erhält die Bewegung eine wirtschaftliche und rechtliche Dimension. Wer fremde Tiere aus einer Herde, einem Stall oder einem Weidegebiet wegtreibt, kann sie zugleich dem Besitzer entziehen. Aus dem räumlichen „Wegtreiben“ entsteht so kontextuell die Bedeutung „Vieh entwenden“. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Bewegungsvorgang und Eigentumsverletzung stehen abactio, abactus und das stärker deliktspezifische abigeatus.
In abactio partus wird das Grundschema auf einen medizinisch-reproduktiven Vorgang übertragen. Entscheidend ist auch hier die Vorstellung des bewirkten Heraus- beziehungsweise Forttreibens. Der Ausdruck gehört damit semantisch zur historischen Terminologie von Abtreibung, abortus und abortio, ohne mit diesen Ausdrücken in sämtlichen Epochen und Kontexten vollkommen bedeutungsgleich zu sein.
Lexikon
abactio ist ein seltenes lateinisches Verbalabstraktum mit dem Kerninhalt „Wegtreiben, Forttreiben“. Seine Bedeutung lässt sich nur dann präzise erfassen, wenn zwischen dem allgemeinen Bewegungsvorgang, der besonderen Anwendung auf Vieh und der späteren medizinisch-rechtlichen Verbindung abactio partus unterschieden wird. Die verbreitete Verkürzung auf „Abtreibung“ erfasst deshalb lediglich einen spezialisierten Teil seiner historischen Verwendung.
Für das Verständnis des Wortes ist zunächst der Zusammenhang mit abigere entscheidend. Dieses Verb besitzt bereits im klassischen Latein ein breites Bedeutungsspektrum: Es kann allgemein „wegtreiben, vertreiben, fortschaffen“ bedeuten, besonders aber das Wegtreiben von Vieh. Gerade bei Herdentieren liegt eine Überschneidung von tatsächlicher Bewegung und rechtswidriger Aneignung nahe. Lateinisches pecora abigere kann deshalb nicht nur neutral das Forttreiben von Tieren, sondern kontextabhängig auch deren Entwendung bezeichnen. Das römische Recht entwickelte für den Viehdiebstahl eine eigene Terminologie, in der abigeatus und Personenbezeichnungen wie abigeus eine besondere Rolle spielen.
Das Substantiv abactio bezeichnet demgegenüber seinem Bildungstyp nach zunächst die Handlung des abigere. Besonders anschaulich ist die spätantike Verwendung bei Hieronymus. In einer Beschreibung der Verwüstung Judäas reiht er die Tötung vieler Menschen, die abactio pecorum und die Zerstörung von Städten und Mauern aneinander. abactio bezeichnet hier keinen abstrakten philosophischen Begriff, sondern eine konkrete Gewalthandlung innerhalb von Krieg, Plünderung und Verwüstung: Viehbestände werden fortgetrieben und dadurch ihren Besitzern entzogen.
Die mittelalterliche Überlieferung bestätigt die Stabilität dieses Bedeutungsfeldes. Das elektronische Wörterbuch des mittelalterlichen Lateins in Polen verzeichnet abactio beziehungsweise abaccio als „actio abigendi, praesertim pecora“, also als Handlung des Wegtreibens, besonders von Vieh. Ein Beleg von 1408 steht in einem Zusammenhang mit Übergriffen auf Untertanen und der Aneignung von Besitz; ein Beleg von 1532 nennt ausdrücklich abactiones pecorum im Zusammenhang mit Rechtsverletzungen an Grenzen, Weiden und Wäldern. Damit kann abactio im mittelalterlichen Rechtswortschatz von der rein physischen Handlung zur Bezeichnung einer rechtsrelevanten Viehentwendung übergehen.
