Aalschnur

Lexikon

Die Aalschnur ist ein traditionelles passives Angelgerät, das hauptsächlich zum Fang von Aalen eingesetzt wird. Im engeren fischereifachlichen Sinn bezeichnet das Wort nicht einfach irgendeine einzelne Angelschnur, mit der auf Aal geangelt wird, sondern eine Reihenangel beziehungsweise Legangel: An einer langen Hauptschnur sind in regelmäßigen Abständen zahlreiche kürzere Seitenschnüre befestigt, die als Mundschnüre bezeichnet werden und jeweils einen beköderten Angelhaken tragen. Die gesamte Fangvorrichtung wird ausgelegt, gewöhnlich über mehrere Stunden beziehungsweise über Nacht im Wasser belassen und anschließend wieder eingeholt.

Damit gehört die Aalschnur technisch zur Schnurfischerei und unterscheidet sich deutlich vom gewöhnlichen Angeln mit einer einzelnen Angelrute. Eine typische Aalschnur kann dutzende oder sogar mehrere hundert Haken tragen. Moderne fachsprachliche Beschreibungen nennen beispielsweise 150 bis 300 Mundschnüre; das Angellexikon des Landesfischereiverbands Bayern beschreibt Reihenangeln, an deren Hauptschnur bis zu etwa 400 Seitenarme befestigt sein können. Die genaue Zahl ist kein definitorisches Merkmal und schwankt nach Gewässer, Rechtslage, Einsatzform und regionaler Tradition.

Das Grundprinzip ist unabhängig von der konkreten Dimension stets dasselbe:

lange Hauptschnur → in Abständen befestigte Mundschnüre → je eine Mundschnur mit Haken → Haken mit Köder → gesamte Schnur wird im Gewässer ausgelegt.

Die Hauptschnur bildet das tragende Element des Geräts. Historisch konnte sie aus Hanf oder anderen pflanzlichen Faserstoffen gefertigt sein; moderne Ausführungen verwenden entsprechend geeignete geflochtene Kunstfaserschnüre. An dieser Hauptschnur sitzen kürzere Mundschnüre, die den eigentlichen Haken mit der Hauptleine verbinden. Moderne Geräte können beispielsweise Mundschnüre von ungefähr dreißig bis vierzig Zentimetern Länge besitzen, die in Abständen von mehreren Metern angebracht sind.

Historische Konstruktionen konnten deutlich andere Abstände aufweisen. Pierers Universal-Lexikon beschreibt 1857 eine über den Fluss gespannte hanfene Aalschnur, an der die beköderten Angeln in Abständen von ungefähr zwanzig Zoll angebracht waren. Solche Angaben zeigen, dass unter Aalschnur kein einziges unveränderliches standardisiertes Gerätemaß verstanden werden darf. Die Bezeichnung charakterisiert vielmehr den Gerätetyp.

Als Köder wurden und werden unterschiedliche tierische Köder verwendet. Historisch und modern kommen insbesondere Regenwürmer sowie kleine Fische beziehungsweise Fischstücke in Betracht. In Beschreibungen werden unter anderem Ukeleien, Stinte, Plötzen, Barsche und Kaulbarsche genannt. Welche Köder rechtlich zulässig sind, richtet sich nach der jeweiligen Fischereigesetzgebung; insbesondere die Verwendung lebender Köderfische kann verboten sein.

Die Aalschnur ist überwiegend ein passives Fanggerät. Nach dem Beködern wird sie an einer geeigneten Stelle ausgelegt, während des eigentlichen Fangvorgangs aber nicht ständig vom Fischer geführt. Die Aale finden die Köder selbst, nehmen sie auf und geraten dabei an die Haken. In diesem Punkt ähnelt die Aalschnur anderen Formen der Langleinenfischerei.

Gerade diese Passivität unterscheidet die Aalschnur von aktiv geführten historischen Aalfanggeräten wie Aaleisen, Aalpricke, Aalgabel und Aalstecher. Mit diesen Werkzeugen sucht beziehungsweise trifft der Fischer den Aal aktiv. Bei der Aalschnur wird dagegen ein beködertes System im Gewässer bereitgestellt, das während einer längeren Zeit selbständig fängig bleibt.

