Aalglocke
Lexikon
Die Aalglocke ist ein kleiner akustischer Bissanzeiger beim Angeln. Sie wird gewöhnlich an der Spitze einer Angelrute befestigt und reagiert auf Bewegungen der Rutenspitze mit einem hörbaren Klingeln. Zieht ein Fisch an der gespannten Angelschnur, überträgt sich die Bewegung über Schnur und Rute auf die Glocke. Der entstehende Ton macht den Angler darauf aufmerksam, dass sich am Köder beziehungsweise an der Montage etwas bewegt. Trotz ihres Namens ist die Aalglocke nicht ausschließlich zum Fang von Aalen geeignet. Sie kann grundsätzlich überall verwendet werden, wo eine Bewegung der Rutenspitze akustisch angezeigt werden soll.
Das Grundprinzip ist außerordentlich einfach. Die Aalglocke besteht aus einem oder mehreren kleinen Glöckchen, einem elastischen beziehungsweise federnden Verbindungsteil und einer Vorrichtung zur Befestigung an der Rute. Häufig sitzt das Glöckchen auf einer kurzen Schraubenfeder. Die Feder verstärkt beziehungsweise erleichtert die Schwingung des Glöckchens und entkoppelt kleine starre Bewegungen teilweise von der Halterung. Am unteren Ende befindet sich je nach Bauart eine Klemme, ein Clip, eine Schraubvorrichtung, ein Kunststoffhalter oder eine andere Befestigungsmöglichkeit.
Die Aalglocke wird typischerweise im oberen Bereich der Rute, meistens nahe der Rutenspitze, angebracht. Diese Position ist besonders empfindlich, weil sich selbst vergleichsweise geringe Veränderungen der Schnurspannung an einer flexiblen Rutenspitze als sichtbare und mechanische Bewegung bemerkbar machen. Je weiter die Glocke in Richtung des steiferen Rutenhandteils befestigt würde, desto geringer wäre diese Verstärkungswirkung.
Die Funktionskette lässt sich vereinfacht folgendermaßen darstellen:
Fisch bewegt Köder oder Schnur → Schnurspannung verändert sich → Rutenspitze bewegt sich → Aalglocke gerät in Schwingung → Glockenton signalisiert den Biss.
Die Aalglocke ist damit ein mechanisch-akustischer Bissanzeiger. Sie benötigt in ihrer klassischen Form weder Batterie noch elektronische Sensorik. Die beim Anbiss entstehende mechanische Bewegung liefert unmittelbar die Energie, durch die das Glöckchen zum Klingen gebracht wird. Gerade diese technische Einfachheit erklärt, weshalb die Aalglocke trotz elektronischer Bissanzeiger bis heute verwendet wird.
Besonders eng ist die Aalglocke mit dem Grundangeln verbunden. Dabei befindet sich der Köder gewöhnlich am beziehungsweise nahe dem Gewässergrund, und ein Grundblei beziehungsweise eine entsprechend beschwerte Montage hält ihn an der vorgesehenen Stelle. Wird die Schnur anschließend so gespannt, dass Bewegungen des Köders auf die Rutenspitze übertragen werden können, eignet sich die Glocke als akustischer Signalgeber.
Beim klassischen Glockenangeln wird die Rute häufig relativ steil aufgestellt. Besonders in Fließgewässern kann dadurch ein größerer Teil der Schnur aus der Strömung herausgehalten werden. Gleichzeitig bleibt die Rutenspitze als empfindliches Anzeigeelement erhalten. Bewegt ein Fisch die Schnur, beginnt die Spitze zu zucken oder sich stärker zu biegen; die daran befestigte Glocke setzt diese Bewegung in ein hörbares Signal um.
Die Bezeichnung Aalglocke erklärt sich vor allem aus ihrer traditionellen Verwendung beim Aalangeln. Aale werden häufig in der Dämmerung beziehungsweise während der Nacht beangelt. Unter solchen Lichtverhältnissen ist ein rein optischer Bissanzeiger schwieriger kontinuierlich zu beobachten. Ein akustisches Signal besitzt deshalb einen offensichtlichen praktischen Vorteil: Der Angler muss die Rutenspitze nicht ununterbrochen ansehen, sondern kann das Klingeln auch im Dunkeln wahrnehmen.