Davon zu unterscheiden ist die medizinisch-rechtliche Tradition. Das klassische Verb abigere konnte bereits auf die absichtlich bewirkte Beendigung einer Schwangerschaft bezogen werden. Berühmt ist die von Marcus Tullius Cicero in Pro Cluentio erwähnte Frau aus Milet, die sich durch Arzneimittel die Leibesfrucht abgetrieben habe; Cicero verwendet dafür eine Form von partum abigere. Die verbale Fachverwendung ist somit erheblich älter und sicherer klassisch belegt als eine entsprechende selbständige Verwendung des Substantivs abactio.
Aus dieser verbalen Verbindung lässt sich die später begegnende Nominalform abactio partus ohne Bedeutungsbruch verstehen: Was verbal als partum abigere ausgedrückt wird, erscheint nominal als abactio partus. Historische medizinische und neulateinische Wörterbücher geben diese Wortgruppe mit „Abtreibung der Leibesfrucht“, „induced abortion“ oder vergleichbaren Bezeichnungen wieder. Lexikographisch ist deshalb zu empfehlen, abactio partus als feste Fachverbindung gesondert unter der Grundbedeutung von abactio aufzuführen, nicht aber das gesamte Lemma allein auf die Bedeutung „Abtreibung“ zu reduzieren.
Eine weitere Präzisierung betrifft das Verhältnis zu abactus. Beide Wörter können das Wegtreiben bezeichnen. abactus ist ein maskulines Verbalnomen der vierten Deklination und bereits früher belegt; abactio ist das feminine Abstraktum auf -tiō. Im Bedeutungsfeld des Viehraubs steht daneben abigeatus, das stärker als Deliktsbezeichnung spezialisiert ist. Eine deutsche Übersetzung muss daher berücksichtigen, ob der jeweilige Text einen Vorgang, einen konkreten Übergriff oder eine juristisch klassifizierte Straftat hervorhebt.
Als Wörterbuchäquivalente eignen sich für abactio deshalb je nach Kontext „Wegtreiben“, „Forttreiben“, bei Vieh „Wegtreiben von Vieh“, „Viehentwendung“ oder „Viehdiebstahl“ und ausschließlich in der entsprechenden medizinischen Verbindung „Abtreibung“. Das allgemeinere deutsche „Entfernung“ kann den Bewegungssinn gelegentlich paraphrasieren, ist als Hauptübersetzung jedoch zu unspezifisch, weil das lateinische Wort auf der Vorstellung eines aktiven Treibens beruht.
Etymologie
abāctiō gehört etymologisch zur Wortfamilie von abigere „wegtreiben“. Das Verb ist aus dem Präfix beziehungsweise der Präposition ab „von … weg, fort“ und agere „treiben, führen, in Bewegung setzen, handeln“ hervorgegangen. Seine Grundvorstellung ist damit transparent: Ein Objekt wird von einem Ausgangspunkt weggetrieben.
Das zusammengesetzte Verb besitzt die Stammformen abigō, abigere, abēgī, abāctum. Das Substantiv abāctiō wird nicht einfach durch Aneinanderfügung der selbständigen Wörter ab und actiō erklärt, sondern gehört morphologisch zum Supin- beziehungsweise Partizipialstamm abāct- von abigere. An diesen Stamm tritt das substantivbildende Suffix -tiō, das im Lateinischen produktiv Handlungs- und Vorgangsbezeichnungen bildet.
Die entferntere Wortfamilie führt zu agere, einem der semantisch besonders produktiven Verben des Lateinischen. Dessen Grundbedeutung „treiben, in Bewegung setzen“ erklärt, weshalb Ableitungen mit unterschiedlichen Präfixen räumliche Richtungen ausdrücken können. Bei abigere markiert ab- die Bewegung vom Bezugspunkt weg. Die semantische Struktur von abāctiō ist daher ursprünglich nicht abstrakt „Entfernung“, sondern genauer „das durch Treiben bewirkte Fortbewegen“.