Von der Aalreuse unterscheidet sich das Gerät ebenfalls grundsätzlich. Eine Reuse fängt den Aal durch einen trichterförmigen Eingang und einen Fangraum, während die Aalschnur mit Haken arbeitet. Beide Fanggeräte können unbeaufsichtigt beziehungsweise über längere Zeit gestellt werden, beruhen aber auf unterschiedlichen mechanischen Prinzipien.

Die historische Aalschnur gehört damit zur größeren Gruppe der Reihenangeln. Der Name erklärt sich daraus, dass zahlreiche Einzelhaken in einer Reihe mit einer gemeinsamen Hauptschnur verbunden sind. In der Fachsprache begegnen hierfür je nach Region und Systematik auch Bezeichnungen wie Legangel, Langleine, Grundleine oder regionale Sondernamen.

Das aktuelle Angellexikon des Landesfischereiverbands Bayern nennt neben Aalschnur ausdrücklich Legangel sowie die regionale beziehungsweise fachsprachliche Bezeichnung Tötzlie. Außerdem verweist es von Aalleine auf Aalschnur. Diese Wortbeziehungen zeigen, dass die Terminologie der Schnurfischerei regional und historisch stark variiert.

Eine weitere ältere niederdeutsche Bezeichnung ist Aalreep beziehungsweise in historischen Formen ālrēp. Sprachgeschichtliche Quellen erklären einen solchen Ausdruck als lange Nachtangel beziehungsweise Aalschnur. Das Grundwort Reep bezeichnet im Niederdeutschen und in der Seemannssprache ein Seil beziehungsweise Tau. Damit existieren neben der hochdeutschen Bildung Aalschnur regionale Parallelbildungen, die denselben konstruktiven Grundgedanken ausdrücken: eine lange Leine für den Aalfang.

Eine traditionelle Aalschnur wird gewöhnlich am beziehungsweise nahe dem Gewässergrund eingesetzt, weil Aale einen großen Teil ihrer Nahrung am Boden oder in unmittelbarer Bodennähe suchen. Gewichte beziehungsweise Beschwerungen halten die Hauptschnur in der gewünschten Lage. Schwimmer beziehungsweise Markierungen können dazu dienen, Anfang, Ende oder bestimmte Abschnitte der Schnur zu kennzeichnen und die spätere Aufnahme zu erleichtern.

Je nach Fangmethode kann die Aalschnur zwischen zwei Punkten gespannt, am Grund entlanggeführt oder vom Boot aus ausgelegt werden. Eine regionale Beschreibung der Fischerei im Hanauerland nennt beispielsweise eine bis etwa hundert Meter lange Schnur, an der in ungefähr zwei Meter großen Abständen kurze Angelschnüre mit Haken befestigt waren. Die mit Steinen beschwerte Aalschnur wurde zwischen Buhnen oder in Altwässer gelegt.

Das Buhnenfeld beziehungsweise ruhiges Altwasser kann für eine solche Fischerei besonders geeignet sein, weil dort bodennahe Lebensräume und Aufenthaltsbereiche des Aals erreichbar sind. Die konkrete Fangstelle richtet sich jedoch nach Gewässerstruktur, Strömung, Tiefe, Jahreszeit und lokalem Verhalten der Fische.

Traditionell wurde die Aalschnur häufig am Abend ausgelegt und am folgenden Morgen wieder aufgenommen. Diese Betriebsweise hängt mit der ausgeprägten nächtlichen Aktivität vieler Aale zusammen. Deshalb wird die Aalschnurfischerei vielfach als Form der Nachtfischerei beziehungsweise des passiven nächtlichen Hakenfangs beschrieben.

Der Ablauf lässt sich in mehrere Arbeitsgänge gliedern: Zunächst müssen Hauptschnur, Mundschnüre und Haken geordnet beziehungsweise aufgeklart werden. Danach erfolgt das Beködern der einzelnen Haken. Anschließend wird die Schnur vom Ufer beziehungsweise häufiger vom Boot aus ausgelegt. Nach der Fangperiode wird sie vollständig wieder eingeholt, die gefangenen Fische werden abgenommen und die Schnüre erneut geordnet.

