Aaser
Aaser, in der heute empfohlenen Wörterbuchschreibung meist Aser, ist ein historisches und regionales jagdsprachliches Substantiv mit zwei eng miteinander verbundenen Bedeutungen. Erstens bezeichnet es besonders im süddeutschen Sprachraum eine Jagdtasche, genauer ursprünglich einen umgehängten Speisesack beziehungsweise eine Tasche, in der ein Jäger, Falkner oder anderer im Gelände tätiger Mensch Proviant, kleinere Geräte und persönliche Gegenstände mitführte. Zweitens bezeichnet Aaser beziehungsweise Aser in schweizerischer Jägersprache eine im Freien eingenommene Mahlzeit. Beide Bedeutungen gehören historisch zusammen: Ausgangspunkt ist nicht das heutige Aas im Sinn eines Tierkadavers, sondern ein älteres deutsches Wort für „Speise, Nahrung, Futter“. Der Aaser war ursprünglich der Behälter für die Speise; von dort konnte die Bezeichnung auf den mitgeführten Proviant und schließlich auf die daraus eingenommene Mahlzeit übergehen. Grammatisch ist das Wort maskulin: der Aaser, Genitiv des Aasers, Plural die Aaser. Bei der heute bevorzugten Kurzschreibung lautet es entsprechend der Aser, des Asers, die Aser.
Lexikon
Aaser gehört zu einer heute nur noch wenig geläufigen Schicht des deutschen Wortschatzes, die vor allem in Jägersprache, regionalen Mundarten und historischen Texten erhalten geblieben ist. Das Wort besitzt keine Beziehung zu einem bestimmten Tier, zu einer Jagdbeute oder zu verwesendem Aas, obwohl seine moderne Schreibung dies zunächst nahelegen kann. Seine älteste nachvollziehbare Bedeutung liegt vielmehr im Bereich von Nahrung, Proviant und deren Transport. Der Aaser ist ursprünglich die Tasche, in der etwas Essbares mitgeführt wird. Erst sekundär erscheint das Wort für die Mahlzeit selbst.
Die heute lexikographisch übliche Bedeutungsangabe „Jagdtasche“ ist sachlich richtig, verkürzt jedoch die historische Verwendung. Frühneuhochdeutsche Quellen zeigen, dass der Aser zunächst allgemein eine Tasche zum Umhängen sein konnte. Sie diente vor allem dem Transport von Mundvorrat, konnte aber auch kleinere Geräte, Schriftstücke oder Sammelgut enthalten. Die spezifisch jagdsprachliche Bedeutung entstand beziehungsweise verfestigte sich innerhalb dieses allgemeineren Gebrauchs.
Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch fasst die historische Bedeutung entsprechend weit: aser bezeichnet eine „Tasche zum Umhängen“, eine „Anhängetasche für den Mundvorrat“, außerdem eine Tasche für kleine Geräte oder zum Sammeln. Als besondere fachsprachliche Verwendung wird die Jagdtasche des Falkners hervorgehoben.
Damit war der Aaser in seiner älteren Form funktional eher mit einem kleinen Ranzen, einer Provianttasche oder einem heutigen Schulterbeutel vergleichbar als mit einer hoch spezialisierten modernen Jagdtasche. Entscheidend war die Möglichkeit, Nahrung und kleinere Gegenstände am Körper mitzuführen, während die Hände für Arbeit, Jagd oder Reise frei blieben.
Ein besonders anschaulicher historischer Beleg stammt aus Zürich aus dem Jahr 1561. Dort wird ein Aaser als Behältnis erklärt, „darin man etwas Essiges hält“. Die Definition zeigt unmittelbar, dass der Name vom Inhalt, also vom Essbaren, motiviert war.
Auch ein Augsburger Wörterbuch von 1616 erklärt den Aaser als Tasche, „darin man etwas Essendes behält“. Damit ist die ursprüngliche semantische Beziehung zwischen Tasche und Speise noch transparent.
Andere frühe Belege zeigen jedoch bereits einen erweiterten Gebrauch. Ein Tiroler beziehungsweise vorarlbergischer Inventareintrag von 1485 erwähnt ein kleines Aserl, in dem Instrumente und zum Amt gehörige Schriftstücke aufbewahrt wurden. Der Gegenstand war also nicht zwingend ausschließlich für Lebensmittel bestimmt.