Die Form abāct- hängt mit dem Supinum abāctum und dem Partizip abactus zusammen. Der Wechsel zwischen dem Präsensstamm -ig-, dem Perfektstamm -ēg- und dem Supinstamm -āct- gehört zur historischen Formenbildung des Verbs agere und seiner Zusammensetzungen. Deshalb ist eine rein graphische Zerlegung von abactio in ab + actio sprachgeschichtlich unzureichend.
Wortgeschichte
Die Wortgeschichte von abactio muss von der wesentlich älteren Geschichte des Verbs abigere ausgehen. Das Verb ist im klassischen Latein fest etabliert und kann Personen oder Sachen vertreiben, Vieh forttreiben, im übertragenen Gebrauch Beschwerden oder Übel beseitigen und in medizinischem Zusammenhang einen partus beziehungsweise fetus abtreiben. Der konkrete Bewegungssinn bildet dabei die Grundlage für die verschiedenen Spezialisierungen.
Das Substantiv abactio gehört dagegen zur später belegten nominalen Ausgestaltung dieser Wortfamilie. Die spätantike Verwendung bei Hieronymus zeigt noch deutlich die konkrete Ausgangsbedeutung. Abactionem pecorum steht für das Wegtreiben von Vieh im Zuge feindlicher Verwüstung. Dass ältere und klassische Texte für ähnliche Vorgänge andere Bildungen wie abactus oder verbale Konstruktionen mit abigere verwenden, erklärt die geringe Frequenz des jüngeren Substantivs.
Im mittelalterlichen Latein bleibt abactio insbesondere dort verständlich und verwendbar, wo Viehbesitz, Weiderechte, Grenzverletzungen und widerrechtliche Aneignung rechtlich geregelt werden. Die dokumentierte Nebenform abaccio gehört in diese Überlieferung. Die Bedeutungsentwicklung führt nicht zu einer völlig neuen Grundbedeutung, sondern verstärkt die rechtliche Interpretation des Wegtreibens als Eigentumsverletzung.
Daneben entwickelt sich in der medizinischen und juristischen Fachsprache die Wortgruppe abactio partus. Ihre semantische Voraussetzung liegt bereits im klassischen partum abigere. In neuzeitlichen und neulateinischen medizinischen Wörterbüchern wird abactio partus ausdrücklich als Bezeichnung für die künstlich herbeigeführte Abtreibung geführt. Die Wortgeschichte verläuft somit nicht von „Abtreibung“ zu „Wegtreiben“, sondern umgekehrt von der allgemeinen Vorstellung des Wegtreibens über spezialisierte Objekte zu fachsprachlichen Bedeutungen.
Historische Einordnung
Sprachgeschichtlich gehört abactio vor allem zum Spätlatein und zum Mittellatein. Seine Wortbildungsbestandteile sind wesentlich älter, doch das Substantiv selbst besitzt nicht den Stellenwert eines häufigen klassischen Standardwortes. Für einen klassischen Autor wäre in vielen Kontexten das Verb abigere oder eine andere substantivische Bildung näherliegend.
Für die Geschichte der Viehentwendung ist außerdem zu beachten, dass das römische Recht mit abigeatus eine eigene Bezeichnung des Viehdiebstahls kennt. Der Digesten-Titel über die abigei beziehungsweise den abigeatus behandelt das widerrechtliche Wegtreiben von Herdentieren als besondere Erscheinungsform des furtum. Abactio und abigeatus gehören damit in denselben Sachbereich, sind aber nicht morphologisch oder terminologisch austauschbar.
Bei der historischen Terminologie des Schwangerschaftsabbruchs ist ebenfalls Differenzierung notwendig. Das klassische Latein kennt abortus und verwandte Bildungen für Fehlgeburt beziehungsweise vorzeitigen Abgang, während für das absichtliche Herbeiführen eines Abgangs unter anderem die Verbindung partum abigere verwendet werden konnte. Die später substantivierte Fügung abactio partus setzt diesen kausativen Begriff fort.
