abaasen

Lexikon

abaasen ist ein veraltetes Fachwort der Gerberei und bedeutet, eine abgezogene Tierhaut oder ein Fell auf der Fleischseite abzuschaben und dadurch von anhaftenden Fleisch-, Fett- und Unterhautresten zu befreien. Die ältere Gerbersprache bezeichnete die körperzugewandte Seite der Haut auch als Aasseite; entsprechend konnte das dort haftende tierische Gewebe als Aas bezeichnet werden. Eine Haut abaasen hieß daher nicht, mit einem verwesenden Kadaver umzugehen, sondern die für die weitere Verarbeitung störenden Gewebereste mechanisch von der Innenseite der Haut zu entfernen. Johann Christoph Adelung definiert das Verb Ende des 18. Jahrhunderts knapp als das Abschaben der Häute auf der Fleischseite und kennzeichnet es mit der zeitgenössischen grammatischen Angabe verb. reg. act., also als regelmäßiges aktives beziehungsweise transitiv gebrauchtes Verb. In heutiger Terminologie entspricht diesem Arbeitsgang am ehesten entfleischen.

Das Abaasen gehört zur vorbereitenden Bearbeitung der Rohhaut, nicht zur Gerbung im engeren Sinn. Eine frisch abgezogene Tierhaut besteht nicht ausschließlich aus der später gerbbaren Lederhaut. Auf der dem Tierkörper zugewandten Seite können Teile des Unterhautbindegewebes, Fett und Fleischreste zurückbleiben. Diese Gewebe würden die gleichmäßige weitere Bearbeitung behindern und müssen deshalb entfernt werden. In der modernen Lederherstellung wird dieser Vorgang als Entfleischen bezeichnet und überwiegend maschinell ausgeführt. Entfleischmaschinen tragen mit rotierenden Messerwalzen Unterhautbindegewebe und Fettreste ab und egalisieren zugleich die zu bearbeitende Fläche. Das historische abaasen bezeichnet grundsätzlich dieselbe mechanische Zielsetzung, gehört aber zu einer älteren handwerklichen Terminologie und darf deshalb nicht ohne Einschränkung mit jedem modernen industriellen Arbeitsschritt gleichgesetzt werden.

In der traditionellen Gerberei wurde die Haut zur Bearbeitung über einen Gerberbaum, eine Gerberbank oder eine vergleichbare gewölbte Unterlage gelegt. Mit einem Ausfleischeisen, Fleischeisen, Schabeisen oder in bestimmten Verfahren einem Falzmesser wurden die anhaftenden Gewebeteile abgeschoben beziehungsweise abgeschabt. Pierers Lexikon beschreibt das gerberfachliche Aasen als Abschälen der Fleischteile von den Fellen mit dem Ausfleischeisen. Der Arbeitsgang verlangte kontrollierten Druck und eine dem Material angepasste Führung des Werkzeugs: Entfernt werden sollten die nicht benötigten Unterhaut- und Fleischteile, ohne die eigentliche Lederhaut unnötig zu verletzen oder zu stark auszudünnen.

Die genaue Stellung des Abaasens innerhalb des historischen Herstellungsverfahrens konnte nach Hautart, Gerbart und örtlicher Handwerkstradition variieren. Rohhäute wurden nach der Schlachtung konserviert, eingeweicht und weiteren vorbereitenden Arbeitsgängen unterzogen; das Entfernen der Fleischseite konnte je nach Verfahren in unterschiedlichem Zustand der Haut stattfinden. Moderne Gerbereien entfleischen häufig die aufgeweichte beziehungsweise im Bereich der Wasserwerkstatt behandelte Haut. Bei zoologischer Präparation und kleinhandwerklicher Fellbearbeitung kann das Entfernen der Fleischreste dagegen bereits kurz nach dem Abziehen und Konservieren erfolgen. Der Bedeutungsumfang von abaasen wird deshalb besser durch das Ziel des Arbeitsganges – Reinigung der Fleischseite von anhaftendem Gewebe – als durch eine unveränderliche Position in einer bestimmten Arbeitsabfolge definiert.