Ein Straßburger Beleg von 1522 erzählt, dass jemand in seinen Ansser greift und daraus einen kleinen Amboss und einen Hammer hervorholt. Auch hier handelt es sich eindeutig um einen allgemeinen tragbaren Beutel für Werkzeuge beziehungsweise kleinere Gegenstände.
Diese Beispiele sind für die Bedeutungsentwicklung wichtig. Das Wort war ursprünglich nach der typischen Funktion „Behälter für Speise“ benannt, konnte aber bereits früh auch für Taschen verwendet werden, deren tatsächlicher Inhalt davon abwich. Ein vergleichbarer Bedeutungswandel findet sich bei zahlreichen Behälterbezeichnungen, deren Name ursprünglich auf einen bestimmten Inhalt verweist, später jedoch allgemeineren Gebrauch erhält.
Die besonders jagdsprachliche Verwendung erklärt sich aus den praktischen Anforderungen der historischen Jagd. Wer sich für längere Zeit im Gelände bewegte, musste Nahrung, kleine Werkzeuge und weitere Gegenstände mitführen können. Ein umgehängter Beutel war dafür wesentlich geeigneter als ein festes Gefäß.
Bei der Falknerei konnte eine solche Tasche zusätzlich Gegenstände enthalten, die für den Umgang mit Beizvögeln benötigt wurden. Deshalb nennt die historische Lexikographie den Aser ausdrücklich auch als Tasche des Falkners.
Die spätere Waidmannssprache bewahrte den Ausdruck länger als die allgemeine Standardsprache. Während sich im allgemeinen Sprachgebrauch Wörter wie Jagdtasche, Rucksack, Provianttasche oder Umhängetasche durchsetzten, blieb Aser beziehungsweise Aaser als traditioneller Fachausdruck erhalten.
Die heutige Bedeutungsangabe „Jagdtasche“ sollte daher als jüngere Spezialisierung verstanden werden. Historisch ist Aaser ein allgemeinerer Speisesack beziehungsweise tragbarer Proviantbeutel, der besonders stark mit Jagd und Aufenthalt im Gelände verbunden wurde.
Regional konzentrierte sich der Gebrauch vor allem auf den oberdeutschen Sprachraum. Historische Wörterbücher belegen Formen aus dem alemannischen, schwäbischen, bairischen, österreichischen und schweizerischen Gebiet.
In heutigen Wörterbüchern wird die Taschenbedeutung als besonders süddeutsch gekennzeichnet. Dialektwörterbücher weisen den Ausdruck unter anderem für Bayern und Schwaben nach.
Die Plattform Bayerns Dialekte Online dokumentiert beispielsweise aus verschiedenen bayerischen Regionen einen Aser als Provianttasche beziehungsweise ledernen Beutel, in dem sich die Brotzeit befindet. Daneben stehen ältere Umschreibungen wie Donister, Schnappsack und Ranzen.
Ein historischer Beleg aus Werdenfels von 1431 berichtet, dass jemand bei der Wildsuche Käse und Brot „in den Aser“ erhalten solle. Gerade dieser Beleg zeigt die praktische Funktion besonders deutlich: Der Aser trägt die Verpflegung, die während einer längeren Tätigkeit außerhalb des Hauses benötigt wird.
Im schwäbischen Sprachraum begegnen daneben Formen wie Äser beziehungsweise mundartlich entsprechend veränderte Lautformen. Solche regionalen Varianten sind nicht mit dem modernen jagdsprachlichen Äser „Maul bestimmter Wildtiere“ gleichzusetzen, obwohl die Wörter heute ähnlich oder identisch geschrieben werden können.
Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch dokumentiert außerdem die Varianten naser, anser und aunser. Bei naser handelt es sich um eine Form, bei der ein ursprünglich vorausgehender Laut beziehungsweise Artikelbestandteil an das Wort angegliedert wurde; anser und aunser sind besonders aus alemannisch-schwäbischen Zusammenhängen bekannt.