Die Namensgebung bedeutet jedoch nicht, dass die Glocke auf die Fischart Aal technisch abgestimmt wäre. Die physikalische Funktionsweise hängt ausschließlich davon ab, dass eine ausreichende Bewegung auf die Rutenspitze übertragen wird. Eine Aalglocke kann daher ebenso beim Angeln auf Wels, Karpfen, Barbe oder andere Fische verwendet werden. Im Handel und in der Angelsprache wird dieselbe Geräteform deshalb teilweise auch allgemeiner als Rutenglocke, Angelglocke, Bissglocke oder einfach Glöckchen bezeichnet.
Eine häufige Bauform besitzt ein einzelnes Glöckchen. Daneben existieren Doppelglocken mit zwei kleinen Glockenkörpern. Zwei Glöckchen können einen auffälligeren beziehungsweise komplexeren Klang erzeugen und dadurch leichter wahrnehmbar sein. Die funktionelle Grundidee bleibt jedoch unverändert.
Die Glockenkörper bestehen üblicherweise aus Metall. Innerhalb beziehungsweise an der Glocke befindet sich ein frei bewegliches Schlagteil, das bei der Bewegung gegen die Glockenwand trifft und den Klang erzeugt. Bei sehr kleinen Angelglocken kann die genaue konstruktive Ausführung von der klassischen großen Glocke mit deutlich ausgeprägtem Klöppel abweichen; entscheidend ist der durch Schwingung ausgelöste Metallkontakt.
Die zwischen Glöckchen und Halterung angebrachte Feder erfüllt mehrere Aufgaben. Sie ermöglicht eine stärkere Eigenbewegung der Glocke gegenüber dem Rutenblank und kann dadurch kleine Ausschläge der Rutenspitze in deutlich hörbare Schwingungen umsetzen. Gleichzeitig verhindert eine entsprechend abgestimmte Feder, dass jede minimale Bewegung unmittelbar denselben starken Glockenschlag hervorruft. Wind, leichte Strömung oder andere Umwelteinflüsse können jedoch dennoch Fehlanzeigen beziehungsweise unerwünschtes Klingeln verursachen.
Die Befestigung ist technisch von großer Bedeutung. Eine verbreitete Variante verwendet eine Klemmvorrichtung, die auf die Rutenspitze beziehungsweise den oberen Rutenblank geschoben oder geklemmt wird. Andere Modelle besitzen eine Schraubbefestigung oder einen elastischen Clip. Die Befestigung muss ausreichend fest sein, damit die Glocke während des Angelns nicht verrutscht, darf den Rutenblank aber möglichst nicht beschädigen.
Eine zu locker befestigte Aalglocke kann sich drehen, verschieben oder lösen. Dadurch kann sie die Schnur behindern oder sich beim Auswerfen verfangen. Aus diesem Grund werden viele Glocken vor einem neuen Wurf von der Rutenspitze entfernt und erst nach dem Ausbringen der Montage wieder befestigt. Dies ist insbesondere bei größeren beziehungsweise seitlich weit hervorstehenden Modellen sinnvoll.
Eine moderne Weiterentwicklung verbindet die akustische Bissanzeige mit einer optischen Anzeige. Viele Aalglocken besitzen einen kleinen Halter für ein Knicklicht. Dieses leuchtet in der Dunkelheit und bewegt sich zusammen mit Glocke und Rutenspitze. Der Angler erhält damit zwei Signale gleichzeitig: Er hört das Klingeln und kann anhand des bewegten Lichtpunkts erkennen, welche Rute reagiert.
Der optische Zusatz ist besonders beim Angeln mit mehreren Ruten zweckmäßig. Wenn mehrere Glocken gleichzeitig oder in kurzem Abstand zu hören sind, lässt sich anhand der Leuchtpunkte schneller feststellen, an welcher Rute ein Biss erfolgt. Die ursprüngliche mechanische Funktion der Aalglocke bleibt dabei vollständig erhalten.
Daneben existieren Ausführungen mit kleinen LED-Elementen oder batteriebetriebenen Leuchteinrichtungen. Solche Geräte stehen bereits im Übergangsbereich zwischen klassischer Aalglocke und kombiniertem elektronisch-mechanischem Bissanzeiger. Entscheidend für die Bezeichnung als Aalglocke bleibt jedoch gewöhnlich, dass ein hörbares Glöckchen Bestandteil des Geräts ist.