Antonyme
Ein fest lexikalisiertes lateinisches Antonym zu abactio ist nicht nachweisbar. Der Gegensatz hängt vielmehr vom jeweiligen Bedeutungsbereich ab.
adductio – Heranführung, Herbeiführung; kann beim rein räumlichen Bewegungsbegriff als semantischer Gegenpol zum Wegtreiben verstanden werden, ist aber kein festes Wörterbuchantonym zu abactio.
inductio – Hineinführen, Einführen; bildet in bestimmten räumlichen Kontexten einen Gegensatz zum Forttreiben, besitzt jedoch zahlreiche eigene Bedeutungen und ist daher nur kontextuell antonymisch.
Für die Bedeutung „Viehdiebstahl“ existiert kein sinnvoller einzellexematischer Gegenbegriff. Ebenso hat abactio partus kein traditionelles lateinisches Antonym, das als unmittelbares Gegenwort zum medizinisch-rechtlichen Fachausdruck gelten könnte.
Synonyme und bedeutungsverwandte Ausdrücke
abactus – Wegtreiben, gewaltsames Forttreiben; sehr nah mit abactio verwandt, jedoch ein maskulines Substantiv der vierten Deklination und historisch eigenständig belegt.
abigeatus – Viehdiebstahl, widerrechtliches Wegtreiben von Vieh; stärker juristisch auf die Straftat beziehungsweise das Delikt spezialisiert als das allgemeinere abactio.
furtum – Diebstahl; juristischer Ober- und Nachbarbegriff, der nicht auf Vieh und nicht auf die besondere Form des Wegtreibens beschränkt ist.
furtum pecorum – Diebstahl von Vieh; sachlich nahe Umschreibung für die deliktische Interpretation von abactio pecorum.
expulsio – Hinaustreibung, Vertreibung, Ausstoßung; allgemeiner als abactio und nicht speziell mit dem Treiben von Vieh verbunden.
depulsio – Abwehr, Vertreibung, Wegdrängen; bedeutungsverwandt im räumlichen Grundschema, jedoch semantisch anders profiliert.
abortus – Fehlgeburt, vorzeitiger Abgang beziehungsweise je nach späterem Kontext auch Schwangerschaftsabbruch; im medizinischen Bedeutungsfeld von abactio partus relevant, aber nicht in allen historischen Kontexten synonym.
abortio – Abgang, Fehlgeburt, später auch fachsprachlich Abtreibung; gehört zur medizinischen Nachbarschaft von abactio partus.
Abgrenzung
abactio ist zunächst von abductio zu unterscheiden. Abductio gehört zu abducere „wegführen“ und bezeichnet entsprechend ein Wegführen oder Entfernen. Abactio gehört dagegen zu abigere und bewahrt semantisch die Vorstellung des Treibens. Dieser Unterschied ist bei Vieh besonders anschaulich: Eine Herde wird typischerweise „getrieben“, nicht wie eine einzelne Person „geführt“.
Von abigeatus unterscheidet sich abactio vor allem durch den Grad juristischer Spezialisierung. Abigeatus kann das Delikt des Viehdiebstahls als solches bezeichnen. Abactio bezeichnet seiner Wortbildung nach die Handlung des Wegtreibens und erhält den deliktischen Sinn erst aus Objekt und Kontext.
abactor ist keine Handlungsbezeichnung, sondern ein Nomen agentis: derjenige, der Vieh wegtreibt beziehungsweise stiehlt. Ähnlich bezeichnet abigeus einen Viehdieb. Die drei Ebenen Handlung – Täter – Straftat sind daher lexikographisch auseinanderzuhalten.