Auch die Wortbildung Aserbeutel ist historisch belegt. Sie wirkt aus heutiger Sicht beinahe redundant, weil Aser bereits selbst einen Beutel bezeichnet. Solche verdeutlichenden Zusammensetzungen entstehen häufig dann, wenn ein älteres Wort für Sprecher nicht mehr vollständig durchsichtig ist.
Eine weitere historische Spezialisierung ist Weidaser. Das Erstglied verweist auf die Jagd beziehungsweise Weidwerk; die Zusammensetzung macht somit ausdrücklich klar, dass der betreffende Aser im Jagdzusammenhang verwendet wird.
Die zweite heute lexikographisch anerkannte Bedeutung von Aaser/Aser ist regional enger: In schweizerischer Jägersprache kann das Wort eine im Freien eingenommene Mahlzeit bezeichnen. Damit ist nicht mehr der Behälter, sondern das Essen selbst gemeint.
Semantisch lässt sich dieser Übergang gut als Metonymie verstehen. Zunächst bezeichnet das Wort den Behälter für den Proviant. Anschließend kann der Behältername auf seinen Inhalt übertragen werden, also auf die mitgeführte Speise, und schließlich auf den Vorgang beziehungsweise die Gelegenheit des gemeinsamen Essens.
Ein solcher Wandel von Behälter → Inhalt ist sprachwissenschaftlich außerordentlich häufig. Man trinkt beispielsweise „ein Glas“, obwohl man tatsächlich dessen Inhalt trinkt, oder spricht von einer „Tasse Kaffee“, wobei das Gefäß sprachlich eng mit seinem Inhalt verbunden wird. Beim Aaser konnte entsprechend der Proviantbeutel zum Namen des darin befindlichen Essens und schließlich der Mahlzeit werden.
Für die schweizerische Bedeutung ist deshalb eine Umschreibung wie Jägermahlzeit im Freien, Rastmahlzeit oder je nach Kontext Brotzeit hilfreich. Das moderne Wort Picknick kann den Sachverhalt annähernd wiedergeben, besitzt jedoch eine andere Kultur- und Wortgeschichte und ist kein vollständig deckungsgleiches historisches Synonym.
Beim Aaser im Sinn einer Mahlzeit steht traditionell nicht die moderne Freizeitveranstaltung mit Decke, Picknickkorb und eigens geplantem Ausflug im Vordergrund. Gemeint ist vielmehr eine Mahlzeit, die während eines Aufenthalts im Gelände, insbesondere bei der Jagd, eingenommen wird.
Die Nahrung konnte dabei aus mitgebrachtem Brot, Käse, Fleisch, Wurst und Getränken bestehen. Die genaue Zusammensetzung gehört jedoch nicht zur lexikalischen Bedeutung des Wortes; entscheidend ist der jagdliche beziehungsweise landschaftliche Zusammenhang der Mahlzeit.
Die beiden Hauptbedeutungen sind deshalb nicht als zufällige Homonyme zu behandeln. Sie gehören eindeutig zu derselben Wortgeschichte. Die Jagdtasche enthält die Speise, und die Speise beziehungsweise das Essen erhält später denselben Namen wie ihr Behälter.
Diese Bedeutungsentwicklung erklärt zugleich, weshalb die alte Bedeutung des Wortstamms Aas für das Verständnis unverzichtbar ist. Ein moderner Sprecher verbindet Aas fast ausschließlich mit einem verendeten Tierkörper. Ein Aaser als Speisesack scheint deshalb zunächst unverständlich oder sogar makaber.
Historisch war das zugrunde liegende Wort jedoch wesentlich weiter. Althochdeutsch âz bedeutete „Speise, Nahrung, Gericht“ und konnte sowohl menschliche als auch tierische Nahrung bezeichnen. Diese ältere Bedeutung blieb in einzelnen Wörtern erhalten, obwohl sie im selbständigen Substantiv später verschwand.
Aaser/Aser ist daher ein sogenanntes Relikt einer älteren Bedeutungsstufe. Das heutige Grundwort Aas hat seine Bedeutung stark verengt, während die Ableitung Aser noch erkennen lässt, dass der Wortstamm einst ganz allgemein mit Essen und Nahrung verbunden war.
Gerade deshalb ist die Form etymologisch mit essen, äsen, Aaser und weiteren historischen Nahrungswörtern verbunden.