Die klassische Aalglocke unterscheidet sich damit deutlich vom elektronischen Bissanzeiger. Elektronische Systeme registrieren beispielsweise die Bewegung der Schnur durch Rollen, Magnete, Lichtschranken oder andere Sensoren und erzeugen anschließend elektrisch einen Signalton. Die Aalglocke benötigt dagegen keine elektronische Erfassung: Die Bewegung der Rute selbst bringt den mechanischen Klangkörper zum Tönen.
Von der Pose unterscheidet sich die Aalglocke ebenfalls grundsätzlich. Die Pose befindet sich im beziehungsweise auf dem Wasser und zeigt Veränderungen der Köder- und Schnurposition optisch durch Eintauchen, Aufsteigen oder seitliche Bewegung an. Die Aalglocke befindet sich dagegen an der Rute und erzeugt ein akustisches Signal.
Auch sogenannte Einhängebissanzeiger, Swinger oder Kletteraffen arbeiten anders. Sie werden üblicherweise an der Schnur zwischen Rolle und erstem Rutenring beziehungsweise in einem entsprechenden Bereich eingehängt. Veränderungen der Schnurspannung heben oder senken den Anzeiger. Bei der Aalglocke bildet dagegen die Bewegung der Rutenspitze den unmittelbaren Auslöser.
Besonders deutlich lässt sich die Funktion beim Nachtangeln auf Aal erklären. Nach dem Auswerfen einer Grundmontage wird die Rute in einem Rutenhalter abgelegt beziehungsweise steil aufgerichtet. Die Schnur wird soweit gespannt, dass zwischen Köder beziehungsweise Blei und Rutenspitze eine wirksame mechanische Verbindung besteht. Die Aalglocke wird anschließend an der Spitze befestigt. Bewegt ein Aal den Köder deutlich, verändert sich die Spannung, die Spitze schlägt aus und das Glöckchen ertönt.
Die Stärke des Glockensignals lässt allein noch keine sichere Bestimmung der Fischart oder Fischgröße zu. Auch kleine Fische, Strömungsdruck, Treibgut oder andere Bewegungen können die Rutenspitze in Schwingung versetzen. Die Aalglocke ist deshalb ein Signalgeber, kein selbständig interpretierender Sensor. Der Angler muss Klangfolge, Rutenspitzenbewegung und gegebenenfalls Schnurverhalten beurteilen.
Bei sehr starkem Wind kann die Glocke regelmäßig klingeln, ohne dass ein Fisch den Köder berührt. Ähnliche Fehlsignale entstehen durch Wellen, starke Strömung, Treibgut oder Bewegungen der Rutenauflage. Eine sehr empfindliche Befestigung erhöht zwar die Wahrnehmung schwacher Bisse, zugleich aber auch die Anfälligkeit für solche Störeinflüsse.
Umgekehrt kann eine zu schwere oder steife Aalglocke schwache Bewegungen schlechter anzeigen beziehungsweise die feine Rutenspitze unnötig belasten. Bauform, Gewicht und Federstärke müssen deshalb zum Rutenmaterial und zur gewünschten Empfindlichkeit passen. Die einfache technische Grundidee erlaubt zahlreiche Varianten.
Ein Vorteil der Aalglocke liegt darin, dass der Angler nicht permanent auf die Rute sehen muss. Dies ist gerade nachts, bei längeren Ansitzzeiten oder bei mehreren aufgestellten Ruten praktisch. Das Klingeln kann auch wahrgenommen werden, wenn der Blick vorübergehend auf eine andere Tätigkeit gerichtet ist.
Ein Nachteil liegt gerade in derselben akustischen Wirkung. Bei mehreren Anglern an einem Gewässer können häufig klingelnde Glocken als störend empfunden werden. Windbedingte Fehlalarme oder schlecht eingestellte Geräte können unnötigen Lärm erzeugen. In der modernen Angelpraxis wird die Aalglocke deshalb teilweise durch optische oder elektronische Bissanzeiger ersetzt.
Trotzdem ist sie keineswegs nur ein historischer Gegenstand. Aalglocken werden weiterhin als Angelzubehör hergestellt und verkauft. Aktuelle Ausführungen reichen von einfachen Einzelglocken mit Metallklemme über Doppelglocken bis zu Modellen mit Kunststoffclip, Schraubhalter, Knicklichtaufnahme oder zusätzlicher LED.