Im medizinischen Bereich darf abactio partus nicht ohne Weiteres mit jedem Vorkommen von abortus gleichgesetzt werden. Abortus kann einen von selbst eingetretenen vorzeitigen Abgang bezeichnen; partum abigere beziehungsweise abactio partus hebt dagegen gerade das verursachte, herbeigeführte Geschehen hervor.
Kontext
In einem spätantiken historischen oder exegetischen Text ist bei abactio pecorum zunächst an das Wegtreiben von Herden im Zusammenhang mit Krieg, Plünderung oder gewaltsamer Aneignung zu denken. Das Vieh stellt einen wesentlichen Teil beweglichen Vermögens dar; sein Wegtreiben hat deshalb zugleich militärische, wirtschaftliche und rechtliche Bedeutung.
In mittelalterlichen Urkunden und Rechtstexten kann abactio in Zusammenhängen mit Weiderechten, Grenzstreitigkeiten, Schäden an Grundstücken und Viehentwendung auftreten. Der Begriff bewegt sich hier zwischen faktischer Handlung und rechtlich relevantem Übergriff.
In historischen medizinischen, rechtsmedizinischen oder strafrechtlichen Texten weist insbesondere der Genitiv partus auf einen völlig anderen Sachbereich. Abactio partus gehört dort zur Terminologie des absichtlich herbeigeführten Schwangerschaftsabbruchs. Ohne eine solche Ergänzung sollte die medizinische Spezialbedeutung nicht automatisch vorausgesetzt werden.
Kollokationen und Kookkurrenzen
abactio pecorum – „Wegtreiben von Vieh“, „Viehentwendung“; die wichtigste konkret belegte Verbindung für die spätlateinische Grundbedeutung.
abactiones pecorum – „Viehwegtreibungen“, „Fälle von Viehentwendung“; eine pluralische juristisch-administrative Verwendung, wie sie auch in mittelalterlicher Überlieferung begegnet.
abactio partus – „Abtreibung der Leibesfrucht“, „herbeigeführter Schwangerschaftsabbruch“; medizinisch-rechtliche Fachverbindung.
partum abigere – „eine Leibesfrucht abtreiben“; die klassische verbale Verbindung, die für das Verständnis des späteren nominalen abactio partus besonders wichtig ist.
pecora abigere – „Vieh wegtreiben“, je nach Kontext auch „Vieh stehlen“; verbale Grundkonstruktion des sachlichen Bedeutungsfeldes.
medicamentis partum abigere – „durch Arzneimittel die Leibesfrucht abtreiben“; historisch belegtes Ausdrucksmuster des medizinisch-forensischen Bedeutungsbereichs.
Oberbegriff
Handlung → Bewegung → Entfernung → Wegtreiben → abactio.
Bei Vieh ergibt sich sachlich eine zweite Hierarchie: Eigentumsdelikt → Diebstahl → Viehdiebstahl → deliktisch verstandene abactio pecorum.
Für die medizinische Sonderverwendung lautet die Hierarchie: Schwangerschaftsbeendigung → Schwangerschaftsabbruch → historisch-lateinisch abactio partus.
Unterbegriffe
abactio pecorum – Wegtreiben beziehungsweise widerrechtliche Entwendung von Vieh.
abactio partus – absichtlich bewirkte Austreibung der Leibesfrucht; historischer medizinisch-rechtlicher Ausdruck für Abtreibung.
Weitere lexikalisierte Unterarten von abactio sind nicht in vergleichbarer Weise etabliert. Die beiden genannten Verbindungen beruhen vielmehr auf unterschiedlichen Spezialisierungen des gemeinsamen Vorgangsschemas „Wegtreiben“.