Das jagdsprachliche Verb äsen bedeutet „Nahrung aufnehmen, fressen“ und wird insbesondere bei bestimmtem Wild verwendet. Auch dieses Wort bewahrt den alten Bedeutungsbereich „Speise, Futter“.
Von Aaser zu unterscheiden ist dagegen der moderne jagdsprachliche Äser. Der Äser bezeichnet das Maul bestimmter Wildtiere, insbesondere von Schalenwild mit Ausnahme bestimmter Gruppen. Obwohl beide Wörter historisch ebenfalls im weiteren Umfeld von Nahrung und Fressen stehen, sind sie lexikographisch eigenständige Lemmata.
Man schreibt daher beispielsweise: Der Jäger trägt den Proviant im Aser, aber das Reh nimmt mit dem Äser Nahrung auf. Die ähnliche Lautgestalt darf nicht zur Bedeutungsverwechslung führen.
Ebenso ist Aaser nicht mit dem Plural Äser des Schimpfworts Aas zu verwechseln. Modernes Aas kann abwertend eine gemeine beziehungsweise widerspenstige Person oder ein Tier bezeichnen; der entsprechende Plural kann Äser lauten. Diese Verwendung besitzt mit der Jagdtasche keinerlei synchronen Bedeutungszusammenhang.
Auch zum Verb aasen besteht zwar eine historische Wortfamilienbeziehung, aber keine unmittelbare moderne Bedeutungsidentität. aasen bedeutet heute besonders „mit etwas verschwenderisch umgehen; etwas vergeuden“. Ein Aaser ist dagegen weder eine Person, die etwas verschwendet, noch ein Werkzeug zum Aasen.
Die Schreibung verdient besondere Aufmerksamkeit. Der Duden empfiehlt heute die Form Aser mit einfachem a. Aaser wird als alternative Schreibung anerkannt.
Die längere Form Aaser wirkt für heutige Leser etymologisch besonders durchsichtig, weil sie den Zusammenhang mit Aas erkennen lässt. Gleichzeitig kann gerade diese Transparenz zu einer falschen Interpretation nach der modernen Bedeutung „Kadaver“ führen.
Die Kurzform Aser entspricht dagegen einer historischen und regionalen Schreibtradition und ist heute die lexikographisch bevorzugte Form. Beide Schreibungen werden gleich ausgesprochen.
Die Aussprache lautet ungefähr [ˈaːzɐ]. Bemerkenswert ist dabei das stimmhafte [z] zwischen den Vokalen beziehungsweise nach dem langen a. Das Wort klingt daher nicht wie eine unmittelbare Aneinanderreihung von Aas und -er mit scharfem [s], sondern besitzt den stimmhaften s-Laut des deutschen intervokalischen beziehungsweise silbenanlautenden s.
Bei der Schreibung Aaser lautet die Worttrennung Aa|ser. Für Aser gibt der Duden keine innere Trennstelle an.
Grammatisch ist das Wort ein stark flektiertes maskulines Substantiv. Bei der Form Aaser lauten die Formen im Singular der Aaser, des Aasers, dem Aaser, den Aaser. Der Plural lautet die Aaser, der Aaser, den Aasern, die Aaser.
Für die heute bevorzugte Schreibung Aser gilt entsprechend der Aser, des Asers, dem Aser, den Aser; Plural die Aser, Dativ Plural den Asern.
Der Plural ist in realen Texten naturgemäß selten, weil das Wort selbst stark regional und historisch markiert ist. Die grammatische Bildung ist dennoch regulär.
Stilistisch gehört Aaser/Aser nicht zum allgemeinen neutralen Standardwortschatz der Gegenwart. Wer heute außerhalb eines jagdlichen, historischen oder dialektologischen Zusammenhangs eine Tasche als Aser bezeichnet, muss damit rechnen, nicht unmittelbar verstanden zu werden.
In einem historischen Roman, einer Edition alter Jagdtexte, einer Beschreibung traditioneller Jagdkultur oder einem Dialektwörterbuch kann der Ausdruck dagegen sehr präzise sein. Dort bewahrt er nicht nur eine Sache, sondern zugleich einen Teil älterer Sachkultur.