Das Angellexikon des Landesfischereiverbands Bayern ordnet die Aalglocke ausdrücklich dem Grundangeln zu und beschreibt sie als Bissanzeiger ohne Pose. Moderne Angellexika verwenden daneben häufig die Bezeichnung Aalglöckchen. Beide Wörter bezeichnen im gewöhnlichen Gebrauch denselben beziehungsweise einen sehr ähnlichen Gerätetyp; Aalglöckchen hebt durch das Diminutiv die geringe Größe des Klingelkörpers hervor.
Lexikographisch ist bemerkenswert, dass das Bestimmungswort Aal- nicht die ausschließliche Verwendbarkeit, sondern den typischen traditionellen Einsatzbereich bezeichnet. Vergleichbare Benennungen finden sich bei zahlreichen Werkzeugen und Geräten, die nach ihrer Hauptverwendung benannt werden, obwohl sie funktional breiter einsetzbar sind.
Die Aalglocke ist somit kein biologischer Gegenstand des Aals und auch kein historisches Fanggerät wie Aaleisen, Aalglippe oder Aalreuse. Diese Geräte greifen unmittelbar in den Fangvorgang ein, indem sie den Fisch stechen, einschließen oder festhalten. Die Aalglocke fängt den Fisch überhaupt nicht. Sie informiert lediglich den Angler über eine mögliche Aktivität am Köder.
Auch von einer Fischerglocke im allgemeinen Sinn oder einer größeren Schiffsglocke ist sie strikt zu unterscheiden. Größe, Funktion und Einsatzort sind völlig verschieden. Das Grundwort Glocke bezeichnet hier einen kleinen akustischen Signalgeber.
Die technische Rolle kann daher als Informationsfunktion beschrieben werden. Während Haken, Schnur, Vorfach, Köder und gegebenenfalls Blei unmittelbar Bestandteile der Fangmontage sind, gehört die Aalglocke zum Angelzubehör für die Wahrnehmung des Bisses. Sie verbessert die Kommunikation zwischen der unter Wasser ausgelösten Bewegung und dem wartenden Angler.
Diese Übertragung erfolgt vollständig mechanisch. Der Fisch bewegt Schnur beziehungsweise Montage; die Schnur bewegt die Rute; die Rute bewegt die Feder; die Feder bewegt den Glockenkörper; die Glocke erzeugt Schall. Aus einer zunächst kaum sichtbaren Bewegung unter Wasser entsteht dadurch ein für das menschliche Ohr wahrnehmbares Signal.
Das erklärt zugleich die besondere Eignung für das Nachtangeln. Dunkelheit beeinträchtigt die akustische Wahrnehmung nicht in derselben Weise wie die visuelle Beobachtung der Rutenspitze. Der Gerätebegriff verbindet deshalb sachlich drei Bereiche: Aalangeln, Nachtangeln und akustische Bissanzeige.
Eine genaue Entstehungszeit der Zusammensetzung Aalglocke lässt sich aus den derzeit greifbaren lexikographischen Nachweisen nicht sicher bestimmen. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Etymologie führt das Wort als Zusammensetzung mit Aal und definiert es als „Bissanzeiger beim Aalfang“, liefert dort jedoch keinen datierten historischen Primärbeleg. Aussagen über ein bestimmtes Entstehungsjahr wären deshalb ohne zusätzlichen Quellenfund spekulativ.
Der Gerätetyp gehört jedenfalls zur mechanischen Angeltechnik vor beziehungsweise neben der modernen elektronischen Bissanzeige. In der gegenwärtigen Angelsprache ist das Wort weiterhin produktiv und verständlich. Die Varianten Aalglocke und Aalglöckchen werden parallel verwendet.
Zusammenfassend bezeichnet Aalglocke einen kleinen, gewöhnlich an der Rutenspitze befestigten mechanisch-akustischen Bissanzeiger, dessen Glöckchen durch Bewegungen der Rute in Schwingung gerät. Die Bezeichnung geht auf den charakteristischen Einsatz beim häufig nächtlich betriebenen Aalangeln zurück, obwohl das Gerät auch beim Fang anderer Fischarten verwendet werden kann.