Gerade die große Zahl einzelner Haken verursacht einen erheblichen Arbeitsaufwand. Jeder Haken muss kontrolliert, beködert und nach dem Einholen gegebenenfalls gereinigt und neu vorbereitet werden. Verhedderte Mundschnüre und Hauptleine müssen entwirrt werden. Hinzu kommt gegebenenfalls das vorherige Beschaffen geeigneter Köderfische.

Dieser Arbeitsaufwand trug dazu bei, dass Aalschnüre in der modernen Berufsfischerei vielerorts an Bedeutung verloren. Das Angellexikon des Landesfischereiverbands Bayern bezeichnet die Methode in Binnengewässern wegen des hohen Aufwandes als heute selten praktiziert. Historische Untersuchungen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts kamen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass andere Aalfangmethoden teilweise einen höheren Ertrag je eingesetztem Haken beziehungsweise je Arbeitseinheit liefern konnten.

Eine Untersuchung aus den 1950er Jahren, die später in der Literatur zum Aalfang ausgewertet wurde, ergab für Aalschnüre im Mittel etwa 0,7 Kilogramm Aal je hundert Haken, während sogenannte Aalpuppen in der betreffenden Untersuchung einen deutlich höheren Fang je hundert Haken erzielten. Solche historischen Zahlen sind nicht als allgemeingültige Leistungswerte zu verstehen, da Fangerfolg stark von Gewässer, Jahreszeit, Köder, Bestand und Fangtechnik abhängt. Sie erklären jedoch, weshalb die aufwendige Reihenangelfischerei wirtschaftlich zurückgedrängt werden konnte.

Die Aalpuppe stellt eine andere Form der Hakenfischerei dar. Historische Aalpuppen konnten aus schwimmenden Rohr-, Binsen- oder Seggenbündeln bestehen, an denen jeweils eine einzelne Schnur mit Haken hing. Während bei der Aalschnur zahlreiche Haken durch eine gemeinsame lange Hauptschnur verbunden sind, bildet jede Aalpuppe eine eigenständige schwimmende Fangeinheit.

Der Unterschied zwischen beiden Systemen zeigt, warum der Begriff Aalschnur nicht auf jede Form des Aalangelns ausgeweitet werden sollte. Die fachsprachliche Kernbedeutung liegt gerade in der gemeinsamen Hauptschnur mit zahlreichen Seitenarmen.

Eine Aalschnur kann je nach Konstruktion hundert, zweihundert oder mehr Haken tragen. Das macht sie funktional mit einer Langleine beziehungsweise englisch longline vergleichbar. Dennoch ist Aalschnur der zielartspezifische deutsche Ausdruck aus der traditionellen Binnen- und Küstenfischerei.

Die Seitenarme werden als Mundschnüre bezeichnet. Das Wort Mundschnur ist im historischen Fischereiwesen für die kurzen, einen Haken tragenden Seitenleitungen einer Reihenangel gebräuchlich. Die Bezeichnung bezieht sich auf den eigentlichen Fangpunkt: Der Haken an dieser kurzen Schnur gelangt beim Köderfressen in das Maul des Fisches.

Bei modernen Konstruktionen kann die Hauptschnur aus geflochtenem Material bestehen, während für die Mundschnüre beispielsweise monofile Kunststoffschnur verwendet wird. Historische Geräte bestanden dagegen aus Naturfasern wie Hanf, Leinen oder anderen geeigneten Schnurmaterialien. Die technische Weiterentwicklung des Materials veränderte somit die Ausführung, nicht aber das grundlegende Fangprinzip.

Ein wesentliches Problem beim unbeaufsichtigten Hakenfang besteht darin, dass sich nicht ausschließlich Aale fangen. Auch Hechte, Barsche, Zander und andere räuberische beziehungsweise köderfischfressende Arten können die Haken aufnehmen. Die Aalschnur ist deshalb trotz ihres Namens kein artspezifisch selektives Fanggerät.

Das Bestimmungswort Aal- bezeichnet vielmehr die hauptsächliche Zielart. Dasselbe Prinzip findet sich bei vielen Fanggeräten: Ein nach einer bestimmten Art benanntes Gerät kann technisch auch andere Fische erfassen. Die zoologische Bezeichnung im Gerätenamen ist daher als funktionelle Spezialisierung und nicht als absolute Selektionsgarantie zu verstehen.