Ein Aser war nämlich nicht bloß irgendeine Tasche. Seine historische Bedeutung verweist auf Lebens- und Arbeitsformen, bei denen Menschen längere Zeit außerhalb des Hauses unterwegs waren und ihre Nahrung in einem einfachen tragbaren Behältnis mitführen mussten.
Jäger, Falkner, Waldarbeiter, Reisende oder andere im Gelände tätige Personen benötigten solche Behältnisse. Die konkrete Form konnte je nach Epoche, Region und Zweck unterschiedlich sein; das Wort selbst definiert weder ein bestimmtes Material noch eine standardisierte Konstruktion.
Historische Wörterbücher erwähnen Leinwand beziehungsweise textiles Material, andere Quellen kennen lederne Ausführungen. Deshalb wäre es falsch, den Aaser ausschließlich als Ledertasche zu definieren.
Auch Größe, Verschluss und Trageweise waren offenbar nicht vollständig einheitlich. Das entscheidende Merkmal war die Funktion als tragbarer Beutel beziehungsweise Tasche, insbesondere für Speise und kleine Gegenstände.
Die allgemeinere historische Bedeutung erklärt zugleich, weshalb ein Aserl in einem Inventar amtliche Instrumente und Schriftstücke enthalten konnte. Der Gegenstand war praktisch genug, um weit über den engeren Proviantgebrauch hinaus eingesetzt zu werden.
Die Diminutivform Aserl gehört in den süddeutsch-österreichischen Sprachraum und bezeichnet entsprechend einen kleinen Aser beziehungsweise eine kleinere Tasche.
Die historische Phraseologie zeigt, dass das Wort auch metaphorisch verwendet werden konnte. Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch verzeichnet beispielsweise die Wendung den unverschämten Aser anhängen im Sinn von „dreist betteln“.
Solche Wendungen zeigen, dass der umgehängte Beutel kulturell auch mit Betteln, Sammeln und dem Empfang von Lebensmitteln verbunden werden konnte. Wer einen Sack oder Beutel offen mit sich führte, konnte darin Gaben aufnehmen.
Die Sachbedeutung „Behälter für Nahrung“ war somit die Grundlage sowohl des konkreten als auch des übertragenen Gebrauchs.
Die schweizerische Bedeutung „Mahlzeit im Freien“ lässt sich besonders gut aus dieser kulturellen Situation verstehen. Wenn der Proviant regelmäßig aus dem Aser genommen und während einer Rast verzehrt wurde, konnte der Name des Behältnisses leicht auf die gesamte Rastmahlzeit übertragen werden.
Eine vergleichbare Bedeutungsverschiebung findet man auch bei anderen Wörtern der Esskultur. Behälter, Zubereitungsgefäße und Tischgeräte können metonymisch die darin befindliche Speise oder deren Menge bezeichnen.
Für die lexikographische Darstellung ist es deshalb sinnvoll, die beiden Bedeutungen nicht voneinander isoliert aufzuzählen, sondern als historische Entwicklung zu erklären: Speise → Speisesack → Provianttasche/Jagdtasche → darin befindlicher Proviant → Mahlzeit im Freien.
Die genaue chronologische Reihenfolge jeder einzelnen regionalen Bedeutungsstufe lässt sich aus den Wörterbuchangaben nicht in jedem Detail rekonstruieren. Die semantische Beziehung der Bedeutungen ist jedoch klar erkennbar.
Das Wort zeigt zugleich, warum historische Etymologie nicht einfach vom heutigen Wortverständnis ausgehen darf. Würde man Aaser ausschließlich aus modernem Aas „Tierkadaver“ erklären, erschiene die Bedeutung „Jagdtasche“ völlig unmotiviert.
Erst die ältere Bedeutung „Speise, Nahrung“ macht das Wort transparent: Ein Aser ist ursprünglich ein Behälter für das Äs beziehungsweise die Speise.
Damit gehört Aaser zu einer kleinen Gruppe von Wörtern, die eine ältere Bedeutung der Wortfamilie bewahrt haben, obwohl das zugrunde liegende selbständige Wort semantisch stark verändert wurde.
Etymologie
Aaser beziehungsweise Aserāser zurück. Das Wort gehört zur historischen Wortfamilie von althochdeutsch und mittelhochdeutsch âz „Speise, Nahrung, Futter“ und damit letztlich zur Wortfamilie von essen.