Historisch bestanden mehrere teilweise gleichbedeutende Handwerksausdrücke. Adelung nennt bei aasen ausdrücklich die Erklärung, die Gerber schabten das „Aas oder Fleisch“ auf der inneren Seite der Felle ab, während die Kürschner dafür fleischen sagten. Unter abfalzen bezeichnet er das Entfernen des Fleisches von der Aasseite mit dem Falzmesser und setzt diesen Arbeitsgang mit abaasen in Beziehung; für die Sattler nennt er abfleischen. Auch ausfleischen wurde in der älteren Fachsprache für das Entfernen von Fleischresten aus beziehungsweise von Tierhäuten verwendet. Die Vielfalt der Bezeichnungen spiegelt unterschiedliche Gewerbetraditionen und Werkzeuge wider, nicht grundsätzlich verschiedene biologische Vorgänge.

Für eine moderne technische Beschreibung muss insbesondere zwischen abaasen beziehungsweise entfleischen, spalten und falzen unterschieden werden. Beim Entfleischen werden vor allem nicht zur eigentlichen gerbbaren Lederhaut gehörendes Unterhautbindegewebe, Fett- und Fleischreste beseitigt. Beim Spalten wird die Lederhaut dagegen horizontal in Schichten getrennt, sodass beispielsweise Narbenspalt und Fleischspalt entstehen können. Das Falzen bezeichnet in der modernen Ledertechnik vor allem die Regulierung beziehungsweise Egalisierung der Lederdicke durch Abtragen von Material. Dass ältere Wörterbücher abfalzen teilweise nahezu gleichbedeutend mit abaasen verwenden, zeigt einen historischen Bedeutungswandel der fachsprachlichen Terminologie und rechtfertigt keine vollständige Gleichsetzung der heutigen Verfahren.

Ebenso wenig bedeutet abaasen häuten. Beim Häuten beziehungsweise Abziehen wird die gesamte Haut vom Tierkörper gelöst; beim Abaasen liegt die Haut bereits abgezogen vor und ihre Fleischseite wird von den verbliebenen Geweberesten gereinigt. Auch gerben ist kein Synonym: Die eigentliche Gerbung stabilisiert das kollagene Fasergefüge der Haut durch Gerbstoffe und verwandelt die vorbereitete Haut in haltbares Leder. Das Abaasen gehört demgegenüber zu den mechanischen Vorarbeiten. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil ältere Wörterbuchdefinitionen wie „die Haut auf der Fleischseite abschaben“ technisch wesentlich enger sind als die allgemeine Vorstellung einer Lederherstellung.

Das Wort ist heute außerhalb historischer Texte, der Wörterbucharbeit und spezieller handwerklicher Zusammenhänge kaum gebräuchlich. Die gegenwärtige Fachsprache bevorzugt insbesondere entfleischen; daneben kommen abfleischen und ausfleischen vor. Abaasen bleibt jedoch lexikographisch bedeutsam, weil es einen traditionellen Wortschatz der Gerber bewahrt und zugleich Wörter wie Aasseite verständlich macht. Es dokumentiert eine Epoche, in der Arbeitsvorgänge unmittelbar nach den am Material wahrgenommenen Bestandteilen benannt wurden: Das auf der Innenseite des Felles haftende „Aas“ beziehungsweise Fleisch wurde durch aasen oder abaasen entfernt.

Vom gerberfachlichen Verb sind andere Bedeutungen von aasen sorgfältig zu unterscheiden. Aasen kann in Jagd- und Tierbezeichnungen mit Fressen beziehungsweise Äsung zusammenhängen und in der modernen Umgangssprache „verschwenderisch mit etwas umgehen“ bedeuten, etwa mit Geld aasen. Abaasen ist dagegen lexikalisch auf den handwerklichen Vorgang des Entfernens von Gewebe von einer Haut beschränkt. Ebenso ist es nicht mit abäsen zu verwechseln, das vom Abfressen beziehungsweise Beweiden handelt. Die äußerliche Nähe dieser Wörter beruht auf historischen Verbindungen innerhalb der Wortfamilien um Nahrung, Fraß und Aas, ihre fachsprachlichen Bedeutungen haben sich jedoch deutlich auseinanderentwickelt.