Die geringe Selektivität ist neben dem unbeaufsichtigten Einsatz ein Grund dafür, dass Aalschnüre fischereirechtlich vielerorts besonders geregelt werden. Das Angellexikon des Landesfischereiverbands Bayern weist darauf hin, dass ihr Gebrauch in der Regel der Berufsfischerei vorbehalten ist. Für Freizeit- und Sportfischer können Reihenangeln mit zahlreichen unbeaufsichtigten Haken verboten beziehungsweise stark eingeschränkt sein.

Für eine konkrete rechtliche Beurteilung reicht die historische oder lexikographische Definition selbstverständlich nicht aus. Zulässige Hakenanzahl, Fangzeiten, Köder, Kennzeichnungspflichten und zugelassene Gerätekategorien richten sich nach dem jeweils geltenden Fischereirecht des betreffenden Landes beziehungsweise Gewässers.

Historisch ist die Aalschnur erheblich älter als moderne monofile Schnüre und industrielle Angelhaken. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Etymologie dokumentiert die Form Aal-Schnur bereits für 1757 in einer Sammlung der bürgerlichen und polizeilichen Gesetze und Ordnungen von Stadt und Landschaft Zürich. Dort wird der Gebrauch einer Aal-Schnur rechtlich erwähnt. Der Beleg zeigt, dass das Fanggerät bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts so bekannt war, dass es in einer Fischereiordnung ausdrücklich geregelt werden konnte.

Die Rechtsquelle ist zugleich kulturgeschichtlich bedeutsam. Fanggeräte werden in obrigkeitlichen Fischereiordnungen gewöhnlich dann geregelt, wenn ihre Verwendung für Bestände, Fangrechte oder konkurrierende Nutzer relevant ist. Die Aalschnur gehörte damit nicht lediglich zum privaten Gelegenheitsangeln, sondern konnte Teil einer wirtschaftlich und rechtlich bedeutenden Fischereipraxis sein.

1857 beschreibt Pierers Universal-Lexikon das Gerät technisch wesentlich genauer. Die Aalschnur wird dort als hanfene, quer über den Fluss ausgespannte Hauptschnur beschrieben, an der in regelmäßigen Abständen beköderte Angeln hängen. Dieser Beleg entspricht im Grundprinzip bereits vollständig der modernen Definition einer Reihenangel.

Auch im 20. Jahrhundert blieb die Bezeichnung gebräuchlich. Ein literarischer beziehungsweise journalistischer Beleg von 1955 beschreibt mehrere Aalschnüre, die im tiefen Wasser hängen und sich bewegen. Fischereifachliteratur des 20. Jahrhunderts behandelt die Aalschnur weiterhin als eigenständigen Gerätetyp.

Regional konnten Aalschnüre konstruktiv sehr verschieden aussehen. Eine Schnur konnte quer über einen Fluss gespannt sein, am Grund eines Altwassers liegen oder vom Boot in langer Linie ausgebracht werden. Die Zahl der Haken, die Abstände der Mundschnüre, die Beschwerung und die verwendeten Köder wurden an das jeweilige Gewässer angepasst.

Eine besondere technische Herausforderung ist die geordnete Aufbewahrung einer mit zahlreichen Seitenarmen und Haken versehenen Schnur. Werden sämtliche Mundschnüre einfach lose zusammengelegt, können sie sich schnell ineinander verwickeln. Deshalb existieren besondere Aalschnurkästen beziehungsweise Schnurkästen, in denen die Reihenangel für Transport und erneutes Ausbringen geordnet werden kann.

Der Aalschnurkasten gehört damit als Zubehör unmittelbar zur traditionellen Aalschnurfischerei. Er zeigt zugleich, dass eine Aalschnur als komplexes Fanggerät und nicht lediglich als einzelner Faden verstanden wurde. Aufbewahrung, Beköderung, Transport und Ausbringen erfordern eine eigene technische Organisation.

Die Tätigkeit selbst kann als Aalschnurfischerei bezeichnet werden. Dieses Kompositum benennt die Fangmethode, bei der Aalschnüre systematisch eingesetzt werden. Das fachsprachliche Wortfeld umfasst daher unter anderem Aalschnur – Aalschnurfischerei – Aalschnurkasten – Mundschnur – Hauptschnur – Aalhaken.