Für die heutige Bedeutungsanalyse ist entscheidend, dass das ältere âz nicht dieselbe eingeschränkte Bedeutung besaß wie neuhochdeutsch Aas. Das Etymologische Wörterbuch des Althochdeutschen nennt für âz Bedeutungen wie „Speise, Nahrung, Gericht“, daneben „Aas, Fraß“ und „Essen“.
Im Mittelhochdeutschen blieb âz im Sinn von „Speise für Menschen und Tiere, Köder“ gebräuchlich. Daneben existierte ein ähnlich lautendes âs, das stärker auf Kadaver beziehungsweise Tierfraß bezogen war.
Im Übergang zum Neuhochdeutschen fielen diese ursprünglich verschiedenen Formen lautlich zusammen. Dabei setzte sich im selbständigen Wort schließlich die engere und auffälligere Bedeutung „Kadaver eines Tieres“ durch.
Das moderne Aas ist das Ergebnis dieses Zusammenfalls und der anschließenden Bedeutungsverengung. Die ältere neutrale Bedeutung „Speise, Nahrung“ verschwand im selbständigen Wort weitgehend.
In Ableitungen und regionalen Wörtern konnte sie jedoch erhalten bleiben. Aser/Aaser ist dafür ein besonders anschauliches Beispiel.
Die ursprüngliche Bedeutung lässt sich ungefähr als „Speisesack“ rekonstruieren. Das Wort ist eine Ableitung zu der älteren Nahrungsbezeichnung âz; der genaue historische Wortbildungsmechanismus wird in den Wörterbüchern unterschiedlich knapp dargestellt, doch die semantische Grundlage „Speise“ ist eindeutig.
Eine rein synchrone Analyse als modernes Aas + -er wäre deshalb missverständlich. Formal lässt sich diese Struktur zwar erkennen, semantisch muss jedoch die ältere Bedeutung des Erstgliedes zugrunde gelegt werden.
Das Wort bedeutete ursprünglich nicht „Person, die Aas tut“ oder „Gegenstand für einen Tierkadaver“, sondern „Behältnis für Speise“.
Auch die Lautentwicklung unterstützt diese historische Erklärung. Mittelhochdeutsche beziehungsweise frühneuhochdeutsche Formen erscheinen unter anderem als aser, aͤser, anser, ansser und aunser.
Die Variation zeigt die regionale und nicht standardisierte Schreibpraxis vor der Entstehung einer einheitlichen neuhochdeutschen Orthographie. Ein und dasselbe Wort konnte je nach Schreiber und Mundart sehr unterschiedlich wiedergegeben werden.
Die Form naser wird im Frühneuhochdeutschen Wörterbuch als eine Form mit agglutiniertem n bezeichnet. Dabei wurde ein Laut aus der vorausgehenden sprachlichen Umgebung an den Wortanfang angefügt und schließlich als Teil des Wortes verstanden.
Die alemannisch-schwäbischen Formen anser und aunser dokumentieren ebenfalls regionale lautliche Entwicklungen.
Die heutige Doppelschreibung Aser/Aaser ist ein spätes Ergebnis dieser langen Formgeschichte. Der Duden bevorzugt Aser, erkennt Aaser jedoch ausdrücklich als alternative Schreibung an.
Die Form Aaser macht die Länge des ersten Vokals graphisch besonders deutlich. Die Aussprache ist bei beiden Schreibungen gleich: [ˈaːzɐ].
Das s wird dabei stimmhaft gesprochen. Dies unterscheidet die Aussprache von modernem Aas [aːs] mit stimmlosen Auslaut.
Historisch gehört die Wortfamilie noch tiefer zur indogermanischen Wurzel *ed- „essen“. Aus ihr stammen zahlreiche Wörter für Essen, Nahrung und Futter in verschiedenen indogermanischen Sprachen.
Zum selben weiteren Zusammenhang gehören neben deutschem essen beispielsweise lateinisch esca „Speise, Futter, Köder“ sowie verschiedene germanische und baltisch-slawische Nahrungswörter.
Die Etymologie zeigt daher eine semantisch vollkommen regelmäßige Entwicklung: essen → Speise/Nahrung → Behälter für Speise → Jagd- beziehungsweise Provianttasche.