Etymologie

abaasen ist aus ab- und dem Verb aasen gebildet. Das Erstglied besitzt hier seine konkrete ablative beziehungsweise separative Grundfunktion „weg-, herunter-, von etwas entfernen“. Aasen bezeichnete in der Gerbersprache das Abschaben von Fleischteilen von einem Fell. Die Gesamtbildung bedeutet daher wörtlich ungefähr „das als Aas beziehungsweise Fleisch bezeichnete Gewebe abschaben, wegnehmen“. Die Wortbildung ist semantisch transparent und entspricht zahlreichen deutschen Partikelverben, in denen ab- das Entfernen einer Substanz von einer Oberfläche ausdrückt, etwa abkratzen, abschaben, abwischen und abziehen.

Das Gerberverb aasen gehört seinerseits zu Aas. Für das Verständnis der Wortbildung ist allerdings die ältere Bedeutungsbreite des Substantivs wesentlich. Im Neuhochdeutschen sind ältere germanische Bildungen zusammengefallen: althochdeutsch āz bedeutete „Speise, Nahrung, Futter“, während mittelhochdeutsch ās insbesondere als Fraß oder Köder dienendes Fleisch und schließlich den Tierkadaver bezeichnete. Beide stehen innerhalb der indogermanischen Wortfamilie um die Wurzel *ed- „essen, fressen“. Im spätmittelhochdeutschen beziehungsweise frühneuhochdeutschen Zusammenfall setzte sich für Aas die heute geläufige Bedeutung des verendeten Tierkörpers beziehungsweise des Fleisches verendeter Tiere durch.

In der Gerbersprache wurde Aas jedoch konkret auf das Fleisch beziehungsweise die Fleischreste an der abgezogenen Haut bezogen. Adelungs Erklärung von aasen ist hierfür besonders aufschlussreich: Er spricht vom „Aas oder Fleisch“ auf der inneren Fellseite. Auch die fachsprachliche Bezeichnung Aasseite für die Fleischseite bewahrt denselben Bedeutungszusammenhang. Das Aas in abaasen bedeutet daher historisch nicht primär „verwesender Kadaver“, sondern das tierische Fleisch- und Gewebematerial, das von der Haut entfernt werden soll.

Die traditionelle Wörterbuchangabe verb. reg. act., wie sie bei Adelung steht, ist eine ältere grammatische Terminologie. Reg. bezeichnet die regelmäßige Flexion, act. den aktiven und hier transitiven Gebrauch. Nach heutiger Beschreibung handelt es sich um ein regelmäßiges beziehungsweise schwaches trennbares Verb. Seine historischen Belege zeigen Formen entsprechend ich aase ab, ich aaste ab und abgeaast. Für die Wortgeschichte ist diese grammatische Einordnung nebensächlich; entscheidend ist, dass das Verb spätestens im 18. Jahrhundert als etablierter Fachausdruck des Gerberhandwerks lexikographisch erfasst war und auch Wörterbücher des 19. Jahrhunderts es weiterhin verzeichnen.

Synonyme

entfleischen – die heute fachsprachlich präziseste Entsprechung in der Gerberei; bezeichnet das mechanische Entfernen von Unterhautbindegewebe, Fett- und anhaftenden Fleischteilen von der Haut.

abfleischen – traditionelles und weiterhin verständliches Synonym für das Entfernen von Fleischresten von einer Haut oder einem Fell; bereits ältere Wörterbücher stellen es dem Gerberwort abaasen gegenüber.

ausfleischen – bedeutungsnah für das Entfernen von Fleisch beziehungsweise Fleischresten. In der älteren Gerbereisprache wurde das Wort ausdrücklich für das Bearbeiten von Fellen mit dem Fleischeisen verwendet; sein heutiger Bedeutungsumfang ist weiter und kann auch andere Gegenstände beziehungsweise Tierkörper betreffen.