Wortfamilie
agere – treiben, führen, in Bewegung setzen, tun, handeln; etymologische Grundbasis.
abigere – wegtreiben, vertreiben; Vieh wegtreiben beziehungsweise entwenden; in medizinischer Verwendung einen partus abtreiben.
abactus – weggetrieben; als Substantiv auch Wegtreiben, gewaltsames Forttreiben.
abactor – Wegtreiber, besonders Viehdieb.
abigeus – Viehdieb; juristische Täterbezeichnung.
abigeatus – Viehdiebstahl, widerrechtliches Wegtreiben von Herdentieren.
actio – Handlung, Tätigkeit, juristisch auch Klage; etymologisch ebenfalls zur Familie von agere gehörig, aber nicht als unmittelbares zweites Kompositionsglied von abactio zu interpretieren.
Wortbildung
Die Wortbildung lässt sich als abāct- + -iō beziehungsweise historisch als Aktionsnomenbildung zum Verb abigere beschreiben. Grundlage ist der in abāctum und abactus sichtbare Stamm abāct-. Durch die Bildung auf -tiō entsteht ein feminines Abstraktum der Bedeutung „das Abgetriebenwerden beziehungsweise das Wegtreiben“.
Das Suffix -tiō ist eines der zentralen lateinischen Mittel zur Bildung von Handlungs- und Vorgangssubstantiven. Vergleichbare Bildungen sind abductiō zu abducere, abstractiō zu abstrahere und expulsiō zu expellere, wobei die konkrete morphologische Stammgestaltung jeweils vom zugrunde liegenden Verb abhängt.
Die Analyse ab- + actio kann zwar oberflächlich durch die Schriftgestalt nahegelegt werden, verschleiert jedoch den tatsächlichen Ableitungszusammenhang. Das Wort ist synchron und historisch besser als Nominalbildung zu abigere zu verstehen.
Polysemie
abactio besitzt keine weit auseinanderliegenden, völlig unabhängigen Bedeutungen. Seine unterschiedlichen Verwendungen bilden vielmehr eine nachvollziehbare Kette von Spezialisierungen. Ausgangspunkt ist stets das verursachte Forttreiben.
Die erste Ebene ist konkret-räumlich: „Wegtreiben, Forttreiben“. Die zweite Ebene entsteht beim typischen Objekt Vieh: Das Wegtreiben fremder Herdentiere wird zugleich zur Entwendung und kann daher als Viehdiebstahl interpretiert werden. Die dritte Ebene liegt in abactio partus, wo das Bewegungsschema auf das absichtlich bewirkte Austreiben der Leibesfrucht übertragen wird.
Lexikographisch ist deshalb eher von kontextueller Bedeutungsdifferenzierung und fachsprachlicher Spezialisierung als von einer unverbundenen starken Polysemie auszugehen.
Homonyme und Homographe
Ein eigenständiges lateinisches Homonym abactio mit anderer Herkunft ist nicht etabliert. Die belegte mittelalterliche Form abaccio ist eine orthographische Variante desselben Wortes und kein Homonym.
Auch die äußerliche Ähnlichkeit mit actio begründet keine Homonymie. Actio ist ein selbständiges Substantiv mit einem außerordentlich breiten Bedeutungsfeld von „Handlung“ bis „Klage“, während abactio eine eigene Ableitung aus der Wortfamilie von abigere darstellt.
Redewendungen und Sprichwörter
Eigenständige lateinische Sprichwörter oder idiomatische Redewendungen mit abactio sind nicht als charakteristischer Bestandteil der Überlieferung bekannt. Das seltene Substantiv gehört nicht zu jener Art häufigen Alltagswortschatzes, aus der gewöhnlich eine umfangreiche Phraseologie entsteht.
Historisch wichtiger als Redewendungen sind die festen oder zumindest wiederkehrenden Fachverbindungen abactio pecorum und abactio partus. Insbesondere die zweite Verbindung hat terminologischen Charakter und sollte deshalb eher als fachsprachliche Kollokation denn als Redewendung behandelt werden.
Metaphern
Für das alleinstehende abactio ist keine ausgeprägte literarische Metaphorik charakteristisch. Der spätlateinisch belegte Gebrauch bleibt auffallend konkret und bezeichnet tatsächlich vollzogenes Wegtreiben.