Eine weitere bedeutungsverwandte Form ist Aalleine. Leine und Schnur überschneiden sich semantisch stark, wobei Leine häufig eine stärkere beziehungsweise längere Schnur bezeichnet. In der Fischereisprache können beide Wörter daher als Grundlage ähnlicher Gerätebezeichnungen dienen.

Die Bezeichnung Legangel hebt dagegen nicht die Schnurkonstruktion oder die Zielart hervor, sondern die Fangweise: Das Gerät wird gelegt beziehungsweise ausgelegt und danach für eine gewisse Zeit im Wasser belassen. Reihenangel betont die Vielzahl hintereinander angeordneter Haken, Aalschnur die traditionelle Zielart und Langleine die lange gemeinsame Hauptleine. Die Wörter beleuchten denselben oder eng verwandte Gerätetypen aus unterschiedlichen Perspektiven.

Nicht verwechselt werden darf diese traditionelle fachsprachliche Bedeutung mit einer neueren allgemeineren Verwendung des Ausdrucks Aalschnur für eine einzelne Angelschnur, die wegen ihrer Tragkraft, Abriebfestigkeit oder Farbe besonders für das moderne Rutenangeln auf Aal empfohlen beziehungsweise vermarktet wird. Eine solche Verwendung ist sprachlich ohne Weiteres verständlich: Aalschnur bedeutet dann einfach „Angelschnur für das Aalangeln“.

Diese neuere breite Sachbedeutung ist jedoch von der historisch-fischereilichen Kernbedeutung zu unterscheiden. Wenn eine historische Quelle von „der Aalschnur“ spricht oder ein Fischereilexikon das Gerät unter diesem Namen behandelt, ist regelmäßig die Mehrhaken-Reihenangel gemeint und nicht lediglich eine besonders kräftige monofile oder geflochtene Schnur an einer Angelrute.

Damit besitzt Aalschnur gegenwärtig mindestens zwei unterschiedlich spezialisierte Verwendungsmöglichkeiten:

1. traditionell und fachsprachlich: passive Reihen- beziehungsweise Legangel mit einer langen Hauptschnur und zahlreichen beköderten Mundschnüren zum Aalfang;

2. weiter und modern-angelsportlich: Angelschnur, die für das Rutenangeln auf Aal bestimmt beziehungsweise empfohlen ist.

Die erste Bedeutung ist historisch älter, lexikographisch stärker etabliert und für das Lemma zentral. Die zweite ergibt sich produktiv aus der transparenten deutschen Zusammensetzung und sollte als sekundäre beziehungsweise weitere Verwendung behandelt werden.

Der Bedeutungsunterschied wird besonders deutlich, wenn von einer Aalschnur mit „hundert Haken“ gesprochen wird. Gemeint sein kann dann nur das vollständige Reihengerät. Eine gewöhnliche Angelschnur an einer einzelnen Rute trägt demgegenüber typischerweise eine einzelne Montage beziehungsweise eine sehr begrenzte Zahl von Haken.

Auch grammatisch kann Aalschnur sowohl das gesamte Gerät als auch sein zentrales langes Schnurelement bezeichnen. In historischen Beschreibungen ist die Hauptleine selbst namensgebend und bildet den Kern der Fangvorrichtung. Durch Metonymie bezeichnet der Name dieses Hauptbestandteils schließlich das vollständige System aus Hauptschnur, Mundschnüren, Haken, Beschwerungen und gegebenenfalls Schwimmern.

Diese metonymische Entwicklung ist bei Gerätenamen häufig. Der charakteristische Hauptbestandteil liefert den Namen für das gesamte Werkzeug. Bei Aalschnur ist die Schnur sowohl tatsächlich vorhandenes zentrales Bauteil als auch Bezeichnung des vollständigen Fangsystems.

Historisch konnte eine Aalschnur auch quer durch ein Gewässer gespannt werden. Eine solche Anlage wirkt aus heutiger Sicht möglicherweise ungewöhnlich, weil moderne Langleinen häufig längs beziehungsweise bodennah ausgelegt werden. Die Quellen zeigen jedoch, dass die Konstruktion an örtliche Gewässer und Fangrechte angepasst wurde. Deshalb sollte eine lexikographische Definition die räumliche Ausrichtung nicht auf „quer“ oder „längs“ festlegen.