Etymologie
Die Wortbildungsstruktur lautet:
Aalglocke ist ein substantivisches Determinativkompositum. Das Grundwort Glocke bezeichnet die Gegenstandskategorie: Die Aalglocke ist eine Glocke beziehungsweise ein glockenförmiger akustischer Signalgeber. Das Bestimmungswort Aal legt den charakteristischen Verwendungsbereich fest: Es handelt sich um eine Glocke, die traditionell beim Angeln auf Aal als Bissanzeiger eingesetzt wird.
Die semantische Beziehung der beiden Bestandteile ist damit eine Zweck- beziehungsweise Verwendungsrelation:
Aalglocke = Glocke für beziehungsweise beim Aalangeln.
Das Wort bedeutet ausdrücklich nicht „Glocke eines Aals“. Anders als bei Aalkopf, Aalleber oder Aalschwanz liegt keine Teil-von-Beziehung zwischen Erst- und Zweitglied vor. Der Aal besitzt keine „Aalglocke“ als Körperteil. Das Erstglied bezeichnet vielmehr den Fisch, auf den mit Hilfe des Gerätes geangelt wird.
Auch eine Materialrelation liegt nicht vor. Eine Aalglocke besteht nicht aus Aal und wird nicht aus Bestandteilen des Fisches hergestellt. Wortbildungssemantisch ähnelt sie deshalb eher Bezeichnungen für nach ihrem Verwendungszweck benannte Werkzeuge und Hilfsmittel.
Das grammatische Geschlecht richtet sich nach dem Grundwort: die Glocke → die Aalglocke. Der Plural lautet die Aalglocken. Der Genitiv Singular lautet der Aalglocke. Die Zusammensetzung besitzt kein Fugenelement:
Aal + Glocke → Aalglocke, nicht *Aalsglocke, *Aalenglocke oder *Aalesglocke.
Die Worttrennung lautet Aal|glo|cke. Das Kompositum besitzt drei Silben. Die Betonung liegt entsprechend dem gewöhnlichen Muster deutscher Determinativkomposita auf dem Bestimmungswort Aal-.
Das Erstglied Aal gehört zum alten germanischen Wortschatz. Althochdeutsch und mittelhochdeutsch ist bereits āl belegt. Verwandte Formen finden sich unter anderem in niederländisch aal, englisch eel, dänisch ål, schwedisch ål und isländisch áll. Die weiter zurückreichende Herkunft des germanischen Fischnamens gilt als nicht abschließend geklärt.
Das Grundwort Glocke besitzt eine bemerkenswerte Kultur- und Sprachgeschichte. Althochdeutsch sind Formen wie glocca und clocca belegt; mittelhochdeutsch lautet das Wort bereits glocke. Die heutige Form setzt damit ein sehr altes deutsches Lehnwort fort.
Nach der traditionellen etymologischen Erklärung geht das deutsche Wort auf altirisch cloc(c) „Glocke, Schelle“ zurück. Duden verbindet die Übernahme mit der Missionstätigkeit irischer Mönche im frühmittelalterlichen germanischen Sprachraum. Mit dem Gegenstand beziehungsweise seiner kirchlichen Verwendung wurde demnach auch die keltische Bezeichnung übernommen.
Die weitere Herkunft des altirischen Wortes wird häufig als lautmalerisch erklärt: Die Wortform ahmt beziehungsweise charakterisiert den Klang einer Glocke. Damit gehört Glocke zu einer sprachgeschichtlich besonders auffälligen Gruppe von Wörtern, bei denen Klanggegenstand und Wortklang miteinander verbunden worden sein können.
Ausgehend von der großen beziehungsweise gewöhnlichen Glocke entwickelte das Deutsche zahlreiche Zusammensetzungen und Bedeutungsübertragungen. Glocke kann nicht nur eine Kirchenglocke, sondern auch eine kleine Klingel, eine Signalvorrichtung oder einen glockenförmigen Gegenstand bezeichnen. Gerade die Bedeutung kleiner akustischer Signalgeber bildet die Grundlage der Zusammensetzung Aalglocke.
