Aasseite

Lexikon

Aasseite bezeichnet in der Gerberei, Lederverarbeitung und verwandten Handwerken die dem Körper beziehungsweise dem Fleisch des Tieres zugewandte innere Seite einer abgezogenen Tierhaut oder eines Felles. Die sachlich neutralere und heute unmittelbar verständliche Bezeichnung lautet Fleischseite. Ihr gegenüber liegt bei der unbehandelten Haut die Haarseite; beim enthaarten beziehungsweise gegerbten Leder spricht man auf der gegenüberliegenden Oberfläche gewöhnlich von der Narbenseite. Der Ausdruck bezeichnet somit keine besondere Hautschicht und auch keine bestimmte Lederart, sondern die Orientierung einer Tierhaut: Aasseite ist diejenige Fläche, die vor dem Abziehen dem Unterhautgewebe, Fett und Muskelfleisch des Tierkörpers zugewandt war.

Diese Unterscheidung ist für die Verarbeitung von Haut zu Leder technisch wesentlich. Nach dem Abziehen können auf der Aasseite noch Unterhautbindegewebe, Fett, Fleischreste und andere Gewebereste haften. Sie müssen im Zuge der vorbereitenden Gerbereiarbeiten entfernt werden. Dieser Arbeitsgang heißt Entfleischen; ältere handwerkliche Ausdrücke dafür sind unter anderem abfleischen, abaasen und in bestimmten Zusammenhängen abfalzen. Historisch erfolgte die Bearbeitung auf dem Gerberbaum mit geeigneten Messern, während moderne Gerbereien Entfleischmaschinen verwenden. Ziel ist es, die nicht zur eigentlichen Lederhaut gehörenden Gewebeteile von der körperseitigen Oberfläche abzutrennen. Erst dadurch wird die für die weitere Gerbung benötigte Lederhaut in geeigneter Weise freigelegt.

Die Aasseite unterscheidet sich strukturell deutlich von der Narbenseite. Die dem Haar zugewandte Seite der Lederhaut besitzt eine feinere Faserstruktur und bildet nach Entfernung von Oberhaut und Haaren den charakteristischen Narben des Leders. Zur Fleischseite hin wird das kollagene Fasergefüge gröber und lockerer. Am fertigen Leder erscheint diese Seite deshalb gewöhnlich rau, faserig und weniger geschlossen als die Narbenseite. Die Gleichsetzung „Aasseite = raue Seite eines Leders“ ist für viele praktische Fälle zutreffend, als Definition jedoch weniger präzise als die historische Lagebezeichnung. Entscheidend ist nicht primär die Rauheit, sondern die ursprüngliche Orientierung der Haut zum Tierkörper. Durch Schleifen, Spalten, Beschichten oder andere Formen der Lederzurichtung kann sich das spätere Oberflächenbild erheblich verändern.

Bei dickeren Häuten, insbesondere bei Rindsleder, kann die Lederhaut horizontal gespalten werden. Dabei entstehen unter anderem ein Narbenspalt und ein Fleischspalt. Der Fleischspalt stammt aus den tieferen, körperwärts gelegenen Teilen der Lederhaut und weist keinen natürlichen Narben mehr auf. Der Begriff Aasseite darf deshalb nicht ohne Weiteres mit Fleischspalt gleichgesetzt werden: Aasseite bezeichnet eine Seite oder Oberfläche, Fleischspalt dagegen einen durch das Spalten gewonnenen Teil der Haut. Die begriffliche Unterscheidung ist wichtig, weil auch ein ungespaltenes Vollleder eine Fleisch- beziehungsweise Aasseite besitzt.

Ob die Aasseite beim fertigen Gegenstand verborgen oder sichtbar ist, hängt von der jeweiligen Lederart und Verarbeitung ab. Bei vielen klassischen Glattledern bildet die Narbenseite die sichtbare Außenseite, während die Fleischseite nach innen liegt. Dies ist jedoch keine zwingende Regel. Bei verschiedenen Rauledern kann die Fleischseite gezielt geschliffen und als Gebrauchs- beziehungsweise Schauseite verwendet werden. Besonders bei Veloursleder wird eine aus den gröberen Fasern der tieferen Hautschichten gebildete Oberfläche zu einem gleichmäßig samtartigen Flor zugerichtet. Davon ist Nubukleder zu unterscheiden, bei dem die Narbenseite angeschliffen wird. Auch bei bestimmten historischen Lederarten konnte die Aasseite bewusst nach außen verarbeitet werden; ein Beispiel ist sogenannter rauchschwarzer Corduan, bei dem im Gegensatz zur üblichen Verarbeitung die raue Unterseite als Schauseite zugerichtet wurde.