aasen – historische gerberfachliche Grundform mit derselben Bedeutung des Abschabens von Fleischteilen vom Fell. Das Wort besitzt daneben weitere, heute wesentlich bekanntere Bedeutungen und ist deshalb nur in seinem gerberfachlichen Gebrauch synonym.

fleischen – besonders in älterer Kürschner- und Fellbearbeitungssprache Bezeichnung für das Entfernen anhaftender Fleisch- und Fettteile von der Lederseite eines Felles.

abfalzen – historisch bei Adelung als bedeutungsnaher Gerberausdruck für das Entfernen des Fleisches von der Aasseite mit dem Falzmesser belegt. Das moderne gerbereifachliche Falzen bezeichnet jedoch vor allem die Dickenregulierung des Leders und ist daher nicht mehr ohne Weiteres mit abaasen gleichzusetzen.

abschaben – allgemeinsprachliche und technisch anschauliche Umschreibung des mechanischen Vorgangs, jedoch kein spezifisches Fachwort der Lederherstellung.

externe links

Adelung – Abaasen – historischer Wörterbucheintrag mit der Definition „bei den Gerbern, die Häute auf der Fleischseite abschaben“.

Adelung – Aasen – erläutert den gerberfachlichen Grundausdruck als Abschaben des „Aases oder Fleisches“ von der inneren Seite der Felle und nennt die kürschnerische Entsprechung fleischen.

Adelung – Abfalzen – historischer Wörterbuchartikel zur Bearbeitung der Aasseite mit dem Falzmesser; nennt abaasen und abfleischen als verwandte Handwerksausdrücke.

Wiktionary – abaasen – lexikographischer Überblick mit Bedeutung, Flexion, historischen Wörterbuchnachweisen und einem neueren fachlichen Anwendungsbeleg.

Wiktionary – aasen – unterscheidet den historischen gerberfachlichen Gebrauch vom tierbezogenen und vom heutigen übertragenen Gebrauch im Sinne von „verschwenden“.

Duden – entfleischen – moderner Wörterbucheintrag zum gerberfachlichen Entfernen des Bindegewebes der Unterhaut.

Duden – Aasseite – Wörterbucheintrag zur Fleischseite der tierischen Haut und damit zum fachsprachlichen Bedeutungsumfeld von abaasen.

Duden – Fleischseite – moderne Bezeichnung für die dem Tierkörper zugewandte Seite der Haut.

Duden – Ausfleischung – gerberfachlicher Wörterbucheintrag zum Ausfleischen als verwandtem Arbeitsgang.

Duden – Aas – Bedeutungs- und Herkunftsangaben zum Grundwort mit dem historischen Zusammenfall älterer Wörter für Nahrung, Fraß und Aas.

Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen – âz – wissenschaftliche Darstellung der alten germanischen Wortfamilie für Speise, Nahrung und Fraß, die für die Vorgeschichte von Aas bedeutsam ist.

LegIT-Datenbank – Kluge: Aas – dokumentiert Kluges etymologische Analyse von Aas, den Zusammenhang mit der indogermanischen Wurzel „essen, fressen“ und den Zusammenfall älterer Formen.

Assomac – Maschinen für die Wasserwerkstatt – moderne technische Beschreibung des Entfleischens: Unterhautbindegewebe und Fettreste werden entfernt, sodass die gerbbare Lederhaut zurückbleibt.

Heinen Leather – Produktion – anschauliche Beschreibung des heutigen industriellen Entfleischens und der anschließenden Verarbeitungsschritte der Lederherstellung.

Google Patents – Vorrichtung zum Entfleischen von Häuten – technische Beschreibung moderner Entfleischmaschinen und der Beschaffenheit der Fleischseite mit Fett- und Bindegewebe.

Dinglers Polytechnisches Journal – Gewinnung und Verarbeitung von Fetten – historischer technischer Beitrag zu den beim Ausfleischen von Gerbereihäuten anfallenden fett- und leimhaltigen Reststoffen.