Die schweizerische Bedeutung „im Freien eingenommene Mahlzeit“ lässt sich als weitere metonymische Entwicklung verstehen. Der Name des Speisebehälters wurde auf dessen Inhalt und anschließend auf das Essen selbst übertragen.
Diese Entwicklung ist semantisch plausibel und wird durch das Nebeneinander beider Bedeutungen in der heutigen regionalen Jägersprache gestützt. Die genaue historische Datierung der Bedeutungsübertragung ist jedoch weniger klar dokumentiert als die alte Taschenbedeutung.
Das Wort Aaser ist außerdem von Äser zu unterscheiden. Äser bezeichnet in moderner Jägersprache das Maul bestimmter Wildtiere und gehört funktional ebenfalls zum Bereich der Nahrungsaufnahme, ist aber als eigenes Wort zu behandeln.
Auch äsen „Nahrung aufnehmen, fressen“ gehört derselben alten Nahrungswortfamilie an. Diese Wörter zeigen, dass die historische Verbindung von Aas und essen früher für Sprecher wesentlich transparenter war als heute.
Das moderne Verb aasen hat dagegen durch Bedeutungswandel besonders die Bedeutung „verschwenderisch umgehen, vergeuden“ entwickelt. Es darf nicht zur unmittelbaren Erklärung des Substantivs Aaser herangezogen werden.
Auch mit Wörtern wie Aasfresser, Aasvogel, Aaskäfer oder Aasgeruch besteht zwar eine weit zurückreichende Wortfamilienbeziehung über Aas, aber ein entscheidender Bedeutungsunterschied: In diesen modernen Zusammensetzungen besitzt Aas die Bedeutung „Tierkadaver“, beim historischen Aser/Aaser liegt dagegen die ältere Bedeutung „Speise, Nahrung“ zugrunde.
Gerade diese Differenz macht das Lemma sprachgeschichtlich besonders interessant. Aaser konserviert eine Bedeutung, die im modernen selbständigen Wort Aas nahezu vollständig verloren gegangen ist.
Synonyme
Für die erste Bedeutung ist Jagdtasche die heute verständlichste und lexikographisch unmittelbarste Entsprechung. Sie bezeichnet eine Tasche, die bei der Jagd zum Mitführen von Ausrüstung oder Proviant verwendet wird.
Waidtasche ist eine traditionelle jagdsprachliche Bezeichnung und steht Aaser besonders nahe. Der Ausdruck hebt ausdrücklich den Zusammenhang mit Waidwerk beziehungsweise Jagd hervor.
Provianttasche gibt die historische Grundfunktion des Aasers besonders genau wieder. Sie ist weiter als Jagdtasche, weil sie nicht auf die Jagd beschränkt ist.
Speisesack ist die etymologisch und historisch treffendste Umschreibung. Sie bezeichnet unmittelbar einen tragbaren Sack beziehungsweise Beutel für Lebensmittel und erklärt zugleich die Herkunft des Wortes.
Umhängetasche ist ein funktional weiterer moderner Oberbegriff. Ein historischer Aaser wurde typischerweise am Körper beziehungsweise über der Schulter getragen, doch nicht jede Umhängetasche ist deshalb ein Aaser.
Ranzen begegnet in älteren regionalen Erläuterungen als Bedeutungsnachbar. Der Ranzen ist jedoch häufig größer und in seiner Bauform nicht mit jedem Aaser identisch.
Schnappsack ist eine ältere beziehungsweise regionale Bezeichnung für einen Sack oder Beutel, in dem Proviant mitgeführt wird. In historischen Dialektwörterbüchern kann der Ausdruck zur Erklärung von Aser dienen.
Jagdrucksack ist eine moderne funktionale Entsprechung, aber kein historisch exaktes Synonym. Ein Rucksack wird auf dem Rücken getragen, während der ältere Aser typischerweise als umgehängte Tasche beziehungsweise Beutel gedacht ist.
Holster ist in älteren beziehungsweise jagdsprachlichen Bedeutungsangaben als Synonym für eine Jagdtasche belegt. Im heutigen allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet Holster jedoch vor allem eine Halterung für Waffen oder andere Geräte und ist daher nur mit historischem beziehungsweise fachlichem Kontext als Synonym geeignet.