Auch die Materialbezeichnung hänfene Aalschnur des 19. Jahrhunderts darf nicht zum definierenden Merkmal erhoben werden. Hanf war ein damals verbreitetes Schnurmaterial; moderne Fasern erfüllen dieselbe technische Funktion. Entscheidend ist die Anordnung der Fangkomponenten.

Das historische Gerät ist darüber hinaus ein Beispiel für die frühe Rationalisierung des Fischfangs. Statt eine einzelne Angel dauerhaft beobachten zu müssen, konnte ein Fischer mit einer langen Aalschnur gleichzeitig sehr viele Köderstellen anbieten. Das erhöhte die räumliche Abdeckung des Gewässers, verlangte im Gegenzug aber erheblichen Aufwand für Herstellung, Köderung und Wartung.

Die Methode verbindet damit zwei gegensätzliche Eigenschaften: Während des eigentlichen Fangzeitraums arbeitet sie weitgehend selbständig; Vorbereitung und Nachbearbeitung sind dagegen ausgesprochen arbeitsintensiv. Genau dieses Verhältnis erklärt den wirtschaftlichen Nutzen in bestimmten historischen Fischereien und den späteren Bedeutungsverlust gegenüber anderen Fanggeräten.

Für die Geschichte des Aalfangs steht die Aalschnur neben einer großen Zahl spezialisierter Geräte. Dazu gehören Aalreuse, Aalkorb, Aalhamen, Aalglippe, Aaleisen, Aalpricke, Aalquaste und Aalpuppe. Diese terminologische Vielfalt zeigt die hohe historische wirtschaftliche Bedeutung des Aals und die Anpassung der Fischerei an unterschiedliche Lebensräume, Jahreszeiten und Verhaltensweisen des Fisches.

Lexikographisch lässt sich Aalschnur deshalb am präzisesten definieren als traditionelles passives Fanggerät für Aale in Form einer langen Hauptschnur, an der zahlreiche kürzere, jeweils einen beköderten Haken tragende Mundschnüre angebracht sind; Reihen- beziehungsweise Legangel. Die allgemeine Bedeutung „Schnur für das Aalangeln“ ist daneben als jüngere beziehungsweise weitere Verwendung möglich.

Etymologie

Die Wortbildungsstruktur lautet:

Aal + Schnur → Aalschnur.

Aalschnur ist ein substantivisches Determinativkompositum. Das Grundwort Schnur bezeichnet zunächst ein langes, dünnes, aus Fäden beziehungsweise Fasern hergestelltes Gebilde. Das Bestimmungswort Aal spezifiziert dessen Verwendungszweck: Die Schnur dient dem Fang von Aalen. Die grundlegende semantische Beziehung ist somit eine Zweck- beziehungsweise Zielobjektrelation.

In der historisch-fischereilichen Hauptbedeutung reicht die Bedeutung jedoch über die bloße materielle Schnur hinaus. Aalschnur bezeichnet das vollständige Fanggerät aus einer Hauptschnur und zahlreichen daran befestigten Mundschnüren mit Haken. Das Grundwort Schnur benennt dabei den konstruktiven Hauptbestandteil und wird metonymisch auf das gesamte Fangsystem übertragen.

Die Wortbildungsbedeutung kann deshalb in zwei Stufen beschrieben werden:

Aal + Schnur → Schnur zum Fang von Aalen → vollständiges aus dieser Schnur und zahlreichen Haken bestehendes Fanggerät.

Das grammatische Geschlecht richtet sich nach dem Grundwort. Da es die Schnur heißt, lautet auch das Kompositum die Aalschnur. Der reguläre standardsprachliche Plural ist die Aalschnüre. In älterer, regionaler und bestimmter fachsprachlicher Verwendung kann beim Grundwort Schnur daneben ein Plural auf -en vorkommen; für das moderne Lemma ist Aalschnüre die naheliegende Standardform.

Die Zusammensetzung enthält kein Fugenelement:

Aal + Schnur → Aalschnur, nicht *Aalsschnur, *Aalenschnur oder *Aalesschnur.