Auch bei Pelz und Rauchware bleibt die Orientierung des Felles wesentlich. Bei einem Rohfell bezeichnet Aasseite die dem Tierkörper zugewandte innere Seite; die entgegengesetzte Seite trägt die Haare. Nach der Pelzzurichtung kann die körperseitige Fläche als Lederseite des Pelzfelles bezeichnet werden. Bei Pelzvelours wird gerade diese Seite so bearbeitet, dass sie eine samtartige, sichtbare Oberfläche bildet, während die Haare auf der anderen Seite erhalten bleiben. Lederseite kann deshalb im Bereich zugerichteter Pelzfelle eine funktionale Entsprechung von Aasseite sein, ist aber nicht in allen Bereichen der Ledertechnik ein vollständig austauschbares Synonym.

Der Ausdruck ist seit Jahrhunderten in der deutschen Fachsprache nachweisbar. Johann Christoph Adelung beschreibt die Aasseite Ende des 18. Jahrhunderts bei den Lederarbeitern als jene Seite des Leders, die „auf dem Fleische gewesen“ sei, und bemerkt zugleich, Fleischseite sei die gehobenere Bezeichnung. Das Deutsche Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm erklärt sie entsprechend als Fleischseite eines Felles. Auch Pierer's Universal-Lexikon, Meyers Großes Konversations-Lexikon und Otto Luegers Lexikon der gesamten Technik bewahren denselben fachlichen Bedeutungskern. Damit handelt es sich nicht um eine zufällige oder metaphorische Neubildung, sondern um einen traditionsreichen Terminus des Gerber- und Lederhandwerks, der bis in die heutige Wörterbuchsprache fortbesteht.

Regional sind entsprechende niederdeutsche Formen belegt. Das Hadeler Wörterbuch verzeichnet beispielsweise Aassiet für die Innenseite des Leders, an der das Fleisch gesessen hat, mit Hoorsiet als Gegenbezeichnung für die Haarseite. Solche Formen zeigen, dass die Benennung nicht auf die hochdeutsche Schriftsprache beschränkt war, sondern tief im praktischen Wortschatz der lederverarbeitenden Gewerbe verankert ist. Im heutigen allgemeinen Sprachgebrauch ist Aasseite dagegen selten; außerhalb von Gerberei, Lederkunde, Pelzverarbeitung, Schuhmacherei und verwandten Handwerksgebieten ist meist Fleischseite verständlicher.

Etymologie

Aasseite ist ein Determinativkompositum aus Aas und Seite. Die heutige Assoziation von Aas mit einem verwesenden Tierkörper kann dabei irreführen. Der erste Bestandteil gehört zu einer sehr alten germanischen Wortfamilie des Essens und der Nahrung. Im Neuhochdeutschen sind ältere Bildungen zusammengefallen: althochdeutsch und mittelhochdeutsch āz bezeichnete „Speise, Nahrung, Futter“, während mittelhochdeutsch ās besonders Fleisch als Tierfraß, Köder beziehungsweise Aas bezeichnen konnte. Beide Wortgruppen gehören letztlich zur indogermanischen Wurzel *ed- „essen, fressen“, zu der auch essen gehört. Im späteren Deutschen setzte sich bei Aas die Bedeutung des toten Tierkörpers beziehungsweise des als Fraß dienenden Fleisches durch.

In der handwerklichen Zusammensetzung Aasseite knüpft Aas- an diesen älteren Bedeutungsbereich von tierischem Fleisch und körperseitigem Gewebe an. Das Wort bedeutet daher sinngemäß die „dem Fleisch zugewandte Seite“ und nicht etwa die „Seite eines verwesenden Kadavers“. Dies bestätigt die historische Parallelbezeichnung Fleischseite, die Adelung bereits ausdrücklich als bedeutungsgleich anführt. Auch das ältere Gerberverb abaasen für das Abschaben von Fleisch- und Geweberesten von dieser Hautseite gehört in denselben fachsprachlichen Zusammenhang. Die heute drastisch wirkende Wortgestalt ist somit ein Ergebnis des Bedeutungswandels von Aas; im historischen Gerberwortschatz war der Zusammenhang mit Fleisch und tierischem Gewebe wesentlich unmittelbarer.

Der zweite Bestandteil Seite geht auf mittelhochdeutsch sīte und althochdeutsch sīta zurück. Ursprünglich bezeichnete das Wort vermutlich die seitlich herabfallende Flanke des menschlichen oder tierischen Körpers und entwickelte daraus seine allgemeine räumliche Bedeutung einer begrenzenden oder orientierten Fläche. Im Kompositum Aasseite besitzt Seite genau diese konkrete räumliche Funktion: Es unterscheidet zwei gegensätzlich orientierte Flächen derselben Haut. Der fachsprachliche Gegensatz lautete historisch vor allem Haarseite, während in der modernen Lederkunde nach Entfernung der Haare und der Oberhaut häufiger Narbenseite als Gegenbegriff verwendet wird.