Eine semantische Übertragung liegt jedoch hinter abactio partus. Das räumliche und besonders aus der Viehhaltung vertraute Konzept des „Forttreibens“ wird auf einen körperlichen Vorgang übertragen. Der Ausdruck konzeptualisiert das absichtlich bewirkte Ende der Schwangerschaft als „Austreiben“ beziehungsweise „Forttreiben“ des partus. Diese Übertragung war bereits auf der Ebene des klassischen Verbs partum abigere vorbereitet.
Metonymie
Eine metonymische Entwicklung ist besonders im juristischen Bedeutungsbereich möglich. Das Wort bezeichnet seinem Bildungstyp nach zunächst die Handlung des Wegtreibens. Weil gerade das Wegtreiben fremder Tiere eine typische Art der Viehentwendung bildet, kann die Bezeichnung der Handlung zugleich für den gesamten rechtswidrigen Vorgang stehen. Der konkrete Vollzug wird damit zur Bezeichnung des Delikts beziehungsweise des Übergriffs.
Ein ähnlicher Übergang von Handlung zu fachlich definiertem Vorgang liegt bei abactio partus vor. Die abstrakte Handlungsbezeichnung benennt nicht lediglich eine körperliche Bewegung, sondern den gesamten absichtlich herbeigeführten Vorgang des Schwangerschaftsabbruchs.
Register und Sprachstufe
abactio ist ein seltenes, überwiegend schriftsprachliches und fachsprachlich relevantes Wort. Es gehört nicht zum gewöhnlichen lateinischen Alltagswortschatz. Historisch ist es vor allem dem spätantiken, mittelalterlichen und neulateinischen Register zuzuordnen.
Im Viehkontext besitzt es eine sachlich-rechtliche Färbung, besonders wenn das Wegtreiben als Eigentumsverletzung verstanden wird. Abactio partus gehört dagegen in medizinische, rechtsmedizinische und juristische Fachtraditionen. In modernen lateinischen Texten ist die Wortgruppe historisch verständlich, steht aber neben anderen terminologischen Möglichkeiten wie abortus, abortio und präzisierenden neulateinischen Ausdrücken.
Regionale Varianten
Eine antike regionale Bedeutungsverteilung von abactio lässt sich aufgrund der geringen Belegdichte nicht sinnvoll ansetzen. Das Wort sollte daher nicht bestimmten Regionen des Römischen Reiches als charakteristische Dialektform zugeordnet werden.
Für das mittelalterliche Latein ist jedoch die Schreibform abaccio dokumentiert. Das eLexicon Mediae et Infimae Latinitatis Polonorum führt abactio und abaccio gemeinsam. Die Variante belegt eine orthographische Schwankung innerhalb der mittelalterlichen lateinischen Schriftkultur; sie rechtfertigt aber keine Annahme einer eigenständigen regionalen Bedeutung.
Wortbildung als Erstglied
abactio ist im überlieferten Latein kein produktives Erstglied regulärer Komposita. Die semantische Spezifikation erfolgt typischerweise syntaktisch, insbesondere durch einen nachgestellten Genitiv: abactio pecorum und abactio partus. Solche Fügungen sind Wortgruppen und keine Zusammensetzungen im engeren morphologischen Sinn.
Für die lexikographische Erfassung sollten deshalb abactio pecorum und abactio partus als Kollokationen beziehungsweise terminologische Mehrwortverbindungen behandelt werden, nicht als Komposita vom Typ eines deutschen Zusammensetzungswortes.
Wortbildung als Letztglied
abactio fungiert ebenfalls nicht als produktives Letztglied lateinischer Zusammensetzungen. Insbesondere ist die Sequenz -actio innerhalb des Wortes nicht als ein produktives Letztglied actio zu analysieren. Morphologisch maßgeblich ist die Ableitung auf -tiō aus dem Stamm abāct-.