Das Erstglied Aal gehört zum alten germanischen Wortschatz. Althochdeutsch und mittelhochdeutsch ist bereits āl belegt. Entsprechungen bestehen unter anderem in niederländisch aal, englisch eel, dänisch und schwedisch ål sowie weiteren germanischen Sprachen. Die fernere Herkunft des Fischnamens gilt als nicht überzeugend geklärt.

Das Grundwort Schnur ist ebenfalls seit althochdeutscher Zeit belegt. Althochdeutsch und mittelhochdeutsch lautet die Form snuor. Das Wort bezeichnete bereits Schnur, Band beziehungsweise Seil. Duden stellt es wahrscheinlich zu nähen und erklärt die ursprüngliche Bedeutung ungefähr als „gedrehtes oder geflochtenes Band“.

Als germanische Vergleichsform wird unter anderem gotisch snōrjō „geflochtener Korb, Netz“ herangezogen. Daneben stehen Wörter anderer germanischer Sprachen für gedrehte Schnüre beziehungsweise Seile. Der etymologische Zusammenhang verweist damit auf die Herstellung aus miteinander verbundenen, gedrehten oder geflochtenen Fasern.

Gerade dieser ältere Bedeutungsbereich ist für die historische Aalschnur sachlich passend. Bevor synthetische Angelschnüre verfügbar waren, musste eine lange und zugfeste Fischereischnur aus geeigneten Naturfasern hergestellt werden. Pierer bezeichnet die Aalschnur 1857 ausdrücklich als hänfen, also aus Hanf gefertigt.

Hanf eignete sich aufgrund seiner relativ hohen Festigkeit für Leinen, Seile und Fischereischnüre. Allerdings nehmen Naturfasern Wasser auf, können quellen, verrotten und benötigen entsprechende Pflege. Die Entwicklung industrieller Kunstfasern veränderte die Materialeigenschaften moderner Fischereischnüre grundlegend, ohne den traditionellen Gerätenamen Aalschnur zu verändern.

Das selbständige Wort Schnur besitzt im Deutschen außerdem ein Homonym mit der historischen Bedeutung „Schwiegertochter“. Dieses geht auf einen anderen germanischen beziehungsweise indogermanischen Verwandtschaftsnamen zurück und ist etymologisch nicht mit Schnur „Faden, Leine“ identisch. Für Aalschnur ist ausschließlich die Bedeutung „Faden, Leine, geflochtenes Band“ relevant.

Die Form Aal-Schnur ist nach den hier zugrunde gelegten Quellen bereits für 1757 belegt. Eine Zürcher Sammlung bürgerlicher und polizeilicher Gesetze und Ordnungen erwähnt ausdrücklich die Erlaubnis beziehungsweise Regelung der Aal-Schnur. Dieser Beleg dokumentiert sowohl das Wort als auch seine Einbindung in das historische Fischereirecht.

Die Bindestrichschreibung Aal-Schnur stellt keine eigene Wortbildung dar. Sie entspricht einer älteren graphischen Praxis bei zusammengesetzten Substantiven. Die heutige reguläre Zusammenschreibung lautet Aalschnur.

Dass die Bezeichnung bereits in einer Rechtsquelle erscheint, spricht für eine vorher bestehende fachsprachliche Bekanntheit. Ein Gesetzestext muss den Gegenstand für die betroffenen Fischer nicht erst sprachlich erfinden; er verwendet eine Bezeichnung, mit der die regulierte Fangmethode identifiziert werden konnte. Der tatsächliche mündliche Gebrauch von Aalschnur kann daher älter sein als der derzeit dokumentierte Beleg von 1757.

Im Jahr 1857 liefert Pierers Universal-Lexikon eine genaue technische Beschreibung. Aale würden unter anderem mit Angeln gefangen, die in regelmäßigen Abständen an einer hanfenen, quer über den Fluss ausgespannten Aalschnur hingen. Dadurch ist spätestens für die Mitte des 19. Jahrhunderts eindeutig belegt, dass Aalschnur die Konstruktion einer langen Mehrhakenleine beziehungsweise Reihenangel bezeichnet.