Synonyme

Fleischseite – das genaue und heute gebräuchlichste Synonym; bezeichnet die ursprünglich dem Körper beziehungsweise Fleisch zugewandte Seite einer Tierhaut oder eines Leders.

Innenseite – allgemeinsprachliche Umschreibung, wenn eindeutig von einer abgezogenen Haut oder einem Fell die Rede ist. Das Wort ist jedoch wesentlich allgemeiner und daher kein terminologisch gleichwertiges Synonym.

Lederseite – besonders bei zugerichteten Pelzfellen gebräuchliche Bezeichnung für die der Haarseite gegenüberliegende Hautseite. In der allgemeinen Ledertechnik ist der Ausdruck nicht vollständig bedeutungsgleich mit Aasseite.

Rückseite – in Beschreibungen fertiger Lederstücke gelegentlich als anschauliche Bezeichnung für die Fleischseite verwendet, fachsprachlich jedoch ungenau, weil „Vorder-“ und „Rückseite“ von der späteren Verarbeitung und Verwendung des Leders abhängen.

Keine Synonyme sind Fleischspalt, Spaltleder und Veloursleder. Der Fleischspalt ist ein bestimmter, durch horizontales Spalten gewonnener Hautteil; Spaltleder bezeichnet daraus hergestelltes Leder, und Veloursleder eine Lederart mit aufgerauter Gebrauchsfläche. Diese Begriffe stehen zwar in engem technischem Zusammenhang mit der Aasseite, benennen aber andere Sachverhalte.

externe links

Duden – Aasseite – gegenwartssprachlicher Wörterbucheintrag mit der gerbereifachlichen Bedeutung „Fleischseite der tierischen Haut“.

Duden – Fleischseite – Wörterbucheintrag zum bedeutungsgleichen Fachwort für die dem Körper zugewandte Seite einer Tierhaut.

Duden – Aas – Bedeutungs- und Herkunftsangaben zum ersten Bestandteil des Kompositums und zum Zusammenfall älterer Formen für Nahrung, Fraß und Aas.

Duden – Seite – Bedeutungen und Etymologie des zweiten Bestandteils mit den historischen Formen mittelhochdeutsch sīte und althochdeutsch sīta.

LegIT-Datenbank – Kluge: Aas – wissenschaftlich dokumentierte etymologische Darstellung von Aas, seiner germanischen Vorgeschichte und des Zusammenhangs mit der indogermanischen Wurzel „essen, fressen“.

Adelung – Aasseite – historischer Wörterbucheintrag aus dem Grammatisch-kritischen Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart; definiert das Wort als diejenige Seite des Leders, die auf dem Fleisch gelegen hat.

Pierer's Universal-Lexikon – Aasseite – historischer Lexikoneintrag des 19. Jahrhunderts mit der Definition als Fleischseite eines Felles.

Meyers Großes Konversations-Lexikon – Aasseite – historischer Wörterbucheintrag zur inneren beziehungsweise Fleischseite von Fellen.

Lueger – Lexikon der gesamten Technik: Aasseite – technischer Lexikoneintrag mit der ausdrücklichen Gegenüberstellung von Aasseite und Haarseite in der Gerberei.

Wiktionary – Aasseite – lexikographischer Überblick mit historischen Wörterbuchnachweisen, Synonymen und Gegenbegriffen.

Fachgebärdenlexikon Orthopädieschuhmacher – Aasseite – berufsbezogene Erklärung der Aasseite als Fleischseite nach Entfernung der Unterhaut.

Lederzentrum – Lederarten und Begriffe – fachpraktische Erläuterungen zu Narbenseite, Fleischseite, Narbenspalt und Fleischspalt.

LEDER.de – Leder gerben – Darstellung der traditionellen Lederherstellung einschließlich Entfleischen der körperseitigen Hautfläche und weiterer Arbeitsschritte der Gerberei.

Duden – entfleischen – Wörterbucheintrag zum gerbereifachlichen Entfernen des Bindegewebes der Unterhaut.

Wikipedia – Leder – Überblick über Aufbau, Gerbung und Verarbeitung von Tierhaut sowie die Unterscheidung zwischen Narben- und Fleischseite.

Wikipedia – Veloursleder – Darstellung von Raulederarten, bei denen die Fleischseite beziehungsweise tiefere Faserschichten als sichtbare samtartige Oberfläche verarbeitet werden.

Wikipedia – Spaltleder – Erläuterung von Narben- und Fleischspalt und ihrer Entstehung beim horizontalen Spalten der Lederhaut.

Wikipedia – Pelzzurichtung – Überblick über die Bearbeitung von Pelzfellen einschließlich des Entfleischens der körperseitigen Hautfläche.

Plattmakers – Aassiet – niederdeutscher Beleg für die Aasseite beziehungsweise Fleischseite des Leders mit dem Gegenbegriff Hoorsiet „Haarseite“.