Die für das Lateinische entscheidende Wortbildungsreihe lautet daher abigere → abāct- → abāctiō und nicht ab + actiō.
Übersetzungen
Deutsch: Wegtreiben, Forttreiben; bei Vieh auch Viehentwendung, Viehdiebstahl; abactio partus: Abtreibung, herbeigeführter Schwangerschaftsabbruch.
Englisch: driving away, driving off; insbesondere von Vieh cattle-driving away, cattle theft; abactio partus: induced abortion, termination of pregnancy.
Französisch: action de chasser, d’emmener; bei Vieh enlèvement beziehungsweise vol de bétail; abactio partus: avortement provoqué.
Italienisch: allontanamento, cacciata; bei Vieh sottrazione beziehungsweise furto di bestiame; abactio partus: aborto provocato.
Spanisch: acción de alejar beziehungsweise llevarse; bei Vieh sustracción oder robo de ganado; abactio partus: aborto provocado.
Für eine lateinisch-deutsche Wörterbuchangabe ist als knappste Grundübersetzung „Wegtreiben“ vorzuziehen. „Viehdiebstahl“ ist als kontextuelle Spezialisierung, „Abtreibung“ nur für abactio partus anzusetzen.
externe links
Gerhard Köbler – Lateinisches Wörterbuch, abāctio – verzeichnet abāctio als feminines Substantiv mit der Bedeutung „Wegtreiben“, nennt Hieronymus als Beleg und stellt das Wort in die Familie von abigere.
eLexicon Mediae et Infimae Latinitatis Polonorum – ABACTIO – wissenschaftliches Wörterbuch des mittelalterlichen Lateins mit den Formen abactio und abaccio, der Bedeutung „actio abigendi, praesertim pecora“ sowie mittelalterlichen Belegen von 1408 und 1532.
Linguae Latinae Historicum Lexicon – abactus – historisch-semantische Darstellung der Wortfamilie von abigere, einschließlich des Hinweises auf abactio und die Bedeutung des Viehwegtreibens beziehungsweise Viehdiebstahls.
Monumenta – Hieronymus, Commentarii in Ieremiam – lateinischer Primärtext mit dem spätantiken Beleg abactionem pecorum im Zusammenhang mit der Verwüstung Judäas.
MPIWG Thesaurus/WordInfo – abigo – Wörterbuchmaterial zu abigere mit den Bedeutungen „wegtreiben“, „Vieh wegtreiben/stehlen“ und der medizinischen Verbindung partum abigere.
Herzog August Bibliothek – Theatrum Latino-Germanico-Graecum – historisches lateinisch-deutsches Wörterbuch mit ausführlichen Angaben zu abigere, zum Wegtreiben beziehungsweise Stehlen von Vieh und zu abigere partum.
Neo-Latin Lexicon – Silva – neulateinische Lexikographie mit medizinischem Wortschatz; führt unter „abortion“ unter anderem abactio partus und grenzt die Wendung gegen andere lateinische Ausdrücke ab.
Lexicon Latinum Hodiernum – modernes lateinisches Wörterbuch mit abactio partus als einer historischen beziehungsweise neulateinischen Entsprechung für „Abtreibung“.
Deutsches Rechtswörterbuch – abtreiben – dokumentiert die deutsche rechts- und sprachgeschichtliche Verwendung von „abtreiben“, darunter „Leibesfrucht abtreiben“, und verweist auf den Zusammenhang mit lateinischem abigere partum.
Dictionnaire des antiquités grecques et romaines – Abortio – historischer Überblick zur lateinischen Terminologie von Fehlgeburt und Abtreibung sowie zur Abgrenzung der entsprechenden Rechtsbegriffe.
Wiktionary – lateinische Wortbildungen auf -tio – Übersicht über lateinische Handlungs- und Vorgangssubstantive auf -tiō, darunter abactio.