Die Aalglocke ist in ihrer tatsächlichen Größe vielfach eher ein Glöckchen als eine Glocke im prototypischen Sinn. Deshalb existiert parallel die Verkleinerungsbildung Aalglöckchen. Das Diminutiv Glöckchen ist formal aus Glocke mit Umlaut und dem Suffix -chen gebildet:
Glocke → Glöckchen → Aalglöckchen.
Aalglocke und Aalglöckchen unterscheiden sich in der heutigen Angelsprache kaum sachlich. Aalglöckchen beschreibt die geringe Größe besonders anschaulich, während Aalglocke als lexikalisch kompakter Gerätename verwendet wird.
Das Bestimmungswort Aal ist dabei metonymisch mit einer ganzen Tätigkeit verbunden. Gemeint ist nicht lediglich der Fisch als biologisches Lebewesen, sondern das Angeln auf Aal. Die vollständige semantische Paraphrase lautet deshalb:
Aal → Aalangeln → dabei eingesetzte Glocke → Aalglocke.
Eine solche Verkürzung ist für deutsche Komposita typisch. Der Verwendungszweck muss nicht durch ein zusätzliches Element wie -angel- ausdrücklich ausgedrückt werden. Das sprachliche Wissen der Sprecher stellt die notwendige Verbindung zwischen Fischart und Fangtätigkeit her.
Dass die Aalglocke auch beim Fang anderer Arten verwendet werden kann, widerspricht der Wortbildung nicht. Das Bestimmungswort bezeichnet den traditionellen beziehungsweise prototypischen Einsatzbereich, nicht zwangsläufig eine exklusive technische Funktion. Ein als Aalglocke verkauftes Glöckchen verändert seinen Gegenstandstyp nicht, wenn es beispielsweise beim Grundangeln auf Wels eingesetzt wird.
Dieser Bedeutungsmechanismus lässt sich mit zahlreichen Gerätebezeichnungen vergleichen. Ein nach einer bestimmten Verwendung benannter Gegenstand kann später breiter eingesetzt werden, während der ursprüngliche beziehungsweise typische Verwendungszweck im Namen erhalten bleibt. Aalglocke ist deshalb zugleich eine Sachbezeichnung und ein sprachliches Zeugnis traditioneller Angelpraxis.
Das Benennungsmotiv hängt wahrscheinlich mit dem häufigen Nachtangeln auf Aal zusammen. Gerade bei Dunkelheit besitzt eine Glocke als akustischer Signalgeber einen besonderen funktionellen Wert. Diese Erklärung wird in modernen Angellexika und Fachbeschreibungen regelmäßig für die etablierte Bezeichnung angeführt.
Ein sicher datierbarer früher Erstbeleg des vollständigen Kompositums Aalglocke ist in den hier zugrunde gelegten Quellen bislang nicht nachgewiesen. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Etymologie führt die Zusammensetzung als „Bissanzeiger beim Aalfang“, ohne dort einen historischen datierten Textbeleg anzuführen. Eine genaue Behauptung wie „seit dem 19. Jahrhundert belegt“ oder „seit 1900 gebräuchlich“ wäre daher ohne zusätzliche Primärquelle nicht abgesichert.
Die Sachgeschichte des Geräts ist von der Wortgeschichte zu unterscheiden. Kleine Glocken und Schellen sind als akustische Signalgeräte sehr alt; daraus folgt jedoch nicht, dass die spezielle Bezeichnung Aalglocke ebenso alt ist. Ebenso kann die mechanische Bissanzeige mit einem Glöckchen älter sein als ein derzeit greifbarer schriftlicher Beleg des Kompositums.
Die moderne Wortform lässt sich etymologisch somit eindeutig, chronologisch aber nur vorsichtig einordnen. Ihre Bestandteile besitzen sehr alte Sprachgeschichten; ihre konkrete Verbindung gehört zum spezialisierten Wortschatz des Angelns.
Die Gesamtentwicklung lässt sich zusammenfassend darstellen:
Aal „Aal“ + Glocke „klingender Signalgegenstand“ → Aalglocke „beim Aalangeln verwendete kleine Glocke“ → allgemein mechanisch-akustischer Bissanzeiger an der Angelrute.
Das Wort verbindet damit einen sehr alten germanischen Fischnamen mit einem frühmittelalterlich entlehnten keltischen Glockenwort zu einer vergleichsweise jungen fachsprachlichen Gerätebezeichnung des Angelwesens.