Für die zweite Bedeutung ist Mahlzeit der neutrale Oberbegriff. Der Aaser bezeichnet jedoch speziell eine im Freien und insbesondere im jagdlichen Zusammenhang eingenommene Mahlzeit.
Jägermahlzeit beziehungsweise Jägermahlzeit ist deshalb eine präzisere erklärende Umschreibung.
Rastmahlzeit beschreibt das Essen während einer Unterbrechung im Gelände und steht der schweizerischen Bedeutung von Aaser nahe.
Brotzeit kann regional eine ähnliche Mahlzeit bezeichnen, insbesondere wenn mitgebrachter Proviant während einer Arbeits- oder Jagdpause gegessen wird. Das Wort ist jedoch nicht auf den Aufenthalt im Freien beschränkt.
Vesper kann besonders im südwestdeutschen Raum eine kleinere Mahlzeit beziehungsweise Zwischenmahlzeit bezeichnen und ist situationsabhängig bedeutungsnah, aber ebenfalls nicht deckungsgleich.
Picknick ist die moderne allgemeinsprachliche Entsprechung für eine im Freien eingenommene Mahlzeit. Es unterscheidet sich jedoch kulturell und stilistisch vom jagdsprachlichen Aaser, der stärker mit Rast, Proviant und Jagdausübung verbunden ist.
Für die historische Taschenbedeutung sind daher Speisesack, Provianttasche, Jagdtasche und Waidtasche die treffendsten Synonyme; für die schweizerische Mahlzeitenbedeutung eignen sich Rastmahlzeit und die Umschreibung im Freien eingenommene Jägermahlzeit.
externe links
Duden – Aser, Aaser – gegenwartssprachlicher Wörterbucheintrag mit den beiden Bedeutungen „Jagdtasche“ und „im Freien eingenommene Mahlzeit“, regionaler Kennzeichnung, Grammatik und der heute empfohlenen Schreibung Aser.
Frühneuhochdeutsches Wörterbuch – aser – ausführliche historische Dokumentation des Wortes als Umhängetasche für Mundvorrat, kleine Geräte und Sammelgut sowie speziell als Jagdtasche des Falkners; mit zahlreichen Belegen des 15. bis 17. Jahrhunderts.
Bayerns Dialekte Online – Aser – dialektologische Belege aus Bayern und Schwaben zur Bedeutung „Provianttasche, Speisesack“, einschließlich historischer Literaturangaben.
Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen – âz – wissenschaftliche Darstellung des althochdeutschen Wortes âz „Speise, Nahrung, Gericht“, aus dessen Wortfamilie Aser/Aaser hervorgegangen ist.
Duden – Aas – Bedeutungs- und Herkunftsangaben zum neuhochdeutschen Aas sowie zum Zusammenfall der älteren Wörter für „Speise, Futter“ und „Kadaver“.
Duden – Äser – Eintrag zum eigenständigen jagdsprachlichen Wort Äser „Maul bestimmter Wildtiere“; wichtig zur Abgrenzung von Aser/Aaser „Jagdtasche“.
Wiktionary – Aaser – Übersicht über Aussprache, Flexion, die beiden heutigen regionalen Bedeutungen und Hinweise auf jagdsprachliche Fachliteratur.
Wiktionary – Aser – Artikel zur heute bevorzugten Schreibform mit Bedeutungen, historischen Hinweisen, Synonymen und Flexion.
Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache – Aser – lexikographischer Zugang zur historischen und gegenwärtigen Verwendung des Wortes im deutschen Wortschatz.
Wörterbuchnetz – Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm – digitales historisches Großwörterbuch; über die Suche nach Aser lassen sich ältere Bedeutungs- und Belegangaben zum Speisesack des Jägers erschließen.
Schweizerisches Idiotikon – wissenschaftliches Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache; wichtige Quelle für die regionalen schweizerischen Formen und Bedeutungen der Wortfamilie.
Duden – Jägersprache – Erläuterung der Jägersprache als traditionelle Fach- und Sondersprache mit eigenständigem Wortschatz.
Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen – ezzen – wissenschaftlicher Artikel zu historischen Verben des Wortfeldes „essen, speisen, füttern“ und ihrer Beziehung zu Formen wie äsen und atzen.