Die semantische Spezialisierung dürfte aus einer zunächst transparenten Zweckbezeichnung entstanden sein. Ursprünglich konnte eine Aalschnur ganz allgemein eine zum Aalfang bestimmte Schnur sein. Mit der Entwicklung und Verbreitung eines charakteristischen Fanggeräts wurde die Verbindung zum technischen Terminus für die vollständige Reihenangel.

Ein solcher Vorgang ist in Fachsprachen häufig: Ein allgemeines Kompositum wird durch regelmäßigen Gebrauch für einen bestimmten Gerätetyp terminologisiert. Die Gesamtbedeutung ist anschließend enger als die bloße Summe seiner Bestandteile.

Dies erklärt auch die heutige mögliche Doppeldeutigkeit. Ein moderner Angler kann unter einer „Aalschnur“ aufgrund der transparenten Wortbildung eine besonders geeignete monofile oder geflochtene Angelschnur für eine einzelne Rute verstehen. Ein historischer Fischer beziehungsweise ein Fischereilexikon meint dagegen typischerweise die lange Mehrhaken-Reihenangel.

Diese beiden Bedeutungen lassen sich diachronisch als allgemeine Zweckbildung und fachsprachliche Lexikalisierung beschreiben. Die traditionelle Reihenangel ist keine etymologisch unabhängige zweite Aalschnur, sondern eine spezialisierte Verwendung derselben Zusammensetzung.

Die Bildung Aalleine folgt einem parallelen Muster. Leine und Schnur bezeichnen beide lange flexible Fasergebilde und können in Fischereigeräten terminologisch konkurrieren. Das Angellexikon des Landesfischereiverbands Bayern verweist entsprechend von Aalleine auf Aalschnur.

Eine noch deutlichere regionale Parallelbildung ist niederdeutsch Aalreep. Das Grundwort Reep bezeichnet ein Tau beziehungsweise Seil. Historische niederdeutsche Wörterbuchquellen erklären entsprechende Formen als lange Nachtangel für Aale. Semantisch stehen daher drei transparente Benennungsmuster nebeneinander:

Aal + Schnur → Aalschnur;

Aal + Leine → Aalleine;

Aal + Reep → Aalreep.

Die unterschiedlichen Grundwörter spiegeln regionale und fachsprachliche Traditionen wider, während der Verwendungszweck konstant bleibt.

Aus Aalschnur entstanden wiederum weitere Komposita. Aalschnurfischerei bezeichnet den Fang mit Aalschnüren. Aalschnurkasten bezeichnet einen Behälter beziehungsweise Kasten zur geordneten Aufbewahrung solcher Schnüre. Damit wurde das bereits lexikalisierte Gerätewort selbst zur Wortbildungsbasis.

Die Struktur komplexerer Bildungen lautet beispielsweise:

[[Aal + Schnur] + Fischerei] → Aalschnurfischerei;

[[Aal + Schnur] + Kasten] → Aalschnurkasten.

Diese Ableitungen belegen, dass Aalschnur nicht lediglich eine freie momentane Wortverbindung ist, sondern als eigenständige fachsprachliche Einheit fungiert.

Semantisch ist die Benennung außerdem ein Beispiel für die Metonymie Teil für Ganzes. Die eigentliche Schnur ist lediglich ein Bestandteil eines vollständigen Systems mit Mundschnüren, Haken, Ködern, Gewichten und gegebenenfalls Schwimmern. Da sie dessen durchgehendes konstruktives Rückgrat bildet, bezeichnet ihr Name schließlich die gesamte Fangvorrichtung.

Der historische Bedeutungsweg lässt sich daher folgendermaßen zusammenfassen:

Schnur „gedrehtes oder geflochtenes Band, Leine“ → Schnur für den Fang von Aalen → Aal-Schnur → terminologisch spezialisierte Aalschnur als lange Hauptschnur mit zahlreichen beköderten Mundschnüren → Reihen- beziehungsweise Legangel zum Aalfang.

Die Etymologie des Gesamtwortes ist somit vollständig transparent, seine historische Fachbedeutung jedoch enger als eine rein wörtliche Interpretation. Wer Aalschnur in älteren Fischerei-, Rechts- oder Sachtexten liest, sollte primär an eine mit zahlreichen Haken versehene passive Reihenangel denken und nicht an eine einzelne moderne Angelschnur für die Handangel.